1893 / 40 p. 6 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

war. Der Mansfelder Bergbau hatte, wenn er niht, wie es technisch heißt, ersaufen und damit den Betrieb unmöglich machen wollte, kein , Anderes Mittel, als diese Wasser zu heben und dur ihren unter-

irdischen Abzugskanal, den Schlüsselstollen, abzuführen. Es is zu- augeben, daß das Quantum Salz, welches si aus diesen Stollen er- gießt, als ein ungeheuer großes anzusehen ist, und es unterliegt keinem ® Zweifel, daß die Versalzung des Elbwassers unter dieser Zuführung sehr erheblih zugenommen hat.

Nun, meine Herren, die Frage Magdeburgs is ja von zwei Seifen anzusehen. Sie ist erstens eine vorübergehende Calamität und zweitens eine dauernde. Vorübergehend ist sie vor allen Dingen des- Halb, weil Magdeburg, wie mir gesagt wird, seit hundert Jahren nit einen so niedrigen Elbwasserstand gehabt hat, wie im vergangenen Jahre. Es liegt auf der Hand, daß alle Zufllüisse doppelt so stark ‘wirken, als wenn ein reihliches Quantum in der Elbe vorbei- geführt wird. In normalen Zeiten b rägt pro Secunde der Cubikmeter Wasser in der Elbe 405 cbm* in der leßten Zeit, im vergangenen Herbst und Winter, betrug derselbe nur 139 chm also eine Verminderung auf etwa ein Drittel. Der Unterschied zwischen dem Salzgehalt bei normalem Wasserstande und bei dem niedrigen Wasserstande der leßten Zeit ergiebt sih ungefähr aus folgenden Ziffern : Der Mansfelder Schlüfselstollen liefert in jeder Secunde ein Quantum von 166 kg Salz mit 70 kg Natron und 1,1 kg Magnesia ; die sämmtlichen Kalifabriken führen der Elbe in jeder Secunde #zu nur 10 kg Salz mit nur 0,8 kg Natron, aber mit 2,8 kg Magnesia. Jch will glei erwähnen, daß Magnesia derjenige Stoff ist, der zwar niht den Salzgehalt \o vermehrt, aber den witer- wärtigen Geshmack, den das Leitungswasser von Magdeburg hat, mit sih bringt. Ih möchte also nur constatiren, ohne den Mansfelder Berghauù von der Schuld an der Versalzung freisprehen zu wollen, daß nicht er die Magnesia, die Ursache des widerwärtigen Geschmacks, zuführt, sondern daß diese auf schon früher stattgefundene Zuflüsse zurückzuführen ist. "Bei mittlerem Wasserstande, also bei dem Wasserstande, den ih vor- hin mir erlaubt habe anzugeben von 405 cbm pro Secunde, erhält jeder Cubikmeter Wasser in der Elbe aus dem Schlüsselstollen 0,41 kg Salze und aus den chemischen Fabriken 0,024 kg Salze, bei niedrigem Wasserstande dagegen aus dem Schlüsselstollen 1,2 kg und aus den chemischen Fabriken 0,072 kg Salze. Zusammen bei mittlerem Wasserstande 0,434, bei niedrigem Wasserstande 1,272 kg Salze.

Nun, meine Herren, habe ich mir gestattet zu erwähnen, daß es sih hier bezüglich des niedrigen Wassers um einen vorübergehenden Nothstxnd handelt, von dem wir hoffen dürfen, daß er in dem Maße, wie er jeßt is, in Bälde niht zurückehrt und jedenfalls hoffen dürfen, daß er mit -dem Einfluß höherer Wasserstände eine nicht unerheblihe Abshwächung erfahren wird, Schon heute ist diese Abschwächung theilweise ein- getreten.

Die Calamität, die durh den Mansfelder Schllisselstollen herbei- geführt wird, ist ebenfalls als dauernd zweifellos nicht anzusehen. Der Zustand, in dem die Mansfelder Bergwerke si befinden, ist auf keinen Fall auf die Dauer haltbar, und es wird die Frage entstehen, ob der Mansfelder Bergbau dazu übergeht, den salzigen See zu expropriiren, und die Wassermassen dieses Sees, die an ih durchaus nicht so sehr gefährlih salzhaltig sind, wie sie werden, wenn sie durch die Schlottenzüge gehen, auszupumpen. Es wird sich darum handeln, ob der Mansfelder Bergbau im stande is, die Kosten für die Expropriation, die schr erheblih sind ih glaube mich nicht zu täuschen, wenn ih sie auf sechs bis sieben Millionen annel)me zu tragen. Ist er das, fo wird er zur Expropriation und zur Auspumpung des Wassers übergehen können, sobald nämlih das Expropriations- refolut erlassen is, welches in erster Instanz vor der staatlichen Ent- scheidung steht, und wenn diese erstinstanzlihe Entscheidung, wie ih hoffe, in wenigen Wochen ergangen ist, so wird noch die Frist zum Necurs an das landwirthschaftlihße und Handels-Ministerium gewahrt bleiben müssen. Immerhin ift die Hoffnung auszusprechen, daß im Laufe von etwa zwei Monaten diese Frage ihre Erledigung findet. Die Mansfelder werden dann mit möglihster Geshwindigkeit zu ciner Entwässerung des salzigen Sees übergehen. Jch will also nohmals wiederholen : Diese Calamität, so {wer wie sie gegenwärtig ist, wird zu einer dauern- den Versalzung der Elbe nicht führen. Für die zweite Frage, die Be- seitigung der dauernden Calamität, ift eine Lösung viel s{werer zu finden- wenn sich niht die Stadt Magdeburg dazu ents{ließt, ihr Wasser aus anderen Quellen zu nehmen, als aus dem öffentlihen Flußlauf der Elbe. Wesentlich sind dabei, wie ih {on erwähnt habe, die Kalifabriken des Staßfurter Bezirks betheiligt. Es wird den Herren bekannt sein, welhe hohe Bedeutung diese Kalifabrikation erlangt hat, und zwar nicht bloß für die Industrie, welche \ich damit beschäftigt, sondern auch für die Landwirthschaft, und besonders auch für diejenige Landwirthschaft, welche un- mittelbar um Magdeburg blüht, für die Zuckerindustrie, durch welhe das fann man behaupten auch die Stadt Magdeburg einen großen Theil ihrer finanziellen und gewerb- lichen Größe erlangt hat. Bis 1890 sind an Producten aus dem Staßfurter Jndustriebezirk für 230 Millionen gewonnen worden, im Jahre 1890 wurden abgeseßt 361 827 & Kainit, 913 315 t sonstige Kalifalze, erstere im Werthe von 5 200 000 M, die leßteren im Werthe von 11 300 000 A dazu noch eine Reihe anderer Salze im ungefähren Werthe von 200 000 A In Deutschland wurden für den landwirthschaftlihen Verbrauch von diesen Kaliproducten abgeseßt 1880: 24000, 1890: 179000 und im Jahre 1891 bereits 240000 t. Sie wollen daraus ersehen, meine Herren, welche enorme Bedeutung dieser Industriezweig für unsere heimische Landwirthschaft hat. Es kommt dazu noch Chlor- kfalium und Schwefelkalium, die ebenfalls für die Landwirthschaft zur Verwendung gelangen. Es ist kein Zweifel, daß die sächsische Zucker. industrie niht Jahrzehnte lang hätte fortblühen können, wenn ihr niht die Dungkraft der Kalisalze zu Hilfe gekommen wäre.

Wir stehen also vor der Frage, da wir zur Zeit keine genügenden Mittel haben, um die Abwässer der Kalifabriken genügend zu klären, ob wir, wenn wir dem Zustand der Elbe dauernd abhelfen wollen, die Kaliindustrie untergraben müssen, Das werden Sie mir alle zugeben, daß eine solhe Frage so s{chwerwiegend ist, daß man fut thut, wenn man nicht sofort zu den leßten geseßlichen Mitteln greift, sondern versucht, ob es niht einen anderen Weg giebt, um dieser dauernden Calamität der Stadt Magdeburg abzuhelfen.

Auf der einen Seite stehen das erkenne ih im vollsten Maße an die sehr bedeutenden Interessen der Stadt Magdeburg mit

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ihren über 200 000 Einwohnern ; auf der anderen Seite steht cine Industrie, die auch gewiß an 100 0000 Menschen Nahrung giebt, und deren Fortfall niht nur die betreffenden Industriellen und ihre Arbeiter treffen würde, sondern auch die vielen ländlichen Kreise, die von der Industrie leben, und nicht zum geringsten Theil unsere deutsche Landwirthschaft, die in immer weiterem Maße und in immer weiteren Gegenden ihren Bedarf an Kalidünger aus der Staßfurter Gegend bezieht. Wir haben auf der eizen Seite cine Calamität, die allerdings als eine acute anzusehen war, von der wir aber hoffen dürfen, daß sie bei reihlichen Wasser- zuflüssen aus der Elbe sich nicht als dauernd heraus- stellen wird. Auf der anderen Seite würden wir aber zu Mitteln greifen, die eine große Industrie nicht bloß vorübergehend, sondern dauernd lahmlegen und ershöpfen würde. Daß in dieser außerordentlich s{chwierigen Situation nit allein Nechtsfragen zu ent- scheiden haben, werden Sie mir zugeben. Ich boffe nochmals auf Ihre Zustimmung, daß és richtig ist, in folhen Fällen niht mit einer gewissen Blindheit zu geseßlihen Mitteln zu greifen, ih viel- mehr zu überlegen, was für Schaden auf der anderen Seite dadurch entsteht.

Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, und das Staats- Ministerium mit mir, daß dauernd diesem Zustande nur dadurch ab- geholfen werden kann, daß die Stadt Magdeburg sich ‘ents{chließt, ihre Wasserleitung niht aus dem öffentlichen Flußlaufe zu speisen, son- dern in Zukunft aus Quellengebieten, wo sie dann nicht vor der Gefahr steht, bei niedrigen Wasfserständen oder außergewöhnlichen Zuflüssen aus Jndustriewerken jedesmal vor die Frage gestellt zu werden, die Gesundheit ihrer Einwohner zu möchte die Meinung aussprechen, daß es wohl gerathen gewesen wäre, wenn die Stadt Magdeburg ih früher. mit diesem Gedanken vertraut, gemacht hätte, als erst jeßt, wo eine Abhilfe außerordentlich schwierig ist. Jch meine die Gutachten, die bereits im Jahre 1889 abgegeben worden sind, die dahin lauteten, daß zwar eine directe gesundheits{hädlihe Gefahr durh das Elbwasser nicht zu fürchten fei, daß aber immerhin das Wasser von einer Beschaffenheit sei, die es zum Genuß höchst unangenehm, ja vielleicht unbrauchbar mae, in Verbindung mit dem Umstand, daß man darüber orientirt sein konnte, daß cine gründliche Abhilfe weder dur Anlage des Fluthkanals, noch durch eine genügende Reinigung der Kaliabwässer erfolgen könnte —, ih meine, diefe Umstände hätten zu der Ueberlegung führen können, ob es niht gerathen sei, {on früher die Frage aufzugreifen, ob man nicht den Wasserbedarf für Magdeburg von einer anderen Stelle holen sollte als aus der Elbe.

Der Herr Vorredner hat auch bemerkt, daß es ein starkes Stück sei, daß man dem zweifellosen Necht einer großen bevölkerten Stadt, ihren Wasserbedarf aus der Elbe zu entnehmen, nicht stattgebe, sondern gewissermaßen abwartend dem gegenüberstände. So liegt es doch niht. Ein absolutes Recht irgend einer Stadt darauf , daß das Wasser eines böffentlihen Flußlaufes so rein gehalten wird, daß sie ihr Trinkwasser daraus bestreiten kann, ein solches Recht ist nach der Lage unserer Gesetzgebung nicht vorhanden, ein folhes Recht kann auh nicht gegeben werden. Nach der vorliegenden Rechtsprechung existirt ein Anspru auf das Wasser eines Flußlaufs bis zu der Grenze hin, daß es absolut reingehalten wird, niht. Wohl aber liegt die Verpflichtung für die Staatsbehörden vor, das Wasser der öffentlihen Flußläufe, soweit wie irgend möglich, in einem Zustande zu erhalten, daß es au zu gewerblichen Zwecken in gemein- üblihem Maße von den Angrenzern der Flußufer zur Benutzung be- zogen werden fann,

Nun habe ih den Herren von Magdeburg, die vor ciniger Zeit bei mir waren, meine Anschauung so dargestellt, wie ih sie heute dar- gestellt habe, und ih muß das wohl bestätigen, daß ih eine Befrie- digung bei den Herren durh diese meine Erklärung nit hervor- gerufen habe. Das konnte ih nah Lage der Dinge auch nicht erwarten. Das kann man dann nicht erwarten, wenn so große sich gegenüberstehende Interessen vorliegen und man si für das eine oder andere, wenn auch nit ganz, so doch theilweise wird entscheiden müssen. Ich habe die Herren dringend gebeten, ihr Augenmerk darauf zu richten, zunächst festzustellen, von welcher Stelle sie in der Lage sind, Magdeburg besseres Grund- oder Quellwasser zuzuführen, als es- bis- her der Fall ist. Das kann ih nur bestätigen, daß die Herren sich bereit erklärt haben, in dieser Beziehung alles das zu thun, wozu fie in der Lage sind. Ich bin ihnen nach Kräften behilflich gewesen zur Auffindung von geeigneten Sachverständigen, und ih hoffe, daß in niht allzu langer Zeit \ich Klarheit darüber ergeben wird, von welcher Stelle die Stadt Magdeburg in Zukunft ihr Wasser zum Trinken und ihr Wirthschaftswasser holen kann. Es ist ja dann zu hoffen, daß es uns möglich sein wird, die betheiligten Industriezweige zu einem Kostenbeitrage für diese Wasserleitung zu bestimmen. Zunächst glaube ih wohl darauf rechnen zu können, daß eine ganze Reihe von industriellen Unternehmungen bexeit sein werden, das freiwillig zu thun. Wenigstens sind mir in dieser Beziehung hon Andeutungen gemaht worden. Sollte das aber nicht der Fall sein, dann würde allerdings die Staatsregierung sich zu fragen haben, ob fie von den ihr zur Seite stehenden geseßlihen Mitteln in der Nichtung Gebrauch macht, daß sie denjenigen Industriestädten, die sich weigern, einen Beitrack zu den Kosten für die Wasserleitung von Magdeburg zu zahlen, androht, wenn sie ihre Wässer nicht reinigen, daß sie über- haupt niht mehr das Wasser in die Flußläufe dürfen gelangen lassen. Es liegt, wie Sie zugeben werden, darin ein wirksames Mittel, von dem man ja in vorsihtiger Weise wird Gebrau machen können. Ich habe mitgetheilt, was ih über die Sache weiß und was zu thun sein wird.

Ich wiederhole, es is eine außerordentliche Lage, in der wir uns befinden und die reiflihe Ueberlegung fordert. Greifen wir einfach nur zu den geseßlichen Mitteln, die uns zu Gebote stehen, so würden wir auf der einen Seite einen allerdings unleidlichen Zu- stand beseitigen, dafür aber auf der anderen Seite cinen Zustand ‘schaffen, der für viele andere betheiligte Seiten dauernd ebenso unleidlih wäre, wie der augenblicklihe Zustand von Magdeburg. Es bleibt auch hier nihts weiter übrig, als den ver- ständigen Mittelweg einzuschlagen, Ich kann die Versicherung geben, daß ih, daß die Staatsregierung nah Kräften bemüht sein werde, diesen Mittelweg in verständiger Weise und so rasch, wie es möglich ist, zur Ausführung zu bringen.

Auf die im Laufe der Debatte ausgesprochene Besorgniß, daß der jeßige Zustand des Elbwassers eine Gefahr für den

gefährden. Jch

Ausbruch einer Cholera-Epidemie bilde, S der Minister

der geistlichen 2c. Angelegenheiten Dr. Bosse:

Meine Herren! Ih möchte nur um die Erlaubniß bitten, noch mit einigen Worten auf die Ausführungen des verehrten Herrn von Jagow berichtigend einzugehen und damit eine gewisse Beunruhigung bintanzuhalten, die möglicherweise aus der Annahme entstehen könnte, als wenn die Uebelstände, die sh auf das Elbwasser bei der Stadt Magdeburg beziehen, einen wesentlichen und zwar ungünstigen Ein- fluß auf die Verbreitung der Cholera haben. Ich habe auf An- regung des Herrn Ober-Bürgermeisters von Magdeburg, der auch mir mit Rücksicht auf die gesundheitlihe Seite der Sache von den großen Calamitäten, die dort zu Tage getreten sind, Mittheilung gemacht hatte, den Director des hiesigen hygienishen Instituts Professor De. Nubner gebeten, sich nach Magdeburg zu begeben und dort die bygienischen Verhältnisse einer Untersuchung zu unterziehen. Es ist ja begreiflich, daß wir von der Medizinalabtheilung ein schr großes Interesse daran hatten, zu wissen, wie die Sachen stehen und wie weit wir in der Lage seien, dort Vorkehrungsmaßregeln zu treffen, namentlih der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit gegenüber, daß wir weitere Cholerainfectionen Haben werden. ODabet t nin 0 piel außer allem Zweifel, daß das Wasser sür die Ver- breitung der Cholera keine besondere Gefahr ist. (Hört, hört!) Es ist mögli, wenigstens noch nicht widerlegt, daß der Cholera- bacillus sih in diesem versalzten Wasser kürzere Zeit am Leben erhält, als im gewöhnlichen. Es werden jetzt darüber Versuche gemacht, die- fetben sind noch nit abgeschlossen; ih bin aber sehr gern bereit, die Ergebnisse jedem, der sich dafür interessirt, mitzutheilen. Aber das steht fest, daß bei guten Filtrationsanlagen es möglich ift, den Cholerakeim vom Trinkwasser überhaupt zurüczuhalten. Augenblicklich liegt die Sache, was die Verbreitung der Cholera anlangt, sehr günstig dur die ganze Calamität; denn das Elbewasser bei niedrigem Wasserstande wird nicht getrunken, und das Saalewasser unterhalb Wettin, wo der Schlüsselstollen von der Mansfelder Gewerkschaft hereinläuft, wird auch nicht getrunken. Und das ift ganz gewiß, daß die größte Gefahr für die Verbreitung der Cholera vorliegt, wo Fluß- wasser getrunken wird. Da das nicht getrunken wird, kann man indirect sagen: die ganze Calamität hat für die Nichtverbreitung der Cholera einen gewissen Vortheil. Das wird uns nicht hindern, die Sache sehr ernst zu nehmen und ernst weiter zu verfolgen, und ih möchte auh glauben, daß die Stadt Magdeburg doch s\chließlich darauf beschränkt sein wird, sich an anderer Stelle ein anderes Trink- wasser zu suhen. Jh habe auch nach den Nachrichten, die mir heute zugegangen sind, die Hoffnung, daß dies gelingen wird, und zwar in den fiscalischen Waldgebieten im Norden Magdeburgs; es \eint in der That dort in ausreichender Menge ein gutes Trinkwasser vor- handen zu sein, was dazu dienen kann, dem Bedürfnisse Magdeburgs zu genügen. Das ist, was ich nur vom sanitären und hygienischen Standpunkt aus hinzufügen wollte.

Es kann im übrigen keinem Zweifel unterliegen, daß dieses ver- salzte Wasser vom hygienischen Standpunkt aus in keiner Weise dem Bedürfniß genügt; denn ein gutes und einwandfreies Trinkwasser ist eins der ersten Lebensbedingungen für die Bevölkerung.

Das Haus seßt sodann die zweite Berathung des Staatshaushalts - Etats für 1893/94 bei dem Etat des Ministeriums der geistlihen 2: Angelegen- heiten fort. Bei der weiteren Debatte über Titel 1 der Ausgaben (Gehalt des Ministers) spricht

Abg. Dr. Por \ch (Centr.) den dringenden Wunsch aus, daß der- selbe friedlihe Geist, der im Ministerium herrsche, auch bei den unter- geordneten Organen Play greife, die allzu bureaukratis{ und nah dem Buchstaben des Geseßes verführen. Manches sei von dem Cultur- kampf weggeräumt worden, aber es fei nur ein aditus ad pacem geschaffen, nicht reiner Tish gemaht worden. Die Katholiken ver- mißten die Garantie der aufgehobenen S, die Garantie, die in dem Bestehen der katholischen Abtheilung ge- legen habe und die dadur erseßt werden könnte, daß Katholiken im Verhältniß zu ihrer Zahl in die Staatsämter berufen würden, Jn anderen Staaten: in Sachsen, Bayern, Oesterreich 2c. sei ein folcher Schuß der confessionellen Minderheiten geseßlich eingeführt; alle Aufsicht liege in der Hand von Beamten der betreffenden Confession.

In Preußen sei ein ähnliher Schuy nöthig, besonders weil die Be-

hörden immer noch von einem gewissen culturkämpferishhen Geiste beseelt seien und die Aufsicht über fatholische Dinge in der Hand evangelisher Beamten liege. Der Staat habe Einfluß auf die Auê- bildung und Anstellung der Geistlichen ; der Einspruch des Staats könne die Anstellung der Geistlihen hindern, wenn auch augen- blicklih thatsählihe Beshwerden nicht vorlägen. Ebenso liege es bezüglich der Beseßung der Bischofsstühle, namentlich weil die Bis- thumsverweser noch zur Leistung des Eides veranlaßt werden könnten, Alle diese Geseße seien niht gemacht mit Genehmigung der katholischen Kirche, fondern gegen den Willen der Katholiken von der Mehrheit, die ciner anderen Ne, angehöre. Ein Beschwerdepunkt set ferner, daß das Altkatholikengeseß noch bestehe, daß namentlich katho- lishe Kirhea einer verschwindenden Minderheit von Altkatholiken zur Verfügung gestellt seien, wie z. B. die Corpus Christi-Kirche in Breslau, die für die ktatholishe Seelsorge dringend noth- wendig sei. Man möge die Altkatholiken als befondere Kirchen- gemeinschaft constituiren. und aus Landesmitteln dotiren, niht auf Kosten der katholischen Kirhe. Daß das Ordensgeset, welches ein Reichsgeseß is, von preußischen Behörden aufs empfindlichste gus- geführt werde, möge der Erörterung im Reichêtag vorbehalten bleiben. Es werde aufs \{merzlichste empfunden, wenn man die zügellose es gerade den ftatholischen Ordensleuten vorenthalte. Jede rdénsniederlassung bedürfe der Genehmigung, die jeder Zeit wider- ruflih sei, sie unterstehe der s\taatlihen Aufsicht und im Fall der Auflösung der staatlichen Verwaltung. Wollen die Freimaurerlogen sich ähnlichen Bestimmungen unterwerfen? Dder würde man cs rihtig finden, wenn man die Niederlassung von Juden ab- hängig machte von der Genchmigung von Behörden, zu deren Mitgliedern “Antisemiten gehören ? Die Herren, die so viel S für die Juden übrig haben, sollten auch den Orden einiges Mitleid zuwenden, Schulschwestern würden zugelassen, aber man gestatte ihnen die Einrichtung von Pensionaten nicht; franfenpflegende Schwestern hätten das Recht, auch Waisen aufzu- nehmen, aber man hindere sie daran durch alle möglichen Maßrege. Höhere Töchtershulen könnten Ordensshwestern leiten, aber sie dürften thre Schülerinnen nicht zum Lehrerinnenexamen vorbereiten. Das Volksschulgesey konnte uns nicht begeistern, aber es enthielt die confessionelle Schule und wir glaubten, daß man über diesen Punkt, über den die Gläubigen der evangelischen und der katholischen Kirche einig waren, zu einer Verständigung kommen werde. Das allenlassen des Geseßes hat uns auf das tiefste verstimmt, wir haben nicht begriffen, weshalb man uns zu Gunsten einer anderen Richtung hat fallen lassen, Den {rieden Lai man dadurch nicht gern Die Regierung sollte bestrebt sein, die Punkte, über die im ganzen und großen eine Einigung herrscht, in der Vexwaltun durchzuführen vor allem sollte ber confessionelle Charakter der Schule gewahr werden, die Simultanschulen follten abgeshafft werden, namentli in S Oberschlesien und in Westpreußen. Die Frage der Confession stehe der Sprachenfrage erheblich voran. Die Confessionalität der Schulen follte man au in der Schulaufsiht zum Ausdruck bringen-

E ' Â x # i Bei dem Polenfeldzug habe man Oberschlesien der Provinz Posen fr E das sei ein Fehler gewesen; es herrsche jeßt in Ober- {hle en cine große Verstimmung in Bezug auf die Sprache; ein Geéegen- saß der Nationalitäten herrshe in Obers lesien nicht, aber die Baltuna Regierung in der Sprachenfrage könne ihn leiht schaffen.

er M sollte in der Muttersprache erfolgen und das Polni, esen und «Schreiben sollte einen Plaß in der Schule finden.

ie Entscheidung des Ministers bezüglih des Religionsunterrichts der Dissidentenkinder halten wir nicht für richtig; wir können ja aber die C der Gerichte abwarten. Jedenfalls zeigt es sich, daß man die bestehenden Vorschriften in dieser Beziehung niht mebr auf- rechterhalten kann; man wird auch ohne ein Unterrichtsgesetz diefe Frage regeln müssen. In den oberen Klassen mag der eine oder andere sih abseits vom Glauben halten : aber wie steht es in den unteren Klassen, wenn es nach Bebel's Wunsch geht, der Heine's Wort citirte: „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spaßen“. Da wird die Möglichkeit eines neuen Heidenthums ge\haffen. Für den richtigen fatholishen und evangelischen Religions- unterriht kann der Staat -sorgen, aber welchen MNeligionsunterricht foll er Kindern geben lassen, die keine Religion haben? Soll etwa ein staatlicher E L aigeri@let werden ? Welchen Zweck hätte es, die Kinder glaubenslofer Eltern in einer Religion zu unterrichten, die nicht die ihrige ist; ein folcher Unterricht kann niht auf das Herz des Kindes wirken. Wie man helfen kann, weiß ih niht. Die biblishe Geschichte ist auch ein Theil des Neligions- unterrihts, sie kaun nit für ungetaufte Kinder ihres bekenntniß- mäßigen Charakters entkleidet werden, ohne daß die getauften Kinder darunter leiden. Der Staat hat mit dem Religionsunterricht nihts weiter zu thun, als ihn zu beaufsichtigen ; die Kirche leitet ihn, und was die Kirhe nicht als Religionsunterriht anerkennt, kann feinem Ange- hörigen der betreffenden Kirche aufgezwungen werden. Der Religions- unterricht is ein Theil der Neligionsübung, diese muß frei bleiben, fo lange der Staak” eine Religionsgemeinschaft in seinen Grenzen duldet. Wenn der Staat das Recht hat, einen religiösen Unterricht aufzu- zwingen, dann kann er s{ließlich auch einen irreligiösen Unterricht aufzwingen. Es wird als eine Ironie des Schicksals bezeichnet, daß der Staat die Volksschule confessionell gestalten will, daß er bagegen die höheren Lehranstalten _fimultan gestaltet, ja, daß man es als einen Vorzug der Wissenschaft bezeichnet, daß sie von jedem Glauben losgelöst U. Hier muß die Negterung überall Licht und Schatten gleihmäßig vertheilen. Gegenüber ‘den {weren Aufgaben, die die Gegenwart mit sich bringt, müssen alle diejenigen, die treu zu Thron und Altar stehen, zusammenhalten. Unsere Beschwerden hindern uns in diesem Zusammengehen, deshalb bitten wir niht bloß die Regierung, sondern auch die Parteien, unseren Beschwerden abzuhelfen.

Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten Dr. Bosse:

Ich kann ja dem Herrn Abg. Dr. Porsch nur sehr dankbar sein für die friedsame Weise, in der er gewisse Beschwerden, die hier schon früher vorgebracht sind und die jeßt von neuem vorgebracht werden, hier zusammengefaßt hat. Meine Herren, ih werde nicht auf alle Cinzelheiten der eben gehörten Nede eingehen fönnen und auch nicht einzugehen brauen. Sie hat aber nah gewissen Seiten hin eine Art programmatischen Charakters, und soweit das der Fall ist, kann ih mi der Verpflichtung nit entziehen, darauf zu antworten. Jch enthalte mih zunächst eines nochtnaligen Eingehens auf die Frage der religiösen Erziehung der Dissidentenkinder. Ich habe gestern meine Stellung in dieser Beziehung hier klar dargelegt, ich würde heute nur noch einige Notizen hinzufügen können, etwa über den Gang

der Entwickelung dieser Frage innerhalb des Ministeriums; aber ih.

halte es nicht für wichtig genug, um das hohe Haus damit noch länger aufzuhalten. Es wird zunächst, wie die Dinge liegen, nichts übrig bleiben, als die gerihtlichen Entscheidungen abzuwarten, die ja im Gange sind. JIch möchte au nicht näher eingehen auf die Frage des Neligionsunterrihts im allgemeinen. Ich muß bestreiten, daß die Consequenzen, die der Herr Abg. Dr. Porsch aus meinen gestrigen Ausführungen geglaubt hat ziehen zu dürfen, richtig gezogen sind; diese Consequenzen gehen viel weiter als diejenigen, welche i ch ziche. Ich stehe dabei auf dem ganz sicheren Boden der Verfassung, und daß die Verfassung nicht die weitgreifenden Consequenzen gewollt hat, von denen der Herr Abg. Dr. Porsch gesprochen hat, das scheint mir außer oweifel zu sein. Jn einem Punkte bin ih mit dem Herrn Dr. Porsch vollkommen einverstanden, nämlich darin, daß die Unterrichtsverwaltung allerdings die Pflicht hat, bei den Berufungen von Lehrern an höhere Schulen Licht und Schatten gleihmäßig zu vertheilen (Bravo !), darauf hinzuwirken, daß nit einseitige Richtungen nah derx einen oder anderen Seite überwuchern, sondern, daß unsere Jugend in die Lage fommt, auch von der positiven Seite zu hören, was an wissenschaft- lihen Erträgnissen von ihr beigebracht wird, sodaß sie selb#t urtheilen und prüfen kann, auf welcher Seite sie den Grund für ihre wissen- schaftliche Erkenntniß suchen will. (Bravo!)

Meine Herren, der substantielle Inhalt der Beshwerden, die wir aus dem beredten Munde des Herrn Vorredners gehört haben, geht, wenn ih das Ganze zusammenfasse, im großen und ganzen immer auf denselben Punkt. Ich glaube, sie kommen alle auf die Annahme oder

auch vielleicht auf die Besorgniß hinaus, daß seitens der Unterrichts-“

und Cultusverwaltung und ihrer Organe zwar im ganzen und großen cine gerechte und paritätische Behandlung der katholischen Kirche und der Katholiken proclamirt und bis zu einem gewissen Grade auch gehandhabt werde, daß aber in einer Reihe von Einzelfällen dennoch eine gewisse Neigung der Behörden bestehe, allerhand oft ret flein- lie Schwierigkeiten zu machen und den Katholiken das zu versagen, was ihnen rechtlich gewährt werden kann und nach der Berfassung gewährt werden muß. Meine Herren, ih will es ganz dahingestellt sein lassen, ob bei den unter der Unterrichtsverwaltung stehenden Be- hörden hier und da derartige Neigungen hervorgetreten sind; daß sie innerhalb der Unterrichtsverwaltung selbst nicht bestehen, das habe ih gestern versichert, und ih wiederhole das nicht nur für meine Person, sondern auch für meine Herren Mitarbeiter auf Grund der perfön- lichsten Kenutniß der Verhältnisse und der Personen. Ungünstigsten Falles kann es si daher in dieser Beziehung nur um ganz vereinzelte Fâlle handeln. Wo cinmal Thatsachen an mich herangetreten \ind- die au nur entfernt den Eindruck zu machen geeignet waren, daß man von einer derartigen ungerechten, culturkämpferischen Auffassung gegenüber den Pflichten, die wir au gegen unsere katholishen Mit- bürger haben, ausgegangen wäre, da bin ich diesen Versuchen mit aller Entschiedenheit entgegengetreten, und ih habe jeden Zweifel darüber beseitigt, daß ih das niht will.

Meine Herren, wir leben in großen Gegensäyen, und ih verkenne den großen Gegensaß, der zwischen der katholifchen und evangelischen Kirche besteht, au) keineswegs. Soweit diese Gegensäße vorhanden sind, will ich sie offen, klar und principiell ausgesprochen wissen. Müßte wirklich gekämpft werden, so will ich meinerseits wenigstens den Kampf offen und ehrlich führen. Jh fürchte den Kampf nicht, wenn er wirklich nöthig ist. Aber wenn er nöthig sein folte, so soll er wenigstens von Seiten des Staats mit ehrlichen, blanken und un- befleckten Waffen geführt werden, nit mii kleintichen Praktiken und

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hinterrücks mit Nadelstichen, wie ih gestern {on gesagt habe; die können nur reizen und verbittern, uns aber fahlich nit weiter führen. Aber, meine Herren, ih sehe zur Zeit gar keinen Anlaß zu cinem derartigen Kriege. Der Culturkampf ist beigelegt. (Lebhafter Wider- spruch im Centrum.) Die Staatsregierung hat keinen Anlaß, ihn zu erneuern. Ja wohl, -der Culturkampf i st beigelegt (lebhafte Nufe im Centrum: Nein !), über den Culturkampf if Friede ges{hlossen. (Nein! im Centrum.) Dann ändern Sie, meine Herren, die Gesetz- gebung! Das können Sie doch nicht anders sagen, das müssen Sie mir zugeben : die Geseßgebung des Jahres 1886 und 1887 hat den Zweck gehabt, Frieden zu schaffen. (Nufe im Centrum: anzubahnen !) Meine Herren, unsere Bestrebungen auf Seiten der Negierung gehen jedenfalls niht dahin, durch culturkämpferishe Velleitäten der fatho- lischen Kirche und auch uns selber vas Leben schwer zu machen; im Gegentheil, wir wollen Frieden halten, und zwar mit allen ehrlichen Mitteln wollen wir au den confessionellen Frieden in der Bevölkerung stärken und befestigen. Ich sehe es viel mehr, ja, ausschließlich als meine Aufgabe an, auf diesem Gebiete auszugleihen und zu ver- \öhnen, nicht aber zu heßen und zu verbittern.

Aber, meine Herren, das beruht allerdings auf der Voraussetzung, von der ich ausgehe, daß i auch auf anderen Seiten das Vertrauen, das Entgegenkommen und die Unterstüßung finde, deren ih nothwendig bedarf, wenn dies Ziel erreicht werden foll. Also kein Culturkampf weder im großen noch, wie der Herr Abg. Dr. Porsch sich neulih an einer anderen Stelle ausgedrückt hat, auf dea Schleichwegen des stillen Kampfes. Die Staatsregierung hat den ernsten Willen, den ge- \{lossenen Frieden rechts{chaffen zu halten und ihn rechts{chaffen aus- zuführen; sie hat den redlichen Willen, der katholischen Kirche das zu gewähren, was ihr nah Gesetz und Necht und Verfassung in unserem Baterlande zukommt, nicht, weniger, aber zunächst, soweit die Gesetz- gebung geht, auch niht mehr.

Jeder hiernah berechtigte Anspruch der Katholiken aber muß zunächst in jedem einzelnen Falle geprüft werden. Nur dadur kann festgestellt werden, ob er berechtigt is. Nun ist es richtig, daß diese Prüfung in leßter Instanz von einem evangelischen Cultus- und Unterrichts-Minister erfolgt. Daraus ergiebt sih als selbstverständlich auch: zunächst vom Standpunkt des evangelischen Gewissens. Allein, meine Herren, darüber kann doch auch bei den Kotholiken kein Zweifel bestehen, daß ein evangelishes Gewissen an die cwigen Grundlagen des Rechts, der Gerechtigkeit, der Wahrheit und aller sittlichen Forderungen gebunden ist.

Ueberall, wo die besonderen Verhältnisse der katholischen Kirche in Betracht kommen, ist auch Vorsorge getroffen, daß die Cultus- und Ünterrihtsverwaltung des ausgiebigsten, berehtigten fatholishen Nathes nicht entbehrt. Wenn der Herr Abg. Dr. Porsch nah dieser Richtung hinkauf zwei Forderungen zurückgekommen ist : einmal, daß nah Maßgabe der Bevölkerungsziffer au die Anzahl der katholischen Nâthe im Cultus-Ministerium bemessen werden müsse, und zweitens, daß die katholische Abtheilung im Cultuê-Ministerium wiederherzustellen sei, so muß ih sagen, ih halte beide Forderungen auch vom Standpunkt der Gerechtigkeit nicht für begründet. Ich lehne sie aus folgendem Grunde ab.

Meine Herren, mit einem mechanischen Nechenexempel nach Maß- gabe der Bevölkerung können Sie die für die Räthe des Cultus- Ministeriums und seiner katholishen Mitarbeiter zu bemessende Zahl nicht rihtig ermitteln. Es kommt nicht darauf an, wie viel Katholiken wir haben, sondern darauf, welche katholischen Angelegenheiten kommen an das Cultus-Ministerium und in welcher Zahl. Das ist aber nicht dasselbe Verhältniß, wie die Bevölkerungsziffer. Das ergiebt ih {on daraus, daß ja die katholische Kirche in ihren oberen Organen, in ihrer Leitung vom Staat unabhängig ist, und daß nach dieser Seite hin an uns sehr viel weniger katholische Angelegenheiten herantreten, als es bei der evangelischen Kirche der Fall ist. Also diesen mechanischen Maßstab bitte ich nicht anzulegen, wenn es {ih darum handelt, wie viel katholishe Räthe im Cultus-Ministerium beschäftigt werden müssen. Ich kann Ihnen versichern, daß wir zur Zeit vollkommen auskommen ; ih glaube au, daß die Herren des Cultus-Ministeriums überzc;:gt sind, daß ich in dieser Beziehung in der That durchaus mit guten und correcten katholishen Räthen versehen und von ihnen katholisch correct berathen bin.

Was die katholische Abtheilung anlangt, meine Herren, das ist cin reines Internum der Organisation der Staatsverwaltung. Ich muß den Katholiken jedes Recht absprechen, sih hier cinzumischen. Das ist Sache des Cultus-Ministers, ob er die Herren zu einer Ab- theilung vereinigen will oder niht. Fch werde sie nicht zu einer Ab- theilung vereinigen; ich halte es für viel richtiger, daß wir die Sache so machen, wie es jeyt der Fall ist. Wir stehen in einem friedsamen und gedeihlihen Berathungsverhältniß, und ich kann nur sagen, die Sache geht durhaus nach Wunsch, und die katholischen Interessen dafür werden die katholischen Näthe und der Minister forgen kommen dabei niht {lecht weg (Beifall).

Meine Herren, ich kann hiernah der Besorgniß auf fatholischer Seite, von der ih ausgegangen bin , die Berechtigung, die der Abg. Dr. Porfch für sih in Anspruch genommen hat , nicht zugeben. Ich werde der katholischen Kirche gegenüber mih ebenso wie der evan- gelishen Kirche gegenüber nur von der gewissenhaften Anwendung der Grundsäße leiten lassen, die Recht und Gerechtigkeit gebieten. Aber freilih, meine Herren, da Sie einmal diese principielle Aussprache herbeigeführt haben, so muß ich auch antworten: von den Rechten des Staats und von den Nechten der Krone, die meiner Obhut auf diesem Gebiete anvertraut sind, da werde ih auch niemals ein Titelchen preisgeben. Meine Herren, in diesem Punkte und das können Sie mir nicht übel nehmen werden sie mih stets un erbittlich und unershütterlic finden. Das ist einfa meine Pflicht und Schuldig- keit. Wollte ih diesen Boden verlassen, meine Herren, so wäre ih nicht nur in meinen eigenen Augen, sondern au in Ihren Augen ein verlorener Mann. (Sehr richtig! rets.) Aber meine Herren, auch Sie würden dabei ganz \{lecht fahren, Sie würden den mühsam ge- wonnenen Boden, den Rechtsboden, auf dem Sie jeßt stehen, und von dem aus Sie Ihre Angelegenheiten vertreten, Sie würden ihn verlassen und würden damit auf cinen höchst {wankenden Untergrund kommen. Meine Herren, es mag ja richtig sein, daß in dem, was von der Gesetzgebung der siebziger Jahre stehen- geblieben ift, manches unbequem ist; von manhem mag es sih auch mit der Zeit nohch herausstellen, daß es entbehrlich ist; aber, meine Herren, das ist doch ganz gewiß, daß diese stehengebliebenen Bestimmungen im Jahre 1886 und 1887, als man sich gegenseitig die Hand reichte, niht in dem Sinne aufgefaßt worden sind, daß damit den Katholiken eine Schlinge

# . W um den Hals geworfen werden sollte, die man bei jeder beliebigen Gelegenheit ohne Weiteres wieder zuziehen könnte. Nein, meine Herren, daran denkt überhaupt kein evangelisher Mann, und daran hat auch die Regierung niemals gedacht.

Meine Herren, wenn dieser Standpunkt des geltenden verfassungs- mäßigen Rechts von beiden Seiten mit ernstem und gutem Willen festgehalten wird, dann muß sich ganz naturgemäß immer mehr ein gedeihliher, friedliher modus vivendi, herausbilden. Die großen Gegensäße ih verkenne das gar nicht werden nach wie vor be- stehen bleiben; aber nur auf dem Wege, den ich angegeben habe, kan sih das mit so vielen Opfern und so viel Selbstverleugnung, mit fo viel gutem Willen von beiden Seiten erstrebte große Ziel, das fried- liche Nebeneinanderleben der beiden Confessionen mit Gottes Hilfe erreichen lassen Jh gehe deshalb auf die Einzelheiten, welche der Abg. Dr. Porsch vorgebracht. hat, -niht ein, auch nicht auf die Auslegung der Geseße. Es bestehen da gewiß Zweifel über einzelne Punkte. Jch stehe auf ‘dem Boden, daß ih die Gesetze auf das gewissenhafteste auch nach ihrer Herkunft, auch nach den Verhand- lungen, die geführt sind, als man sie geändert hat, prüfe, und: daß ich nach dem Ergebniß dieser Prüfung unbeirrt von der Parteien Haß und Gunst meine Entscheidung treffe und mich bei meinem guten evangelischen Gewissen beruhige. (Beifall.)

__ Abg Dr. Freiherr von Heereman (Centr): Wenn auch augenblick-

lich die Regierung kein Mißtrauen verdient, so kann doch wieder ein- mal ein culturkämpferischer Wind wehen, und ein folhes Mißtrauen wirkt geradezu vergiftend auf das Volk, zumal wenn die con- fessionellen Gegensäße sich zuspißen. Ein bedenklicher Punkt ist die veränderte Stellung der Beamten, die sonst über den Parteien standen, die aber zur Ausführung der Culturkampfgefeße gezwungen wurden, die später durh die Schuld der Minister des Innern zu Hauptagitatoren gemacht und in das Parteitreiben hinabgezogen wurden. Dadath entstand ein Mißtrauen gegen die Un- parteilihkeit und Unbefangenheit der Beamten, und das wurde dadur verstärkt, daß diejenigen, die sich übereifrig, aber ungeschickt hervorgethan hatten, befördert wurden. Die Katholiken namentlich mußten das Gefühl der Gleichberehtigung verlieren, wenn die Zahl ter katholishen Beamten sich ftetig ver- minderte. Wenn Sie (nah rets gewendet) mit uns zusammen arbeiten wollen, dann werden Sie manche Meinung, die Sie von uns haben, abstreifen müssen, dann müssen Sie uns Vertrauen senken. Vom Minister werden wir niemals verlangen, daß er ein Recht des Staats aufgeben foll; aber man faann manchmal fragen, welches ist ein Neht des Staats, welches ein Recht der Kirche; die Begriffe vom Recht des Staats haben in der Theorie und in der Praris gewechselt. Sind niht noch eine Menge Uebelstände aus dem Culturkampf rücständig, wie der Abg. Porsh ausgeführt hat? Ob eine fkatholishe Abtheilung besteht, oder ob fatholische Räthe dem Minister zur Seite stehen, ist ziemlih gleichgültig, wenn man nur das Vertrauen hat, daß fkatholishe Männer den Minister berathen. Aber das kann ich Ihnen sagen, über fatholische Dinge sind Sie (nah rechts gewendet) weniger unterrihtet, als wir über evangelische Dinge. Principiell treten wir dem Staat nicht entgegen; wenn man unser Reht anerkennt, dann wird auch die Schroffheit der Gegensäße gemildert; Sie (rechts) haben fih ja fehr viel gebessert. Der Abg Nickert hat sih auch gebessert; \fonst war er mit seinen nationallibératen Freunden unser {limmster Gegner. Da er jeßt für die jüdishen Schulen so warm cingetreten ist, wird er-hoffentlich auch uns Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Be- handlung, die den Orden zu theil wird, ist unerhört, sie muß aufhören im Interesse der Würde des Staats selbst. Jede andere Bereinigung zum Vergnügen und zum Erwerb ift gestattet, aber wenn ein Orden Wohlthun und Krankenpflegen ih zur Aufgabe macht, da treten die schärfsten Polizeivorschriften ein. Welche felt- same Auslegung wird da den Geseßen gegeben! Die discretionären Gewalten, die bei einem wohlwollenden Minister keine Gefahr bilden, werden bedenklich bei einem übelwollenden Minister, und an folhen discretionären Vollmachten wimmelt es im Cultus-Ministeriuum. Die meisten Menschen haben keine Ahnung von den Opfern, die die Ordensleute bringen aus reiner Liebe zu Gott; deshalb sollte der Staat diese Opfer anerkennen, fie niht mißachten durch seine geseßgeberischen Maßregeln. Es it eine Forderung aller Katholiken, auf diesem Gebiet endlih Abhilfe zu schaffen, und ih bitte alle Par- teien, uns zu unterstützen.

Abg. Dasbach, (Centr.): Der Abg. Nikert hat behauptet, Dr. Eer, der als Gutachter in dem Judenspiegelprozeß fungirt habe, habe sein Gutachten von dem bejtraften Aron Briemann anfertigen lassen. Redner geht auf den Prozeß etwas näher ein. Der JIudenspiegel von Justus, d. Briemann, is veröffentlicht und vom „Westfälishen Merkur“ gelobt worden; der leßtere

- wurde darauf hin angeklagt wegen Aufreizung der Christen gegen die

Iuden. Dr. Eer erstattete ein Gutachten. Sollte er fich wirk- lh von dem WVrrfasser des „Judenspiegel“ das Material dazu haben geben lassen? Nachträglich hat Dr. Eer eine Schrift „Der Judenspiegel im chhte der Wahrheit“ geschrieben, in welcher er dem Justus, d. i. Briemann, nicht in allen Punkten beitrat. Er hat dabei Briemann befragt und mit ihm den Talmud studirt, aber \{hließlich seine eigene, zum theil von Briemann abweichende Meinung kundgegeben. Selbst wenn Briemann ein {lechter Mensch sein follte, können seine wissenschaft- lichen Kenntnisse große sein. Nedner beruft sich auf die telegraphische Auskunft des Dr. Ecker und untersuht dann die éFrage, ob der Schulchan Aru maßgebend fei für die Juden; das scheint ihm daraus hervorzugehen, daß die Rabbiner si bei ihren Ents{eidungen immer darauf berufen. Im Gegensatz zu der Erklärung der Rabbiner stellt er fest, daß das Wort Akum auch auf Christen angewendet werde. Daß Dr. Eer sih seinen Professorentitel durch eine fremde Arbeit ersclihen habe, foll in einem Wiener Prozeß festgestellt sein. Ich habe nichts weiter ermitteln können, als daß Profeffor NRobling diesen Prozeß gegen Block in Wien auf Befehl der Negterung aufgeben mußte. Die [cten diefes Prozesses sind aber veröffentlicht, das Buch war mir nicht zugänglich, aber Sebastian Brunner, ein bekannter Antifemit, wußte von dieser erwiesenen Erschleihung des FCteNortiins nihts. In den Schriften der jüdischen Schubtruppe veißt es, daß der Ritualmord kein Märchen fei; denn es würden Menschen geopfert, freilih nicht Christen von Juden, sondern Juden von C hristen. Redner erklärte, daß er an den Herausgeber gelyrieten, um den Beweis der Wahrheit zu verlangen, Der Minister sollte der Commission, der die jüdishen Neligionsbücher übergeben find, auch das Buch des Dr. Eer übergeben, um zu untersuchen, ob der Sculchan Aruh apoGene für die Juden ift bei ihrem Vorgehen gegen die Akum, d. h. dic Christen, Daß jeder s alles thut, was ihm dana erlaubt ist, ist nicht gesagt. Die Juden wissen ja,‘ daß es au ein Strafgeseßbuh giebt, das fie mehr zu fürchten haben als den Schulchan Aruch. :

Darauf wird um 4 Uhr die weitere Debatte abgebrochen.

Statistik und Volkswirthschaft.

Wohlthätigkeit. L

In Dortmund sind aus Mitteln des Wohlthätigkeitsvereins in diesem Winter 104 evangelische und 166 fatholishe Schulkinder zur Empfangnahme eines warmen Frühstücks vor Beginn des Unterrichts zugelassen worden. Der Commerzien-Rath Vohwinkel in Gels\en- kirhen hat aus eigenen Mitteln auch in diesem Winter eine Volks» küche eingerihtet, in welher unbemittelten Perfonen unentgeltlich Essen verabreiht wird.

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