1893 / 15 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Waldeck und Pyrmout.

Der Geburtstag Seiner Durchlaucht. des Fürsten .ist am 14. d. M. festlich begangen worden. Die Stadt Arolsen hatte, wie dem E Cour.“ berichtet wird, rêihen Flaggenshmuck angelegt. Jn den Schulen in Stadt und Land wurde in entsprehender Weise auf die Bedeutung des Tages hingewiesen, ebenso wurde der Tag durch mehrfache festlihe Veranstaltungen efeiert. Zahlreihe Glückwunschtelegramme aus dem Fürsten- thum, von allen deutshen und vielen auswärtigen Höfen trafen im Laufe des Tages ein.

Lübeck.

Dic Bürgerschaft hat, wie „W. T. B.“ meldet, in ihrer gestrigen Plenarsizung beschlossen, behufs Abschlusses eines Staatsvertrages mit Preußen wegen des Elbe- Trave-Kanals cine aus 15 Mitgliedern bestehende Com- misfion einzusegzen.

Deutsche Colonienu.

Der Kaiserliche Gouverneur von Deutsh-Ostafrika Frei- herr von Soden war nach einer telegraphischen Mittheilung krankheitshalber genöthigt, nah Bombay abzureisen, beabsichtigt jedoh, vor Antritt seines Urlaubs nach Europa noch nach Dar-es-Salam zurüc{zukehren.

Oberst-Lieutenant von Schele is in Ost-Afrika ein- getroffen und hat eine Jnformationsreise in das Jnnere unter- nommen:

Der Kaiserliche Kanzler Leist hat nah Ablauf seines Urlaubs die Nückreise nah Kamerun angetreten.

Oesterreich - Ungarn.

Der Kaiser hat am Sonnabend Nachmittag den auf der Nuücreise von Sigmaringen in W ien eingetroffenen rumänischen Minister-Präsidenten Catargiu in längerer Privataudienz empfangen. Unmittelbar darauf stattete der rumänische Minister, wie die „Pol. Corresp.“ schreibt, dem Minister des Auswärtigen Grafen Käálnoky einen Besuch ab.

Ein Communiqué des „Fremdenblatt“ bestätigt vollkommen das gestern unter „Frankreich“ erwähnte offizielle Dementi, das die französishe Regierung der Meldung des Pariser Correspondenten des „Budapesti Hirlap“ über die Haltung des Kaisers dem französishen Botschafter Decrais gegenüber ertheilte. Dem Correspondenten sei offenbar unbekannt, daß der Kaiser das diplomatishe Corps bei Hofbällen in einem besonderen Salon empfange. So sei es auch diesmal gae- schehen. Der Kaiser habe den französischen Botschafter Decra is, der fih am Wiener Hofe und in der Gesellschaft einer aus- gezcihneten Stellung erfreue, sowie den französischen Militär- Attaché Obersten du Forey mit einer längeren Unterredung beehrt, somit sei die Meldung des „Budapesti Hirlay“ unbe- gründet. Die Erfindung bleibe bedauerlih, wenn cin mäßiges Ballgeschwäy genüge, Schlüsse über die Beziehungen zweier großen Staaten daran zu knüpfen.

Wie das ungarische Amtsblatt meldet, ist die auf eigenes Ansuchen erfolgte Enthebung des Staatssecretärs im Finanz- Ministerium Ludwig Lang angenommen und ihm für die hingebenden und treuen Dienste die Allerhöchste Anerkennung ausgesprochen worden.

Frankreich.

Der „Nat. Ztg.“ wird aus Paris gemeldet: Obgleich jeßt actenmäßig nachgewiesen ist, daß die gegen den Präsidenten Carnot vorgebrachten verleumderishen Behauptungen durchaus unbegründet sind, seht die Hebpresse den Feldzug gegen den Präsidenten der Republik fort, was aber auf den verschiedensten Punkten des Landes einen Sturm der Entrüstung erregt, dem bereits durch Ergebenheitsadressen der Gemeinde- räthe Ausdruck gegeben wird.

Jn der gestrigen Sißung der Deputirtenkammer richtete Millevoye, wie „W. T. B.“ meldet, an den Justiz- Minister Bourgeois die Anfrage, wann Arton und Cor- nelius Herz verhaftet werden würden. Herz sei ein Verräther, den man mit jedem rechtlich zulässigen Mittel verfolgen müsse. (Beifall auf der Linken.) Der Minister Bourgeois erwiderte, er könne sich Anklagen niht anschließen, die gegen Personen erhoben würden, welhe noch nicht verurtheilt eien. Gegen Arton sei ein Haftbefehl -er- [lassen worden. Er (der Minister) habe am 7. Januar dem Rathe der Ehrenlegion die Angelegenheit des Cornelius Herz zur Prüfung vorgelegt. Leßterer sei zweimal geladen gewesen, an Stelle dieser einfachen Vorladungen sei am gestrigen Vor- mittag die förmliche Anklage gegen ihn erhoben worden. (Beifall auf derLinken.) Sodann wurde die Berathung des Geseßentwurfs bezüglih der Handelsflotte wieder aufgenommen. Die vorgeshlägene - Prämie für Schiffe, die zwár für Nettitiià französischer Rheder, aber auf ausländij}hen Bau- pläßen gebaut werden, wurde abgelehnt. Die Minister Sieg- fried und Rieunier stimmten für den Regierungsvorschlag. Hierauf wurde eine Juterpellation des Boulangisten Du - monteil über das Verhalten der Polizei in der am Sonnabend in Tivoli-Vaurhall veranstalteten Versammlung auf einen Monat zurückgestellt. Auf eine Anfrage des Socialisten Lavy Über die Ausweisung von fünf Nihilisten erwiderte der Minister- Präsident Nibot, die Polizei habe seit der Bombenaffaire, die hon drei Jahre zurückliege, niht nachgelassen, die Per- sönlichkeiten ausfindig zu machen, die ihr gefährlich erschienen. Frankreich werde niemals dulden, daß Ausländer fich gegen benach- barte Mächte Jntriguen erlaubten, die Regierung werde nicht zögern, die nothwendigen Ausweisungen vorzunehmen, (Beifall.) Jourde (Socialist) beantragte, die Anfrage Lavy's in die ¿Fórm einer Jn terpellation umzugestalten. Die Kammer beschloß mit 352 gegen 34 Stimmen, die Znterpellation auf einen Monat zu vertägen. Dubost verlas sodann den Bericht über den Geseßentwurf, wonach der Betrag, bis zu dem die Bänk von Frankreich berechtigt sein soll, Noten auszugcben, auf 4 Milliarden erhöht werden soll. Die Berathung des Geseßentwurfs wurde auf heute festgeseßt.

Jn der heutigen Sißung der Deputirtenkammer wird der Minister-Präsident Ribot cinen Geseßentwurf einbringen, wonach Vergehen gegen fremde Souveräne und die bei dem Präsidenten der Republik beglaubigten Gesandten an die Zuchtpolizeigerichte verwiesen werden. ;

Die Budgetcommission hat im Princip den Geseß- entwurf über die Steuer auf Börsengeshäfte ange- nommen.

Der Minister des Auswärtigen Develle hat, wie der „Agenzia Stefani“ gemeldet wird, an den italienishen Bot- [hafter Reßman ein Schreiben gerichtet, worin mit-

getheilt wird, daß Charles Lesseps und dessen Mitangeklagte dem ErjuQungsrign egênüber in ‘der: formellsten Weise die Erklärung abg ätten, daß sie niemals, weder direct noch indirect, den: ehemaligen italienischen Botschafter Grafen Menabrea Geldbeträge Übermittelt hätten.

Der Polizeicommisjar hat gestern Vormittag dem Correspon- denten mehrerer italienisher Blätter Richard Alt einen Ausweisungsbefehl übermittelt. Alt ist ebenso wie dem deut- schen Correspondenten von Wedel éine achtundvierzigstündige Frist für die Abreise béwilligt worden.

“Die Panama-Untersuhungs-Commission verhörte gestern den Redacteur der St. Petersburger „Nowoje Wremja“, Suworin, der gegen die von Delahaye in der Kammer er- hobenen allgemeinen und bewetislosen Anschuldigungen der russi- schen Présse Verwahrung einlegte und verlangte, daß die An-

elegenheit vollständig aufgeklärt werde. Der russische Journalist Tatistschew , der darauf vernommen wurde, äußerte sih“ im nämlichen Sinne und hob hervor, wie wenig die gegen die russishe Presse gerichtete Anschuldigung begründet sei. Er habe sih fragen müssen, ob nicht etwa hierbei eine aus- wärtige Jntrigue vorliege. Die russishen Journalisten würden sämmtlich die Commission bei der Aufklärung der Angelegeu- heit unterstützen.

Rußland.

Der Emir von Buchara ist mit seinem Sohn Tjura- Dshan:-Mir-Alun und seinem Gefolge am 13. d. M. in St. Petersburg eingetroffen.

Ftalien.

Der rusfishe Minister von Giers ist nicht, wie „W. T. B,“ gestern gemeldet hatte, in Nom, fondern in San Remo cin- getroffen.

Portugal.

Jn dem der Deputirtenkaminer gestern vorgelegten Budget wird der Notenumlauf der Bank von Portugal auf 72 000 Contos Neis erhöht werden. Hinsichtlih der Einstellung der Amorti- firung der Tabakgesellschaft ist keine Vorlage gemacht.

Dänemark.

Jn der gestrigen Sigung des Folkethings forderte der Berichterstatter des Finanzausshusses den Minister des Aus- wärtigen auf, sih über eine angebliche Aeußerung des deutshen Reichskanzlers Grafen Caprivi, welche im Lande allgemeine Unruhe erregt habe, zu erklären: es müsse bei allen Parteien Unruhe und in ganz Europa Argwohn erregen, wenn gesagt werde, daß Dänemark als drittes Glied in eine Coalition mit Frankreih und Rußland cintreten oder sih überhaupt auf Berechnungen hinsichtlih der großen Politik einlassen wollte.

Der Minister des Auswärtigen Baron von Recßt Thott antwortete hierauf: Die Aeußerungen des Reichskanzlers Grafen Caprivi seien in einer Commissionssißung gefallen und lägen authentisch niht vor. Die deutsche Regierung - habe die erste mögliche Gelegenheit ergriffen, um zu erklären, daß die Mit- theilungen der Zeitungen theils irreleitend, theils entstellt seien und nicht den wahren Ausdru der Aeußerungen des Reichskanzlers bilden. Schon an demselben Tage, an welchem die ersten Nachrichten hier eingetroffen, habe der deutsche Gesandte am dänishèn Hofe erklärt, man müsse diese Referate als übertrieben ansehen und es fönne ihnen eine weitere Be- deutung nicht beigelegt werden. Am Tage darauf habe sodann der Gesandte sich an ihn, den Minister, gewandt und erklärt, die deutsche Regierung könnte die Referate der Zeitungen als den Ausdruck der Aeußerungen des Reichskanzlers nicht an- sehen, umsoweniger, als die Beziehungen der deutschen zur dänischen Regierung vollkommen freundschaftlih seien und man deutscherseits nur diese freundschaftliche Situation zu bewahren wünsche, auch feinen Grund habe, anzu- nehmen, daß man dänischerseits andere Anschauungen hegte. Der Minister s{hloß: „Jch benuße die Gelegenheit, um zu wiederholen, was die Regierung schon öfter erklärt hat, daß die Aufgabe der Regierung nur darin besteht, dahin zu arbeiten, daß das Land in allen etwaigen Differenzen der fremden Mächte eine durchaus neutrale Stellung einnehme. Ein kleines Land, wie das unsrige, kan nur zum Spielball der größeren Mächte dienen, wenn es an den großen europäischen Conflicten leichtsinnig theilnehmen würde.“

Nach ciner Erwiderung des Deputirten Korsgard er- klärte der Minister, cs sei ihm nicht bekannt, daß man die Maßregeln, die Dänemark zu seiner Vertheidigung treffe, im Auslande als etwas anderes auffasse, wie als eine Stütze der Neutralität. Der Deputirte Harald Holm sprach dem Minister für dessen Erklärungen seinen Dank aus, besonders für diejenigen hinsichtlich der Neutralität Dänemarks, und gab dem Wunsch Aus- druck, daß es gelingen möge, den entstandenen Argwohn zu beseitigen. Das Folkething hätte stets geltend gemaht, man wünschte außerhalb aller europäischen Conflicte zu stehen. Es sei eine Freude, daß sich die Regierung selber in diesem Sinne geäußert habe. Der Deputirte Brandes hob hervor, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Däne- mark seien eine Lebensbedingung für Dänemark. - Der Deputirte Hauptmann Dinesen erklärte die Ausführungen des Ministers des Auswärtigen für vollkommen beruhigend, bedauerte aber ganz im allgemeinen, daß die fortwährenden Versicherungen, die freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland seien eine Lebensbedingung für Dänemark, wie ein factishes Vasallen- verhältniß zu Deutschland aussähen.

Jm Anschluß an diese Aeußerungen sprehen si heute, wie „W. T. B.“ meldet, sämmtlihe Kopenhagener Blätter für die Nothwendigkeit aus, unter allen Umständen

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die Neutralität Dänemarks aufrechtzuhalten. Afrika.

Der gestern gemeldete Wechsel im egyptishen Mi- nisterium scheint in England auf Opposition zu stoßen. Ueber die Stimmung, welche der Ministerwechsel bei der egyp- tischen Bevölkerung hervorgerufen hat, liegen widersprechende Nachrichten vor. Wir ftellen im folgenden die hierauf bezüg- lichen Depeschen zusammen:

Eine Meldung des „Reuter schen Bureaus“ aus Kairo besagt, die eingeborene Bevölkerung scheine von der Wahl der neuen Minister durhaus nicht befriedigt. Die Unzufriedenheit sei eine fo große, daß das Deeret über die Ernennung wahrscheinlich noch zurückgehalten werde und daß das Eintreten von Aenderungen hinsihtlih der Cabinetsbildung niht unwahrsheinlich sei. :

Die „Daily New s“ melden aus Kairo, von den englischen Behörden werde den neuen Ministern bis- jeßt die Anerkennung ver- sagt. Eiz zwciter Berichterstattér der „Daily News“ meldet, die Be- ziehungen des Khedive zu den englischen Behörden" seien ‘seit einigen Tagen gespannte. Der Khedive allein habe die Minister ausgewählt und beharre auf feinem Rechte, dies zu thuri,- oßne England

um Rath zu fragen. Der Khedive habe dadurch an Popularität unter dey gebildeten Klafsen der Eingeborenen gewonnen und sei entschlossen, niht nachzugeben. : |

__ Der „Times“ wird aus Kairo. berichtet, der Staatsftreich des Khedive “sei von besonderer Bedeutung für die Eingeborenen. Diz Opposition Englands fei mehr eine principielle als eine auf persón- lihe Gründe zurückzuführende. Die drei entlassenen Minister hätten die englischen Reformen unterstüßt und anerkannt, daß eine zeitweise Leitung Englands für die Autonomie Egyptens erforderlich sei. Die „Times“ macht den Khedive darauf aufmerksam, daß er Gefahr laufe, dasselbe Loos zu finden, wie der Khedive Ismail.

Nach einer Meldung des „NReuter'schen Bureaus“ aus Tanger hat der -Sultan-von Marokko. sich bereit er- klärt, die von der englischen Regierung verlangte Genugthuung wegen der Ermordung des englischen Unterthanen Namens Juan Trinidad zu geben.

Parlamentarische Nachrichteu.

Deutscher Reichstag.

Der Bericht ‘über die 22. Sißung vom 16. Januar be- findet sih in der Ersten Beilage.

23, Sigßung vom Dieÿstag, 17. Januar, 4 Uhr:

Der Sizung wohnen bei der Staatssecretär Freiherr von Malßahn, der Bevollmächtigte zum Bundesrath Königlich bayerishe Staats-Minister der Finanzen Dr. Freiherr von Riedel und der Bevollmächtigte zum Bundesrath Königlich württembergischer Gesandter Staatsrath von Moser.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die Jnterpellation Broemel (dfr.) wegen Abänderung des amtlichen Waarenverzeichnisses zum Zolltarif. Die’ ¿Jnter- pellation ist von Mitgliedern der Freisinnigen, Volks- und nationalliberalen Partei unterstüßt, und hat folgenden Wortlaut:

Sind seitens der verbündeten Regierungen Maßnahmen be- absihtigt, um die neuerdings in Ausficht genommene Abänderung des amtlihen Waarenverzeichnisses zum Zolltarif vor ihrer end- gültigen Feststellung in solher Weise zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, daß die daran vornehmlih interessirten gewerbetreibenden Kreise ihre gutachtlihen Aeußerungen darüber rechtzeitig abgeben könne?

Staatssecretär Freiherr von Maltzahn erklärt sich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten.

Zu ihrer Begründung erhält darauf das Wort der

Abg. Broemel (dfr.). Er führt aus, daß die in der Inter- pellation erhobene Forderung wiederholt {on im Reichstage erhoben worden sei. Die frühere Art der Publikation habe vielfah die gewerbetreibenden Kreise dadurch überrascht und ges{ädigt, daß gewisse Waaren durh andere Klassifizirung plößlih zu einem bedeutend höheren Zollsaßze herangezogen wurden. Die daraus hervor- gegangenen Nachtheile hätten durch frühere Veröffentlibung sehr gut vermieden werden können. Manche Geschäftszweige seien durh die veränderte Klassification der betreffenden Waaren und die durch den höheren Zollfaß herbeigeführte Vertheuerung direct ruinirt werden. Es brauchte fich garnicht um den ganzen Entwurf, au nicht un alle Einzelheiten zu handeln, es würde vollkommen genügen, wenn die wichtigsten der beabsichtigten Abänderungen im MNeichs-Anzeiger «in einer Folge ver- öffentliht würden, daß- die interessirten Kreise ih ortentiren und even*uell ihre Gegenvorstellungen noch anbringen fönnten. Hoffentlil) werde der Bundesrath der Berechtigung diefer Forderung seine Augen niht vers{hließen. Die FIntervellation foll nur dem Wunsch Ausdruck geben, daß die verbündeten Regierungen die Hand bieten, die aus der bisherigen Praris hervorgetretenen Nebelstände mögli} zu mildern.

Staatssecretär Freiherr von Malz ahn (wir werden diese Nede inorgen im Wortlaut bringen): Die neue Ausarbeitung des amt- lichen Waarenverzeichnisses beruht auf einem Beschluß des Bundes- raths vom 28. Januar 1892. Die neue Redaction oll erft er- folgen, nachdem die Bundesstaaten mit eigener Zollverwaltung sich zur Sache geäußert haben. Ein neues Verzeichniß war nach Abschluß der Oandelsverträge nothwendig gemacht worden. Der Entwurf ist zur Zeit fast fertig und wird vielleicht noch im Laufe dieses Monats, jedenfalls aber im Februar an den Bundesrath gelangen. Die Bundesregierungen sind zunächst ersucht worden, ihre Wünsche in Bezug auf die Abänderung des Waarenverzeichnisses zur Kenntniß des Reichskanzlers zubringen. Die entsprechenden Aeußerungen sind im Laufe des Sommers eingegangen. Auf Grund des schr um- fangreihen gesammelten Materials ist ein vorläufiger Entwurf des Waarenverzetichnisses im Neichs-Schaßamt aufgestellt und im August vorigen Jahres den Bundesregierungen abermals zugestellt worden mit dem Ersuchen, ihre etwaigen Wünsche “dem Reichskanzler mitzutheilen. Auch hierauf find die Antworten eingegangen. Ueber einige Punkte hat - sih cine eingehende, zeitraubende Correspondenz entwickelt, und deshalb is die Fertig- stellung verzögert worden. Von den verschiedenen Regierungen in Deutschland sind unzweifelhaft schon die Wünsche der betheiligten Kreise, der_ Producenten und Consumenten im Lande gehört worden. Ob dies Überall in der Form geschehen ist, daß man die Handelskammern befragte, entzieht sich meiner Kenntniß. Nun wünscht die Interpellation, daß der dem Bundesrath vorzulegende Entwurf noh einmal zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden möchte; es follen wenigstens die wichtigsten Bestimmungen des neuen Entwurfs veröffentlicht werden. Jch trage Bedenken, diesen Weg zu ‘empfehlen; ès würde sehr. schwierig sein, dbas- jenige aus diesen umfangreichen Verzeichniß herauszufinden, was von allen Seiten als das Wichtigste angesehen wird. Die Publikation des vollständigen Entwurfs hat gewisse Bedenken, ih will niht darauf Gewicht legen, daß dadurch der Zeitraum zwischen dem Inkrafttreten und der definitiven Feststellung fo lang werden würde, daß er die vom Geseß für Tarifänderungen vorgesehene Zeit überschreitet, aber zwei andere Schwierigkeiten - liegen in der rein mechanj¡schen Aufgabe ein Werk von so großem Umfang zweimal drucken zu lassen, und in dem Bedenken, daß die Publikätión von Borlagen an den Bundesrath den auf die Verfassung gegründeten Ge- wohnheiten nicht entspricht, vielleiht fogar widerspricht. Es kann der Zweck der Interpellation aber auch auf andere Weise erreicht werden ; der Reichskanzler theilt den Wunsch der Interpellanten, / den be- theiligten Kreisen die erbetene Möglichkeit zu gewähren, und er will seinerseits dahin wirken, daß die Beschlußfassung über den Entwurf foweit binausgeshoben wird, daß den einzelnen Regierungen genügende Gelegenheit gegeben ist, ihre Handelskammern und ähnliche Körper- schaften über etwaige Wünsche noch zu befragen. E

Abg Brömel verzichtet nah den leßten Erklärungen des Schaßz- secretärs, durch welche ihm der Zweck der Interpellation erreiht er- scheint, auf thre Besprehung :

Der Gegenstand ist damit erledigt. (Schluß des Blattes.)

Preußischer Landtag. Haus der Abgeordneten. 16. Sißung.vom 17. Januar. Der Sigzung wohnen der Präsident des Staats-Ministeriums,

Minister des Jnnern Graf zu Eulenburg, der JZustiz- Minister Dr. von Schelling, der Minister für Handel und

Gewerbe Freiherr von Berlepsh, der Finanz - Minister Dr. Miquel, der Minister für Landwirthschaft 2c. von He yden und der Minister der aw 74 Arbeiten Thielen bei.

Das Haus überweist zunächst die allgemeine Rechnung über den Staatshaushalts-Etat für 1888/89 an die Rechnungscommission.

Die Uebersicht der S taatseinnahmen und Ausgaben für 1391/92 beantragt Abg. Dr. Hammacher (nl.), nicht wie sonst der Rechnungs- sondern der Budgetcommission zu überweisen, weil- es fich dabei um erhebliche Ueberschreitung der Ausgaben der Eisenbahn- verwaltung und den Fehlbetrag handelt, dessen Deckung eine wichtige finanzielle Aufgobe des Landtags sei, der man nur im Zusammen ang mit dem vorliegenden Gtatsentwurf gerecht werden fann.

Abg. Dr. Meyer- Berlin (dfr.) widerspriht dem Antrag, der in einem früheren Falle entschieden zurückgewiesen worden sei. Die Mit- glieder der Budgetcommission könnten ja das Matexial der Vorlage für thre Z wecke v iaig: ride e

Abg. Fran cke- Tondern (nl.) empfiehlt in diesem besonderen Falle die Sache der Budgetcommission zu überweisen, weil der Betriebsberiht der Eisen ahnverwaltung der Budgetcomtnission überwiesen werde. Er behandele dieselbe Materie, die be- züglih der Eisenbahnverwaltung bei der Uebersicht in Betracht fomme. Er beantrage, die Ausgaben und Einnahmen der Eisenbahn aus der Uebersicht der Budgetcommission zu über- weisen und diese für diese Berathung um sieben Mitglieder zu ver- E der. Neft der Uebersicht roll an die Nechnungscommission gehen. E : 2)

Abg. Gräf zu Limburg-Stirum (cons.): Dieser Antrag hat ein anderes Gesicht als der des Abg. Hammacher. Die ganze Ueber- \icht kann die Budgetcommission niht mit der Gründlichkeit prüfen wie die Nechnungscommission ; sie würde dadur überlastet werden ; aber eine Verstärkung der Budgetcommission wird nicht noth- wénbla sel 0 ¡

Abg. Dr. Lieber (Ceutr.) erklärt sich für den ganzen Antrag Francke, auch für die Verstärkung der Commission.

Abg. Rickert (dfr.) hält eine Verstärkung der Budgetcommission für überflüssig, weil dadurch nur eine Verzögerung herbeigeführt werde. Im übrigen ist er mit dem Antrag France einverstanden.

Abg. Freiherr von Minnigerode-Nossitten (cons.) spricht sich ebenfalls gegen die Verstärkung der Budgetcommission aus.

Abg. Francke zieht seinen auf die Verstärkung bezüglichen An- trag zurück; der übrige Theil des Antrages wird angenommen.

Die Vorlage des Gesehentwurfs über die Deckung von Ansgaben des Nechnungsjahres 1891/92 wird der Rechnungscommission überwiesen.

Es folgt die erste Berathung des Staatshaushalts- Etats für 1893/94 und des dazugehörigen Anleihe- geseßes.

Abg. von Strombeck (Centr.): Das Deficit bedeutet eine sehr veträchtlihe Grhöhung unserer ohnehin {hon fehr hohen Schulden. Dec Finanz-Minister hat davor gewarnt, die Finanzlage allzu vessimistisch anzusehen; er hat darauf hingewiesen, daß in dem Deficit von 59 Millionen Mark 20 Millionen Mark \tecken, die zur außerordentlihen Schuldentilgung verwendet worden find. (Ir hâtte auch noch anführen können, daß noch weitere 17 Millionen Mark zur Schuldentilgung verwendet sind. Um diese 37 Millionen Mark vermindert sih also das Deficit. Die Uebershüsse aus der Ginkommensteuer sollen zur Deckung des Deficits dienen: damit wird der $ 82 des Einkommensteuergeseßes durhbrohen. Ein solches Verfahren muß das Vertrauen in die Stetigkeit der (Gefeßgebung ershüttern. Wenn die Einkommensteuer zur Deckung des Deficits verwendet wird, dann wird man die Steuern uo crhöhen müssen, und dagegen müssen wir ganz energisch Protest erheben. Besser wäre es, wenn man andere Fonds zur Deckung d Defizits verwendete.

Bei der Seehandlung befindet sich ein Fonds von 25 Millionen Mark Effecten; wenn dieser entbehrlih ift, fonnte er zur Deckung des Fehlbetrages verwendet werden. Mein Suchen nach Ersparnissen im Etat ist vou sehr geringem Erfolg gewesen. Nur im Ertrtraordinarium können vielleicht cinige Bauten erspart werden. Redner spricht seine Freude darüber aus, daß die Dienstalters\stufen eingeführt werden für die Unterbeamten, und hofft, daß die weitere Ausbildung des Systems erfolgt. Db die Dienstalters\stufen eine Verschlechterung der Ein- nahmebezüge mit sich bringe, müsse die Budgetcommission prüfen. Gs ist von einer Gehaltserhöhung der Beamten gesyrocen worden. Aber da eine Gehaltserhöhung doch mindestens 10% be- tragen müßte, so ist den Beamten zu rathen, die Regierung mit ihren dahin gehenden Wünschen nicht zu behelligen, denn die Finanzlage ift nicht derartig, daß eine Mehrausgabe von 26 bis 30 Millionen Mark getragen werden könnte. Die Beseitigung der shwankenden Eisenbahn- einnahmen foll herbeigeführt werden; wie soll das geschehen ? Will man einen Theil der Cisenbahneinnahmen festlegen ? Dann wird der Etat manch- mal nicht die nöthigen Mittel zur Deckuzg nothwendiger Ausgaben bieten. Wir müßten dann Schulden machen und das muß unter allen U1n- ständen vertnieden werden. Der Redner {ließt mit der Hoffnung, daß die Unzufriedenheit in den unteren Schichten der Bevölkerung verschwinden werde. N i

Abg. Freiherr von Minnigerode-Nossitten (conf.) De V hältnisse des Etats sind durchaus keine erfreulichen, aber sie sind is tlärlih aus den thatsächlichhen Verhältnissen, namentlich aus den großen Ansprüchen des Reichs, die zu erheblicher Abnahme der Ueberweisungen gefübrt haben. Daneben wächst die Verzinsung unserer Schulden von Jahr zu Jahr. Die Uebershüsse aus der Einkommensteuer bleiben sormell vollständig thesaurirt und über ihre Verwendung . wird spâter zu beschließen - sein. Die Signatur für die Finanz- verwaltung ist die Beschränkung des Erxtraordinariums. Eine Einnahmevermehrung is kei der Lotterieverwaltung elt- getrêten. Die Budgetcommission wird diese Frage genauer prüfen nüssen; der Finanz-Minister hat. wohl mit Neht auf Braunschweig, Hamburg und Mecklenburg hingewiesen und sich darauf berufen, daß ein ‘gewisse# Spielbedürfniß im Volke vorhanden ist, sodaß wir die Zache nicht a limine abweisen fönnen. Die Polizei in den Städten muß verbessert werden, und namentlich muß der Staat auch das Nachtwachwesen übernehmen; die dafür erforderlichen Ausgaben werden wir bewilligen. Die Vermehrung der etatsmäßigen Stellen für Diätarien entspricht einem langjährigen Bedürfniß, dessen Vor- bandenfein das Haus immer anerkannt hat; ohne finanzielle Dpfer wird diese Maßregel allerdings nicht durhzuführen sein. Jn der landwirthschaft- lihen Verwaltung befindet fih eine Ausgabe von 300 000 zur Förderung der Landwirthschaft in den östlichen Provinzen. Es ift anzuerkennen, daß die Regierung diesen Betrag gegen früher ver- doppelt hat. Erfreulich is die bom Finanz-Minister angedeutete Verwendung der Einnahmen aus den Veräußerungen von Domänen und Forsten, welche bisher einfa im Etat verschwanden, und jeßt zu Anforstungen und Moorculturen verwendet werden follen. Allerdings joll mir der Betrag verwendet werden, der über 800 000 4 hinaus- geht. Nun bat sich der Verkauf aber üt der | leßten Zeit imer jährli in der Höhe von 700000 M. bewegt. Es nuß also erwartet werden, daß die Verkäufe gesteigert wer- den über 800000 4 hinaus, und dadur das fiscalijhe Land in Rentengüter verwandelt .wird. Diese Art der Ansiedlung ist wirthschaft durchaus zu billigen. Die Schwierigkeiten der Finanz- lage liegen bei den Betriebsverwaltungen. Eine nachhaltig. Besserung ist auf diesem Gebiete niht zu schnell zu. erwarten Für das laufende Jahr waren besonders ungünstige Verhältnisse vorhanden: die s{chlechte Ernte und die Choleragefahr ; aber es sind doch auch dauernde Gründe maßgebend. Die Ausgaben der Eisenbahnverwaltung sind seit ihrer Verstaatlihung erheblich gewachsen, ohne daß die Tarife erhöht worden find, die Personentarife sind sogar erheblih erleichtert worden. Es wäre daher wohl angebraht, entsprechend dem Einnahmeausfall die Perfonentarife mäßig zu erhöhen. (Zustimmung rets.) Die Freifinnigen haben dur den Abg. Rickert eine Reform der Per-

sonentarife verlangt ; selbst noch beim Etat für 1391/92. Erst im nächsten Jahre f lug die Windfahne um, als die Einnahmen zurückgingen. ir können - daraus lernen , 9 wir“ gute Einnahmen niht verwenden, um neue Ausgaben und neue Bedürfnisse zu {hafen , jondern um unsere Po- sition zu befestigen. Bei den Bergwerken ergiebt ih au eine Mindereinnabme von drei Millionen Mark. E hier ift eine sehr \chnelle Besserung nicht zu erwarten. Eine Mehrausgabe i} eingestellt für die Bergwerksschiedsgerichte. Jch möchte hierbei an die“ Regierung die Aufforderung richfen, ihre Autorität den Arbeitern gegenüber vollauf zu wahren und dadurch den anderen Betrieben mit einem guten Beispiele * voranzugehen. (Zustimmung rets.) Eine Mehr- ausgabe if entstanden für die wachsende Verzinsung der Schulden. Durch die Zunahme der Schulden hat sich ein Sinken der Curfe“ bemerkbar gemacht, und es liegt die Gefahr nahe, daß wir in Abhängigkeit gerathen von internationalen Geldmächten. (Hört! rets.) Wir geben uns der Erwartung hin, daß alle Luxusbauten vermieden werden. Wir area aber niht allein mit uns" ‘selbst, sondern au mit ‘dem Reih zu rechnen, von welchem wir geringere Üeberweisungen und höhere Matrikularbeiträge zu erwarten babèn. Die Abhängigkeit vom Neich ist um so drückender, weil das Reich das Monovol der indirecten Steuern besißt. Deshalb müssen wir verlangen, daß das Reich diese Steuer- quelle in ftärkerem Maße für sh und für die Einzelstaaten in Anspruch nimmt. Es ist leihter im Reichstag Ausgaben zu bewilligen als bei uns, weil die Schwierigkeiten durch die Erhöhung der Matrikular- beiträge leiht beseitigt werden können, während bei uns der hinkende Bote immer sofort nahkommt. Dabei hat die Reichs - Finanzver- waltung nicht die Selbständigkeit, welche der preußische Finanz-Minister mit Necht für sich in Anspruch nimmt. Dazu kommt ein dritter Punkt : die Trennung der Stellung des preußishen Minister-Präsidenten vom Reichskanzleramt. Durch die Vereinigung diefer Aemter in einer Person wurden die preußischen und die Neichsinteressen gemeinsam gewahrfk, wäh- rend dem Reichskanzler jetzt die preußischen Angelegenheiten ferner liegen. (Fin idealer Zustand wäre, daß der preußishe Finanz-Minister zu- gleich Reihs-Schaßsecretär wäre (Zuruf Rikert's: Wir haben gar- nihts dagegen !). Das weiß ich; aber die anderen deutschen Einzel- staaten würden damit vielleicht nicht zufrieden sein. Die allgemeine Finanzlage wird sih nur langsam bessern, weil keine schnelle Besserung der wirthschaftlichen Verhältnisse zu erwarten ist. Daraus folgt für uns, entsprehend der Meinung des Finanz-Ministers, große Ent- sagung in Bezug auf alle Wünsche. Aber wir werden uns hüten, dringende und vproductive Ausgaben ohne Noth zu unterlaßen. Unter diesem Gesichtspunkte is der Antrag des Grafen Kaniß auf- zufassen, der in der Entwickelung des Secundär - Eisenbahnwesens keinen Stillstand eintreten lassen will, wenn ja au, nachdem so viel neue Secundärbahnen gebaut und die Ausführung von Tertiär- bahnen angeregt ift, eine gewisse Einschränkung eintreten muß. Die kritishe Lage der Landwirthschaft is noch nit vorüber; sehr hohe. Preise wollen die Landwirthe nit, fie wollen mäßig hohe Preise, bei denen eine Verzinsung des angelegten Kapitals eintritt. Solche Meittelpreise herrs{chen aber jeßt niht. Man spriht von der großen Ernte, während eine solche nur für manche Gegenden und manche Erzeugnisse vorhauden war. Das Getreide ist billiger geworden, aber das Brot ist nicht entsprechend größer geworden. Selbst wenn aber das Brot riesengroß wäre, wo ist denn die Kaufkraft? In der Begründung der Handelsverträge ist die Nothwendigkeit anerkannt worden, dem Consumenten billige Preise zu gewähren. Danach follte man glauben, daß Deutschland nur aus Consumenten besteht. Bei den niedrigen Brotpreisen fann man verhungern, während man meinen follte, daß bei niedrigen Preisen von Noth überhaupt keine Rede ist. Wer will die Handelsverträge heute noch, d. h. innerhalb ter produ- cirenden Stände? Die Landwirthschaft nicht :- von keiner Industrie habe ich die Sehnsucht nah denselben aussprechen hören. Die Handels- verträge find ein nationales Unglück mit der Krönung einer zwölf- jährigen Bindung. Dadurch ist eine große Beunruhigung des Volks über die weitere Entwickelung der Dinge gegeben ; denn die Frage der geshüßten Production auf dem Lande ist eine Eristenzfrage für viele Tausende. Was der Blükumlauf im Körper ist, das is der Geld- umlauf in der Volkswirthschaft, und wenn für die Land- wirthschaft, für dieses wichtigste Glied der Volkswirth- haft, niht die Leistungsfähigkeit erbalten wird, dann frankt der ganze Körper. Die einseitige Entwickelung zun JIundustrie- staate würde für Preußen und das Reich ein Unglück sein. Der ein- seitige Industriestaat mit seinen Krisen und Wechselfällen mag uns erspart bleiben. Wenn von der Gefahr des russishen Handelsver- trages die Nede ist, dann müssen wir besonders der Gefahr der Ein- schleppung der Viehseuchen gedenken. Wir haben die Thore ua Oester- reih hin weit genug aufgemacht ; wir sollten die Gefahr der Seuchenein- \hlevpung von Rußland aus niht vermehren. Die neue Branntwein- steuer wird wiederum die Landwirthschaft s{hädigen. Wenn der Ver- brauch zurückgeht, wäre ja wohl eine Berminderung des Contingeuts angebracht, wobei man die kleineren Brennereten aber berücksichtigen sollte. Aber angesichts der jeßigen Verhältnisse ist eine Steuererhöhung bedenklich, dieConsequenzen derselben könnten auf die Brenner zurückfalleu. Jedenfalls wird das der Fall fein in Bezug auf den uncontingentirten Spiritus; die Kartoffeln werden gar nicht mehr nuybringend ver- wendet werden können. Freilich sagen“ ‘dann lo begabte Literaten, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt: Baut doh lieber Zukerrüben als Kartoffeln. Sie verdienten, einmal vor die Egge gesvannt zu werden, um zu erfahren, was die Land- wirthschaft bedeutet. (Zustimmung rechts.) Die Aenderung des Unterstüßungswohnsißgeseßzes haben wir oft genug verlangt, und die Regierung hat ja 08 erfreuliche Zusicherungen gegeben bei der Be- rathung des Jnvalidenversicherungégeseßes. Wir hoffen, daß" der Minister-Präsident die Inticressen der Landwirthschaft mit fester Hand wahren wird. (Beifall rechts.) ¿ Ï : E Es sind inzwischen zwei Anträge über die geschäftliche Behandlung des Etats eingegangen: ein von allen Parteien gestellter“ Antrag will einen großen Theil des Etats. dex Bubäetcomiti on überweisen, während ein Antrag der Abgg. Lieber, Franke und Genossen die Budgetcommission für die Berathung des Eisenbahn-Etats um sieben Mitglieder verstärken will. (Schluß des Blattes.)

Die Steuerreformcommission des Hauses der Abgeordneten seßte gestern die Berathung des ihr über- wiesenen $1 \des - Gesehes über die Verbesserung des Volksschulwesens und des Diensteinkommens- der Volksschullehrer fort. Das Gefeß nimint seinen Ausgang von $ 82 des Einkommensteuergeseßes, insoweit als die Ueber- schüse dieser Steuer die Grundlage der Aufbesserung des Diensteinkommens der Lehrer und der Zuwendungen für Volkss{hul- bauten * bilden sollen. Abg. v on Jagow (conf.) beantragte: T. den 8 1 des Volksshulgeseßzes folgende Fassung zu geben: „Aus den im S 82 des Einkommenstéuergeseßes . vom 24. Juni 1891, bezw. $ olbÞ des Ergänzungssteuergeseßes bestimmten Ueber- schüfsen sind für die Etatsjahre 1893/94 und 1894/95 je zwei Millionen Mark zu Beihilfen an Schulgemeinden oder Schulverbände zu Volksschulbauten wegen Unvermögens bereit zu stellen.“ I. a. dem $ 51 Absatz 3 des Ergänzungsfteuergeseßes folgende Fassung zu geben : „Bleibt das Veranlagungsfoll des Jahres 1395/96 hinter dem Be- trage von 35 Millionen Mark um mehr als 5 9%/ zurück, fo findet, insoweit der Ausfall niht durch einen Mehrertrag der Einkommen- steuer für das Jahr 1895/96 über die Summe von 135 Millionen Mark und dur die Zinsen der in $ 51 b diefes Geseßes bestimmten Veberschüsse gedeckt wird, in gleiher Weise eine entsprehende Er- höhung der im $ 18 dieses Geseßzes bestimmten Steuersä e satt Diese Erhöhung wird durch Königliche Verordnung für die Folgezeit wieder außer Kraft geseßt, wenn das Veranlagungsfoll der Ergänzungs- steuer den Betrag von 35 Millionen Mark zuzüglich einer Steigerung von 49% für jedes auf 1895/96 folgende Steuerjähr êerreiht.“ b. Fol-

49/9 erhöhten Betrag Ven und,

genden $ 51 b in dem O le einzufügen: „Soweit die Einnahmen an Einkommensteuer . für das Jahr 1892/93 den Betrag von 80 Millionen Mark und für die E Jahre einen um d

oweit über diese Uebershüfe nicht dung das Gesetz, betreffend die Verbesserung des Volksshul- wesetis, bereits Verfügung getroffen i, sind diese Ueberschüffe und derèn Zinsen bis zum Etatsjahre 1894/95 eins{ließlich zu einenr besonderén, von dem Finanz-Minister zu verwaltenden Fonds ab- zuführen. “Sofern oder soweit die Zinsen dieses Fonds nah dem Bestande vom 1. April 1895 zu der im $ 51. Abs. 3 dieses Gesetzes bezeihneten “Deckung nicht Verwendung finden, is über die Ver«- wendung derselben zu Beihilfen für Volksshulbauten oder zu ander- weiten Beihilfen an Schulverbände wegen Unvermögens durh den Staatshaushalts-Etat Bestimmung zu treffen. Der Fonds selbst ift am 1. April 1395 zu den allgemeinen Staatsfonds zu vereinnabmen. Die $8 82—84 des Einkommensteuergeseßes treten mit der Ver- tündung dieses Gefeßes außer Kraft.“ Abg. Dr. Meyer (dfr.) stellte den Antrag: „unter Ablehnung des $ ‘1 ‘des Schul gesezes die Regierung“ aufzufordern, noch in dieser Session cinen Nachtrags - Etat vorzulegen, welcher die in der Vor- lage bezeichneten, als unaufschiebbar- “zu “betrachtenden Be- dürfnisse der Schulverwaltung durch eine Anleihe deckt." Nach langer Debatte wurden sowohl die Regierungsvorlage wie der Antrag Meyer ‘gegen 4 Stimmen - abgelehnt. Dagegen wurde der Antrag von Jä&gow ad T mit 18 gegen 8 Stimmen, ad I1 mit 23 gegen 5 Stimmen, mit unweseutlihen Abänderungen angenommen. Den Plenum wird E Bericht erstattet werden. —- Die Commission ging alsdann über zu dem Antrage von Eynern, welcher an Stelle der Ergänzungssteuer die Erhöhung der Erbschaft s steuer setzen will. Der BVorschläg, den Antrag einer Subcommission zu überweisen, wurde gegen 8 Stimmen abgelehnt, ebenso der Antrag selbst und \{ließlich auch der Antrag Würmeling, welcher allgemein eine fundirte Eîu- kommensteuer vorschlägt. Die nächste Sißung der Commission ist auf Mittwoch Abend anberaumt; zur Verhandlung steht das Com- munalsteuergeseß.

Dem Hause der Abgeordneten is der nadstehende A n- trag der Abgg. Graf von Kanitz und Gen. zugegangen:

Das Haus der Abgeordneten wolle _beshließen: Die Königliche Staatsregierung zu ersuchen, in den herkömmlihen Aufwendungen für die Erweiterung und Vervollständigung des Staatseisenbahnnetes eine Beschränkung n icht eintreten zu lassen.

Ferner is dem Hause der Abgeordneten ein Bericht über die erhandlungen des Landes-Eisenbahnraths im Jahre 92 zugegangen.

N 18

Theater und Musik.

Th omas- Theater.

Auf die Vorstellungen der „Fliegenden Fee“ Preciosa Grigolatis ist das Gastspiel des Wiener Possen-Ensembles unter Leitung des Herrn Franz Josef Gra selli gefolgt, der noh von feinen im vorigen Jahre im Adolph Ernst-Theater veranstalteten Aufführungen in gutem Andenken steht. Eröffnet wurde das Gastspiel gestern Abend- durch die wohlbekannte Posse: „Die Gigerln von Wien “, die auch diesmal wieder dem Publikum gefiel und dur ihre derbkomischen Scenen sehr erheiternd wirkte. Die Hauptrollen wurden von denfelben Personen dargestellt wie früher. Frau Menzel gab die Kaffee- \chwester mit vielem Humor, Fräulein Jolly ebenso die böse Sieben. Den Hauptgigerl spielte Herr Gra selli in vorzüglichster Laune und den auf das Lotterieloos im Hutfutter Jagd machenden Hutmacher Herr Müller ganz vortrefflich. Da auch die übrigen Rollen gut beseßt waren und das flotte Zusammensviel nichts zu wünschen übrig ließ, unterhielten fih die Zuschauer auf das Beste und \pendeten den Wienern lebhaften Beifall.

Philharmonie.

Das Concert des Philharmonischen Chors, das am Mon- tag unter Leitung des Herrn Siegfried Ochs stattfaud, war eines der hervorragendsten dieser Saison. Der Kaisermarsh von N. Wagner, an den fih der Chor „Heil, Heil dem Kaiser“ ans{hließt, eröffnete den Abend: ihm folgte eine Weihnachtshymne für Alt-Solo, Chor. Orgel und Orchester: „Gruß an die heilige Naht“ von M. Bruch mit Text von R. Pruy, ein Werk, das, sehr würdig Und stimmungsvoll gehalten, zugleich melodishe Erfindung und wirkungsvolle harmonishe Gestaltung mit der diesem Com- ponisten eigenen Beherrshung dexr Mittel vereinigt und mit großem Beifall des zahlreich erschienenen Publikums auf- genommen wurde. Der Comvponist dirigirte sein Werk selbst. Die Ausführung von Seiten des Chors und der Solistin Frau Professor Bruch, welche für das erkrankte Fräulein Kloppenburg eingetreten war, brachte diesen Hymnus in vorzüglicher Weise zur Geltung. Den Beschluß des Abends. machte die von S. Ochs mit gewohnter Sicherheit und Energie geleitete neunte Symphonie Beethoven's, in welcher Fräulein Clara Nitt\chalk das Alt-Solo übernommen hatte. Der Chor ließ wieder seine stets anerkannte Präcision in der Zusammenwirkung und die jugendliche Frische seines Stimmenklangs in glänzendstem Lichte er- scheinen. Selbstverständlih führten auch Frau Schmidt-Köhne, Herr von zur Mühlen und Herr Staudigl die ihnen zugetheilten Soli in lobenswerthester, Weise aus. Schließlih erwähnen wir noch die sehr discret ausgeführte Orgelbegleitung des Herrn Dr. Reimann.

Saal Bechstein.

Das durch seine pianistishen Leistungen hier bereits vortheilhaft bekannte Künstlerpaar Herr Louis Nóe und Frau Susanne Rée, der Familie des in Kopenhagen als Lehrer und Componist lebenden Anton Née angehörig, gab gestern ein Concert, das nur aus Vor- trägen auf zwei Flügeln bestand. Nach zwei klassishen Werken von Bach und CI1ementi kamen auch neuere Compositionen von Grieg, Mendelssohn, Saint-Saëns und anderen zur Ausführung, in denen besonders das lieblide Spiel der Pianistin im alvenbten Licht erschien. Das Ensemble war tadellos, was umsomehr anzuerkennen ist, als alles auswendig gespielt wurde, wobei selbstverständlih jeder au des anderen Klavierstimme genau zu memoriren hat. Lebhafter und wohl- verdienter Beifall folgte jedem Musikstücke.

In der ‘sechsten Symphonie-Soirée der Königlichen Kapelle im Königlichen Opernhause am Freitag gelangt zum ersten Mal eine Symphonie U-mol!1 des russischen Componisten Boralin (gestorben 1887) zur Aufführung. Eine mit Noten versehene Analyse des Werks ist in der Hof-Musikalienhandlung von Bote u. Bock und am Concert- abend an der Kaffe zu haben. Den übrigen Inhalt des Concerts bilden Wagner's „Faust “-Ouverture, Haydn's Symphonie in G-dur und die Ouverture zu Nicolai's Oper „Die lustigen Weiber“. “Morgen gebt niht, wie irrthümlih gemeldet, „Der Wildschütz", sondern Wer Waffenschmied“ in Scene.

In dem im Königlichen Schauspielhause wieder auf- genommenen G. von Moser'shen Schwank „Das Stiftungsfest“, dessen Aufführung am Donnerstag stattfindet, sind neu Fräulein Abich als Bertha, Frau Conrad als Ludmilla, Herr Herter als Steinkirch. Die übrige Besetzung ist die bekannte.

Ludwig Barnay wird in Feipaig am 28. d. M. gelegentlih des Stadttheater-Jubiläums den Orest in Goethe's. „Iphigenie® darstellen, zugleih mit der die Titelrolle spielenden Clara Ziegler. Gewisser- maßen als Vorläufer zu dieser Aufführung foll nun im Berliner Theater am nächsten Montag éine „Jphigenie“-Aufführung \tatt- pen, worin Ludwig Barnay zum ersten Male und voraussichtlich ier au einzigen. Male den Orest spielen wird; Anna Haverland wird an diesem Abend die Ivhigente darstellen.