1894 / 21 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Gemarkungskarten und Reinkarten in den Geschäftsräumen der Katasterverwaltung selbst cntnehmen zu lassen. Jn diesem Fall hat der Unternehmcr oder sein Beaustragter die tarif- mäßigen Gebühren zur Staatskasse zu entrihten, wie wenn die Handzeichnungen dur die Katasterverwaltung angefertigt wären. Sonstige Bestimmungen über die Entnahme der Hand- zeichnungen zu treffen, bleibt den Königlichen Regierungen vorbehalten.

__Im Jahre 1893 waren der Prüfungskommission für höhere Verwaltungsbeamte 183 Referendare zur Ablegung der Prüfung für den höheren Verwaltungsdienst über- wiesen worden. Ausfalls beider sriftlihen Arbeiten auf neun Monate an eine Negierung zur besseren Vorbereitung zurück- gewiesen, vier Referendare wurden auf ihren Antrag aus dem höheren Verwaltungsdienst entlassen. Die Zahl der NReferendare, welhe die mündlihe und \hriftlihe Prüfung im Jahre 1893 abgelegt haben, beträgt 107 gegen 88 im Jahre 1892, 117 im Jahre 1891, 127 im 48 1890, 102 im Jahre 1889, 111 im Jahre 1888, 98 im Jahre 1887, 83 im Jahre 1886, 79 im Jahre 1885, 65 im Fahre 1884 und 50 um Jahre 1883. Es wurden im ganzen 18 Prüfungstermine abgehalten. Von den 107 Referendaren bestanden 13 die Prüfung mit dem Prädikat gut, 86 mit dem Prädikat ausreichend und acht be- standen nicht. Der Prozentsay der Nichtbestandenen be- A 055 ea 102 im SaUre 1592 O M Jahre 1891, 142 im Jahre 1890, 18,75 im Jahre 1889, 262 im Jahre 1888, 26,7 im Jahre 1887, 25 im Jahre 1886, 21 im Jahre 1885 und 23 im Jahre 1884. Am Schluß des Jahres 1893 waren noch 71 der Kommission überwiesene Referendare vorhanden, deren Prüfung noch nicht abgeschlossen war. Von diesen haben 38 bereits beide schriftliche Arbeiten abgeliefert, 12 haben die zweite oder dritte und 21 die erste schrifiliche Arbeit noch anzufertigen.

An den Kommunal-Landtag der Kurmark waren bis zum Schlußtermin am 20. d. M. noch sechs Sachen ein- gegangen, von denen vier dem 1. und je eine dem Il. Aus- \chuß und dem ritterschafilihen Konvent überwiesen wurden. Der Landtag verhandelte in seiner 4. Plenarsizung am 22. d. M. über neun Gutachten des 1. und zwölf Gutachten des T1. Ausschusses, Die ersteren Gutachten betrafen den Bericht der General-Direktion der Land-Feuersozietät über die Feucer- wehr-Unfallkasse, ein Unterstühungsgesuch eines früheren Be- amten, vier solche zu Feuerlöshzwecken und ein Entschädigungs- gesuch für cin bei der Feuerlöschhilfe gefallenes Pferd: während diese fsechs Gesuche bewilligt wurden, mußten zwei Entscheidungen von Kreistagen auf den Rekurs der General-Direktion auf- , gehoben werden, und nur in einem der lcßteren Fälle konnte eine theilweise Bewilligung eintreten. Nach dem Vorschlage des I1. Ausschusses wurden acht milden Stiftungen zum theil namhafte Unterstüßungen aus dem ständischen Dispositions- fonds der Kurmärkischen Hilfskasse bewilligt. Vier derartige

Gesuche unterlagen der Ablehnung: theils weil die Gründung

der zu bedenkenden Unternehmungen im wesentlichen noch bevor- stand, theils weil die Zwecke außerhalb des Rahmens des da- für angegangenen Fonds lagen.

Bayern.

Jn der vorgestrigen Eißung des Finanzausschusses der Kammer der Abgeordneten begründete der Abg. Frei- herr von Stauffenberg seine in einer der leßten Sißungen in Aussicht gestellte Anfrage an Finanz-Minister Dr. Freiherrn von Riedel über die Lage des Budgets und den Plan seiner Gestaltung unter den heutigen Verhältnissen. Jn längerer Ausführung erwiderte, den Münchencr Blättern zufolge, der Finanz-Minister Dr. Freiherr von Riedel etwa Folgendes:

Bei Aufstellung des Budgets \ci, wie {on früher betont, auf die Militärvorlage keine Nücksiht genommen worden. Die Negie- rung habe die Ueberzeugung gehabt, das Reich werde die Mittel zur Deckung der Militärvorlage den einzelnen Ländern zur Verfügung stellen. Auch die Reichs-Steuerreform sei unter der Annahme ge- plant, das Reich werde die Kosten der Militärvorlage selbst decken. Falle eine der Steuern, so sei die Reichs-Steuerreform in Frage. Für heute lasse er das Reformprojekt außer Betracht und wolle nur über die Mittel sprechen, die zur Deckung der Militärvorlage nöthig seien. Die große Abneigung: im Reichstag gegen Quittungs- und Fracht- briefstempel laffe erwarten, daß diefe Steuer in Wegfall kommen und die Börsensteuer demgemäß nur 20 Millionen einbringen werde, da eine böbere Bemessung derselben alé beabsichtigt, niht angängig fei. Die Steuer aus Sch6aum- und Kunstwein werde bei ihrer Annahme fünf Millionen erbringen. Ohne Steuerkontrole jedoch sei insbesondere der Kunstwein nicht zu treffen. Aus dem in Anregung gebrachten er- böhten Zoll auf Tabackfabrikate vom Auéland feien höchstens zwei Millionen anzunehmen, sodaß damit ein Erträgniß von 27 Millionen gegeben sein würde. Eine Erhöhung der Tabackzölle würde nicht viel eintragen ; bei allem Wohlwollen für die Landwirthschaft jedoch seien schwere Bedenken dagegen nicht zu unterdrücken. Uebrigens dürfte ein erhöhter Zoll im Reichstag kaum durchzubringen scin. So weit gingen seine Cindrücke in Berlin, die allerdings etwas trübe seien. Er habe jedo die Ucberzeugung, daß die allgemeine Stimmung bezüglih der Taba- fabrikatsteuer bereits in einer Aenderung begriffen sei. Gerade für den Tabackbauer, dem jede Steuer erlassen worden sei, sei die Fabrikatsteuer von außerordentlihem Vortheil. Die auéländischen “aaen sollten mit über } vom Werth herangezogen werden; mög- iherweise könne auch der Zoll auf auétländishen Taback, wenn der Vorlage wohlwollend nähergetreten werde, etwas erhöht werden. Es sollten verschiedene zolltechnische Dinge, die vorgeseben worden seien, fallen und ledigli die kostenlose Verwägung des Tabacks gefordert werden. Ebenso seien neuerdings Erleichterungen für den Nauhtaback geplant, überhaupt Verbesserungen .an der ganzen Vorlage, die diese annehmbarer machten, und die Landwirthschaft sowie die kleinen Leute zufriedenstellten. Er hoffe, daß in maßgebenden Kreisen die Sahe noch einmal angesehen werde, und da eine annehmbare Form für die Vorlage zu finden sei, so werde man, wenn auch nicht viel, so doch das Nöthige für die Bedürf- nisse Bayerns erhalten. Der erforderliche Bedarf sei 66 Millionen; drei Posten hieraus würden \teigen: 1) Pensionen, 2) Zuschuß für Invalidenrenten, 3) Verzinsung der vorbenannten Summen; und wenn diese drei Posten dur das natürliche Wachsen der Einnahmen gedeckt würden, so fönne man zufrieden sein. Das Plus der Matrikular- beiträge für Bayern stelle sich unter diesem Gesichtêpunkte auf etwa 9 Millionen. 4 Millionen habe er bei früherer Gelegenheit schon als vorgesehen bezeihnet; es würden sohin noch 5—6 Millionen zu deckden sein. Würde nun die Tabackfabrikatsteuer in neuer

orm angenommen, so sei das Gleichgewiht des Budgets ür absehbare Zeit hergestelt; wenn nicht, so sei das Manko unvermeidlich. Der Minister gab des weiteren cine Reihe interessanter Aufschlüsse, die ihm in Fachkreisen begegnet

Von diesen wurde einer wegen ungenügenden -

und geeignet seien, seine vorstehenden Ansichten zu üen. Weiter führte er aus; daß bei Nichtannahmec des Gesetzes hauptsächlich die Tabakbauer darunter leiden würden. Wenn man auch diesmal über eine Erhöhung der direkten Steuern wegkäme, fo sei sie für das nächste Budget bei Scheitern des Steuerprojekts unvermeidlih. Redner fam sodann auf die oftmals ausgesprochenë Ansicht von den reichen Leuten, die die Steuern zu tragen hätten, und behauptete, daß diese Schichten, an sih {hon ziemlich belastet, bei einer Heranziehung zu weiteren Steuern, die ja möglich sei, niht viel mehr leisten könnten. Er begründete dies an der Hand eines ausgiebigen Zahlenmaterials. Der Hinweis . auf Reformen der Steuern dur den Wirthschafts- aussduß fei in dieser Frage hinfällig; würden die Ab- sichten des Auss{husses zur Thatsahe werden, so kämen troß einiger geplanter Erhöhungen durch die gewünschten Steuer- ermäßigungen noch 2—3 Millionen Plus in das Defizit. Nun ent- stehe die Frage: Wie folle die Budgetabgleichung stattfinden? Er bege die Hoffnung, daß Reichs- und Landtag sowohl als das ganze Land in eine rubigere Beurtheilung der Tabackfabrikatsteuer eintreten, und diese sympathischer beurtheilen würden. Das Bedürfniß aber bleibe immer entscheidend. Was nöthig fei, müsse bewilligt werden. Und wenn das Vudget nicht reiche, so müsse eine Grhöhung der Steuern Plah greifen. Neue Steuern zu finden sei ihm nicht gelungen. Für die Einzelstaaten sei das indirekte Steuersystem erschöpft. Reichs- einkommen- und Neichserbschaftssteuer würden diese beiden in Bayern bestehenden Steuerarten aufheben. Die Erbschaftssteuer könne man wohl reformieren; Bayern zahle jedo bei Verwandten mit Ausnahme der direkten Descendenten jeßt {on 8 9/0, eine Er- böbung würde er nit vorshlagen. Die Eilinabntén im- Budget zu erhöhen sei faum mögli. Diese würden in Röctsiht auf die Finanz- lage bereits unter Wahrung gerwissenhaftester Prüfung bis an die mögliche Grenze festgeseßt. Er wolle ganz reinen Wein einshänken. Die Mehreinnahme des Jahres 1892 betrage 12 Millionen. Die Zölle und Steuern hätten bei einem Budgetansaß von 63 Millionen im genannten Jahre einen Uebers@uß von 4 Millionen ergeben, seien aber in diefem Budget bereits mit 66800 000 eingeseßt, sodaß das Plus bereits im Budgetansaß zum Ausdruck komme. Das gleiche Verhältniß treffe bei dem Forst-Etat, bei den Ueberweisungen x. zu. 1893 werde geringere Ueberschüsse bringen, vielleiht 10 Millionen. Es würde jedoch der Anfang einer Mißwirthschaft fein, wenn man dauernde Auégaben auf zufällige Ein- nahmen bkasiere. Schließlich erinnerte der Minisier daran, daß im Reichstag die Frage der Bierbesteuerung wieder in Anregung gebracht worden fei. Ob es nohmals gelingen werde, bei dem Scheitern der Neichssteuern die Biersteucr für Norddeutschland hintanzuhalten, sei fraglih. Alledem würde abgeholfen sein, wenn die Tabafabrikat- steuer durchginge.

Sachsen.

Die Zweite Kammer nahm gestern die Kap. 38 bis 41 des ordentlihen Etats (Justiz-Etat) entsprechend den An- trägen der Deputation an.

Vaden.

In der gestrigen Sizung der Zweiten Kammer begann die Generaldebatte über das Budget. Der „Frkf. Ztg.“ wird darüber Folgendes berichtet :

Der Abg. Hug, Präsident der Budgetkommission, eröffnete die Debatte. Das Budget sei ein Defizitbudg:t, was vornehmlih auf das Verhältniß zum Reih zurückzuführen sei. Wenn die Reichs- steuern fielen, würden \sich die Motrifularébeiträge unm mindestens 2 Millionen erhöhen. Das heutige Fazit des Budgets fei eine be- trächilihe Steuererhößung. Der Nachtrag zur Gehalts8ordnung bes laste das Budget jährliÞh um eine halbe Million. Solange die Deckungsfrao,e nicht geregelt sei, könne die Kammer nicht zustimmen. Der Abg. Fieser erklärte, im ganzen und großen dem Vorredner beistimmen zu können. Das Defizit betrage im ordentlichen Etat für zwei Jahre 3 Millionen. Steigerten sich die Matrikularbeiträge, so würde das jährlihe Defizit im Ordinarium 4 bis 5 Millionen betragen. Würde cine Steuererhößung in. der namhaften Art gefordert, fo halte er eine Verlangsamung der Tilgung der Eisenbahns{ulden für geboten. Nedner plädierte für eine Abänderung des Steuersystems in der rich- tigen Progression, der seine Fraktion beistimme. Der Finanz-Minister möge Erhebungen darüber machen, welchen Effekt die Umwandlung der Ertrags\teuer in eine Vermögensfsteuer habe. Redner trat ferner für die Reichs-Finanzreform cin. Die wcitere Belastung durch den Nachtrag zur Gehaltsordnung halte er zwar für bedenklih, doch hoffe er, daß es gehen werde. Der Abg. Muser meinte: das Budget habe wohl die Wenigsten überra[cht. Das bezeichnende Merkmal früherer Budgetperioden sei die UÜeberholung der Vor- anschlagsäße durch die Rechnungsergebnisse gewesen. Es habe eine Uebershußwirthshaft bestanden, sodaß der Betriebsfonds auf über 27 Millionen Marf angeshweollen fei. Lange Zeit seien Steuern über den Bedarf erboben worden. Der letzte Landtag habe im Zeichen der Steuerermäßigung gestanden, der jeßige stehe in dem der Steuererhöhung. Die Negierung verdiene Tadel wegen der Haltung der badishen Bundesbevollmächtigten der Tabacksteuer gegenüber. Die Nationalliberalen hätten der Negierung in dieser Frage ein Ver- trauensvotum ertheilt, damit aber den Willen des Bolkes ignoriert. Der Gesandte von Jagemann habe im Reichstag wohl den Stand- punkt der Megierung vertreten, von der Meinung des Volles und der Kammer aker kein Wort gesagt. Nedner tadelte den Vertrag wegen der strategishen Bahn, deren Ge- sammtaufwand für Baden 1 Million Mark betrage. Zur Finanzreform sei jeßt keine Zeit. Er sei mit Fieser für den Aus- bau der Einkommensteuer in eine progressive Erbschaftsfteuer. Nedner plädierte für eine Reichs- Einkommensteuer, die au) den inneren Ge- halt des Reichs auf feste Füße tele. Gegenüber den Reichs\teuer- entwürfen halte er die Erhöhung der Piatrikularbciträge für ein fleines Uebel. Das Volk werde dann sehen, was das Militär koste. Bezüglich der EisenbäHnpolitik spra sh Nedner für eine Tarif- reform aus. Jede Tarifermäßigung steigere den Verkehr und mache die Freizügigkeit erst zur Wahrheit. Redner trat ferner für die Fixierung einer Marxrimalarbeitszeit für die Eisenbahnbediensteten cin und besprah das Beawtengeseß, befürwortete die Aufhebung der Unter- scheidung zwischen akademishen und nihtakademischen Beamten und wollte die bessere Stellung der höheren Beamten mit Aus- natme der Mittelshul-Profeisoren nicht gutheißen. Seine und feiner Fraftion Stellung zu dem neuen Ministerium hänge von dessen Politik ab. Der Abg. Fischer (Zentr.) führte aus: Es handle sich nicht nur um ein finanzielles, sondern auch um ein politisbes Defizit. Mit der Reichs-Finanzreform wolle der Minister Miquel aus dem badischen Leder preußische Riemen schneiden. Sie gewähre auch keine Stabilität zwischen dem Reich und den Einzelstaaten. Die Unzuläng- lichkeit des gegenwärtigen Budgets betrage rechnerisch 94 Millionen, Er vermisse im ordentlichen Etat, der 2 Millionen mehr erfordere, weise Sparsamkeit. Die Deckung des Defizits durch eine Amorti- fationsfasse halte er nur ausnahmsweise für geboten. Mit einer progressiven Einkommensteuer bis zu 5 9% sei er einver- standen. Der Präsident des Ministeriums der Finanzen Dr. Buchen - berger betonte, daß tein Anlaß zu einer tragishen Auffassung des Staatshaushalts vorliege, die Finanzzustände seien wohlgefügte und geordnete. Das Land verfüge noch über Betriebsübershüfse und be- siße ein rationelles Steuersyitem, dessen RNeformbedürftigkeit er aner- kenne. Baden habe keine Staats\{uld und in der Amortisationskafse eine werthvolle Reserve. Das finanzielle Verhältniß zum Reich habe sich seit dem leßten Budget um 3778000 H ver- \chlechtert; rechne man hierzu die ausgefallenen inländischen Steuern von 2430000 #, so würde bei Ablehnung der Reichs- steuern eine jährlihe effektive VerschleWßterung von 6 200 000 M eintreten. Die Folge davon würde nahezu eine Verdoppelung der Einkommensteuer sein. Würde ein Plebiszit in Baden ver- anstaltet, so würde die Mehrheit statt für diese Verdoppelung für die Tabacksteuer eintreten. Redner stellte eine Steuerreform in Aussicht

im Sinne - der Progression. Der Präsident des Ministeriums des Innera von Brauer erklärte, daß das Reich bei dem Vertrags- ab¡chluß über den Bau der strategischen Bahn loyal gehandelt habe. Bezüglih der Wünsche in Betreff der Eisenbahnen sagte er eine Reform des Perfonentarifs zu, der er sympathisch, aber auch kalten Blutes gegenüberstehe. Die Debatte wird morgen fortgeseßt werden.

Sefsen.

Seine Königliche Hoheit der Herzog und Jhre Kaiser- liche Hoheit die Herzogin von Sachsen-Coburg S Gotha trafen mit den Prinzessinnen Victoria Melita, Alexandra und Beatrice gestern Nachmittag in Darmstadt ein und wurden auf dem Bahnhof von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog empfangen. offenem Wagen durch die festlih geshmüdckte Stadt brachte das zahlreihe Publikum Jhrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Victoria Melita lebhafte Ovationen dar.

Neuf: ä. L.

+ Vorgestern Abend sind Jhre Durchlauchten der Prinz L und die Prinzessin Elisabeth von Shönburg- Waldenburg nah mehrtägigem Besuch am Fürstlich reußischen Hofe wieder nah Droyssig zurückgekehrt.

OesterreichW-Ungarn.

Der Minister des Auswärtigen Graf Kälnoky begiebt sich wie „W. D. B.“ meldet, heute zur Erledicuia üfeubes Geschäfte: an das Hoflager nah Budapest.

Der Kaiser hat der „Politischen Korrespondenz“. zufolge den Gesandten Grafen Kuefstein zum bevollmächtigten Dele- gierten bei der internationalen Sanitätskonferenz in Paris ernannt.

__ Der „Budapester Korrespondenz“ zufolge hat eine zahl- reich besuchte Versammlung katholisher Stadtreprä- jentanten die Einberufung von Versammlungen hbe- \chlossen, die sich gegenüber dem jüngsten Katholikentag für die kirhenpolitishen Vorlagen aussprechen sollen.

Jn dem Omladina-Prozeß fand gestern das Verhör der Hauptangeklagtcen: Redakteur Skaba, Journalist Sofkol und Advokatur-Konzipist Dr. Naschin statt. Ersterer wollte gar keine Omladina kennen; Sokol gestand zu, sie zu kennen, behauptete aber, sie bestände bereits seit 1869 und sei daher keine neue Gründung. Raschin wollte keine Omladina, sondern eine Fortschrittspartei gelten lassen, die ins Leben gerufen zu haven er stolz sei. Er jtehe auf dem radikalen Flügel der Jung- czechen und werde es sich zum Verdienst anrehnen, wenn er verurtheilt werden sollte. Bei dem gestern Nachmittag ab- gehaltenen Verhör leugneten die vernommenen Angeklagten, sich an verbrecherishen Handlungen betheiligt zu haben. Der Eine wollte vertraulichen Versammlungen beigewohnt haben, um si für die Journaliftik auszubilden; der Andere wollte aus einer Schriftsezerei Lettern gestohlen haben, um sie als Spielzeug für seine kleinen Brüder mit“ nah Hause zu nehmen; ein Dritter behauptete, an Versammlungen auf dem Schlachtfelde am Weißen Berge theilgenommen zu haben, um die im Jahre 1620 gefallenen Helden zu ehren, und ein Vierter wollte gehört haben, wie vorgeschlagen worden sei, die Johannesstatue von der Brücke zu stürzen ; er wisse aber niht, von wem der Vor- schlag ausgegangen sei, weil es am Versammlungsort finster gewesen sei. Heute wird das Verhör der Angeklagten beendet werden.

Fraukreich.

Das Bureau der Deputirtenkammer wählte, wie „W. T. B.“ berichtet, gestern die Heeres- und die Marin e- fommission, deren jede 33 Mitglieder zählt. Unter den Mitgliedern der ersteren befinden sich Brisson, Jules Noche, Cavaignac und Mezières. Mehrere Mitglieder der Kommisston drangen darauf, das XTV. und das XV. Armec- Korps zu verstärken, indem sie den Nachweis zu erbringen versuchten, daß der Effektivbesland des französishen Heeres cin geringerer sei als der des deutschen.

In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ist auf die Treppe der Hauptthür des „Magasin du Printemps“ eine Bombe gelcgt worden. Die Zündschnur war schon erloschen, als der dienstthuende Feuerwehrmann die Bombe entdeckte. In städtishen Laboratorium wurde gestern Vormittag feît- gestellt, daß die Bombe außer Knallpulver noch Nägel und Eisenstücke enthielt; sie glich der von Vaillant geschleuderten Bombe.

Ftalien.

In Massa henschte gestem, wie -W. L. B meldet

andauernd Ruhe. Verhaftete Jndividuen wurden weiter ein- gebracht. Die Untersuhung wurde orge. Auch in Sizilien war alles ruhig. Jn Turin ist infolge von Ausschreitungen, die Studenten begingen, weil ihnen ein außerordentliher Prüfungstermin verweigert wurde, die Universität geshlossen worden. __ Die von der „Jtalie“ veröffentlihte Mittheilung *von einem leihten Unwohlsein des Papstes is, wie die „Agenzia Stefani“ meldet, unbegründet. Der Papst em- pfing heute mehrere Prälaten.

Spanien.

Der Minister des Auswärtigen hat dem „W. T. B.“ zufolge durch ee Mera die Sañien Botschafter be- nachrichtigt, daß der Marshall Martinez Campos vot Marokko eine Kriegsentshädigung von 30 Millionen Pesetas verlangen werde. Wie der „Temps“ aus Madrid erfährt, werde als Garantie für die Zahlung dicser Ent- schädigung die Jntervention Spaniens bei der Erhebung der Zölle in dem Territorium zwischen Ceuta und dem Muluyafluß gefordert werden. Die Jntervention würde eine zeitweilige Okkupation dieses Territoriums bedingen. Da der Sultan eine lange Frist für die Zahlung der Entschädigung verlangen werde, beabsichtige die Regterung, die Kosten für die Expedition nah Melilla durch außerordentlihe Steuern und durch Kreditoperationen zu deen. Schweiz.

Wegen zahlreicher Fälle von Einschleppung der Maul- und Klauenseuche durch französisches Vieh hat, wie die „Köln. Ztg.“ erfährt, der Bundesrath jede Einfuhr von Klauenvieh französisher Herkunft vom 25. Januar an verboten. en sind nur unter ganz bestimmten Bedingungen gestattet.

Serbien.

Der König hat nah ciner Meldung des „W. T. B.“ aus Belgrad von heute die Demission des Kabinets

Bei der Fahrt in.

Gruic angenommen. Das neue Kabinet ist gestern ebildet worden und wie folgt zusammengeseßt: S imic Prä- dium, Aeußeres und interimistisch Finanzen, General

a e Bauten, Staatsrath Nikolajevic Jnneres, bersi Milovan Pavlovic Krieg, Hochschul - Professor

Lozanic Handel und Ackerbau, Hoch{cul-Pro essor Andra

Gjorgjewic Justiz und interimistisch Unterricht. Die serbi-

hen Gesandtschaften und Konsulate sowie die Kreispräfekten

wurden noch im Laufe der Nacht von der erfolgten Bildung des Kabinets Simic telegraphish verständigt.

Der radikale Kl ub beschloß, an den König eine Depu- tation zu entsenden, die ihm den Ernst der Situation aus- a P und jede Verantwortung für die Folgen ablehnen joll. Der König gab Gruic bekannt, er werde thn heute verständigen, wann er die Deputation empfangen werde.

Amêerika. s

Das NRepräsentantenhaus hat nah einer Meldung des „W. T. B.“ aus Washington einen Unterantrag zur Tarifvorlage angenommen, wonach Rohzucker und raffinierter Zucker auf die freie Liste gestellt werden.

Afrika.

Dem „Reuter'shen Bureau“ zufolge verlaute in Kairo, der Khedive werde, um den Zwischenfall zu beseitigen, der durh seine ungünstigen Bemerkungen über den Zustand der Qa Armee entstanden is, in einem Tagesbefehl seine

efriedigung über die egyptische Armee aussprechen und den Unter-Staatssekretär im Kriegs-Ministerium Yaher Pascha verabschieden.

Parlamentarische Nachrichten.

Die Schlußberichte über die gestrigen Sißungen des Reichstags und des Hauses der Abgeordneten befinden

‘fih in der Ersten Beilage.

Ihn der heutigen 34. Sißung des Reichstags, welcher der Staatssekretär Dr. von Boetticher beiwohnt, stehen zur ersten Berathung die von den Abgg. Dr. Lieber, Higze, Spahn (Zentr.), Langerfeldt und Gen. (fr. Ver.) eingebrachten Geseßentwürfe , betreffend die eingetragenen Berufs- vereine.

Nach § 1 der beiden gleichlautenden Entwürfe soll den *

Vereinen, welche die Förderung der Berufsinteressen und die Unterstüßung ihrer Mitglieder bezwecken, durch Eintragung in ein beim Amtsgericht zu führendes Vereinsregister die Rechts- fähigkeit verliehen werden.

Abg. Sva hn (Zentr.) verweist darauf, daß die beiden Anträge einfa eine Wiederholung des früher bereits vom Abg. Hirsch ein- gebrachten Entwurfs sind und diejenigen Verbesserungen auf- genommen haben, welche die vom vorigen Reichstag nieder- geseßte Kommission an den letzteren vorgenommen hat. Die Geseßgebung habe bis jeßt nur solhe Vereinigungen be- vorzugt, welWe Wirthschafts- und Geldinteressen Nachdem aber dur das geltende Recht die Staatsbürger in Bezug auf das Vereinigungsrecht an sich völlig gleichgestellt feien, müsse endlich auch dazu übergegangen werden, den Arbeitern und allen Berufsständen überhaupt die Verfolgung gemeinsamer Fah- und Berufeinteressen durch fördernde Akte der Geselgebung zu erleichtern, und diesem Zweck entsvrehe der vorliegende Entwurf. Zu den Einrichtungen, welche die Vereine in die Hand zu nehmen hätten, zählen beide Ent- würfe unentgeltlißhe Rechtsberathung und NRechts\{Wutz, Arbeitsnach- weisung und Unterstüßung bei Reisen, bei Arbeitslosigkeit, Strikes und Sperren, Förderung der Berufsbildung, Vorträge, Unter- rit, Fachshulen und dergleichen, Schieds- und Einigungeämter. Alle diese Einrichtungen follen auch auf die Familienangehörigen der Mitglieder ausgedehnt werden können. Die gegen die vorgeschlagene rechtilihe Gestaltung dieser Vereine, namentlich aus Bedenken über die Vermögensverwaltung und die Sicherung der Ansprüche der Vereinsmitglieder hergeleiteten Bedenken weist der Antragsteller kurz zurüd, ebenso die aus politischen Gründen gegen eine derartige Privi- legierung der Arbeitervereine erhobenen Anstände. : /

Abg. Ri ert (fr. Ver.) hat dieser Begründung nichts hinzu- zufügen und bittet angesichts des Umstandes, daß im vorigen Jahre eine gründlihe Kommissionsterathung stattgefunden, um die zweite Berathung im Plenum. ; i 18 -

Abg. Freiherr Heyl zu Herrnsheim (nl.) bestreitet, daß Handwerk und Landwirthschaft irgend ein Bedürfniß nah der hier vorgeschlagenen Organisation emvfinden würden; wäre dies der Fall, so würden fie andere Organisationen vorziehen. E3 handle sich also nur um die Gewerkvereine, die Fahh- vereine, kurz die Organisationen des Arbeiterstandes. Wenn man glaubt, daß in diesen neuen Vereinigungen die Pflege des Standesbewußtseins am zweckmäßigsten erfolgen könne, so sei er auch darin anderer Meinung. In der internationalen Arbeiterkonferenz von 1890 habe man deutscher- seits festgestellt, daß Deutschland keine Veranlassung habe, sih auf die Nachahmung der Trades Unions einzulassen. Man habe mit Recht ausgeführt, daß es ih dabei bloß um große Wahlverein'gungen handeln würde. Diese damalige Stellungnahme sei sehr s{nell dur die Ereignisse als richtig erwiesen worden: im Herbst v. J. haben die Trades Unions auf ihrem Kongreß in Belfast das sozialdemo- fratische Programm angenommen.

(Schluß des Blattes.)

Jn der heutigen 4. Sißungsdes Hauses der Abgeord- neten, welcher ber Justiz - Mimster Dr. von Schelling, der Finanz-Minister Dr. Miquel und der Minister der öffent- lihen Arbeiten Thielen beiwohnen, wird die erste Berathung des Staatshaushalts-Etats für 1894/95 fortgeseßt.

_ Abg. von Kroecher (kons.) erklärt, daß er nicht im Namen seiner Freunde, sondern nur für feine Person sprechen wolle. Was zunächst die onale des Neichs betreffe, so habe Graf Limburg niht einen Reichs- Finanz-Minister verlangt, fendern nur eine größere Einwirkung der Einzelstaaten auf das Reih. Wenn er (Redner) sich jest zu Herrn Rickert's Aeußerungen wende, fo geschehe das nit, weil er ihm eine große Bedeutung als Politiker und als Parteiführer zuschreibe, sondern um einige Be- merkungen daran zu knüpfen, die sons gesucht erscheinen würden. Herr Rickert, fährt Redner fort, wirft der rechten Seite vor, daß sie zu viel Reichstagsreden hier halte; er antwortete aber in ausgiebigem Maße auf diese Reichstagsreden, ja vielleicht mehr als der Angriff eigentlich nöthig machte. Herr Rickert meinte ferner, nicht bloß die Landwirthe litten noth, fondern auch die Arbeiter. Das ist richtig; das ist eben der Beweis dafür, daß das Sprihwort rihtig ist: Hat der Bauer Geld, hat’s die ganze Welt! Herr Riert wirft uns vor, daß die Landwirthe Staatshilfe verlangen, während die Rheder und die Kaufleute zu stolz dazu seien. Wenn man _ etwas hat, ist es leicht, stolz zu sein; wenn man nichts mehr hat, ift der Stolz vorbei. Uebrigens verlangen wir vom Staat weiter nihts als gleiches Recht. Die Aufhebung der Grundsteuer ist durhaus keine Vergünstigung für die Landwirthe, sondern schafft nur eine Doppelbesteuerung aus der

elt. Herr Rickert meint, die vielen Klagen würden den Kredit ver- derben. Das wäre vielleicht niht so übel, - denn vor vierzig Jahren haben fih die Landwirthe doch nur verschuldet, weil man ihnen fo leiht Kredit gab. Herr Rickert behauptet, daß wir nur durh das Dreiklassen - Wahlsystem so stark hier vertreten seien. Vor einigen Jahren prophezeite Herr Rickert, daß

verfolgten. -

wir. nicht mehr fo stark wiederfkommen „würden. Herx Rickert verweist auf die Urwahlstatistik. Aus meinem Wahlkreise weiß ih, daß die konservativen Wahlmänner überall einstimmig gewählt sind, und da in den übrigen Wahlkreisen die Zahl der konservativen Wahlmänner zugenommen hat, so wird es da auch nit so s{limm stehen. Daß wir auf dem Boden des Erlasses vom 4. Januar 1882 stehen, hat Graf Limburg {hon dargelegt. Wenn konservative Be- amte von der Negierung gemaßregelt worden sind, ift in der konser- vativen Presse“ niemals darüber ein Ton des Widerspruchs laut geworden. Die Konservativen follen ausgerufen haben: Fort mit Caprivi! Wir halten das nicht für rihtig, nicht für fonservativ. Aber, wenn der Ruf ergangen ist, und wir desavouieren ihn, so können wir eben nicht mehr thun. Unzufriedenheit sollen wir erregen dadur, daß wir auf Dinge aufmerksam machen, Thatsachen konstatieren, welhe Unzufriedenheit erregen. Die Freisinnigen find aber mit der Erregung von Unzufriedenheit mindestens ebensoweit ge- Que wie -wir; aber die Leute lassen _sich von Herrn

ickdert und seinen Freunden niht mehr zur Unzufriedenheit aufreizen. Herr Rickert meinte, daß das Kultus-Ministerium bei uns mindestens ebenso mächtig wäre wie der General-Postmeister. Davon ist mir nichts bekannt. Das Kultus-Ministerium hat einige Dispositions- fonds mehr; aber wenn es einen Bau ausführen will, muß es ebenso wie jedes andere Ressort mit dem Finanz-Minister verhandeln. Graf

Limburg ift mindestens ebenso sparsam wie Herr Rickert; ja jeder

von uns würde vielleiht noch sparsamer sein, wenn er im Reichstag gesessen hätte, als Herr Rickert durch Zustimmung zu den Handelsverträgen auf sichere Cinnahmen für das Reich ver- zihtete. Eine schnelle Eisenbahnfahrt z. B. von Berlin nah Ham- burg, wobei man nur in Wittenberge hält, ift ja sehr angenehm, aber die Strecke Berlin—Hamburg hat davon nur wenig, nur die beiden Endpunkte freuen sich darüber; deshalb glaube ich, daß man hierbei sparen könnte. Bei der Währungsfrage wollen wir nah Herrn Ridckert nur unsere Schulden vermindern auf Kosten der Gläubiger. Durh die Goldwährung sind eben unsere Schulden zu unseren Ungunsten wver- mehrt worden, und das foll redressiert werden. Daß die Getreide- preise beim Abschluß des russischen Handelsvertrags steigen werden, ist möglich; aber das wird nur vorübergehend fein, und jedenfalls werden die Landwirthe dann, wie immer, wenn die Preise steigen, nichts mehr zu verkaufen haben. Herr Richter warnt uns vor Hyperloyalität ; wir sind immer loyal gewesen und werden es immer bleiben.

Abg. von Eynern (nl.): Ich freue mich, daß dur die Rede des Finanz-Ministers sich die dunHlen Wolken des Pessimismus etwas gelihtet haben. Er hat die Grundlagen der Finanzen als gute an' erkannt. Dadurch wird ih ja der Kurs der Staats- und Neichs- anleihen, über defsen niedrigen Stand sich gestern Graf Posadowsky in der Steuerkommission des Reichstags beklagte, wohl heben. Veber die thesaurierten Beträge will ih nicht sprechen; diese Beträge fallen erf am 1. April 1895 zur Staatskasse. Ob das Defizit daraus gedeckt wird oder aus einer befonderen Anleihe, ift ziemli gleichgültig. Wir sind niht der Anschauung, daß die Abgrenzung der allgemeinen Finanzen von denen der Eisenbahnen der Aus- einandersezung der Einzelstaaten mit dem Reich folgen muß. Wir wünschen die erstere Regelung sehr beschleunigt zu schen. Die Eisenbahnverwaltung wird uns auch größere Einnahmen zu verschaffen wissen, indem sie es fertig bringt, daß "das Gegen- einanderarbeiten der vershiedenen Verwaltungen in Preußen und im Neich aufhört. Ferner wünschen wir, daß die deutsden Aufträge wieder mehr im Inlande vergeben werden, nicht nah Belgien. Das ging sogar so weit, daß unsere Marine mit englischWen Kohlen fuhr, wodurch die Eisenbahn große Frachtbeträge verlor. Nur bei uns herrscht ein folher Tosmopolitisher Sinn; die Folge davon ist die zunehmende Arbeitslosigkeit und die Ermäßigung der Rente dex Unternehmungen. Für die Herstellung von 1000 kg Sienen if eine Bewegung von 10000 kg auf den Eisenbahnen erforderlich. Wird im Auslande bestellt, so geht der inländischen Arbeit sehr viel verloren. Zum Nord-Ostsece-Kanal werden \chwedishe Granitblöcke verwendet, während wir dieselben ebenso gut im Fichtelgebirge haben. Die Ersparnisse des Reichs werden auf- ewogen dur den Verlust an Eisenbahnfrachten. Wenn die preußische

egierung dahin wirkt, daß in den andern Einzelstaaten die Praxis beseitigt wird, daß die preußischen Werke dort auch als ausländische Werke gelten, so könnte unser Nationalgefühl dadurch gewinnen. Wenn ferner dafür gesorgt würde, daß die Grubenhölzer aus den Wäldern öfstlich von Berlin nah dem Wesien kommen können, fo würde das für unsere Bergwerke und für die Forstverwaltung nicht ohne Bedeutung sein. Herr Richter berichtet in seiner „Freisinnigen Zeitung“ von der Gereiztheit des Finanz - Ministers im Reichs- tag. Wir haben wohl font nich:s davon gemerkt; ein Anlaß zur Gereiztheit liegt auch nicht vor, denn der Finanz-Minister weiß, daß die Eiche nit schon auf den ersten Streich fällt. Kommt die Reform jeßt nicht zu stande, so wird das im nächsten Jahre ge- \{hehen. Welche neuen Steuern hat man im Reichstag ausgedacht ? Reichseinkommenfsteuer, Reichéerbschastsfteuer, Wehrsteuer u. f. w.; aber man hat dabei übersehen, daß eine reinlihe Scheidung eingetreten ist, daß dem Reich die indirekten, den Einzelstaaten die direkten Steuern gehören. Der Ge foll sein Wort nicht gehalten haben; ist denn der Taback, der in Deutschland in Zukunft nur 2 A. pro Kopf Steuer tragen soll, während die Steuer in Spanien 5 M beträgt, fein leistungsfähiges Steuerobjekt? Unser Fraftions- genosse Weber-Heidelberg hat die Agitation gegen die Mehrbesteuerung des Tabas eine jämmerliche genannt. Die verbündeten Regierungkn sollten sich nicht beirren lassen weder bei der Tabasteuer noch bei der Weinsteuer. Wenn Herr Nickert andere Steuervorschläge gemacht hat, von denen er weiß, daß sie keine Aussicht haben, durchzugehen, so verhält er sich nur negativ wie Herx Richter. Wenn er auf die Matrifularbeiträge verweist, so bedeutet das nur einen Zuschlag zur Einkommensteuer. Ueber 3020 4 Einkommen haben nur 316 000 Zensiten; die übrigen, die große Masse, welche den Haupttheil der Steuer aufbringt, also bis in die Kreise der Arbeiter hinunter, würden dur diese Zuschläge belastet werden. Das entspricht niht den Versprehungen des Grafen Caprivi. Und werden sih denn die Landtage bereit finden lassen, die inneren Steuern zu vermehren für MReichszwecke? Herr Rickert wird hier mit seinen sechs8 Freunden allen übrigen It zusammen gegenüberstehen. Die Finanzreform, das muß fe S werden, wird vom ¡preußischen Landtag nicht zurückgewiesen. Andere CGinzelstaaten haben ihre Reservatrehte, Bayern z. B. seinen Malzaufslag ; fie können gut Zuschläge zur Einkommensteuer verlangen, während bei uns die Einkommensteuer {hon durch die Gemeinden befon- ders belastet ist, fodaß man dafür sorgen zu müssen glaubt, den Gemeinden indirekte Steuerquellen zu eröffnen. Hoffent- lich hat der Finanz - Minister die vom Hause verlangten Verhandlungen mit den anderen deutschen Staaten wegen der Beseitigung der vertragsmäßigen Beschränkungen der Bier- und Weinsteuer {hon eingeleitet. Der Finanz-Minister meifite, bei der Ausführung des L O würden die Gemeinden wahr- \cheinlih ein gutes Geschäft machen. Das verstehe ih nicht. Die Städte müssen ja doch den geseßlich vorgeschriebenen S Dernd leisten, den sie früher leisteten. Vielleicht wollte der Finanz-Minister nur darauf vorbereiten, daß der Beitrag, den Berlin mit 1,50 (A pro Kopf ahlt, ein zu niedriger is gegenüber den großen Kosten, welche entstehen. Die Einkommensteuer is etwas zurückgegangen. Wenn man das ab- rechnet, was einkommt aus der neuen Bestezerung der Aktiengesell- schaften und aus der Erhöhung der Steuer in den obersten Stufen von 3 auf 49/0, so ergiebt sich nur eine Mehreinnahme von 15 Millionen gegenüber dem leßten Jahre vor Erlaß des A nergelenes : dabei sind die gesteigerten Ver- anlagungskosten no% nicht in Betracht gezogen. Das sind die Ergebnisse einer Gesetzgebung, von welher man annahm, daß die Selbsteinshäßung auf Treu und Glauben die R cinfah machen werde. Aber mit dieser Selbsteinshäßung begndas sich ja die Bureaukratie niht. Sie belästigt die Steuerzahler mit allerlei Anfragen, die in die Verhältnisse eindringen, sodaß man ihner nur genügen könnte, wenn man eine vollständige Bilanz vorlegte. Da es

Hexrn Eugen Richter als Impresario gewonnen.

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nicht gelungen ist, die Geheimhaltung der Steuerveranlagung herbei- zuführen, fodaß man die Steuerverhältnisse jedes einzelnen genau er- Éennen tann, ist es da nicht begreiflih, daß die Unzufriedenheit wächst ? Ich komme nun zur Schürung der Unzufriedenheit durch den Bund der Landwirthe. Mir fällt dabei der verstorbene Herr von Meyer ein, der einmal sagte: Die Konservativen hätten eine Niederlage erlitten, weil sie noch nichb fo gut agitieren könnten, wie die Fortschrittler ; aber sie würden es lernen. Der Bund der Landwirthe hat es ge- Lernt, sodaß ih beinahe auf den Gedanken gekommen wäre, er Hätte 1 é Die Noth der Landwirthschaft is nit überall zu bemerken. Im Westen Ens sind doch noch ziemlich gesunde Verhältnisse vor- zanden. Der kleinere Grundbesig, der seine Erzeugnisse zum größten Theil felbst verzehrt, wird fkonkurrenzfähig bleiben. Herr von Kröcher hat im worigen Jahre die a Groß- grundbesißes geschildert. Wenn es wirklich so an Kapîtäl mangelt, daß die Kultur großer Bodenflähhen darunter leidet, dann if das eine bedenklihe Erscheinung. Es muß darauf gesehen werden, daß die Landwirthschaft in kapitalkräftige Hände kommt. Die Re- gierung macht jeßt bestimmte Vorschläge, und nun wird es für die Agrarier heißen : hic Rhodus, hic salta! Der Fragebogen, den Sie uns vorgelegt haben (die Interpellation von Kröcher, \. Nr. 20 d. Bl.), den Sie vielleiht selbst nicht beantworten können, wird nit ausreihen. Wir müssen praktishere Vorschläge fordern. Mit den Landwirthschaftzkammern sind wir im großen und ganzen ein- verstanden, obwohl damit ein \{chwerfälliger Apparat geschaffen wird. üFedoch eins möchte ich bemerken: Wir haben die Handelskammern ; aber daneben bestehen die freigebildeten Vereine der Industrie und des Handels, die viel mehr gewirït haben, als die Handels- kammern, weil sie” viel mehr- Agitationskraft besißen. Was die Verwandlung der kündbaren Hypothekenschuld in eine unkünd- bare Rentenshuld bedeuten soll, verstehe ih nicht. Unkündbare, also Amortisationsrenten, sind doch nur zu höheren Zinsen zu haben, deren Höhe sich nah dem jeweiligen Markte richtet. Es könnte alfo die Aenderung nur eine Verschlehterung unseres Hypothekenmarktes herbeiführen. Auf die Währungsfrage gehe ih nit ein, weil darüber cine Untersuhung angestellt werden foll. Die Regierung giebt sich nah der Auslassung des Herrn von Heyden im Herrenhause der Hoffnung hin, daß sie auf die Silberpreise einwirken könnte. Bei den wirthschaftlihen Fragen wollen wir nicht vergessen, den Blick auf das Ganze zu werfen. Handel, Industrie und Landwirthschaft follen auch in der gegenwärtigen Legislaturperiode im rihtigen Ausgleich behandelt werden. Wir würden uns freuen, wenn sih die Nachricht bestätigt, die das ganze Volk mit Freude erfüllt hat, daß Fürst Bismarck nach Berlin kommen wird, um den Kaiserlichen Herrn zu begrüßen. Wir- hoffen, daß dadurch manche Wirrnisse beseitigt werden, die in der leßten Zeit aufgetaucht sind.

Bei Schluß des Blattes \priht der Abg: von Kar- dorff (fr. kons.).

Die VI. Kommission des Neichstags trat heute unter dem Vorsiß des Abg. Dr. Hammacher zusammen, um das Ueber- einkommen mit der Schweiz, betr.- den gegenseitigen Patent-, Muster-“ und Ce zu verathen. Nach längerer Debatte wurden die ersten drei Artikel unverändert ange- nommen, ebenso nah unwesentliher Debatte die übrigen Artikel. Sließlih wurde auch das Uebereinkommen im ganzen fast ein- stimmig angenommen. Abg. Dr. P aasche wird dem Plenum shrift- lichen Bericht erstatten.

Das Verzeichniß des Gesammtvorstandes und der Mitglieder des Hauses der Abgeordneten ist mit dem gestrigen Tage ab- geschlossen worden und nunmehr im Druck erschienen. Beigefügt ist eine, nah Provinzen und Wahlbezirken geordnete Nahweisung der Mitglieder des Hauses.

Der frühere Bureau-Direktor des Reichstags, Geheime Kanzlei-Rath Bernhard Happel ist in der vergangenen Nacht im 82. Lebensjahre nah kurzem Leiden verschieden. Er gehörte ursprünglih als Beamter dem Königlichen Kriegs- Ministerium an, wurde in den ersten vereinigten Landtag 1847, später in die Nationalversammlung als Bureaubeamter und dann im Jahre 1850 in das Abgeordnetenhaus berufen, welhem cr bis zu seiner Ernennung zum Bureau-Direktor des Reichstags im Jahre 1872, zulegt als Bureau- Gh anacore. M Det 1809 al & Que seinem Amt zurückE und wurde . vom 1. Mai 1880 ab in der ehrenvollsten Weise in den Ruhestand versezt. Vierzehn Jahre hat der Geheime Känzlei-Rath Happel , der mit reichen Auszeichnungen von seinen Königen, den deutshen und fremden Fürsten geshmückt worden war und in allen Kreisen die größte Hochachtung und Anerkennung gefunden hat, die Ruhe ge- nossen, die ihm nah einem shweren, arbeitsvollen und geseg- neten Leben, wiè es der Verewigte genossen hatte, gebührte. Sein Nachfolger im Amt war sein Freund und Amtsgenosse, der Geheime Vegièrungs-Nih Kna.

Verdingungen im Auslande.

Italien. /

29, Januar, 11 Uhr. Stadtrath von Nocera Inseriore (Salerno): Errichtung einer Wasserleitung. Voranschlag 229 506 Fr. Kaution 12 500 Fr. Ausführungsfrist 14 Monate.

Rumänien.

12. Februar. Magistrat zu Vaslui. O Kostenvoranschlag 99 000 Lei. Stelle.

14. März. Verwaltung des St. Spiridon - Stifts Jassy. Bauunternehmung eines Kurhauses im Badeorte Slanic. Kosten- voranshlaag 350000 Lei. Kaution 17 500 Lei. Näheres an Ort und Stelle.

Bulgarien.

27. Januar, 10 Uhr. Kriegs-Ministerium in Sofia: Lieferung von 80 000 m Leinwand für Blousen, 100 000 m Hanfleinwand für Futter, 150 000 m Kattun für Hemden, 1200 m rothem Tuch, 300 m weißem Tuch, 100 m gelbem Tuch, 200 m Karmoisin-Tuch, 300 m olivgrünem Tuch. Definitiver Buscgag am 1. Februar. Die erste Ausschreibung am 27. Dezember v. J. verlief ohne Resultat.

Dänemark.

31. Januar, 1 Uhr. Staatsbahn - Verwaltung (Maskinafde- lingens Contoir, Colbjörnsensgade No. 6) Kopenhagen.

Lieferung von: h

ca. 6400 Kubikfuß Eichenholz, 2350 Stück Planken von Fichtenholz, 6000 Brebtern 4 f 300 Planken pitch-pine, U ù Ia yolh 20 5 y appelholz,

Du ADOERYola 50 Rollen Dachpappe. Bedingungen und Angebots - Formulare an Ort und Stelle und beim „Reichs-Anzeiger“ (in dänischer Sprache). Egypten. : Kriegs - Ministerium in Kairo:

Bauunternehmung der Näheres an Ort und

29. Januar. Lieferung von

21 000 Sâden.

12. Februar. b des Hafens von Alexandrien in Kairo: Lieferung von 10 Schwellen. Kaution 60 Lrft. E.

Verwaltung der Eisenbahnen, der Telegraphen und etchenen