1892 / 289 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

é Bayern.

Seinc Königliche Hoheit der Prinz-Regent ist am Sonntag Abend aus dem Spessart wieder in ünchen ein- actroffen. Seine Königliche Hoheit der Prinz Ludwig wird ih, ciner Einladung Seiner Majestät des Kaisers fol- gend, am 8. d. M. nah Hannover begeben, um an den Jagdcn in Springe theilzunehmen.

Sachsen.

Bei den gestern in Leipzig vorgenommenen Stadt- verordnetenwahlen hat, laut Meldung des „W. T. B.“, die socialdemokratishe Partei keinen einzigen ihrer Candidaten dur<hgebra<t. Auf die Candidaten- liste der vereinigten Ordnungsparteien fielen 8800, auf die- jenige der socialdemokratischen Partei 5300, auf die Candidaten- liste der sogenannten unabhängigen Bürger 1500 Stimmen. Von 22 000 Wahlberechtigten haben sih gegen 16 000 an der Wahl betheiligt.

Württemberg,

Jhre Majestäten der König und die Königin mit Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Pauline sind am Sonntag von Bebenhausen in Stuttgart eingetroffen und haben im Wilhelmspalast Wohnung genommen.

Reuß j. L.

Nachdem die Ausschußberathungen abgeschlossen find, wird der Landtag des Fürstenthums am 8. d. M. wieder zusammentreten.

Lippe.

Der dem Landtag zugegangene neue Gewerbesteuer- Geseßentwurf bezwe>t, wie dem „Hann. Cour.“ mitgetheilt wird, eine bedeutende Entlastung der kleineren Betriebe. Etwa ein Drittel aller Gewerbetreibenden werden steuerfrei sein; die übrigen werden in drei Klassen eingetheilt. Jn der ersten Klasse (mehr als 20000 4 Ertrag oder Betriebskapital von 150 000 und mehr) soll ungefähr 1 Proc. des jährlichen Ertrages als Steuer gezahlt werden, in der zweiten und dritten Klasse (4000—20 000 A Ertrag oder 3000—15 000 M Be- triebskapital und 1500—4000 4 Ertrag und 3000—30 090 M Betriebskapital) bleibt die Steuer unter diesem PBrocentsaß.

Oesterreich-Ungarn.

Der Kaiser stattete gestern Nachmittag dem Kron- prinzen von Dänemark einen Besuch ab, den dieser als- bald in der Hofburg erwiderte. Sodann fuhr der Kronprinz bei den Palais der Erzherzoge vor und gab daselbst seine Karte ab. e Ó :

Der Minister-Präsident Graf Taa ffe beaniwortcte in der gestrigen Sißung des österrei <his<hen Abgeordneten- hauses die Interpellation des Abg. Dr. von Plener über die Auflösung des Reichenberger Stadtverordneten-Collegiums sowie zwei auf denselben Gegenstand bezügliche JInterpellationen des Abg. Prade. Graf Taaffe führte dem Abg. Dr. von Plener gegenüber aus :

Ein Necurs set innerhalb der geseßlichen Frist niht eingebracht worden, daher habe er als Minister des Innern ih nit instanzen- mäßig mit der Angelegenheit befassen können. Jedoch stehe er nit an zu erklären, daß er die Verfügung des Statthalters wegen der Auf- lösung des Stadtverordneten-Collegiums billige und für in den Verhält- niffen begründet era<te. Zu dieser Anschauung veranlasse ihn sein auf Grund von amtli<h erhobenen Thatsachen gebildetes Urtheil über die Thâätiakeit der aufgelöslen Stadtvertretung. _Alédann führte der Minister-Präsident eine Reihe von Uebergriffen der Stadt- vertretung gegenüber der Statthalterci und dem böhmischen Landtag an und wies auf die aufreizenden Reden in derselben hin, deren Wiedergabe in den Blättern die gerichtlih bestätigte Beschlagnahme Ter letzteren herbeigeführt habe. Graf Taaffe rügte besonders den wiederholten Anshlag im Volksbad, dur< welchen denjcnigen, die nit deuts sprächen, die Ausweisung angedroht worden sei. Mehrfach seien an den Bürgermeister erfolglofe Mahnungen wegen ‘des Mangels an Polizei bei Vereinsverfammlungen gerihtet worden, z. B. aus Anlaß der Sedanfeier des deutsh-nationalen Vereins am 1. Sep- tember 1892. wo unbeanstandet Reden gehalten seien, deren Abdru> die gerihtlide Beschlagnahme herbeigeführt habe. Des weiteren inbrte der Minister Präsident als fennzeichnend für die Reichenberger Rerhältnisse die Uniformen der städtischen Sicherheitswache an, wofür

as Muster nicht in Oesterreich gesucht sei. (Hört. hört! rets.) Schließlich erwähnte Graf Taaffe den Fa>eclzug für den Bürger: meister und terroristishe Kundgebungen vor der Wohnung des rermeintliden Verfassers cines Artikels in einer Reichen- berger Zeitung, der die Uniform der Polizei rügte und es tadelte, daß der Bürgermeister bei officiellen Feierlichkeiten den ihm ver- liehenen Orden nicht angelegt habe. Unter der Negierung dieser Partci sei es in Reichenberg mit der Freiheit des Bürgers dabin gekommen, daß es gefährlih geworden sei, öffentlih an das Schikliche zu mahnen. Der Minister-Präsident führte die Klagen der verschiedenen Behörden an und. wies auf das maßlose Hervorkehren des Parteistand- vunktes sowie auf die Intoleranz und offene Mißachtung gegen- üker den Meinungen Anderer und auf die beleitigenden Verdächtigungen der oberen Behörde hin. Alles dies habe ein fricdliches Nebecneinanderleben in der Gemeinde, fowie cinen ge- deiblicben Geschäftsverkehr na außen unmögli<h gemacht. Die Auf- lösung solle die Möglichkeit bieten, si< von den Launen eines nahezu terroristishen Parteigeistes loëszureißen, dessen cinfeitiger Bethätigung auf die Dauer keine staatliche Verwaltung unthätig bâtte zusehen fönnen. Die Auflösung sei somit gerechtfertigt; sie sei nicht gegen die Gemeinde-Autonomie und den deutshen Charakter Reichen- becgs gerichtet gewesen. (Beifall rets.)

Sodann wurde cin Antrag des Abg. Dr. von Plener, in die Besprehung der Antwort des Grafen Taaffe erst in der heutigen Sißung einzutreten, angenommen. Dafür stimmten die deutsche Linke, die Deutschnationalen, die Jungczechen, ein Theil des Coronini-Clubs und die Antisemiten.

Der Handels-Minister hat dem Abgeordneten- hause cinen Geseßentwurf unterbreitet, durch den die Regie- rung zu einer provisorischen Regelung der Handels- beziehungen mit Spanien ermächtigt wird.

Die Synode der evangelish-reformirten Kirche Ungarns hat einstimmig den Antrag Tisza's angenommen, daß an Ehesachen die evangelisch-reformirte und die evange- lische Kirche Augsburgischer Confession ein gemeinsames Jnteresse hâtten, daß jedoch, da die Angelegenheit in erster Reihe vom staatlihen Standpunkte zu beurtheilen sei, eine gemeinsame Commission der Synoden beider Kirchen erklären möge, ste halte es nit für- zeitgemäß, sich zur Zeit über dic Ehefrage auszusprechen.

Frankreich.

Die Minister krisis hat gestern ihr Ende gefunden. Nach-

abgelehnt hatten, wurde Ribot in das Elysée berufen und vom Präsidenten Carnot damit beauftragt. Nach einer Be- sprehung mit seinen politishen Freunden unterbreitete Ribot gestern Abend dem Präsidenten die von ihm zusammen- gestellte Ministerliste. Diese unfäßt, wie „V. D. BL meldet, alle Mitglieder des alten Cabinets mit Aus- nahme von Ricard und Roche. Das Justiz- Ministerium wird Bourgeois übernehmen. Die übrigen Portefeuilles sind wie folgt vertheilt: Präsidentschaft und Acußeres Ribot, Jnnercs Loubet, Finanzen Nouvier, Krieg de Freycinet, Marine Burdeau, Ackerbau Develle, öffentlihe Arbeiten Viette, Handel Siegfried, Unterricht Charles Dupuy. Der Präsident Carnot be- glü>wünshte Ribot warm zu dem Erfolge seiner Be- mühungen. Das Decret über dic Constituirung des neuen Cabinets wird heute im „Journal officiel“ veröffentlicht wer- den. Von den Blättern der gemäßigten Parteien wird die Zusammenseßung des neuen Cabinets in sympathisher Weise besprochen, während die Journale der Opposition sie als Flik- werk bezeichnen.

Die Deputirtenkammer hat gestern den Antrag Letellier, wona<h der Presse tägli ein amtliches Protokoll über die Panama-Untersuhungscommission mit- getheilt werden sollte, mit großer Mehrheit abgelehnt. Brisson hatte den Antrag bekämpft. Hierauf beschloß die Kammer mit 333 gegen 182 Stimmen die Dringlichkeit für den Antrag Pourquery, dur<h den die Panama- Commission ermächtigt wird, den Untersuchungsrichter der Commission beizugesellen. Gleichzeitig beshloß die Kammer, heute eine Commission zur Vorberathung dieses Antrags zu wählen. Die nächste Sizung wurde auf Donnerstag an- beraumt.

Die Panama-Untersuchungscommission verhörte gestern den Senator Albert Grévy, der erklärte, er habe bei der Bank von Frankreich ganz offen einen Che> von 20000 Fres. cinkassirt als Theilnehmer an dem Garantie- syndikat und als juristisher Berather des Barons von Reinach. Nach dem Senator Grévy wurde der Senator Hébrard verhört, der angab, er könne feine Mittheilungen darüber machen, aus welchen Quellen das Journal „Temps“ seine Nachrichten geschöpft habe. Jn Betreff seiner Betheiligung bei den Panama-Arbeiten erklärte er, er sei seit 26 Jahren in öffentlichen Bauten thätig gewesen, lange vor seinem Eintritt in das Parlament, und er nehme für fich das Necht in Anspruch, ein Gewerbe auszuüben, wie viele seiner Collegen. Der Senator Naquet erflärte, General Boulanger sei niht fähig gewesen, Geld pon der Panama- Gesellschaft zu nehmen. Der Banquier K ohn gab Auskunft über die Unterschriften auf den Cheks und sagte eine neuer- lihe Prüfung der Bücher zu, um der Commission weitere Auskünfte geben zu können. Die Sißung wurde sodann auf heute vertagt.

Rußland.

Der Werth der Ausfuhr aus Rußland in den ersten 9 Monaten diescs Jahres betrug 316 382 090 Rbl. gegen 538 901 000 Rbl. in der gleichen Periode des Jahres 1891. Die hauptsächlihste Verminderung weist die Nusfuhr von Lebensmittcin auf, welhe iu diesem Jahre 116 248 000 Rbl. gegen 328 133 000 Rbl. im Jahre 1891 betrug. Der Werth der Einfuhr betrug in den ersten 9 Monaten 272 902 000 Rubel gegen 268 011 000 Rbl. im Jahre 1891.

Ftalien. Die Deputirtenkammer hat nah einer Mittheilung des „W. T. B.“ die Adresse an den König mit großer Majorität angenommen. Bei der Berathung erging sich der Deputirte Barzilai in allerlei irredentistishen Anspielungen und behauptete, daß der Wunsch des Königs Victor Emanuel noh nit erfüllt sei. Die radicalen Deputirten Vendemini, Socci und Giuffrida bezeichneten die angekündigten socialen Reformen als unzureihend. Die Kammer begann sodann die Berathung des Budgets.

Spanien Die amtliche „Gaceta“ veröffentlicht cin Decret, betreffend die Einführung ciner Alkoholsteuer, dur<h welches die Fabrikation und der Detailverkauf vo ZAlfohol, unabhängig von der bereits bestehenden Besteuerung/Mnit einer besonderen Abgabe belegt werden. Schweiz. ie ordentliche Wintersession der Bundesversamm? ist gestern in Bern eröffnet worden.

D g

[un

Belgien.

Die Mitglieder der internationalen Münzconferenz werden heute vom König empfangen werden. Unmittelbar darauf wird der „Jndépendance“ zufolge eine Sißung der Conferenz stattfinden, um die Vorschläge des dänischen Delegirten Tietgen zu prüfen. Diese besagen: Es soll eine internationale Ver- einigung gebildet werden zwischen den Staaten , die sich be- reit erklären, einer solchen beizutreten. Die Delegirten der internationalen Vereinigung sollen das erste Mal das thatsäch- liche Verhältniß zwischen Gold und Silber auf der Grundlage des Durchschnittspreises für Silber in London in den leßten der Constituirung der Vercinigung vorausgegangenen 12 Monaten fesisezen. Den der Vereinigung angehörenden Staaten soll es gestattet scin, in unbegrenzter Menge Silberstücke im annähern- den Werthe der alten Thaler ausprägen, d. h. im annähernden Werthe von 5 Francs, 1 Dollar, 4 s, 4 Kronen. Diese Stücke sollen in denjenigen Ländern, in denen sie geprägt sind, als unbeschränktes geseßliches Zahlungsmittel gelten. Der Silberwerth der Stücke wird dem von der Commission be- stimmten Verhältniß zwishen Gold und Silber entsprechend unter Hinzurechnung von 10 Procent Prägcekosten festgeseßt. Eine Commission foll den Curs des Silbermarktes über- wachen. Wenn das Silber bis auf 5 Procent unter dem festaescßten Verhältniß fallen sollte, so soll die Com- mission das Recht haben, wieder zusammenzutreten, um dar- über zu entscheiden, ob cine Umprägung erforderlich sei. Jede Emissionsbank joll das Recht haben, einen Theil ihres Baar- vorraths in Unions-Silberstücken zu haben. Die Emissions- banken sollen ferner das Recht haben, die Einlösung der in ihren Kassen befindlichen Silberstü>ke in Gold nah se<s- oder zwölfmonatiger Ankündigung von demjenigen Lande zu ver- langen, welches diese geprägt hat. Die zur Prüfung dieser Vorschläge eingescßte Commission hat bereits gestern eine Sigzuung abgehalten, si<h aber vertagt, ohne zu einem be-

dem noch Develle und Loubct die Bildung eines neuen Cabinets

stimmten Beschluß gekommen zu sein.

Numüänien.

Der Prinz Ferdinand von Rumänien hat, wie „W. T. B.“ meldet, gestern Abend von Bukarest über Köln, Brüssel, Calais eine Reise nah London angetreten, woselbst er am Donnerstag einzutreffen gedenkt. Der König ge-

[citete den Prinzen bis. zum Bahnhof.

Amerika.

Der Congreß der Vereinigten Staaten ist gester in Washington zusammengetreten. Jm Nepräsentanten- hause wurde, wie „W. T. B.“ meldet, eine Bill eingebraht bezüglih der Ausgabe von Obligationen im Betrage von 75 Millionen Dollars, die na< Belieben der Vereinigten Staaten nach zehn Jahren in baar zurücfgezahlt werden sollen. Das Kapital soll zur De>ung des Deficits im Staatsschaß. verwandt werden.

Der Präsident des Einwanderungs - Comités Chandler wird demnächst im Senat cine Vorlage einbringen, welche die Zulassung von Einwanderern , ausgenommen solche aus Ländern der neuen Welt, vom 3. Januar n. J ab auf 1 Jahr untersagt. Ausländer, die bereits gegenwärtig in Amerika. weilen, sollen zugelassen werden.

Afrika.

Ein der „Réforme“ zugegangenes ‘Privatschreiben aus Boma vom 21. Oktober besagt, es liege in Boma nunmehr die amtlihe Mittheilung vor, daß die von Jacques, Joubert und Bia geleiteten Expeditionen nieder- gemcgzelt worden seien.

Parlamentarische Nachrichten.

Deutscher Neich8tag. 9. Sitzung vom Dienstag, 6. Dezember, 1 Uhr.

Der Sizung wohnen bei die Staatssecretäre Dr. von Boetticher, Freiherr von Malßahn und Hanauer, \o- wie der Königlich preußische Handels-Minister Freiherr von Berleps<.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation der Abgg. Hitze und Genossen (Centr.), welche an den Neichs- kanzler folgende Anfrage richten: :

1) Welche geseßzeberishen Maßnahmen find entsyrehend der Er- flärung des Vertreters der verbündeten Regierungen in der Neichstagê- sißung vom 24. November 1891 bezüglich der Organisation des Handwerkerstandes und der Regelung des Lehrlingswesens, sowie des Ausbaues der Innungen ($$ 100 E, 100 F und 192 der Gewerbe- ordnung) von Seiten der verbündeten Negierungen beabsichtigt > 9) Wird noch in dieser Session eine bezügliche Vorlage dem Reich8- tag vorauésichtlih zugehen ?

Staatssecretär Dr. von Boetticher erklärt sich zur \o- fortigen Beantwortung der Jnterpellation bereit.

Abg. Hitze (Centr.) knüpft an die Verhandlungen vom vorigen Jahre an, wobei die Regierung eine unerfreuliche Erklärung abgegeben habe wegen des Befähigungsnahhweifes, denn fie habe dessen Einführung nicht in Aussicht gestellt. Das Centrum stehe vollständig auf dem Boden seiner Anträge, halte also au den Befähigungsnachweis noch aufrecht. Dieser allein würde der beste Ansporn sein für eine bessere Erziehung der jungen Handwerker und für eine Hebung der tehnischen Tüchtigkeit des Handwerks. Die Innungen sind die besten Corporationen für das Handwerk. Wenn man aber andere Formen schaffen will, dann sollte man die Vorlage schnell mahen. Man spricht von Handwerkerkam- mern. Hoffentlich sollen diese Bildungen obligatoris<h sein. Welche Stellung sollen die Innungen innerhalb derselben einnehmen? Die Innungen müssen die Grundlage bilden und die Selbstverwaltunc der Handwerkerkammern muß gewahrt werden. Wir wollen hoffen, daß die Vorlage noch in dieser Session gemacht wird, und zwar no< vor Neujahr. Fch fann nicht annehmen, daß Dinge. die den Neichs- tag so lange beschäftigt haben, zurückgestellt werden sollten hinter den Vorlagen über die Einheitszeit u. f. w. Wenn cine so belastende Militärvorlage gemacht wird, dann follte man dem Mittelstande, der um feine Existenz ringt, den guten Willen beweisen. i

Staatssecretär Dr. von Boetticher: Von der Discussion am 94. November 1891 habe ih úi<ht den Eindru> gehabt, daß meine Erklärung eine unerfreulihe war; sie fand ziemlich allgeineinen Bei- fall. Die Unzufriedenheit des Vorredners erfläre ih mir darau?, daß cine Vorlage no< nit gemacht worden ist. Es ist an der Vorlage gearbeitet worden im Handels-Ministerium und im Reichsamt des Innern; wenn die Sache troßdem __ niht reif geworden ist, #0 liegt das an der Schwierigkeit der Sache selbst. Ich habe mit meinem Collegen vom Handels - Ministerium lange und- eingehende Erwägungen über die Organisation des Handwerks und die Regelung des Lehrlingswesens angestellt ; wir haben mit den Sachver- ständigen verhandelt ; das Protokoll enthält sehr ausgiebige sahverständige Bemerkungen über die Frage, und es wird jeßt nöthig sein, die Vor- lage auszuarbeiten. Die verbündeten Negierungen haben bisher noch keine Stellung zu der Frage nehmen können. Unsere Absicht, d. h. die Absicht der betheiligten Ressorts, geht dahin, die Hand- werkerkammern territorial zu organisiren und ihnen gewisse obli- gatorishe Befugnisse in Bezug auf die Beaufsichtigung des LehrlingE- wesens,.in Bezug auf die Erstattung von Gutachten, die Bericht- erstattung über die Lage des Handwerks und in Bezug auf die Mit- wirkung bei der Handhabung der Arbeitershußvorschriften zuzuweifen. Die Handwerkerkammern sollen au< Prüfungsauss{üfse errihten und Zeugnisse ausstellen dürfen ; fie sollen Aufsicht über die Lehrlinge üben, über den Besuch der Fortbildungsshulen u. \. w._ Wir haben bezügli dieser Befugnisse einen schr weiten Kreis gezogen. Die Einfügung der Innungen in diese Organisation bat uns lebhaft bes<äftigt. Es bestcht bei den betheiligten Ressorts ni<ht das. Bestreben, die Innungen aus der Welt zu schaffen oder ihnen das Dasein zu erschweren, wir stehen auf dem Standpunkt, daß wir die Zusammenfassung der Handwerker zu SInnungen zu wirthscaftlihen Zwe>en fördern wollen. Ueber die Einzelheiten kann ih mi<h nicht auslassen, weil fi<h daran heute cine Discussion knüpfen würde, welche ih für eine nüß- lihe ni<ht halten fann, weil bestimmte Vorlagen ni<t da sind. Es bandelt fi um viele andere Fragen: das Wahlre<t u. L W.- über die wir uns no< sehr eingehend unterhalten müssen. Auch das Lehrlingêwesen foll geregelt werden in allen seinen verschiedenen Stadien. Es wird si fragen, ob der Lehrlingszüchterei entgegengetreten werden soll u. \. w. Darüber sind Sachverständige gehört worden. Wenn der Vorredner den Wunsch ausgesprochen hat, es möchte zu Neujahr oder gar zu Weihnachten die Bescherung vorgelegt werden, so muß ih diesen Wunsch ablehnen. Wenn wir mit nicht gut vorbereiteten Entwürfen vor Sie treten, so können wir nicht mit Sicherheit an- nebmen, daß die Vorlagen bier eine Verbesserung erfahren; deê- halb wollen wir die Vorlagen so gründli<h und gut gus- arbeiten, daß wir die Einwendungen äus dem Hause mit gutem Gewissen erwarten können. Es beklagt niemand mebr wie wir, daß die Stimmung in den Handwerkerkreisen vielfa, nicht übcrall. eine ungünstige, ja cine verbitterte is. Wir sehen es als cine Nothwendigkeit an, diese Stimmung zu verbessern. Lassen Sie uns Zeit, es foll an uns nit fehlen und sobald wir mit

vrattishen Vorschlägen an das Haus treten können, werden wir das [>4

mit Freuden thun.

Auf Antrag des Abg. Biehl (Centr.) tritt das Haus in die Besprechung der Interpellation ein.

Bei Schluß des Blattes hatte der Abg. Dr. Buhl (nl.) das Wort. j

* Im Reichstage ist von den freisinnigen Abgeordneten Gold - \<midt und Dr. Hirs folgender Antra g eingebracht : Der Reichs- tag wolle beschließen, dem nachstehenden Geseßentwourfe die verfassungs- mäßige Fit zu ertheilen: Gese, betreffend die Abänderung des Allgemeinen Deutschen Handelsgeseßbuhs. Der Artikel 61 des Allgemeinen Deutschen Handelsgesezbuhs wird in nachstehender Weise abgeändert : Das Dienstverhältniß zwischen dem Principal und dem Handlungsdiener- kann von jedem Theile mit Ablauf eines jeden Kalendervierteljahrs ua< vorgängiger se<swöchentlicher Kündigung aufgehoben werden. Ist dur< Vertrag eine kürzere oder längere Zeitdauer oder eine kürzere oder längere Kündigungsfrist bedungen, fo müssen sie für beite Theile gleih fein. Vereinbarungen, welche dieser Bestimmung zuwiderlaufen, sind nichtig. Beim Abgang können die Handlungsgehilfen ein Zeugniß über die Art und Dauer ihrer Beschäftigung fordern. Dieses Zeugniß ift auf Verlangen der Handlungsgebilfen au< auf ihre Führung und ihre Leistungen aus- zudehnen. In Betreff der Handlungslehrlinge ist die Dauer der Lehrzeit nah dem Lehreertrag und in Ermangelung vertragsmäßiger Bestimmungen nah den örtlichen Verordnungen oder dem Orts- g?brauch zu beurtheilen.

Dem Hause der Abgeordneten ist heute der Ge- [ane über die Gehaltsaufbesserung der Volks- \<hullehrer zugegangen.

Die Steuerreformcommission des Hauses der Abgeordneten seßte heute die Berathung des Ergänzungs- steuergesetßes fort. $ 11 (Die Abschäßung baaren Geldes erfolgt na dem Nennwerth; Silber, Gold und Barren nah dem Ver- faufswerth) wurde ohne Debatte genehmigt. $ 12 lautet: Abs. 1: „Andere Werthpapiere und fremde Geldsorten werden, falls dieselben in Deutshland einen Börsencurs haben, nach diesem, andernfalls na< ihrem Verkaufswerth berechnet.“ Abs. 2: „Bei Anwendung des Curswerthes is derjenige Curs maßgebend, mit wel<hem das Papier oder die Geldsorte am fünf- zehnten Tage des der Veranlagung vorhergehenden Monats an der Berliner oder der dem Veranlagungsorte nächstgelegenen deutschen Börse amtlih notirt wird.“ Abs. 3: „Alle übrigen Kapitalforde- rungen und Schulden sind mit dem Nennwerth in Ansaß zu bringen, insofern nit die Voraussetzungen des $ 16 Abs. 4 oder andere Umstände vorliegen, welhe die Annahme cines von dem Nennwerthe abweichen- den Verkaufswerthes begründen.“ Abs. 4: „Für Kapitalien, welche weder eincn Börsencurs, no< einen bestimmten Nennwerth haben, ift der Verkaufêswerth maßgebend.“ Die freiconservativen Abgg. Schla- biß, Stengel, von Tiedemann-Bomst und Freiherr von Zedlig beantragen, die beiden ersten Absäße von $ 12 und Abs. 4 zu streichen, an die Stelle der ‘beiden ersten Absätße dagegen zu feßen : „Bei der Veranschlagung anderer Werthpapiere ist, falls diefelben in Deutschland einen Börsencurs haben, dieser, anderenfalls ihr Verkaufs- werth zu berü>sihtigen.“ Nach längerer Discussion wird dieser Antrag und der demgemäß umgestaltete $ 12 mit großer Mehrheit an- genommen. $ 13 (Ermittelung des Kapitalwerths von Nenten 2c.) bleibt unverändert.—$ 14 lautet: Abs. 1: „Dem Kapitalwerth verzinslicher Forderungen oder Schulten und fortlaufender Hebungen oder Leistungen wird der Geldwerth der rü>ständigen Zinsen oder Leistungen hinzu- gerechnet, sofern deren Unbeitreiblichkeit nicht feststeht: die seit dem leßten Fälligkeitstermine laufenden Zinsen und Leistungen bleiben außer Ansaß.“ Abs. 2: „Vom Kapitalwerth unverzinslicher be- fristeter Forderungen und Schulden werden für die Zeit bis zur Fâlligkeit 4 9/9 Jahreszinsen in Abzug gebracht.“ Abs. 1 wird auf Antrag des Abg. Dr. Enneccerus gestrihen, Ak. 2 ange- nommen. Bei Schluß des Blattes wird eine Pause in der Be- rathung gemaHt.

Entscheidungen des Reichsgerichts.

Der Beneficialerbe, welher die Nachlaßgläubiger dadurch, taß er ihre Forderungen ni<t anerkennt, zum Prozeß zwingt, hat nah einem Beschluß des Neichsgerichts, TV. Civil- senats, vom 13. Oktober 1892, im Gebiete des Preuß. Allg. Land- rets im Falle des Unterliegens stets die Pr ozeßkosten aus seinem eigenen Vermögen zu tragen.

Kunst und Wissenschaft.

44 Die stilisirende Landschaftsmalerci, die Rottmann, Preller und Dreber so meisterhaft durchgebildet haben, findet in unseren Tagen nur noch wenige Vertreter; neben E. Kanoldt in Karlsruhe, einem Schüler Preller's, beansprucht Albert Hertel, der Dreber?s Unterricht genoß unter ihnen einen Ehrenplaß. Man hat Dreber den Lyriker der stilisirten Landschaft genannt, und das fubjective Element sciner Auffassung kommt in de: Schöpfungen seines Schülers no<h eindringlicher zur Geltung; das Hineinragen strengen Stils in die moderne Coloristif und Stimmungsmalerei verleiht diefen einen be- fonderen pifanten Reiz. Dem im Jahre 1887 ausgeführten Cyclus von Aquarellen, die zum größeren Theil in den Besitz der National- galerie gelangt sind, {ließt sih die gegenwärtig bei Amsler u. Ruthardt ausgestellte Sammlung von italienischen und \füd- tirolis@den Veduten an. Sie zeigt Hertel no< weiter auf dem Wege moderner Naturempfindung fortgeschritten. Einzelne flott hin- geworfene Skizzen, wie die Straße in Sterzing, der Hafen- vlatz bei Niva am Gardasce, oder das Interieur einer Dorfschmiede, in welche das Licht dur< die Spalten des reparaturbedürftigen Daches hineindringt, sind durhaus imprefsionistisch gehalten. Licht- und Farbenwirkung erscheint in ihnen unabhängig von irgend welchen stilistishen Erwägungen nah dem unmittelbaren sinnlihen Eindru> wiedergegeben. Die Mehrzahl der übrigen Aguarelle ist dagegen streng durchgezeichnet, ein festes organisches Gerüst von Formen und Linien dient als Grundlage der Farbengebung. Diese selbst bevorzugt fühle Töne; grelles Soxznenlicht, wie in der „Landstraße bei Hofgastein“, ist meist vermieden, gede>te Himmel und Abenddäminerung überwiegen. Fast alle in der gegenwärtigen Ausstellung vereinigten Landschaften sind auf einer Studienreise des Künstlers im Hochsommer und Herbst dieses Jahres entstanden. Nur cine Früblingsftimmung fiel uns auf: eine Rosenhe>e in Riva, ein Cabinetsstück zarter, duf- tiger Coloristik. Die Ufer des Gardasees, der Bli>k auf seine azur- blauen Fluthen und die licblihe Isola di Garda “begegnen dem Béschauer in stets neuer, reizvoller Beleuhtung. Man fühlt aus diesen Malereien die innige Naturfreude und Liebe des Meisters heraus. Dann wieder führt er uns in die Bergwelt von Salzburg, Bozen, Meran und Naßfeld, überall mit fkundigem Bli>k glü>li<he male- rische Motive erspähend. Das in violette Abendschatten getauchte Eifathal bei Bozen, der Frühschnee auf den Bergen Gasteins bei Sonnenuntergang, der Wasserfall der Anzershlucht bei Hofgastein, der Bli>k auf ‘den Böfstein bei heranziehendem Hagelwetter wirken besonders stimmungsvoll. Mit gleicher Liebe sind aber auch die beiden Ansichten eines märkischen Gutshofes durchgeführt und dem scheinbar reizlosen Vorwurf gefällige Seiten abgewonnen. Sicherlich darf ein so liebenswürdiger Verfehter des Optimismus in der Landschafts- malerei, wie Hertel, au in den Tagen der Graumalerei Anspruch auf Beachtung erheben, und willig werden sich ihm zahlreiche Bewunderer anschließen.

Der Verein für deutshes Kunstgewerbe veranstaltet morgen, Mittwoch, einen F ahabend für Kupferschmiedekunst, der in vieler “aag interessant zu werden verspriht. An einen Vortrag des Herrn Dr. Cornelius Gurlitt über „Kupfershmiederei

als Kunst“ wird si eine reihe Ausstellung gctriebener Arbeiten für monumentale Zwecke, Zieraeräth und Hausbedarf anschließen, ins- besondere Arbeiten von Fr. Peters, H. Hirschwald E Kaufhaus), G. Lind u. a. ; auch die Zeichnungen zu den Kupserdecorationen des Neichstagsgebäudes vom Baurath Wallot werden ausgelegt sein. Die Sizung findet im großen Saale des Architektenhauses, Abends 87 Uhr, statt. Gäste sind willkommen.

Land- und Forftwirths<aft.

é: Ernte. ___ Im Negierungsbezirk Stralsund sind die Ernteerträgnisse zu- friedenftellend mit alleiniger Ausnahme des Ertrages an Hafer. Kartoffeln, Wruen, Runfkeln und Zuerrüben ergaben reichliche Erträge.

Im Regierungsbezirk Stettin kann die diesjährige Ernte fast durchweg als gute Mittelernte bezeihnet werden. Von den Halm- frühten befriedigen insbesondere Weizen und Roggen überall. Der Hafer läßt dagegen au<h hier stellenweise zu wün- {hen übrig. Einen sehr reihen Ertrag haben Kartoffelu, meist au< Zu>errüben gebraht; auch" der crste Schnitt der Heuernte ist zufriedenstellend ausgefallen. Nur die Obst- ernte ist hinter den Erwartungen zurü>geblieben. Die Wintersaaten sind troß der Trecfenhbeit im Anfang des September bei der günstigen Witterung des Spätherbstes gut aufgegangen.

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs- Maßregeln.

E Cholera.

Pest, 5. Dezember. Von gestern Abend 6 Uhr bis beute Abend 6 Uhr ist hier eine Perfon an der Cholera erkrankt. Cin Todesfall ift in dieser Zeit nicht vorgekommen. Á Amsterdam, 6. Dezember. Nach dem von dem Minister des Innern veröffentlichten Wochenbericht find in Holland in leßter Woche vier Personen an der Cholera gestorben. E:

: Niederlande.

Zufolge einer im „Nederlandshe Staatscourant“ veröffentlichten Verfügung der Minister des Innern und der Finanzen vom 3. De- zember 1892 ist das gegen Deutschland, Belgien und Frank- reich erlassene allgemeine Ein- und Durchfuhrverbot für Lumpen, gebrauchte Kleidungsftü>e und ungereinigte Leib- und Bettwäsche, sowie Betten (vergl. „R.-A.“ Nr. 210 vom 6. September 1892) feinem ganzen Umfange nah aufgehoben worden. Das Verbot tritt mit dem 7. Dezember 1892 außer Kraft.

L Griechenkand.

__ Durch Königliches Decret vom 28. November 1892 ift die fünf- tägige Quarantäne gegen Provenienzen aus den an, der Küstenstre>e zwischen Kronstadt und Cherbourg gelegenen Häfen, fofern die betreffenden Schiffe nicht vor dem 15. November 1892 abgefahren sind, aufgehoben und durch eine strenge ärztlihe Untersuchung erseßt worden. 4

Die gleiche Maßregel findet auf Schiffe Anwendung, welche eavyptishe und französishe Hafenpläze ausgenommen Marseille niht vor dem 27. v. M. verlassen haben. /

Herkünfte von Marseille unterliegen einer zweitägigen, Herkünfte von italienischen Häfen einer eintägigen Beobachtungs- quarantäne.

Ein weiteres Königliches Decret vom gleichen Tage - gestattet die Einfuhr von frishen (gesalzenen) Häuten, welhe nicht vor dem 91. November in Häfen verladen worden sind, deren Provenienzen in Griechenland nur einer Beobachtungs-, nicht einer Effectivquarantäne unterliegen. (Vergl. „R.-A.“ Nr. 285 vom 4. Dezember 1892.)

Venezuela.

Die Verordnung der venezolaniscben Regierung, wonach die Häfen des Freistaats für Hamburger Herkünfte geshlo}sen waren (vergl. „N.-A.* Nr. 260 vom 2. November 1892) ift unter dem 14. Oktober 1892 dahin abgeändert worden, daß sämmtliche Schiffe, welche aus <holeraverseuchten europäischen Häfen kommen, in Venezuela einer strengen Quarantäne unterliegen.

Verkehrs-Anstalten.

Infolge der Wiedereröffnung des Sce-Poitverkchrs zwischen Hamburg und den columbishen Seehäfen erhalten P ostpacete na< Columbien und Salvador jeßt wieder Beförderung.

Hamburg, 5. Dezember. (W. T. B.) Hamburg - Ame- rifanische a>detfahrt-Actien-Ges ellschaft. Der Post- dampfer „Dania* hat, von New-York kommend, heute Vormittag Lizard passirt. Der Posidampfer „Bavaria“ ift, von Hamburg kommend, heute in St. Thomas eingetroffen. : ;

Diet, 5 Diebe Wi E. B) Der Lloyddampfer „Pandora“ ist, von Konstantinopel kommend, gestern Vormittag hier eingetroffen.

London, 5. Dezember. (W. T. B.) Der Union-Dampfer „Ar ab" is am Sonnabend auf der Ausreise von Southampton abgegangen. Der Castle-Dampfer „Dunottar Castle" ist am Sonnabend auf der Heimreise in London angekommen.

Theater und Musik.

Königliches Opernhaus. Dio Ftaliener scheinen nah und na<h Berlin erobern zu wollen : im vorigen Jahre nahm uns die „Cavalleria“ Mascagni’s gefangen, in diesem Jahre beherrsht uns Eleonora Duse; dann errang Tasca mit seinein Melodrama „A Santa Lucia“ bei Kroll einen ungewöhn- lihen Erfolg, ebenso die italienishen Sänger Stagno und Gemma Bellincioni, und gestern hat ein neuer junger, italienischer Componist N. Leoncavallo mit einer zweiactigen Oper „Bajazzi" seinen siegreihen Einzug in das Opernhaus gehalten. Der Gegenstand dieser Oper eine wahre Begebenheit ist ebenso cigenartig wic die Musik; die Wirkung is auf beides glei<hmäßig zu vertheilen, Die „Bajazzi“ sind eine Tragödie, die um so wirksamer ist, als fie sih da, wo man sie fonst ni<t zu fuchen pflegt, auf dem Boden der Burleske, abspielt : die Tragik des Lebens entfaltet si unter Bajazzo’s mit und in einer Bajazzo-Komödie. Eigenartig ist der etwas aus dem Rahmen fallende Prolog, dec dem Hörer von einer der in der Komödie handelnd auftretenden Personen, dem Komödiantea Tonio (Herr Bulß), vor der Gardine vorgetragen und worin die oft nur allzu sehr verkannte Wahrheit dem Hörer zu Gemüthe geführt wird, daß auh die Spaß- macher, Bajazzo’s, Clown's, und wie sie sonst heißen mögen, ein Herz in der Brust haben und oft von bitterem Sch:nerz gequält werden. Der Prolog (wie auch. schon die Ouverture) verseßt uns inhaltlich wie musikalish sofort in die Stimmung, die wir der na<hfolgenden tragi- schen Komödie entgegenzubringen haben; schon dieser Prolog, der von Herrn Bulß in seinem Bajazzo-Anzug meisterhaft vorgetragen wurde, ist musikalis< so bedeutend, daß er das Haus zu lautem Beifall begeisterte und dem Componisten eincn Hervorruf einbrachte. Der Gegenstand der Handlung verscßt uns in ein italicnishes Dorf, wo für einc fahrende Gauflergesell]<aft eine Bretterbühne aufgeschlagen ist. Canio (Herr Sylva) das Haupt der Dor‘comödiantentruppe, fommt mit seinem Weibe Nedda (Frau - Herzog) und zwei Comödianten, von der -Dorfjugend mit Jubel begrüßt, auf cinem Karren angefahren und verkündigt, daß am Abend die erfte Vorstellung stattfinden soll. Während er von den Bauern zu cinem Glafe Wein ein- geladen wird, macht der stets in der Nolle des Tölpels und Dummkopfs auftretende Tonio dem Weibe Canio’s, Nedda,” eine ernste Liebeé- erflârung, die aber mit Hohn und mit einem Peitschenschlag zurü>- gewiesen wird. Denn Nedda's Herz gehört einem anderen, dem jungen Bauern Silvio (Herr Fränkel), der seine nunmehr wieder- gefundene Gelicbte bestürmt, eei Mann zu verlassen und mit ihm zu fliehen. Tonio belausht das Liebespaar und holt aus Rache für die ihm gewordene Kränkung den Canio aus der Weinstube herbei, der. gerade zu rechter Zeit kommt, um no<h Zeuge des

Vorganges zu werden: do< vermag cr den flüchtigen Liebhaber nicht

zu erfennen oder einzuholen. Von Vexzweïflung getrieben, fordert er von feiner Frau den Namen des Liebhabers, den diese aber anzugeben si< weigert. Von Eifersuchtsqualen gefoltert, muß h nun Canio zu der beginnenden Vorstellung rôfen: Es wird die Komödie der Colombine gegeben, die eine Aehnlichkeit mit den ge- schilderten Vorgängen hat: der Bajazzo (Canio) überras<ht die Colombine auf einer Untreue und fällt nun aus der Rolle, indem er wüthend auf seine Frau eindringt und nah dem Namen ihres wirk- lichen Liebhabers fragt., Die Zuschauer wissen nit, ob es si hier no< um Spiel oder Wirklichkeit handelt, bis Colombine si<h der Wuth ihres Mannes dur< Fluht unter die Zuschauer zu entziehen su<t, von ihm aber niedergesto<en wird. Sterbend ruft sie Silvio zu Hilfe, den gleichfalls fofort das Messer Canio's nieder- itre>t. Den erschütterten Zuhörern ruft Canio in graufigem Tone zu: „Geht ruhig heim, die Komödie ist nun zu Ende“. Die Hand- lung ist, wie man sieht, drainatis< lebendig und pa>end; sie wirkt insbesondere durch den gekennzgihneten Reiz des Gegensaßes«-; Dazu kommt eine Musik, welche în den lebhaftesten Tonfarbe# a& Vor- gänge und Gegensäßc schildert, maleris< wirft und in hohem Maße Mdarakteristis< ist. Glänzende Instrumentation, geschi>kte, geistreiche Erfindung fesseln von Anfang bis zu Ende. Am wenigsten ist dies vielleiht bei den Bauernchören des ersten Acts der Fall, die wenig Einschmeichelndes baben; um fo mehr in dem Liebeësduett, in der Verzweiflung8arie Canio’s, in dem zwischen dem ersten und zweiten Act gleichfalls mit befonderem Beifall aufgenommenen Intermezzo und namentlih in dem zweiten Act, wo der Gegensatz der Colombine- Komödie mit der ernsten Wirklichkeit in charafteristis<her. Weise zu musika- [ishem Auêdru> gelangt. Die Mitwirkenden, vorän Herr Sylva, Frau Herzoz und Herr Bulß, entledigten sih ihrer dankbaren Aufgaben mit Meisterschaft; au< die Chôre und die Volksfcenen, sowie die Orchesterbegleitung unter Kapellmeister Sucher waren vorzüglich ein- studirt, sodaß der volle wnd bedinzungslose Erfolg sowohl auf Rech- nung der Aufführung wie der Composition und des Gegenstandes der Handlung zu feßen ist. Der Coinponist wurde neunmal vor die Gardine gerufen.

Vorher ging das Schäferspiel „Bast ien und Bastienne“, das Mozart als zwölfjähriger Knabe componirt hat, und das von Fräulein Weiß, den Herren Krolop und Philipp anmuthig dargestellt wurde. Als Einleitung zu Leoncavallo’s Tragi-Komödie fann es faum etwas Geeigneteres. geben: denn die Einfachheit des Gegenstandes wie der musikalischen Form verbürgt eine um fo größere Wirkung der in großem Stile gehaltenen italienis<hen Oper. Auch das Schäfersviel wurde freundlih aufgenommen.

JFhre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin wohnten der Vorstellung vom Anfang bis zum ¡Schluß bei. Nach der Auf- führung befahl Seine Majestät den Componisten Herrn Leoncavallo in Seine Loge, um ihm die Allerhöchste Befriedigung auszusp®kechen und ihm mitzutheilen, daß Allerhöchstderselbe den König von Italien telegraphis<_ von dem großen Erfolge benachrichtigen werde. Außer- dem ließ Seine Majestät dem Kapellmeister, dem Ober-Regisseur, den Solisten, dem Chor und dem Orchester Allerhöchstseine Zu- friedenheit für die Aufführung aussprechen. :

Berliner Theater. _ Gestern Abend wurde Shakespeare?'s. , Macbeth“ neu ein- studirt gegeben. Wie man es an dieser Bühne gewöhnt ist, war auf Decorationen, Costüme, effectvolle Inscenirung die äußerste Sorgfalt verwendet und nahezu Vollkommenes in dieser Beziehung erreicht : be- sonders waren die Massenscenen mit großem Geschi> eîn- geribtet. So machte die dur< die Ermordung des alten Königs Duncan von Schottland in Macbeth’s Hause hervor- gerufene Verwirrung mit dem darauf folgenden Schwur und die Darstellung der Macbeth’s Tod herbeiführenden Schlacht einen tiefen Eindru> auf «di® zahlreichen Zuschauer. Die Titelrolle wurde von Herrn Kraußne> mit dem diesen Künstler stets auszeichnenden Anstande gegeben. Als von Gewissensgualen gepeinigter König zeigte er besonders bei der Erscheinung des auf sein Geheiß gemordeten Banquo in der Ge- sellshaft eine Leistung von schauspieleris<her Größe, die aber durch die Darstellung von Macbeth's Ende no< übertroffen wurde. Sein Macbeth würde si< no< eindru>svoller gestaltet haben, wenn ni<t der Wohlklang seiner Stim:ne an manchen Stellen dur ab- sichtlih herbeigeführten heiseren Klang und später dur< Ueberan- strengung gelitten hätte. Der Macbeth wirkte deshalb im ganzen nicht ershütternd, sondern licß die Zuschauer stellenweise re<t fühl. Lady Macbeth wurde zum ersten Male von Fräulein Haverland gegeben. Sie hätte im Gegenfay zu dem Vorgenannten von ihrem \{<önen Organ bei der Wiedergabe der ehrsüchtigen Königin einen etwas fräftigeren Gebrau<h machen fönnen, da viele ihrer Worte im Zuschauerraum unverstanden blieben. An der Auffassung ihrer Aufgabe ist auszuseßen, daß es ihr nicht gelang, die von der Dichtung vorgeschriebene dämonis<he Erscheinung flar zur Wirkung zu bringen. Unter den übrigen Mit- wirkenden ist besonders Fräulein Hoenig zu nennen, die für ihr äußerst sympathishes Spiel als Lady Macduff in der kurzen, ihrer Ermordung vorangehenden Scene lebhaften Beifall erntete. Auch die Herren Vieberg (Duncan), Stockhausen (Malcolm), Nollet (Banguo0), Gregor (Macduff), Blankenstein (Lenor), Ulrich (Donalbain) und der kleine Arthur Weinschenk (Macduff?s Sohn) trugen das ihrige zu dem Erfolge bei. i s Sing-Akademie. _ i

Der Violinvirtuos Herr Dimitri Aksharumoff, der sich bier {on övfter hören licß, gab gestern ein Concert, das leider nur sehr spärlich besu<t war. Er eröffnete dasfelbe mit einer Sonate für Geige und Klavier von Brahms (op. 100), und ließ dann einige Piècen von Bach, Schubert-Wilbelmj sowie zwei anmuthige kleine Stücke eigener Compositien folgen, die er mit tehnis<her Sicherheit und \{wungvollem Ausdru> spielte. Der Pianist Herr G. Ber'‘ger, der in der Sonate die Klavierpartie sehr gut ausführte, erfreute noch dur einige Klaviervorträge von Beethoven, Berger und Liszt, die gleich denen des Concertgebers beifällig aufgenommen wurden.

Saal Bechstein.

Die junge Sängerin Fräulein Elly Grimm (Sopran), die aus der Schule O. Eichberg?s hervorgegangen ift und hier {hon mehrmals öffentlih gesungen hat, gab gestern ein Concert, in welchem sie außer Mozart’s Arie „Ch’io mi scordi di te?“ mehrere Lieder von Schu- mann, Brahms, Grimm, Eichberg, Wulffius und Hilda< zum Vor- trag brachte. Die Stimme ist wohlklingend und re<t ausgiebig, nur in der Höhe ist mitunter ein zu scharfer Tonansatz erkennbar, auch muß die schr begabte Künstlerin die Ausdru>kësweise no< empfindungs- voller zu gestalten suchen. Die Intonation ift sicher, auch ist eine gewisse Coloraturgewandtheit bereits herangebildet Hildach's Licd „Heut sang ein Nögelein“ wurde wiederholt. Der junge Violinvirtuos Herr Ca- vallery aus Italien erfreute dur< den Vortrag zweier Sätze des Mendelsfohn’s{hen Concerts und kleinerer Stü>ke von Svendsen, Godard und Sarasate, in denen er eine schr weit vorgeschrittene te<hnische Fertigkeit, leihte Bogenführung und weiche Tonerzeugung mit großer Sauberkeit des Spiels verband. Ihm und der Sängerin wurde reiher Beifall zu theil, der auch der Frau Bielenberg galt, die sämmtliche Piècen des Abends sehr sicher am Klavier begleitete.

_Im Königlichen Opernhause findet morgen die erste Wiederholung der Oper „Bajazzi“ und des Singspiels „Bastien und Bastienne“ \tatt. Am Donnerstag kommt die Oper „Der fliegende Holländer“ mit den Damen Pierson und Lammert und den Herren Stammer, Rothmühl, Bey und Lieban zur Aufführung. In der Vorstellung des „Lohengrin“ am nächsten Sonnabend singt der Königliche Kammersänger Herr Göße die Titelrolle.

Die Musik zu Shakespeare’s Zauberkomödie „Der Sturm" von Wilhelm Taubert, welche am Donnerstag im Königlichen Schau- \spielhause zur 150. Aufführung gelangt, wurde 1855 in München zum ersten Male unter des Componisten Leitung ausgeführt. Als in Berlin nah langem Zögern endlich der Entschluß gefaßt wurde, das Werk mit der Taubert’schen Musik dem Spielplan des Schauspielhauses einzuverleiben, ging das Atelier des Könialichen Decorationsmalers

Gropius wit den eben fertig gestellten „Sturm“-Decorationen in