1912 / 42 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

arbeitet und geprüft worden ist. Ih glaube, daß aus diesem Grunde die landwirtshaftliden Interessen auch bei der Neuorganisation genügend gewahrt bleiben werden. Sclbstverständlich* aber werden die beute hier geäußerten Bedenken ebenso geprüft werden wie die Berichte der Regierungspräsidenten, die über diese Frage eingefordert worden sind. i :

Die Vereinfachung, die in der in Aussicht genommenen Ein- rihtung liegt, kommt nicht allein dem Ministerium der öffent- lichen Arbeiten, sondern -andererseits auch wieder dem landwirt- \castliden Ministerium zu statten; denn es ist eben ein gewisser Austausch der einzelnen Arbeiten und Projekte gedacht. Projekte und Angelegenheiten, die bisher von den Baubeamten des Ministeriums der öffentlihen Arbeiten bearbeitet worden sind, sollen nunmehr auch den Meliorationsbaubeamten zugewiesen werden, und andererseits sollen, besonders kleinere Projekte aus dem Gebiete des landwirts{aftlihen Ressorts auch von den Baubeamten des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten erledigt werden können. Es handelt fih doch in der Mehrzahl um Beamte, die eine ganze Neihe von Jahren in demselben Bezirke bleiben und die genügende Aus- bildung besißen, um sich einerseits au in die Geschäfte der eigent- lien Bauverwaltung und andererseits in die Geschäfte dec Meliorationsbauverwaltung einzuarbeiten. Wenn bezüglich der land- wirtschaftlichen Verwaltung noch Bedenken bestehen sollten, so werden sie meines Erachtens in der Hauptsache durch die feststehende Tatsache ausgeräumt, daß kein Projekt zur Ausführung kommen fann, ohne daß es von dem dem Regierungspräsidenten beigegebenen Baubeamten der landwirtschaftlihen Verwaltung wenigstens geprüft worden ift.

Was nun ‘den Namen angeht, fo gebe ih gern zu, daß die Be- zeichnung „Meliorationsbaubeamter“ nicht gerade fehr \{ön und für alle diejenigen, die zum Stottern neigen, auch im Gebrauch keines- wegs leiht ist. (Heiterkei.) Aber es geht damit wie bei dem Departementstierarzt : es ist bis jet ein besserer Name noch nicht ge- funden worden. Sollte er mir vorgeschlagen werden, so bin ich gern bereit, auf eine Aenderung dieses Titels hinzuwirken.

Herr Abg. Kloke hat dem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß der Oberpräsident mehr oder weniger in Meliorations- angelegenheiten ausgeschaltet werden würde! Es ‘darf dabei nicht unerwähnt gelassen werden, daß die Herren Oberpräsidenten id habe ja auch zu ihnen gehört häufig Klage darüber geführt haben, daß eine Ueberweisung der Mesliorationsangelegenheiten für fie éigentlich nur auf dem Papier stände. Die Meliorations- baubeamten sind in der Provinz verteilt, und ih habe das fann ih ‘ehrlich gestehen meine Mesliorationsbaubeamten im Jahre eigentlih nur einmal, und zwar bei der Beratung der Verteilung des Westfonds, gesehen. Im übrigen war ih tatsächlih au nicht im- stande, auf ihre Arbeiten und ihre Tätigkeit entsprehend einzuwirken- und ‘das um so weniger, weil nah der Instruktion vom Jahre 1817 die Landesmelioration ja eigentlich Sache des Herrn Regierungs- präsidenten ist und die Unterstellung der Meliorationsbaubeamten unter den Oberpräsidenten eine mehr als formelle Bedeutung nicht gehabt hat.

Aber in anderer Weise und ih glaube, die anderen ODber- präsidenten haben es ebenso gemacht, konnte ih doch meinen Cin- fluß auf die Mesliorationsangelegenhetten geltend mahen! Cs kommt heute kaum noh eine größere Melioration zustande, bet der nicht die Provinzialverwaltung mitwirkt und auch ihrerseits, wenn der Staat eine Beihilfe gibt, ebenfalls eine Beihilfe leistet. Da ist es Sache des Oberpräsidenten, die entsprehenden Verhandlungen mit der Pro- vinzialverwaltung zu führen und au seinerseits darauf hinzuwirken, daß die Meliorationsprojekte den Wünschen und Bedürfnissen der Beteiligten entsprehen, event. alfo auch nah dem Wunsche des Oberpräsidenten abgeändert und umgestaltet werden. Diese Tätigkeit bleibt dem Oberpräsidenten nah wie vor, und fie gibt ihm also au die Möglichkeit, auch auf diesem wichtigen Gebiete seinen Einfluß entsprechend geltend zu machen. (Beifall.)

Die Denkschrift wird durch Kenntnisnahme für erledigt

ertlärt. Zu den Ausgaben für Unterhaltung von Deichen, Ufern und von nichtschiffbaren Flüssen bemerkt Abg. Richtarsky (Zentr.): Die im vorigen Jahre von uns eingebrachte Interpellation wegen der Neberschwemmuny des Dppa- flujses fonnte von dem Minister wegen fehlender amtlicher Berichte nicht beantwortet werden. Seit mehr als 35 Jahren werden, hier Kigzen über die große Ueberschwemmungsgefahr der Oppa geführt ; auch im Jahre 1900, bei der Beratung des Hochwasse1 hußgesetes, ist diese Frage eingehend behandelt worden. Die Uebeischwemmungs- efahr ist in den legten zehn Jahren noch größer geworden ; in diejer eit sind vier große Uebershwemmungen gewesen. Diejenigen von 1903, 1910 und 1911 wären schr \{limm. Die Anlieger sind in den beid alb Fällen nicht imstande, die kostspieligen Uferbauten, die meistens in keinem Verhältnis zum Wert der Grundstücke stehen, zu Die bishertgen Maßnahmen der Negierung be- ch auf eine unzureichende Flickarbeit, die meist nur bis zum Deshalb \#st die Unzufriedenh. it der Anlieger, die sich selbst nicht {üen können, begreiflih. (5s ist Pflicht der Regierung, helfend einzugreifen, und ih bitte den Minister dringend um Maßnahmen, die weiteren Uebers{wemmungen vorbeugen können. Bei den Ausgaben zur Förderung der Waldkultur

bemerkt

Aba. von Kries (kons.): Für die Aufforstungen in den öst- lichen Provinzen sollte die Regierung mehr Mittel bereit {tellen, wenn au die bisherigen Erfahrungen mit der Unterstüßung der Auf- forstungen niht überall günstig gewejen find. Die Landwirtschafts- faminer in der Provinz E hat eine Art der Förderung der Auf- forstung begonnen, die auf die Dauer sicheren Grfoly verspricht. Die Kammer geht so vor, daß lokale Aufforstungsvereine gegründet, werden, deren Mitglieder sich zur Aufforstung verpflichten; die Kammer [liefert vorzüglihes Pflanzmateriäal umsonst. Ein solcher Aufforstungsverein besteht seit mehreren Jahren im Kreise Filehne und hat son eine Menge Oedland aufgeforstet. Aber die Mittel der Landwirtschafts- fammer reihen nicht aus, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Die Unterstützung vom Staate ist außerordentlih farg bemessen, es hantelt sich jeßt nur um 3000 4. Die Kammer ist {on beim Ministerium vorstellig geworden um Erhöhung der Mittel, aber leider vergebens. Ich bitte die Regierung, den Landwirtschaftskammern mehr Mittel für die Aufforstung zur Verf gung zu stellen. Der Kreis Ortelsburg in Ostpreußen hat shon l torgen durch Auf- forstung fultiviert, aber er ist ein armér Kreis und bedarf der staat- lichen Beihilfe bei feinem gemeinnügigen Streben. Bisher hat sich die Regierung auf einen ablehnenden Standpunkt gestellt, Gs ist aber nit einzusehen, warum die Kreisyerbäude in dieser Hinsicht anders als die slädiishen und andere Kommunalverbände behandelt werden.

* Geheimer Oberregierungsrat Hoffmann: Die landwirtschaft- liche Verwaliung steht auf dem Standpunkt, daß die Unterstützung dêr

übernehmen. \hränkten fi ] nächsten Hochwasser standhielt.

wohlwollend prüfen nach abgate der vorhandenen Mittel. In der Angelegenheit des Kreises Ortelsburg kann ih eine Zusage nicht er- teilen, weil die Verhandlungen noch nicht abgéfchlossen sind.

Bei den allgemeinen Ausgaben, und zwar beim Dis- positionsfonds zur Unterstügung landwirtschafstlicher Vereine, kommt der

Abg. von Goßler (konf.) auf die ländliche Wokhlfahrtspflege zu sprechen: Dafür wird schon jeyt mancbes getan, wir haben in diesem Etat’ die ganzen Summén, die für die ländliche Ansiedlung auêgewor]en find, und ferner sind auch im Kultusetat Mittel zur Förderung von Volksbibliotheken eingeseßt. Das große Gebtet der Wohlfahrtspflege ist damit aber, niht ershöpft. Den ländlichen Ver- einen für Wohlfahrts- Uünd Heimatspflige unter dem Vorsiß des Herrn Professors Sohnrey könnten sehr wohl Unterstüßungen ge- währt wèrden. Für die Hauptsache halte ih aber die Ausbildung von Landpflegerinnen, die in der Hauswirtschaft ausgebildet sind, Unterweisungen in der Kinderpflege und Gesundhcitspflege geben fönnen, für Volfsbibliotheken jorgen, Volksunterhaltungéabende veranstalten, und die auch in der Krankenpflege - aus- gebildet fein aen Dafür“ sind Pflegerinnen nötig, die mit ganzem Herzen . sih ihrer Aufgabe widmen. Dann können sie aber au ein Segen für die ganze Ortschaft werden. “Es ist zu hoffen, daß mit der Zit viele sich diesem Berufe widmen werden, denn jeden- falls ift er angenehmer als die bloße Krankenpflege. Zurzeit fehlt es aber an genügend vorgebildeten Landpflegerinnen, es fehlt auh an Anstalten, die derartige Landpflegerinnen ausbilden. Die Pflegerinnen. werden in einem einjährigen Kurqus, einschließli der Krankenpflege, ausgebildet. Ih möchte den Minister bitten, ih diese Frage ganz besonders angelegen séin zu lassen. Man fônnte M an die Haushaltungsschulen- Kurse für Landpflegerinnen an- gliedern.

Minister für Landwirlschaft, Domänen und Forsten Dr. Freiherr von Sch orlemer:

Meine Herren ! Der Vorredner hat mit der Behauptung ret daß in dem Etat des Landwirischaftsministeruums für die von ihm hervorgehobenen Zwette ein Fonds nicht vorhanden ist. Wir sind jedo in dér Lage gewesen, seit einer Reihe von Jahren aus dem Titel 1 Kapitel 107 des Etats gelegentlich auch Beihilfen für Land- vflegerinnen unter der Vorausseßung zu geben, daß thnen dur diese Beihilfen eine Förderung in der hauswirtschaftlichen Ausbildung zu- teil werden konnte. Ich erkenne mit dem Herrn Vorredner gern an, daß die weitere Förderung der Ausbildung der Landpflegerinnen und ihre weitere Verbreitung auf dem Lande von großer Bedeutung für das Wohl der ländlihen Bevölkerung ist. Von diesem Gesichts- punkte aus kann auch die landwirtschaftlihe Verwaltung sich der Auf- gabe nit entziehen, auch ihrerseits zur Förderung dieser Einrichtung beizutragen, die als solche allerdings nicht in erster Linie zum Ressort der landwirtschaftlichen Berwaltung gehört. Jch bin deswegen gern bereit, auch in Zukunft die bei der landwirischaftlihen Verwaltung eingehende Anträge dahin zu prüfen, ob nah den staatsrechtlichen Grundsäßen und nah der Läge des einzelnen Falls eine Unterstützung gewährt werden kann. Ich würde mich selbstredend au damit ein- verstanden erklären können, wenn es im Laufe der kommenden Jahre gelingen würde, einen besonderen Fonds für die von dem Herrn Vor- redner gerannten Zwecke im Etat flüssig zu machen. (Bravo!)

Abg. Dr. Fle ch (fortshr. Volksp.): Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist die Förderung des Arbeitänahweises auf dem Lande. Der Arbeitsnachweis in FrapEuxt g. M. hat recht gute Crfolge auf- zuweisen. Die Landwir{häftskammern müssen auf die Arbeits- nachweise noch mehr als Sher ‘Gewicht Tegen. i A Fie 14 R L ; Zu dem Titel “Förderung des Ob, Wein- und Garten- baues“ beantragt der Abg. E ck ex ?Winsen (nl.): „die Königliche Staatsregierung zu ersuhen, diesen Fonds um 100 000 6 zu erhöhen, um durch planmäßigen Massenanbau von Obst und systematische Förderung des gaxten- und feldmäßigen Gemüsebaues in hiecfür durch Bodenbeschaffenheit und Lage zu großen Absaßzmärkten besonders geeigneten Gegenden der aus- ländischen Konkurrenz wirksamer als bisher entgegenzutreten.“

Die Abgg. Engels mann und D. Hackenberg (nl.) beantragen:

„die Königliche Staatsregierung zu ersuchen, die Summe von 500 000 4 ‘als Unteritüßung der ïm vorigen Jahre dur schweres Hagelwetter heimgesuhten Weinbau gebiete an der Nahe zur Verfügung zu stellen, um in der Lage zu sein, niht nur den fleineren, sondern auch den am meisten geshädigten, aus\ch{ließlich auf den Weinbau angewiesenen Winzern wirksam aufhelfen zu können.“

Abg. von Kloeden (B. d. L.): Ich möchte den Wunsch wieder- holen, daß in den Weingebieten hinsichtlich der Neblausbekämpfung aufflärend gewirkt wird, und Wanterlehrer von den Landwirt schaft3- fammern herumgeschickt werden. Die beruhigende Erklä: ung des Ministers bezüglich der scharfen Handhabung der Einsuhrbestimmungen zum Schuß unterer Weinbaugebiete gegen die Konkurrenz ausländischer minderwertiger Meine beg! üße ih. Es find Bedenken geäußert worden, daß zu wenig Meinkontrolleure vorhanden seien. Es hat befremdet, daß für Berlin, die Provinz Brandenburg und die Provinz Posen nur ein Kon- trolleur vorhanden sei. Ich habe gber ermittelt, daß außer diesem Kontrolleur noch ein Spezialkontrolleux für Berlin und ein Kontrolleur iür die Weinbaugebiete der Provinz Brandenburg erxistiert. Meine Nachforschungen haben ergeben, daß überall, in allen Weinkellern, eine ordentliche Kontrolle ausgeübt worden ist. Die Frage muß aber doch im Auge behalten werden, ob dauernd ]o wenig Kontrolleure ibre Aufgabe crfüllen können. Im Geshmack des Publikums hat sich eine erfreulihe Wandlung vollzogen. Das Publikum begünstigt seit einiger Zeit die Naturweine mehr als dte gezudckerten. Es muß aber auch die Möglichkeit gegeben werden, daß der Kon- sument leicht entscheiden kann, ob er einen relnen Naturwein oder einen gezuckerten ‘vor sich hat, sodaß jeder nach feinem Geschmack das ihm Bekommende wählen kann. Ih habe mich bemüht, ‘beim Mit- nisterium des Innern dahin zu wirken, daß in den Krankenhäusern statt der fremden Südweine unsere guten heimischen Weine ein- geführt werden. Unsere heimischen Weine sind nah jeder Richtung in der Lage, diese Südweine zum Borteil der Kranken zu erseßen.

| Abg. Dietrich - Thorn (fortshr. Volkép.) tritt für den Antra; des Abg. Eer ein: “Wenn Vereine und Genossenschaften sid der Aufgabe unterziehen, Obstkulturen in großem Maßstabe anzulegen, so tun sie das nicht allein des Erwerbs wegen, sondern auch, um Erfahrungen zu sammeln und im Interesse der Allgemein- heit zu verwerten. In den Anfangsperioden muühjen folche Vereine und Genossenschaften Beihilfen erhalten, bamit sie die Kulturen durdch- balten können. Das oft- und westpreußishe Obst kann mit dem aus- ländischen unzweifelhaft konkurrieren. Wenn die Obstkultur einen großzügigen Charakter erhält“ und in großem und planmäßigem Stil gepflegt wird, können Millionen, die jeßt ins Ausland gehen, dem In- lande erhalten werden.

Abg. Engelsmann (nl): Jn der Frage der Neblaus- bekämpfung stehe ih auf demselben Standpunkt, den der Landwirtschafts- minister in der Budgetlommi|\sion ve: treten hat Wir müssen sehen, die Reblaus auf unseren einheimischen Stöcken zu bekämpfen. “Erst wénn es nicht mehr anders gèhen sollte, darf tnan zum améerikanischen Unterbau übergehen. Jn diesem guten Weinjahre haben die Wein- bhauern wieder Mut bekommen, deshalb möchte ih den Minister

zu Hilfe zu kommen, damit sie wieder imstandé sind, Neuanlagen zu

machen. / Abg. Veltin (Zentr.) bittet die Regierung um energisches

Vorgehen in der Bekämpfung der Nebschädlinge, um Maßnahmen gegen die ausländishe Konkurrenz und empfiehlt die Annahme des

Antrags Engelsmann. ; Abg. Dr. König (Zentr.): Ich stehe dem Antrage Ecker-Winfen

sympathisch gegenüber und wünsche gleichfalls den Schup unseres MWeinbaues gegen die autländishe Konkurrenz. Unsere gartenbaus- tre'bende Bevölkerung wünscht ferner, daß fie nach Art der Land- wirtschaftskammern und Handwerkskammern eine Berufsvertretung erhalte, die aus Interessenten zusammengeseßt Ub 20IT halten die Forderung nach Gartenbaukammern für durch- aus berechtigt. Welche Fortschritte die Gärtneret gemacht hat, fann man tägli in den Straßen und an den Blumen- läden sehen. Der Vorschlag, bei den Landwirtschaftskammern besondere Abteilungen für Gartenbau zu schaffen, hätte allerdings den Vorteil, daß n'cht eine neue Organisation geschaffen wird, aber die Gegengründe überwiegen doch; eine vollständige Daeitetung der Gärtnereiinteressen wäre dabei nicht mögli. Hoffentlich geht die Negierung bald mit entsprechenden Maßnahmen vor, um dem Gartenbau cine Vertretung zu schaffen. Wenn sie Gartenbaukammern ablhnen sollte, was ich bedauern würde, müßte sie andere Maß-

nahmen ergreifen. Abg. E cker- Winsen (nl.): Jch freue mi, daß der Vor- Unser Obstbau weist einen

redner meinem Antrage zugestimmt hat. zu langsamen Fortschritt auf, und €s muß unsere Aufgabe sein, ihn kräftiger“ zu fördern. Unser Anbau wird nicht so rationell betriében wie in anderen Ländern, namentlich in Holland, wo der Obstbau zu einer Quelle des Wohlstandes geworden ist. Unser Antrag hat ‘den Sinn, daß etn béfonderer Fonds für diesen Zweck errichtet wid, um einen planmäßigen Massenanbau von Obst zu ermöglichen. Ich bitte, meinen Anträg der Agrarkommission zu überweisen.

Abg. Lüders - Gronau (freikonf.): Meine Freunde stehen dem Antrage Ecker sehr sympathisch gegenüber und. sind gleichfalls für eine stärkere Förderung des Obstbaues. Aber auch in dem Gemüsebau müßten wir weitere Fortschritte machen; in meiner Hetmat sind die Domänen darin“ vorbildlih vorgegangen, aber auch ‘die kleineren Be- sißer haben schon mit Erfolg sih dem Gemösebau zugewendet. Der Gartenbau hat seine Beziehungen weit über unsere Grenzen in das Ausland hinein erstreckt ; diese Handelsgärtnerei findet in den Land- wirtshaftskammern nicht ihre richtige Vertretung, denn diese um- fassen nur lokale Gebiete. “Der Wunsch der Gartenbautinterefsenten wegen Schaffung einer eigencn Vertretung ist üm fo berechtigter, als diese Interessen bei den Handelêverträgen bisher vernachlässigt worden sind.

Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Dr. Freiherr von Sch orlemer:

Meine Herren! Ih möchte gleich auf die Wünsche des leßten Herrn Vorredners eingehen. Die Frage der Errichtung von Garten- baukammern hat die landwirtschaftlihen Vertretungen bereits be- schäftigt. Bei aller Anerkennung der diesen Wünschen der Handels- gärtner zugrunde liegenden Gedanken haben die landwirtschaftlichen Vertretungen in Uebereinstimmung mit der landwirt\{haftlihen Ver- waltung den Standpunkt eingenommen, daß den berechtigten Wünschen der Gärtner auch auf andere Weise genügend entgegengekommen werden könnte, und zwar dadur, daß man bei den Landwirt \chafts- kammern und innerhalb der Organisation derselben Gartenbau- aus\chüsse errichtet.

Meine Herren, es handelt si ja um eine große Neihe von Be- trieben, wie- der Hérr Vorredner {hon hervorgehoben hat, au) um eine große Anzahl von Arbeitern, die in denselben beschäftigt werden und dabei ihren Lebensunterhalt gewinnen. Es steht andererseits auch gewiß außer Frage, daß bei der dems- nächstigen Beratung über neue Zoll- und Handelsverträge dite Jnteressen dèr Handelsgärtner keine unbedeutende Rolle spielen werden und gewiß Berücksichtigung verdienen. (Bravo!) Aber dem allen kann, glaube ih, innerhalb der Landwirtschaftskammern, die ja nach Geseß und Sazung sich auch des Gärtnereibetriebes annehmen müssen, vollständig Rechnung geträgen werden! Es kommt nur dar- auf an, daß es auch wirklich geshieht und nah dieser Nichtung hin wird die landwirtschaftlihe Verwaltung auch den genügenden Dru, wo es etwa noch notwendig sein sollte, ausüben.

Fh halte aber dafür, meine Herren, daß es faum dazu kommen wird, weil ih aus den bisher gepflogenen Verhandlungen weiß, daß die preußischen Landwirtschaftskammern ohne Ausnahme der Gärtnerci innerhalb ihrer Organisation eine entsprechende Vertretung nicht vor- enthalten wollen. Jch warne davor, für jede einzelne Betriebs» gattung, der an sich {hon einer größeren Berufsvereinigung angehört, noch eine besondere Vertretung zu hafen. (Sehr richtig!) Schaffen wir innerhalb jeder einzelnen Provinz eine Gartenbaukammer, fo werden diese sih wieder zu einer Zentralgartenbaukammer in Berlin vereinigen, und wir haben dann, da die Landwirctschaftskammern jeden- falls einen großen Teil der Gärtuerei, soweit sie niht Handels- gärtneret ist, weiterhin! vertreten würden, das erbaulihe Schauspiel, daß die Zentralgartenbaukammer in Berlin ih gelegentlich im Gegen- saß zur Zentralstelle der Landwir!schaftskammern - oder dem Landés- öfonomickollegium befindet. Meine Herren, ih meine, das muß {on im Interesse des großen landwirtshaftlichen Berufsständes, zu dem auch. die Gärtner gehören, vermieden werden. (Sehr gut !)

Was sodann den Antrag des Herrn Abg. Ecker angeht, so ist, soviel ich weiß, beantragt worden, ihn noch der Budgetkomtnission zu überwetsen. (Zurufe: Agrarköommission!) Wenn tch mi aber aud) in feßterer Beziehung irren follte, so glaube ih {on jeßt zum Aus- dru bringen zu müssen, daß es nicht möglich sein-wird, in dem dies- jährigen Etat für diesen Zweck noch eine Summe von 100 000 4 flüssig zu machen. Ich erkenne an sich das Bedürfnis für eine Vermehrung der für Obst- und Gartenbau ausgeseßten Mittel ohne weiteres an; aber ih mache auch hier auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die fich augenblicklich einer Verwendung größerer Beihilfen noch entgegen- stellen. Jch bin lange Jahre, {hon als Landrat, in einem Bezirke tätig gewesen, der sih in bezug auf Gartenbau den holländischen Unternehmungen nahezu an die Seite stellen fonnte; tas war im Kreise Neuß und in der Umgebung von Düsseldorf. Troßdem da alles geschehen ist, auh an Staatsbeihilfen" nicht géspart wurde, waren die Schroterigkeiten des Absatzes “gerade in den Zeiten, wo die Preise

lohnend waren, besonders groß. Da machte sich immer wieder die Konkurrenz des Auslandes und die Schwterigkeit geltend, für die Produkte zur reten Zeit auch ein entsprehendes' Absagzgebiet zu finden. Aber ic gebe gern die Tatsache zu, daß es höchst bedauerlich ist, daß noch „jedes Jahr so große. Summen für gärtnerische Erzeugnisse nah dem Auslande wandern, und daß es unbedingt zu erstreben ‘und, wie ich glaube, au tin Laufe der Zahré zu erreichen ist, einen großen - Teil dieser Erzeugnisse im eigenen Lande hervorzubringen. Vir haben ja das können wir

bitten, unserem Antrage gemäß, der sich an unfere vor einigen Tagen

Aandwirtschaftskammern berechtigt ist, und sie wird jede Anforderung

behandelte Interpellation anschließt, den Wingzern an der Nahe

ohne weiteres anerkennen auf dem Gebiete des Gartenbaues und

in’ demselben Bezirke in möglichst großer Menge produziert werden.

E nehmen werde. Daran ist der Absaß in vielen Fällen gescheitert:

Ì (ulbesißer den Wünschen der Landwirte Rehnung getragen haben;

- Abg. Engelsmann die Absicht hat, jedes Jahr 500 000 4 für die von ihm vertretenen Winzer zu fordern.

È des Innern angeht. Y werde, da ih der Verhandlung vor einigen Tagen nit beiwohnen M ründet ist oder niht. Es müßte das der weiteren Beratung in der

S heimstellen, diesen Antrag als gesonderten und nicht zum Etat des

dienen, wenn dafür Prämien ausgeseßt werden. M unser Obstbau keinen Zollschug genießt; das ist auch der Grund, F weshalb sih unsere Landwirte so wenig dem Obstbau widmen.

| darzulegen.

Î dritten Lesung zu tun.

Ausg aben , und zwar bei dem Fonds zur Förderung der : Land- und Forstwirtschaft in den westlihen Provinzen (sog. E Westfonds) weist

M bereit erklärt habe, zur Beseitigung der Notstände M einen Fonds von 300 000 4, zahlbar in 10 Jabren, zu gewähren. F Der Nedner spricht dem Minister im Namen des Eichsfeldes dafür M den wärmsten Dank aus.

E Berücksichtigung des Westens. . Heiden und Oedländereien im oberen Stromgebtete der Ems seien M größere Unterstüßungen nötig. Beihilfen für die Anlegung von Waßjer- M leitungen müßten bis zur Höhe von einem Drittel der aufzuwendenden Kosten gewährt werden. M boin hätten viele Dörfer unter der Trockenheit zu leiden.

Geestemünde muß schleunigst in Angriff genommen werden, da die Vorslut 7 jedem ; n T 150 000 1A festgestellt worden. Das Meliorationsprojekt lieat schon seit fünf Jahren vor, alle Instanzen habèn sih schon

| B ihne sproWen, Es handelt sich jeßt nur noch um die staatliche

Wgreiherr von Schorlemer: redners gern mit der Erklärung, daß das Projekt der Luneregulierung [mit dem Herrn Finanzminister über die Höhe der Beihilfen chweben. Jhaben werden ich nehme an, daß das in kurzer Zeit der Fall sein

vird —, so wird sih die weitere Finanzierung des Projektes und

Wirtschaft in den östlihen Provinzen (sog. Ostfonds) in Höhe

pornehmlich auch des Obstbaues in den leßten Jahren viel geleistet, wir haben große Fortschritte gemacht. Diese Fortschritte bestehen in erster Linie darin, daß unsere Obst- und Gartenprodukte marktfähiger geworden sind, daß sih die Produzenten genossenschaftlich zufammen- geschlossen haben, daß sie den Absatz genossenscaftlih organisiert haben. Beim Obstbau ist ein großer Fortschritt auch dadurch erzielt worden daß die Sortenzahl vermindert is und nur gewisse gangbare Sorten

(Sehr richtig !) Die Herren Handelsgärtner und Baumschulbesitzer haben in früherer Zeit den großen Fehler ‘gemacht, daß sie alle paar Jahre mit einem neuen Baum und einem neuen Namen in die Erscheinung getreten sind (sehr richtig); jede berühmte Persönlichkeit hatte ihre Vertretung unter den Aepfeln und unter den Birnen. (Heiterkeit.) Die Produzenten sind tarauf hercingefallen, haben sih diese Bäume angeschafft und hatten naher eine prachtvolle Auswahl an Sorten von Aepfeln und Kirnen. Wenn aber der Händler kam, so erklärte derselbe, daß er die kleinen Quantitäten der verschiedensten Sorten niht gebrauchèn fönne. Dagegen eine Waggonladung derselben Sorte \ofort über-

Jh freue mi, konstatieren zu können, daß die Landwirte klüger ge- worden sind, und. daß aber auch die Handelsgärtner und die Baum-

sie haben das Dbslfortiment der Landwirtshaftekammern angenommen und ihre Sorten entsprehend einges{chränkt! Auf diesem Wege werden weitere Erfolge erzielt werden.

Meinerseits werde ich gern im nächsten Jahre auf eine Ver- stärkung der für diese Zwecke vorgesehenen Mittel im Etat Bedacht nehmen. (Bravo !)

Noch ein Wort zu dem Antrag des Herrn Abg. Engelsmann, der anscheinend irrtümlicherweise an diefer Stelle vorgebracht worden ist. Er ist gestellt worden zu dem Kapitel 107 Titel 2, wo es sich um dauernde Ausgaben handelt, doch glaube ih kaum, daß der Herr

(Abg. Engels8mann : Nein, nein !) Hier handelt es sich außerdem um eine Notstandsangelegenheit, die, wie ih dem Herrn Abg. Engelsmann sagen muß, zunächst den Minister Es müßte also jedenfalls der Antrag selbst in formeller Beziehung eine vollständige Umarbeitung. erfahren. Ich

konnte, augenblickli nichts darüber sagen können, ob der Antrag be-

Budgetkommission vorbehalten bleiben. Um so mehr möchte ih an-

landwirtschaftlichßen Ministeriums einzubringen.

Abg. Kache (konf.): Zur Förderung des Obstbaues würde es Zu bedauern ist, daß

Ein Schlußantrag wird angenommen.

Aba! Heine (nl.) bedauert, durch den Schluß verhindert zu sein, die Stellung seiner Freunde zur Frage der Gartenbaukammern

Abg. Hoffmann (Soz.) bedauert, daß diese Praxis des Hauses Schluß zu machen, ihn vêrbindere, die Lage der kleinen Ra real in bezug auf den Obstbau zu besprechen ; ex behalte si{ch vor, dies bei der

Der Antrag Ecker wird der Agrarkommission, der An- trag Engelsmann wird der Budgetkommission überwiesen. Der Rest der dauernden Ausgaben wird bewilligt. Bei den einmaligen und außerordentlichen

Abg. Tourneau (Zentr.) darauf hin, daß die Regierung sich im Cichsfeld

Abg. Humann (Zentr.) beklagt sich über eine zu geringe Gerade für die Kultivierung von

Gerade îin den Kreisen Düren und Pader- Abg. Klu ßmann (nl.): Die Negulierung der Lune im Bezirk

völlig ungenügend ist, und vielfahe Sommerüberschwemmungen in

Jahre vorkommen. In einzelnen Jahren ist sogar ein Gesamt-

ti BICA t ade c ( s; Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Dr.

Meine Herren! Ich entsprehe dem Wunsche des Herrn Vor-

inzwischen fertiggestellt ist und augenblicklich nur noch Verhandlungen

Sobald diese Verhandlungen den gewünschten Verlauf genommen

seine Ausführung hoffentlih bald ermöglichen lassen. (Bravo !) Der Fonds zur Förderung der Landwirtschaft und Forst-

von 1252000 6 wird ohne Besprechung bewilligt.

Mit dem Fonds zur Förderung der inneren Kolonifation

in den Provinzen Ostpreußen und Brandenburg steht die entschrift über die Verwendung dieses Fonds im Jahre 1910

gur Beratung.

Het M von der Osten (kons.): Die innere Kolonisation darf nicht t t R werden, sondern man muß auf die befonderen Verhältnisse ik f t nehmen. Auch die Frage, in welhem Verhältnis der Groß- died leingrundbesi ; zueinander stehen soll, kann niht generell ent- f i werden. Vie Frage, ob eine innere Kolonisation angebracht h Ged ¡tet si nah ‘den tatsächlichen Verhältnissen der Gegend. Dro n L B. Forstwirtshaft vorhanden ist, ist zweifellos ein Rer b oa ap Großgrundbesip nôtig, als bei anderen Bodenverhältnissen. A eigt Kolonisation ist in- einem erfreulihen Aufschwung if Soel während leider die Arbeiterkolonisation stagniert und nicht 4 gang nimmt, wie es im Interesse der Nation nötig wäre.

nsiedlung von Bauern und Arbeitern is aber im Interesse

der Landwirtschaft “drin i j His gend zu wünschen, allerdings nur dort, wo eeignetes Land und auch genügende Arbeitsgelegenheit vorhanden ist

‘amit die Arbeitskräfte erfolgreich verwendet werden können. J

das . richtige Verständnis vorhanden ist, nicht nur au Fevaon, sondern auch auf seiten der Kommunen. Ich begrüße es dea dankbar, daß der Minister einen Appell an Lie großen Kommunalverwaltungen, die Großgrundbesiß haben, gerichtet hat, je Arbeiteransiedlungen vorzugehen. Von der Wirkung des bene ist leider sehr wenig zu bemerken. Wir hoffen aber au, daß der Landwirtschaf1lsminister die Domänenverwaltung und auch in einzelnen Fällen die Forstverwaltung veranlassen M den Bestrebungen der inneren Kolonisation ein größeres Mobilien entgegenzubringen, als es bisher geschehen ist. orin find nun die Hemmungen zu finden, die’ einen wirkiichen Fort- schritt auf dem Gebiete der Ansiedlung nicht ermöglichen? Soweit meine Erfahrungen reichen, ist doch Land in der Regel vorhanten. (Es scheint also an den Bedingungen zu liegen. Das- Verfahren, das jeßt zur Yentengutsbildung führt, ift außerordentlich kompliziert, wenn auch die Behörden, namentlih auch die Generalkommission, das größte Entgegenkommen zeigen. Auch die Bestimmung, daß das Wieder- verkaufsrecht eintritt, wenn der Eigentümer des Rentenguts stirbt, die gewiß niht so böse gemeint ist, hält do manchen Arbeiter ab, weil in „diesen Kreisen ein gewisser Skeptiziómus vorhanden ist. Auch die Baubcdingungen, die den Rentengutsöbesizern auf- erlegt werden, wirken in gewissem Sinne veratorisch. Ein weiteres Hindernis ist darin zu erblicken, daß die 32 %/ Nentenbriefe unter 90% stehen, sodaß den Nentengutsbesißer ein Ver- lust von 1090/6 trifft, zu dessen Deckung allerdings auch die vor- geschene Staa1sbeihilfe von 800 s mitverwandt werden foll. Das größte Hindernis ist aber in der Höhe der Kosten zu suchen. In den seltensten Fällen genügen 5000 M, oft sind $000 4 nötig. Das bedeutet eine Zinsenlast von 200 bis 320 4 pro Jahr. Die wenigsten Arbeiter sind genéigt, die meisten sind vielfah auch nicht iy der Lage, derartige Summen für ihre Wohnung und etwas Gartenland auszugeben. Die erste Forderung wird also die sein, daß billiger Kredit zur Verfügung gestellt wird. Es ist Pflicht des Staates, hier einzutreten und in der inneren Kolonisation die Füh- rung zu übernehmen. Der preußische Staat, der immer in solchen Dingen dte Führung gehabt hat, muß bier eingreifen und muß die Führung im alten preußishen Sinne übernehmen. Der Staatsminister von Miquel hat es einmal als die Hauptaufgabe des Staates be- zeichnet, zweckmäßig auf die Bodenverteilung des Staates einzuwirken. C38 ‘ist deshalb eine Verbilligung des Kredits zu wünschen, und zwar müßte der Staat einen Kredit mit 2%) Berzinsung zur Verfügung stellen, um die Arbeiteransiedlung zu fördern. Der Staatszuschufß: dürfte auch nicht nur bei landwirtschaftlichen, sondern müßte T bei industriellen Arbeiteransiedlungen gewährt werden. Den Bedenken, die gegen eine derartige Herabscßung geäußert worden sind, daß die Rentengutsbesißger den billigen Staatskredit in Anjpruch nehmen und dafür ihre Gelder anderweitig anlegen würden, könnte entgegengetreten werden. Es E ih {hon Mittel und Wege finden, um die Spekulation auszuschließen. Ich erinnere nur an die Möglichkeit, das VorkaufsreW)t zu handhaben. Nicht nur in Dftelbien, nein auch in weiten anderen Kreisen des Vaterlandes leiden wir unter der Kalamität einer Stagnation, ja fogar eines Nückganges der ländlichen Bevölkerung. Von 1871 bis 1907 ist -die Bevölkerung der Großstädte um 86 9/0, die der kleinen Städte um 999/06 gewachsen, die Bevölkerung des Landes aber um 18,99% ge- fallen, Diese Zahlen geben zu ten ernstesten Bedenken Anlaß, nicht im Interesse einzelner Stände, sondern im Interesse der ganzen Nation. Wenn wir unser Volk nicht mehr dur dite landwirtschaft- liche Produktion ernähren können, dann gehen wir denfelben traurigen Zuständen entgegen, die {on manche Natton zum Verfall gebracht haben. Ich erinnere nur an Nom; wer die Cinzelheiten des Ver- falls des Römischen Neichs kennt, wird mir. ret geben. Es waren damals dieselben wirtschaftlihen Ursachen vorhanden, ein Großgrund- besi, der gegen das Interesse des Staates einen Latifundienbesitz \{chuf. Wollen wir uns nicht verhehlen, daß ahnlihe Urfachen auch heute bestehen. Jch erinnere nur an das Wort des Geschicht- schreibers Mommsen, der der Linken so nahe stand, daß gleiche Ursachen in dèr Geschichte auch überall gleiche Wirkungen haben. Wenn eine Partei der Entwicklung zur Latifundienbildung entgegen- steht, so ist es die konservative Fraktion, weil sie sich der ge\chicht- lichen Aufgabe unseres Staates und der Verpflichtung unseres ganzen Volkes ‘wohl bewußt ist. Die Verschtebung des Gleichgewichts zwisben der industriellen und landwirtshaftlichen Produktion und "die daraus folgende Abkängigkeit vom Auslande ist doch eine Gntwiklungs- reihe, die uns zu ernsten Bedenken Anlaß geben muß. Ich erinnere nur an die Tatsache, daß die Menschen in den Großstädten stets in der fünften Generation im Durchschnitt aussterben. Wir befinden uns in der zwlingenden Notwendigkeit, wir dürfen jeßt nit warten, sondern müssen eingreifen, um unseren Staat in gesunde Bahnen zu lenken. Die wirt]chaftlihe Entwicklung hat zweifellos zu einer Konzentattion der Großbetriebe geführt. Die Großbetriebe sind rentabel, die Kleinbetriebe unrentabel. Durch die Elektrizität wird es uns vielleiht gelingen, die Konzentration der Großbetriebe zu verhindern und nah und nah in den kleinen Städten durch die Vermittlung billiger eleftrischer Kraft neue Kleinbetriebe zu schaffen. Jeßt herrscht in unseren großen Städten vielfa eine außerordent- liche Arbeitslosigkeit; in Berlin follen täglich etwa 5500 Personen das Asyl aufsuchen und, dessenungeachtet sind auf dem Lande keine Arbeitskräfte zu finden. Wenn man solhe ers{chreäenden Zahlen hört, dann kommt. man zu dem Resultat, daß hier etwas fals ist, daß hier eingegriffen werden muß. Der . Gyßling hat behauptet, daß der Großgrundbesiß den Kleinbesiß Mau Das trifft nah der Statistik nicht zu. Von 1895 bis 1907 ist der Kleingrundbesiß bis 20 ha von 35,57 0/9 auf 39,98 9/9 gewachsen, der mittlere Grundbesiß von 21 bis 100 ha it von 31,66 9/0 auf 90,94 °/6 gefallen, und der Großgrundbesiß ift von 32,77 9% auf 29 9% zurückgegangen. Der Abg. Crüger hat neulich {were Beschuldi- gungen gegen die Landwirke gerichtete, er sagt, die Großgrundbesißer fühlten fich sehr behaglih in den bevölkerungëarmen Gegenden, und sie wollten einen neuen Stand von Hörigen |chaffen. Ferner sagte er, in den Städten werde die Tuberkulose bekämpft, auf dem Lande hôre man davon aber wenig. Er scheint also nicht zu wissen, daß in zahlreichen Kreisen sehr kräftig gegen die Tuberkulose vorgegangen wird. In meinem - Kreise z. B. sind Pflegestationen geschaffen worden. Die Pflegerinnen werden von den Großgrundbesigern an- geln eine wesentlihe Aufgabe ist die Verhinderung einer Aus- reitung der Lungentuberkulose. Die Pflegerinnen haben von Er- krankungen zunächst dem Gutsherrn Meldung zu erstattèn, es werden billige Arzneimittel gegeben, eventuell au umsonst. Mein. Kreis steht nicht vereinzelt da. In zahlreihen anderen ist es ebenso. Wenn der Abg. Crüger also sagt, auf dem Lande höre man nichts von einer Bekämpfung der Tuberkulose, so muß ich das als Be- leidigung des. Lantes zurückweisen. Der Abg. Crüger schiebt alle Schuld auf die ShugzoUpolitik und meint, der Großgrundbesitz lasse die innere Kolonisation niht vorwärts kommen. Déêr ZoU wird mindestens zu einem großén Teil vom Ausland getragen. In der Nahé der aroßen Städte steigen die Grundstücspreise tiadeitd ebêénso wie auf dem Lande. Die Grundstückspreise richten sih eben nach Angebot und Nachfrage, und außerdem hat der zunehmende Wohlstand unserer Nation, der wachsende Kapitalsreihtum naturgemäß cine vermehrte Nachfrage nach Grund und Boden geschaffen. So erklärt L bie Steigerung! Es ist eine eigentümlihe Erschemung, daß man sich beute nicht scheut, dem Stande der Großagrundbr sier als folhem alles in die Schuhe zu schieben. Was würden die Herren auf der Linken \agen, wenn die Großgtundbesißer den Spieß umdrehen und den Stand der Juden heraus- greifen würden? Wir tun das nicht, wirwollen keinen Stand herabseßen. Derartige Angriffe gegen ganze Stände haben nur eine taktishe Be- deutung, Fürst -Biêsmarck sagte, 1885 im Neichstag: „Ih halte die Angriffe auf den Großgrundbesiy für ein ganz gewöhnliches fozta- lislisches Heßmanöver. Arm gegen reidh, [éinbefib gegen Groß- besi, divids ot impora, das ist die Absicht An éiner anderèn Stelle sagte Fürst Bismarck im Reichstag: „Aber Gott wird uns den Stand der Ritter und der Bauerngutsbesißer erhalten, solange er ein gutes Negiment erhalten will. Wenn der Grundbesiß

seiten der

nuß leider konstatieren, daß für die großen Ziele noh nicht überall

wirklich zu Grunde geben wird, so wird das das leßte Ende sein."

Wir sind neulih nach der Rede des Abg. Tröger niht mehr zu Worte gekommen, daher war es heute Lreiñie ies ee Al: i \huldigungen nicht unwidersprochen zu lassen. habe ihm nach- zuweisen versucht, daß alle am-Staate interessierten Parteien ohne Parteiverwendung zusammenarbeiten müssen. Dieses“ Zusammen- arbeiten stößt ja leider auf eine außerordentliße Behinderung. In unserem Volke herrs{cht eine bedduerlihe UÜnkenntnis der einzelnen Stände über einander. Wenn die Freisinnigen auf das Land kommen und si die Zustände dort ansehen wollten, wie fie wirklih sind, so würden sie anders urteilen. Die Seßhaftmachung unserer Bevölkerung wird das beste Bollwerk, das beste Wehr zur Erhaltung unseres preußischen Staates Und. des. deutschen Vaterlandes fein. Wenn von dem Bankerott unserer Partei gesprochen wird, so haben dié Wahlen das eine shlagénd bewiesen, daß es' der Sozialdemokratie zu ihrem großen Kummer nit gelungen ist, an unsere ländlichen Arbeiter heranzulommen, und sie haben das offen in ihrer Zeitung ausgesprochen. Sie haben den Mut ihrer Meinung und erkennen das ofen an. Das ist Tatsache, und es wird ihnen nicht gelingen, denn unsere ländlichen Arbeiter stehen uns mit anderen Gesinnungen gegenüber, als die Sozialdemokraten fi. aus ihrem Milieu beraus vorstellen können. Gs besteht bei uns ein gewisses Vertrauenszerhältnis zwischen den Arbeitern und dem kleinen und dem großen Besißer. Dieses Ver- trauensverbältnis uns zu ehalten, das wird eine der ersten Aufgaben nationaler Politik sein. Wir halten mit aller Energie am preußischen Staatsgedanken fest zum Wohle der Gesamtheit, nicht eines einzelnen bo. Gla gel (nl): D _ “dg. Glaßel (nl.): Der Vorredner hat das Wesen der innere Kolonisation richtig erkannt, und es ist nunmehr L bbiten“ daf die Konservativen“ ieser Aufgabe keinen Widerstand mehr entgegén- seßen werden. Das in Aussicht gestellte Parzellierungsgesez wird eine Tat sein, die gerade im Osten wieder neues Vertrauen zur Re- gierung einflößen wird. Bei neuen Ansieolungen muß immer die Srage geprüft werden, ob die neuen Kolonien au lebensfähig sein werden. Deshalb müssen die Generalkommissionen mitwirken, die am besten die Möglichkeit dieser Prüfung haben. In das Parzellierungs- geseß muß die Bedingung hineingeschrieben werden, daß in jedem Fall der Parzellierung die kleinen Stellen auf ihre Lebensfähigkeit geprüft werden, müssen. Zur Beschaffung von Arbeitskräften müssen wir die Arbeiter seßhaft machen, * aber der Anreiz, sih auf dem Lande anzusiedeln, wie er für den Städter besteht, besteht für die ländlichen Arbeiter nicht. Der Abg. Der. Crüger is mit feinen Angriffen auf mi in Irrtum gewesen, der Bericht der Ostpreußischen Landgesellschaft, auf den er sich bezog, hat selbst anerkannt, daß es mit der Ansiedlung der ländlichen Arbeiter im Osten niht recht vorwärts geht. Ein großer Optimist bin ich in bezug auf die Ansiedlung industrieller Arbeiter; cs fehlt in dieser Beziehung zunächst an einem richtigen Kolonisator. Es wäre in erster Unie Sache der kleinen Kommunen, aber es fehlt bei diefen leider noch das Interesse dafür. Die kleinen Städte, die niht mit fo großen Grundstückspreisen zu rehnen haben wie die großen Städte, sind noch in der Lage, kleine Stellen von einhalb oder einem Morgen herzugeben. Die Vorortgemeinden der großen Städte könnten sehr wohl die Arbeiter a2 den großen Städten an sich ziehen, da die Verkehrsverhältnisse es heute dem Arbciter-er- lauben, draußen auf dem Lande zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten, Der Stadt will jept die Beleihungtgrenze auf 50 9% erstrecken. wenn gewisse DArglGalleu vorliegen; în diesem De besteht kein Hindernis mehr. Auf den kleinen Stellen von einhalb bis zu einem Morgen können die Frau und Kinder des Arbeiters mit dem Gemüsebau sih beschäftigen. Allerdings darf man nicht so hohe An- forderungen stellen an Straßenregulierungskosten usw., man darf da nicht scheinatisieren, denn es handelt sich doch nur um ländliche Gemeinden. Wenn es gelänge, die Kommunen zur Anseßung von SiBtias zu bestimmen, dann wäre viel für die soziale Wohlfahrt n. / Abg. Gyßling (fortschr. Volksy.): Der Abg. -Crüger hat bereits unsere Stellung zur inneren KoTonlfcition dacgtiot : P will nur hervorheben, daß man verschiedene Wege gehen kann. Der Unterschied zwischen“ dem Abg.“ Glaßel “und “dem Abg. Crüger liegt eigentlih nur darin, daß der Abg: Crüger den Bericht der Ostpreußischen Landgejellshaft etwas optimistisch, der Abg: Glagel etwas pessimistisch aufgefaßt hat. In dem Bericht wird gesagt, daß in der Arbeiteransiedlung durch kommunale Verbände wenigstens ‘ein kleiner Fortschritt gemacht sei. Der Bericht empfiehlt nur, den Umfang der Stellen etwas zu vergrößern und auf mindestens 2,5 ha zu bestimmen. Der Bericht empfiehlt ferner die Gründung von Siedlungsgenossenschaften, ist sih aber selbst bewußt, daß die Arbeit nur von Erfolg sein kann, wenn sich die geeigneten Persönlichkeiten der Sache annehmen. Ferner müßten auch die Gartenpachtgenossenschaften gefördert werden. Die Angriffe des Abg. von der Osten lassen uns kalt; wir haben niemals die Stände gegeneinander autgespielt. Wir legen keine Feindseligkeit gegen die Großgrundbesißer an den Tag, wir kämpfen nicht gegen sie als Stand, sondern nur gegen die Personen, Wir wenden uns nur gegen die Politik, die zugunsten der Groß- grundbesitzer getrieben wird. Von einem Heßen gegen die Stände kann gar keine Rede sein. Wir sollen auf das. Land kommen, um uns über die Verbältnisse dort zu ortentieren. Das brauchen wir nicht, wir haben {hon viele Parteifreunde unter den Bauern. Sie werden doch niht leugnen können, daß eine große Zahl von Be- sigern zu unsérer Partei gehört. Wir haben doch bei den Wahlen Grundbesiger aufgestellt und durhgebraht. Der Abg. von der Osten sagt, seine Partei sei von dem Nachteil der großen Latifundien über- zeugt, aber dann vermissen wir die Taten, wenn wir kine Beschränkung der Fideikommisse empfehlen. Die Fideikommisse sind fortgeseßt in der Zunahme begriffen, die Konservativen tun aber nichts gegen diese Ausdehnung der Latifundien Daß die Zölle nicht allein die Ursache der Steigerung der Grundstückspreise sind, das wissen wir. Selbst- verständlih müssen die Preise bei der Nachfrage in der Nähe der großen Städte auch “steigen. Aber daß die Güterpreife durch das Steigen der Getreidepreise infolge der Zollpolitik gestiegen sind, läßt sich doch nit leugnen. Der Aba. von der Often hat einen besonders {weren Vorwurf gegen den Abg. Crüger bezüglih der Tuberkulose- bekfämpfung auf dem Lande gerichtet ; der Abg. Crüger hat sich auf ein Buch des Professors Jacob „Die Tuberkulösebekämpfung und die hygie- nischen Verhältnisse auf dem Lande“ berufen, und ih nehme an, daß seine Worte „in den Städten bekämpft man die Tuberkulose, aber auf deth Lande hôrt man nichts davon“ ein Zitat aus diesem Buche sind. Der Abg. von der Osten hätte also nicht diese Angriffe gegen den Abg Crüger richten dürfen, der übrigens heute nicht hier ist, aber Me Gelegenheit nehmen wird, dem Abg. von der Osten zu antworten.

H Präsident Dr. Freiherr von Erffa schlägt nunmehr die Vertagung vor und stellt alsbald eine Abendsizung in Aussicht, wenn die Etatsberatung weiter so langsam vorwärts gehe.

__ Schluß: 4/4 Uhr. Nächste Sißung Donnerstag 11 Uhr. (Vereidigung von Mitgliedern; Etats für Landwirtschaft, Gestüte Forsten und Domänen.) /

Land- und Forstwirtschaft. 40. Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrats. L)

Jn der am 14. Februar abgehaltenen zweiten Sißung v

der Landwirtschaftsrat zunächst über die Geld. 4:8 Butie verhältnisse unserer Kolonien im Ans{luß an ein eingehendes Neferat von Professor Dr. Rathgen - Hamburg. Die lebhafte Dis-

S

*) S. Nr. 41 des „Neichs- und Staatêanzeigers" vom 14. d. M.,

zweite Beilage.