1892 / 296 p. 5 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Die 31 Stellen, fo weit sie au in Einzelheiten auseinandergehen, stimmen darin überein, daß der gegenwärtige Zustand der Ausbildung ein unbefriedigender, unglei<mäßiger, für die Kräfte des Ausbildungs- personals ers<öpfender is über die Frage ist kein Zweifel. Dann fommen 10 Stellen, die suchen Abhilfe dieser geschilderten Umstände in der vollen Durchführung der dreijährigen Dienstzeit bei gleichzeitiger Verstärkung der Armee zweifellos mil itäris< das wünschens- wertbeste Ziel, finanziell, werden Sie sagen, und habe auch ih ge- sagt, nit erreihbar. Dann kommen 21 Stellen, die geben die Möglich- keit der Durfübrung der zweijährigen Dienstzeit unter bestimmten Vorausseßungen zu. Zu diesen Vorausseßungen rechnen fie die Ver- mehrung des Ausbildungspersonals, die Erhöhung der Etatsstärke, Entlastung von Commandos, Arbeitsdiensst und no< eine Menge anderer Kleinigkeiten. Also die Behauptung, daß die vorgeseßten Instanzen niht gehört worden wären und ih abfällig geäußert haben, ist nicht rihtig. Factish liegt die Sache so: 10 Stellen von den 31 haben Unmögliches verlangt, und 21 Stellen haben si< im wefentlihen mit dem Ihnen jeßt Vorgelegten einverstanden erklärt.

Ein zweiter Einwand, der vom Herrn Vorredner gemaht wird und auch in diesem Hause {on von anderen vorgebracht worden ift, ist auf die Behauptung gestüßt; uns mangle es an Offizieren und Unteroffizieren, um die geplante Verbesserung durchzuführen. Daß wir im Augenbli>e nicht die nöthige Zabl Offiziere und Unteroffiziere haben, um eine so erheblihe Verstärkung der Armee damit zu ver- seben, ist zweifellos; ebenso zweifellos ift aber au, daß wir in kurzer Zeit in den Besiß dieses Materials kommen werden. Wie war es denn im Jahre 1861? Da wurde niht bloß die Infanterie der preußishen Armee einfa<h verdoppelt, sondern au<h bei den anderen Waffen traten ähnlite Erhöhungen ein: und es fand si in kurzer Zeit das Material an Offizieren und Unter- offizieren, um dieser Verdoppelung zu genügen. Wenn die Herren die Güte baben wollen, alte Ranglisten na<hzusehen, so werden, Sie sich von der Richtigkeit dieser Behauptung überzeugen können. Es fehlte Jahr und Tag no<h ay Offizieren; erst allmähli<h completirten sie sih; aber ein Hinderniß is dadur< der Durhführung dieser Maß- regel ni<i erwa<hsen. Im Augenbli> liegt die Sache bei uns nun so, daß wir an Offizieren bei einer Waffe übercomplet sind, bei einer complet und bei der wichtigsten, bei der Infanterie, um die Zeit, wo die gewünshte Reform in Kraft treten wird, also am 1. Oktober 1893, in der Lage sein werden, niht allein den gegenwärtigen Etat vell zu haben, sondern auch einen Uebershuß über diesen Etat. Wir können ferner dur die Zahl der Avantageure, die wir gegenwärtig besißen, der Anmeldungen, die wir haben, mit Sicherheit feststellen, daß si<h der Beruf des Offiziers eines Zulaufs erfreut, der jeden Zweifel in dieser Beziehung ausschließt. Was nun die Unteroffiziere angeht, so behaupte ih, daß feine Armee der Welt ein so gutes Unteroffiziercorps haben kann, wie die deutshe: nur muß die Möglichkeit gegeben werden, für die Ver- werthung seiner . Kräfte au< entsprehende Aequivalente zu haben. In dem gegenwärtigen Etat haben wir und das möge au<h in Bezug auf die Offiziere zur Beruhigung dienen mit Genehmigung dieses hohen Hauses eine Be- stimmung, daß, wenn bei den Fußtruppen Second- Lieutenants mankiren, für zwei Drittel der mankirenden Stellen Feldwebel geführt und gelöhnt werden fönnen. In diesen Feldwebeln findet der Offizier bis zu einem gewissen Grade seinen Ersaß, und der Abg. Richter würde mit Befriedigung constatiren, daß au<h Zugführer aus dem Unteroffizierstande ni<t ganz selten sind. Wenn in der That si herausstellen sollte, eine Vorausseßung, für die jede Basis fehlt —, daß wir mit den Offizieren unter Erhaltung unserer Ansprüche nicht weiter fommen fönnten, als wir jeßt gekommen sind, so würde daran nun und nimmermehr die Vermehrung unserer Wehrkraft scheitern fönnen, wir würden dann nah anderen Mitteln suhen müssen. Es ift niht mögli, von der deutshen Nation zu behaupten: wenn auch die Franzosen ein viel zahlreicheres Offizier-Corps aufbringen, so fönnen das die Deutschen ni<ht. Wir würden dann in der Ausbildung der Institution der Vice-Feldwebel, die man nicht zu Offizieren machen, sondern als Unteroffiziere weiter verwerthen würde, ein Mittel finden, um den Offizier zu entlasten, ein Mittel, zu dem wir vielleiht aud ohnehin werden greifen müssen, selbst wenn das ganze Offiziercorps complet wird, weil ein Theil unserer unteren

Offizierhargen factish überlastet ist. Wenn man dur solche älteren Unteroffiziere im stande ist, im Frieden cinen erheblihen Theil des Dienstes dem Offiziercorps abzunehmen, kann die Frage aufgeworfen werden: würden diese Unteroffiziere, die dann schon hier und da in für den Unteroffizierftand ältere Jahre gekommen sind, im ftande fein, au im Kriege den Offizier zn erseßen? Dessen aber bedarf es ni<t; wir verfügen über ein Offiziercorps des Beurlaubten- standes, i< glaube niht zu viel zu sagen, wie es in der Welt kein zweites giebt. Und dieses Offiziercorps bringt Eigenschaften mit, die gerade für den Krieg die werthvollsten find. Derselbe Offizier des Beurlaubtenstandes würde ja ungleih mehr leisten, wenn er mit zwanzig Jahren activer Offizier geworden und geblieben wäre. Er wird niht den Grad tehnis<her Ausbildung haben, den er haben würde, wenn er Berufsoffizier wäre. Aber das, was der Krieg vom Offizier in den niederen Graden in erster Linie fordert: die Vater- landsliebe und das Ghrgefühl, das haben unsere Offiziere des Beur- laubtenstandes in einem Grade, der jeden Einwurf s{<weigen macht. (Bravo! rechts.)

Es ist also nicht die mindeste Besorgniß da, daß wir durch die beabsichtigte Vermehrung der Armee in Bezug auf unsere Offiziere und Unteroffiziere “irgend eine Schwierigkeit haben werden.

Ein anderer Einwurf, der gemacht worden ist, war der : Warum will man die jeßige Reform auf einmal dur{hführen, warum nicht nah und nah? Man hat sih dabei auf den vorigen Kriegs-Minister berufen. Jch fürchte fast, ih wiederhole mi, wenn ih sage, daß die Pläne des früheren Herrn Kriegs-Ministers viel weiter gingen als der jeßige Plan, und daß sie auf einmal überhaupt nicht dur<führbar waren. Das hätte allmähli< geschehen müfsen. Der beschränkte Plan, wie wir ihn jeßt vorlegen, fann in 2 bis 3 Jahren das letzte daraus vielleiht unter Hinausschiebung um weitere 2 Jahre vollkommen durchgeführt werden. Der Plan, wie er Jhnen vorliegt, geht aus auf die Dürh- führung der allgemeinen Wehrpflicht. Jh wüßte niht, warum man die allgemeine Wehrpflicht jeßt erst partiell einführen sollte; warum man etwa die Grenzprovinzen no< mehr dadur<h drücken sollte, daß man ihnen die allgemeine Wehrpflicht auferlegte, während man sie den inneren no< ni<t auflegt.

Es i} für die Militärverwaltung sogar wünschenswerth, es er- leihtert die Durhführung, wenn fie hintereinander étwa in zwei NRekruteneinstellungen, die erste im Oktober 1893, die zweite vielleiht im April 1894 oder Oktober 1894, ih weiß niht, was die Militärverwaltung beabsichtigt hintereinander erfolgt. Wir haben also nit allein keinen Grund, in Perioden zu parzelliren, sondern wir haben militäris<e Gründe, die die Ausführung auf einmal wünschenswerth machen, und den politishen Grund, daß, wenn wir einmal erkennen, unsere Lage ift fo, daß hier im Laufe der Jahre eine Abhilfe geschaffen werden muß, wir besser bei Zeiten anfangen, weil alle diese Maßregeln, um wirksam zu werden, einen längeren Zeit- raum bedürfen.

Nun hat, soweit ih bis jeßt sehe, das, was für die Infanterie geplant ist, die meisten Bedenken hervorgerufen. Zwei Dinge will man für die Infanterie. Man will die bestehenden Etats, die mitt- leren, erhöhen, und man will daneben besondere Truppenkörper schaffen, die man vierte Bataillone genannt hat. ;

Was die Etatserhöhungen angeht, so sind sie bei den kleinen Bataillonen, die einen Etat von 560 Köpfen haben, eine unumgäng- lihe Vorausseßung der Einführung der zweijährigen Dienstzeit. Wir würden, wenn wir bei diesen Bataillonen die Hälfte des Etats in Rekruten und die andere Hälfte in alten Leuten haben, während der Winterszeit über weniger alte Leute verfügen als jeßt. Wir würden auf Schwierigkeiten in der Durchführung des Dienstes stoßen und vor allen Dingen dem Mann nicht mehr das Gefühl erhalten können, daß er in einer Trupre dient; er würde si isolirt fühlen, es würde ihm das Truppengefühl abgehen, eines der Imponderabilien, die nicht zu schildern sind, aber ein wesentlihes, erziehli<hes Moment für den Mann sind: ein Moment, was um so wesentliher wirkt, wenn er niht mehr drei Jahre dient, sondern wenn dieses Truppenbewußtsein nur zwei Jahre auf ihn einwirkt.

Wenn das bei Trupven mit kleinen Etats so ist, so kommt bei den Truppen mit mittleren, mit einem Etat von 600 Gemeinen, der Umstand hinzu, daß diese Truppen \ih wesentli<h an solchen Orten dislocirt befinden, wo ein plößlicher Gebrau<h dieser Truppen nach außen wahrscheinliher ist als an anderen Stellen. Also au hier würde eine Beibehaltung der jeßigen Friedenspräsenzstärke den plöh- lien Gebrau<ß des Truppentheils gefährden, weil er mit einer geringeren Stärke ausgerüstet sein würde.

Nun aber das Wesentlichste: die Mobilmachung. Jch habe mir schon, als ih tas erste Mal über die Vorlage vor dem hohen Haufe zu sprechen die Ehre hatte, erlaubt, darauf hinzuweisen, wie shwierig eine Mobilmahung für die Infanterie is, wie wenig von einer Friedens-Compagnie übrig bleibt und auf die Kriegs-Compagnie über- geht, und ih möchte mir für diesen Gegenstand Ihre Aufmerksamkeit wiederum erbitten ; denn das ist ein Moment, was dem Laien sehr wenig zugängli<h ist. Es is ja in unserer Nation durch die allge- meine Dienstpfliht ein hoher Grad von militärisher Detailfenntniß verbreitet; aber von dem jeßt lebenden Geschleht haben viele keine Mobilmachung mit dur<gemachht, oder wer sie durhgemacht hat, der ist als Reservist eingezogen, gekommen, auf feinen Fle> gewiesen worden, es ist ihm gesagt worden, was er zu thun habe; aber wie eine Mobilmachung auf eine Truppe wirkt, das wissen im wesentlichen do< nur Berufsoffiziere. Und ih sage, sie wirkt vollflommen zer- seßend.

Ich habe {hon énnial hier die Aeußerung gethan, daß von unserer Armee, die wir im Kriege aufstellen wollen, etwa sieben Achtel das sind, was der Soldat als Neuformationen bezeichnet, alfo für sieben Achtel von der Armee, mit der wir vor den Feind zu fommen, unsere Festuncen zu vertheidigen gedenken, fehlt es im Frieden überhaupt an Stämmen. Soll ihnen und das ist nur bei den jüngsten Theilen von diesen Neuformationen mögli< ein Stamm gegeben werden. so kriegen sie zwei, drei Offiziere, se<s, at Unteroffiziere für das Bataillon von irgend einem der Linien-Negi- menter, eine Maßregel, die aber immer auf Kosten des Linien-Negi- ments geht.

Wie sieht es aber bei unserer Feld-Infanterie im Augenbli> der Mobilmachung aus?

Drei Dinge machen das Wesentliche der Kraft der Truppe aus: die Zahl, die Ausbildung und der Geist. Jch habe Ihnen hier ein Beispiel angeführt und ih will es no< einmal wiederholen, weil es drastish ist, obschon es exceptionell ist: daß mir der Fall vorgekommen ist, wo bei einer Mobilmahung für eine Friedenscompagnie ein Offizier und 19 Mann übrig blieben, aus denen si<h nun eine Compagnie von 250 Mann bilden sollte. Daß das au<h s\<lie;li< nur Neuformationen sfind, liegt auf der Hand. Nun mag aber die Zahl stärker sein, lassen Sie 30, 40, au 50 Mann in der ungünstigen Jahreszeit aus der Frieden8compagnie in die Kriegscompagnie übergehen, was ist das auf 250 Mann, und wie sicht der Rest der 250, die zu diesen 50 hinzugekommen, aus? Wir sind dur< die Forderung, s<nell mobil zu machen, und dur< Freizügigkeit in die Nothwendigkeit geseßt worden, die Truppentheile in ihrer überwiegenden Mehrzahl so zu ergänzen, daß ihre Com- pletirungsmannschaften am nä<hsten Orte, unmittelbar bei- der Gar- nison genommen werden ohne Rücksicht darauf, ob der Mann in demselben Infanterie - Regiment oder in einem anderen ge- dient hat. Wir können also nur zu einem minimalen Theile die Hoffnung haben, daß die Friedenstruppentheile, nahdem fie Abgaben gemacht haben, nachdem si<h ihre Zahl verringert hat, nun dur Leute ergänzt werden, die in demselben Trupventheile gedient haben. It also für eine Mobilmachung {hon die Zahl der Menschen, die wir aus dem Friedens-Etat in den Kriegs-Etat der Truppe überführen, zu gering, so ist die Zerseßzung no< empfindlicher in Bezug auf die Ausbildung der Leute. Der Hauptmann kann im Schweiße seines An- gesichts sich die beste Compagnievorstellung erarbeitet haben und wenn die Mobilmachung kommt, ist alles, was er gethan hat, weg: die Leute gehen ihm unter der Hand fort, er kommt aus einem anderen Truppentheil zum Ersaßz-Bataillon, zum Reserve-Regiment, seine Unteroffiziere werden ihm genommen und er steht am zweiten, dritten, vierten Tage der Mobilmachung vor 250 Mann, von denen er fo gut wie nihts weiß, die von seiner Ausbildung nichts an si haben.

Und nun endlich der Geist des Truppentheils, ein Factor, den ih sehr hoh {äße und vor dem ih annehme, daß die Herren von der Linken auch geneigt sein werden, ihn ho< zu {äßen. Zu allen Zeiten haben die Leistungen einer Truppe im Kriege von ihrem Geiste abgehangen. Diesen Geist im Frieden zu erzichen, ift eine unendli<h \<wierige Aufgabe. Das wesentlihste Mittel dazu liegt aber- in dem

Verhältniß des Vorgeseßten zum Untergebenen, und auch dieses Ver-

hältniß wird bei der Mobilmachung verändert. Es is} ein alter militärisher Sat, {d die Geschichte die Truppentheile trägt. Ein Truppentheil mit einer guten alten Geschichte giebt ohne weiteres die Erwartung au<h zu neuen guten Leistungen in einem böberen Grade, als ein Truppentheil obne -Geschihte. Wie soll aber die Geschichte eines Truppentheils auf ihn einwirken, wenn er \si< im Meobilmachungsfall bunt aus den verschiedensten Elementen zusammen- sezt! Jch möchte also darauf hinweisen, daß diese Zerseßung, dieser Häutungsprozeß der Truppen im Mobilmachungsfall, eine fo bedenk- liche ist, daß unter ein gewisses Maß der Friedensstärke der Truppen- theil niht heruntergehen fann, ohne die Leistungefähigkeit der Feld- truppen zu gefährden.

Ist also eine Etatserhöhung der Infanterie im Frieden er- forderlich, so halten wir für die zweite Compensation die Schaffung der vierten Bataillone. Diese vierten Bataillone sind zunächst in ihrem Namen bemängelt worden. Man hat gesagt: warum nennt man das „Bataillon“? Und es ist vollkommen zutreffend, daß dieser Torso, der da errihtet wird, kein Bataillon ist: aber ih glaube, wir werden s<ließli< auf den Namen nicht viel Werth zu legen haben. Wir haben bis vor einigen Jahren das, was jeßt Bezirks-Commando heißt, Landwehr-Bataillon genannt, und das bestand au< nur aus zwei Offizieren und ein paar Leuten. Was foll nun das vierte Bataillon? Man hat gesagt: das ist eine Schöpfung, die miß- lingen wird; das soll man erst probiren. Ich begreife in der That nicht, was hieran mißlingen soll. Zunächst sind die vierten Bataillone ein unumgänglihes Complement für die zweijährige Dienstzeit. Denn wir können die zweijährige Dienstzeit bei unseren Feldtruppen nur annehmen, wenn wir die Möglichkeit haben, die Feldtruppen in den zwei Jahren intensiver auszubilden als bisher, fie alfo innerlih und äußer- lich mit zweijähriger Dienstzeit zu dem zu machen, was man früher von der dreijährigen Dienstzeit forderte. Wir müssen das Bestreben haben, eine ganze Reihe von Dienstzweigen, vor allem aber au< manche Arbeiten, von den Feld-Bataillenen abzunehmen und auf diese vierten Bataillone zu übertragen. Wir können das ohne Schaden , weil diese vierten Bataillone nicht bestimmt sind, in der Form, wie sie im Frieden eristiren, vor den Feind zu rü>en. Sie sind im Frieden Depots, die allerlei Dienst übernehmen, und im Kriege bleibt ein Rest von ihnen, hauptsächli<h von Offizieren und Unteroffizieren wie viel, wird von der Jahreszeit abhängen welche in die neuen Formationen über- geführt werden. Sie sollen also die Friedenstruppentheile theilweise entlasten, eine bessere Ausbildung ermöglihen und zuglei< für den Kriegsfall das geben, was uns, namentlih aber au<h im Vergleich mit den Franzosen, fehlt, Cadres, auf die wir unsere Neufor- mationen gründen wollen. Es ist neuli<h vom Herrn Abg. Freiherrn von Huene geäußert worden, man habe die Besoraniß, daß diese Truppentheile sih zu Negimentern auswachsen könnteù, und daß dadur Mehrkosten entstehen würden. Jch halte diese Besorgniß für ganz ausgeschlossen, denn, wenn das geschähe, so würden wir eben nicht in der Lage fein, diefe Bataillone zur Durhführung eines intensiveren Dienstes bei den drei Feld-Bataillonen zu benußen. Denn diese vierten Bataillone haben einen anderen Charafter, als die, welche vor einigen Jahren in neue Regimenter zusammenstießen. Wenn ih die zweijährige Dienstzeit nehme, so bedarf i< des Comvlements der vierten Bataillone, wie sie jeßt geplant sind. Weise ih denen eine andere Bestimmung zu, so geht es eben mit der zweijährigen Dienstzeit nicht. Nun hat man auf diese Bataillone einen Ausdru> angewandt, auf den i< mi< aus meiner Jugendzeit entsinne. Man hat sie „Schwamm“ genannt. (Heiterkeit.) Wir hatten in Preußen eine Einrichtung: officiell hießen sie combinirte Reserve-Bataillone- und sie haben bis in die fünfziger Jahre bestanden. Diese combinirten Reserve-Bataillone hatten vier, fväter glaube ich, zwei Compagnien, die regimenterweise aus demselben Corps gebildet wurden. So stand ‘in Spandau ein combinirtes Neserve-Bataillon, die erste Compagnie vom 1. Garde-Regiment, die zweite vom 2. Garde-Regiment, die dritte vom Regiment Alexander, die vierte vom Regiment Franz. Aehnli<h war das Verhältniß in anderen Corpsbezirken. Was war nun die Folge? Diese Bataillone wußten, daß sie im Kriege aufgelöst werden follen, und man fann nicht erwarten, daß ein Truppentheil, der allein in der Welt steht, ohne Anlehnung an andere, und der weiß, er wird im Kriege auf- gelöst, einen selbständigen Geist haben soll. Die Truppen- theile waren zur Auflösung bestimmt und kein Mensh wollte bei ibnen dienen, um so mehr, als man vorher wußte, die Offiziere, die da stehen, kommen im Kriegsfalle zu Ersaßtz- Bataillonen. Also dadur<, daß man für einen bestimmten Zwe> Truppentheile gebildet hatte, die ni<ht im Anschluß an bestimmte Negimenter sich befanden und im Kriegsfalle der Auflösung ausgeseßt waren, hatte man eine Schöpfung gemacht, von der man, ih glaube zuleßt im Jahre 1859, erklärte, daß es ni<t mögli<h wäre, “sie bei- zubehalten. Diese Truppentheile hatten im Lieutenantsmunde den Titel „Schwamm“. Damit hat aber die jeßige Organisation gar nichts gemein. Diese vierten Bataillone stehen im Rahmen ihrer Regi- menter, werden von den Offizieren ihres Regiments beseßt, welche wechseln, je na<hdem es dem Commandeur gut scheint. Der Com- mandeur, der die Verantwortung für die drei Feldbataillone hat, trägt au< die Verantwortung für das vierte Bataillon. Jch sche also niht den mindesten Grund, der zur Besorgniß Veranlassung geben fönnte, daß diese vierten Bataillone sih ni<ht bewähren würden. Es sind also die Etatserhöhungen und die vierten Bataillone direct eine Folge der Annahme der zweijährigen Dienstzeit. Das find Compen- sationen, Modalitäten, die uns die Annahme der zweijährigen Dienst- zeit möglih machen. Die übrigen Forderungen haben den Charakter nicht in der gleih directen Weise. Die sind bestimmt, nur auf den Krieg zu wirken und mehr die Reserve-Divisionen, die wir im Kriege aufstellen müssen, zu stärken, in eine bessere Verfassung zu bringen.

Ich habe mir {on einmal erlaubt, auszuführen, die Infanterie dieser Reserve-Divisionen besteht aus Landwehrleuten. Wir können selbst in einem Kriege mit einer Front es ni<ht umgehen, diese Divisionen, wenigstens zum größten Theil, in erster Linie zu ver- wenden. Wir haben also das Interesse ni<ht wix, die Militär- verwaltung Deutschland hat das Interesse, daß diese Divisionen leistungsfähig aufgestellt werden. Um dies zu können, wollen wir sie in erster Linie verjüngen. Eine Reserve-Division, die mit den Infanterie-Divisionen gleihzeitig und in gleicher Linie gebrau<ht werden foll, bedarf einer guten Infanterie. Und nun komme i hier avf Erwägungen, die dem Laien auch nit fo ganz geläufig sind, wie dem Berufssoldaten. Der Laie ift sehr vielfa< geneigt, die Auébildung, Erziehung eines Infanteristen für

Leit zu halten und feine Leistungen im Kriege verhältnißmäßig gering anzushlagen. Wenn eine Batterie auffährt, das macht einen großen Ein- dru>. Wenn der erste Schuß fällt, so pflegt man im Gefecht ein gewisses Gefühl der Erleichterung zu haben; jeßt is die Artillerie da; da wird die Sache weiter gehen! Man entsinnt sih aber im Frieden nur zu wenig, daß im Kriege die Infanterie nit allein den schwersten Dienst hat, sondern daß von ihren Leistungen auch in erfter Linie die Entscheidung abhängt. Die Infanterie hat den beshwerlihsten Dienst. Es ist \<werer, mit dem Tornister auf dem Rü>ken im Schweiße seines Angesichts in der Hitze, im Staub von hier na< Paris zu

marschiren, als auf der Lafette oder einer Proze zu fahren, oder als

zu reiten.

Wie weit die Leistungen der Infanterie im Kriege von Werth find, mag Ihnen vielleiht am anschaulihsten daraus werden, wenn ih in Bezug auf den leßten Krieg anführe, daß, soweit die Statistik, die unsere Militär-Medizinalbehörden aufgestellt haben, - zutreffend ift, von den Verwundungen, die im Kriege hervorgerufen sind, 80 9/6 auf Fnfanteriefeuer gekommen sind, 18 9% auf Artilleriefeuer und 29/6 auf die blanke Waffe. Jch führe das an, um zu zeigen, daß man der Organifation der Infanterie der Reserve-Divisionen niht Aufmerksam- feit genug zuwenden kann, und ih möchte Sie bitten, es deshalb mit

der Verstärkung, der Verjüngung und dem Schaffen von Cadres für

die Infanterie nicht leicht zu nehmen.

Die Reserve-Divisionen bestchen aber nicht allein aus Infanterie, fie bestehen au< aus Artillerie. Für diese Artillerie haben wir bis jet ebenso wenig etwas im Frieden vorbereitet, wie für dïe Infan- terie. Wir müssen die Reserve-Batterien, die mit diesen Divisionen ins Feld gehen sollen, aus Abgaben unserer Feldbatterien entnehmen. Das s<wädht die Feldbatterien. Das wird immer s{werer, je s{neller die Mobilmachung vor \ih geht, und wenn ih eine solhe Kriegs- batterie lediglih zusammenseße aus eingezogenen Mannschaften und Pferden und diese am dritten oder vierten Mobilmahungstage vor 6 Kanonen, so und so viel Munitionêwagen, einen Haufen Geschirr und Munition telle, fo kann i< mir nit einbilden, daß ih hiermit eine leistungsfähige Batterie habe. Nun ist aber bei der Artillerie an ih die technishe Leistungsfähigkeit von“ ungleih größerem Werth als bei einer anderen Waffe. Schon cin Umstand, der Ihnen vielleicht am ersten in die Augen springt: ein Granatshuß koftet das Hundert- fahe von dem, was ein Infanterieshuß kostet. Geht der Granatshuß vorbei, so habe i< um so viel mehr Kapital in die Welt verknallt ohne jeden Nußen. Aber au< der militärishe Effect fehlt: wo ein- mal mit Artillerie ges<hossen wird, muß der Erfolg da sein. Und wenn die Rolle unserer Infanterie im ganzen au<h im Kriege dieselbe bleiben wird*— denn i< muß zunächst immer, wenn ih siegen will, das Bestreben haben, heute Abend auf dem Fle> zu sein, wo der Feind heute früh war, und um den Weg zu ebnen, muß ih zuleßt immer mit der Infanterie herangehen wenn das auch bleibt, so wird die Infanterie mehr erleihtert werten müssen durch die Wirkung der Artillerie; die Artillerie ist aber nur wirksam, wenn sie trifft: der bloße Schre> stumpft si bald ab, das wifsen die Herren, die 1870 mit waren, sie wissen, daß die Truppen über die Wolke der französischen Shrapnels, die da oben crepirten und keinem Menschen Schaden thaten, lachten. Ein ni<ht wirksamer Artilleries<uß ift \<le<ter wie gar feiner. Also auch für die Artillerie brauen wir eine Vermehrung, um Cadres für den Kriegsfall zu haben, und das ist der Grund, aus dem diese Batterien hier von Ihnen erbeten werden, ausgenommen die se<s Batterien ih glaube, mehr sind es niht die für das XVI. Armee-Corps gefordert werden Alle diese Batterien sollen Stämme abgeben für die Reserve-Divisionen. Wenn Sie die Reserve-Divisionen fo formiren, wie wir es wünschen, werden Sie eine tauglihe Infanterie bekommen, eine leistungsfähige Infanterie, Sie werden auch eine leistungsfähige Artillerie bekommen. Kein Truvventheil bedacf aber einer leistungsfähigen Artillerie so, wie gerade die Reserve-Truppentheile. Wenn man auch die höchste Meinung von ihrer Leistungsfähigkeit hat, so werden ihre Be- wegungen doch immer langsam sein im Vergleich zu denen der Linie und das, was der Infanterie an Beweglichkeit fehlt, soll dur< das Feuer der Artillerie erseßt werden, um die Infanterie zu schüßen.

Ueberdies will i< mir die Bemerkung erlauben, daß, wenn wir nh etwa zwei Reserve-Divisionen zu einem Armee-Corps zusammen- fassen, diese no< immer s{<wäcer werden müssen als unsere Feldcorps, weil sie keine Corps-Artillerie haben; wir werden selbst nah dem, was wir jeßt fordern , diese Divisionen nur mit Divisions-Artillerie aus- rüsten Tönnen.

Nun ist au< für die Cavallerie abgesehen von den drei Königlich baverishen Schwadronen, die eine organisatorische Nothwendigkeit sind die Schöpfung von Stamm-Escadrons erbeten worden, deren Pferde im Kriegsfalle gebraucht werden sollen. Es ist hier neulich doch ein nit ganz zutreffendes Urtheil infofern ausgesprochen worden, als auf das jeßige Project ein Schluß gezogen wurde durch einen Ver- glei mit der hannöverschen Cavallerie. Die Einrichtungen in Han- nover waren vollkommen anders, da ging der Mann mit seinem Pferde auf Urlaub und rü>te mit seinem Pferde wieder ein. Hier foll das Pferd an Menschen gegeben werden, die in ihrem Berufe Pferde ge- brauchen, das Pferd soll eingezogen werden. Daß man kranke Pferde niht einziehen kann, is ebenso selbstverständli<, als daß man franke Menschen nit einzieht. Und wenn dann von der hannövershen Cavallerie gesagt worden ist, ihre Pferde wären zu di>leibig gewesen, so möchte ih doch unsere Gegner von Langenfalza in Schuß nehmen; die hannöversche Cavallerie bat bei Langensalza Atta>ken geritten, die sih sehen lassen fonnten. Wir verlangen nun von der Cavallerie unserer Reserve- Division in erster Linie nicht, daß sie Atta>en reitet, sondern daß sie zum Ordonnanzdienst, zum Sicherheitsdienst, der bei sol<hen-Divisionen so gut vorkommt wie bei anderen, verwendbar ist. Dazu gehört aber do, daß der Mann mit seinem Pferd dahin kommt, wo er hin- kommen soll, und auch das ist in Frage gestellt, wenn Sie ihm am dritten, vierten Mobilmachungstage ein beliebiges Pferd geben, das vielleiGt no< feine Kanthare getragen hat und das die Sporen no< niht verträgt. Der alte General Marwiß, der 1813 die Kurmärkishe Landwehr-Brigade zu commandiren hatte, stellte sie auf dem Plaße, wo ‘jeßt das neue Reichstags- gebäude steht, dem König Friedri< Wilhelm II1. vor, und er hatte die Dreistigkeit, eine Atta>e zu reiten; wie das aus war, sagte der alte König in feiner knappen Form: „Es war do<h gut, daß die Stadtmauer da war.“ (Heiterkeit.) Daß aber au<h die Reserve- Cavallerie-Regimenter in die Lage kommen können, cine Atta>e zu reiten, das hat das Littauishe Dragoner-Regiment, wenn ih nicht

irre, bei St. Quentin in einer glänzenden Weise bewiesen. Jh will aus diesem Glanz aber doch nicht schließen, daß jede Atta>e so ab- geht. Uebrigens war das eine Atta>ke, die nach monatelangem Feld- zug geritten ift, und dann ist nicht jeder Reiter ein Littauer.

Endlich möchte i< no< auf ein Bedenken kommen, was hier ausgesprohen ist, daß namentli< das platte Land von den neuen Maßregeln zu leiden habe. Ich gebe zu, daß das bis zu einem gewissen Grade richtig ist. Jh möchte aber da do< einer Ueber- shäßung entgegentreten. Gerade die Seite, von der das neulih be- tont wurde, interessirt sih dafür, daß das Freizügigkeitegesez ge- ändert werde, weil man annimmt, daß jeßt zu viele junge Leute, ehe sie das militärpflihtige Alter erreichen, in die großen Städte aus- wandern. Man will die Grenze des Alters, mit welcher die Fähig- feit zum Erwerb des Unterstüßung8wohnsites beginnt, auf 18, i< weiß nit, vielleiht 16 Jahre herunterdrü>en. - Daraus folgt, daß “man annimmt, es wandern sehr viele junge Leute, hon ehe sie ins militär- pflihtige Alter kommen, vom platten Lande in die Städte. Nun geht aber gerade das Geseß über die Ersaßvertheilung, wel<hes wir hnen vorgelegt haber, darauf aus, daß das Land nit no< einmal dadur ges<hädigt wird, daß, na<hdem ihm erst die jungen Leute weg- gelaufen sind, ihm noch das volle Contingent auferlegt wird, sondern wir wollen eine Aenderung in der Ersaßtzvertheilung einführen, welche die großen Städte mehr heranzieht und das platte Land mehr erleichtert. :

Nun ist do< früher au von dieser Seite, und ih glaube, mit vollem Recht, der erziehende Einfluß der militärishen Dienstzeit betont worden. Diesem erziehenden Einfluß wird eine größere Anzahl junger Leute, au< der Landbevölferung, jeßt unterworfen, aber nur auf zwei Fahre und nicht mehr auf drei Jahre; und i< möchte glauben, daß daber der Einwand, der früher häufig gemaht worden ist, daß, wenn die jungen - Leute von der Truppe auf das Land zurü>kämen, sie die {were Arbeit verlernt hätten, mit der Abkürzung der Dienstzeit do<h au<h an Schwere verliert. Also Sie shi>en die Leute voraussihtli<h ni<ht in einer wesentli stärkeren Zahl fünftig vom platten Lande zur Truppe wie bisher, die Truppe behält sie aber in der Hauptsache statt drei Jahre nur zwei Fahre. Es is ja, wenn man das Wort „Feriencolonie“ gebraucht hat, dies eine rhetorishe Hyperbel gewesen; daß aber im allgemeinen der militärishe Dienst den jungen Männern nüßli<h sein kann, au jungen Städtern, au< jungen Industriearbeitern, das habe ih nit allein von hervorragenden Industriellen gehört, die mit einer großen Anzahl von Arbeitern in Beziehung stehen, fondern diese Ueberzeugung gewinne i< au<h auf einem anderen Wege. Ich behaupte noch heute: in den jungen Socialdemokraten ste>t in der Mehrzahl ein kleiner Militärmoloh, sie dienen alle viel lieber, als sie selber denken. Das ist noch heute so, ‘davon bin ih fest über- zeugt. Meine eigenen Erfahrungen sprechen dafür. Ich habe unter meinem Befehl Truppentheile gehabt, von denen ih mit mathematischer Gewißheit beweisen konnte, ihrer Herkunft nah: der ganze Truppen- theil muß socialdemokratish gewesen sein. Aber wenn mir in diesen Jahren au< nur so viel vor Augen gekommen wäre! Im Gegentheil, die Leute dienten mit einer Freudig- eit, sie hatten einen s{<weren, zum theil dem Tode sehr nahen Dienst, und sie haben den Dienst immer glei<mäßig und correct erfüllt. Jch habe daraus geshlossen: diese jungen Leute dienen gern, und daraus habe ih weiter geschlossen: da sie nun dur{<tränkt mit Ansichten her- fommen, die eigentli<h das Gegentheil von ihnen verlangen, fo müssen sie instinctiv gefühlt haben, daß ihnen, die das ganze Leben in der staubigen, ungesunden Werkstätte zubringen, diese Dienstzeit wie eine Erbolung erscheint. Ih möchte also bitten, au<ß nach dieser Seite die Wirkung dieser Maßregel mindestens ni<ht zu s{hwarz darzustellen. (Beifall rets.)

Abg. Bebel (Soc.): Er habe keine Veranlassung, auf die fehr ausführlichen, aber sehr ins militärishe Detail gehenden Ausführungen des Reichskanzlers einzugehen. Nur auf die Schlußworte komme er zurü>, in denen der Reichskanzler besonders hervorgehoben habe, daß die socialdemokratis<hen Rekruten mit voller Lust und Freude ihren militärishen Verpflichtungen obgelegen hätten. Das wundere ihn (den Redner) gar niht und beweise nur, daß die Herren von der Rehten und von der Regierung von der Tüchtigkeit

der Socialdemokraten eine fals<e Anschauung hätten. Er glaube sogar, daß die Bereitwilligkeit, mit der gerade seine Partei- genossen si der vorschriftsmäßigen Disciplin gefügt hätten, ein Aus- fluß der Disciplin sei, die ihnen das Leben beibringe. Die Social- demokratie sei also gewissermaßen eine Vorschule für den Militarismus. Seine Partei stehe ja auf dem Boden, daß jeder, der die physischen Kräfte dazu habe, Soldat werden solle. Wenn seine Partei sich gegen die Vorlage erklärt habe, so sei das aus voller Ueberzeugung ge- schehen; wenn die ersten Nachrichten fals< gewesen seien, fo seien fie von Organen in die Oeffentlichkeit getragen, von denen man angenommen habe, daß sie genaue Nachrichten bräcten. Wenn jeßt jemand über das Schicksal der Vorlage ein klares Bild geben wollte, so wäre er dazu gänzlih außer stande. Der Abg. Dr. von Bennigsen habe mit so begeisterten Worten auf die Vorzüge der Vorlage hingewiesen , auf den großen Werth der zweijährigen Dienst- zeit, auf die Vortheile der Verjüngung der Armee, daß es \{ließli< ganz befremdlih gewesen sei, zu hören, daß er eigentli nicht geneigt fei, der Vorlage zuzustimmen, wenigstens niht in ihrem vollen Um- fang. Nur der Abg. Freiherr von Stumm habe klar und nett auê- gesprochen, daß er und seine Freunde bereit seien, Kleinigkeiten abgerechnet, der Vorlage voll und ganz zuzustimmen. Bei der Nothwendigkeit, die Vorlage anzunehmen, schienen ihm (dem Redner) doch nicht fo sehr die militärtecnis<en und die finanzpolitishen Gesichtspunkte in Betracht gezogen zu sein als die rein politishen Gesichtspunkte. Die Armee solle die Aufgabe haben, die Integrität und die Machtstellung des Deutschen Reichs nah außen unter allen Umständen zu wahren. Man sei dabei aber in sehr etinseitiger Weise verfahren und habe seine Aufmerksamkeit hauptsächli<h auf Frankrei gerihtet. Zwar nach außen hin habe sih die deutshe Macht bedeutend gesteigert , aber ebenso ‘sei die fortwährende Bedrohung des Friedenszustandes ge- wachsen und die ganze Steuerkraft des Landes werde von militäris<hen Rüstungen vers{<lungen. Erst die Annexion von Elsaß-Lothringen habe die s<hwierige politishe Stellung Deutschlands in Eurova verschuldet; daher die Möglichkeit eines Krieges mit doppelter Front. Seine Partei habe nie von einer na>ten Zurückgabe der Reichslande gesprochen; immer habe sie eine Verständigung mit Frankrei für nötbig erklärt. Aber das wolle man ni<t und müse daber die Consequenzen tragen. Bure S habe alles auf- geboten, um Rußland für Deutschland freundlih zu stimmen, um

diese Coalition e mit Rußland ju verhindern, aber alle seine

Anstrengungen hätten nit ausgereicht, er habe den Dreibund schaffen müssen, der seine Spiße gegen Rußland richte. Man spre<he immer von Frankrei und seinen Revanchegelüsten; aber es könne doch nicht bestritten werden, daß ein großer Theil der dortigen Bevölkerung anders denke und au< der Präsident Carnot sich in ganz friedlihem Sinne geäußert habe. In Frankreih glaube man, daß Deutschland nur auf den Augenbli> warte, um Frankreich zu überfallen und voll- ständig zu vernihten. Neben dem linken Rheinufer ständen gerade die Ostprovinzen auf dem Spiel bei einem unglü>lichen Krieg. Das

riesige Rußland sei naturnothwendig auf das Mittelmeer, das Schwarze Meer und die Ostsee hingewiesen, und es folge dieser Weisung mit großer Energie; man brauche ja nur zu sehen, wie es [2 Dânemarks für Ju künftige Herrshaft in der Ostsee ediene. Der Reichskanzler habe gesagt: „Rußland is gewöhnt, seine olitishen Ziele in langsamem Tempo zu erreichen und den günstigen

oment abzuwarten, genau fo in militäris<en Dingen. Es hat fein Eisenbahnnéß na< dem Westen ausgebaut, seine ungeheuren Armeen na< dem Westen vorgeschoben, um im gegebenen Moment, wenn au< erst nah Jahren, vollkommen gerüstet dazustehen.* Liege die Sache so, dann sei es vom Standpunft der Regierung vollkommen gere{ht-

fertigt, daß die Regierung mit Anforderungen komme, wie in diefer

Vorlage. Der Reichskanzler habe in seiner Rede vom Sonnabend von der Million waffenfähiger junger Leute gesprochen, die im Fall eines Krieges hinter dem Ofen blieben. Aber au< nah Annahme dieser Vor- lage würde eine halbe Million no< hinter dem Ofen bleiben. Die vollständige Verwirklihunx der allgemeinen Wehrpflih|> die auch seine Partei für nothwendig halte, set in diefer Vorlage nicht gegeben, denno erfordere sie folofsale Ausgaben. Wenn sie voll bewilligt werde, wachse der Militär-Etat im ganzen auf 7034 Millionen Mark, dazu kämen die Marineausgaben, Pensionen und Zinsen der zur Ver- vollständigung der Kriegsrüstungen aufgenommenen Gelder fowie der Reichs-Invalidenfonds, sodaß die Gesammtsumme auf 913 Millionen steige. Das seien Ausgaben, welche die Nation nicht tragen könne, ohne hon in Friedenszeiten \sih aufs äußerste zu verbluten. Nach den früheren Verdy’shen Plänen komme man jeßt mit einer Abshlagszahlung und werde bei späterer Gelegenheit das Ganze fördécn, werde mit Forde- rungen fommen, die ungefähr no< einmal so hoh seien wie die gegen- wärtigen. Auch nah dieser Vorlage blieben jährli<h 57—60 000 waffenfähige Mannschaften unausgebildet. Auch das sei niht richtig, daß die Vorlage in hohem Grade dazu beitrage, größere Gleichheit in der Ausübung der Dienstpflicht “herbeizuführen. Auch nach dieser Vorlage werde man Soldaten haben, die drei Jahre, die zwei Jahre, und die ein Jahr dienten. Die Cavallerie und reitende Artillerie werde auch fernerhin drei Jahre dienen, das Privilegium der Ein- jährig-Freiwilligen aber bleibe au< bei der Cavallerie und Artillerie bestehen. Darüber werde es ni<ht an Mißstimmung fehlen, und diese Mißstimmung werde gerade dur< Einführung der zweijährigen Dienstzeit besonders verstärkt. Sei es möglih, daß Söhne privilegirter Eltern in einem Jahre ihre Dienstpflicht erfüllten und dann noch Lieutenants würden, dann werde man keinem Menschen flar machen, daß er, weil er das Unglüd> habe, als Sohn eines kleinen Mannes geboren zu sein, nun zwei oder drei Jahre dienen solle. Der Klassengegensaßz bleibe bestehen, und hätten die bevorzugten Klassen nit das Privilegium des einjährigen Dienstes, dann würden sie energisher für die zweijährige Dienstzeit au< bei des Cabval- lerie und Artillerie eintreten. Die Erfatreserve, die jeßt im ganzen zwanzig ‘Wochen übe, lasse man fallen, weil auf diese Art der Soldat nicht friegsbrauchbar ausgebildet werden könne. Dabei habe jedo< Hauptmann Miller in Württemberg in seiner Broschüre be- fundet, daß in Offizierskreisen, obwohl man es niht öffentlih aus- spreche, die Leistungen der zehn Wochen gedrillten Leute als über- rashend gute gälten. Der Hinweis auf die Verjüngung der Armee sei nur eine captatio benevolentiae, ini Ernftfalle sei garniht daran zu denken, daß au<h nur ein friegstühtiger Mann zu Haufe bleibe. Im Falle einer Kriegserklärung werde auch der leßte Mann heran- gezogen werden. Die Nachbarstaaten hätten zu diesem Zwe> schon eine Organisation eingeführt. Wenn man innerhalb fünf Jahren einen Krieg bekomme, so würden allerhöhstens 300 000 Mann mehr als gegenwärtig ins Feld geführt werden. Die kämen bei der folossalen Masse, die man bei einem Kriege nah zwei Fronten ins Feld stelle, garni<ht im--Betraht. Man habe 1888 die Landwehr zweiten Aufgebots und den Landsturm organisirt, weil die französische und russishe Armee ähnliche Organisationen ins Leben gerufen hätten. Die neue militäris{e Organisation, nah welcher auch der leßte Mann herangezogen werde, gehe von einem Manne aus, der in seinen jüngeren Jahren nie eine Flinte getragen habe, nämli<h von dem bürgerlihen französischen Kriegs-Minister Freycinet. Die Politik der Negierung habe Deutschland in eine außerordentlih gefahrdrohende Lage gebracht, und Deutschland müsse beim Ausbruch eines europäischen Krieges mit Aufbietung aller Kräfte kämpfen, wenn“ & in der Reihe der felbstäudigen Völker bleiben wolle. Nah Annahme diefer Vorlage könne man aber nit die gesammten Kräfte der Nation hberanziehen, au< ni<t vom finanziellen Standpunkt. Wenn Deutschland in die Lage kommen solle, für den Fall der Gefahr mit den nöthigen Mitteln ausgerüstet zu sein, müsse es in der Friedenszeit seine Mittel nah Möglichkeit \shonen. Diese Schonung sei aber nur mögli<, wenn der alte Scharnhorst’she Gedanke in vollem Umfange verwirklicht werde, nnd zwar auf derselben Basis, wie sie Scharnhorst habe dur<führen wollen. Der Gedanke sei übrigens niht dem Kopfe Scharnhorst?s ent- sprungen. Er fei hon vorhanden und prafktis<h durchgeführt gewesen in dem großen amerifanishen Befreiungskampf, sowie in dem Kampfe der jungen Französischen Republik fast gegen alle europäischen Staaten. Bei Our(führung des Scharnhorst’shen Gedankens seien alle drei Monate neue Refruten eingezogen und dadur< Preußen in die Lage verseßt, im Kriege 1813 die entsheidende Rolle zu spielen. Preußen habe dur die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auch die anderen Staaten Europas gezwungen, sie einzuführen. Heute habe Deutsch- land in dieser Beziehung keinen Vorsprung mehr; es bestehe nur no<h ein quantitativer Untershied in den Armeen. Wenn Deutschland wiederum einen wirklichen Borsprung vor allen übrigen Staaten Eurovas haben solle, dann bleibe nichts Anderes übrig, als den Grundsaß der allgemeinen Wehrpflicht in vollem Umfang zur Durhführung zu bringen und ein allgemeines Volksheer, eine Volksbewaffnung durhzuführen, wie seine. Partei sie wünshe. Die Schweiz habe das Milizsystem, aber niht die allgemeine Volksbewaffnung. Denaoh sei die s<weizeris<e Wehrkraft von 408 000 Mann auch so hon höchst achtung- gebietend. Es sei nothwendig, daß von frühester Jugend an die Kinder zu militärishen Uebungen in Verbindung mit den Turn- übungen herangezogen würden. Auch in der bekannten Broschüre „Videant consules“ werde gesagt, daß der Gamaschendienst in hohem Grade eingeshränkt werden müsse, und es unterliege keinem Zweifel, daß dies mögli< sei, wenn militärishe Jugend- erziehung eingeführt werde. Auch die Wirkungen in physischer Hinsicht sprähen unter dem gegenwärtig herrshenden Riesen- system gegen die Vorlage. Die Landbevölkerung stelle im Verhältniß etwa 31 mal so viel zur Armee als die städtische. Dieser Zustand werde in demselben Maße ungünstiger werden, wie das Land sich immer mehr entvölfere und die Industriebevölkerung zahlreicher werde. Es sei dringend nothwendig, für eine gesunde physishe Entwickelung der Bevölkerung zu sorgen. Man brauche niht nur gesunde Männer, sondern au gesunde Frauen, die gesunde Kinder zur Welt bringen könnten. Eine gründliche, tief eingreifende Arbeitershußgeseßgebung müsse geschaffen und in höherm Grade für den Schuß der Arbeiter- frau gesorgt werden. Man brauche ein kräftiges Geschlecht nicht nur zur Fortentwi>elung des Staats, sondern für die Wehrfähigkeit der Nation, damit man im gegebenen Falle den äußersten An- forderungen gere<t werden könne. Das fei aber bei dem gegen- wärtigen System unmögli<h. Die deutsche Bevölkerung fei um 12 Millionen größer als die Frankreihs und auch die Vermehrung der deutshen Bevölkerung fei verhältnißmäßig. Aber was Deutsch- land vor Frankrei voraushabe, um das stehe cs hinter Rußland zurü. Es bleibe nihts übrig, als zu dem Reservoir von Kräften zu greifen, das in der vollen allgemeinen Wehrpflicht liege, um fo mehr, als das gegenwärtige Reservoir bei der Lantbevölkerung immer mehr und mehr abnehme. Von den 65 000 Mann, die neu gefordert würden, werde wenigstens 45—50 000 Mann das platte Land zu stellen haben, den Rest die städtishe Bevölkerung. Auch dieses Moment sollte Veranlassung sein, um einen Wandel von Grund aus herbeizuführen. Immer neue Lasten würden der Nation auferlegt, und dabei zeige eine Statistik der jüngsten Zeit, daß die Confumtionsfähigkeit und damit die Leistungsfähigkeit der Nation bedeutend abnehme. Für München ergebe diese Statistik, daß von 1889/91 die Zabl des verbrauchten Rindviehs um 18 000, der Kälber um 14 000, der Eier von 38 auf 36

Millionen gefallen sei, dagegen seien ftatt früherer 989 gegenwärtig 1755