1894 / 10 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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E E a T ee A

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Betriebe gewesenen Längen, auf der Main- Neckar-Eisenbahn, in dem Verwaltungsbezirk der Königlichen Eisenbahn-Direktion (rechtsrheinishe) in Köln und auf den Großherzogli badischen Staatseisenbahnen die meisten Unfälle vorgekommen. B. Privat- bahnen (bei zusammen 2543,22 km Betriebslänge und 32 606 826 geförderten Achskilometern) 23 Fälle; davon sind verhältnißmäßig auf der Braunschweigischen Landeseisen- bahn, auf der Hessishen Ludwigsbahn und auf der Stargard- Küstriner Eisenbahn dic meisten Unfälle vorgekommen.

Der General - Lieutenant von Lindequist, General-

‘Adjutant Seiner Majestät des Kaisers und Königs und

Kommandeur der 26. Division (1. Königlich Württembergische), ist mit Urlaub hier angekommen.

Der General-Lieutenant von K n Kommandeur der 10. Division, ist zur Abstattung persönlicher Meldungen hier eingetroffen.

Die Bevollmächtigten zum Bundesrath, Kaiserlicher Unter- Staatssekretär von Schraut und Königlich württembergischer Staats-Minister der Finanzen Dr. von Riede, find in Berlin angekommen.

Der Landrath von S omniy ist aus dem Kreise Anklam, Reg.-Bez. Stettin, in die erledigte Landrathsstelle des Kreises Lauenburg, Reg.-Bez. Köslin, verseßt worden.

Dem Regierungs - Assessor von der Marwiß zu Lands- berg a. W. ist die kommissarishe Verwaltung des Landraths- amts im Kreise Lebus, Reg.-Bez. Frankfurt a. O., übertragen worden.

Der Regierungs - Assessor Freiherr von Troschke zu Stettin ist mit der kommissarishen Verwaltung des Land- rathsamts im Kreise Anklam, Reg.-Bez. Stettin, beauftragt worden. :

Der neuernannte Regierungs-Affsessor Dr. jur. Behrend aus Stralsund ist bis auf weiteres dem Landrath des Kreises Landsberg a. W., Reg.-Bez. Frankfurt a. O., zur Hilfeleistung in den landräthlihen Geschäften zugetheilt worden.

Laut Mittheilung des Ober-Kommandos der Marine ist S. M. Kbt. „Fltis“, Kommandant Korvetten - Kapitän Graf von Baudifsin, am 11. Januar in Ningpo eingetroffen und will am 18. Januar nah Shanghai gehen.

Fulda, 12. Januar. Der Bischof Weyland ist nah ciner Meldung des „W. T. B.“ gestern Abend 10 Uhr ge- storben.

Vawvern.

Der Wi rthschaftsausschuß der Kammer der Ab- geordneten beshloß, die Viehversicherung an die staat- lihe Brandversicherungskammer anzuschließen, und seßte die Entschädigung auf den Annahmewerth des Vich- bejstandes zuzügli eines zehnprozentigen Zuschlags fest.

Sachsen.

Der einzige Gegenstand der gestrigen Sißung der Zweiten Kammer war die Berathung des Antrags Colditz und Genossen: Die Regierung zu ersuchen, noh diesem Land- tag einen Geseßentwurf vorzulegen, durch welhen das allgemeine, gleihe und direkte Wahlrecht mit geheimer Abstimmung für alle Staatsange- hörigen vom 21. Lebensjahr ab zur Einführung gelangt und das Gese vom 3. Dezember 1868, die Wahlen für den Landtag betreffend, aufgehoben wird. Den Antrag begründete der Abg. Schulze besonders unter Hinweis auf das bestehende Reichstagswahlrecht. Der Vize-Präsident Streit verlas eine Erklärung der der Sozialdemokratie niht angehörigen Mit- glieder der Zweiten Kammer, wonach diese Mitglieder den Antrag als eine die Aufgabe und Bedürfnisse des sächsishen Volks gehörig berüdcksihtigende Grundlage für Aenderung des Wahlrechts nicht erahten könnten und daher gegen den Antrag sowie gegen jede weitere geshäftlihe Behandlung stimmen würden. Darauf vertheidigte der Abg. Stolle-Gesau den Antrag, insbesondere mit der Behauptung, daß die Einführung des allgemeinen, gleihen und direkten Wahlrehts auch von der konservativen Partei früher befürwortet worden sei. Ein vom Abg. von O ehlschlägel gestellter Antrag auf Schluß der Debatte wurde, nahdem der Abg Pinkau dagegen gesprochen hatte, angenommen. Das Schlußwort erhielt der Abg. Geyer, der die Ablehnung des sozialdemotratischen Antrags als bestes Agitationsmittel für die Sozialdemokratie bezeichnete. Der Antrag wurde von der weiteren geschäftlichen Behandlung ausgeschloffen.

: Hefen.

Den Ständen des Großherzogthums und zwar zunächst der Zweiten Kammer ist ein Gesegentwurf wegen Ab - änderung der Artikel 29, 31, 33, 40, 43, 50 und 51 der bisherigen Städte-Ordnung zugegangen.

Hamburg.

. Der Senator O’Swald feierte gestern sein 25 jähriges Jubiläum als Senator, wozu ihm viele Ehrenspenden und ahlreihe Glückwünsche dargebraht wurden. Von Seiner Majestät dem Kaiser war, wie „W. T. B.“ meldet, ein telegraphisher Glückwunsch eingetroffen.

Oesterreih-Ungarn.

Die ungarischen Minister Dr. Wekerle, Graf Csaky und Graf Bethlen sind gestern Nachmittag von Wien nach Budapest zurückgekehrt.

Durch die von der serbishen Regierung in der Obrt-Frage abgegebenen und gestern schriftli fixierten Er- klärungen sind, wie „W. T. B.“ meldet, die von österreichish- ungarischer Seite zu den lezten Vorschriften Serbiens ge- machten Gegenbemerkungen vollinhaltlich angenommen worden ; die Se Eeit bezüglih der Obrtsteuer wird \o- mit als erledigt betrachtet.

Vorgestern haben die Landtage von Salzburg, Kärnten, Vorarlberg, Dalmatien, Galizien und der Bukowina ihre Thätigkeit aufgenommen, soda nunmehr, mit Ausnahme des Tiroler Landtags, sämmtliche Landesvertretungen der öster- reihischen Monarchie versammelt sind.

Aus Prag wird gemeldet, der konservative Groß- grundbesiÿ werde dem liberalen die erledigten sechs Landtagsmandate anbieten. Auf Seiten des leßteren bestehe die Geneigtheit, diese anzunehmen. Die Verhandlungen darüber seien im Zuge und ließen ein günstiges Resultat erwarten.

Großbritannien und Jrland.

In der gestrigen Sißzung des Unterhauses erklärte nah Us Bericht bas „2. 2 B der Premier - Minister Glad- stone: Kurz vor seinem Tode habe Lord Clarendon bei den Mächten die gegenseitige Abrüstung angeregt gehabt und von der Regierung eines großen europäischen Landes eine sehr ermuthigende Antwort erhalten. Lord Clarendon habe aber die Sache nicht weiter verfolgen können. Was ihn selbst anbetreffe, so halte er zwar an den von ihm über die rage im allgemeinen ausgesprochenen Ansichten fest, zweifle aber sehr, ob der gegenwärtige Augenblick für folche Vorstellungen bei den Mächten vortheilhaft sei. Jm weiteren Verlaufe der Sizung erklärte der Parlamentssekretär des Auswärtigen Sir E. Grey, die Regierung beabsihtige, durch die. Konsuln im Auslande eine Warnung gegen die Einwanderung nach England zu erlassen und darin hervorzuheben , daß der eng- lische Arbeitsmarkt überfüllt sei und die Erwartungen armer Einwanderer auf Besserung ihrer Lage wahrscheinlih getäusht werden würden. Der Parlamentssekretär des Schazamts Majoribanks kündigte an, der Premier-Minister Gladstone werde heute, Freitag, beantragen, daß nah der dritten Lesung der Kirchspielraths-Bill das Unterhaus sich bis zum 12. Februar vertage.

Frankreich. :

Der Präsident Carnot gab gestern dem diplomatischen Korps ein Diner.

Die Deputirtenkammer wählte dem „W. T. B.“ zufolge gestern Dupuy mit 290 von 357 abgegebenen Stimmen wieder zum Präsidenten. Zu Vize - Präsidenten wurden wiedergewählt: die Deputirten de Mahy, Faure, Etienne und Lockroy.

Rußland.

Das Reichsbudget für 1894 \{hließt, wie „W. T. B.“ aus St. Petersburg erfährt in den Einnahmen und Aus- gaben mit 1083601 009 Rbl. ab. Die ordentlichen Einnahmen beziffern sich auf 1 004 823 000 Rbl., die außer- ordentlihen Einnahmen betragen 19765000 Rbl. und seßen sih wie folgt zusammen: Kriegsentshädigung 3 337 000 Rubel , ewige Einlagen bei der Reichsbank 1 500 000 Rbl., Rückzahlung der Eisenbahnen 14 928 000 Nbl. Aus der Reali- sation der dreiprozentigen Gold-Anleihe von1891 sind noch frei ver- fügbar 59013000 Rbl. Die ordentlihen Ausgaben werden auf 981 223 000 Nbl., die außerordentlihen Aus- ren auf 102387 000 Rbl. veranschlagt. Unter den eßteren figurieren die Ausgaben für den Bau von Eisen- bahnen und Häfen mit 65293 000 Rbl. , die Ausgaben für die Neubewaffnung und Spezialreserve für die Volksverpflegung mit 35 000 000 Rbl., und Ausgaben für die sibirische Eisenbahn mit 1 385 000 Rbl. Die ordentlichen Einnahmen weisen gegen 1893 ein Plus von 43 601 000 Rbl., die ordentlihen Aus- gaben ein Plus von 33532000 Rbl. auf. Jm einzelnen werden die verschiedenen Posten des ordentlihen Einnahme- budgets wie folgt veranschlagt : Direkte Steuern 101266000 Nbl, indirekte Steuern 481 539 000 Rbl. Gebühren 62 852 000 Nbl. Regalien 40 275 000 Rbl., Staatsgüter 159 981 000 Rol., Verkauf von Kronländereien 823 000 Nbl., Loskaufzahlungen der Bauern 82000000 Rbl., QCIENE Darlehen und verschiedene Einnahmen 69 868 Rol., diverse kleinere Einnahmen 6 218 000 Rbl. Die ordentlichen Ausgaben ver- theilen sich wie folgt: Dienst der öffentlihen Schuld 257 877 000 Rbl[., oberste Staatskörperschaften 2210 000 Rbl., Heiliger Synod 12 607 000 Rbl., Ministerium des Kaiserlichen Hauses 10560 000 Rbl. , Ministerium des Auswärtigen 5 013 000 Rbl., Kriegs-Ministerium 240 336 000 Rbl. , Marine- Ministerium 51 231 000 Nbl., Finanz-Ministerium 130 383 000 Rbl., Domänen-Ministerium 28 864 000 NRbl., Ministerium des Jnnern 85 363 000 Rovl., Ministerium der Volksaufklärung 22 218 000 Nbl., Verkehrs-Ministerium 90 597 000 Nbl , Justiz- Ministerium 26 072 000 Rbl. Reichskontrole 4 854 000 Rbl, Reichsgestüt 1536000 Rbl. zur Deckung eincr etwaigen Steigerung der Proviantpreise 1 500 000 Rbl. unvorhergesehene Ausgaben 10 000 000 Rbl. Am 15. Dezember a. St. standen zur Ver- fügung der Reichsrentei 233 413 000 Rbl. in Gold oder auf Gold lautenden Werthpapieren, 8 942 000 Rbl. in Banksilber, 50 636 000 Rbl. in Kreditrubeln und Werthpapieren in Kredit- valuta. Jn diese Summen sind nicht eingerehnet die im Baarbestand der Renteien, der Kassen der Spezialeinnehmer und unterwegs gewesenen Summen.

Ftalien.

Die militärischen Journale sind, wie „W. T. B.“ meldet, ermächtigt worden, das Gerücht von einem angeblichen Be- fehl des Kriegs-Ministers, die Forts an den Grenzen gegen Frankreih und gegen die Schweiz sowie die Befestigungen an der Küste des tyrrhenishen Meeres in Kriegszustand zu seßen, für völlig grundlos zu erklären.

Entgegen den auswärts verbreiteten gegentheiligen Ge- rühten haben sich die Arbeiter Roms gestern Früh in vollster Ordnung an ihre Beschäftigung begeben.

In Ancona plaßte in der Naht vom Mittwoh zum

Donnerstag vor dem Kasino Dorico eine mit Revolverpatronen |

gefüllte Büchse, ohne bedeutenden Schaden anzurihten. Auch an anderen Punkten der Stadt plaßten Petarden.

Wie die „Agenzia Stefani“ aus Palermo meldet, herrscht auf ganz Sizilien andauernd Ruhe. Die von Ravenna in Catania eingetroffenen Truppen wurden von der Be: völkerung mit lebhaften Hochrufen auf die Armee begrüßt. Die Bevölkerung verlangte die Königshymne. Der in Rom verhaftete Priester Urso wird nach Palermo ge- braht werden. Wie verlautet, wären gewisse Anzeichen vor- handen, daß zwischen den Deputierten de Felice Giuffrida und Urso ein Einverständniß über die revolutionäre Agitation auf Sizilien bestanden habe.

Spanien.

Die Madrider Morgenblätter von heute veröffentlichen, wie „W. T. B.“ meldet, ein Manifeft Zorilla’s, worin dieser dem Papst und der spanischen Geistlichkeit L und der Armee die Hand bietet. Die „Epoca“

eshuldigt Zorilla, daß er an einen Gemaltstreih mit Hilfe militärisher Elemente denke.

Nach Meldungen aus Melilla wurde daselbst die Er- nennung Ali elRubio’s zum Beh des Territoriums von Melilla lebhaft besprochen. Ali el Rubio sei Spanien feindlih gesinnt, und der Marschall Martinez Campos habe ihn als Geisel verlangt.

Belgien.

Die „Jndépendance Belge“ meldet: Der Minister-:Prä- sident Beernaert sei gestern Nachmittag vom König empfangen worden und habe diesen von seiner unwiderruflichen Absicht in Kenntniß geseßt, sih von seinem Posten zurückzuziehen, wenn er von der Rechten nicht Bedingungen erlangen sollte, die ihm genügend erschienen. Vor der Versammlung der Rechten, die am Montag stattfinden soll, werde ein end- gültiger Beschluß nicht gefaßt werden.

Türkei.

Nach einer Meldung des „W. T. B.“ aus Cetinzje hat der Vali von Skutari sämmilihe Führer der alba- nesishen Stämme nah Skutari berufen, um ihnen den Befehl des Sultans bekannt zu geben, mit Montenegro in Green zu leben. An der Grenze herrsche vollkommene Ruhe.

ie Unterbrehung des Verkehrs zwishen Albanien und Montenegro dauere fort.

Rumänien.

Vorgestern ist in Bukarest, wie der „Köln. Ztg.“ be- rihtet wird, zu Ehren des scheidenden dêéutshen Gesandten von Bülow ein Festkommers veranstaltet worden, der unter sehr lebhafter Theilnahme der gesammten deutschen Kolonie und vieler Oesterreicher glänzend verlief. Die deutshe Kolonie überreihte Herrn von Bülow außerdem vor seiner Abreise eine Adresse.

Bulgarien.

Das nunmehr fanktionirte Budgetgeseß für 1894 seßt dem „W. T. B.“ zufolge die Höhe der gesammten Aus- gaben auf 102270982 Fr. fest. Davon entfallen auf die öffentlihe Schuld 17!// Millionen, auf das Kriegsbudget 221/59, auf die öffentlichen Arbeiten 13, auf das Unterrichts- budget 9 Millionen Francs. Die Gesammt-Einnahmen find auf 101 077 550 Fr. veranshlagt, wovon auf die direkten Abgaben 42, auf die indirekten 221/, Millionen Francs gerechnet sind.

Amerika.

In der gestrigen Konferenz mit der Finanzkommission des Senats erklärte, wie „W. T. B.“ aus Washington be- rihtet, der Schaßsekretär Carlisle, er wünsche die Ermäch- tigung zur Ausgabe von Obligationen, um einer Krisis im Schazamt vorzubeugen, die unmittelbar bevorzustehen scheine. Die ‘Einnahmen der Regierung nähmen, anstatt sih zu vermehren, wie er erwartet habe, fortdauernd ab, und es habe den Anschein, daß der monatliche Fehlbetrag 10 Millionen Dollars betragen werde. Er schlage daher vor, dreiprozentige, in drei, vier oder fünf Jahren ab- laufende Obligationen zu emittiren. Die Kommission faßte keinen Beschluß. Die Blätter folgern aus dem Laufe der Bc- rathung, daß es für die Kommisston sehr {wer sein werde, ein Einverständniß über die Vorlage zu erzielen.

Die brasilianische Gesandtschaft in Paris erhielt ein Telegramm von ihrer Regierung, worin die Meldung vo# der Demission des Präsidenten Peixoto formell als unwahr und die Lage der Regierung als sicher be- zeichnet wird. Nach einer Meldung aus Rio de Janeiro wäre gestern an Bord des „Tormentado“ eine Kanone explo- diert, wobei fünf Personen getödtet worden seien. Eine zweite Explosion habe auf dem Fort Villepaignon statt- gefunden, bei der fünfzehn Personen das Leben eingebüßt hätten.

Parlamentarische Nachrichten.

Deutscher Reichstag.

Der Bericht über die gestrige Sizung des Reichstags be- findet sih in der Ersten und Zweiten Beilage.

25. Sißung vom Freitag, 12. Januar, 1 Uhr.

Der Sitzung wohnen bei die Staatssekretäre Dr. von Boetticher, Freiherr von Marschall und Dr. Graf von Posadowsky, der Königlih preußishe Finanz - Minister Dr. Miquel und der Königlich bayerishe Staats-Minifter der Finanzen Dr. Freiherr von Riedel. E -

Ohne Debatte genehmigt das Haus zunächst in dritter Lesung das auf der internationalen Sanitäts- konferenz zu Dresden am 15. April v. J. unter- zeihnete Uebereinkommen und scht dann die erste Be- rathung des Entwurfs eines A EN en ergeleges fort.

Großherzogli badischer Bevollmächtigter zum Bundesrath, Ge- fandter Dr. von Jagemann will den Standpunkt der badischen Regierung vertreten, der aus den Landtagsverhandlungen bereits be- kannt sei. Dieselbe habe für die Tabaksteuer gestimmt, und es sci erfreulih, daß die Redner sämmtlich niht den Standpunkt der bloßen Negation vertreten, sondern anerkannt haben, daß die Einnahmen des Reichs aus dem Taback vermehrt werden müßten. Ler Uebergang von der Gewichtsteuer zur Werthsteuer werde jeden- falls bon allen Seiten als ein Fortschritt im Sinne der Gerechtigkeit

etrahtet werden. In Bezug auf die Reichsfinanzreform könne er fi den Anschauungen des Abg. Freibétrn von Stumm anschließen. Die Deckung der Militärlaften müßte von allen Deutschen getragen werden, und es fei ein Net, ja ein Ehrenreht jedes Deutschen dazu beizutragen; direkte Steuern Tönne das Reich kaum einführen, da dieselben bereits von den einzelnen Staaten in Beschlag genommen seien. Die Tabadcksteuer werde allerdings der Industrie zuerst manche Ur- bequemlihkeiten bereiten, aber wenn das Uebergangsftadium über- wunden fein wird, dann ist kein Grund vorhanden, weshalb die In- dustrie nicht weiter wie bisher mit Vortheil arbeiten könne. Ein Rückgang des Konsums is leicht zu behaupten, aber {wer zu beweisen. Wenn wirklih Arbeiter entlaffen werden follten, so wird es sich dabei vielfa um jugendliche Arbeiter handeln, welche in dem elterlihen Hause ein Unterkommen finden, die eine _ander- weitige Arbeit finden können. Für die Industrie E es jedenfalls von großem Werthe, daß ‘diese Vorlage zum A ldluß kommt, damit fie Ruhe hat; es liegt doch auf der Hand, da bei den großen Bedürfnissen des Reichs man s{ließlich doch dazu kommen wird, den Taback mehr zu belasten, der ein ar allgemein ewordenes, aber immerhin nicht unentbehrlihes Bedürfniß ist. ür die Landwirthschaft, für den Tabackbau bringt der Entwurf jedenfalls den Wegfall fehr unangenehmer Serereien, nament- li auch der fehr drückenden Gewichtsteuer, welche der Pflanzer verauslagen mußte, wenn er nicht seinen Taback zu jedem Preise vorzeitig an die Händler verkaufen wollte. Dr Vorlage wird bei ihrer Annahme auch der nationalen Arbeit Vorthe bringen, weil die Fabrikation, um die Preise und die Qualität aufrech

u erhalten, die Herstellung dadur verbilligen wird, daß fie den zurück- Tedrán ten inländischen Tabak mehr als jetzt verwendet. És wird dadur Sebglih sein, daß die Zahl ter Tabapflanzer, die si erheblih vermindert

sih wieder vermehrt. Die Verwendung des inländishen Tabaks ¡amer mehr gegenüber der des ausländischen zurückgedrängt worden,

und mit Recht haben die Redner gestern sämmtli darauf hingewiesen, daß man vielleiht den Tabadzoll crheblih erhöhen könnte zum Schuß des einbeimishen Tabads.

(Schluß des Blattes.)

Statiftik und Volkswirthschaft.

Einkommensteuer im Königreih Sachsen.

In dem kürzlih {on erwähnten Aufsaß von Victor Böhmert über die „sähsische Einkommensteuerstatistik von 1875— 1392" in der Zeitschrift des Königlich sächsishen Statistishen Bureaus wird ausgeführt, daß \ich das Einkommen in Sachsen von 1882 bis 1892 von 1058 777 851 Æ auf 1 584 950 632 Æ, das Steuersoll in derselben Zeit von 13 446 335 4 auf 22425 278 4 erhöht hat. Geht man weiter zurück bis auf das Jahr 1875, fo hat si das Ein- fommen vermehrt von 1 017 580784 4 auf 1 584 950 632 4 Aber die Bros war keine stetige. Denn dem Jahre 1875 folgten in den Jahren 1877, 1878, 1879 und 1880 bedeutende Rückshläge, und erst vom Jahre 1882 ift eine egerina gegenüber 1875 zu beobahten.

Wir laffen zunächst die Zahlen der einzelnen Jahre folgen :

1875: 1 017 580 784 Æ,

1877: - 948372943

1878: 927 472 650

1879: 959 442 075

1880: 982 451 967

1882: 1 058778 851

1884: 1 140977 502

1886: 1 236 610 569

1888: 1 337 624 568

1890: 1 495 916 808

1892: 1584950632 ,„

_Das Jahr 1875 so führt die gedachte Zeitschrift aus be- zeichnet den Höhepunkt des wirthschaftlichen Aufshwungs, der in der Zeit von 1871 bis 1875 seit dem Abschluß des deuts-französischen Friedens in dem ganzen Deutschen Reih und vor allem in dem industriellen Sachsen stattgefunden hatte. Der materielle Woblstand der unteren ebenso wie der höheren Klasse hat wohl in feiner Epoche der deutschen Geschichte folhe Fortschritte gemacht, wie in der Zeit von 1871 bis 1875; mit der Befestigung des Weltfricdens und der Neugestaltung der inneren Verfassung sowie unter dem Einfluß der Gewerbefreibeit und der wiedererwahten Unternehmungslust erfolgten Neubegründungen vonallerlei Fabriken undErweiterungen schon bestehender Betriebe ; die neugewonneneSicherheit des Verkehrs und die ins Reich ein- strômenden Milliarden belebten die Produktion und Konsumtion, ver- anlaßten allerlei ewerblihe Verbesserungen und begünstigten den Export der neugekträftigten Großindustrie. Infolge dessen erreihten auch die Löhne der Arbeiter und Handwerksgehilfen eine früher nicht gekannte pee und dementsprehend stiegen in der Zeit von 1871 bis 1875 auch die Zahl der Sparkassenkonten in Sachsen von 507 248 auf 733 951 und der Werth der Sparkafseneinlagen von 131 auf 261 Millionen Mark, während in den nächsten vierVahren, in der Zeit von 1875 bis 1879, nur eine Steigerung von 261 auf 318 Mill. Mark \tttfand. Von 1871—1875 vermehrte sich der Bierverbrauß in Sachsen von 88 auf 117 1 auf den Kopf; der. durchschnittlihe jährliche Verbrauch von Rindfleisch und Schweinefleish stieg von 49,4 auf 59,6 Pfd., während in dem ganzen 17 jährigen Zeitraum von 1875 bis 1892 der Sleischverbrauch sich von 59,6 Pfd. auf 69,2 Pfd. steigerte. Ebenso nahm die Zahl der Ebeschließungen von 1871 bis 1875 von 21 547 auf 29086 zu, während fie in dem Zeitraum von 1875 bis 1890 nur von 29 086 auf 32 436 gestiegen und im Jahre 1892 bis auf 31 000 zurückgegangen ift. _- „Mit dem Jahre 1875 begann eine Zeit des Niedergangs und der Nükbildung der wirthschaftlichen Zustände zur Einschränkung im Verbrau. Von da an beginnt denn auch eine Abnahme des Ein- fommens und namentli ein Herabgehen der großen Einkommens- beträge. Der unterste Stand wurde im Jahre 1879 erreicht. Nach einer vierjährigen Krisis trat in dem Jahrzehnt 1880 bis 1890 wieder cin E E Aufschwung des Wirthschaftslebens ein, der seinen Ausdruck au in dem Steigen des Einkommens findet. Erst gegen Ende 1890 haben sich wieder Störungen und Stockungen in der Wohl- standsentwickelung bemerkbar gemaht. Von 1890 auf 1892 blieb die Zu- nahme der einges{chäßten Personen wie auch diejenige der Einkommen binter der Zunahme der früheren Perioden zurück. Die Gesammteinkünfte ohne Abzug der Schuldenzinsen vertheilen ih auf die verschiedenen Cinkommensêquellen in Sasen nah vrozentualer Berechnung folgender- maßen: Es entfielen 1879 1892

auf Grundbesiß... 2... 20,9 0% 16,2 9% * M O 120 Gehalt und Löhne. . . 349 , 41,7, , _»_ Dandel und Gewerbe. . 33,5 , 301,

_ Die Einkünfte aus Grundbesiß sowie aus Handel und Gewerbe ¿eigen sona eine relative Abnahme, diejenigen aus Renten und aus Gehalt und Löhnen dagegen eine Zunahme. Gehalt und Löhne haben absolut ¿ugenommen von 364,6 Millionen Mark im Fahre 1879 auf 714 Millionen Mark im Jahre 1892, die Renten von 112 Mil- lionen auf 205 Millionen Mark. Wenn auch nicht relativ, so haben doch absolut zugenommen au das Einkommen aus dem Grundbesitz bon 218 auf 277 Millionen und das Einkommen aus Handel und Gewerbe von 350 auf 516 Millionen Mark.

Im Jahre 1892 belief sih die Zahl der eingeshäßten Personen in Sachsen auf 1 443 712; hiervon entfielen auf das platte Land . . , 743733 = 51,52%, auf die Städte . . . . . . 699979 = 48,48 0/0. Das Einkommen belief sih auf 1584 950 632 M; es ver-

theilte fich auf das platte Land . 615 854 885 M = 38,86 9/5, auf die Städte. . . , 969095 747 4 = 61,14%. Das Steuersoll betrug 22 425 278 4; es vertheilte ih auf das platte Land . .- 6368531 M = 28,40 9/0, auf die Städte . . . 16056 747 4 = 71/60 9%,

„In den Städten hat \ich das Einkommen seit 1879 vermehrt um 91,7 %, auf dem Lande um 35,7 9%. Das durd\chnittlihe Einkommen betrug auf den Kopf der Bevölkerung:

1879 1892

in den Städten . 423 M 559 M

auf dem Lande . . 200 301.

E überhaupt 7 K Hl

Die beiden unteren Klassen (a bis zu 800 und b bis 3300.4) bezogen sowobl im Jahre 1879 wie im Jahre 1892 mehr als zwei Drittel des Gesammteinkommens, nämlich 73,22%, im Jahre 1879 und 87 47 9/9 im Jahre 1892, während die Einkommen über 3300 M im Jahre 1879 nur 26,78 %, dagegen 1892 32,53 9% des Gesammt- einfommens ausmachten.

Die Zahl der Steuerfreien betrug 1879: 77060 Personen = 7,11% aller Eingeshäßten; 1892: 81 920 = 5,69 %/q. Die Zahl der Unbemittelten (mit Einkommen von 300 bis 800 4) betrug 1879 : 761 626 = 69,28 9/0; 1892: 868 081 = 60,37 9/6. Relativ hat si also die Zahl beider vermindert. Dagegen hat die Zahl der ¿um Mit telftand gerechneten Personen mit 800 bis 3300 4 Wsolut und relativ zugenommen: von 227 072 im Jahre 1879 = Í 94 9/0 auf 438 784 = 30,51 9%. Ebenso bat die Zahl der Wobhl- (grenden (die sâchsishe Statistik bezeichnet biermit die] mit einem Sinfommen von 3300 bis 9600 46) absolut und relativ (von 24 072 2,22% auf 38796 = 2,709/6) und die Zahl der Reichen (die- religen mit einem Einkommen von mehr als 9600 4) absolut und rezatiy (von 4921 = 0,45% auf 10537 = 0,73 %) zugenommen. le Steigerung in den Höheren Klassen ist durch Aufrücken aus

der untersten Klasse erfolgt. Die Zunahme der „Reichen ift in dem Zeitraum von 1879 bis 1892 verhältnißmä ig am größten gewesen, und auch die Summe des inkommens, welches auf diese Klasse fällt, ist verhältnißmäßig mehr gewachsen als die Summe des Einkommens der übrigen Klassen. Diese Er- scheinung so bemerkt die „Zeitschrift des Königlich sächsischen Statisti-

Bureaus“ bietet jedoh deshalb nihts Bedenkliches, weil sie nur aus dem Aufsteigen von unten hervorgeht und weil von großen Ein- kommen, die nit -aufgezehrt zu werden brauchen, leichter böbere Summen erspart oder auf Ausdehnung gewinnbringender Unter- nehmungen verwendet werden können. Es muß geradezu als erfreulih betrahtet werden, daß troß der allgemeinen Verbesserun der Lage der unteren und mittleren Klassen, welche bur die Erhöhung der Löhne und dur die größere Sicherung gegen Krankheit, Unfall und Elend im Alter erreiht worden ift, der Wohl- stand der besißenden Klafsen sih ebenfalls vermehrt hat, und daß ge-_ nügendes Kapital für größere Unternehmungen- und für die stetige Vermehrung und Verbesserung der nationalen Produktion und des nationalen Handels aufgespart wird, anstatt vergeudet zu werden und allmählih zu verschwinden.

Zur Einkommensteuerstatistik.

Das Einkommen der Zensiten auf dem platten Lande betrug na der Veranlagurg im Jahre 1892 93 1 851 008 271 4, im Jahre 1893/94 1 846 428 000 Æ, mithin stellte sich, wie wir im Anschluß an die gestrigen Darlegungen berihtigend bemerken, das Einkommen der ländlichen Zensiten im Jahre 1893/94 gegenüber dem Vorjahr um 4 580 271 niedriger.

Pl enarversammlung des Deutschen Handelstags.

Im Generalversammlungésaale der Börse begannen heute Vor- mittag die Verhandlungen der achtzehnten Plenarversammlung des Deutschen Handelstages. Nachdem die Handelskammern zu Königs- berg i. Pr., Danzig, Memel, Stettin und Elbing gestern dem Handels- tage beigetreten sind, gehören ihmjeßt 133 Handels- und Gewerbekammern, faufmänni che Korporationen und wirthschaftliße Vereine an. Der E des Deutschen Handelstags, Geheime Kommerzien-

ath Frenyßel (Berlin) eröffnete die Plenarversamm- lung mit einem Hoh auf Seine Majestät den Kaiser und König. Alsdann nahm das Wort der Staats- sekretär Dr. von Boetticher zu einer Begrüßungsansyrache im Namen der Reichsregierung. Der Minister spra scine Freude darüber aus, daß die HVandelsvertretungen der deutshen Seestädte dem Deutschen Handelstage beigetreten seien, und beglück- wünschte die Seestädte zu ihrem Vorgehen: alsdann fuhr der Redner fort: Sie find zu einer - Zeit zusammen- etreten, in der in allea Erwerbszweigen Unzufriedenheit verrsht. Die deutshe Landwirthschaft befindet h ohne Zweifel in einer traurigen Lage, es is aber gegründete Hoffnung vorhanden, daß es mit Gottes Hilfe der deutshen Reichsregierung ge- lingen wird, die vorhandenen Mißstände zu beseitigen. Auch in anderen Erwerb8zweigen sind Mißstände vorhanden: allein zum Verzweifeln ift jedenfalls fein Anla. Wenn wir in die Ver- gangenheit blicken, so sind eine ganze Reibe von Lichtblicken, wenn auch nit für die Vergangenheit, fo doh für die Zukunft vorhanden. Es ist gelungen, eine Reihe von Verträgen abzuschließen, die geeignet find, Handel und Verkehr in feste Bahnen zu bringen, und neue Verkehrswege und Absaßgebiete zu ershließen. Im Namen der deutschen Reichsregierung spreche ih den Vertretern des Handels und der Industrie für ihre sahverständigen Unterstüßungen bei dem Ab- {luß von Handelsverträgen besten Dank aus. Außerdem ist es der weisen Politik unseres erlauhten Kaisers gelungen, den Frieden zu erhalten. Jeder vermohte in Ruhe seinen Geschäften nac- zugehen und ih sehe auch für die Zukunft keinerlei Ans- zeichen, daß der Friede irgendwie gestört werden fönnte. Die deutsche Reichsregierung wird au fernerhin bemüht sein, der ehr- lihen Arbeit den entsprechenden Lohn zu sichern und dem Handel und Verkehr weitere Absaßquellen und Erleichterungen zu vershaffen. Die deutshe Reichsregierung heft dabei auf die fernere Unterstüßung des deutschen Handels- und Industriestandes, dessen sachverständiges Gut- ahten die Negierung nicht gering ans{lägt. Es wird Sie deshalb heute ein Punkt beschäftigen, der {on Gegen- stand der Untersuhung der Reichsregierung ist. Es ift das die Beaufsichtigung und staatliche Ueberwahung des Schiffs- baues. Anlaß dazu haben die vielen Schiffsunfälle, insbesondere auf der Spree gegeben. Jch hielt es für angezeigt, eine in dieser Angelegenheit an die Reichsregierung gelangte Petition nicht unberücksihtigt zu lassen. Das in der Presse ver- öffentlihte Reskript is ohne Wissen und Willen der Regierung geshehen. Es ist eine Enquête über den erwähnten Gegenstand an- gestellt, über deren Ergebniß ich Ihnen noch nichts mittheilen kann, da mir die Berichte hierfür noch niht zugegangen sind. Einen ferneren Erfolg hat Deutshland auf der Weltausstellung zu Chicago zu verzeihnen gehabt. Mögen die Ansichten über den Werth folcher Ausftellungen auseinandergehen, jedenfalls ist allgemein anerkannt worden, daß die deuts{chen Erzeugnisse auf dieser Aus- stellung den erften Rang eingenommen haben. Daß Deutsch- land auf dieser Ausstellung so große Erfolge zu ver- zeihnen hatte, ift dem einträhtigen Zusammenwirken von Beamten und fachverständigen Laien zu verdanken. Wir baben mithin allen Grund, niht zu verzagen; dur ferneres einträchtiges Zusammenwirken wird es uns gelingen, die dem Handel und Verkehr geschaffenen Erleichterungen in einen siheren Hafen zu bringen. Die Reichsregierung wird bemüht sein, die Lage insbesondere der arbeiten- den Bevölkerung nah Möglichkeit zu ciner Verbesserung zu bringen, und deshalb bin ih überzeugt : Möge die Unzufriedenheit in Zukunft auch noch mebr ges{hürt werden, unsere Arbeiten werden die Unzufrieden- beit \{chließlid bannen. Der Präsident dankte dem Minister im Namen des Handelstages, dessen Mitglieder sich zum Zeichen des Dankes von ihren Pläyen erhoben. Es wurden alsdann die Waklen vorgenommen, wobei Geheimer Kommerzien-Rath Frent el (Berlin) zum Ersten Vorsißenden gewählt wurde.

_ Zur Arbeiterbewegung. ;

Zum Ausstand der Be&liner Tarameter-Droschken- Tutscher | berichtet die ¿V: Z.°, daß die Ausständigen au die anderen Droschkenkutscher in den Ausstand hineinzuztehen ge- denken. ‘In einer von Kutshern und Arbeitern zahlrei be- suchten Versammlung wurde beschlossen, in einer heute abzuhal- tenden neuen Versammlung über den Antrag zu beschließen : „über alle Fuhrgeshäfte, die Taxameterdroshken bejizen und die Tarxrameter bis zum 15. d. M. nicht beseitigt haben, die Sperre des gesammten Betriebs, auch der nicht mit Taxameter versehenen Fuhrwerke, zu verhängen“. In diesem Sinne theilen auch die Besißer solcher Anzeigerdros{chken mit, daß niht die weißen Hüte die Ursache des Aus- standes seien, sondern daß die Kutscher die Abschaffung der Fahr- preisanzeiger erzwingen wollen. einer Gewerkshafts- versammlung, die am Mittwoh stattfand und \sich mit dem Verhalten des sozialdemokratischen NReichstags- Abgeordneten Bock- Gotha in der Angelegenheit des Berliner Shuhmacher-Aus- standes beschäftigte, wurde eine Entschließung angenommen, durch welche die reibweise Bock's in starken Ausdrücken ver- urtheilt wird; die Versammlung versprah, die Ausständigen materiell weiter zu unterstüßen und erklärte, daß Herr Bock ih durch sein fabrikantenfreundlihes Benehmen jedes Reht verwirkt habe, sich weiter Arbeitervertreter zu nennen.

Kunst und Wissenschaft.

In der von der Königlichen Akademie der Künfite ver- anstalteten Ausstellung von Kunstwerken is jeßt ein Modell der - Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirhe mit kunstvoll gearbeitetem Untersaß aufgestellt, e e an dem Bau der Kirche

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beschäftigten Steinmeßzmeister und hauer, fowie die Vorstände des unter dem Protektorat Ihrer Majestät stehenden Evangelisch

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Kirchlichen Speieias, des Evangelischen Kirchenbauvereirs für Berlin, des Clisabeth-Kinderhofpitals in Berlin, der Auguste Victoria- Krippe und des Pfingsthauses in Potsdam Ihrer Se E: der Kaiserin und Königin als Van ae überreicht : ‘Dos mit feltener Schönheit durchgearbeitete Modell der Kirche stellt diese dar, wie fie nunmehr, nahdem vor kurzem noch einige Aenderungen namentli am Hauptthúurm Eme haben, endgültig zur Aus- fübrung gelangen wird. Der Untersaß besteht aus den Steinen, mit En die Kirche erbaut wird. Auf einem Sockel von grauem \chlesif Granit und röôthlihem s{wedishen Granit erheben \ich ¿wei Labradorsäulen, welhe, in einen Fuß von rheinishem Tuffstein eingelassen, ein in weißem {lesien ndstein kunstvoll gemeißeltes Kapitäl tragen, auf welhem die Kirche steht. Das ganze ist wie die Kirche in romanischem Stil gehalten. Das Kapitäl ist von besgaderer Schönheit. Die Vorderseite zkigt ein romanishes Kreuz, ê#tüber die Worte: Gott shüße Dich. Die rechte Seite trägt das Doppel- wappen Ihrer Majestät der Kaiserin, darüberstehend: 1. September 1893. Auf der Rüseite liegt das Eiserne Kreuz auf romanischen Verzierungen, darüber die Aufschrift der Kriegsdenkmünzen Kaiser Wilhelms I. : Gott war mit uns. Das Eiserne Kreuz und. diese In- schrift sind als Siegel für die Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche be- stimmt. Die vierte Seite ist ausgefüllt mit einem Kelch als Symbol der evangelishen Kirhe, umgeben von Weinranken und Aehren, darüber das Datum „1. September 1870 und L. Der leßtere Tag if der _in Aussicht genommene Einweihungstag der Kirche. Der 1. September 1893 bezieht \sich auf ein Er- eigniß, wo Ihre Majestät die Kaiserin wie durch ein

under vor einem {weren Unfall bebütet worden if. Als Ihre Majestät an diesem Tage ein Krankenhaus in Koblenz besuchte, stürzte aus dem zweiten Stockwerk auf“ Ihre Majestät ein großer Fensterflügel herab, welcher tros der in zahllose Scherben zerspringenden

eiben nur eine starke Kontusion auf der Schulter verursachte. Troß heftiger SHmerzen setzte Ihre Majestät den Besuch des Kranken- hauses fort und begab Sich danach noch in ein Waisenhaus. Diese gnädige Bewahrung gab die Veranlassung zu der {önen Weih- nacht8gabe.

4 Die zweite Ausstellung der „Münchener Ver- einigung der 24“ inSchulte’s Kunstsalon bietet nicht soviel des Neuen und Interessanten, wie die erste Veranstaltung der Art im vorigen Jahre. Den ersten Plaß nimmt in dem Kreise dieser Künstler ohne Zweifel Fritz von Uhde ein, der diesmal nur mit einem fleinen liebreizenden Bild „Die Abreise des jungen Tobias“ vertreten ift. In gewohnter Weise hat der Meister die alttestamentliche Scene in modernes Gewand gekleidet. Der erblindete Vater und seine Gattin sind als Bauernpaar aufgefaßt, das, vom Alter gebeugt, vor feiner Hüfte steht; die Mutter shaut mit Sorge und Zweifel dem von einem anmuthigen Engelknaben geleiteten Sobn nah, der noch einmal den Blick zum Elternhaus zurückwendet. Auédruck und Stimmung in den Köpfen sind wunderbar getroffen und sprehen zum Herzen. Das Köpfchen des Engels ift befonders zart und s{chöôn durchgeführt. Das Ganze trägt cinen be- haglich idyllishen Charakter, der auch in der landshaftliben Um- gebung festgehalten ist. Nur wenige der übrigen Bilder reichen an diefe unsheinbare Söpfung eines wirklih genialen und selbständigen, Meisters heran. E. Oppler, dessen frühere Leistungen große Er- wartungen rege machten, ist völlig in den Bann Whistler's gerathen, obne dech die träumerishe Melancholie der Stimmung und die Vor- nehmheit seines Vorbildes zu erreihen. Am näthsten kommt er diejem noch in dem Bildniß einer Dame in Schwarz, die vor einem Klavier steht und" Ihren Träumereien nahbängend in die Tasten greift. Auh Josef Block führt uns in eine weih melaawolishe, dur Musik geweckte Stimmung: ein Klaviersvieler, der den verflingenden Shwingungen des angeschlagenen Accords lauscht, während der gedankenvolle Blick eines Mädchens auf ihm ruht: aus dem Halbdunkel des Raums \{hwebt eine nebelhafte Gestalt hervor, deren Deutung aus der Stimmung der Situation heraus der Künstler dem Beschauer überläßt. Der bräunlihe Gesammtton des Bildes beeinträchtigt etwas die Wirkung des feinempfundenen Bildes. Die gleiche Vorliebe für unausgesprochene feelishe Vorgänge, welhe gewissermaßen Farbenleben gewinnen sollen, befundet auch das andere Bild eines Paares, das bei gelbem Lampenlicht einander gegenübersißt. Der Maler faßt offenbar derartige Momente zunähst lediglih als Farbenprobleme auf und feßt sih als Ziel, aus diesen Problemen heraus im Beschauer eine eigenartige Stimmung zu wecken. Daß diese Auffassung der fünftlerishen Aufgabe bei den jüngern Münchener Malern verbreitet ist, zeigt auch das Interieur von H. Borchardt, das auf jede figür- liche Staffage verzichtet, gewissermaßen den Beschauer auffordert, sich selbst in den Bann dieses zart gestimmten Milieus zu begeben. Ledigs- li das Können kehren in ibren Werken mit niht immer gerecht- sertigtem Selbstbewußtsein Charles Vetter und Freiherr von Habermann bervor. Namentlich der erstere verfällt bei dem Streben nach Verve oft ins Brutale und bringt sh so selbs um die Wirkung. Als unumschränkter, aber au rücsihtsloser Beherrscher seiner Mittel fühlt sh Schlittgen, dessen flotte Zirkusscene die leßten Konsequenzen des JImpressionismus zieht. Auh Ecter muthbet dem Beschauer in seinem in Blaugrün getauchten Bilde einer Mutter mit ihrem Kinde allzuviel. Interesse an der rein tehnishen Seite der Aufgabe zu. Wer sih indeß in diese blaugrünen Schatten binein- gese ven, ist erstaunt über den Reichthum der Tonwerthe und die Fein-

eit der Modellierung, die für den ersten Anblick wie unter einem Stleier verborgen liegen. Ümgekehrt reizen die Bilder Friedrich Fehr?'s, die dem Publikum starke Konzessionen machen, anfangs durch eine gewisse geistreihe Pifanterie, bis man bei wiederholter Betrahtung zu deur wenig befriedigenden Ergebniß fommt, daß das Beste daran ledigli eine flotte, aber strengerem Blick nicht standhaltende Mache ist. Rei n- bold Lepsius? großes Kinderporträt, im hbellsten Freiliht gemalt, besißt vielleicht solidere Qualitäten als die Bilder Fehr's, aber die rechte Tiefe individueller Charakteristik fehlt diesen Köpfen denno. Die Oelskizze Albert Keller's zu einer Versuhung des heiligen Antonius, foloristish sehr geistreih konzipiert, giebt von der Bedeu- tung ihres Schöpfers nur eine ungenügende Vorstellung. Hoffentlich begrüßen wir den Maler bei nächster Gelegenheit in seinem eigent- lichen Element.

Recht interessant sind die Landschaften der jüngeren Münchener Malergeneration. Reben den extravaganten Lichtstudien eines Hans Olde und der phantastishen Marine von Benno Becker wirken die feingestimmten oberitalienishen Veduten von Dill dovpelt zart und vornehm. Tribner fucht in seinen Landschaftsbildern etwas einseitig dieselben gedeckten Stimmungen auf, die die Farbentöne ab- fstumvfen, während A. Niemeyer im Gegensaß dazu in seinen füd- ländischen Ansichten grellsten Lichtshein und saftigste, mosaikartig an- einander gefügte Farbflede bevorzugt. Kurz, an Gegensätzen feblt es auf diesem Bebiet den Münchener Modernen niht, zumal wenn wir noch Hubert von Heyden's zierliße Früblingslandschaft und Sett aE rd Kühbl's geistreih gemalte holländishe Dorfstraße bin- zunehmen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient unter den Bildwerken der Ausftellung, in deren Reibe wir ungern die Werke des talentvollen Oppler vermissen, die Statuette eines Negers von Rudolvh Maison. Glücklichste Beobachtung vereinigt fich mit subtiler na- turalistisher Durchführung, die vielleiht hie und da allzusehr ins Kleinliche geht, zu lebendigem Gesammteindruckd. Das Motiv selbst, obwohl momentan der Natur abgelauscht, zeigt überaus glücklichen Blick für ftatuarishe Wirkung, sodaß man den Wunsch hegt, den Bildhauer auch auf monumentalem Gebiet kennen zu lernen. Ein fteinhebender Athlet von Hugo Kaufmann verräth ebenfalls un- ewöhnlihe Begabung. Der Kraftaufwand und die Energie würden freilich bei größerer Ausführung des Modells, das überdies dur eine unschöne fünstlihe Patina Einbuße erleidet, entschieden besser zur Wirkung kommen.

Nebender Ausstellung der Vierundzwanzig beherbergt der Schulte sche Salon in den vorderen Räumen noch eine Reibe bemerkenswertber Vilder ; fo ein neues Bismarckporträt von Lenbach, das als solches einfa zu registrieren ift; zahlreiche in Pereirafarben ausgeführte Bilder von A. Män nchen, die wir zum theil bereits bei ihrer ersten Aus-