1911 / 61 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Zum morgigen Sonntag, an dem Seine Königliche

Hoheit der Prinz Luitpold, des Königreichs Bayern Verweser, sein neunzigstes Lebensjahr vollendet, begrüßen wir das erlauchte Oberhaupt des Hauses Wittelsbach mit ehrerbietigen und innigen Glückwünschen. Der edle Fürst, der diese seltene Feier begehen kann, blik auf ein Leben zurück, dessen Jnhalt deutshe Treue war. Treue gegen sein Bayerisches Land, dem er sih von Jugend auf in unermüdlicher Pflichterfüllung weihte; Treue gegen das deutsche Volk, für das er zwishen Süd und Nord die Brücke schlagen half; Treue gegen das Reich, um dessen Gründung er sih militärische wie politische Verdienste erwarb, und dessen weitere Entwicklung er in unwandelbar bundesfreundlicher Gesinnung unterstüßte; Treue gegen sein Königliches Haus, das an ihm in s{hweren Tagen einen hochgesinnten Schüßzer und Verwalter seiner Kronrechte fand. Als ehrwürdiger Vertreter der nationalen Heldenzeit steht er unter uns in bewundernswerter Frische des Körpers und Geistes mit offenem Sinn für das Leben der Gegenwart, und wie reich gesegnet sein Wirken war, wird ihm an seinem Jubeltage in Bayern, im ganzen Reich und überall in der weiten Welt, wo Deutsche wohnen, in Kundgebungen, die aus freudig bewegten Herzen kommen, bezeugt werden. Wir huldigen Seiner Königlichen Hoheit mit dem Wunsche, er möge an seinem Ehrenplaz als Nestor unserer Bundes- fürsten der Liebe seiner Bayern und der Verehrung aller Deutschen noch lange erhalten bleiben!

Der neuernannte Regierungsassessor Freiherr von Kircch- bach aus Königsberg i. Pr. ist dem Landrat des Landkreises Weißenfels zur Hilfeleistung in den landrätlihen Geschäften zugeteilt worden.

Die Regierungsreferendare Besser aus Potsdam, Dr. jur. Simon aus Posen und Dr. jur. von Jena aus Potsdam haben die zweite Staatsprüfung für den höheren Verwaltungs- dienst bestanden.

__ Laut Meldung des „W. T. B.“ ist vorgestern S. M. S. „Eber“ in Casablanca eingetroffen und geht heute von dort nach Vrotava (Teneriffa) in See.

Bayern.

Seine Königliche Hoheit der Prinz-Negent hat anläßlich seines morgigen Geburtstages eine große Reihe von Auszeichnungen verliehen und, „W. T. B.“ zufolge, ein be- sonderes Ehrenzeichen für 40 jährige Dienstzeit im Hof-, Staats- oder Gemeindedienst gestiftet, das den Namen „Luitpold- kreuz“ führt.

Oesterreich-Ungarn.

Das österreichishe Abgeordnetenhaus hat nach einer Meldung des „W. T. B.“ gestern den Antrag Pernerstorfer, betreffend die Zulassung der Frauen zu politischen Vereinen und betreffend die Aufhebung des Verbots der Verbindung politischer Vereine, angenommen.

Das ungarische Abgeordnetenhaus hat in der gestrigen Sizung die Geseßvorlage, betreffend die Bewilli gung des Nekrutenkontingents für 1911, angenommen.

Großbritannien und Frland.

Das Unterhaus ist gestern mittag wieder zusammen- getreten. Die Debatte über den Nachtragsetat begann, „W. T. B.“ zufolge, in ruhiger Weise. Viele Abgeordnete, die sih an den erregten Diskussionen der vergangenen Nacht beteiligt hatten, nahmen auch an der gestrigen Debatte mit scheinbar unverminderter Energie teil.

Frankreich. Jn der Deputiertenkammer führte gestern der Marine

minister Delcassé in Beantwortung einer Nede des Admirals Bienaimé, der die deutsche und die fra nzösische Flotte miteinander verglichen hatte, laut Bericht des „W. T. B.* aus:

Die Grundlage zur Vergleihung von zwei Flottenstärken müsse die Zahl der Schiffe nah dem Oreadnought-Typ bilden. Im Jahre 1920 würde die deutsche Flotte nah ihrem Bauprogramm, das dann beendet wäre, ebenso wie die französishe 22 Dreadnoughts haben. érankreih werde 18, Deutschland 12 Panzerkreuzer haben, die aber stärker seien als die Frankreihs. Er glaube, daß diese Fcststellungen einen pessimistishen Schluß nicht rechtfeitigten.

Spanien.

Der Ministerpräsident Canalejas teilte gestern in der Deputiertenkammer mit, daß er noch vor Ablauf eines Monats den Entwurf zum Vereinsgeseß vorlegen werde, dessen Text ausschließlih den Wünschen der öffentlichen Meinung an gepaßt sei. Canalejas erinnerte, ,„W. T. B.“ zufolge, an die mit dem Heiligen Stuhl über die Anwendung des Vereins- geseßes gepflogenen Unterhandlungen und sagte:

Der Vatikan habe in seiner leßten Note erklärt, er werde die Verhandlungen nur unter der Bedingung wieder aufnehmen, daß der Gesegentwurf ihm unterbreitet und Gegenstand eines Nebereinkommens mit 1hm würde. Die Yegierung könne die Ausübung der nationalen Souveränität jedoch nicht von dem Ergebnis von Unterhandlungen mit dem Heiligen Stuhl abhängig machen und habe diesem daher eine entsprechende Antwort erteilt.

Portugal.

j Wie 00. T. B.“ meldet, sind die Wahlen für die ge]eßgebende Versammlung auf den 30. April fest geseßt worden.

»

Niederlande.

Die Negierung hat gestern in der Zweiten Kammer einen Gesetzentwurf eingebracht, durch den das Zusa protofkfoll zu der Konvention, betreffend die Errichtu nq eines internationalen Prisengerichts hofes, gutgeheißen wird, das am 19. September 1910 durch die Signatarmächte der Haager Konvention vom 18. Ok ober 1907 unterzeichnet worden ist. Dieses Zusaßzprotokoll trägt, „W. T. B.“ zufolge, den Schwierigkeiten verfassungsrechtliher Art Nechnung, die für gewisse Mächte, unter ihnen die Vereinigten Staaten, der Annahme der jeßigen Form der Konvention von 1907 entgegen-

_ Die Zweite Kammer hat gestern den Geseßentwurf, be- treffend den Beitritt der Niederlande zur

überseßter Autoren geschüßt. Amerika. __ Die cilenishe Regierung hat, „W. T. B.“ zufolge, beschlossen, die Häfen im Norden zu befestigen und mit den Befestigungsarbeiten bei Arica zu beginnen. E : Die Regierung von Paraguay hat, obiger Quelle zu: folge, den Beschluß gefaßt, über Assumption für sechs Monate den Belagerungszustand zu verhängen.

Afrika.

Nach Meldungen des „W. T. B.“ berichten Kuriere von

der Mahalla des Sultans Abdul H afid, daß die Mahalla, von befreundeten Stämmen unterstügzt, die Aufständischen vorgestern bei dem Berge Jelfat geschlagen und daß ihre Artillerie ihnen s{chwere Verluste beigebraht habe. Die Mahalla umzingelte die Scherarda, die viele Tote und Ver- wundete hatten. Alle Duars der Scherarda wurden in Brand gesteckt. Von der Mahalla wurden sechs Mann getötet. Der „Jndépendance belge“ zufolge ist in Boma ein Komplott der Eingeborenen gegen hohe Beamte des Kongostaates entdeckt worden. Es handelt sich um den Mangeniastamm, dessen Siß sih im Uellebezirk befindet. Die Behörde hat Waffen und Munition beschlagnahmt und viele Verhaftungen vorgenommen ; infolgedessen herrsht dort wieder allgemeine Ruhe. i

Parlamentarische Nachrichten.

Der Schlußbericht über die gestrige Sizung des Reichs - tags befindet sih in der Ersten und Zweiten Beilage. Der Reichstag setzte in seiner heutigen (145.) Sizung, der der Staatssekretär des Jnnern Dr. Delbrü ck beiwohnte, die zweite Lesung des Reichshaushaltsetats für 1911 mit dem Spezialetat für das Reichsamt des Junern fort. Die Diskussion begann mit den fortdauernden Ausgaben, Besoldungen für das Reichsamt des Jnnern, Staatssekretär 0 000 G. Dazu liegt eine große Zahl von Resolutionen vor. Eine ebenfalls zu diesem Titel gestellte Resolution Kölle, be treffend den schwedischen Handelsvertrag, wird erst beim Etat der Zölle besprochen werden. Ubg. Dr. Pieper (Zentr.): Die gewerblihe und industrielle Entwicklung hat in vielen Richtungen si erfreulich fortentwickelt, einige Gewerbszweige haben Rekordziffern zu verzeichnen. Die Folgen ter großen Bauarbeiter\perre sind noch nicht überwunden. Die Ernte in Weizen und Noggen war günstig. Die Aus- fuhr ist gewachsen, die Einfuhr hat abgenommen. Diese Ergebnisse müssen um so höher bewertet werden, als eine ganze Neihe Länder fich bemüht, ihre Industrien durh Schußzölle zu entwickeln. Mit den Maßnahmen der äußeren Wirtschaftspolitik müssen die Maßnahmen der inneren Wirtschaftspolitik Hand in Hand cehen. Auch hier hat das Neich eine weite Einflußsphäre. In den leßten Jahren baben hauptsächlich durch Börsenmanöver unsere Spinnereien große Schwierigkeiten gehabt, die hocgesteigerten Nohmaterialienpreise auf die Fabrikate abzuwälzen. In dieser Beziehung können wir den Bestrebungen auf Förderung der Baumwollproduktion in unseren Schutzgebieten zugunsten unserer Tertilinduslrie nur den besten Erfolg wün)\hen. Eine Materialien- prüfung8anstalt für die Textilindustrie sollte von Reichs wegen eingerihtet werden; die * dagegen geltend gemachten Einwände sind niht durhschlagend. Jedenfalls bitten wir den Staats- sefretär, die Frage gründlih zu prüfen und das Ergebnis der Prüfung mögli bald mitzuteilen. Das Stahlwerks- und das Kohlensyndikat müssen erhalten bleiben. Ein Gesegentwurf über die Syndikate und Kartelle hat der Neichstag {hon durch Beschluß von 1908 verlangt; der Bundesrat hat sich über dieses Verlangen noch niht geäußert. Der Hansabund hat unter den Städtern eine Agitation betrieben, die wir nicht billigen können. Der gewerblihe Mittelstand hat seine größten Sorgen auf dem Gebiete, wo es gilt, sich der übermächtigen Konkurrenz des Großhandels und der Großindustrie zu erwehren: darun scheint mir, daß viel eher Mittelstandsvereinigungen berufen find, sich dieser Sorgen anzunehmen, als eine Vereinigung, die die Großindustrie und den gewerblichen Mittelstand einschließli der Privat- angestellten umfassen will, die zudem von politishen Bestrebungen gar nicht lo?gelöst werden fann. Zu einer guten inneren Wirtschafts politik gehört au eine gute Sozialpolitik. Wir haben auf diesem Gebiet uns unausgeseßt stretend bemüht; es genügt, wenn ih be züglich der Maßnahmen zur Hebung des Handwerks z. B. auf unsere Bemühungen um die Umgestaltung des Submissionswesens hinweise. Wir haben hier und im Landtage alles unterstüßt, was die kauf inännishe und technishe Fortbildung der Handwerker fördern fann. Das Stadium der Erwägung 1 beim Bundesrat insofern überwunden, als eine Konferenz am 7. April zusammentrcten wird, um eine Abgrenzung der Begriffe Fabrik und Handwerk usw. festzu seßen. Zur Förderung des kaufmännisWhen Mittelst baben wir seit 1903 Anträge gestellt, vor allem haben wir Erhebungen verlangt über die Lage des kaufmännischen Mittelstantes in Stadt und and. Ueber die Lage des Handwerkerstandes haben gewerbliche Ko1porationen usw. solhe Erhebungen bereits früher angestellt. In kaufmännischen Kreisen suchen die Handelskammern Klarheit zu verschaffen, aber das sind nur beschränkie Kreise. Wir wollen ein gehendere Erhebungen über die Konkurrenz der Großbetriebe, der Warenhäuser, die Mängel der Lehrlingsausbildung und manches andere. Auch die Ausbildung des fkaufmänuishen Fort bildungswesens liegt noch sehr im argen. Alle diese Auf gaben sind um so wichtiger, als leider die organisierte Selbst hilfe im Kaufmannsstand weit zurücksteht hinter der in der Land- wirtschaft und im Handwerk. Der kleine Kaufmannsstand hat in der Selbsthilfe noch das meiste zu leisten, zumal da die Kaufmanns- gehilfen sh ünmer mehr organisieren und auf hre Arbeitgeb. r drüdken. (Schluß des Blattes.)

RofnnhNorge DeIonders

Auf der Tagesordnung für die heutige (46.) Sißzung des Hauses der Abgeordneten, welher der Minister derx geistlichen 2c. Angelegenheiten D. von Trott zu Solz bei wohnte, standen zunächst Berichte der Wahlprüfungs kfommijsion. Die Wahl des Abg. Fürbringer (nl.) in den Kreisen Norden und Emden (Sladk- und Landkreis) im Regierungs bezirk Aurich wird nah dem Antrag der Kommission ohne Debatte für gültig erklärt.

Die Wahl des Abg. Kreitling (fortshr. Volksp.) im 4. Berliner Wahlbezirk wird nah dem Kommissionsantrag ohne Debatte für ungültig erklärt; zugleih werden die Wahl männerwahlen vom 3. Juni 1908 in dem ganzen Wahlbezirke sämtlih, von den am 3. Oktober 1910 vollzogenen Wahl männerwahlen wird ein Teil für ungültig erklärt.

Bezliglih der Wahl des Abg. Dr. Wendlandt (nl.) in

stehen.

den Kreisen Eschwege und Schmalkalden im Negierungsbezirk

Berner Literaturkonvention, angenommen. Durch diesen Geseß- entwurf werden die Rechte ausländischer, in das Holländische

gültigkeit für die Wahl des Abgeordneten und für die Wahl der Wahlmänner in zehn Urwahlbezirken, sowie die Resolution :

_ edie Negierung zu ersuchen, eine Anweisung dahin ergeben zu lassen, daß fortan bei allen Wahlen zum Abgeordnetenhause für Terminswahlen und für Fristwahlen unterschiedlilhe Formulare verwendet werden“.

_ Abg. Haarmann- Altena (nl.): Nach ter Beweisaufnahnie sind von der Gesamtzahl dcr 305 abgegebenen Wablmänner- stimmen inêgesamt 30 ron der Wahlprüfungskommission für ungültig erklärt worden. Von den auf den Abg. Dr. Wendlandt entfallenden 157 Stimmen gehen 23 ab, so daß er 134 Stimmen, vier weniger als die absolute Mehrheit, erbalten hat. Gegen den Antrag der Kommission, die Wahl für ungültig zu erklären, wird nichts mehr auszurichten sein; aber es ist denno nôtig, auf die Beeinflussung hinzuweisen, die der Landrat von Keudell auëgeübt bat. Er hat in amtlicher Eigenschaft die Bürgermeister zu der Versammlung in Nieder-Hone berufen und die Versammlung geleitet. Er hat zwar erklärt, daß cr nit als Landrat, sondern als Urwähler erschienen sei, aber es ist unmögli, daß, wenn er fich auch als Staatsbürger und Unwähler gefühlt bat, feine Eigenschaft als allmächtiger Landrat verloren geht. Jch wollte einmal sehen, wenn im Westen ein nationalliberaler Landrat es soll dort solche Cremplare geben sich an die Spitze einer Wablversammlung stellte. Das würde dort einfach unmögli sein. Wir sind der Ueber- zeugung, daß der Landrat von Keudell ganz erheblih über die Grenze, die ihm dur sein Amt gezogen ist, hinausgegangen ist, und daß hier einer der Ucebergriffe der Landräte vorliegt.

Abg. Strosser (kons.): Nah meiner Meinung und nach der Ansicht der großen Mehrheit der Wahlprüfungskommission liegt eine landrâtliche Beeinflussung niht vor. Wir wollen dem Landrat seine staatsbürgerlichen Rechte nit verkümmern. Ist der Landrat von Keudell irgendwie über das hinausgegangen, was erlaubt ist ? Derr Haarmann hat gesagt, ein Landrat könne nicht einmal als Landrat und dann als Privatmann auftreten. Das muß beinahe je- der, ter eine Beamtenqualität bat, bei den Wablen tun. Wie fann tenn jemand noch vorsidktiger sein, als es der Landrat gewesen ist, indem er ausdrücklich erklärt hat, daß er in der Versammlung nit als Landrat, \ontern als Privatmann spreche und nur von seinem s\taatsbürgerlihen Rechte Gebrauh mache? Hat denn der Landrat noch staatébürgerlihe Rechte, oder bat ex keine ? Wenn der Landrat staatsbürgerlihe Nechte hat, dann hat ‘er auch das Necht, in eine Versammlung zu gehen, dann hat ex auch das Necht, auf allgemeinen Wunsch eine Versammlung zu leiten. Der Landrat hat ferner in der Beweisaufnahme ausdrücklich erklärt, daß er niht in amtliher Eigenschaft die Bürgermeister zu der Versammlung berufen habe, er sei feines Wissens nicht der Ein! ladende gewesen, sondern sei sogar felbst zu der Bersammlung ein geladen worden. Die Zeugen haben auch übereinstimmend erklärt, daß der Landrat seinen amtlichen Einfluß nit für den (Segenfandidaten von Christen eingeseßt habe. Wir sind deêwegen in der überwiegenden Mehrheit der Wahlkommission auch zu der Ueberzeugung gekommen, daß, wenn jemals bewiesen ist, daß ein Landrat keine Wahlbecin- [lujjung g’trieben hat, das in diesem Falle geschehen ist. Ich möchte dringend bitten, daß wir den Beschlüssen der Wablkommislion bei treten und die Meinung ven einer Wahlbeeinflussung nicht aufkommin lassen Abg. Dr. Friedberg (nl.): Gegen die Kommissionebesc{hlüßse nebmen wir keine Stellung, aber es handelt sid um die wichtige Frage, ob politishe Beamte, speziell Landräte, Wablbceinflufsung üben dürfen. Der Landrat von Keudell ift über die Grundsäße weit hinausgegangen, die der Minister des Innern für die Beteiligung der politischen Beamten bei den Wahlen aufgestellt hat. Es eignet fich nicht für etnen politischen Beamten, selbst in die Wahlagitatiou einzugreifen. Das ist aber der Fall, wenn der Landrat in einer Wahlversammlung den Vorsiß führt und sich an der Aufstellung der Wahlmänner beteiligt. Wenn der Landrat z. B. sagt: „Sie, Herr Bürgermeister, müssen das übernehmen“, glauben Sie, daß - der Bürgermeister dann dem Landrat sagen kann, daß er es nicht tue? Der Landrat hat sih au an der Diskussion beteiligt, um die Ver jammelten zu überzeugen, und hat die Wahl des Herrn von Christen empfohlen. Wenn er zehnmal erklärt, er sei nur Urwähler, so ändert dies an der Sache gar nihts. Die Konservativen baben ich darüber beshwert, daß ein Staatsanwalt herumgefahren sei und für einen nationalliberalen Kandidaten agiliert habe. Ein Staats anwalt ist kein politisher Beamter, wohl aber der Landrat. Er hat hier in unzulässiger Weise eingegriffen. Dies fördert auc nicht die Stellung des Landrats seinen Kreteeingesessenen «¡egenüber ;

ndrat ih für einen Kandidaten einlegt, so entspricht das nit der irde des Beamten den Kreiseingesessenen gegenüber, die einer anderen Partei angehören. Wir müssen bicr das Vorgeben des Land rats von Keudell scharf verurteilen und bei jedem solchen Fall tun. Abg. Strosser (kons.): Der Abg. Friedberg läßt es so er scheinen, als ob in der Versammlung die Wablmänner aufgestellt worden seten; das steht aber niht im Protokoll, und der Landrat sagt dies auch nit in seiner Aussage. Wenn ein politischer Beamter fo stigmatisiert wird, so müssen wic doch cinmal fragen, ob er nicht dieselben staatsbürgerlihen Nechte hat, wie andere, wie Ober bürgermeisier, Bürgermeister und andere Beamte. Wenn aber ein Bürgermeister in eine Wahlversammlung geht, dann wird von dec Linken nichts gesagt (Widerspruch links); das ist in Wirklichkeit daselbe, auch der Vürgermeister muß sich den Bürgern gegenüber dieselbe Zurüd haltung auferlegen. Deswegen entfallen bier alle Argumente gegen den Landrat. Der Landrat hat doch auch das slaatsbürgerliche Necht, sich als Kandidat aufstellen zu lassen. Wie foll er ih da verhalten °? Dann dürfte er au nit in eine Versammlung gehen und für seine Kandidatur sprehen. Diesen Unterschied können wir nit machen. Æenn wir dem Landrat die \taatsbürgerlihen Nechte überhaupt lassen wollen, fo können wir ibm feinen Vorwurf machen, wenn er sich selbst gewissermaßen seines Amtes entkleidet und ausdrücklich erklärt, er komme nur als Urwähbler und mache von seinem Net als 1 Dieses Recht können wir ibm nicht nebmen.

ÜUrwäbler Gebrauch. Ubg. Dr. Friedberg (nl.): Der Landrat von Keudell bat der Bürgermeister irgendwie

LEN E INC N ir

«144

A F werten dag

allerdings ausgesagt: „Ich habe keinen fraft meiner amtlichen Cigenschaft zu veranlassen versucht, das Amt als Wahlmann zu übernehmen, ebensowenig andere Urwäbler“. Also nur „in amtliher Eigenschaft“. Ein anderer euge hat aber auÁ drüctlih erklärt, daß in der Einladung zur Ne ammlung gesagt war daß über die Aufstellung von Wahblmännern eine Besprechung statt finden sollte. Bei den Bürgermeistein ist die Sache genau fo zu

entsckeiden unter der Voraus}{etzung, daß der Bürgermeister die Polizei- verwaltung hat. ( paßt nicht; denn dann hat der Landrat selbstrerstäntlid das Necht, überall als Redner aufzutreten und \eine Uber elwas anderes ist es, wenn er si an der Aufstellung ter Wabl männer sür eine Partei beteiligt.

Der Vergleich mit einer Kandidatur dcs Landrats

Kandita*‘enrede zu halt n.

Abg. Schwarze (Zentr.) bemerkt, daß die Freunte des Abg.

Friedberg im Neichstage für das \taatsbürgerlihe Net tes Land1a1s

eingetreten seien.

|

E

mann aufgefordert hat.

Sißung der habe niemals gehört, daß punkt eingenommen haben als im Abgeordr ctenhause. nah bestimmten Grundsätzen. Die Tätigkeit des Landrats von Keudell

Dáânach kann erc nit den Vorsitz in nehmen. Zweiscelentheorie der Konservativen. feine Anwendung finden; da kann man nit unterscheiden zwischen der amtlihen und der privaten Stellung. Der Bürgermeister, der vom Landrat aufgefordert wird,

Abg. Gyßlin g (forts{r. Volksp.): Ich bin wieterholt in der Wahlprüfungskommi'sion im Neichstage gewesen und wir im Neichstag einen ander n Stant Wir handeln timmt nicht mit den Grundsäßen des Ministers tes Innern überein. | 1 Ì etner Wablversammlung über- Die Aussage des Herrn von Keudell beruht eben auf der Diese Theorie darf auf Wahlen

l rder ein Mandat als Wahlmann anzunehmen, ann nit unters{heiden, ob der Landrat ihn amtlich oder als Privat-

Cassel beantragt die Kommission die,Erklärung der Un-

l

l Wenn er zel,nmal eiklärt, daß er nur als Irwähler auftrete, so macht dies keinen Unterschied. Wenn die Sache

so unschuldig wäre, brauchte der Na garn i der Versammlung j x da sei. rmals zu sagen, daß er nur als Urwoähler L E Darauf wird ein Schlußantrag des Abg. Freiherrn von | | frei ) en. 2 und Neukirch (freikons.) angenomm C N Abg. Lüdicke teilt mit, die a P A iff | ß t: ß dem Landrat seine staats8bUrgerlid} m habe angenommen, daß dem Lan e staatsd! iche Bete nit beschränkt werden dürften und daß der E Feudell alles getan hake, um über e Stellungnahme als Privatk- m inen Zweifel auffommen zu lasen. l i / na S L (Zentr.) bemerkt persönlich, daß er ma Le Freunde des He Grbling, fondern die des Abg. Dr. Friedberg im Yeichs- meint habe. E L E Ábg. Dr. Friedberg (ul.) bemerkt, es sei ihm nichts davon be fannt, daß seine Freunde im Reichstage eîne solche Stellung genommen ' De hätten, wie der Abg. Schwarze behaupte. j N Nach weiteren persönlichen Bemerkungen Der i S trosser und Gyßling beschließt das Haus nach Kommissionsanträgen. (Schluß des Blattes.)

Abgg. Den

Nach vorläufigen amtlichen Ermitilungen O be (i gestrigen Reichstagser]a gwahl_ im ersten Je Gen e îreis (Gießen) insgesamt 23911 Stimmen P / worden. Davon haben der Krankenlassentontro! e N ed mann - Gießen (Soz.) 7976, Der Oberlehrer Dr. A F Bußzbach (wirtsh. Vgg.) 7998, der Pfarrer Korell-Königs- F ahter (fortshr. Volksp.) 5059 und der Professor Dr. Gisevius- städter (fortschr. Volksp.) A Gießen (nl.) 2516 Stimmen erhalten. Zersplittert w 9 Stimmen.

Die Verwaltung der öffentlichen Arbeiten in Preufen. (Vergl. Nr. 58 d. Bl. vom 8. d. M.)

Aus dem Inhalt des Seiner Majestät dem Kaiser und König von dem Minister der öffentlichen Arbeiten über die Verwallung seine Nessorts innerhalb der leßten 10 Jahre ersiatteten e O H folgende Angaben mitgeteilt, die wiederum dem C r4 r iche! d aus jenem Bericht entnommen sind, der in_der „ZHelung L N deutscher Eisenbahnverwaltungen“ aus der Feder eines Fachmanns O A atriebi de Staatsbahnen ist zunächst der n der Fahrzeug e zu gedenfen. Durch Beschaffung E, Lokomotiven ist die Vorspannleisiung erheblich einge E ] und der Betrieb wirtschaftlicher gestalte! worden. (583 werden jeßt 3: 8 2/,-, 2/5 und 3/3-gekuppelte Loktomoliven um Pers S Sa f / zugdienst verwendet, die imstande nd, auch Tie L ohne Vorspann zu befördern. A ur „Berwendung 4 erh ß t Dampfes ist die Leistung gesteigerk. Der Wasserraum ae S n vergrößert, in einzelnen Fällen bis zu 30 ebm. brs e 49 werden ‘/, gekuppelte Lokomokiven, zum Teil mit „Helydamp e E wendet, sodaß auh bier der Vo1]pann meist fortfällt. Die Dev dampflokomotiven haben sih für s{chwere Züge A Dr A bewährt. Für das Lokomotivpersonal sind die J läge auf der Solet motive verbessert und gegen die strahlende Hiße geschüpt worden. in den neuen Lokomotiven des Personendienites find SesGnoig E messer angebraht, gegen Funkenauswurf und yar B A ane Verbesserungen eingeführt. Es werden jeßt länger og E Lokomotivæechsel durchfahren und bei den : cotomotir en L op pel besezung angewendet, die Anhetzung und die Arbeiten nah A E der Fahrt werden durch besondere Arbeiter besorgt. : Sehr ris sind die Verbesserungen der Per]onenwagen. Grwähnt [et ie Perwandlung aller Schnellzüge in D-Züge mit den sehr P fähigen D-Wagen, die Verwendung vierachsiger Perfonenwagen et den Cilzügen und zahlreichen Personenzügen, die Einstellung eigener g asiger Schlafwagen in die Nachtschnellzüge, die s Speise- und der Kuréwagen. Die Beleuchtung durch tas ane Gaësglühliht wird bis 1912 durchgeführt sein. : Schlafwage n erkalten elektrisde Beleuchtung mit Lefelampen. Für _Massentransporte sind offene Güterwagen mit 20 t Tragfähigkeit beschafft, auch tür [were Stücke bis zu 80 t sind jeßt entsprechende Wagen vorhanden. ll jäh1lih sind durhschnittlich 1608 Millionen für Beschaffung von F / aus J) April 1910 waren vorbanden: 19 304 Fahrzeugen verausgabt. Am 1. April 1910 aren M, E Lokomotiven (einschl. 155 Triebwagen), 37265 Þ ersonenwagen, 416 (26 Güter- und Gepäckwagen. Die Zahl der Siß- und Stehpläte in den Personenwagen betrug 1831554 (09,5 /o mehr als am 1. April 1900), die Tragfähigkeit der Güter- und Gepäckwagen 9 7! 8 907 t. j

Die elektrische Zugförderung mil Triebwagen ift eingeführt auf der Strecke Berlin Potsdamer Bahnhos— Groß Lichterfelde (Oft) mit 9,24 km und auf der 26,66 km langen VBorortbahn Blanfkene|e— Oblsdorf. Der elektrische Betrieb wird auch für Fernzüge geplant, zunächst für die Strecke Bitterfeld—Tes}jau (26 km). Die zulässige Höchstgeshwindigkeit für Personenzüge mit durchgehenter Brem!e E Don O aur 100 En in der Sliunde crhöbt; aus Nebenbahnen beträgt die Höchstgeshwindigkeit 50 km. Fn Er- gänzung der bundetratlichhen Vorschriften find zwischen den deutschen Staats- und wichtigeren Privatbahnen einheitliche Fa hrdienst- vorschriften vereinbart worden. Sehr wichtig 1st die NYervollkomm nung der Sicherheitseinribtungen durch die wettere Ausdehnung und Verbesserung der elektrischen Streckenblodung, die eit 1902 in der sog. vierfeldrigen Form hergestellt wird, durch die eine lelbst- tätige Mitwirkung des Zuges eingeführt 1st. Vie Freimeldung einen Strecke kann nämli erst erfolgen, nachdem der Zug einen Kontakt befahren hat, durch den auf elektrischem Wege eine Sperre ausgelöst ist, die vorzeitige Blockbedienung zur Freimeldung verhinderk. i Am 1. November 1910 war die elektrishe Streckenblockung auf 17 102 km der preußisch- hessishen Staatéebahnen teils fertiggestellt, teils im Bau.

Der Bericht çebht nun zu dem Kapitel der Unfälle über und kann an die Spiße den Saß stellen, daß die preußisch-hes|t|chen Staatseisenbahnen in bezug auf dîe Betriebssicherheik eine der ersten Stellen einnehmen, wenngleid) sie in dem ab- gelaufenen Jahrzehnt von s{chweren Unfällen nicht verschont geblieben find. Die Zahl der Unfälle sowie die der verungludten Neisenden und Bedienttcten bewegt sih im allgemeinen in absteigender Linie. Auf 1 Million Zugkilometer entfielen im Jahre 1900 in Preußen (d. h. auf den preußis-hessisen Bahnen) 6,6, M N eut!chland 7,2 Betriebsunfälle überhaupt. Viese Zahl fiel im Zahre 1909 in Preußen auf 4,5, in Deutschland auf 5,1. T ie Zahlen sind „bedeutend günstiger als z. B. in England. Die Zakl der durch Unfall ge- iöteten und verlezten Beamten und Arbeiter zeigt ebenfalls eine ab- fallende Bewcgung. Der zehnjährige Durchschnitt beträgt „auf 1000 Beamte und Arbeiter in Preußen 3,16, in Deutschland 3,43.

Der Bericht widmet dann den militärischen Betricbs- leistungen der preußisch-besfischen Staatsbahnen einen urzen, aber gewichtigen Abschnitt. Eine beigefügte Uebersicht gibt j über ten Umfang der Truppenbeförderungen bei den großen & oen Aufschluß, die höchste Ziffer der beförderten Offiziere und Mann- schaften zeigt das erste Jahr 1900 mit „26 803 E Bel 181, die geringste das leßte Jahr 1909 mit 135342 479 99. Berit bebt hervor, daß es mehr und mehr gelungen isl, zur Mannschaftsbeförderung nur Personenwagen zu L benutzen und die Verwendung ausgerüsteter Güterwagen auf die dringendsten Fälle zu beschränken. Schädigungen und Stockungen des allgemeinen Verkehrs find troy der starken Güterbewegung im Herbst vermieden. Uebungssonderzüge zur Uebung des Aus und Einladtns der Truppen mit allem Zubehör werden von der Verwaltung tostenlos gestellt, sie sind neuerdirgs avch in kriegéstarken Formalionen vor-

c en. J Mas einer Schilderung der Umarbeitungen des deutschen Personen- und Gepäcktarifs, des Tier- und Gütertarifs, die sih aus dem Inkrafttreten des umgearbeiteten internationalen Uebereinkommens

Der

gaben, liefert der Bericht graphische und statistische Nachweise über die Entwicklung desPersonenverkehrs. Danach haben sich die Zug- leistungen für diesen im Jahrzehnt 1900/09 um 69 °/o, die Zahl der Reisenden um 87,7%/9 vermehrt. Die Anzahl der zurüdgelegten Personen- filometer is von rund 13 Milliarden au\ rund 24 Milliarden, also um 848409/6 gewachsen. Die Einnahmen aus dem E Ce perrone stiegen von 345 379 159 4 auf 5958 517 045 M „oder um 31,70 /o- Dagegen sind die Durchschnittseinnahmen sowohl für eine Person (von 62 auf 54 S oder um 12,9 9/0) als au für einen Personenfilometer (von 2,65 auf 2,32 4 oder um 12,45 92/9) berabgegangen. Der Ber- kehr in der 1. Klasse hat infolge der hohen Fahrfartensteuer und tes erhöhten Tarifs abgenommen. Die Zahl der beförderten Personen hat sih hiec um 15,65 9% vermindert, die Zahl der Personenkilometer und die Einnahmen zeigen eine viel geringere Zunahme als in den e Mata des Berichts weisen Verkehr und Einnahmen aus dem Schlafwagenverkehr und den Bahnsteigkarten, den Fahrschein- heften des Nundreise- (Vereinsreise-) verkehrs und „dem Gepä (ein- \{ließlih Hunde) nach Der Nundreiseverkehr ant zunächst einen Nückgang: 1902 durch die Verlängerung der Gültigfkeitsdauer der Nükfahrkarten auf 45 Tage, einen weiteren erheblicheren, sih_noh fortseßzenden dur die Tarifreform von 1907, die den Prei! untersied zwischen gewöhnlihen Fahrkarten und Rundreiseheften fast befeitigte. Durch Aufhebung des in Norddeutschland gewährten 29 kg-Freigepäds sind die Einnahmen aus dem Gepäckverkehr natürlih sehr erheblich Der Güterwagenpark ist wirtshaftlih immer mehr aus- genukt worden. Die Höhe der durhshntttlichen täglichen Gestellung von Güterwagen in den Herbstmonaten ist von 388 618 Stück i. J. 1899 auf 132758 i. F. 1908, d. h. um 49,8 0/0 gewachsen. Die durchschnittlihe Gestellungtziffer der Kohlen-, Koks- A A wagen auf den Arteitstag im Ruhrbezirk stieg von 152 O A 1e 1899 auf 23111 im Jahre 1909. Während die Zahl N Üter- wagen um 466 9/9 zunahm, wuchs das Ladegewicht der Güterwagen um 3458 Millionen auf 5697 Millionen Tonnen, d. 1. um 64,7 fo. Die Zahl der gefahrenen Tonnenkilometer vermehrte sich O ÜVebecr die Entwicklung des Güterverkehr 8 geben esondere Nachweisungen Aufschluß, über die Gntwilung des Güter U Ie Personenverkehrs is eine lehrreiche Abbildung P aus er namentli der \charfe Gegensaß zwischen der starken Vermehrung Dr Berkehrsleistungen und „einnahwen und dem pl dati d Ser Fe mäßigen Herabgehen der Einnahmen für das Tonnen- gh A kilometer in die Augen springt. Hier nur wenige Angaben: die Za i der gefahrenen Tonnenkilometer ist von rund 234 Milliarden a 351 Milliarden, d. i. um 49,27 9% gestiegen, die Berkehrösdichtig ei weist etne Zunahme um 22,19 %/o auf. R O sliegen von rund 8604 Millionen auf 1 Milliarde und 279 i B Maik, d. i. um 48,7 9/0. Dle Cinnahme auf das Tonnenkilome er sank von 3,62 auf 3,60 „Z, die auf das Personenkilometer von 2,6% auf 932 A Ueber die Bewegung der Güter in den einzelnen deutschen Berkebrêbezirken gibt eine weitere Anlage des Berichts Aufschluß und bestätigt die gewaltige Hebung des Güterverkehrs. i Die gesamte Güterbewegung aller deutschen SNEnahnen utte danach im Kalenderjahre 1909 die Höhe von rund 3654 illionen onnen ers reiht und übertraf die des Jahres 1899 um 47,18 0/0. ie Märtile Vermehrung zeigt der Verkehr der Stadt 2 erlin (mehr als S o) und der der Provinz Pommern (mehr als 89 9/0). Bel La arten zelgt die stärkite Zunahme der Versand von Düngemitte n (101 9/6), von Braunkohlen (35,84 9/0), von Kartoffeln (76 0), Del Versand von Eisen und Stahl stieg um 47,09 °/0, von Roheisen, um 96,19 9/6. Das Gesamtbild ist das eines lebensfräftigen Vorwärts- \chreitens im gesamten deutshen und preußischen Wirtschaftsleben. Das Anlagekapital der preußisch-hessischen Staatsbahnen, das fich im Jahre 1900 auf ruud 8 Milliarden belief, war im Jahre 1909 auf rund 104 Milliarden Mark angewachsen, die Verzinsung dur die Ueberschüsse betrug für ersteres Jahr 6,37 9/0, für leßteres 5 94 9/90. Während das Anlagekapital der Staatsbahnen so beständig wudhs, wurde ter verhältnismäßige Anteil der preußischen Cifenbahn- verwaltung an den gesamten Staatsschulden 4! reußens infolge der Abschreibungen immer geringer. Am S{luß des Jahres 1909 stand einem preußischen Anlagekapital von 10 464 Millionen Mark eine Eisenbahnshuld von nur 7023 Millionen gegenüber, der Unterschied von 3441 Milltonen stellt die Abschreibung Da A Veber die Betriebsergebnisse der preuß1] ch-he ll ichen Staatsbahnen in den einzelnen Jahren 1900 bis 1909 geben hildli@e Darstellungen Uufschluß, die das fortwährende, in diesem SFahrzehnt nur zweimal (1901 und 1908) unterbrochene Wachfen der Einnahmen und das ununterbrochene Wachsen der Ausgaben ver- anschaulihen. Bei leßteren ist namentlich das Wachfen der persön lichen Ausgaben hervortretend, die 1909 gegen 1900 um 68,8 0 stiegen, während die Einnahmen nur um 45,8 9/0 zunahmen. Die sachlichen Ausgaben wuchsen gleichzeitig um 61,1 9/6, Lir beshränken uns hier auf eine Uebersicht der Betrieb8einnahmen und ausgaben untd des Betriebsübershusses der Jahre 1900 und 1909: e Einnahmen Ausgaben Ueberschuß 1900. 849 938 524 542 797 106 M 1909. 9 029 594 986 1 400 273 316 629 321 670 Das Verhältnis der Ausgaben zu den Einnahmen, der sog. triebéfoeffizient“ war lebhaften Schwankungen unterworfen. Gr betrug im Jahre 1900 61,02 9/6, stieg im Jahre 1908 auf 74,62 9/9, um dann erfreulicherweise für 1909 wieder bis auf 683,99 9/0 herabzusinken. Die ungewöhnlihe Höhe im Jahre 1903 ist auf die gewaltige Steigerung der Gehälter und sonstigen Personalausgaben in BVer- bindung mit dem Einnahmerückgang infolge des wirtschaftlichen Niederganges zurückzuführen. Der Anteil Hel]ens an den De triebsübershüssen betrug im Jahre 1909 = 11 377 792 4, im Jahre 1909 aber 13535838 #4, einen geringen Anteil (für 1909 : 682 757 M) hat auch Baden wegen seines Vitbesißes an der Main Neckarbahn, die im Jahre 1902 in die preußisch-hessishe Betriebs meinschaft aufgenommen wurde. i 5 geme E s dieses Abschnitts folgen im Bericht Uebersichten und Abbildungen, die über die finanziellen Ergebnisse der preuß1- schen Staatsbahnen allein und die Verwendung ihres Ueber {usses Auskunft geben. Die Uebershüse der Jahre 1900/1909 haben zusammen rund 54 Milliarden Mark betragen, seit 1880, dem Beginn der Verstaatlichung, sind 11 702 Millionen Mark erzielt worden. Bon jenen 54 Milliarden find zu Cisenbahnzwecken (Verzinsung und Tilgung der Eisenbahnschuld, Erxtraordinartum, Vispohittonsfonds) verwendet rund 3806 Millionen; für andere Staatszwede blieben rund 1722 Millionen verfügbar, im Jahre 1900 waren es 1465, im Jahre 1908 nur rund 99, im Jahre 1909 wieder rund 1834 Millionen. _Für die bestehenden Bahnen sind im leßten Jahrzehnt in runden Summen an fogenannten Bauausgaben (für zweite, dritte usw. Gleise, fül Bahnhofsserweiterungen, Vermehrung der Fahrzeuge, sonstige Aus führungen usw.) aufgewendet 2158 Millionen, davon aus Anleihen 617 Millionen, das meiste aus. dem Grtraord narium. Außerdem wurden für den Bau neuer Bahnen rund 728 Millionen Mark und für ten Erwerb von Privatbahnen rund 180 Milltonen Mark gegeben.

T D

R 5

aus

Statistik und Volkswirtschaft.

Ergebnisse der Reichserbschafts steuer. Die finanziellen Wirkungen des Neichserbsdafts\teuerge!eßes a N , 9 tg Ç 4

3. Juni 1906 im Rechnungsjahre vom 1. April 1909 bis 31. März

1910 sind nah dem 1. „Vierteljahrsheft zur Statistik des L eutsche

Neis“, Jahrgang 1911, wie folgt, festge|telt:

Anfarle: : G , px Sesfamtreinwert Steuerertrag Zah M M

104 904 739 106 521 47 242 6614

Erwerb von Todeêëwegen 7 242 667 | 561 52680088 3268973

: wurden bei 21 Erwerbsfällen aus ErbsWGaften von zu- e ‘902 755 A Neinwert 20965 #4 und bei 14 dergleichen aus Schenkungen unter Lebenden von zusammen 212 511 4 Reinwert 11495 ( Steuer niedergeschlagen. Im Durchschnitt entfällt auf einen versteuerten Anfall ein Neinwertbetrag von rund 7168 4 mit einem Steuerertrag von rund 457 M.

Es betragen die Gesamtrohwerte bei den

31 343 überhaupt versteuerten

Nachlässen

4 053 Schenkungen E

Lebenden / 57 056 018 4 375 930 zusammen . 898 674 552 106 887 943.

Bei dem Erwerbe von Todeswegen weisen die Abkömm- linge 1. Grades von Geschwistern mit 36881 ( 35,16 v. H. der Gesamtzahl) die Höchstzahl aller versteuerten Erwerbsanfälle, dagegen Geschwister mit 284 931 153 M4 (= 38,99 v. H. des Gesamtreinwertes) den höchsten Gesamtwertbetrag auf, während den größten , Steuer betrag die au, mit dem höchsten Steuersaße belegten „übrigen Er- werber“ mit 14 631 884 A (= 30,97 v. H. der ganzen Steuersumme) oder auf einen Anfall von durchschnittlich 6249 4 rund 736 4 zahlen. Bei den Schenkungen unter Lebenden entfallen von dem Ge- samtwertbetrage von 52 680 088 M allein 20 968 194 M = A v. H. an mildtätige oder gemeinnüßige inländishe Stiftungen usw. Dagegen wird auch hier der Hauptsteuerbetrag mit 1 053 664 == 32,23 v. Þ. von den „übrigen Erwerbern“ aufgebracht. Gestundet wurden im Berichtsjahr : E an Erbschaftssteuer i; 3 269 990 M , Schenkungssteuer . 132 938 zusammen . . 3402 488 4. Als hauptsächlich von der Erbschaftssteuer befreit sind in der Statistik unberücksichtigt geblieben die Anfälle an Ghegatten sowie Kinder und deren Abkömmlinge, ferner solche unter 500 M, da dieser Betrag als untere Grenze der Steuerpflichtigkeit durch § 11 Ziffer 1 des Gesetzes festgelegt ist. Außerdem find \tatistisch nicht behandelt die steuerfreien Anfälle aller Art aus Schenkungen unter Lebenden. Nach den besonderen Bestimmungen des Gesetzes find, abgesehen von den Fällen, in denen der Wertbetrag von den Steuerbehörden nicht besonders ermittelt wurde, 19 908 405 46 Erwerb von Todes wegen von der Stener befreit geblieben. Außerdem wurden gemäß § 15 (ganze oder teilweise Steuerbefreiung der land- und forstwirtschaftlichen Grundstüde) in 17 450 Anfällen 786 139 46 Steuer unerhoben gelassen.

die Gesamtverbind- lihkeiten eb

841 618 534 102 512 013

unter

Zur Arbeiterbewegung. Seit einiger Zeit befindet sih, wie die „Köln. Ztg. berichtet, ein Teil der Arbeiter der Zinkhütte in Dortmu nd im Aus- stand. Die Arbeitswilligen werden auf dem Wege zur Arbeit bedroht und grob belästigt, weshalb fie von großem Polizeiaufgebot be- gleitet werden müssen. e Wegen der Maßregelung eines

Arbeiters legte ein Teil der Waffenarbeiter der Firma

Weyersberg, Kirschbaum u. Co. in Solingen die Arbeit nieder. Die Firma |perrte daraus, der „Köln. Ztg.“ zufolge, die im Industriearbeiterverband organifierten 150 Waffenarbeiter aus.

In Manchester haben, wie „W. T. B.“ meldet, die Baum- wollspinner gestern beschlossen, eine Abstimmung zu veransialten über die Frage, ob die Fabriken drei Monate hindurch an den Sonn- abenden till stehen follen. E R der Milchhändlergehilfen in Paris îst, wie B.* erfährt, beendet. (Vgl. Nr. 60 d. Bl.)

Infolge eines Ausstandes der Dockarbeiter Bayonnes kam

es dort W. T. B.* telegraphiert wird, zu ernsten Ruhe V 14, y AA- A

st s rungen. ) )

R F L 1e wie rt zu ei N11 Mehrere Ausständige plünderten eine Schankwirtschaft. ur Wiederberstellung der Ordnung wurden mehrere Gendarmerie-

und zwei Husarenpatrouillen nah Bayonne

abteilungen entsandt. j : S N

Der Streit zwischen den Needern und Fischern in Gan- cale ift, B." meldet, beigelegt worden. (Vgl.

Nr. 56 d.

wie W. V:

N17 4/4.)

Kunst und Wiffenschaft.

Nossa-Ausfstellung bei Keller und Reiner. Diese Ausstellung bietet eine Ueberrashung. Sle vermittelt die Bekanntschaft mit einem Maler, dem ebensoviel Nuf gebührt, wie den weithin bekannten Führern unserer modernen Malerei. Schad-Nossa ist festen Schrittes setnen Weg gegangen, der so ganz sein eigener geworden ist, daß man sich vergeblih nah Begleitgenossen umsieht, und ih vor etner fkünstlerishen Persönlichkeit Ner Ie Er Stille gereift ist und nun plöglih mit einem fünstlertschen Heichtum an die Oeffentlichkeit tritt, der staunen maht. Wer erfährt, daß Schad-Rossa in den ahtziger Jahren bei Defregger und Löffß studiert hat und heute bei dem Bild „Bewegungsstudie“ zelangt ist, das als sein leßtentstandenes Werk gewissermaßen in die Zutunft weist, wird die zurückgelegte Wegstrecke ermessen können. Und wer die Werke der Ausstellung übershaut, die autgewählten Arbeiten der leyten drei Fahre, wird zur Erkenntnis gelangen, daß der größte Leil diejer Strecke H E 9 A a L I rüd&goelon nr No E. ie erst in dieser leßten Turzen Spanne Zeik zurUc gelegt worden il Ble einem Leitmotiv begegnet man in der Rethe diejer Bilder immer wiede dem Problem der Bewegungsdarstellung, ren Lösung die Dar- stellung des Tanzes wie gegeben erscheint. Jt dieser [{chon in „Carmen“ mit packender Suggestionskraft gestaltet, so l die Dynamik der Bewegung in den drei Mädchen mit dem Hund in der „Bewegungsstudie“ zu mitreißender Wirkung gesteigert. „Niemand, vielleiht der cinzige Slevogt ausgenommen, könnte thnliches erreichen. Man muß \{chon auf romanishe Temperamente, auf Kunslter vom Gepräge eines Degas, De ault und Goya zurüdgreifen, um Bewegungssynthesen von solcher Eindrinalichkeit und Leichtigkeit zu finden. Und darin ist das Rätsel dieses nsilers begriffen: Daß ein fränkisher Bauernsproß, dem der lineare und plastishe Stil natur gemäß im Blute saß, sih durh unentwegle Selbstzucht zum „[relesten Bewegungsimpressionisten mit zu rein malerischen J roblem- stellungen und -lösungen emporarbeiten konnte. Anders steht _ es bei ibm mit der Farbe. Zweifellos ist er schon heut: ein Kolortit ersten Nanges. In Bildern wie das „Zwieliht“, wo auf etnem Bettlaken und einem weibliden Aft

Tageslicht mit dem Lampenlicht im Streite liegt, ist cine so reiche T zu einem (Ganzen harmoni siert, wie sie nur höchstes Wissen von den Fa! benweiten meistern fann. Immerhin muß ihm aber wohlieinende Kritik, die hier, wo die Voraussetzungen erfüllt And, zum Höchsten Mol artin und den strengsten Meaßstad anlegen ou, größere Tro enheit der Palette wünshen. Troken, uicht in bezug auf den Farbenauftrag, dessen Oekonomie, Unmittelbarkeit und Sicherheit meisterhaft genannt werden muß, als vielmehr im gleichen Sinne gemeint wie beim Selkt : herber. Noch -s{heint in ihm manchmal die Rembrandtpalette, zu \puken, die unser heutiges Sehgefühl nichk mehr völlig zu befriedigen vermag, während ihn andermalen wieder seine Farbenfreude zu dekorativen Oberflächlichkeiten verleitet. Man darf bei Schad aus dem Tempo seiner lezten Entwiklungéjahre, wenn ihm das Schicksal gewogen ist, noch auf Erreichung leßter Möglichkeiten |chliezen. Venn er bleibt nicht, wi beute die metsten, länger als notwendig auf einer Stufe stehen, um fih von den abfallenden Früchten zu nähren, fondern er betrachtet sie immer nur als Vorstufe zur näch&st höheren, selbst auf die Gefahr hin, dort kein Verständnis seitens des Publikums mehr zu finden. Das ist echte und selten gewordene Künstlerschaft. Dr. D.

Die Sat

LaCcroIr, PDéricaui

u1 1A M 1 Da

“G Li

ge 4 ontiaic

Fn Berlin ist der Vorsitzende und Generalfekretär der Zentral- direktion Kaiserlichen Archäologishen Instituts Professor Dr. Puchstein im 55. Lebensjahre einem Schlaganfall erlegen. Un Verstorbene war in Labes in Pommern geboren, \tudierte in Straßburg

des

Schenkungen unter Lebenden .

und der neuen Fassung der deutshen Eisenbahnverkehr8ordnung er-

zusammen . 110465 791785609 %0 511 640.

und bildete si na erfolgter Promotion an den archäologischen Reichs-