1892 / 275 p. 5 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

fahrungsgemäß sind für fol<he Verträge günstigere Bedingungen zu erzielen, wenn sih eine größere Anzahl von Corporationen zu gemein- fam:m Vorgehen vereinigt. Das Collegium bittet demgemäß den Herrn Minister, derselbe wolle eventuell den Centralvereinen ein gemeinsames Vorgehen empfehlen, um Verträge mit bestehenden Insti- tuten im Interesse ihrer Beamten zu vereinbaren. :

Nach einer Pause folgten als leßter Gegenstand der Tagesordnung die Fahresberichte der landwirthschaftlihen Centralvereine für 1891. Der Vorsitz war inzwischen an den Unter-Staatssecretär Dr. von Marcard übergegangen. Der Berichterstatter für A>erbau, von Hoppenstedt:-Schladin war nicht erschienen. Ueber die Viehzucht berid)tete Herr von Kries- Trankivit, über die landwirthschaftlichen Nebengewerbe Geheimer Regierungs-Rath, Professor Dr. Mär>er- Halle. Leßterer gab den übereinstimmenden Klagen der Central- vereine über den Rückgang der Müllerei, der Ziegelei und der Zu>kerfabrikation Ausdru>, soweit diese Gewerbszweige als land- wirthschaftliche Nebengewerbe zu betrachten seien. Ueberall verdränge die eigentli großkapitalistishe Industrie den Ea Oen Betrieb, was in vieler Hinsicht, namentlih aber bei der Zuer- fabrikation, keineêwegs als ein gesunder Vorgang zu betrachten fei. In erfreulihem Fortschreiten sei dagegen das Meiereiwesen, spectell dasjenige auf genossenschaftliher Grundlage. Es bestehen, dem Be- rihterstatter zufolge, im Königreich Preußen 1043 Genossenschafts- molkereien mit Dampfbetrieb, welche die Milh von 300 000 Kühen im Betrage von 850 Millionen Liter unter Erzeugung von 30 Millionen Kilogramm Butter verarbeiten. Schleswig-Holstein allein zählt 498 Genossenschaften. Sehr interessante Verhältnisse er- giebt der Bericht des landwirthschaftlichen Centralvereins für Littauen und Masuren. Im Regierungsbezirk Gumbinnen wurde pro 1891 die beträchtlihe Zahl von 390 153 Post- (10 Pfd.) Kolli Butter und 6753 solher Kolli Käse vershi>t. Der eigentliche Frachtverkehr in diesen Artikeln betrug * nur 3809/6 jenes Postverkehrs; der Kreis Niederung allein war bei diesem Postverkehr mit 16 828 Ctr. Butter betheiligt, während der gesammte Butterversandt (durch die Post) des Regierungsbezirks 57771 Ctr. betrug. Die früher vielfach

eâußerten Bedenken wegen eines drohenden Preisrückganges für Butter hätten sih nirgends bewahrheitet; vielmehr würden für die besseren Butterqualitäten bei \{lankem Absaß überall an- emessene Preise erzielt. Im Zusammenhaug mit dieser Beobachtung tänden die Klagen über die unzuverlässigen, bezw. unrichtigen Preis- notirungen für Butter an der Berliner und Hamburger Producten- börse, gegen deren scädigenden Einfluß vielfach besondere Gegen- maßregeln getroffèn seien, so z. B. dur<h die Begründung cines Auctionévereins in der Provinz Schleéwig - Holstein, welcher einen Mehrerlös von 2 bis 3 F für den Centner Butter, von 8 bis 10 / für feinste Qualitäten erzielt habe. Sehr vortheilhaft sei die Wirksamkeit der wissenschaftlichen Butter- versuchsstation. Die von dieser hergestellten Reinculturen von Mikro- organismen zur Erzielung einer gleihmäßigen und fehlerfreien Säue- rung des Nahms benuge bereits cine große Zahl von Molkereien. Zurückgegangen sei die Verwerthung der Magermilh zur Käseberei- tung, was wohl als cin Vortheil für die Landwirthschaft hinsichtlich der Aufzucht von Jungvieh anzusehen sei. Schließlich verbreitete fich der Neferent über die Lage der Spiritus- und Stärke-Industrie.

Sodann nahm die Versammlung einstimmig folgende, von dem Referenten gestellte Anträge an:

.1. Den Minister für Landwirthschaft zu ersuchen, geneigtest bei den zuständigen Verwaltungen dahin wirken zu wollen, daß 1) genaue Ermittelungen über den Post: und Babnverkehr mit Butter und Käse der einzelnen Postanstalten und Bahnstationen angestellt werden, da cine solche, von einer Seite vorgenommene Ermittelung zu über- raschenden und wichtigen Ergebnissen geführt hat, 2) dem zuständigen statistischen Amt die Aufgabe gestellt werde, die betreffenden Zahlen so zeitig als möglich einzuziehen und zu verarbeiten, 3) gleihe Er- mittelungen auch für die Verladungen von Vieh veranlaßt werden.

11. Das Königliche Landes-Ockonomiecollegium erkennt an, daß mit der Stärke- und Spiritusindustrie hohwichtige Interessen der Landwirthschaft vornehmlih der von der Natur weniger gefegneten Gegenden —, der Arbeiterbevölkerung, der Volksernährung verbunden sind, und bittet den Herrn Minister für Landwirthschaft, zunächst dahin wirken zu wollen, daß diese Industrie beim Abschlusse von Handelsverträgen und bei der Steuergeseßgebung die ihr im Interesse der Volkswohlfahrt gebührende wohlwollende Behandlung und Förderung finde.“

Hierauf berichtete Professor Sch moller- Berlin über den volks- wirthschaftlihen Theil der Jahresberihte. Er äußerte sich ins- besondere auch über die Arbeiterfrage und wies darauf hin, daß ein- zelne Landestheile Littauen, Brandenburg, Hannover cine Besserung ver Arbeiterverhältnisse anerkennen. Mit Nücksicht auf den Umstand, daß dieJahresberichte vielfache Wiederholungen enthielten, weil nit jedes Jahr Stoff zu neuen Angaben darbiete, beantragte Redner: es möchte ein Turnus eingeführt werden, nach wel<hem derselbe Gegenstand (Genossenschaftêwesen, Arbeiterf1age, Mesliora- tionen u. \. w.) nur alle zwei bis drei Jahre besprochen werden folle. Dieser Antrag wurde angenommen, ebenso ein solcher des leßten Referenten, Ober-Forstmeisters Dan>elma n n- Eberswalde, welcher zu dem Gegenstande „Forstcultur“ beantragte: es möge eine Er- hebung über die zur Aufforstung geeigneten Oedlä ndereien veranlaßt weiden. :

Mit diesem Gegenstande war die Tagesordnung erledigt, und der Vorsitzende {loß hierauf die diesjährige Session des Landes-Ocko- nomiecollegiums.

Dante nte in Jtalten: Die diesjährige Hanfernte in Italien hat nah dem „Bolletino di Notizie agrarie“ 585 783 Doppel-CGentner gegen 710762 im Vorjahre ergeben. i Auj die verschiedenen Regionen vertheilt sich dieselbe wie folgt: 1892 1891 42 790 16 801 48 472 1616 408 808 23 399 12 940 6 021 11 698 130 595 8 422

Piemont

Lombardei

Venetien

Ligurien

Emilien 315 149 Marken und Umbrien . . . 26194 Tosfana 9 591 Latium 2 408 Adriatishe Südregion . . . 10264 Mittelmeer Südregion . . 104 966 Sizilien

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs: Maßregeln.

Cholera. :

Mit Bezug auf die jüngste Veröffentlihung des Geheimen Medizinal-Raths Professors von Pettenkofer in München (vgl. Nr. 273 des „R.- u. St.-A.*) hat sih der Geheime Medizinal-Rath Professor Birhow, wie die „Voss. Ztg.“ mittheilt, in seiner jüngsten Norlesung etwa folgendermaßen auégesprohen: Es ist {hon wieder- bolt vorgekommen, daß man Mikroorganismen unberectigt die Schuld an Krankheiten zugeschrieben hat; so ist es z, 2D, au< dem Gâährungépilz ergangen, bis man sich dur den Thierversuh - von der Unschädlichkeit desselben überzeugte. Was nun die von Pettenkofer hervorgehobene Wichtigkeit der örtlichen Verhältnisfe betreffe, so sei diese au<h früher keineswegs verkannt worden; allein das einzig Wichtige sei die locale Disposition nicht. Denn aus dem Umstande, daß an einer Stelle der Erde si< ein Fichtenwald, an ciner anderen ein Tannenwald befände, könne man zwar auf eine besondere Disposition dieser Stellen für das betreffende Wachsthum schließen, jedo<h kämen diese Bäume au< an anderen Orten fort; das wichtigste dabei sei eben, daß die Träger des Lebens, Keime, Samen und Sporen, dorthin gelangten. So fei es au mit der Cholera und den Choleräbacillen. Diese leßteren scien das

.

wichtigste, fänden aber in dem einen Organismus die günstigen Be-

„machung er assen,

dingungen zur Erzeugung der Cholera, während sie den anderen vasiirtea. ohne Schaden anzurihten. Die Bacillen seien alfo wohl die Ursache der Krankheit, machten- aber die Krankheit nicht aus; sie seien nicht die Krankheit felbst, fondern diese bestehe vielmehr in den unter günstigen Bedingungen durch sie hervorgerufenen Reactionen.

Hamburg, 19. November. Der Senat hat eine Bekannt- worin Allen, die zur Bekämpfung der eigetragen haben, namentli<h _au<h für die von auswärts aus anderen Staaten und Städten Deutsch- lands geleistete reiche Pie dur< Hilfscomités , Aerzte und Krankenpfleger der herzlihste Dank des Senats ausgesprochen wird. Gleichzeitig wird angeordnet, daß am nächsten Bußtage, 9%. November, in allen Kirchen des hamburgishen Staatsgebiets ein allgemeines Da nfkfest stattfinden foll. i

Pet, 18. November. In den. leßten 24 Stunden sind hier fünf Personen an Cholera erkrankt und zwei gestorben.

Die Einfuhr von Lumpen, alten Kleidern, gebrauhtem Bettzeug und gebrauchter Leib- und Bettwäsche aus Frankrei< nah Elsaß-Lothringen, welhe unterm 31. Juli d.-J. mil NRücksiht auf die Choleragefahr. verboten worden war, ist infolge einer Anordnung des Ministeriums für Elsaß-Lothringen künftig wieder zugelassen.

Choleraseuche

Frankrei <.

Die französishe Regierung hat angeordnet, daß Herkünfte aus deutschen Häfen fortan nur so lange Zeit in Quarantäne ge- halten werden sollen, als zur Vornahme der fanitätspolizei- lihen Controle und der vorgeschriebenen Desinfections- maßregeln erforderlich ist.

Portugal.

Durch eine im „Diario do Governo“ vom 14. November 1892 veröffentlichte Verfügung des Königlich portugief ishen Ministeriums des Innern werden die Häfen Lorient und Toulon für „von Cholera

verseucht“ erklärt. : Griechenland.

Die Königlich griechishe Regierung hat verfügt, daß Postkolli und Muster ohne Werth aus choleraverdähhtigen Landern fortan in Griechenland wieder zugelassen werden. (Vergl. „N Nr. 221 vom 19. September 1892) Desgleichen ist die Einfuhr von tro>enen Fellen wieder gestattet worden. (Vergl. „R.-A.* Nr. 235 vom 5. Oktober 1892.)

Theater und Musik.

Königliches Opernhaus.

Der dritte Symphonie-Abend der Königlichen Kapelle, welcher gestern unter,Leitung des Königlichen Hofkapellmeisters Wein - gartner stattfand, wurde mit Mendelsfohn’s poesievoller Ouverture zum „Sommernachtstraum" eröffnet. Dann folgte die Symphonie von Brahms (D-dur), welche von den zahlreich erschienenen Zuhörern mit Begeisterung aufgenommen wurde. Wenn son bei vielen Com- positionen dieses Meisters die Annäherung an die Gedankentiefe Becetboven?s empfunden wird, so ist es bei diefer Symphonie ganz besonders der Fall. Jedes der vielen verschiedenen, von großer Selbständigkeit der Erfindung zeugenden Motive der beiden Hauptsäße is stets ein Glied in der Kette ciner organisch zusammengefügten Gedankenentwi>elung, fodaß der Eindru> des Einbeitlichen nie verloren geht. Der dritte, dur sprudelnden Humor fesselnde Allegrosay wurde auf Verlangen wiederholt. Daß Brahms viel eher die allgemeine Anerkennung seiner Werke erlebt, als es Beethoven vergönnt war, is zum 1458 Theil der ausgezeichneten Ausführung durch unsere in neuerer Zeit so vervollklommneten Orchester zu verdanken. Den Beschluß des Abends machten Webcr?v Ouverture zu „Abu Hassan“ und die vierte Symphonie von Beethoven (B-cdar). Beide Werke wurden mit einer folhen Virtuosität und Tiefe der Auffassung vorgetragen, daß auch ihnen rauschender Beifall folgte. Der vierte Symphonie- Abend findet am 2. Dezember statt.

__ _Lessing-Theater.

Die erste Aufführung des Schauspiels „Ralsen wider Nalsen* von R. Grelling fand gestern Abend bei einem schr freundlich gestimmten Publikum eine wohlwollende Aufnahme. Man hat in jüngster Zeit so oft Vorgänge aus dem Gebiet der Pathologie als dramatische Hebel auf der Bühne ers&cinen sehen, daß es nicht ver- wunderlih erscheint, wenn nun einmal verwi>elte gesellshaftliche Fragen, die eigentli<h nur eine Betrachtung vom Meoralstand- punkte aus vertragen, der Abwechselung halber vom Stand- punkte des praktishen Juristen aus dramatis< behandelt werden. Der Verfasser des neuen Schauspiels, selbst Jurist, ist wohl veranlagt, die Tragik eines Menschenschi>sals, wie es ih etwa aus den Acten eines Prozesses ergiebt, bühnengere<t und funstgereht zu gestalten. Er bemüht sih in feinem neuen Werk unter dem De>mantel eines Prozeßhandels eine hon oft aufgeworfene heifle Frage, ob nämli<h cin Mädchen einen Makel eingestehen müsse, ehe es einem Gatten die Hand reiht, zu beant- worten. Der juridishe Standpunkt giebt hier den Ausschlag. Der Verfasser erläutert, daß jedem Verbreher ein Ver- \{weigen und Leugnen seiner Schuld als ein selbstverständliches Necht zugestanden werde, und dieses Necht nimmt er auch. für das gefallene und verlassene Weib in Anspruh. Der Arodet „NRalsen wider Ralsen“ wird also durh eine Versöhnung der eiden Gatten ab- geschloffen. Inwiefern diese juristische Auffassung mit der Sittenlehre in Uebereinstimmung ebraht werden kann, davon s{hweigt der Ver- fasser; aber das Publikum scheint er troß der aufgewen- deten Menge fkluger und scarfsinniger Gedanken, fklang- voller Reden und leidenschaftlicher emüthsausbrüche nit von seiner Meinung überzeugt zu haben. Die Zuhörer zeigten sich wohlwollend, aber nit ergriffen, obwohl der Verfasser seine Ansicht nit nur juridis< mit großem Scharfsinn, sondern auch fünstleris< mit bedeutendem dramatishen Geschi> verfohten hat.

__ Der Gatte, der belastende Liebesbriefe seiner Frau nah fünf- jähriger glü>liher Ehe entde>t, wendet sih Rath fordernd gerade an den Rechtsanwalt Marks, der der Urheber jener unheilvollen Epistel ewesen ist; die Frau verlangt von ihrem früheren Geliebten, daß er fein altes Unrecht jeßt, selbst auf Kosten seiner eigenen Chre, wieder

ge mache; daraus entwi>elt sich ein zweites tragishes Motiv, das die heilnahme fast lebhafter in Anspruch nimmt, als das erste. Das Stü> endet, wie {on angedeutet, mit der Versöhnung der Gatten, und der vor seinem Gewissen ehrlos gewordene Rechtsanwalt, der seinen eigenen Mandanten ang irre geführt hat, vers{<windet stumm von der

Bühne; in diesem Abs{hluß tau<t es wie ein Dämmerschein von sittliher Gerechtigkeit auf, da der Hauptschuldige seinen inneren Ge- wissensqualen überliefert wird, während den anderen beiden do< no< ein Erdenglü> zu winken scheint.

Der Handlung fehlt es also im allgemeinen keineswegs an dramatischer Kraft; aber die mangelhafte Ableitung und Begründung des Conflictes erscheint als ein die Wirkung abs<hwächender Factor. Der Gatte entde>t die vorehelihe Schuld seiner Frau dur ein Pä>chen Briefe im Nachlasse seiner Schwiegermutter; der Rechts- anwalt Marks wird dem betrogenen Gatten und vertrauenden Clienten gegenüber ebenfalls dur<h Briefe, die der spiubübische Burcauvorfte er Lips aufgestêbert hat, in seiner Ehre bloßgestellt. Die Theilnahme der Zuschauer für die seelishe Cntwi>kelung und die Willensentsceidungen der Menschen, die dur rein äußerliche Zufällig- keiten beeinflußt werden, blieb daher fortgeseßt gering. Die Charaktere büßten den allein fesselnden Reiz des wirklichen Lebens ein und er- schienen wie Scheingestalten, die si<h als blutlofe Träger eines klug ersonnenen Gedankens über die Bühne bewegten.

Sehr sorgfältig, etwas breit aber offenbar genau na< der Wirk- lichkeit hat der Verfasser in seinen scenishen Bildern den A grund für seine Hauptpersonen gezeihnet. Das Leben im Bureau eines Nechtsanwalts, das Treiben in den Vorsälen des Gerichts konnte wohl faum in den äußeren Umrissen wahrheitsgetreuer wieder- gegeben - werden; da aber, wo der Verfasser mit wenigen

Ea einen Charakter zeihnen will, versagt feine Kraft; die ren Rechtsanwälte, von denen im diitten Act wohl ein Dußend vorgeführt werden, machen in ihrer Unter- haltung einen ershre>end oberflächlihen und leichtfertigen Eindru>. Glänzende Beredsamkeit, bewundernswürdigen Scharfsinn und Fein- heit des Gedankens entwi>elt inmitten aller Rechtéanwälte, die über die Bühne \{<wirren, nur ein Weib, Frau Ralsen, die im leßten Aufzuge ihrem Gatten gegenüber mit vollem Erfolge für ihre Frei- sprechung plaidirt. i Die Hauptrollen waren den besten Darstellern der Bühne zuge- theilt worden. Fräulein Reisenhofer als Frau Ralsen shmeichelte und flehte in den weihsten Tönen mit bestri>endem Sinnenreiz; sie war die rehte Vertreterin für eine Frau, die den Willen eines von ihrer Jugend und Schönheit unterjochten, älteren Mannes beugen will; ihrer zornigen Entrüstung, dem unerbittlichen, gebieterishen erlangen gane dem früheren Geliebten wohnte aber eine eisige älte, eine deépotishe Rachsucht inne, die mehr dem Verstande und der Willenskraft der unglücklichen Frau entspringen, als ihrem Herzen. Ein volles, warmes Herz trug nur der Gatte in der Brust, und

das brachte Hcrr Molenar in der sto>enden, st merzbewegten Rede

glülih zur Geltung. Herr Reicher hatte als Rehtsanwalt Marks eine doppelte Maske zu tragen; er sollte den leichtsinnigen Lebemann mit dem ernsten Arbeiter in einem hohen Beruf verbinden, und fo weit dies möglih war. gelang es ihm überraschend gut; je mehr das Pflichtbewußsein im Verlaufe der Handlung den Leichtsinn zurückdrängt, um fo mehr trat die shauspielerishe Kraft des Darstellers in dem lebendigen Mienenspiel hervor, das den Gedanken widerspiezelt. Jn fleineren Rollen leisteten uno< die Herren Höcker und Schönfeld Anerkennenswerthes. :

Der Verfasser wurde wiederholt vor die Gardine gerufen, um die Anerkennung der Zuschauer entgegenzunehmen.

Am Montag geht im Königlichen Opernhaufe „Die Hoch- zeit des Figaro“ mit den Damen Leisinger, Herzog, Dietrich, Kopka und Hellraicth - Bräm, den Herren Bulß, Krolop, Stammer, Lieban und Michaelis in Scene. Am Dienstag gelangt „Djamileh" mit den Damen MNothauser. und Urbanska den erren Philipp, Schmidt und Lieban zur Aufführung Darauf folgt „Cavalleria rusticana“ mit ‘den Damen Pierson, Dietrich und Lammert, deu Herren Sylva, und Fränkel , den Beschluß bildet das Tanzbild „Slavische Brautwerbung“. —— Herr Kapellmeister Weingartner hat seine Oper „Genesius* zurü>gezogen. |

Der Spielplan der Königlichen Oper für die Zeit vom 90. bis 26. November lautet: Sonntag: „Lohengrin“, Montag: „Die Hochzeit des Figaro“, Dienstag: „Djamileh*, „Cavalleria rusticana“, -Slavishe Brautwerbung*, Mittwoh: „Meistersinger von Nürn- berg“, Donnerêtag: „Carmen“, Freitag: „Cavalleria rusticana“, „Der Barbier von Sevilla“, Sonnabend: „Tannhäuser“.

Am Mittwoch bringt das Königlihe Schauspielhaus als Neuh-ir Molière?'s Lustspiel „Die gelehrten Frauen" in der Ver- deut!{<ung von Ludwig Fulda. Als Anfangsstü> U an diesem Abend der neu einstudirte „Geiger von Eremona® von Francois Ceppée, überset von Wolf Grafen Baudissin, gegeben. Tiese Vorstellung wird am Freitag und Sonnta wiederholt. Auch der Montag ist Molière gewidmet dies die Aufführung des Lustspiels „Der eingebildete Kranke“. Voraus gehen diesem „Das Buch Hiob" und „Die Prüfung“. Am Dienstag wird „Donna Diana“, am Donrverstag „Der neue Herr" gegeben. IC Sonnabend bringt nah längerer Pause Schiller's „Wilhelm Tell”.

Im Deutschen Theater werden morgen „Der Misanthrop“ und „Die Neuvermählten“, am Montag „College Crampton“ ge- geben. Für die weiteren Tage der Woche ist der Spielvlan felgen- dermaßen festgestellt: Dienétag „Lolo's Vater“, Mittwoh „Die Räuber“, Donnerstag „Der Pfarrer von Kirchfeld“, Freitag „Der Misanthrop", vorher „Die Geschwister“ Sonnabend „Lolo’'s Vater“.

Fm Berliner Theater geht das Sardou'’sche Schauspiel „Dora“ am Montag, Dienstag, Donnerêtag und Sonnabend in Scene. Morgen Abend wird „Julius Cäsar“ mit Ludwig Barnay in der Rolle des Marc Anton aufgeführt; diese Sonntagsvorstellung beginnt auënahmêweise bereits um 7 Uhr, da der kir<lihen Todten- feier wegen die di-émalige Nachmittagsvorstellung am Sonntag aus- fällt. Jn dem seit längerer Zeit nicht dargestellten N L der mit Ludwig Barnay in der Titelrolle am Mittwoch zur Auf- führung kommt, wird Anna Haverland zum ersten Male die Nolle der Margarethe spielen. Für Freitag (13. Abonnements-Vorstellung) ist „Wallenstein's Tod* mit Ludwig Barnay als Wallenstein angeseßt.

Eleonora Duse beginnt am Montag ihr Gastspiel am Lessing- Theater mit der „Cameliendame“, um sodann am Mitt- woh als zweite Gastvorstellung die Gräfin Clothilde in „Fernande“, am Freitag als dritte Rolle die „Nora“ und am Sonnabend als vierten Gastspiel-Abend Sardou's Schauspiel „Fedora“ zur Darstellung zu bringen. Für die übrigen Tage der Woche is der Spielplan dahin festgestellt, daß am Dienstag „Die Orientreise“ gegeben wird, während am Donnerstag eine Wiederholung von Richard Grelling's Schauspiel „Nalsen wider Nalsen“ stattfiadet.

Im Wallner-Theater gelangt morgen Hermann Sudermann's Schauspiel „Die Ehre“ zur ersten Autilibrina und wird am Montag wiederholt. Im übrigen lautet der Spielplan der neuèn Woche wie folgt: Dicustag: „Die Großstadtlust“; Mittwoh: „Die Chre“; Donnerstag: „Die Großstadtluft“ ; Freitag: „Sodoms Ende* ; Sonn- abend: „Die Ehre“; Sonntag: „Die Großstadtluft“.

Im Friedrih-Wilhelmstädtishen Theater werden morgen „Das Mädchen von Elisonzo“, „Der Ehemann vor der Thüre“ und „Dorothea“ einmalig gegeben. _

Der Spielplan des Kroll’ schen Theater für die laufende Woche isst folgender: Sonntag: „Fidelio“ (Leonore: Frau Moran- Olden als Gast); Montag: „Der Freischüß“ ; Dienstag: „A Santa Lucia“ mit Gemma VBellincicni (Rosella), Roberto Stagno (Cicillo) und Juan Luria (Totonnoh); Mittwoch: Concert von Felix Bevier unter Mitwirkung von Frau Moran-Olden, der Hof-Pianistin Elisabeth Jeppe und des Herrn Theodor Bertram; Donnerêtag: unbestimmt; Freitag zum ‘ersten Male: „Mala Vita“, Melodrama in 3 Actea von Umberto Giordano , in den Hauptpartien mit Gemma Bellincioni, Frau Moran-Olden, Noberto Stagno und Juan Luria; Sonnabend: Concert von Felix Berber.

Im Belle-Alliance-Theater wird am morgigen Todten- fonntag zu ermäßigten Kassenpreifen (Balcon 1 4, Parquet 1 #, 90 u. st. w.) das Schauspiel „Am Altar“ nach dem gleichnamigen Noman von E. Werrer gegeben.

__ Im Adolph-Ernst-Theater gelangt morgen, am Todten- sonntag, statt des Nepertoirestü>s „Die wilde Madonna" „Berlin, wie es weint und lacht“ von Kalisch zur einmaligen Auführung.

Die morgige Aufführung von „Der Einsam“ im Thomas- Theater ist die leßte Sonntagsvorstellung dieses Volksstücks. Herr Director Hofpaucr wird mit seiner Gesellschaft bereits im Laufe der néucn Woché eines der humoristishen Stücke seines Spielplans zur Au}führung bringen. :

Fräulein Fanny Copca wird in ihrem am Dienstag Abend 8 Uhr in der Sing-Akademie stattfindenden Concert außer der Kerker-Arie aus Boito’s „Mefistofele" und Arditi's , arla-Walzer Lieder von Bach, Shumann, Schubert, Franz, Raff, Petri und Bizet zu Gehör bringen. Für das Concert der Sopranistin „Frau Milly Martina im Saal Bechstein am 22. d. M., Abends 75 Uhr, hat der Violinvirtuose Herr Soma Pi>-Steiner seine Mit- wirkung zugesagt; die Concertgeberin wird u. a. die Rosen-Arie aus „Figaro?s Hochzeit“, die Proch’schen Variationen und eine Reihe Grieg?’scher Lieder zu Gehör bringen. j

Das Concerthaus veranstaltet am Montag einen „Schubert- Beethoven-Abend“. Das Programm wird die Symphonie Ak. 2, B-dur, von Schubert, die Ouverture „Rofamunde“ von SQU ert, Lieder aus dem Cyclus „Die {<öne Müllerin“ von Schubert, ge ungen von Fräulein Clara Nitschalk, die Ouverturen „Leonore 11 und zu „Fidelio“ von Beethoven 2. enthalten.

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Preußischer Landtag. Haus der Abgeordneten.

3. Sißung vom 18. November 1892.

Der Sizung wohnen bei der Präsident des Staats- Ministeriums, Minister des Jnnern Graf zu Eulen- burg, der Finanz-Minister Dr. Miquel, der Minister für B und Gewerbe O von Berlepsh und der Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen.

Auf der Tagesordnung steht die erste Berathung des Gesezentwurfs wegen Aufhebung directer Staats- s)steuern in Verbindung mit der Denkschrist über die Steuerreform.

Finanz-Minister Dr. Miquel:

Meine hocverehrten Herren! Gestatten Sie mir, Ihre Ver- handlungen dur einige Bemerkungen einzuleiten. Sie haben seit zehn Tagen die Jhnen zugegangenen Drucksachen in der Hand, welche ‘die Geseßentwürfe im einzelnen und den Gesammtplan der Neform nach allen Richtungen motiviren, und ih kann mich daher auf einige ergänzende und no< weiter erläuternde Ausführungen beschränken. Zuvörderst, meine Herren, darf ih wohl mit Ihrer Aller Zustimmung feststellen, daß dieses Reformwerk, welches Ihnen jeßt zur Beschluß? faffung vorliegt, die getreue Erfüllung derjenigen Zusagen und Ver- sprechungen ist, welche die Staatsregierung bei der Berathung der- jenigen Geseßentwürfe, die den ersten Schritt auf der Bahn der ge- reten Vertheilung der Staats- und Communalsteuern bildeten, Ihnen gegeben hat. /

Von vornherein hat die Staatsregierung ausgesprochen, daß es bei diesem MReformwerk ihre Absicht nicht sei, die Einnahmen der Staatskasse zu erhöben, daß sie vielmehr die Mehrerträge, welche die reformirte Einkommensteuer bringen würde, lediglih zu verwenden gedächte, um die weiteren Neformen zu erleichtern. Nun, meine Herren, dies Wort löst hiermit die Staatsregierung ihrerseits ein. Troßdem, daß si inzwischen die Finanzlage des Staats ih werde darauf noch zurütkommen in feiner Weise verbessert hat, vielmehr augen- bli>lih ein, im ganzen, trübes Gesicht zeigt, hält sie an dieser Zusage im vollen Maße fest. Auf der anderen Seite, meine Herren, brauche ih Jhuen, die Sie die Lage der Staatsfinanzen Fennecen, au<h ni<ht auseinanderzuseßen, daß es geradezu unverantwortlih wäre, wenn in der gegenwärtigen Lage des Staats die Staatsregierung auf feste, sichere Einnahmen verzichten wollte, welche sie in den Nealsteuern besitzt, ohne dafür den entsprechenden vollen Ersaß zu haben. So lange diese Anschauung nicht bestritten wird, glaube i< darauf niht weiter zurü>fommen zu follen. Wir müsscu uns Alle klar machen, meine Herren, wie au<h die Staats- regierung {hon in den Motiven zum Einkommensteuergeseß von vorn- herein betont hat, daß jede Reform des Steuerwesens ihre natürliche Schranke in der allgemeinen Lage der Staatsfinanzen findct, daß dieser Gesichtspunkt au<h heute maßgebend bleiben muß. Wenn Sie nicht geneigt wären, der Staatsregierung in der Nichtung entgegenzukommen, fo ist die Reform, wie sie Ihnen hier vorges<hlagen wird, undurh- führbar. (Sehr richtig! rechts.)

Meine Herren, aber auch na< einer andern Richtung, nach der eigentlih materiellen Seite der Reform, bewegt sie sih na< der Ueberzeugung der Staatsregierung vollständig in dem Kreise derjenigen Anschauungen, derjenigen Wünsche, derjenigen Anträge, welche hier seit Jahrzehnten im Landtage, wie im Abgeordnetenhause so im Herrenhause, fo vielfa beredten Ausdru> gefunden haben, und die sich {{ließli< verkörpert haben in der Gesetzesbestimmung des $ 82 des Eintommensteuergeseßes.

Wer die e B Hauses durchgelesen hat, der wird fh leicht überzeugt haben, d seit dein Jahre 1865, wo bercits damals in dem Berichte der Budgetcommission mchr oder weniger bestimmt, mehr oder weniger klar die Nothwendigkeit ciner allmählihen Um- wandlung der Grund- und der Gebäudesteuer in communale Steuern ausgesprochen war, daß, sage ih, seit dieser Zeit fast in jeder Session von den hervorragendsien Rednern, bei den verschiedensten Gelegenheiten und aus allen Parteien heraus der Gesichtzpunkt der Nothwendigkeit der Verminderung der Bodenbelastung auf der cinen Seite, und auf der anderen Seite die Erleichterung der Communen in den Vordergrund gestellt worden ist. Ich werde zur Zeit darauf nit näher eingehen ; aber i< kenne kaum einen hervorragenden Nedner der vor mir sißenden Herren, der diesen Gesichtspunkt nicht aus- gesprochen hätte.

Nun, meine Herren, ih will niht behaupten, daß diese Gedanken, dic aus einem Gefühl vorhandener Mißstände entsprangen, vollständig lar gewesen wären, daß man einig gewesen wäre über die Richtung und die Art der Ausführung. Gewiß niht! Wir werden Gelegenheit haben, später darauf zurü>zukommnen. Der eine Redner stellt bei der Forderung der Ueberwcisung von Grund- und Gebäudesteuer den Gesichtspunkt der Erleichterung der Communen in den Vordergrund; der andere Nedner denkt nicht an die Communen, fondern an die Kreise, der dritte an die Provinzen; der vierte will theilen unter diefen verschiedenen Körperschaften. Wieder andere Redner stellen in den Vordergrnnd den Gesichtspunkt der Beseitigung der Doppelbesteuerung, der Vorbelastung des Grund und Bodens und der Gewerbe. Der eine will wirkli auf die Realsteuern verzichten, um dieselben in Communalsteuern zu

verwandeln; der anderc will den Communen Zuwendungen in be-"

stimmten Beträgen machen aus den Erträgen dieser Steuern, die dann vollständig bestehen blicben. Jun allen diesen Beziehungen ift weder Klarheit no< Uebereinstimmung. Und ganz naturgemäß! Weil eben der Zeitpunkt praktischer Ausführung noch zu weit von uns lag, weil man sih no< nit eine concrete Situation denken konnte, unter welcher die Ausführung solcher Pläne mögli<h war. Nun, meine Herren, die bis dahin no< mehr oder weniger unreifen Gedanken sind nach der Meinung der Staatsregierung jetzt reif geworden. Wir sind in den wesentli<hsten Punkten, wie ih glaube, cinig, und ih glaube auch nicht, daß in der großen Mehrheit des Hauses große Spaltungen und Meinungsverschiedenheiten über die Grundlagen des vorliegenden Reformplans vorhanden sind.

Zweite Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preußischen Staals-Anzeiger.

Berlin, Sonnabend, den 19. November

Meine Herren, wenn wir jeßt in den Zielen und Wegen ‘im allgemeinen einig sind, so haben wir glü>liherweise in diesem Augen- bli> ein Zusammentreffen von Umständen, welche die Ausführung au finanziell mögli<h machen. Wir werden ja auf diese Frage nachher noch zurü>fommen. Ih möchte Jhnen nur ans Herz legen, meine Herren, wenn Sie diesen gegenwärtigeu Augenbli>, wo wir 40-Millionen in der Hand haben, welche no< ni<t zu andern Zwe>ken des Staates verwandt oder bestimmt sind, wo wir die Mittel aus den Ueber- weisungen der Korn- und Viehzölle an die Kreise verwenden können für die Reform, wenn Sie diesen Zeitpunkt vorübergehen lassen, wenn Sie über diese Mittel disponiren, ohne daran eine grundlegende Re- form zu knüpfen in dem Sinne, den das Abgeordnetenhaus felbst immer vertreten hat, dann müssen Sie sich sagen, daß ein folcher Zeitpunkt vielleiht niemals wiederkehren wird, (fehr richtig! rets) jedenfalls nit bei unsern Lebzeiten, daß, wenn Sie diese Neform jetzt zurückziehen, dilatoris< behandeln, sie wahrscheinli<h auf immer un- möglich sein wird. (Sehr wahr! rets.)

Nun, meine Herren, wenn, man die bestehenden Einrichtungen und Zustände umgestalten will, so muß man vor allem si< klar sein über die Uebel und Mißstände, welche zu beseitigen sind, über ihre Gründe fowie über die Mittel, welche uns dazu zu Gebote stehen.

Worin haben nun in Betreff unseres staatlihen Steuersystems bisher die Klagen und Beschwerden bestanden? Sind diese Beschwerden allmähli<h geringer oder stärker, berechtigter oder unbere<htigter ge- worden? Meine Herren, der erste Saß in den Motiven zum neuen Einkommensteuergescß lautet dahin: wenn die Einkommensteuer, die Persfonalfteuer, in dem Sinne dieses Gesetzes reformirt wird, so wird diese Personalsteuer die Hauptträgerin des ganzen staatlichen Steuer- systems; in den Vordergrund wird die Leistungsfähigkeit treten, die Per- fonalbesteuerung wird die Nealbesteuerung überragen und wird \<ließ- lich mit ihr, weil beide auf entgegengeseßten Principien beruhen, völlig unverträglich werden, die eine oder die andere würde in Zukunft weichen müssen. Wir stehen vor der Frage, auf welhe Seite wir uns neigen wollen.

Ich will die in der Denkschrift skizzirte Geschichte der Entwi>klung des preußischen Staatssteuersystems hier ni<ht wicderholen. Meine Herren, Sie werden sich so viel jedenfalls aus der Denkschrift über- zeugt haben, daß dies gemischte Staatsfteuersystem das Nebeneinander- bestehen der Realsteuern und Perfonensteuern, in Preußen nicht aus berehtigten, au< niht damals berechtigten volfswirthschaftlichen Gesichtspunkten, sondern aus fiscälishen Rücksichten entstanden ift. Erträglich ist ein folcher Zustand, so lange die Perfonalsteuer no< unbedeutend, das Einkommen nicht voll erfaßt ist. Unerträglichh wird ein solcher Zustand aber, wenn, wie beute, das volle Einkommen, einerlei aus welchen Quellen es au< hervorgeht, durch die Perfonal- steuer erfaßt wird, und zwarzmit Sätzen, die bis zu'4% des Ein- fommens fteigen.

Meine Herren, in der Denkschrift ist ausgesprochen : Der Aufbau der Staatssteuern - auf dem Priucip der Leistungsfähigkeit ist abfolut unverträgli<h mit dem Bestehen der Realsteuer neben der Perfonal- steuer. Die Personalsteuer untersu<ht die Steuerkraft des einzelnen Steuerpflichtigen und berücsichtigt die versönlihen Verhältnisse sogar über die Differenz des Einkommens hinaus. Die Realsteuer kümmert sich gar niht um die persönlichen Verhältnisse des einzelnen Steuer- pflichtigen ; sie belastet bestimmte Objecte nah angeblich rihtigen, aber au< no<h sehr ungleichen Durchschnittssäßen ohne alle Nücksiht auf die Leistungsfähigkeit des zeitweiligen Besißers dieses Objects. Des- wegen tönnen da auch ni<ht Berüäsichtigungen der persönlichen Ver- bâltnisse stattfinden, wie das ja bei der Grundsteuêr ebensowenig wie bei der Gebäudesteuer und bei der Gewerbesteuer nur in unvolllommenem Maße thatsächlich der Fall ist. Deswegen können die Schuldenzinsen nit abgezogen werden: deswegen wird der kleine und große Grund- besißer gleihmäßig belastet, deswegen zahlt der vers<huldete und un- verschuldete genau diesclbe Summe: deëwegen wird der Gewerbe- treibende, der mit fremdem Kapital arbcitet, ebenso zur Steuer heran- gezogen wie der in viel besserer Lage befindliche, der mit ‘eigenem Kapital arbeitet da ift also voller Gegensatz gegen das Princip der Leistungéfähigkeit.

Meine Herren, es kommt aber hinzu, daß gerade besonders unser Realsteuersystem no< sehr unvollkommen ist, ungleih und unvoll- ständig, und zweitens, meine Herren i< glaube das in der Denk- schrift klar bewiesen zu haben —, daß wir nicht in der Lage sind, in Preußen das bestehende Realsteuersystem wefentli<h zu verbessern.

Unsere Grundsteuer das is allgemein anerkannt if schon ursprünglih ungleih veraulagt, wie das au<h kaum in einem Staate von der Größe Preußens mit so verschiedenartigen klimatis<hen Bod-n- und Verkehrsverhältnissen anders zu erwarten war. Es giebt auch in der Grundsteuer felbst nah den Principien der Grundsteuerveranlagung ganz überlastete Districte: aber die Grundsteuer, {hon ursprünglich ungleich, ist no< immer ungleicher geworden durch die inzwischen einge- tretenen Verschiebungen in den Ertrags- und Werthverhältnissen des Grund und Bodens.

Die Gebäudesteuer wird alle fünfzehn Jahre neu veranlagt. Jn der Zwischenzeit ist sie völlig stabil.

Die Gewerbesteuer hingegen wird nun wieder na<h ganz anderen Principien angelegt: bei der Grundsteuer dur<schnittli<he Ertrags- fähigkeit des Bodens, bei der Gebäudesteuer Durhschnitt der erhobenen Miethen, bei der Gewerbesteuer endlih Jahresertrag und Anlage- und Betriebskapital. - Eine Harmonie in dies Steuersystem zu bringen, diese Realsteuern untereinander gleihmäßig zu gestalten, ist nah meiner Ueberzeugung cin ganz vergeblicher Versuch und wird niemals geliugen. Nun, meine Herren, ist aber das Realftcuerfystem daneben durchaus unvollständig geblieben. Wenn man einmal den Besiß als solchen treffen will, so ift niht abzusehen, warum da niht auch die Kapitalrentensteuer eingeführt ist: das Kapital hätte eine folhe Vor- belastung, da es nur \chuldenfrei versteuert werden würde, vielleicht no<h am ersten ertragen können. Die Versuche sind in dieser Be- ziehung gemacht, meine Herren, aber ni<ht an dem s{le<ten Willen, sondern an den inneren Schwierigkeiten gescheitert, namentlih an der

1892,

wohl fast unüberwindlihen Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen NRentenkapital und gewerblihem und Betriebskapital im einzelnen Falle.

Meine Herren, i< glaube auf diese Frage ni<ht weiter eingehen zu müssen, um Ihrê Aufmerksamkeit nicht zu lani® in Anspruch zu nehmen; denn ih bin der Ansicht, daß die Meinung, das Realsteuer- \system wäre an sich rationeller neben dieser jeßt hochentwi>elten Personalsteuer, im boben Hause nur sehr wenig vertreten ist. Ich bin der Meinung, meine Herren, daß selbst diejenigen, die der Bei- behaltung dieses gemis<hten Systems im ganzen geneigt wären, doch fih sagen müßten, daß dann eine gründliche Reform sowohl der Grund- und Gebäudesteuer, als der Gewerbesteuer wieder nothwendig werden würde; und daß diese in Preußen unausführbar ist, meine Herren, dieser Gesichtspunkt hat die Staatsregierung dazu führen müssen, daß sie sagt: mit halben Maßregeln ist es in diesem Falle nicht gethan; eine gründliche Reform is nur dann befriedigend und heilt die vor- handenen Uebelstände der Ungleichheiten, wenn sie eine Neform an Haupt und Gliedern ift.

Meine Herren, die Realsteuern find innerhalb des Staats starr, ih möchte sagen todt, unentwi>lungsfähig; wirken fie im Com- munalverbande, so würden sie lebendige Glieder des Finanzwesens der Gemeinden werden fönnen. Da ist Entwi>elungsfähigkeit möglich; da können die Veränderungen, die im Werth und in den Ertrags- verbältnifsen im Laufe der Zeit oder local sih entwi>eln, zwe>mäßig berü>sihtigt werden; hierhin gehören die Realsteuern! Wenn die Klagen über die Noth der Gemeinden berechtigt find, wenn dieses ins ungemessene Heranwachsen der Zuschläge zur Personalsteuer für die Gemeinden heißt: sichere und steigende Ausgaben und=zufällige, ganz schwankende, unsichere Einnahmen, dann, meine Herren, wird tein anderer Weg übrig bleiben, als daß der Staat auf die Realsteuern zu Gunsten der Gemeinden verzihtet. Dieser Verzicht bildet die einzige Möglichkeit grundlegender Reform des Communalsteuerwesens.

Meine Herren, wenn Sie bei Ihren Gedanken bleiben, die fo lebendig und selbst heftig und vorwuxfsvoll, damals völlig unbegründet, bier im Hause und von den na<h links gravitirenden Parteien am allerheftigsten ausgesprochen wurden, daß auf die Dauer die Einkommen- steuer ohne eine von der Gerechtigkeit geforderte Unterscheivung zwischen fundirtem und nit fundirtem Einkommen zu den größten Beschwerden und Prägravationen führen müsse, die Steuerkraft nicht richtig treffen würde, wenn Sie, sage ich, dabei bleiben, so kommen Sie wieder auf die Frage der Ahecbung der Realsteuern. Denn ohne Beseitigung der Realsteuern ist eine Besteuerung des fundirten Einkommens nah dem Nettoeinkommen nicht mögli, und eine gleichzeitige Besteuerung desfelben Besitzes in der Form der Bruttobesteuerung und der Netto- besteuerung ist undenkbar. Wo Sic dabei auch hinsehen, meine Herren, überall fommen Sie auf denselben Saß: das System muß geändert werden, man muß die Realsteuern aus dem Staatssteuersystem aus- {<eiden. 1s

Nun, meine Herren, sind ja au gegen diesen nah meiner Mei- nung als ein Ergebniß der modernen Entwi>klung si< darstellenden Say erhbeblktWe Bedenken aufgeworfen und bereits vielfa<h erörtert worden. Ich will einige von diesen Bedenken berühren.

Ein natürliches, aus der Gewohnheit und eigentli<h aus ver- gangenen Zeiten stammendes Gefühl macht Viele bedenklih bei dem Aufgeben der Nealsteuer, namentlih der Grund- und Gebäudesteuer, weil man sich sagt, das ist do< einc fo sichere und feste Grundlage der Staatsfinanzen, daß es doch sehr fühn sein würde, darauf zu ver- zihten. Nun, meine Herren, dem erwidere ih, wie die Erfahrung lehrt, daß au die Einkommensteuer, namentli<h in ihrer heutigen Gestalt, eine re<t sichere, dur<gängig gleichmäßige, mit dem Wohl- stande des Volkes steigende Steuer ist. Die NRealsteuern hattcn im Jahre 1820 cine sehr große Bedeutung, sie machten 18 %% der damaligen gesammten Staatsausgaben aus, heute ohne Berücksichti- gung der Betricbéausgaben nur no< 8 °/6, während andercrseits die Einkommensteuer allein mit 124 Millionen sämmtlihe NRealsteuern bereits wesentlich überragt. Die Grundsteuer kann niht mehr wachsen, sondern nur no< abnehmen. Meine Herren, die Einkommensteuer, soweit sie früher bis in die alleruntersten Stufen- ging, hatte zwar längst nicht eine so sihere Einnahme für die Staatskasse wie die Grundsteuer, aber heute, wo wir von 900 anfangen, und unten fehr bedeutend degressiv sind und geringe Säße erheben, das Schwer- gewicht des Einganges dieser Steuern in die obersten Stufen gelegt ist, meine Herren, da hat diese Frage cin ganz anderes Gesicht be- kommen. Wenn 3 °%% der gesammten Steuerpflichtigen von dem Mehr, was jeßt die Einkommensteuer gebracht hat, allein 28 Millionen zahlen und der Rest des Mehr, soweit es auf die physishen Personen fällt, auf 97% der Steuerpflichtigen sih vertheilt, so ergiebt si von selbst, daß heute die Einkommensteuer cinen ganz anderen Charafter bekommen hat.

Meine Herren, ih glaube also, vom finanziellen Standpunkt aus fann man Bedenken gegen ten Verzicht des Staats auf diefe Real- steuer nit erheben. Nun fagt man: ja, die Grundsteuer und zugleich auch die Gebäudesteuer, jedenfalls die Grundsteuer hat den Steuer- harakter überhaupt gänzli verloren, sie ist cine reine Rente geworden. Ein großer Theil der jeßigen Besitzer, derjenigen, die die Grundstücke erworben haben na< Veranlagung der neuen Grundsteuer, haben diese Grundstü>e bereits erworben abzüglich der Grundsteuer. Wenn also diescn jeßt die Grundsteuer erlassen wird, so ist das eine Schenkung an diese Besitzer, und wie kommt der Staat dazu, der- artige Schenkungen ohne jeden innern Grund zu machen! Meine Herren, wenn Sie das Ueberweisungssystem wählen sollten, wenn Sie die Hälfte der Grundsteuer an die Gemeinden wieder vertheilten, fo fönnte allerdings diefer Gesichtspunkt von Bedeutung sein; dieser Neform gegenüber, meine Herren, paßt aber der ganze Einwand nicht, denu die Reform geht nicht dahin, die Steuerpflichtigkeit der Objecte aufzuheben, sondern ledigli<h umzugestalten. Wir wollcn im wesentlichen die Realsteuern des Staats in Communalsteuern ver- wandeln. Daß dabei die Gesihtspunkte des neuen Verbantes ent- scheidend fein zuilssen für das Verhältniß der Personal- zur Real-