1892 / 285 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Vor der Panama-Untersuhungscommission er- klärte gestern der Director eines Speculationshauses Thierrée, da Baron Reinach bei der Bank von Frankreich 3 900 000 Fr. für Rechnung des Hauses eingezahlt habe, so habe diese 27 Che>s von Reinach eingelöst. Thierrée weigerte fic, die Namen der Empfänger zu nennen; drei Mitglieder der Commission begleiteten infolge dessen Thierrée in sein Geschäftslocal, um die betreffenden Che>abjchnitte einzu- sehen. Dort konnten sie den Betrag sowie die Zahl der Ched>s feststellen; es sind deren se<sundzwanzig, davon lauten zwei auf je eine Million. Der Vice-Präsident der Commission hat ih an den Justiz-Minister Ricard mit dem Antrage gewandt, die Che>s mit Beschlag belegen zu lassen; dieser antwortete, er habe den Antrag dem General-Staatsanwalt zugehen lassen. Der Schreibsachverständige Fl or y, der die Bücher der Panama- Gesellschaft geprüft hat, weigerte sich, Aussagen zu machen, indem er si hinter das ihm obliegende Ge M vershanzte. Die Commission vernahm sodann den Vorgänger Flory's, Ros ignol, der bestätigte, daß Reinah von der

anama-Gesellshaft 9 Millionen Francs einkassirt habe: die Summe sei in den Büchern der Gesellschaft eingetragen, jedo< ohne Begründung. Rossignol gab sodann Einzelheiten über die dur die Panama-Gesellshaft an jedes Journal zur Vertheilung efommenen Summen : die unter der Bezeichnung „Kosten für

eröffentlihung“ ausgegebenen Summen überstiegen 20 NMil- lionen Francs. Ferner erklärte er im Verlauf seiner Ver- nehmung, er habe unter den Namen keine politisch befkanntere Persönlichkeit gefunden.

Bezüglich der gestern erwähnten Erklärung des General- Staatsanwalts Quesnay de Beaurepaire an den Prâä- enen der Panama-Untersuhungscommission - verlautet,

der General-Staatsanwalt darin die Trennung der Gewalten als die Grundlage des öffentlihen Rechts er- kläre. Er sei bereit, in der Vertheidigung der Rechte des Richterstandes und der Advocatur zu fallen, und könne feinerlei Einmischung in “die Sphäre des Gerichts acceptiren. Er wolle nit seine Entlaffung nehmen, fondern seine Absezung abwarten, damit die Frage der Unabhängigkeit der Gerichte principiell gelöst werde. ,

Der General Dodds hat telegraphish angezeigt, daß er am 27. November Abomey verlassen habe und am 30. No- vember in Portonovo angekommen sei. Der Oberst-

Lieutenant Gregoire befehlige die in Abomey zurü>- gebliebenen Truppen. Die Einwohner von Wydah hätten erklärt, die Oberhoheit Frankreichs anzuerkennen. Nach ‘der Beseßung Wydah's werde eine Abtheilung Truppen- nach Allada gehen und direct bis Abomey vorrücken, um die voll- ständige Besezung des Ländes zu sichern.

Ftalien.

Im Senat wies gestern, wie telegraphisch berichtet wird, in Beantwortung einer Interpellation Lambertico's wegen der Weinzollclausel der Minister des Auswärtigen Brin auf die glüdlih beendeten Wiener Pourparlers hin und zählte die Ztalien gewährten Vortheile auf. Alle weinbaulichen Interessen Jtaliens seien gewahrt worden Die Zulassung der seitens nationaler Institute ausgestellten Certificate über die Analyse beseitige endlih gewisse Unzukömmlichkeiten des Erlasses vom 10. August. Er sei fest überzeugt, daß die Weinzollclausel die praktishe Wirkung haben werde, welche die Interessenten gerehterweise erwarten könnten. Lambertico erklärte sich dur die Antwort vollständig zufricden- gestellt. Jn geheimer Abstimmung wurde sodann mit 69 gegen 52 Stimmen die Gültigkeit der Ernennung des früheren Deputirten Zuccaro zum Senator verworfen.

Spanien.

Der Minister des Jnnern Villaverde hat infolge einer Meinungsverschiedenheit über die Frage der Aufiösung der Municipalität von Madrid seine Entlassung genommen. Die Königin-NRegentin unterzeichnete gestern, wie „W. T. B.? meldet, die Ernennung Danvilla's, Vice- Brâästdenten der Kammer, zum Minister des Znnern an Stelle Villaverde's. Der Bürgermeister von Madrid wird seine Entlassung geben.

Belgien.

Vor cinigen Tagen war in Brüssel die Nachricht von einer Niedermezelung der Antisklaverei-Expeditionen unter Capitän Jacques und Capitän Boa am Tanganyka verbreitet worden. Eine gestern von dem Gouverneur des Congostaats in Brüssel eingetroffene Depesche erwähnt dem „W. T. B.“ zufolge diese Vorfälle nicht. :

Griechenland.

Jn der gestrigen Sizung der Kammer legte der Minister Präsident Trikupis das Budget für 1893 vor. Darin beziffern sih, wie „W. T. B.“ meldet, die Einnahmen auf 110 Millionen, die Ausgaben auf 104 Millionen, was also einen Ueberschuß von 6 Millionen ergiebt. Gegenübcr dem jetzigen Budget enthält das neue Budget Ersparungen im VBe- trage von 5 Millionen, darunter 1 Million im Kriegs- budget und 3 Millionen im Budget der öffentlichen Arbeiten. Die Erhöhung der Einnahmen erscheint ver- bürgt dur<h das wachsende Erträgniß der Taba>steuer, die Revision des Zolltarifs, sowie die Reform des eas Der Tonnenzoll der fremden Schiffe und die um 20 Procent erniedrigten Ausfuhrzölle sollen fernerhin in Gold gezahlt werden; sie bringen der Regierung eine Ein- nahme von 81/2 Millionen und sind zur Sicherung der Ver- zinsung der Anleihen, zur Einschränkung dcs Zwangscurses und zur Bezahlung der Münzdifferenzen bestimmt. Trikupis erklärte die Bezahlung des nächsten Coupons für gesichert und hob hervor, daß die Verhandlungen behufs Ueberlassung des Eisenbahnbaues Piräus-Larissa an cine Baugesellschaft auf gutem Wege seien.

Bulgarien.

Der Prinz Ferdinand hat laut Meldung des „W. T. B.“ die Demission des Finanz-Ministers Natschowits< nunmehr angenommen. Der Prinz und die Collegen des Finanz-Ministers hatten sih wiederholt bemüht, Natschowitsch ur Zurückziehung des Entlassungsgesuchs zu bewegen ; dieser estand jedo< auf seiner Demission, au<h nachdem ein in der „Swoboda“ veröffentlichter Artikel die Insinualion des „Malak Vestnik“, daß Natschowitsih gegen die liberale Partei und gegen Stambulow Ränke shmiede, zurü>- gewiesen und die correcte Haltung des Finanz-Ministers her- vorgehoben hatte. Jn der gestrigen Sihung der Sobranje machte sodann der Minister-Präsident Stambulow von dem

Ukas Mittheilung, dur den der Justiz-Minister Sallabashew interimistish mit der Leitung der Finanzen betraut wird.

Parlamentaris<he Nachrichten.

Deutscher Reichstag. 6. Sitzung vom 1. Dezember 1/2 Uhr.

Der Sitzung wohnen bei der Reichskanzler Graf von Caprivi, die Staatsfecretäre Dr. von Boetticher, Freiherr von-Malzahn, Freiherr von Marschall und Hollmann, sowie der Königlich preußishe Kriegs-Minister von Kalten- born-Stachau. ¡

Die erste Berathung des Reichshaushalts-Etats für 1893/94 nebst dem Anleihegeseß und dem Etat für die San eer wird fortgeseßt.

Abg. Dr. B uhl (nl.): Auf die Militärvorlage will i< nur eingehen, soweit sie den Etat berührt. Nach der vorjährigen Rede des Reichskanzlers hätte die öffentlihe Meinung nicht eine so gewaltige Heeresverstärkung erwartet. Durch die ganze Art, wie die Gerüchte sih verbreiteten, wie die Nachrichten durdsi>erten, wurde die öffentlihe Meinung irre geführt. Von unferer Partei kann ih behaupten, daß sie den militärishen Forderungen der Negierung stets willig nahgegeben hat. Unsere bisherigen Bewilligungen wurden uns erleichtert dadur, daß wir das unbedingte Vertrauen in die Lei- tung der auswärtigen Angelegenheiten batten, daß wir die Ueberzeu- gung hatten, daß die europäische Weltlage forc fältig überwaht würde, daß die militärishen Forderungen mit Rücksicht auf die Noth- wendigkeit gestellt würden. Ich würde es für einen Febler halten, in principielle Opposition gegen die Regierung zu treten wegen der Militärvorlage. Wir müssen fie unbefangen prüfen, unsere Abstimmung wird kein Vertrauensvotum sein, fondern wir wollen nur das Vaterland si<hern. Die Bedeutung der zweijährigen Dienstzeit für die Volkswirthschaft haben wir stets anerkannt. Der Abg. Dr. von Bennigsen und ih baben dies in der vorigen Session näher auseinandergeseßt. Eine Statistik darüber, wieviel Personen zwei oder dret Iabre gedient Faben und wie diese ihrem früheren Erwerbe entfremdet find, würde sehr interessant sein. Ich glaube vielmehr, daß ein großer Theil der ländlichen Arbeiter, die drei Iähre gedient haben, ibrer ländlichen Beschäftigung entfremdet werdeu. Für die Durch- führung der zweijährigen Dienstzeit werden wir alles bewilligen. Die Veröffentlihung des „Militär-Wochenblatts“ über tie Landwehr- leute hat mi) tief betrübt, und sie hat den Landwehrleuten die Erinnerung an ihre Dienstzeit getrübt. Jch bedaure, daß die Ver- öffentlihung gerade in Preußen mögli war, wo die Gr- innerung an 1813 vorhanden is. Eine Verjüngung der Armee halte ih für erstrebenswerth, aber es. wird uns niemals gelingen, die verbetratheten Leute von der Feldarmee gänzlih fern zu halten. Wieviel verheirathete Leute ibr Leben 1870 gelassen haben, zeigen die Zahlen der Wittwen, welde aus dem Pensionéfonds unterstüßt werden. Wenn man so große Opfer für die Armee verlangt, tann müssen vorber alle die dringenden Reformen dur@geführt werden, die von allen Seiten einmüthig verlangt worden sind. (Schluß des Blattes.)

Ueber den weiteren Verlauf der Verhandlung werden wir morgen berichten.

Die Steuerreform-Commission des Abgeordneten- bauses hat im weiteren Verlauf ihrer gestrigen Berathung die Generaldiscussion über die De>ungéfrage zu Ende geführt und \ließlih, nahdem die anderen Anträge zurü>gezogen , worden waren, den ersten der hon gestern mitgetheilten Anträge des Abg. Dr. Sattler (nl.), welher lautet: „Die Nothwendigkeit eines Ersates für den Ausfall an Staatseinnahmen infolge des Verzichts auf die Realsteuern is, wenn au< ni<t in der vollen von der Regierung geforderten Höbe, anzuerkennen", mit allen gegen zwei Stimmen angenommen.

_ Heute begann die Commission die Berathung des Ergänzun gs- steuergeseßes. $ 1 der Regierungsvorlage lautet: „Vom 1. April 1895 ab wird eine Ergänzungssteuer nah Maßgabe der folgenden Bestimmungen erhoben.“ Die Abgg. Stengel, Freiherr von

Zedliß, von Tiedemann-Bomst und Schlabiß (freicons.) beantragen, zu bes<ließezn, den zur Durchführung der Steuer- reform erforderlichen Ergänzungsbetrag im Wege etner Erbschafts- steuer aufzubringen, während der Abg. Dr. Wuermeling (Centr.) vorschlägt, den zur Durchführung der Steuerreform erforder- lien Ergänzungsbetrag im Wege der stärkeren Heranziehung des fundirten Einkommens gegenüber dem nihtfundirten unter entsprechen- der Abänderung des Einkommensteuergeseßes herbeizuführen. Abg. Dr. Friedberg (nl.) hatte unter Ablehnung der Regierungs- vorlage eine Novelle zum Einkommensteuergeseß beantragt, um in dessen Rahmen eine unterschiedlihe Besteuerung deë fundirten und unfundirten Einkommens herbeizuführen. Diese (schon gestern mitgetheilte) Novelle wird heute vom Antragsteller aus tehuishen Giünden zurückgezogen mit dem Be- merken, er behalte si vor, später einen Antrag in derselben Rich- tung, in verbesserter Form, wieder einzubringen. Der Vorsißende Freiherr von Huene s{<lägt vor, die Anträge Stengel und Wuerme- ling einer Subcommissica zu überweisen. Abg. Stengel tritt für die Erbschaftzsteuer cin; die Lösung im Rahmen der Einkommen- steuer sei {wer möglih. Abg. von Eynern (nl.) {ließt sih der leßteren Auffassung an, glaubt aber, daß das Declarationsverfahren bei der Vermögenssteuer sich wefentli< mildern und verbessern lasse. Abg. Hôpvner (cons.) hält die Vermögenésteuer für den einzig gang- baren Weg, wünscht aber eine Milderung des Declarationsverfahrens. Finanz-Minister Dr. Miquel erläutert die der Commission vor- gelegte Nachweisung über die Erbschaftssteuer. Der Minister weist auf die ungleize Wirkung dieser Steuer und auf die Mannigfaltigkeit des Ehberchts bin, welches diese Ungleih- heit no< steigere. Alle Versuche im Finanz - Ministerium zur Lösung der Frage im Rahmen der Einkommensteuer seien geschei- tert. Er ae desbalb, daß s<ließli< die Commission zu demselben Resultat fommen werde, wie das Finanz-Ministerium. Graf Hoens- broe< (Centr.) spricht si gegen die Erbschaftssteuer aus. General- Steuer-Director Burgbart weist auf die Steuerfreiheit zeitweilig ertragloser Einkommen hin; der Weg der italienishen Einfommen- steuer sei niht empfehlenswerth. Bei Schluß des Blatts wurde die Berathung dur eine Pause unterbrochen.

Nr. 48 der „Veröffentlichungen des KaiserlihenGesund- heitsamts“ vom 30. November hat folgenden Inhalt: Gesundheits- stand. Mittheilungen über Volkskrankheiten, insbesondere Cholera. Sterbefälle in deutsden Städten mit 40 000 und mebr Einwohnern. Deégl. in größeren Städten des Auslandes. Erkrankungen in Berliner Krankenhäusern. Desgl. in deutshen Stadt- und Land- bezirken. Witterung. Maßregeln gegen -Cholera 2. Geseyz- gebung u. \. w. (Preußen. Reg.-Bez. Schleswig.) Viehschlachten. (Württemberg. Stuttgart.) Gesundheitspolizeilihe Anordnungen für Schulen. (Me>klenburg-Schwerin.) Typhusausbrüche. (Frank- reich.) Wein aus getro>neten Trauben. (Rußland.) Desinfections- mittel. (Ohio.) Käse. Thierseuchen im Deutschen Reiche, Oftober. Desgl. in Belgien, 1. Vierteljabr. Veterinär- volizeilihe Maßregeln. (Elsaß-Lotbringen, Desterreih, Belgien.) Rechtsprehung. (Schöffengericht Wandsbek.) Absperrungëmaßregeln und- Einfuhrverbote aus Anlaß der Choleragefahr. Verhandlungen von gesetzgebenden Körperschaften. (Deutsches Reich.) Kuppelei, Zubälterthum u. \. w. Entwurf. Auswanderungëwesen. Entwurf.

Ctazt für das Gesundheitëamt 1893/94 und Etundstü>k für ein Dienstgebäude desselben. Vermischtes. (Australien, Victoria.) Irrenanstalten 1890. Beilage. Gerichtliche Entscheidungen zum Nahrungêmittelgefezg. (Bier, Wein.)

Entscheidungen des Reichsgerichts.

_ In Bezug auf die Bestimmung tes $73 des Genossenschafts- geseßes vom 1. Mai 1889: „Wird die Genossenschaft binnen sechs Monaten nah dem Ausscheiden des Genoffen aufgelöst, so gilt das- selbe als nit erfolgt“ hat das Reichégericht, 11. Cioilsenat, dur< Urtheil vom 16. September 1892 ausgesprochen, daß der Ausgeschiedene infolge der Auflösung der Genossenschaft in Ansehung der Liquidation so zu behandeln ist, als ob er nicht ausgeschieden sei, auh wenn er zu den nah seinem formellen Ausscheiden stattgehabten Generalversammlungen nit zugezogen worden ist.

__— Bôörsensveculationsgeshäfte zwischen dem Banquier und seinen Committenten in so großem Umfange, daß die Vermögens- verhältnisse des Committenten, Arbe dem Banquier bekannt waren . oder bei einer Nahforschung bekannt werden mußten, zu effectiver Erfüllung dieser Geschäfte durchaus unzu- reichend find, sind, nah einem Urtheil des Reichsgerichts, T. Civil- senats, vom 12. Oktober 1892, in der Regel als nicht flagbare Differenzgeschäfte zu erahten, au< wenn vertragömäßig das beiderseitige Recht, efffective Erfällung zu verlangen, niht ausge- schlossen war.

Statistik und Volkswirthschaft.

Bewegung der Bevölkerung des Deutschen Reichs im Jahre 1891.

_Die im Kaiserlichen Statistishen Amt zusammengestellten Nach- weise über die Bewegung der Bevölkerung im Jahre 1891 ergeben, daß im Deutschen Reich stattgefunden haben :

Cs im Dur- auf 1009 der tut Nee {nitt von Bevölkerung L 1582/91 1891 1882/91 Ghbeschließungen . .. 399398 373840 808 796 Geburten | einschließli 1903160 1814226 38/24 38,16 Sterbifälle | Todtgeburten 1 227409 1247918 24,66 26,29 Mehr Geburten als Stétbésllé G79 TD1 566308 13/58. 11,91 Die Zahl der Ebeschlicßungen und Geburten war demzufolge im vergangenen Jahre absolut wie relativ größer, die der Sterbefälle dagegen fleiner als im Durchschnitt der zehnjährigen Periode 1882 bis 1891 und der Geburten-Uebershuß erreichte cine vergleichéweise fehr bedeutende Höbe. Unter den Geborenen waren: im Jahre im Durs{nitt Procent der Geborenen 1891 von 1882/91 1891 1882/91 Unebeli<h Geborene . 172 456 168 898 9,06 931 Todtgeborene . . . 62988 66 409 3,31 3,66

Molkereigenossenschaften in Desterreich 1891.

“Um einen Ueberbli> über die Entwi>elung des Genossenschafts- wesens auf dem Gebiete der Molkerei und dadur< indirect diefes wichtigen und ertragreihen Zweiges der Landwirthschaft zu gewinnen, hat das österreihiihe Acerbau-Ministerium zu Ende des vorigen Jahres dur die Vermittelung der Landesculturräthe und Landwirth- \chaftsgesellshaften der einzelnen Länder Erbebungen über die zu Ende des Jahres 1891 bestehenden eigentlichen Molkereigenossenschaften und die denselben ähnlihen Vereinigungen, sowie über deren Ge- bahrung im Jahre 1891 veranlaßt. Die Ergebnisse dicser dur Fragebogen für jede einzelne Genofsenshaft bewirkten Er- mittelungen sind im Oktoberheft der „Statistishen Monatsschrift“ veröffentliht worden. Wir entnehmen denfelben, daß im Berichts* jahre in den im Reichsrath vertretenenen Königreichen und Ländern 321 solcher Unternehmungen bestanden. Davon enifielen 92 auf das kleine Vorarlberg und 192 auf Tirol, während in Oberösterreich, Salzburg, Schlesien, Triest, Istrien, Dalmatien und in der Bukowina feine gemeinshaftlide Milchverwerthung bestand. Unter der Gesammt- ¿abl befinden si< au< einige Milchverwerthungs-Unternehmungen, und zwar sehr alten Datums, welche, wie die Gemieindelatterien und die „Latterie sociali* in Welschtirol, nicht eigent lih Genossen|chaften sind, aber zur Kennzeihnung der Verhältnisse der. Milchverwerthung in diesem Gebiete do< in das Verzeichniß auf- genommen wurden. Die Gesammtzahl der Genossenschafter bezw. Milchlieferanten betrug 16 211, die Menge der im Jahre 1891 ver- arbeiteten Mil 29 588 000 kg. An A biete wurden während des Berichtsjahres erzeugt: 577 000 kg Butter, 1 254000 k Käse und 10 286 000 kg andere Producte (Voll- und Magermil<, Butter- mil<, Weihkäse, Molke u. #. w.). Der gesammte Brutteerlös für die erzeugte Waare belief sich auf 1 865 000 Gulden, die Betriebs- auélagen erreihten eine Höhe von 339 000 Gulden. Von den Molkerei- genossenshaften waren 42 (darunter 57 in Tirol) das ganze Jahr bindurch im Betrieb und haben 25 alle ihre Erzeugnifse direct periauft. . Das Resultat der Erhebungen, namentli< aber die nit fehr erfreulichen Angaben über den Ertrag der meisten Moslkerei-Unter- nehmungen und der Mangel an gehöriger Einrichtun derselben, die geringe Anzabl von Centrifugen, welche bis jeßt in Desterreidh für die Verwerthung der Molkereiproducte wenigstens in gemeinscaft- lichen Sennereibetrieben verwendet werden, zeigen, daß die Association auf diesem Gebiete, wel<e namentli< für Brobitcentèn von kleinen Milchmengen dort, wo kein directer Absaß für Milch besteht, der einzige Weg ist, dieselben einer entsprehenden Bearbeitung und Ver- wertbung zuzuführen, in Oesterreih no< nit genug gewürdigt wird.

i Zur Arbeiterbewegung. H

Jn vielen Orten fanden in leßter Zeit socialdemokratische Versammlungen statt, in denen der Berliner socialdemokratische Parteitag Gegenstand der Verhandlung war und die Beschlüsse des Parteitages zumeist Zustimmung fanden. Ueber eine jolche Versammlung in Frankfurt a. M. berichtet dic „Frkf. Ztg.“:

Der Referent Herr H o < beschäftigte si in der Hauptsache mit der abweichenden Stellung des Delegirten zu den verschiedenen Be- shlüssen des Parteitages. U. a. stellte er si auf, die Seite Lieb- fne<ht’s hinsichtlih des von diesem bezogenen Gebalts und bedauerte, daß der Parteitag dieses Gehalt nit fest bestimmt habe. Herr Knoop erklärte ih in der an das Referat anschließenden Debatte mit vielem nicht einverstanden. Liebkneht’s Gehalt fei viel zu hoch. Wenn man ohne alle Sorgen leben könne, fei man nit in der Lage, mit dem arbeitenden Volke zu fühlen. Die Frage der Maifeier hâtte au< eine andere Lösung finden müssen. Die Erklärung der Fraction im vorigen Jahre habe der Gewerk- schaftsbewegung einen Knüppel zwischen die Füße geworfen ; _Beweis dafür seien die Hamburger Auésperrungen. Ueberhaupt seien die Madchtbefugnisse des Parteivorstandes viel zu groß. Anträge, die thm nicht paßten, fielen regelmäßig, was niht für die Behauptung des Refe- renten spreche, daß alle Delegirten selbständig dächten und handelten . . Die Besprechung soll am Sonntag Vormittag fortgeseßt werden.

In Halle a. S. fand am Montag eine Versammlung „un- abhängiger.“ Socialdemokraten statt, die sich dort, wie der „Ger.-Ztg.“ ges{hrieben wird, revolutionäre Socialisten nennen. Buch- dru>er Werner aus Berlin sprah vor etwa 300 Perfonen und griff namentli die focialdemokratishe Partei und ihre Führer an. Mehrere in der Versammlung anwesende socialdemokratishe Wort- führer versuchten erfolglos, den Redner zu widerlegen. Die „Un-

- Geräth. Angeschlofsen ift

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abhängigen" gewinnen, wie dæS Blatt bemerkt, immer mehr Anhäng aus den Reiben der Socialderzzofraten. :

Sämmtliche männlichen A rbeiter der Vereinigten Dresdener Stroh- und FilzhutfaB rik haben, wie der „Vorwärts“ be- richtet, infolge von Lohnkürzunxg ihr Arbeitêverhältniß gekündigt.

In Leipzig fand am Dienêtag eine von socialdemokratischer Seite veranstaltete und geleitete Versammlung statt und wählte eine Abordnung von drei Personen, die beim Rath wegen Beschaffung von Arbeitêgelegenheit vorsteig werden sollte. Am Nachmittag empfing, wie dem „Dresdn. Journ.“ gefcrieben wird, der OberBürgermeister Dr. Georgi die Abordnung, die ibm die Wünsche der Arbeitslosen vortrug und bat, daß die ffäDtTisden Arbeiten au<h im Winter fo viel wie möglih gefördert, und dæB diese Arbeiten in städtische Regie ge- nommen werden möchten. Der Ober-Bürgermeister sagte hierauf zwar eine Beschleunigung der städttTchen Arbeiten zu, bemerkte aber, daß eine Uebernabme dur< die Stadtverwaltung aus wohlerwogenen Gründen abgelehnt werden 1m Täßte. L

Aus Fürth wird dem Vorwärts" mitgetheilt, daß der dortige socialdemotratishe Wahlverein beschlossen habe, das Bier der Brauerei Evora (vgl. ITr. 283 d. Bl.) so‘ lange zu meiden, b e Streit zwischen derz Arbeitern und dem Arbeitgeber bei- gelegt sei. : /

Aus Lüttich meldet eir Wolf’sches Telegramm vom beutigen Tage : În der KoblengrubB e zu Horloz brach gestern Vormittag ein rartieller Strike aus, dex in Laufe des Abends allgemein wurde. Die Zahl der Strikenden beläuft sih auf ungefähr 1000.

Kunst 2nd Wissenschaft.

4+ Der im modernen Wunstshaffen immer energisher durh- dringende Individualièmus Wrägt sich auch in den öffentlichen Kunft- darbietungen unverkennbar auzS: Concertprogramme, welche guss{ließ- lih einen GComponisten oter Svieler widmet sind, Ausstellungen, welche aus\{ließli< die Were eines Malers oder Bildhauers vor- führen, begegnen uns von Fahr zu Fahr häufiger. Solche Sonder- ausftellungen seten ein Sonderinteresse für die Persönlichkeit des Schaffenden voraus und fordern in gewissem Sinne von dem Ge- De Berziht auf die Etofflihe Anregung der Kunstwerke: ihr rfolg ift in erster Linie abHängig von der Theilnahme, die die In- dividualität des Künstlers erroed>t, gesichert nur bei einer wirklich bervor- ragenden Bedeutung derselberz, welche die nothwendige Einförmigkeit der Leistungen vergessen mat. Hermann Hendrich, der gegen- wärtig fünfundzwanzig seiner Bilder in dem Salon von F. Gurlitt ausgestellt hat, darf den Arxspruh auf solche Theilnahme erheben. Die Eigenart feines künstlert? chen Empfindens drängt ih nicht dur< relle Ueberrashung und Effecthascherei auf, aber je länger man ich in seine Bilter versenkt, um fo reicher und inniger wird ihre Sprache. Die Tondramen Richard ŒDagner’s haben seine Einbildungéekraft inspirirt, jedo< erhebt diefe h nit zu stürmischer Leidenschaft, sondern ist fast auss<lieL{>{ auf weihe Tyrishe Klänge gestimmt. -Wie ergreifend versteht es HenDrich zum Beispiel, den Stimmungëgehalt. der „traurigen Weise“ aus „Tristan und Isolde" in Farben festzu- balten! Auf cinem s\teil îrzs Meer abfallenden Felsen erbli>en wir die Gestalt des shalmeiblasezzden Hirten, hinausspähend auf die weite, von Wolken“ verdunkelte Fluth: „Oed und leer das Meer!“ Die ganze Sehnsuht und Todesahnung der melancholis< absteigenden Tonfolae flinat aus den gede>ten FarBen dieses Aquarells uns entgegen. Tief erfaßt ist au< das naturgemaltige Wesen der in Zauberschlaf ge- bannten Brünnbilde : in einBeitlid violettem Eislicht leuchtet der Fels, aus-dessen starren Massen FrŒ der Leib der „Wunschmaid“ Wotan?s wie ein Naturgebilde loslSf. Unwillkürlih erinnert man sih der verwandten Auffassung in WBöflin?s gefesseltem Prometheus. Der Gedanke, daß die GestaLten der germanishen Heldensage aus Perfonificationen der FTaturgewalten hervorgegangen, durh- zieht alle Darstellungen derfeLben; au< Thor, der feinen Blißhammer gegen die Midgardschlange fŒwingt, ragt aus den zerfezten Wolken- massen wie eine phantastise Naturerscheinung, und aus den zarten Nebelschleiern der NbeinflutBen dringt der Glanz des von Alberich geraubten Goldes, wie das Spiegelliht des Mondes zur Oberfläche empor. Weniger glü>li< tf Hendrich in der Wiedergabe dramatisch erregter Scenen, wenn er etxzva Siegfried vor der Höhle Fafner's mit gezücktem Schwert darstellt. Au) bier fesselt den Maler mehr das Marchenhafte der lands{<haftlihen Umgebung, das phosphorescirende Scbillern des Drachenleibes, während es der Heldengestalt an Kraft und markiger Action gebriht. Unablässig beschäftigen die Einbildungskraft Hendrich's Die Farbenprobleme des im Wasser {fich spiegelnden Lichts: felsige Urxtiefen belebt er mit Najaden, an deren Goldhaar das gcheimnißvoe Licht zauberkräfstiger Edelsteingcshmeide bervorsprüht, in dem vom S>onnenstrahl getroffenen Gist des Meeres erscheint der Leib eines berücEenden Meerweibes „Iris“, und von steil- ragendem Fels erglüht das vorx einer Frauengestalt gehaltene , Zauberlicht“, das den Schiffer ins Verderben lot. Ueberall klingt der gleiche Grundton wieder dur. Auch das große Bild „die Bucht der Abgeschiedenen“ bewegt id in diesem StimmungsfreWHe. Ueber der von mattem Mondlicht be- \{hicnenen Brandung am F elégestade der Bretagne ersheinen nebel- haft die Gestalten derer, die Hier ihren Tod gefunden, Ruhe und Frieden suhend. Daß Hendrich inde au andere, lebensvolle Farben auf seiner Palette hat, beweisen eine Anzahl sehr liebenswürdiger Landschafts- Ttudien, die, durhaus modertt empfunden und aufgefaßt, nihts von ungesunder Sentimentalität wPerrathen. Freilich liegt ihm die muntere Lebhaftigkeit, mit der Lo V atti feine italienishen Veduten farben- sicher hinwirft, fern; au} Dill übertrifft ihn mit seinen veneziani- hen Kanalbildern, was Unmittelbarkeit des Eindru>s anlangt. Dafür fehlt aber diesen Werfen, die im elektrish erleuchteten Neben- saal die Aufmerksamkeit bef onders fesseln, jene Tiefe des Empfindens, welhe über den augenbliŒLichen künstlerischen Eindru> hinaus den Beschauer bewegt und anregt. 4 L Fm Lichthofe des uunstgewerbe-Museums sind zur Zeit die Gewerk8zeichen ausgestellt, welhe der Verein „Orn ament“ für fein Costümfest zum =25 jährigen Jubiläum des Kunstgewerbe- Museums angefertigt hatte- Die in dem Festzug viel bewunderten Stücke sind decorativ bebandelt, aber mit großem Ges<hma> und Humor ausgeführt. Man Fändet darunter die Abzeichen und Meister- stü>ke der Golds<hmiede, Weber, Schlosser, Kupferschmiede, Töpfer, Tischler, Maler, Bildhauer, Meistersinger, Bildschnißber u. ?. w., auyzer- dem die geschnitten Keulen Der Büttner und Tänzer und anderes lustiges dieser Ausstellung der Entwurf einer monumentalen Uhr, wel<be der Verein „Ornament“, aus ehemaligen Schülern des Museums Leftehend, der Mutteranstalt zum Ehren- geshenke machen wird, sowie das Banner des Kunstgewerbe - Vereins, wel&es am 12- November festlich eingeweiht wurde. Zu

. gleicher Zeit ist im LichtHofe eine Sammlung altjapanischer

La>arbeiten von ungewSHnliher Schönheit, Eigenthum des Herrn R. Wagner (Dessauerstraße Nr. 2), ausgestellt.

Das Germanis>{ e National-Museum in Nürnberg hat, wie der „Anzeiger“ zmittheilt, aus der Höch’schen Galerie in München, die im SeptemBDer dort zur Versteigerung gelangte, etne Anzabl hervbrragender BiklDer erworben, darunter ein „Ecce homo“ von Schäufelein, das Bruftbild eines älteren Mannes von einem niederdeuts<hen Meister deS 16. Jahrhunderts sowie eine Reihe von Werken niederländisher Meister aus dem 17. Jahrhundert. Bei den von dem Museum felbst veranstalteten Ausgrabungen wurden ge- funden: eine fränkis<he, go[Dene, runde Fibel, cin goldener Fingerring mit aufgeseßtem Filigrarx, ein silberner Fingerring und. einige silberne Dhrringe, zwei groËe, durbrochene Ziersheiben von Bronze, die eine in einem beinernen, die andere in einem Bronze-Ringe, ver- schiedene silbertaushirte Bef chläge, einige eiserne Waffen, Thonperlen, Bruchstüke von Thongefäßerx u. a. Jáâhrliche Beiträge haben neu zuge- sagt: Seine Königliche HoHeit der Herzog Ernst August von Cumberland (600 ) und Seine KöniglticHe Hoheit der Großherzog Ernst Ludwig von

“Besen (200 A). Nach Dem Ableben des Ersten Directors, Geheimen

aths Dr. A. von Essenwein, hat der Retsconfulent des Museums, Advocat und Rechtéanwalt Gg, Freiherr von Kreß, den Vorsiß im Verwaltungs- und LocalauSf\qusse des Museums, der Zweite Director

Hans Bösch die Leitung der Seshäfte des Museums übernommen. Von

weiteren Personalveränderungen wird gemeldet, daß Dr. Theodor Volbehr am 1. September aus den Diensten des Museums ausgetreten ift, um einem Ruf na< Magdeburg Folge zu leisten. , In feine Stelle- rü>te Dr. P: ube, zuleßt im Archiv des ¿Museums beschäftigt, vor, wel zugleih mit der Verwaltung der Bibliothek betraut ist. Die Stelle eines Assistenten des Archivs wurde dem Dr. R. Schmidt aus Sülze in Me>lenburg übertragen. Dr. Ernst Gasner ist am 1. Of- tober aus dem Beamtenpersonal des Museums ausgetreten; an seiner Stelle ward Dr. Ludwig Fränkel aus Leipzig zum Assistenten der funst- und culturgeshihtlihen Sammlunaen ernannt.

__— Der Geheime Regierungs-Rath Professor W. Förster hat, wie die „Vos. Ztg.“ erfährt, an den Rector der Universität Padua Professor Ferraris ein Schreiben gerichtet, in dem er mittheilt, daß er als Vertreter der Berliner Universität am 6. Dezember zur Theil- nabme an den zu Ehren Galilei’s dort zu veranstaltenden Festlichkeiten eintreffen werde. Aus München wird Professor Söhnfke, aus Karls- ruhe Professor Keller eintreffen.

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs- Maßregeln.

Cholera.

Pest, 30. Noventber. In den leßten 24 Stunden sind bier vier Cholera-Erfrankungen und ein Todesfall vorgekommen. Den Veröffentlihungen des Deutschen Kaiserlichen Gesundheitsamts“ zufolge sind vom 13. bis einsließli< 19. November nachstehende Cholera-Erkranfungen und Todesfälle (tageweise geordnet) gemeldet worden : 3:4, 11:1, 3:3,6:2, 10:6, 7 : 2, 5: 5, insgesammt 45 : 23.

Spanien.

Die Quarantäne gegen Altouya und Duisburg ist am 30. No- vember 1892 aufgehoben worden. (Vergl. „R.-A.* Nr. 209 v. 5./9. und 239 v. 10./10. 92.)

Portugal.

Durch eine im „Diario do Governo“ vom 25. November 1892 veröffentlichte Verfügung des Königlich portugiesishen Ministeriums des Innern wird der Hafen von Cherbourg für seit dem 12. d. M. von Cholera „verseucht“ erklärt.

Dur eine gleihe im „Diario do Governo* vom 26. November 1892 veröffentlichte Verfügung werden ferner alle Häfen des Departe- ments Morbihan in Frankrei seit dem 15. d. M. für von Cholera „verseuht* erkiärt. «

Türkei.

Der internationale Gesundheitsrath zu Konstantinovel hat am 15. November 1892 die zehntägige Quarantäne gegen Provenienzen von Sebastovol, welhe ohne Passagiere anlangen, auf 5 Tage er- mäßigt; die Schiffe sind in Kawak der Desinfection zu unterziehen. DieProvenienzenvon Triest, welche in Korfu drei Tage Quarantäne nebst Desinfection durhgemacht und während zweier Tage der Weiterreise von griehis<hen Gesundheitswächtern begleitet worden sind, werden ebenso wie die griehishen Provenienzen behandelt und erhalten in türkischen Häfen sofort freie Pratika. Die Quarantäne zwischen Bajazid und Erzerum, sowie die Quarantäne in Kiötek gegen Kars wird auf fünf Tage herabgeseßt.

Griechenland.

Für die na< dem 15. November 1892 aus deutshen Häfen ab- gegangenen Schiffe ist in Griechenland die bisher geforderte fünftägige Ouarantäne aufgehoben worden (vergl. „Reichs-Anzeiger“ Nr. 270 vom 14. November 1892). j

Frische Häute, [welhe nicht vor dem 21. November verladen sind, werden fortan zur Einfuhr zugelassen (vergl. „Reichs-Anzeiger“ Nr.- 235 vom 5. Oktober 1892).

Bulgarien. Die elftägige Personen-Quarantäne in Zaribrod ift auf aht Tage herabgeseßt worden. Schweden. Zufolge Königlih s<wedisher Verordnung vom 18. November 1892 dürfen gebrauchte Betten und getragene Kleider nur

dann in Schweden eingeführt werden, wenn dieselben zum versönlichen

Gebrauch des Eigenthümers, feiner Familie oder seiner Dienerschaft bestimmt sind. (Vergl. „R.-A.* Nr. 239 v. 10./10. 92.)

Egyvten.

Die unter dem 22. September 1892 gegen Herkünfte aus den europäischen Mittelmeerhäfen verfügte ärztlihe Controle bezw. Unter- suchung ist seit dem 17. November 1892 in Bezug auf italienis<e Provenienzen außer Kraft getreten. (Vergl. „R.-A." Nr. 245 vom

O0 92) ¿ Marokko.

Der Gesundheitsrath in Tanger hat die Häfen von Ant- werven, Rotterdam und Marseille unter dem 22. November 1892 bedingungslos für „olerafrei“ erflärt.

Handel und Gewerbe.

Tägliche Wagengestellung für Kohlen und Koks an der Nuhr und in Oberschlesien. _ An der Ruhr sind am 390. v. M. gestellt 10 884, nit re<htzeitig gestellt feine Wagen. In Oberschlesien sind am 29. v. M. gestellt 4859, nicht re<tzeitig gestellt keine Wagen.

Zwang8-Versteigerungen.

Beim Königlichen Amtsgeriht T Berlin standen am 30. November die nachbezeichneten Grundstü>e zur Versteigerung : Colberger straße 27, dem Zimmermeister W. MWiened>e gehörig; Mindestgebot 149 500 Æ, für das Meistgebot von 153 000 M wurde der Kaukitann Louis Lebbin zu Berlin Ersteher. Dunker- straße, dem Architekten F. Brodt zu Berlin gehörig ; Mindestgebot 600 Æ, für das Meistgebot von 1000 #( wurde der „Berliner Bauverein“ in-Liqu. zu Berlin Ersteher. Aufgehoben wurde das Verfahren der Theilung halber eingeleiteten Zwangs- versteigerung wegen des Dreyer schen Grundstü>s Garten str.-61.

In der Generalversammlung der Berliner Maschinen - bau-Actktiengesellshaft vormals L. Shwartzkopff vom 30. v. M. waren 3382 Stimmen mit einem Kapital von 2 029 200 M. vertreten. Dem Vorstande und Aufsichtsrath wurde] unter Ge- nebmigung der Bilanz und Gewinn- und Verlustre<hnung Entlastung ertheilt. Das ausscheidende Mitglied des Aufsichtsraths Herr Ge- beimer Commerzien-Rath Conrad wurde wieder gewählt. Die auf 18 9/6 festgesetzte Dividende gelangt von beute ab zur Auszahlung.

Vom obers<lesis<en Steinkohlenmarkt berihtet die „Nhl. Ztg.“ : Der rege Geschäftsverkehr hat in den leßten Tagen fast auf sämmtlichen oberschlesischen Gruben etwas nachgelassen. Imrnerhin jedo<h it der Geschästsverkehr noch ziemli lebhaft, be- sonders nachdem die galizish-österreichische Grenze für den Wagen- verkehr wieder geöffnet wurd». Während im Inlande hauptsächlich die kleineren Sortimente, als Nuß II, Erbs-, Gries- und Kleinkohlen, für den Hausbrand entnommen _ werden, siehb man von den ausländischen Fuhren meistentheils nur Stü>k, Würfel und Nuß 1 verladen, sodaß die östlih und der Grenze am nächsten gelegenen Gruben mehr Absatz auf die groben Sorten haben, während bei den anderen Gruben gegenwärtig mehr Aufträge auf die feineren Sortimente ein- gehen. Die Förderung ist bis jeßt no< auf keiner Grube verstärkt worden, man hat es dort, wo die eingegangenen Aufträge das tägliche Förderquantum überschritten haben, vorgezogen, die Bestände in An- ariff zu nehmen. Ueber die Lage des Koksmarkts läßt ih Besseres wie in den früheren Berichten nicht fagen.

Köln, 30. November. (W. T. B.) Einer Meldung der „Köln. Ztg.“ aus Bochum zufolge hat die Monatsversammlung des Koks syndikats beschlossen, die bisherige Einschränkung der Pro- duction für Dezember beizubehalten sowie für nächstes Fahr den Verrechnungs8preis (Einkaufspreis, niht Verkaufspreis) einzelner Sieb- und Brecherzeugnisse um { Æ die Tonne herabzuseßen. :

SEWBRL- 30. November. (W. T. B.) Kammzug-Termin- handel. a Plata. Grundmuster B., per Dezember 3,80 , ver Januar 3,80 #4, per Februar 3,8253 #, per März 3,85 "M, ver April 3,855 4, per Mai 3,874 Æ, per Juni 3,875 #, per Juli 3,871 4, per August 3,873, per September 3,872 #Æ, per

Dktober 8,874 Æ, ver November —. Umsay 100 000 kg.

London, 30. November. (W. T. B.) Wollauction. Lebhafter Begehr, namentli< für feine. Preise fest behauptet.

An der Küste 5 Weizenladungen angeboten.

Amsterdam, 30. November. (W. T. B.) Bei der beute von der Niederländisheæ# Handelsge ellshaft gehaltenen Zinnauction wurden 31737 Blö>ke Bancazinn zue 56 à 5615, dur<scnittli< 56, verkauft.

New-York, 30. November. (W. T. B.) Die Börse er- öffnete und verlief <hwa<. Der Schluß war stetig. Der Umfay der Actien betrug 414 000 Stü>k. Der Silbervorrath wird auf 1330 000 Unzen geschäßt. Die Silberverkäufe betrugen 100 090 Unzen.

Hunderttausend Dollars Gold wurden heute zur Ausfuhr na< Eurova dem Schaßzamt entnommen. Man erwartet, daß am Sonnabend zwei Millionen Dollars einges<iffft averden.

Weizen“ anfangs niedriger, für einige Zeit besser, dann wieder \{wäcer auf großes Angebot. Schluß stetig. Mais anfangs Ee g späteren Verlauf befestigt auf De>kungen der Baiffiers. Schluß fest.

Chicago, 30.° November. - (W. T. B.) Weizen niedriger auf Realisirungen der Haussiers. Schluß stetig. Mais eröffnete niedriger, befestigte fih aber später auf De>kungskäufe der Baissiers. Schluß fest.

Verdingungen im Auslande,

Portugal.

9. Dezember, 1 Uhr. Direction der Minho- und Douro-Eifen- babnen, Secretariat der Hauptmagazine in Porto: Lieferung von 900 t Kreosot. Voranschlag 22000 Reis pro Tonne. Vorläufige Caution 110 000 Reis. Acht Tage vor dem Termin ist eine Probe von 1 kg an die genannte Verwaltung einzusenden.

Griechenland. «

_ Ohne Datum. Post- und Telegraphen-Direction in Athen : Lieferung von 3000 kg weißem Papierband für Morse-Apparate. Näheres an Ort und Stelle.

Rumänien.

- 19. Dezember. Kriegs-Ministerium in Bukarest : Lieferung von 24 000 Serien kleiner Riemen von verschiedener Dimension zur Um- wandlung der Patronentaschen Modell 1877. ;

23. Dezember, ebenda : Lieferung von 270 000 Knöpfen,

26. Dezember, ebenda: Lieferung von 1140 m rothem Tuch.

24. Januar 1893, ebenda: Lieferung von 39 000 m grauer Lein- wand und 1300 m indigoblauer Leinwand.

Verkehrs-Anftalten.

Bremen, 30. November. (W. T. B.) Norddeutscher Llovd. Der Postdampfer „Salier*, von New - York kommend, ist am 99. November Morgens auf der Weser angekommen. Der Neichs- Postdampfer „Darmstadt“, am 11. Oktober von Bremen abge- gangen, is am 29. November Nachmittags in Shanghai an- gekommen. Der Schnelldampfer „Elbe “, von New-York kommend, it am 29. November Morgens auf der Weser angekommen. Der Postdampfer „Dresden“, am 17. November von Bremen abgegangen, ist am 29. November Morgens in New - York angekommen.

1. Dezember. (W. T. B.) Der Schnelldampfer „Havel” bat am 29. November Nachm. die Reise von Southampton nach Bremen fortgeseßt; er überbringt 326 Passagiere und volle Ladung. Der Swnelldamper „Ems“ is am 29. November Nahm. von New-York via Palermo nah Neavel abgegangen Der Post- dampfer „Straßburg“, vom La Plata kommend, hat am 29. No- vember Abends Las Palmas passirt. Der Postdampfer „Weser“ ist am 29. November Vormittags in Vigo angekommen und bat Nachmittags die Reise na< dem La Plata fortgeseßt. Der Scnelldamvfer „Kaiser Wilhelm 11.“ is am 30. No- vember Vormittags von Genua via Gibraltar nah New- Vork abgegangen. Der Schnelldampfer „Havel“, von New-York kommend, ist am 30. November Nachmittags auf der Weser an- aefommen. Der Schnelldampfer „Trave“, nah New-York bestimmt,

at am 30. November Nachmittags Dover passirt. Der Postdampfer „Berlin“ hat am 30. November Vormittags die Reise von Ant- werven nah Lissabon fortgeseßt. Der Reichs-Postdampfer „Ne> ar“ bat am 30. November Morgens die Reise von Antwerpen nah Bremen fortgeseßt.

London, 30. November. (W. T. B.) Der Union-Dampfer Athenian * ist heute auf der Ausreise von Madeira abgegangen.

Theater und Musik.

Saal Bechstein

Der erste von den drei Kammermusik-Abenden der Herren Waldemar Mever (Violine) und Felix Dreyscho> (Klavier) fand gestern vor einem zahlrei ershienenen Publikum fiatt. Die stilvolle, in den beiden leßten Säßen besonders anziehende Sonate für Piano und Violine (op. 78) von Brahms eröffnete den Abend. Es folgte Bah's Suite in E-dur für Violine allein, die von Herrn Meyer sehr lobenswerth gespielt wurde. Auch der Pianist leistete in seinem Solovortrage, der Phantasie C-dur von Schumann, vorzügliches. Den Schluß des Abends machte Beethoven's unvergleihlih \<öne Kreutzerfonate (A-dur), deren Ausführung ni<ht so ganz die Tiefe

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dieses Werks erfaßte, wie es andern Künstlern gelungen ift.

Am Sonnabend wird im Königlichen Opernhause die Oper „Das goldene Kreuz“ mit den Damen Weiß und Hiedler, den Herren Philipvy, Schmidt und Krolop zur Aufführung kommen. Der Oper folgt das Ballet „Die Puppenfee“.

Die erste Aufführung des neueinstudirten „Macbeth“ wird am Berliner Theater mit Arthur Kraußne> in der Titelrolle und Anna Havcerland als Lady Macbeth am Montag, 5. Dezember, statt- finden. Frau Haverland spielt die Lady Macbeth überhaupt zum ersten Mal. :

Wegen des no<_ immer anhaltenden Unwohlseins des Sgr. Stagno - ist die auf Freitag im Kroll’shen Theater angeseßte Vorstellung der Oper „A Santa Lucia* nit mögli; dafür wird Lorting's Oper „Undine“ in Scene gehen. A

Die „Münchener“ im Thomas-Theater werden im Hinbli> auf die andauernde Zugkraft des Volksftü>s „Almenraus<h und Edel- weiß“ dieses Stü> zunächst auf dem Spielplan belassen und die erste Aufführung eines in Vorbereitung befindlichen Anzengruber?schen Stücks auf nä<hste Woche verlegen. :

Das Programm des zweiten und leßten Klavier - Abends von Clotilde Kleeberg im Saal Bechstein am Sonnabend Abend 74 Uhr bringt u. a. Beethoven's Sonate o0P. 31 Ne. 3, vie Nariationen in Es-dur von Mendelsfohn, Schumann's Romanze in D-moll, eine Serie Chopin’sher Werke, ferner Stü>ke von Schubert, Tschaikowski u. , w. Im ersten Kammermusik-Abend der Herren.