1894 / 37 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

E E E I P E N

n von 1340 Millionen auf 3000 Millionen gehoben; die Zahl der täglihen Postverbindungen ift in derselben Zeit von 3300 auf 22 000, die Länge der Telegraphenleitungen von 213 000 km auf 380 000 km und die Zahl der Postanstalten das if für die Zentralverwaltung sehr wesentli, denn sie machen viel Arbeit von 7540 auf 25 092 gestiegen. Die Zahl der Telegraphenanstalten ift von 8400 auf 12 438 gewachsen. Während also die Zentralverwaliung im Jahre 1880 16 000 Betriebsanftalten unter sich hatte, stehen gegenwärtig 37 500 Anstalten, Post- und Telegraphenanstalten zusammen, unter ihrer Ein- wirkung. Im Jahre 1880 betrug die Kopfzahl des Personals 36 000 und ist jeßt, also innerhalb 14 Jahren, bereits auf 145 000 gestiegen. Daß dadur die Verwaltung im höchsten Maße erweitert worden ift, bedarf feiner weiteren Begründung. Was dann die Zentralbehörde betrifft, so ist die Anzahl ihrer Räthe eine sehr bedeutende im Vergleich zu anderen Reichs- und preußishen Verwaltungen. Sie zählt gegenwärtig im Kollegium 24 Mitglieder, darunter 19 vor- tragende Räthe und 5 Hilfsarbeiter. Sie steht mit dieser Zahl unter den obersten Reichsbehörden an zweiter Stelle das Auswärtige Amt nimmt die erste Stelle ein und ist auch mehreren preußischen Verwaltungen, denen bereits Unter-Staatsfekretäre zugetheilt sind, voran. Die Zahl der Journalnummern des Reichs-Postamts belief sich im Fahre 1880 auf 128 620 und beträgt jeßt 184 471; also im Iahre 1880 tägli 352, im Jahre 1892 aber 506. Das Personal, welches der Zentralverwaltung angehört, bezw. direkt unter ihr steht, belief sih im Jahre 1880 auf 475 und im Jahre 1892 auf 674 Personen. Um die Herren unterbringen zu können, stellten wir eben einen großen Bau her. :

Es find nun folgende Bureaux im Reihs-Postamt vorhanden : einmal das Zentralbureau beim Staatssekretär, wo \ch{ließlich alle Sachen sich wie die Nervenstränge im Gehirn zusammenfinden; es feblen aber die Ganglienknoten dazu, deshalb müssen wir einen Unter- Staatésekretär haben. Sodann das Personalbureau, das die allge- meinen Personalien von 145 000 Köpfen und die speziellen Personalien von den Beamten bis zum Ober-Postsekretär abwärts zu bearbeiten bat. Weiter das Dezernat für Etats- und Rechnungswesen. Unfer Etat hat 300 Millionen etatsmäßige Einnahmen und 280 Millionen etats- mäßige Ausgaben und 6000 Millionen nicht etatémäßige Berechnungen. Da können Sie sich denken, was in diesem Bureau für Arbeit ift. Dann das Bureau für das Kurswesen, wo die sämmtlichen Verbindungen im Eisenbahnverkehr, im Dampfschiffsverkehr und die sämmtlichen Land- postverbindungen in allen Provinzen vom Schwarzwald bis zu den Sümyfen Masurens, sowie die ganzen mit dem Postwagenbau zu- fammenhängenden Dinge zu regeln sind. Diese sind sehr vielseitig ; wir haben erst in den leßten Tagen einen neuen Fortschritt gemacht, indem wir die Bahnpostwagen mit großem Erfolge zur elektrischen Beleuchtung eingerichtet haben. Ich habe mir das erst neulich auf einer Route in der Naht angesehen, und ih muß sagen, es ist ein großer Fortschritt; aber es hat eine Zeit von 3—4 Jahren gekostet, ehe wir hierin so weit gekommen find. Dann nenne ich das Dezernat für das gesammte Landpostwesen, wozu die Reformen im Landbriefträger- dienst gehören, und das Dezernat der Postdampfschiffe, der Kolonial- und Seepaßbureaux. Ein Dezernat besteht für Beschwerden, Ersatz- und Untersuchungssachen, die nicht gering sind; das werden Sie {on aus den Beschwerden \{ließen, die man hier zu hören die Freude hat (Heiterkeit), und man fann sih denken, was von einem Publikum von 50 Millionen Menschen für Beschwerden zu uns kommen. Ein weiteres Dezernat ift das für Disziplinarsachen, Rechtsstreitigkeiten und Justizsachen. Das RVerordnungsbureau ist es, von welhem das Exerzierreglement, also die Instruktionen für die ganze Armee von Beamten und für diese äußerst verwickelten Betriebe der Post und Telegrapbie erlassen werden. Dann ist dort ein besonderes Bureau für Telegraphenwefen, wo alles hineingehört, was mit der Konstruktion der Telegraphen zusammen- hängt. Wir brauchen alle Fahr über 100000 Stämme aus den deutschen Wäldern, Millicnen Kilogramm Eisendraht und Millionen von Isolatoren; alle diese Lieferungêverträge werden dort abgeslofsen. Dann kommt das Dezernat für das Fernsprechwesen, dann das Tele- gravhen-Ingenieurbureau, wo tüchtige Gelehrte angestellt sind, die ih ledigli mit der Prüfung der neuen Erfindungen und Verbesserungen auf eleftrotechnischem Gebiet zu beshäftigen haben; wir aber müssen dann vrüfen, was das für den tehnischen Gebrauch Geeigneteste ift, denn dieser Gesichtspunkt ist ja den Gelehrten nicht immer ganz gegen- wärtig. (Heiterkeit.)

Im weiteren gehört zur Zentralbehörde eine Telegraphen- apvarat-Werkstatt, wo 54 Köpfe beschäftigt sind und wo neben der Herstellung und Verbesserung von Apparaten auch Neuerungen ver- suht werden; dann die Post- und Telegraphenshule, wo mehrere Mitglieder des Reichs-Postamts und eine Anzahl von Professoren Vorlesungen über Handelsgeographie, Physik, Chemie und sonstige Naturwissenshaften balten. Ferner werden gelehrt Staatswifssen- schaften, Finanz-, Justiz-Verfassungswesen, internationales Verkehrs- wesen, außerdem Völkerreht, Staatsreht, kurz alles, was mit dem internationalen Wesen der Post und Telegraphie zusammenhängt. Dann haben wir tas Bureau für die gesammten ausländischen Verhält- nisse, in welchem täglich ein ganz außerordentlicher Verkehr herrscht. Dann das Postbauwesen, dessen Bedeutung ih Ihnen niht auszuführen brauche. Sie haben oft mit Mißvergnügen aus dem Etat gesehen, wie viele Bauten unterne:nmen werden müssen, und wie außerordent- li groß gerade dieser Verwaltungszweig ist. Dann das Amt für die Postanweisungen es zählt 100 Köpfe und das Postzeitungs- amt, das auch direft unter der Oberbehörde steht und 255 Beamte 2. beschäftigt und heute mit 5000 Anstalten im gesammten In- und Auslande im direkten Zeitungsverkehr abrehnet. Dann ift da das Postzeugamt, wo das Inventarienwesen, das Uniformwesen und der- gleichen behandelt wird; endlih die Reichsdruckerei, die ich bereits

TucfifaTe, die aud direft unter der obersten

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- Verwaltung steht und bei der es sich um den Umsaß von vielen

Milliarden handelt. Das if ungefähr der Zustand, in dem wir uns befinden, die Arbeitslast, die wir zu bewältigen haben. Sie werden ih hoffentliß überzeugen, daß dies für eine Kraft, und wenn sie auch viel Erfahrung haben mag das ist vielleicht das Einzige, was ich für mich anführen fann zu viel ist, daß sie doch niht im stande ist, auf die Dauer diese großartige Geschäfts- zusammenfassung weiter vorzunehmen, alle Gebiete fo zu beherrschen, daß man in jedem Moment Rede stehen fann. Es ist in cinem großen Schrifiwechsel mit dem Auslande die Stellung zu behaupten, die Ansehen giebt und Einfluß verleiht, um etwas im Interesse der ganzen Nation durchzusezen. Sie können sih dem doch nicht verschlicßen, daß das in der That für eine Kraft sehr viel ist.

Ich will Ihnen zum Schluß noch verrathen, daß im Bundes- rath, als wir diese Vorlage brachten, auch einige Bedenken vor- banden waren, ob es an der Zeit und nothwendig sei, sie zu genehmigen. Es if dann eine ganz genaue Prüfung der Ver- hältnisse vorgenommen worden, und das Ergebniß ift gewesen, daß

die Herren Mitglieder des Bundesraths sich obne Ausnahme über-

zeugt haben, daß die Forderung nothwendig ist zur Wahrung der

wichtigsten Interessen des öffentlihen Verkehrs und der Wohlfahrt der ganzen Nation; auch der Wohlfahrt der Beamten, von denen hier so viel die Rede gewesen ift. Am zweckmäßigsten ist der Weg, den wir hier vorgeshlagen haben : die Umwandlung der Direktorstelle in die eines Unier-Staatssekretärs. Es ist das vorläufig das Zweck- mäßigfste und Billigste, trägt mithin der augenblicklichen finanziellen Lage des Reichs Nechnung.

Meine Herren, ih sehe ja ein, daß diese meine Ausführungen Sie nit umftimmen werden, aber ih habe es für meine Pflicht ge- halten, den hohen Reichstag davon zu überzeugen, daß die Bundes- regierungen nit so leihten Herzens an einen solchen Vorschlag gehen, daß Fie vorher gründlih geprüft baben, daß ihr Vorschlag auf sah- lihen Erwägungen und auf voller Kenntniß der Verhältnisse beruht, und daß es sich nicht um irgend welhe persönliche Rücksichten, um Gehalt oder Stellung eines Beamten handelt ich weiß zur Zeit nicht mal, wen Seine Majestät der Kaiser zu der Stellung bestimmen wird. Es handelt \sih also um eine sachliche Nothwenkigkeit, um ein dringendes Bedürfniß des Verkehrs im Interesse des Wohles des Vaterlandes. 5

Abg. von Leipziger (dkons.): Der Standpunkt der Kommission ist auch der meiner politishen Freunde. Wir erkennen die großen Leistungen des Staatssekretärs Dr. von Stephan an und verwahren uns entschieden gegen die ihm vom Abg. Dr. Schoenlank gemachten Vorwürfe. Aber wir können den mehrgeforderten Unter-Staats- sekretär diesmal nit bewilligen. Wir werden übrigens für die Post- verwaltung nur dann weitere höhere Beamte bewilligen, wenn deren Verhältnisse analog denjenigen der in Preußen angestellten Beamten geregelt werden. Vielleicht ermöglicht uns die Finanzlage des Reichs im auen Jahre, die Stelle zu bewilligen. Mit der vom Abg. Gröber beantragten Streichung des neugeforderten vortragenden Raths sind wir nicht einverstanden. Wir erkennen die Steigerung des Betriebes seit 1875 an, aber es ist dementsprechend ja auch eine große Vermehrung der Beamten eingetreten. Der Staatssekretär wird fich bis zum nächsten Jahre helfen können. : -

_Abg. von Kardorff (Rp.): Wenn es sich um eine nothwendige Personalvermehrung handelt, werden wir diefelbe bewilligen. Aus diesem Grunde werden wir den vortragenden Rath bewilligen, aber niht den Unter-Staatssekretär, dessen Bewilligung im nächsten Jahre wir uns vorbehalten. ,

Abg. Gröber (Zentr.): Auch mit der Bewilligung des vor- tragenden Raths tritt keine Perfonalvermehrung ein, es wird nur die Stelle eines Hilfsarbeiters in die eines vortragenden Raths umgeändert. Erst 1892 ist ein neuer vortragender Rath be- willigt und ein dringendes Bedürfniß dazu dürfte jeßt nicht vor- handen sein. Es handelt sich hier nicht um eine prinzipielle, sondern um eine rein praftishe Geldfrage; keineswegs liegen fertige Fraktionsbes{lüsse vor. Den Fraftionszwang kennen wir niht. Cs fehlt angeblich an einer zweiten Instanz im Falle der Erkrankung und Beurlaubung des Staatsfefretärs. Wenn das ein Fehler wäre, bâtte er {hon seit vielen Jahren bestanden. _Auch einen weiteren Direktor würde man dem Staatssekretär an Stelle eines Unterstaatssekretärs nicht bewilligt haben. Eine Begründung der Unterstaatssekretärstelle ift niht geliefert; wenn die Geschäfte sich geigert haben, braucht man mehr Personal, aber niht höheres

ehalt.

__ Abg. Dr. Müller - Sagan (fr. Volfêp.): Wenn der Staats- sekretär mir vorwarf, daß ih durch meine Ausführungen das An- sehen Deutschlands im Auslande geschädigt habe, so hätte er eine derartige Behauptung doch mit einem Worte begründen sollen. Man braucht wirklich noch nicht lange dem Reichstag anzugehören, um Worte wie Fraktionsterrorismus, Schädigung des Ansehens Deutsch- lands im Auslande u. st. w. {hon sehr stereotyp zu finden. Der Staatssekretär hat seine Rede als Sisyphusarbeit bezeichnet. Das ganze große Blendwerk von Zahlen, oder ich will sagen, diese ver- blüffenden Zahlen des Staatssekretärs waren mehr geeignet, die Ein- stellung neuer Arbeitskräfte als berechtigt ersheinen zu laffen, als die Anstellung eines Unter-Staatssekretärs statt cines Direktors. In den übrigen Etats ist das Verhältniß zwischen Hilfsarbeitern und vortragenden Räthen und Direktoren lange nicht fo un- günstig wie gerade bei der Postverwaltung. Dér Staatssekretär muß nachweisen, daß ein Direktor als Unter-Staatssekretär ihn mehr entlastet als ein Direktor als solcher. Auch kann ein Unter- Staatssekretär doch wohl nicht für den Staatssekretär in Vertretung des Reichskanzlers zeichnen.

Staatssekretär Dr. von Stephan:

Ich möchte nur in Beziehung auf die erste Bemerkung des Herrn Abgeordneten erwidern, daß ih nicht das Ansehen Deutschlands ge- meint habe das versteht sich ja von selbs —, sondern nur das Ansehen der deutshen Reichs-Postverwaltung.

Zweitens habe ih nicht davon gesprochen, daß meine Rede eine Sisyphusarbeit sein würde was meine Reden sind, das ist mir überhaupt ganz egal, ih habe dieselben noch niemals charafkterisiert —, gesagt habe i, es wäre eine Sisyphusarbeit, es zu übernehmen, hier gegenüber den festgelegten Stimmungen der einzelnen Fraftionen die Position durchzubringen. Mit weit größerem MRecht könnte ih, wenn ich emypfindlißer Natur wäre was Dank meiner pommershen Haut nicht der Fall is —, da- gegen Verwahrung einlegen, daß von einem Blendwerk der Zablen, die ih vorgeführt habe, gesprohen wird: das ift durhaus nicht der Fall. Ich denke: das wird sich der Herr Redner das nächste Mal überlegen, ehe er über positive Zahlen, die ih hier vorlege, solhe Worte gebrauht. (Unruhe links.)

Was die leßte Bemerkung betrifft, so kann ih dem Abgeordneten nur sagen, daß er immer noch nit den eigentlihen Gegenstand ver- standen hat. Ein Direktor kann nicht mit der Vertretung des Staats- sekretärs beauftragt werden, weil er teine andere Stellung hat als die beiden anderen Direktoren ; es müßte vielmehr jeder einzelne der drei für seine Abtheilung mit der Vertretung beauftragt werden und dann tritt das ein, was ih gerade vermieden wünsche, nämlich eine Zersplitterung, während eine Zentralinstanz eine Zusammenfassung bringt, die sih als nothwendig erwiesen hat.

Vize-Präsident Dr. Bür klin: Jch hätte den Ausdruck „Blend- werk“ als parlamentarisch nit zulässig gerügt, wenn der Redner ihn nicht selbst dur die unmittelbar folgende Bemerkung, daß die Zahlen etwas Verblüffendes hätten, rektifiziert hätte. Unter diesen Umständen kann wohl eine beleidigende Absicht nicht konstatiert werden.

Staatssekretär Dr. von Stephan:

Wenn der Herr Abgeordnete Dr. Müller seinen Ausdruck {on dahin, daß die Zahlen etwas Verblüffendes gehabt hätten, geändert hat so bin ich damit vollständig einverstanden. (Heiterkeit.)

Die Umwandlung der Stelle cines Direktors in die eines Unter-Staatssekretärs wird, entsprehend dem Antrage der

Budgetkommission, einstimmig abgelehnt: darüber hinaus beschließt das Haus auch noch entsprehend dem Antrag Gröber, die Umwandlung der Stelle eines Hilfsarbeiters in eine Raths- stelle abzulehnen.

Bei den Ausgaben für die mittleren Beamten (expedierende Sekretäre, Registratoren 2c.) beantragt die Kommission folgende Refolution: E

„Den Reichskanzler zu ersuchen, bei der Aufstellung des nächstjährigen Etats für die Berehnung der Gehälter der mittleren Beamten der Post- und Telegraphenverwaltung das System der Dienstalterszulagen durhzuführen und auch für die unteren Beamten die alsbaldige Durchführung in Ausficht zu nehmen, dabei indeß dafür Sorge zu tragen, daß für dieselben eine Schädigung gegen die bisherigen Bezüge nicht eintritt.*“ :

Aba, Singer (Soz.) erklärt, daß er, auf die Gefahr hin, das Ansehen der Postverwaltung zu shädigen, für die Dienstaltersstufen eintrete, da die Beamten selbst dasfelbe für durchführbar und vor- theilhaft halten. Allerdings müsse man damit brehen, daß die Be- amten nach Laune und Willkür früher oder später angestellt werden. (Vizepräsident Dr. Bürklin rügt den Auëdruck „Laune und Willkür*“.) Die Postbeamten sind unzufrieden, sie kommen mit Klagen gerade an uns, weil sie bei uns allein das Verständniß und den Willen finden (Widerspruch im ganzen Hause), ihnen zu helfen. Sie sind von uns auch an die anderen Parteien ver- wiefen worden, baben aber stets bemerkt, daß ihnen das nichts nüge. Die von den Sozialdemokraten in der Kommission beantragte Ver- shärfung der Resolution soll nicht wieder beantragt werden. Wenn durch die Unzufriedenheit der Beamten das Ansehen der Postverwal- tung geschädigt wird, warum bewilligt man denn nicht die Dienstalters- zulagen? Jett sind die Unterbeamten vogelfrei; sie steben unter der Hungerpeitsche, denn sie sind meist auf Kündigung angestellt. Wenn die Dienstalters\tufen eingeführt werden, dann wird freilich dic politische Beeinflussung derselben auch niht aufhören; dafür finden fih schon Andeutungen in der Denkschrift, wo davon die Rede ift, daß die Be- amten feinen rechtlichen Anspruch auf die Zulagen haben. 7

Vize-Präsident Dr. Bürklin: Der Abg. Singer hat der Poft- verwaltung vorgeworfen, daß sie die Beamten mit der Hungerpeitsche bedrohe. Wegen dieser beleidigenden Insinuation gegenüber einer Reichsbehörde rufe ih den Redner nahträglich zur Ordnung. (

Regierungskommissar Geheimer Ober - Regierungs - Rath im Reichs-Schaßzamt Neumann: Die Unterbeamten der Post stehen si zur Zeit besser, als sie sih unter dem System der Dienstalters- stufen stehen würden. Das liegt daran, daß fehr zahlreiche Stellen- zugänge zu verzeihnen sind und die Verwaltung infolge dessen die Differenz zwischen dem Durschnitts- und dem Mindestgehalt bei Tit. 25 macht sie allein 362 000 A aus zu Zulagen an die Unter- beamten zu benußen wünsht. Diese Gelegenheit zur Vertheilung von Extrazulagen würde der Postverwaltung durch Einführung der Dienst- alterêzulagen benommen. Da der Zu- und Abgang der Unterbeamten auch in der Folge ein fehr fluktuierender* sein dürfte, so würden die Beamten durch jenes System dauernd ges{hädigt werden. Wollte man die preußischen Alterêsstufen einführen, so würden die Post- unterbeamten sich im ganzen um 2160000 A schlechter stehen, als ohne solche Dienstaltersstufen. Diese Summe würde sich nah einer neuerdings vorgenommenen Berehnung noch um § Million erhöhen. Die Postverwaltung hat uns einen anderen Modus des Auf- rüdens der Unterbeamten vorgeschlagen. Dieser Vorschlag hat im Interesse der übrigen Beamten abgelehnt werden müfjen, aus demselben Grunde auch eine von anderer Seite vorgeschlagene Er- höhung des Mindestgehalts. Wir haben 1890/91 diefen Beamten eine Aufbesserung ihrer Gehälter zu theil werden lassen. Sie jeßt noch beffer zu stellen als viele andere Beamten, würde mit Recht Unzufriedenheit hervorrufen. Man müßte also wenigstens so lange damit warten, bis eine allgemeine Aufbesserung der Beamtengehälter beshlofsen wird. Sollte die Resolution Ihrer Kommission an- genommen werden, so wird sie von uns eingehend erwogen werden ; denn wir wollen das Interesse der Beamten ebenso warm wahr- nehmen, wie es von seiten des Reichstags geschieht.

Abg. Dr. Müller - Sagan (fr. Volksp.) tritt der von dem Regierungs-Kommissar gemachten Aufstellung entgegen und kommt zu dem Schluß, daß die Dienstaltersstufen die Unterbeamten nicht \chlechter, sondern beffer stellen würden, als es unter dem gegenwärtigen Zustande der Fall ist. Die Reichs-Postverwaltung würde also gut thun, shon im nähsten Etat die Dienstaltersstufen für die Unter- beamten zur Durchführung zu bringen. Will der Staatsfekretär Dr. von Stephan mit dem Protest, daß seine Verwaltung eine will- fürliche sei, Recht behalten, so schaffe er hier feste Normen: hic Rhodus, hic salta! f S

Direktor im Reichs-Postamt, Regierungskommissar Wirklicher Geheimer Rath Dr. Fischer: Auch die Neichs-Postverwaltung würde gern die Dienstaltersstufen für ihre Beamten einführen, immer unter der Vorausseßung, daß dadurch eine Schädigung der Beamten in ihrem bisherigen Einkommen nicht erfolgt. Daß dies aber niht so leiht zu erreihen is, haben die Aus- führungen des Kommissars des Reichs-Schaßamts gezeigt. Er hat ausdrücklich anerkannt, daß die Reichs - Postverwaltung sehr eifrig für die Interessen ihrer Beamten eingetreten ist, und zum Dank dafür werden die Vertreter der Reichs-Postverwaltung von jener Seite (links) mit den heftigsten Anklagen _ bedacht. Wenn die Sade so leicht zu machen wäre, wie der Abg. Singer sich die Sache denft, dann wären wir s{hon längst damit fertig. Er meinte, fein Vorschlag würde einige Millionen fkosteu, und die würde uns der Reichstag wohl bewilligen. Sie (zu den Sozialdemokraten) können ja sehr leiht einen Wechsel auf andere Fraktionen ziehen und si nahher in dem Gefühl sonnen, daß Sie eigentlih die Vertreter der Postverwaltung find. Ih habe auh sehr viele Unterbeamten gefragt: Wollt Ihr dies System der Dienstaltersstufen oder das be- \tehende System behalten: wollt Ihr nah sechs, neun und fünfzehn Monaten aufrücken, oder alle drei Jahre? Wenn aber der Abg. Singer sie fragt: Wollt Jhr ein höheres Diensteinkommen? ja, den Unterbeamten möchte ih sehen, der dann Nein jagt. Ih glaube das Märchen beseitigt zu haben, daß die Reich8-Postverwaltung aus prinzipiellen Gründen gegen die Dienst- altersstufen sich aus\priht. Auh der Vorredner hat darüber ge- sprohen, daß die Postvæwaltung sih freies Belieben vorbehalten möchte bei der Ertheilung der Zulagen; es ist das dasselbe, was mit den unparlamentarishen Worten „Willkür und Laune“ vorhin gesagt wurde. Davon is nicht im mindesten die Rede, sondern das Auf- rüdcken geshieht nach Ordnung, Recht und Gerechtigkeit , und um das zu beweisen, brauhe ich Ihnen nur vorzulesen die Ausführungê®- bestimmungen bei Tit. 2%, nah welchen die in Betracht kom- menden Unterbeamtenstellen gleihmäßig zu vertheilen sind. Die Innehaltung dieser Bestimmung wird vom Rechnungshofe überwacht, und wenn irrthümliherweise einmal ein Beamter eine Zulage nit erhalten hat, so wird das ebenso moniert, als wenn er zu viel er- halten hat. Ich fordere den Abg. Singer auf, Fälle namhaft zu machen, in denen nah andern Grundsägen verfahren wurde. In der entschei- denden Sizuüng der Budgetkommission war der Abg. Singer n! t anwesend, und sein Fraktionsgenosse, vom Präsidenten darnach gefragt, konnte auch die Fälle nicht zur Sprache bringen. Ih weise daher die Insinuation, als ob anders a 8 niach Ordnung, Recht und Gerechtigkeit verfahren würde, als eine unverdiente mit Protest zurück. (Beifall.) Der Vorredner sprach davon, daß in den verschiedenen Provinzen die Zeitgrenze, innerha welcher die Unterbeamten zur Anstellung kommen, verschieden tet. S bestimmt sich die Zeitgrenze aber dana, wie viel oder wie wentg Anwärter in den llerbémntenflelien in den einzelnen Provinzen vor? banden sind, z. B. gehen in der Rheinprovinz weniger Leute zu den Unterbeamten, in den öftlihen Provinzen sind mehr vorhanden. Daß ganz unerträgliche Uebelstände die Folge hiervon sind, it au mir aufgefallen. Jh habe diesen Punkt innerhalb der Verwaltung zur Sprache gebracht, und wir haben den Versuch gemadk, einen Auê- gleih zwishen den Anwärtern in wirthschaftlih gleichartigen Probme,

wie Pommern und Mecklenburg herbeizuführen. Dieser Versuch 1

gänzlich mißglückt. Die Leute wollen eben in ihrer Heimath bleiben, und wir würden unrecht handeln, wenn wir z. B. die Littauer an den Rbein bringen wollten. (Sehr richtig!) Ih glaube, dem Ab- geordneten gezeigt zu haben, daß es ihm für einen Vertreter der Postbeamten noch an manchem fehlt, und va E diefe Vertretung lieber denjenigen überlassen sollte, denen dies von Amtswegen zukommt.

Abg. Gröber (Zentr.): Wenn je, so war diesmal es unbegründet, daß: die Sozialdemotraten es für fi allein in Anspru nahmen, die Interessen der Postbeamten zu vertreten. Die Resolution ift ein- stimmig von allen Parteien angenommen, und nicht bloß die Sozial- demokraten haben seit Jahren darauf hingearbeitet, das Dienstalters- system auch bei den Unterbeamten einzuführen. Einen folchen Vor- wurf kann man wohl draußen in sozialdemokratishen Zeitungen drucken, Papier ist ja geduldig, aber bier sollte man uns mit solchen Vor- würfen nicht fommen. Sie (zu den Sozialdemokraten) treten nur für die Fabrikarbeiter ein, der Mittelstand aber fann Ihretwegen zu Grunde gehen, je eber, desto besser. Die Beschwerden der Postbeamten haben auch wir nach Kräften vertreten. In Bezug anf die Dienst- alters\tufen herrscht ein Difsens nur darüber, ob man die Resolution nicht hâtte schärfer faffen sollen; auch wir wären gerne weiter gegangen, wenn wir das für durchführbar gehalten hätten. In der That ift bei den Beamten das Gefühl vorhanden, daß bei der Beförderung auh andere Motive gelten als das Alter. Die Hauptschwierigkeit für das neue System liegt weniger in der Mehrausgabe, als in dem Verhältniß der Postbeamten zu den anderen Beamten.

Abg. Bebel (Soz.): Prinzipiell unmöglich ist die Einführung der Dienstaltersstufen bei der Post nicht; denn selbst der Direktor im Reichs - Shaßzamt Aschenborn bat dieselbe für nothwendig erklärt. Jekt besteht das Gefühl der Unsicherheit und Willkür bei den Beamten bezüglich der Dienstzulagen. Leute mit 23 jähriger und noch längerer Dienstzeit haben jeßt noch nicht das Maximalgebalt erreiht. Um die Mehrausgaben zu decken, dazu reihen die Einnahmen der Post- verwaltung aus, und um jede Schädigung der Beamten auszuschließen, brauhte man nur das Anfangsgehalt etwas zu erhöhen. Wir ver- treten niht einseitig die Interessen der Arbeiter; wenn wir au die vom Zentrum angeregten Mittel niht für zweckmäßig halten zur Hebung des Mittelstandes, so helfen wir demselben doch durch unseren Widerstand gegen die indirekten Steuern.

Abg. von Kardorff (Np.): Ih muß Verwahrung dagegen einlegen, daß die Sozialdemokratie hier so thut, als ob sie diese Dienstaltersstufen erfunden hätte. Diese Sache ist zuerst im preußi- hen Landtag durchgeführt. Ich will zugeben, daß durch den Vorschlag des Abg. Bebel sheinbar Mehrausgaben nit erwahsen. Die Behörden, namentlich die Finanzverwaltung, werden den Vorschlag näher zu prüfen haben. Der Abg. Singer will, daß die Postunterbeamten besser gestellt werden. Das ift Ihr System der Sparsamkeit. Woher fommt das Geld dazu ? Zuletzt zahlt do dafür der deutshe Steuer- zahler, auch der Arbeiter. Jede Steuer, auch eine progressive Ver- mögenésteuer, fühlt der Arbeiter indixekt. Als die Vermögenssteuer in Frankrei eingeführt wurde, hörten Handel und Wandel und Verkehr auf, und am schwersten litt darunter der Arbeiter. Die Vebershüsse der Post kommen bei dieser Frage niht in Betracht, sie werden von der Finanzverwaltung verrechnet, und wenn sie geringer werden, braucht man umsomehr Steuern.

Abg. Dr. Mükler-Sagan (fr. Volksp.) fragt den Vertreter der Reichs-Postverwaltung, ob die in der Kommission vorgelegte und auch heute wieder erwähnte Statistik, betreffend die voraussihtlihe Wirkung der Dienstaltersstufen, aus dem Jahre 1891 herrührt oder ob inzwischen eine neue aufgenommen fei. Ferner müsse festgeste.lt werden, wie die Anrechnung einer fünfjährigen Mätarishen Dienstzeit wirken würde.

NRegierungskommissar, Geheimer Ober - Postrath Wittko: Ein

Ausfall von 2 100 000 Æ wurde bereits vor zwei Jahren für die Unter- beamten bei Einführung der Dienstalterszulagen berechnet. Im No- vember 1893 haben neue Ermittelungen \tattgefunden, und es wurde ein Ausfall von 2 600 000 Æ berechnet. Die Sache wäre jeßt also noch empfindlicher für die Unterbeamten. Auch hinsihtlich der An- rechnung der fünfjährigen diätarishen Dienstzeit sind Ermittelungen angestellt, und es hat sih au hier ein Ausfall von 3- bis 400 000 für die Unterbeamten ergeben. ___ Abg. Grösber (Zentr.): Ih würde den Sozialdemokraten aus ihrem Verhalten gegenüber dem Handwerkerstande keinen Vorwurf machen, wenn nicht ihrerseits alles geshäbe, um den Mittelstand zu ruinieren. Ich erinnere an die Aeußerungen des Dr. von Schweizer. (Präsident von Lev Pow. fragt den Redner, was das mit der Post- verwaltung zu thun habe.) Die Sozialdemokratie hat durch ihr Verhalten in den Fragen der Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, des Wuchers den Mittelstand {wer geschädigt.

__ Abg. Dr. Hammacher (nl.) konstatiert, daß der Antrag auf Einführung der Dienstalters\tufen für die mittleren und unteren Post- beamten von einem Mitglied der nationalliberalen Partei, nämli von ibm, in der Budgetkommission gestellt sei.

Der Titel wird genehmigt und die Resolution einstimmig angenommen.

Darauf wird die weitere Berathung gegen 5 Uhr bis Montag 1 Uhr vertagt.

Statiftik und Volkswirthschaft.

Zum deutsh-russishen Handelsvertrag. Der Ausschuß des Zentralvereins der deutschen Leder- industrie hat in Berlin am Sonnabend getagt und Stellung zum VYandelsvertrag genommen. Dec Vorsißende Fabrikbesißer Eugen Coupienne (Mülheim a. d. R.) wies in einer einleitenden Rede auf die großen wirthschaftlichen und politishen Gesichtspunkte hin, welche bei der Beurtheilung des Vertrags Berücksihtigung verdienen. Er ersuhte die anwesenden Mitglieder zu dem Vertrag Stellung zu nehmen, ohne zu „großen Werth darauf zu legen, dap die Interessen der einzelnen Lederbranchen vielleiht nicht oder nicht in genügendem Maße in demselben berücksichtigt seien. Der Geschäftsführer, General-Sekretär R. Krause (Berlin), er- orterte nunmehr den Vertrag von der die Lederindustrie betreffenden Seite und wies an der Hand der einzelnen, in dem Tarif verzeichneten positionen die Vortheile nah, welche die einzelnen ‘Lederbranchen er- angt haben. Fabrikbesißer Reinhart-Worms hob gleichfalls die höheren Gesichtspunkte hervor, welhe zur Annahme des Vertrags ver- anlafsen müßten, und hoffte, daß auch der Reichêtag denselben Rechnung tragen würde. Die r e er Gundert - Stuttgart, Keller- Beurig bei Trier und Günther - Aachen sprahen den Wunsch aus, daß befonders den zuständigen behördlihen Stellen der Dank der rederindustrie für die Wahrung der Interessen der letzteren bei den Verhandlungen und dafür ausgedrückt würde, daß die Interessenten selbft diesmal in ausreihendem Maße gehört worden wären. Bei Besprehun der einzelnen Positionen des russishen Tarifs betonte Derr Dircks-Altona, daß für die Roßlederfabriken Deutschlands wenigstens einige Erfolge erzielt seien, und gab seiner Hoffnung Aus- druck, daß nunmehr der früher so blüßende Export nat BUuhtand in dieser Waare wieder einigen Aufschwung nehmen werde. Eine ganze Anzahl der anwesenden Pren, wie Kommerzien-Rath Kester-München, &ahr-Pirmasens, Jänecke-Magdeburg, Gundert-Stuttgart, Reinhart- orms und der Vorsitzende sprachen zu den sie hauptsächlich inter- elsierenden Positionen. Schließlich wurde folgende Resolution ein- E an uo „Ver Aus[{chuß des Zentralvereins der deutschen Leterindustrie ca, daß der Handelsvertrag zwishen Deutschland und Rußland in LariGastlicher und politisher Beziehung große Vortheile für QOAN and enthält ; er erfennt an, daß für verschiedene Zweige der A erindustrie beträhtlihe, den Erport nach Rußland fördernde Er- s lenden der russischen Zollpositionen erreicht worden sind, und be- i , „leinen Vorstand zu beauftragen, dem Reichskanzler seinen 2 Gh nit nur für die Erreichung der genannten Vortheile, sondern a glir au8zusprechen, daß der Lederindustrie Gelegenheit geboten , det den Vorverhandlungen ihre Interessen in átdeeiéelidein

Maße zu vertreten. In leßterem Umstand sicht der Auss{chuß des S t der deutshen Lederinduftrie gegen früheresZeiten einen ortschritt, der nur mit Freude zu begrüßen ift.“

In Frankfurt a. M. tagte gestern eine von den zwölf Handelskammern Hessen - Nafsaus und des Großherzogthums Hessen fowie zahlreiher industrieller Vereine einberufene Versammlung, die außerordentli zahlreih besucht war. Die Handelskammer-Präsidenten von Guata von bier, Geheimer Rath Michel - Mainz und Geheimer Nath Weintraud - Offenba wurden zu Vorsitzenden, Syndikus Puls-

rranffurt, Dr. Merbot - Wiesbaden und Bödeker : Hanau zu Schrift- hrern gewählt. Der Referent Ponfick - Frankfurt, Mitglied des Zollbeiraths, gab einen UeberblickE über die Zollverhand- lungen, widerlegte mit sahlichem Material und dur gründliche Beweisführung die Befürchtungen, die die Landwirthschaft aus dem Vertrage herleitet, und stellte ihnen’die Segnungen deéselben auf sammtlichen wirthschaftlihen Gebieten gegenüber. Schließlich be- leuhtete der Referent aus - allen Gesihtépunkten die verderblichen Folgen einer eventuellen Ablehnung. Weißmüller-Bockenheim warf die Frage auf, was aus der dur den Rückgang vieler Absaugebiete bereits arg bedrängten deutshen Industrie werden solle, wenn der russishe Handelsvertrag abgelehnt würde. Zunächst sei der bisherige Besiystand in Frage gestellt; für den Ausfall von etwa 100 Millionen Löhne sei die Landwirthschaft, wenigstens in hiesiger Gegend, nicht aufnahmefähig. Breuer-Hört betonte die Nothlage der Industrie, die ebenso Beachtung erfordere wie die Landwirthschaft. Baumann-Frankfurt hob besonders die Folgen hervor, die die Ab- lehnung des Handelsvertrags für Deutschland in sozialer Hinsicht hätte. In der sodann eröffneten allgemeinen Diskussion spra fi der Reichbstags-Abgeordnete Ioest-Mainz für den Handelsvertrag aus; ebenso der Oekonomie-Rath Herstadt-Frankfurt namens der rheinischen Land- wirthe, die einstimmig für denselben seien. Hierauf wurde von der Versammlung einstimmig folgende Erklärung angenommen :

„1) Die Annahme des Handelsvertrags mit Rußland, als eines der wichtigsten Glieder in der Kette der Handelsverträge, sichert erst die volle Entfaltung der segensreihen Gesammtwirkung der deutschen Handelspvertragspolitik. j

2) Der Vertrag bietet auf Jahre hinaus die Gewähr dauernd geregelter Verkehrsbeziehungen zu dem großen Nachbarreiche und ge- festigte Grundlagen für die Existenz eines erheblihen Theils der deutshen Unternehmer und Arbeiter.

,- 3) Derselbe bedeutet nicht nur das Ende des unhbeilvollen Zoll- des, sondern ist ein erneutes wichtiges Unterpfand des euroväi!chen

riedens. i 9 Die gegen den Abschluß des Vertrags gerichtete heftige Ypposittion entspringt nur dem mißverstandenen Interesse einzelner Erwerbszweige, während die Annahme die Hebung der wirthschaftlichen Wohlfahrt des gesammten Vaterlandes zur Folge haben muß.

9) Die Versuche, die Verhandlungen über diesen Vertrag mit der Währungsfrage zu verbinden, müssen als hindernd und als Schädi- gung unj}eres vaterländishen Gewerbewesens entschieden zurückgewiefen werden. Die Versammlung spriht aus diesen Gründen entschieden die bestimmte Erwartung aus, der Reichstag werde dem Abschluß des ibm von den verbündeten Regierungen vorgelegten Handelsvertrags mit Rußland die verfassungsmäßige Genehmigung ertheilen.“

_ Mit einem dreimaligen, begeistert aufgenommenen Hoch auf Seine Majestät den Kaiser wurde die Versammlung ges{{ossen.

Wie die Handelskammer zu Koblenz an sämmtlihe Reichs- tags-Abgeordneten des Regierungsbezirks Koblenz, so hat auch die pfälzische Handels- und Gewerbefkammer in Ludwigshafen an die ses pfälzishen Reihhstags-Abgeordneten tineEingabe gerichtet, in der diefe aufs dringendste gebeten werden, dem deutsh-russischen Handelsvertrag zuzustimmen. In der Eingabe heißt es: :

. . «_. Wir vermögen nit einzusehen, inwiefern die deutsche Landwirthschaft durch den Abs{luß eines Vertrags mit Rußland, welcher die Beseitigung des Differentialzolles auf Getreide herbei- führt, geschädigt werden sollte. Die Getreidepreise werden in der Haupt- sache von dem Ausfall der Welternte diktiert und regeln \sih auch in Deutschland zunächst nah dem Stande des Weltmarkts : ein allgemeiner Einfuhrzoll kann diesen Preis für das Inland merkbar beeinflussen, ein Differentialzoll gegenüber einem einzelnen Lande wird niemals zu irgend einer beträhtlihen Bedeutung gelangen: das russishe Getreide, welhes nicht nach Deutschland gebraht werden kann, wird einen andern Markt suchen und dieser wird si durch Aus- fuhr seines eigenen Produktes nah Deutschland wieder entlasten. Neben dieser Ermäßigung der deutschen Getreidezölle bringt aber der neue russische Tarif werthvolle Zugeständnisse an die deutsche Land- wirthschaft : besonders wichtig für die Pfalz ist die Ermäßigung des russischen Weinzolls, welhe unseren Winzern in hohem Grade willlommen sein muß; ferner dürfen au die übrigen Zu- geaoniffie niht vergcssen werden: die Herabseßung des Zolles auf Hopfen, Stärke, Zichorien, frishe Früchte, die Be- seitigung des Zolles auf Gemüse. Wie aber die Landwirthschaft niht nur nicht ernstlih geshädigt, sondern mit Zollermäßigungen be- dacht wird, so springen auf der anderen Seite die überaus werthvollen Zugeständnisse ins Auge, welche unserer Industrie, unserm Gewerbe und unferm Handel geboten werden, Zugeständnisse, wel(e die An- nahme des Vertrags zu einer Nothwendigkeit machen, wenn anders die deutsche Industrie und der deutshe Handel überhaupt noch den ps erheben dürfen, als maßgebende Faktoren in unserm Wirth- schaftsleben neben der Landwirthschaft zu gelten.

___ Ferner hat die Handelskammer in Mannheim am Sonnabend einstimmig beschloffen, daß es dringend erforderli sei, den deuts- russishen Handelsvertrag anzunehmen.

Nach der „Hamburgischen Börsenhalle* beruft die Handelskammer von Hamburg für die nähste Woche eine Versammlung des Ehr- baren Kaufmanns“ ein. Auf der Tagesordnung steht der russische Handelsvertrag und die Währungsfrage.

S _ D0fen zu Leer,

Das Königliche Hafenamt Leer veröffentliht eine tabellarische Uebersicht des Schiffsverkehrs im Hafen zu Leer (fiskalisher Dodhafen, sowie städtischer Hafen an der Leda), der folgente Schluß- angaben entnommen find: Im Jahre 1893 sind insgesammt 469 Seeschiffe von 29079 Br. Reg.-T. Ladungsfähigkeit ange- kommen (mit Eins{luß der am 1. Januar 1894 im Hafen liegenden Schiffe); von der Gesammtzahl waren 422 Segelschiffe mit 17 030 Br. Reg.-T. und 47 Dampfschiffe mit 12049 Br. Reg.-T. ; von den angetommenen Seeschiffen waren 262 Segelschiffe von 11 031 Br. Neg.-T. und 45 Dampfschiffe von 11 639 Br. Neg.-T. beladen. Abgegangen sind aus dem Hafen zu Leer im Jahre 1893 überhaupt 423 Seeschiffe von 27 645 Br. Reg.-T. und zwar 376 Segelschiffe von 15 596 Br. Reg.-T. und 47 Dampfschiffe von 12 049 Br. Neg.-T., von den abgegangenen Seeschiffen waren beladen 288 Segelschiffe von 11 911 Br. Reg.-T. und 35 Dampfschiffe von 7863 Br. Reg.-T., zusammen 323 Schiffe von 19774 Br. Reg.-T. Fluß chiffe tamen in Leer in 1893 an 4354 von 47 164 Br. Reg.-T.; davon E E E E E E E S T T O 4390 Flußschiffe von 47 836 Br. Reg.-T., davon waren beladen 1562 von 12 802 Br. Reg.-T.

Aus Nürnberg wird der „Voss. Z.“ telegraphiert, daß der Nor e araualans dur gütliche Annahme eines Schiedsgerichts- pruchs dur die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer am Sonnabend beendigt worden ist. (Val. Nr. 6 und flgd. d. Bl.) Nach der Bei- legung dieses Ausftandes wird wohl auch der Formerausstand in Augsburg beigelegt werden können. (Vergl. Nr. 32 d. Bl.)

_ _Dier in Berlin besprahen die Shubmacher in} einer Ver- sammlung die Folgen des L ihren Ungunsten beendeten Ausstands. Es sind, wie die „N. Pr. Z." berihtet, noch dreißig der damaligen Ausständigen arbeitslos.

Aus Wien meldet ein Telegramm des „D. B. H.“, daß die

Zur id der Vos, 3

Buchdruckereibesißer die Forderungen derSetzer und Buchdrucker-

gehilfen wegen Erhöhung des Mindestlohns auf 13 bis 15 F1. und wegen Festseßung der Arbeitszeit auf neun Stunden abgelehnt haben. Der AMAusftand der Tischler und Vergolder bei der Firma Kleiber ist, wie der „Vorwärts“ berichtet, beendet. Jn der Wiener Eisengießerei von Kruis u. Gallee legten sämmtliche Arbeiter, 30 an der Zahl, die Arbeit nieder. Als Ursache wird die „Maßregelung“ von ¿zwei Arbeitern genannt, die sih am

Tohtows Malta betbeiligt

44a LLDILIL MGHUDTLMG H 144114

. - Land- und Forstwirthschaft.

In Stuttgart ist unter Aufsicht der thierärztlihen Abtheilung des Königlih württembergischen Medizinalkollegiums ein Labora- torium eingerihtet worden, welches sih mit der Herstellung der Pasteur’schen Lvmphe für Shußimpfungen gegen deuzMilz- brand der Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde, Esel, Maulthiere 2c. sowt&gegen den Rothlauf der Schweine beschäftigt und die Lymphe stets fris nebst der dazu erforderlichen Pravaz-Spritze verabfolgt. Bestellungen und Anfragen sind an die Adreffe: Laboratorium Pasteur in Stuttgart, Kanzleiftraße 22, zu ridten.

Baumwollernte in Nord-Amerika.

__ Nach dem Bericht des Ackerbau-Bureau in Wasbington wird, wie „W. T. B.* meldet, die Baumw ollernte auf 922/10 geschäßt. Die auf den Markt gebrahte Menge bewegt sich bedeutend über dem Durchfchnitt.

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs®s- Maßregeln.

S Griechenland.

Die für Provenienzen aus den nachstehend aufgeführten Küsten- gebieten und Inseln noch bestehenden Quarantänemaßregeln sind auf- gehoben worden : ,

1) die Éleinasiatishe, zwishen den Dardanellen und dem Punkt Makris (gegenüber Rhodos) gelegene Küste; in dieser Streckte ist Smyrna inbegriffen,

2) die zwishen den Dardanellen und der griehish-türkishen Grenze gelegene Strecke der europäischen Türkei; mit alleiniger Aus- nahme von Salonif,

3) die türfishen, im Mittelmeere gelegenen Inseln, Samos in- begriffen.

4) alle Häfen Algiers.

(Vgl. „Reichs-Anzeiger“ Nr. 294 vom 9. Dezember 1893 und Nr. 302 vom 27. Dezember 1893, Nr. 33 vom 7. Februar 1894.)*

Schweden.

Durch Bekanntmachung des Königlih \{wcdishen Kommerz- Kollegiums vom 7. d. M. ist die belgishe Provinz Hainaut für holeraverseuchht erflärt worden. ; :

Handel und Gewerbe.

Tägliche Wagengestellung für Kohlen und Koks an der Nuhr und in Oberschlesien. gestellt keine Wagen. __ In Oberschlesien sind am 9. d. M. gestellt 3691, nicht reht- zeitig gestellt keine Wagen. / ___ Zwangs-Versteigerungen.

Beim Königlichen AmSgericht 1 Berlin stand am 10. Februar das Grundstück des Restaurateurs Rudolf Sternedcker, Dresdenerstr. 96, zur Versteigerung. Nußungswerth 20 000 4; Mindestgebot 184500 #4; für das Meistgebot von 275 000 wurde der Direktor der Brünner Aktienbrauerei und Malzfabrik, Siegm. Hajek zu Brünn, Ersteher.

Beim Königlichen Amtsgericht Il Berlin standen die nachbezeihneten Grundstücke zur Versteigerung: Grundbuch von Weißensee Band 33 Blatt Nr. 955 auf den Namen des Malers Theodor Mack eingetragene, zu Neu-Weißensee, Wilhelmstraße belegene Grundstück; Fläche 5,64 a; Nuzungswerth 390 A; Mindest- gebot 3955 F; für das Meistgebot von 7520 Æ wurde der Bildhauer Hermann Kokolsky zu Charlottenburg, Leibnißzstraße 44, Ersteher. Grundbuch von Weißensee, Band 44 Blatt Nr. 1277 auf den Namen des Bâäermeisters Wilh. Dom - browsfki eingetragene, zu Neu- Weißensee belegene Grundstück; Fläche 4,99 a; Mindestgebot 700; für das Meistgebot von 66 100 wurde der Kaufmann Isaac Naczinski zu Charlottenburg, Kur- fürsten-Allee 7, Ersteher.

__ DBerlin, 10, Februar. (Wochenbericht für Stärke, Stärkefabrikate und Hülsenfrüchte von Mar Sabersky.) la. Kartoffelmehl 15}—154 #, Ia. Kartoffelstärke 15{—154. 4, ITa. Kartoffelstärke uno -Mehl 11}—13}5 M, feuchte Fat tofelltgcte E Berlin 7,60 4, Frankfurter Syrupfabriken zahlen nah

erfmeister’s Bericht fr. Fabrik 7,25 4, gelber Syrup 17—17}4 , Kap.-Sprup 18—185 A, Kap.-Export 19—19} #4, Kartoffelzucker E 17—173 Æ, do. Kap. 18}3—19 Æ, Rum-Couleur 33—34 M, Bier-Couleur 32—34 #, Dextrin . gelb und weiß, Ia. 22;—231 M, do. sekunda 20—21 A, Weizenstärke (fleinst.) 27—28 A, Weizenstärke (großst.) 36—37 &#, Halleshe und Schlesische 37—38 Æ, Reisstärke (Strahlen) 48—49 6, do. (Stüten) 46—47 Æ Maisstärke 32—33 #, Schabestärke 29—30 A, Viktoria-Erbsen 18—22 #, Kocherbsen 16—20 #%. grüne Erbsen 17—20 Æ, Futtererbsen 145—15} Æ, inländische ‘weiße Bohnen 15—17 #, weiße Flahbohnen 18—-20 #, ungari Bohnen 14—15 A, galizishe und russishe Bohnen 13—14 , große Linsen 34—40 #4, mittel Linsen! 24—34 4, [kleine Linsen 18—24 #4, Mohn, blauer 44—50 Æ, do. weißer 90—100 , Hirse, weiße 20—22 Æ, gelber Senf 40—50 4, Hanfkörner 18 bis 20 Æ. Buchweizen 143—15} 4, Witten 185—20 #4, Pferdebohnen 16—17 Æ, Leinsaat 23—25 Æ, ‘Mais loko 113—12t4 M per 100 kg, Kümmel 30—36 H, Leinkuchen 723—8 Æ, Rapskuhen 7—7§ ä, Roggenkleie 4}3—54 #4, Weizenkleie 43—5} A, pa. helle Biertreber 28—30 9% 5I—6t M, pa. Getreide]|chlempe 31—33 %/ 6}—7 M, pa. Maisschlempe 40—42 % 6}—7} S, Malzkeime 5:—5} M per Zentner. (Alles ab Bahn Berlin bei Partien von mindestens 10 000 kg.)

__ Der Aufsichtêrath der C O et Ren gee La Confolidation hat nach Mittheilung der „Rhein.-westf. Ztg.“ beshlossen, der auf den 15. März einzuberufenden Generalversammlung nah reihlihen Abschreibungen und Rücklagen eine Dividende von 8 9/9 gegen 129/96 im Jahre 1892 vorzuschlagen.

e Die Firma Gebrüder Nadenheim in Mannheim ist, wie der „Frkf. Z.“ gemeldet wird, in Konkurs gerathen.

__ Die Einnahmen der Lübeck-Büchener Eisenbahn betrugen im Monat Januar 1894 nah vorläufiger Feststellung 302 316 6 gegen 267 743 6 im Januar 1893, mithin mehr 34 573 Veagdeburg, 10. Februar. (W. T. B.) Zudckerbericht. Kornzucker exkl, von 92% —,—, neue 14,00, Kornzucker exkl. 88 9/9 Rendement 13,00, neue 13,45, Nachprodukte exkl., 75 9/, Rende- ment 10,80. Ruhig. Brotraffinade I. 26,00, Brotraffinade I1. 25,75, Gem. Raffinade mit Faß 26,25. Gem. Melis I. mit Faß 24,75. Stetig. NRohzucker. I. Produkt Transito f. a. B. Hamburg vr. Fe- bruar 13,022 Gd., 13,074 Br., pr. März 13,024 bez. und Br., pr. Avril 13,075 Gd., 13,124 Br., per Mai 13,15 bez. u. Br. Anfangs fest, Schluß ruhiger.

O 10. Februar. (W. T. B.) Kammzug-Termin- handel. La Plata Grundmuster B. per Februar 3,40 4, per März 3,425 #4, per April 3,424 &, per Mai 3,45 4, ver Junk 3,90 M, per Juli 3,5925 #, per August 3,55 (, per September a 6 per Oktober 3,577 , per November 3,60 4, per Dezember Mannheim, 10. Februar. (W. T. B.) roduktenmarkiîi.

Weizen pr. März 15,05, pr. Mai 15,10, pr. Juli 15,15, Roggen

An der Ruhr find am 10. d. M. çeftellt 11 112, nir red;tzeitig

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