1892 / 290 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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Nachdem der Staatssecretär Dr. von Boetticher ih zur sofortigen Beantwortung der Jnterpellation bereit erklärt hat, nimmt der Abg. Hive (Centr.) das Wort zu der bereits gestern mitgetheilten Rede. Darauf antwortet der Staats- jecretär Dr. von Boetticher mit folgender Rede:

Ob es mir gelingen wird, alle Wünsche des Herrn Vorredners zu befriedigen, ist mir allerdings sehr zweifelhaft. Indeß will ih mi<h bemühen, ihm soweit Aufschlüsse über die von ihm gestellten Fragen zu geben, als dies nah Lage der Sache möglich ist. Zunächst möchte ih aber eine versönlihe Bemerkung gegenüber seinen Ausführungen machen, das ist die, daß er meine Rede vom 24. November vorigen Jahres, wie mir scheint, zu Unrecht als eine ihrem Inhalte nah un- erfreulihe und jedenfalls zu allgemein und zu unbestimmt gehaltene bezeichnet hat. Das Urtheil damals am 24. November, das mir aus diesem Hause entgegengetreten ist, bestätigt die heutige Meinungs- äußerung des Herrn Vorredners niht. Ich erinnere ihn daran, daß man aus den Reihen seiner Fraction und namentli<h au<h aus den Reihen der conservativen Parteien eine große Befriedigung über meine Ausführungen zu erkennen gegeben hat. (Zuruf links.)

Auf der Linken wurde die Sache anders beurtheilt, das gebe ih zu, und namentli<h hatte damals der Herr Abg. Eberty die Meinung ausgesprochen, daß er nit viel Erfreuliches in den Plänen der Regie- rung entde>en könne. Umsomehr glaubte ih darauf rehnen zu können, daß das Centrum und die conservativen Parteien mit meinen Aus- führungen einverstanden sein würden. (Zuruf links.) Freilich, Herr Abg. Megner nahm einen besonderen Standpunkt ein. Das ist rihtig, und daraus fann i< nur den Schluß ziehen, daß in den Fragen, die Gegenstand der Discussion waren, nicht volle Ucbereinstimmung unter den Mitgliedern des Centrums bestand. Aber der Totaleindru> der damaligen Discussion war für mich der, daß i< annehmen fonnte, daß meine Ausführungen keinen unbefriedi- genden Eindru> gemacht hätten. Nun, das scheint in der Zwischen- zeit anders geworden zu sein, und ih \<reibe die mit jenem Eindru> ni<ht in Uebereinstimmung stehenden Bemerkungen des Herrn Vor- redners dem Umstande zu, daß es bisher niht möglih gewesen ist, dem Hause mit bistimmten Vorlagen zu kommen, wie es damals von mir in Aussicht gestellt war. Wenn Ihnen aber die Ent- wi>elung bekannt wäre, welhe während des Sommers und bis in die neueste Zeit hinein die Handwerkerfrage im Reichsamt des Innern und im preußischen Handels-Ministerium ge- nommen hat, dann würde mir auch der Herr Vorredner die Gerech- tigkeit zu theil werden lassen müssen, daß wir die Hände nicht in den Schoß gelegt haben, daß wir das Unsrige geleistet haben, und daß, wenn die Sachen bis heute no< ni<t zum Spruch für dieses Haus reif geworden sind, dann die Schuld niht an uns, sondern in den Schwierigkeiten liegt, welche die Fragen bieten.

Meine Herren, bald na< dem Schluß des Neichstags bin ‘i< mit meinem Herrn Collegen, dem Königlich preußishen Handels - Minister, mit dem i<h mi< in diesen Fragen in enger Fühlung halte, in Erwägungen darüber eingetreten, wie die Organisation tes Handwerks und die Regelung des Lehrlings- wesens anzugreifen sein möchten. Wir haben lange und eingehende Erwägungen darüber angestellt. Die Frucht dieser Erwägungen sind Vorschläge gewesen, welhe wir für die Organisation des Handwerks und für die Regelung des Lehrlingswesens als vorläufige Grundlage aufstellen zu sollen glaubten. Ueber diese Vorschläge haben wir mit sfachverständigen Interessenten aus den gewerbetreibenden Kreisen verhandelt no< in neuester Zeit. Das Protokoll über diese Verhandlungen ih gewähre dem Herrn Vorredner rü>sihtli< ihres Umfangs einen Einbli> enthält werth- volle und ausgiebige kritishe Bemerkungen zu jenen Vorschlägen, und es wird jeßt unsere Sache sein, diese Bemerkungen einer weiteren Prü- fung zu unterziehen und demnächst mit der Ausarbeitung von Vorlagen vorzugehen, über welhe event. von neuem Interessenten zu hören sein werden. Die verbündeten Regierungen sind bisher no< nit in der Lage gewesen, ihrerseits eine Stellung zur Organisationsfrage zu nehmen. Ich muß daher die Frage, welche in der Interpellation über die Stellung der verbündeten Regierungen aufgeworfen ift, dahin beantworten, daß ih darüber eine Auskunft nicht zu ertheilen vermag.

Was nun die Organisation des Handwerks anlangt, so geht unsere Absicht dahin, das gesammte Handwerk in Handwerkerkammern zusammenzufassen, welche territorial abgegrenzt sind. Unsere Absicht geht weiter dahin aber ih bitte, immer daran zu denken, daß dies no<h ni<ht die Abscht der verbündeten Megierungen ist, sondern daß es nur die Absicht ist, die in den beiden zunächst be- theiligten Ressorts besteht es geht unsere Absicht dahin, diesen Handwerkerkammern gewisse Functionen obligatorish beizulegen, namentli<h gewisse Befugnisse bei Regelung des Lehrlingswesens, die Erstattung von Gutachten, welche über gewerblihe Fragen von den Behörden gefordert werden, die periodische Berichterstattung über die Lage des Handwerks, die Aufficht über die Durchführung der für die Ausbildung und Behandlung der Lehrlinge erlassenen Vorschriften, und die Mitwirkung bei der Ueberwachung der auf den Arbeitershuß be- züglichen Bestimmungen der Gewerbeordnung. Daneben sollen den Handwerkerkammern gewisse facultative Befugnisse beigelegt werden, welche sih beziehên auf die zur Förderung des Kleingewerbes ge- eigneten Einrichtungen und Maßnahmen, und welche dahin gehen sollen, daß sie fol<he Maßnahmen auch bei den competenten Behörden anregen dürfen. Dann wird eine weitere Facultät ihnen dahin bei- gelegt werden, daß sie die zur Förderung des Kleingewerbes geeigneten Einrichtungen und Maßnahmen zu berathen und anzuregen, Veranstaltungen zur Förderung der gewerblihen, sittli<hen und tehnishen Ausbildung der Gesellen, Gehilfen und Lehrlinge zu treffen und für einzelne Gewerbe oder Gewerbegruppen Prüfungs- aus\chüsse zu errihten haben mit der Aufgabe, diejenigen Lehrlinge, welche es beanspruchen, bei Beendigung der Lehrzeit einer Prüfung zu unter- ziehen und üter den Erfolg dieser Prüfung Zeugnisse auszustellen. Weiter soll ihnen der Erlaß von Vorschriften zugestanden werden über das Verhalten der Lehrlinge, die Art und den Gang ihrer Ausbildung sowie über die Verwendung von Lehrlingen außerhalb des Gewerbes, über den Besuch der von ihnen errichteten Fah- und Fortbildungss{hulen, soweit dieser Besuch nicht dur< Gesetz oder Statut geregelt ist, endlih über die Anmeldung der Gesellen, Lehrlinge, Arbeiter.

Sie sehen also, meine Herren, daß wir für die Competenz der Gewerbekammern einen sehr weiten Kreis gezogen haben, und das haben wir thun zu müssen geglaubt, weil wir den Gewerbekammern vor allen Dingen eine lebenskräftige und lebensvolle Thätigkeit sichern wollen.

Meine Herren, uns hat selbstverständli<h die Frage, wie die Innungen in diese Organisation einzugliedern sein möchten, lebhaft be- schäftigt. Jh kann den Herrn Vorredner in dieser Beziehung beruhigen. Es besteht bei uns beiden Ministern, die wir zunächst uns mit der Sache beschäftigt haben, niht das Bestreben, die Innungen aus der Welt zu schaffen oder ihnen das Dasein zu ers<weren. Im Gegentheil, wir stehen beide auf dem Standpunkt, daß wir die Zusammenfassung des Handwerks zu wirths<haftlißen Zwe>en als durhaus löblih und nüß- lih ansehen. Es wird si< au unseres Erachtens ermöglichen lassen, den Innungen innerhalb der neu in Aussicht genommenen Organi- sation eine Stelle anzuweisen.

Ueber die Einzelheiten kann ih mi< f\elbstverständlih ni<ht aus- lassen. Ich vermeide es au< um deswillen, weil si<h daran voraus- sihtlih eine Discussion knüpfen könnte, wel<he i< für eine ersprieß- liche niht anzusehen vermag, folange uns nicht ganz bestimmte Vor- {läge vorliegen, an welche die Discussion anknüpfen kann.

Nun, meine Herren, haben wir neben der Organisationsfrage, an die sih ja eine ganze Neihe von Unterfragen anknüpfen: über das Wahlrecht, über die Abgrenzung rüc{sihtli<h des Kreises der Be- theiligten, eine Frage, die außerordentli<h s{<wierig ist, denn was ist heutzutage Handwerk? darüber werden wir uns wahr- \cheinli<h gründlih und eingehend unterhalten müssen, und vielleicht werden wir binsihtlih dieser Frage zu keinem anderen Ergebniß fommen, als daß wir auch hier, wie es ja bei der Unfallversicherungs- geseßgebung geschehen ist, zu einer mechanishen Begrenzung gelangen i< sage also: außer dieser Organisationsfrage haben wir die Nege- lung des Lehrlingswesens gleichfalls unserer Betrachtung unterzogen. Dabei ist die Frage erörtert: wer soll berehtigt sein, Lehrlinge zu halten? wer soll ausgeschlossen fein von der Lehrlingshaltung? wie soll die Lehrzeit bemessen werden? foll es ein Verfahren geben in Bezug auf die Entziehung der Befugniß zum Halten von Lehrlingen ? wie soll die Stellung des Lehrlings zum Meister geregelt sein? foll, um die sog. Lehrlingszüchterei auszuschließen, eine Verhältniß- zifffer zwischen der Zahl der Lehrlinge und der Zahl der Gesellen vorgeschrieben werden ? Alle diese Fragen find der Erörterung unterzogen, wir sind au<h rü>sihtli< dieser Fragen zu vorläufigen Vorschlägen gekommen. Die Sachverständigen, welche wir über diese Vorschläge vernommen haben, haben dazu ebenfalls ihre Bemerkungen gemacht, und es wird an der Zeit sein, diese Bemerkungen zu prüfen und daraufhin weiter vorzugehen.

Wenn der Herr Vorredner \{ließli< den Wunsch ausgesprochen hat, es möchte noh zu Neujahr oder gar zu Weihnachten eine Vorlage öIhnen besheert werden, so kann ich auf diefen Wunsch zu meinem lebhaften Bedauern nur ablehnend antworten. Was könnte es Ihnen helfen und uns helfen und was könnte es dem deutschen Handwerk helfen, wenn wir mit ni<ht wohl vorbereiteten Vorschlägen an Sie heranträten! Daß die Sachen, die unvollständig vorbereitet und unvollkommen in ihrer Gestaltung sind, unter allen Umständen im Reichstag eine durchgreifende Verbesserung erfahren, haben wir bisher no< ni<t wahrnehmen können. Jedenfalls, glaube ih, würde es von dem Standpunkt des Herrn Vorredners aus nicht richtig sein, wenn wir Ihnen niht mit Vorschlägen kämen, welche gründlih durh- dacht sind und welche wir selbst so begründen können, daß wir den Einwendungen, die aus diesem Hause zweifellos kommen werden, auch mit Erfolg entgegenzutreten vermögen.

Also, meine Herren, lassen Sie uns Zeit! Es beklagt niemand mehr wie wir, daß die Stimmung in den Handwerkerkreisen vielfach i< sage nicht überall, denn das würde zu weit gehen, und ih glaube au< nicht, daß der Herr Vorredner eine solhe Behauptung aufzustellen geneigt sein wird eine ungünstige, ja eine verbitterte ist. Wir sind bereit, na< unseren Kräften dahin mitzuwirken, daß diese Stimmung verbessert wird; wir sehen es auch als ein Mittel zu dieser Verbesserung an, wenn wir dem Handwerker mögli<#t bald Klarheit über die künftige Organisation des Handwerks schaffen. Aber, wie gesagt: lassen Sie uns Zeit, es soll an uns nicht fehlen und fobald wir mit prafktishen Vorschlägen vor das Haus treten können, werden wir diesen Moment mit Freuden begrüßen.

Auf Antrag des Abg. Biehl (Centr.) tritt das Haus in die Besprehung der Jnterpellation ein.

Abg. Dr. Buhl (nl.): Er stimme dem Staatsfecretär zu, daß es ein \{werer Fehler wäre, wenn die Regierung ni<ht mit wohl- vorbereiteten Vorschlägen vor den Reichstag käme, und wenn man nur etwas thäte, ut aliquid fecisse videatur. Die Mißstimmung würde dann nur no< größer werden. Unter diefen Umständen sei eine Discussion ohne solche bestimmten Vorschläge ziemli<h fruchtlos. Man möge also abwarten, wel<e Vorschläge die Regierung auf Grund ihrer Verhandlungen mit den Handwerkern bringen werde. Möge dabei dem Handwerk sein Recht geschehen, aber auch das Publikum nicht geschädigt werden. Für feine Person erkläre er, daß er na< wie vor in der Durchführung der Zwangsinnungen einen Vortheil für die Handwerker niht schen könne. Das consumirende Publikum würde in weitgehendster Weise belästigt werden und das Handwerk würde dur diese Zwangsinnungen durchaus nicht die Vortheile haben, die es davon erwarte. Das Handwerk kämpfe hauptsächli<h gegen die Großindustrie, und gerade die größeren Betriebe sollten in die Organisation niht eingeschlossen werden. Nun wäre es aber_ein Irrthum, zu glauben, daß im Handwerk keine entsprehende Organisation bestände. Allerdings erscheine das Zusammenschweißen des Handwerks mit der Großindustrie zur Be- rathung ihrer gemeinschaftlichen Interessen ni<ht zwe>mäßig. Man habe in Bayern mit der Verbindung von Handelskammern mit großen und kleinen Gewerbekammern keine günstigen Er- fahrungen gemacht. Andererseits gebe er dem Staats- Jécretar, zu _beédenlen, 0b es zveamalia fet, E Handwerkerkammern zu gründen. Vielleicht empfehle es sich, au das kleinere Gewerbe in diese Organisation mit hineinzuziehen. Man habe in der Pfalz sehr gut organisirte Gewerbevereine, in denen Hand- werk und Kleingewerbe in sehr zwe>mäßiger Weise zusammen arbei- teten. Die Erziehung eines tüchtigen Lehrlingsstandes scheine ihm die erste Aufgabe einer guten Handwerkerorganisation zu sein. In den großen Betrieben würden heute vielfah ni<ht mehr Lehrlinge, fondern jugendliche Arbeiter herangebildet. Die Gewerbe- vereine hâtten in der Ausbildung von Lehrlingen sehr segensrei< gewirkt. Er möchte die verbündeten Regierungen bitten, eine Vorlage zu machen, welche mit der Bewexbösreidoit niht breche, aber dem Handwerk wirkli< nüyge. Denn er glaube ni<ht mit den Socialdemokraten, daß das Handwerk unrettbar dem Untergang preis- gegeben sei. Ein Theil des Handwerks sei allerdings in die Wege der Großindustrie hineingedrängt worden, aber ein ganz bedeutender Theil des Handwerks stehe no< auf dem alten Boden. Es gebe zwar Schuh- und Kleiderfabriken, aber troßdem eine ganze Reihe von selbständigen Schuhmachern und Schneidern. Und in wessen ibe seien diese sogenannten großen Betriebe? Im Besiy von früheren Handwerksmeistern, die si<h emporgearbeitet hätten. Sei denn nicht aus der Bebel’schen Drechslerei eine in den weitesten Kreisen bekannte Fabrik hervorgegangen? Auch des Abg. Biehl Geschäft habe einen ähnlichen Aufshwung genommen. Die Hauptsache bleibe aber die Heranbildung eines tüchtigen Lehrlingsstandes.

Abg. A>kermann (deutshcons.): Er habe im vorigen Jahre lebhaft bedauert, daß der Staatssecretär Dr. von Boetticher dem Reichétage in Bezug auf den Befähigungsnachweis eine so unbe- friedigende Auskunft ertheilt habe. Er habe damals nur die Grün- dung von Handwerkerkammern und eine Beseitigung der Mißstände auf dem Gebiete des Lehrlingswesens in Aussicht gestellt. Man habe damals nicht übersehen können, wie die Handwerkerkammern gedacht seien. Heute habe man etwas mehr erfahren, aber er (Redner) be- haupte, daß diese Handwerkerkammern den Befähigungsnachweis nicht erseßen könnten. Er sehe au nicht ein, weshalb zu den {on bestehenden Schiedsgerichten, Innungsaus\hüfsen, Verwaltungsgerichten, Ober - Verwaltungsgerichten, die si<h alle mit Handwerkerfragen beschäftigten, nun no< eine neue Institution geschaffen werden solle. Die neuen Handwerkerkammern sollten fi<h in der Hauptsache mit gutachtlichen Aeußerungen befassen und das Lehrlingswefen über- tragen bekommen. Dieses Leßtere sei ihm aber sehr bedenkli<h. Die Innungen könnten das Lehrlingswesen viel besser beurtheilen, als die Handwerkerkammern, welche die localen und persfönlihen Verhältnisse in jedem Handwerk nicht fo genau kennten. Man könne denen, die seit Jahrzehnten für die Forderungen der Innungen gewirkt hätten, nicht zumuthen, daß sie einer neuen Organisation zustimmten, welche die Innungen in ihrem Rechte beschränkten. Seine Partei sei nicht gewillt, auf Kosten der Innungen Handwerkerkammern organisiren zu lassen. Es beständen allerdings in einzelnen Staaten, au< in Sachsen bereits Handwerkerkammern; diese hätten aber keine felbst- ständige Stellung, sondern beschäftigten fih mit gutahtlihen Aeuße- rungen. Welche Befugnisse den Handwerkerkammern in Bezug auf das Lehrlinge wesen eingeräumt werden sollten, wisse man no< nicht. Der Staatssecretär Dr. von Boetticher habe auf die Frage, ob die geseßliche Regelung bald zu erwarten fei, geantwortet: die Sache habe thre Schwierigkeiten. Danach könne man wohl jeßt hon mit Gewiß- heit annehmen, daß eine Vorlage in dieser Session niht kommen werde. Er (Nedner) beflage das auf das tiefste. Es sei die höchste Zeit, daß man - diese Dinge zum Abs<luß bringe. Die Unzufrieden- heit wachse, die Unzufriedenen gelangten auf Abwege und würden dann Feinde des Staats. Das E, fange an, ungeduldig zu werden, und er glaube, es habe Grund dazu.

Staatssecretär Dr. von Boetticher:

Meine Herren! In dem Bestreben, der Ungeduld des Handwerks abzuhelfen, werden Sie uns nicht übertreffen. Im Gegentheil, wir leisten, was wir auf diesem Gebiete leisten können. - Wir sind aber niht Herr der Schwierigkeiten, die von der anderen Seite vielleicht zu gering taxirt werden, aber die wir erst überwunden haben müssen, um mit einer spruchreifen Vorlage vor das Haus zu treten.

Ich sollte meinen, ih hâtte mit meiner ersten Erklärung diese Schwierigkeiten genugsam angedeutet, und ih glaube, daß jemand, der mitten in der Handwerkerbewegung steht, wenn er niht einfah zu dem Necepte {wört: macht obligatorishe Innungen und Befähigungs- nachweis, diese Schwierigkeiten gar nicht verkennen könnte.

Was den Befähigungsnachweis anbelangt, so ist dem Gesetz- entwurf, welchen dies Haus mit geringer Majorität angenommen hat, vom Bundesrath nicht zugestimmt worden. Er is} gefallen, diese Thatsache ist, im officiellen Bericht des „Reichs-Anzeigers* publicirt, durch alle Zeitungen gegangen, es haben darüber pro et contra \i< Preßstimmen vernehmen lassen und wir haben allerdings nicht an- genommen, daß über das Schi>ksal dieses Entwurfs no< irgend ein Zweifel besteht.

Im übrigen haben die Ausführungen des Herrn Vorredners doch wieder in mir die Ueberzeugung bestärkt, daß es re<t bedenklich ift, Fragen ohne bestimmt greifbare Unterlage zum Gegenstand der Dis- cussion hier im Hause zu machen.

Der Herr Vorredner hat aus den kurzen Andeutungen die ih ja nur habe machen können im Rahmen der Beantwortung ciner Jn- terpellation, und die ih freili<h hätte anders machen können, wenn i< eine große akademishe Debatte über diese Frage hätte hervorrufen wollen Schlußfolgerungen gezogen, an die mein Herr College und ih gar nicht gedaht haben. Weshalb foll denn das niht mög- lih sein, daß au< die Innungen innerhalb ihres Kreises einen Ein- fluß auf das Lehrlingswesen behalten? Kann si< denn der Herr Vorredner eine folhe Organisation nicht vorstellen? Muß denn etwa mit der Schöpfung der Gewerbekammer alles, was an corporativem Leben im Handwerk si<h bisher entwi>elt hat, von der Bildfläche vers<winden? Keineswegs! Darin aber liegt eine gewisse Schwierigkeit bei der Lösung der jeßt vorliegenden Frage, daß den Innungen eine Stellung angewiesen werden soll, die ihren Interessen entspricht, und bei der der nicht corporirte Handwerker auch seine Nechnung findet. Diese Schwierigkeit wird, so hoffe i, gelöst werden, leicht ist die Lösung freilih niht. Ich bitte aber, keineswegs daraus, daß ih diese Schwierigkeit niht ex professo jeßt behandle und i< richte diesen Wunsh au<h na< außen hin - —, den Schluß zu ziehen und ih habe mich gegen diesen Schluß vor- hin allen Ernstes ausdrü>li<h {hon verwahrt —, daß es unser Wunsch wäre, den Innungen den Garaus zu machen.

Wir sind auch nicht gemeint, auf Kosten der Innungen Gewerbe- fammern zu organisiren. Was wir in Aussicht?genommen haben, das ist eben, dem Bedürfniß des corporativen Zusammens{hlusses, wie es in Handwerkerkreisen besteht, zu der Befriedigung zu verhelfen, welche mit der Entwickelung unseres gewerblichen Lebens, wie sie si<h in neuerer Zeit herausgebildet hat, verträglih ist. Daß die Innungen diesem corporativen Bedürfniß allein niht genügen, darüber kann do<h unmöglih ein Zweifel sein. Sie sehen das au<h aus der von dem Herrn Vorredner zugegebenen Thatsache, daß das Innungs- wesen in den verschiedenen Bezirken Deutschlands \i< außerordentlich verschieden ausgebildet hat; während in Norddeutschland und namentlich im Osten von Norddeutschland si die Innungen im allgemeinen zu einem kräftigen Leben entfaltet haben, fehlt es in Süddeutschland ganz außerordentli<h. Das Verhältniß der den Jnnungen angehörenden Meister zu den innungsfähigen Meistern ist dort ein ganz außer- ordentli geringes. Hier liegt mir eine Statistik vor, wona<h in Württemberg beispielsweise nur wenig über ein Procent sämmtlicher innungsfähiger Meister in Fnnungen zusammengefaßt ist; daß dem corporativen Bedürfniß dadur abgeholfen werden kann, theoretisd), daß man nun Zwangsinnungen einführt, das ist ja allerdings an si unleugbar. Aber die Frage, ob man damit den großen Theil der Gewerbetreiben-

den befriedigt, die heute außerhalb der Innungen stehen und die keine

Neigung zeigen, si<h den Innungen anzuschließen, ist ebenso wenig zweifelhaft; das wird eben niht der Fall fein.

Also, meine Herren, ih wiederhole : wir sind an der Arbeit, wir wollen gründlich erwägen, wir wollen ni<ht vom grünen Tisch aus arbeiten, wir ziehen den Rath und die Hilfe sahverständiger Männer cus interessirten Kreisen herbei, und da warten Sie ab, was aus diesen Berathungen herauskommt. Daß diese Berathungen so schnell gefördert werden sollen, wie das irgend möglich ist, das versprehe i, wie ih es in meiner ersten Rede bereits versprochen habe.

Abg. Ri>kert (dfr.): Die Hauptfrage sei: auf welher Basis ollten die Handwerkerkammern erri tet werden? wie stehe es mit dem Wahlre<ht? Wie wolle man denn die Innungen neben den Hand- werkerkammern aufrecht erhalten, - ohne ihre Desuguisie zu s{mälern? Wenn man keine obligatorishen Innungen und keinen Befähigungs- nachweis einführe, dann werde die angeblihe Mißstimmung unter den Handwerkern doch niht aus der Welt geshaft werden. Wenn die Reichsregierung den Befähigungsnahweis verwerfe, so sollte sie auf diesem Standpunkte au< stehen bleiben. Was habe man denn mit den Vorschriften der $S 100 e und f erreiht? Die Innung der Berliner Gastwirthe, welche 357 Mitglieder zähle, habe das Privile- gium des $ 100 f und könne die außerhalb der Innung stehenden Gast- wirthe zu einem Beitrag zwingen von 6,50 Æ für Einrichtungen, welche die anderen Gastwirthsvereine in viel besserer, in musterhaster Weise selbst besäßen. Dabei habe der Verein Berliner Gastwirthe 1323 Mitglieder, der Verein der Weißbierwirthe 2949, und daneben eristirten no< eine Reihe von selbständigen Gastwirthsvereinen, darunter der Verein Berliner Restaurateure mit 500 Mitgliedern. Das habe die Gewerbeordnung nicht beabsichtigt , daß segensreiche Einrichtungen beseitigt würden zu Gunsten von verrotteten, doch ni<ht mehr zu haltenden Zuständen und Organisationen. Die An- gelegenheit werde den Reichstag noh weiter beshäftigen. Er sei nicht der Meinung, daß das Handwerk zum Tode verurtheilt sei, es habe auch heute no< einen goldenen Boden und eine Zukunft. Er laube, daß es si< dem Großbetrieb gegenüber halten werde.

enn man 2 Millionen kleiner Betriebe mit 65 9/9 aller Arbeiter habe, so fönne man nit fagen, daß das Handwerk im Verschwinden begriffen fei. Was solle der Handwerker auf dem Dorfe in der Organisation? Der passe gar nicht hinein, er habe nur Scherereien und Kosten davon. Von den 2 Millionen Handwerkern seien, wie er aus einem Artikel des Prof. Stieda ersehe, etwas über 321 000 in den Innungen. Das Privilegium des $ 100e hätten von 2965 Innungen , die es verlangt hätten, nur 1190 bekommen; das Privilegium des $ 100f hätten 138 Innungen verlangt, aber nur 57 bekommen. Da sei man noch auf weitere Erperimente verfessen ? Man vergesse die moderne Entwickelung, die Steigerung des Verkehrs durch Eisenbahnen, Telegraphen u. |. w. Ex verweise nur auf Oesterreich. In Oesterreich habe man die gewerblichen Streitigkeiten nah dem Bericht einer Handelskammer herzlich satt bekommen. In Sachsen habe eine Barbier-Innung die Preise für die Leistungen der Barbiere festgestellt. Er bitte die Regierung, si<h Zeit zu lassen und die Vorlage im Bundesrath reiflih zu erwägen, denn sie werde nur den Undank der Zünftler ernten. Der Grund und Boden des Handwerfs ruhe ni<t auf polizeilihen Maßregeln, auf Concurrenz- neid und obligatorischen Innungen, sondern darauf, daß die wirth- \caftlihen Kräfte sich in voller Freiheit entwi>elten.

Königlich preußischer Handels - Minister Freiherr von Berlepsch:

Meine Herren! Der Herr Abg. Rickert hat seiner Rede den Say zu Grunde gelegt, daß er nur sprehe, um den Beweis zu führen, daß die begonnene Discussion überflüssig sei. Ich weiß nicht, ob er bei der Ausführung seiner Absicht niht etwas entgleiste. Er ist so eingehend auf die verschiedensten Seiten der Frage eingegangen, auf die grundlegendsten Fragen, daß man kaum behaupten kann, er sprach nur, um den Beweis zu führen, daß die heutige Discussion, weil der factishen Grundlagen entbehrend, überflüssig sei.

Ich kann auch nicht erkennen, wie er dazu gekommen ist, die Frage der Gastwirth8innung in Berlin zu diesem Beweis zu benugen man wird aus den von ihm hier vorgebrachten Thatsachen nicht ent- nehmen können, daß die heutige Discussion eine überflüssige ist. Ich bin im Gegentheil der Meinung, daß er wenigstens in Bezug auf die Frage der Gastwirthsinnung in Berlin die Absicht gehabt hat, etwas niht Ueberflüssiges hier zu Tage zu fördern. (Heiterkeit.) Auch hier scheint er mir mit dem, was er si eigentli<ß vorgenommen hatte, doch nit ganz im Einklang zu sein.

Ich habe aber vor, im Einklang mit der Absicht zu bleiben, eine materielle Discussion über die Handwerkerfrage heute nicht weiter zu führen. Deshalb halte ih mi< auch für bere<tigt, auf die Frage der Gastwirthsinnung von Berlin im gegenwärtigen Augenbli> nicht ein- zugehen, und zwar úm fo weniger, als erstens uns der Herr Abg. Nickert in Aussicht gestellt hat, dieselbe Frage no< einmal zur Sprache zu bringen, und zweitens deshalb, weil ih bereits die Ehre gehabt habe, im preußis<Wen Abgeordnetenhause eingehender auf diese Frage zu antworten, meine Anschauungen über dieselbe dar- zulegen und dort auszusprechen, was i< au< heute nur würde wieder-

holen können. Ich bemerke nur, daß die von dem Herrn Abg. Ni>ert

hier gegebenen Zahlen unrichtig sind; sie treffen in der That niht zu. (Zuruf links.) Die Petition hat ihm allein als Grundlage bei Anführung seiner Behauptungen gedient. (Hört! hört! rets.) Diese Angaben sind, soweit ih ihn verstanden habe, insofern nicht richtig, als die Gastwirthsvereine, die er hier genannt hat, bei dieser Frage nicht tangirt sind, indem zu den Kosten, welhe nah Ver- leihung der Rechte der $$ 100 e und 100 f des Gesetzes an die Innung entstanden sind, die größere Zahl ihrer Mitglieder oder alle ihre Mit glieder das ist mir in dem Augenbli> ni<ht gegenwärtig über- haupt niht herangezogen werden. (Hört! hört!)

Ich glaube also, es wird mir wohl verziehen werden, wenn i< in diesem Augenbli> auf diese Frage nicht eingebe, die ja zur Klärung der Interpellation meines Erachtens nicht das geringste beitragen kann.

Ich möchte mir nur gestatten, no< einige wenige Bemerkungen dem Vorwurf gegenüber zu machen, daß die verbündeten Regierungen und die deutschen Einzelregierungen ni<t früher mit einer Geseßzes- vorlage über die Frage der Organisation des Handwerks und das Lehrlingëwesfen an das hohe Haus gekommen sind. Es is uns von dem Herrn Abg. A>kermann vorgeworfen, daß diese Frage nicht erst in den leßten Jahren, fondern in den leßten Jahrzehnten fort- geseßte und eingehendste Erörterung gefunden habe. Jh mache aber darauf aufmerksam, daß die Basis dieser Frage den bisher s\tatt- gehabten Erörterungen gegenüber für die geplante Gesetzgebung eine veränderte ist, mit dem Augenbli>, wo man ih auf den Standpunkt stellt, den Befähigungsnahweis ni<ht nur für undur<hführbar, fondern au< für das Handwerk für {ädli< zu halten. Auf diesem Standpunkt stehen die verbündeten Regierungen, das ist wiederholt zum Ausdru> gekommen, und wenn man auf diesem Standpunkt stehend, na< einer Orzanisation des Handwerks, nach einer Regelung des Lehrlingswesens sucht, fo ergiebt sich eine solche Reihe von erheblihen Schwierigkeiten, daß es nicht möglich ift, in einer ver- hältnißmäßig kurzen Zeit eine fertige, wohldur<hdahte Vorlage an das Haus zu bringen.

Daß die Grundzüge dieser Organisation Jhnen heute vorgelegt worden sind, das wird meines Erachtens der Regierung nicht zum Vorwurf gemacht werden können; es wird ihr niht gesagt werden können: ihr habt uns hier nur Bro>en hergeworfen! Meine Herren, wenn eine Vorlage noh nicht fertig gestellt ist, selbst no< nit ein- mal von denjenigen, die sie vorzubereiten haben, in allen ihren Theilen bis in ihre leßten Consequenzen durhdaht werden fonnte, Îo ist es niht mögli, etwas Anderes zu thun, als die allerallgemeinsten

Umrisfse zu geben, und diese allgemeinsten Umrisse bestehen darin, daß eine Organisation aller Handwerker zu erstreben ist, innerhalb deren die Innungen ihre Rechte finden sollen, und zweitens eine Ordnung des Lehrlingswesens, in der der immer mehr überhandnehmenden Ver- liederung der jugendlihen Handwerker entgegengebreten wird.

Ich meine, das muß zur Zeit genug sein. Da wir nit in der Lage sind, Ihnen eingehend zu sagen, wie die Sache geseßlich gestaltet werden soll, so würde ih es für einen Fehler halten, jeßt no< weiter in die Discussion einzugehen; meines Erachtens ift in dieser Beziehung schon zu viel geschehen.

Abg. Metner (deutschcons.): Seine Partei erkenne die bestehenden

Privilegien niht als genügend an und habe stets dahin gestrebt, daß.

gewisse Normen für die Verleihung der betreffenden Rechte aufgestellt würden. Der Bericht der österreichishen Handelskammer beweise nichts. Mit der Einrichtung von N Ver amen sei seine arien durchaus einverstanden, wenn dabei die Innungen aufrechterhalten würden. Bisher habe das freundlihe Entgegenkommen des Staats- fecretärs noch feinen Erfolg gezeitigt. Wenn mehrere sehr umfang- reiche Gesetze, welhe eine Belastung - des Handwerkerstandes ent- hielten, in sehr kurzer Zeit hätten vorgelegt werden können, hätte wohl au für die Handwerker etwas geschehen können. Gerade jeßt sei es nothwendig, doppelt shnell zu handeln. Der wirthschaftliche Zersezungs- prozeß fordere immer mehr Opfer, das handwerkerliche Proletariat wachse lawinenartig. Nach- den sccialdemokratishen Nationalskonomen seien die Handwerker als Stand dem Untergang gewidmet. Solle der Handwerkerstand als Stand erhalten werden, so bedürfe er einer festen Organisation. Die Hauptsache dieser Organisation müsse bestehen in dem Schuß der Existenzbedingungen des <Hand- werkers. Gerade nah dieser Nichtung hin Gerenbs ein gewisses Mißtrauen des Handwerkerstandes, daß bei der in Aussicht gestellten Organisation nicht viel Ersprießliches für das Handwerk herausfomme. Er wolle troßdem hoffen, daß dies der Fall sein werde. Er bitte die Negtierungen, die günstige Gelegenheit ni<t vorübergehen zu lassen, um das Zutrauen des Handwerks wieder zu sichern. Er wolle hoffen, daß die treuen und opferwilligen Freunde der Regierung durh s{<le<te Behandlung niht in das gegnerishe Lager hinüber- gestoßen würden.

Abg. Auer (Soc.): Neues könne über die Handwerkerfrage nicht mehr gesagt werden, und er habe deshalb ursprünglich geglaubt, die Einbringung der Interpellation sei niht Selbstzwe>, sondern es lägen dabei gewisse Abmachungen zu Grunde, um die Mißstimmung in Handwerkerkreisen über die vorjährige Erklärung des Staatss\ecretärs Dr. von Boetticher zu dämpfen. Diese Meinung habe sih jeßt als falsh herausgestellt, denn die heutige Erklärung des Staats]ecretärs Dr. von Boetticher habe keine Zurücknahme seiner vorjährigen Er- klärung enthalten. Die Hoffnung auf Einführung des Befähigungs- nachweises habe der Staatéfecretär Dr. von Boetticher im vorigen Jahre abgewiesen. Er habe erklärt, die Erfüllung des Wunsches nach obli- gatorishen Innungen und na<h dem Befähigungsnac:weis sei nahezu unmöglich. Nun wolle man vor allem eine Regelung des Lehrlings- und Gefellenwesens. Man möge das Gesellenwesen von vorn- herein ausscheiden. Mit welhem Recht wolle man für Hand- werksgesellen andere Vorschriften geben, als für alle anderen er- wachsenen Staatsbürger? In Hamburg, das zuerst einen Handwerks- vertreter in dein früheren Abg. Bauer bleiher gesandt habe, gebe es so gut organisirte Innungen wie kaum anderêwo. Der Hamburger Fabrit-Inspektor berichte über das dortige Lehrlingswesen: „Die Heran- Milan des Knaben zum Handwerker geschieht vielfah in glei{gültiger und völlig liebloser Weise“. Während der Lehrer in der Volksschule binsihtlih der förperlichen Züchtigung des ungehorsamen Knaben den strengsten Vorschriften unterworfen set, unterstehe der Lehrling der väterlichen Zucht seines Lehrberrn, die“ fast nur dur<h Handgreiflich- keiten ausgeübt werde, und zwar niht nur seitens des Lehrherrn, sondern au<h der Gesellen. Wolle man dem Handwerk einen ent- scheidenden Einfluß auf das Lehrling8wesen einräumen, so müsse man andere Beweise für dessen Fähigkeit dazu haben. Das Handwerk sei überhaupt nit mehr zu retten, es sei ein untergehender Stand, dessen fociale Bedeutung von Jahr zu Jahr mit der zunehmen- den Entwickelung der Großindustrie mehr und mehr vers{hwinde. Daß eine ganze Reihe von Großunternehmern und Fabrikanten daraus hervorgegangen seien, beweise nihts dafür, daß das Handwerk noch einen goldenen Boden und fociale Bedeutung babe; denn diese feien eben aus dem Handwerk berausgewachsen, und daneben feien Tausende von anderen Handwerksmeistern zu Grunde gegangen und hätten ihre Selbständigkeit verloren, ni<ht weil sie unfähig oder unfleißig gewesen seten, sondern weil sie dur<h die Uebermacht der wirth- schaftlichen Verhältnisse unterdrückt worden seien. In Lu>kau und in der Lausiß gebe es zwar no<h Hunderte von „selbständigen“ Schuhmachermeistern, aber worin bestehe ihre Selbständigkeit? Darin, daß, wenn sie ein Dußend Stiefeln fertig hätten, sie dieselben in einen Sa> pa>ten, na< Berlin brächten und hier verkauften. Der Abg. Dr. Buhl habe auf den Abg. Bebel exemplificirt, der si zu einem Großbourgeois entwid>elt hâtte. Ob das leßtere richtig sei, sei ihm (dem Redner) zweifelhaft. Die Pfuscher im Handwerk kämen nicht daher, daß die jungen Leute ihr Handwerk niht mehr lernen wollten, sondern aus der Art, wie das Handwerk heute als Anhängsel der Großindustrie und des Handels arbeiten müsse. Im Handwerk berrsche schon vollständige Arbeitstheilung. In dem „Arbeitsmarkt“ der „Volkszeilung“, den dieses Blatt bei seinen sonstigen Wand- lungen no< immer festgehalten habe, würden z. B. gesuht: Schncider auf Westen, Rokschneider, Schneider auf Hosen, „Sehr saubere Hosenschneider“. Daß ein Schneider einen vollständigen Anzug machen Tönne, sei in großen Städten außerordentlih selten; ein Zu- schneider fönne einen No>k wohl zuschneiden, würde aber in Ver- legenheit kommen, wenn er ihn selbst machen sollte. Ferner würden im „Arbeitsmarkt“ gesuht: Kastenmacher, Tischler auf kleine Arbeit, Möbelpolirer, Tischler auf Untersäße, auf Bettstellen, auf Spinden 2. Einen in feinem Fache vollständig ausgebildeten Handwerker gebe es also ni<t, und darum könne man auch die Lehrlingszüchteret nicht mit Erfolg bekämpfen. Frauenarbeit und Lehrlingszüchterei hätten denselben Zwe>: billige Arbeitskräfte zu gewinnen, um die Concurrenz auf dem Weltmarkt bestehen und etwaigen Striles die Spitze ab- brechen zu können. Diesen Entwickelungs8gang werde man mit den vor- liegenden Anträgen nicht aufhalten können. Ueber die Handwerkerkammern zu prechen, habe feinen Zwe>, solange die betreffende Vorlagenicht bekannt sei. Aber eine Frage sei wohl am Plate, die der Abg. Grillenberger en im vorigen Jahre gestellt habe: Wenn die Handwerkerkammern eingerichtet werden sollten, welhe Stellung folle den Arbeitern dabei eingeräumt werden ? Darüber eine Aeußerung der Regierung zu hören, wäre von höchstem Interesse, denn die Arbeiter hätten für ihre Organi- fation feinen Untergrund; die bestehenden Organisationen könnten, namentli<h wenn sie sih politish mißliebig gemacht hätten, durch eine Verordnung fehr leiht aus der Welt geschafft werden. Die Drangsa- lirung der Arbeitervereinigungen habe ja in den leßten zwei Jahren E elassen, ausgenommen Sach!en. Aber wer könne garantiren, daß das fo leibe, namentli<h wenn ein Aufs<wung wieder eine starke Lohnbewegung bringen werde? Er sei überzeugt, daß dann das Unternehmerthum auf die Polizei einen fo starken Dru>k ausüben werde, daß die augen- bli>lihe Schonzeit aufhören werde. Er frage also: wie denke die Regierung über die Organisation der Arbeiter? Seien die Vor- arbeiten für ein Arbeiterkammergeseß hon gemacht, oder sollten die Arbeiter na< wie vor das Stiefkind bleiben? - Ohne das Schre>- gespenst der Socialdemokratie könne ja natürli eine solhe Discussion nicht geführt werden. Er glaube, die Socialdemokraten seien schon da, und dic zünftleris<hen Bestrebungen würden am allerwenigsten die Socialdemokratie zurü>drängen. Ben bestèn Beweis dafür liefere das Musterland für den Befähigungsnachweis, Oesterreih. Oesterreich habe den Befähigungsnachweis, und- troßdem wachse dort die Sococialdemokratie. Jn Oesterreih seien es vor allen Dingen die Handwerksgefellen, welhe auf den Parteitagen die Führung hätten, und das hänge wohl mit der Durchführung des Befähigungsnach- weises zusammen.

Abg. Dr. Bachem (Centr.): Die Interpellationen seien ni<t nußlos gewesen; die früheren Ae feien auf fol Weise herbeigeführt worden; man habe in diesem Jahre {hon bessere Auskunft erhalten, als im vorigen Jahre, und wenn die Vorlagen nicht kämen, “werde seine Partei im nähsten Jahre wieder interpelliren. Der Abg. Auer habe dem Handwerk wieder einmal den baldigen Untergang prophezeit. Nach der Üeberzeugung seiner Partei fei das Handwerk zu halten, das habe einen festen Boden, wenn auch nicht mehr einen fo goldenen wie früher. Aus den Mittheilungen des Staatsfecretairs gehe hervor, daß die Regierung Hand- werkerkammern {hafen wolle, in denen die Handwerker nicht wie früher mit den Großindustriellen und dem Kleingewerbe zusammengeschmiedet, von thnen majorisirt werden sollten. Er Jinde „dies acceptabel, und er hoffe, daß dabei den Innungen eine Stellung angewiesen werde, daß auch auf diesem Wege die Interessen des Handwerks gefördert würden. Aus den Mittheilungen, welche über die Hantwerkerkammern gemaht worden seien, fönne er niht schließen, daß der Einfluß der Innungen zurückgedrängt werde. Wenn es außerdem gelinge, das Lehrlingswesen zu ordnen,.¿dann sei die Hauptschla<ht gewonnen] dann werde sih ein tüchtiger Gesellen- und Meisterstand herausbilden. Ein ganzes Jahr habe es gedauert, daß man den Inhalt der Gesetze erfahre, deren Titel {on im vorigen Jahre genannt worden seien ; solle es no< zehn Fahre dauern, bis die Vorlagen wirkli< kämen? Er richte an die Regierung die Bitte: „Nehmen Sie si<h ni<t zu viel Zeit, denn allgemein wird eine baldige Regelung dieser Frage verlangt, die immer \{wieriger wird, je länger man sie hinauéëschiebt.“ Wenn die Regierung nicht zu Weihnachten oder Neujahr die Vorlage bringen könne, dann möge sie sie später bringen. Seine Partei habe sih bei ihrer Inter- pellation nur auf die Punkte bes{ränkt, deren Regelung die Regierung früher in Aussicht gestellt habe. Damit habe sie auf ihre weiter- gehenden Forderungen: Befähigungsnahweis und weitere Aus- bildung der Innungen, nicht verzichtet. Sie stelle ihre Forderungen zurü>, um dem Vorgehen der Regierung keine Hindernisse in den Weg zu legen. Zeige ih" die Vorlage als nicht befriedigend, dann werde seine Partei auf ihre Forderungen zurü>fommen. Man habe von zünftlerishen Quasalbereien und von verrotteten, nit mehr haltbaren Organisationen gesproGßen. Solhe Schlagworte tráfen den Kern der Sache niht. Seine Partei wolle keine zünftlerishen Qua>salbereien, sondern gesunde zünft- lerishe Organisationen, den modernen Verhältnissen an- gepaßt. Mögen die Regierungen mit derselben Energie, mit welcher sie den Arbeitershuß betrieben hätten, auh den Handwerker- schuß betreiben! Seine Partei wolle, daß das Handwerk sich alle modernen Hilfskräfte zu eigen mahe und dies follten die Organi- sationen erleihtern. Der Handwerkerstand sei der beste Kern des Mtittelstands und dieser sei die beste Basis für das staatliche Leben. Der Handwerkerstand werde niemals zur Socialdemokratie über- gehen, so lange er si< auf dem alten Boden erbalke. Spar- jamkeit, Gewissenhaftigkeit und Mannhaftigkeit seien die Zierde des Handwerkerstarides, und darum hege und pflege seine Partei den Vandwerkerstand mit besonderer Vorliebe. Sie werde ihre Forde- rungen weiter stellen sei es mit, sei es ohne die Regierung.

Abg. Goldschmidt (dfr.): Daß die Innungen das beste Boll- werk gegen die Socialdemokratie seien, möchte er bestreiten. Wenn der Staats-Minister Freiherr von Berlepsh dem Abg. Ri>ert vor- geworfen habe, daß die von ihm angeführten Zahlen in Betreff der Berliner Gastwirthsinnung nicht richtig seien, so müsse er dem wider- sprehen. Die Zahl der Gastwirthe, welche einen oder mehrere Ge- hilfen beschäftigten und für die Innung bezahlen müßten, Habe im leßten Jahre 715 betragen, Innungsmitglieder seien nur 311; zu jenen 715 Nichtinnungsmitgliedern gesellten si< no< 3000 andere Gastwirthe. Nun habe der Staats-Minister im vorigen Jahre die Nichtinnungsmitglieder befreit von den Beiträgen für die Fachschulen, weil die Fahshulen der freien Vereinigungen min- destens dasselbe leisteten, wie die der Innungen. Im lezten Jahre sei von der Innung eine Herberge eingerichtet, welhe 2400 M ge- kostet habe, do< hâtten nur 20 Mann von derselben Gebrauch ge- macht. Die Innung habe im leßten Jahre 4450 Stellen vermittelt unentgeltlih : die freie Vereinigung 9036 Stellen gegen das geringe Entgelt von 20—25 „. Die Gastwirthsinnung vertrete durhaus nicht die Berliner Gastwirthe. Wenn die Interpellanten glaubten, daß der deutsche Handwerker in allen. Kreisen ein Interesse für die Innungen habe, daß er in diesen seine wirklihen Vertreter sehe, so befänden sih die Herren in einem sehr großen Irrthum. Die Thatsachen sprächen durhaus dagegen, das bewiesen die vielen Proteste gerade in Preußen, die von den Nichtinnungsmitgliedern kämen, gegen Zahlungen für die Innungen. Wolle man dem Handwerker- stand helfen, fo müsse man darauf sehen , daß der junge Handwerker besser vor- und ausgebildet werde. Bisher hätten die Leistungen der Innungen in Bezug auf Unterrichtswesen weit zurü>kgestanden hinter dem, was die Communen und die freien Vereinigungen in ihren Fortbildungs\schulen geleistet hätten. Er stehe niht auf dem Boden des Abg. Auer. Er glaube, gerade jeßt gehe das Handwerk einer er- neuten Zukunft entgegen. Er möchte zum Beweise dessen ein Buch eines außerordentlihen Mannes empfehlen, der leider zur Betrübniß von Tausenden seit heute Morgen \<wer krank liege, die Lebenserinnerungen von Siemens. Seine Partei habe immer Werth darauf gelegt, den Handwerkerstand weiter fortzubilden. / Aber mit solchen Anträgen und Reden ver- lege man der Zukunft der jungen Handwerker den Weg. Glaube man,. daß es dem deutshen Handwerk nüge, wenn man immer von dessen Untergang rede ? Was folle man denn eigentlih im Ausland von dem deutschen Handwerkerstand denken, in England und Frankreih, wo man die Innungen längst in die RNumpelkammer geworfen habe, und in Amerika, wo man die Worte Innung und Befähigungsnachweis gar ni<ht kenne? Die Innungen hätten jeßt eine sehr gute Gelegenheit, ihr Interesse für den Hand- werkerstand zu bethätigen. In Chicago solle ein Bild entrollt werden von den Hilfs- und Handmaschinen, welche gerade den Kleingewerbe- betrieb unterstüßen sollten. Er möchte den Freunden der Innungen rathen, mit den freien Vereinigungen si<h zusammenzuthun, um junge Leute nah Chicago zu s{i>en, damit sie dort etwas lernten. Damit werde man dem Handwerkerstand mehr nüßen, als mit den SS 100 E, F x.

Königlich preußisher Handels - Minister Freiherr von Berleps\<:

Meine Herren! Der Herr Vorredner is no< einmal auf die Frage der Gastwirthsinnung zu Berlin zurükgekommen ; deshalb halte ih mi< verpflihtet, no< wenige Worte darüber zu sagen. Ih hatte vorhin bemerkt, daß die Zahlenangaben, die vorhin der Herr Abg. RNid>kert machte, niht zutreffend feten. ‘Mix Meint, - als ob. au<h der Herr Abg: Golda \{<midt sie seinerseits berichtigt hätte. Der Herr Abg. Riert hat wenn i< ihn re<t verstanden habe betont, daß gegenüber der geringen Zahl von Innungsmitgliedern, die, wenn ih nicht irre, auf 700 und einige angegeben wurde, die große Zahl von 3000 und mehr Anderer stände, die ungerehtfertigterweise zu den Innungskosten herangezogen würden. Ich habe erwähnt, daß die große Zahl von 3000 hier niht in Betracht kam, weil unter derselben eine große Zahl von Leuten {ich befinde, die zu den Kosten, die nah $ 100 f hier entstanden sind, überhaupt niht herangezogen würden.

Meine Herren, ih mö<hte mir hierzu die kurze Bemerkung ge- statten: die Herren sind ausgerüstet mit Zahlenmaterial in diese Discussion eingetreten; ih habe keine Kenntniß davon gehabt, daß die Herren die Absicht hatten, diese Frage hier zur Sprache zu bringen.- Es ist mir niht mögli, alle diese Zahlen auswendig zu wissen; so viel kann i< mi bestimmt erinnern, daß {on in früheren Ein-

gaben die Vereinigung der Gastwirthe die große Zahl ihrer