1894 / 38 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

das Rechnungéjahr 1. April 1894/95 eine ausreichende Auéstattung der verschiedenen Verwaltungêzweige, erfreuliche Mebraufwendungen für mande Anstalten, sowie für landwirtbschaftlie Zwecke, ins- besondere auch zum ersten Mal eine erheblihe Summe zur Förderung des Baues von Kleinbahnen. Nur die Beihilfen der Provinz für den Bau von Landstraßen und Gemeindewegen zeigen einen sehr bedeuten- den Rückgang gegen frühere Jahre. Hier nah Mitteln der Abhilfe zu suchen, wird umsomehr cinen besonders witigen, fon durch den Entwurf über die Abänderung der Wegegeseßgebung Ihnen nabe- gelegten Gegenstand der Berathung für Sie bilden, als mit dem Ab- lauf des Rechnungsjahres 1. April 1894/95 die für den Straßenbau verfügbaren erbeblihen Ueberweifungen an die Kreise aus der fog. lex

Huene in Fortfall kommen werden. z : E i Von ungewöhnlich großem Interesse werden in den Verhand- lungen und Beschlußfassungen dieses Landtags die Vorlagen Ihres Ausschusses über das Kleinbahnwesen sein. Ich überlasse mih_ der Hoffnung, daß gerade in der Provinz Hannover, welche in der Förde- rung des Verkebrs durch den raschen Ausbau eines umfassenden Nees besteinter S1raßen ein hervorragendes Beispiel zweckmäßigen und thatkräftigen Zusammenwirkens der Organe der Selbstverwaltung ge- geben hat, die Aufgabe alücklih gelöft werden wird, dur ein reht- zeitiges und energises Eingreifen der Provinzialverwaltung au für das neue, der Landwirthschaft und der Industrie niht minder wichtige Verkehrsmittel R eine feste Grundlage zu gewinnen und i \hlofsenes Vorgehen hervorzurufen. E GaE R N E ee biten Auftrage Seiner Majestät des Königs erfläre ih auf Grund des § 26 der Provinzialordnung den 27. Provinzial- Landtag für eröffnet. L : Hieran anschließend, brachte der Präsident des vorigen Landtags, Graf zu Jnn- und Knyphaufen, ein Hoch auf Seine Majestät den Kaiser und Königaus. Das álteste Mitglied des Provinzial-Landtags, Landschaft8- Nath Dr. Me yer -ÉEssen übernahm hierauf den Vorsig und ernannte zu Schriftführern die beiden jüngsten Mitglieder Graf N edel-Göôdens und Landrath von Bennigjen-Springe. Zur Wahl des Präsidenten schreitend, wählte der Landtag auf Vorschlag des Abg. Struckmann mit Acclamation einjtimmig den Grafen zu Jnn- und Knyphaufen zum Vorsitzenden und auf Vorschlag des Landes-Direktors Freiherrn von Ham- merstein den Geheimen Regierungs-Rath, Ober-Bürgermeijter Lauen stein-Lüneburg zum Stellvertreter des Vorfißenden. Zu Schriftführern wurden in derselben Weise gewählt Graf We del-Gödens, von Bennigjen-Springe, Freiherr von Macen holz und Goeße-Stade.

Bonn, 12. Februar. Seine Königliche Hoheit der Prinz Heinrich hat dem „W. T. B.“ zufolge den Ober- Bürgermeister Spiritus beauftragt, der Bevolkerung der Stadt Höcstseinen Dank für den freundlihen Empfang zu übermitteln. Heute brachte der hiesige Männer - Gesang- verein dem Prinzlihen Paar ein Ständchen. Nachmittags wohnte der Prinz einer von dem Offizier-Korps des Husaren- Regiments König Wilhelm k. (1. Rheinisches) Nr. 7 veranstal- teten Festlichkeit bei.

Sachsen.

Das heute früh ausgegebene Bulletin lautet: „Jm Be- finden Seiner Majestät des Königs ist seit gestern Nach- mittag Besserung eingetreten. Während die Blutbeimischung in der vorhergehenden Naht noch ziemlih reihlich war, ist dieselbe gegen Abend vershwunden und auch bis jeßt niht wiedergekehrt. Troßdem bleibt strenge Bettruhe für die nächsten Tage noch nöthig. Das Allgemeinbefinden Seiner Mazestät ist gut.“ . E Seine Königliche Hoheit der Fürst von Hohenzollern ist vorgestern Nachmittag von Dresden nah Sigmaringen abgereist.

Sefsen.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Jhre Großherzogliche Hoheit die Prinzessin Alix sind vorgestern Nachmittag zu einem längeren Aufenthalt von Darmstadt nach England abgereist. Höchstdieselben waren aber in Ostende durch Sturm an der Üeberfahrt -nach England verhindert und werden dort verweilen, bis eine ruhigere Sce die Weiterreise gestattet.

Neuß j. L.

Der Landtag ist zur Berathung mehrerer ciliger Vor- lagen auf den 5. März zu einer kurzen Sizungsperiode nah Gera einberufen worden.

Oefterreich-Ungarn. Im niederösterrcihishen Landtag erwiderte gesiern,

wie „W. T. B.“ berichtet, der Statthalter Graf Kielmansegg auf eine Jnterpellation des Abgeordneten Schneider, die Staatsgrundgeseße, die sih bisher bewährt hätten, ließen den gewünschten Ausschluß jüdischer Lehrer von den gewerblichen Vorbereitungsschulen unjtatthaft erscheinen. ,

Bei der gestrigen Verhandlung in dem Omladina- prozeß war nah einer Meldung aus Prag der Gerichtssaal mit einer Polizeiwache beseßt. Die Vertheidiger und die An- geklagten erklärten, sie würden unter den Bajonetten nicht, resp. sich nicht vertheidigen. Unter großem Tumult wurde hierauf der Saal geräumt, die Jnhaftierten wurden abgeführt und nah einer Viertelstunde wieder vorgeführt, worauf sih, da die Wachen nicht entfernt wurden, die Tumulte er- neuerten. Die Vertheidiger erklärten nochmals, vor den Wachen nicht weiter zu vertheidigen, und die Angeklagten er- flärten, auf die Vertheidigung zu verzichten. Hierauf wurde die Verhandlung bis heute Vormittag vertagt.

Im Landtag interpellierten gestern die Jungczechen den Statthalter wegen der Vorgänge im Omladina prozeß und verlangten Vorkehrungen, die es den Vertheidigern ermöglichten, ohne die Gegenwart der bewaffneten Macht ihren Verpflichtungen nachzufkommen.

Der ce hs S i mit der Schließung der Techni | :

S itaiiee Frahere von Kübeck erklärte: nicht die Vor- fommnisse des leßten Jahres hätten die Schließung herbei- geführt, sondern die jüngste disziplinwidrige Haltung _der Studentenschaft, speziell die Broschüre, worin die Stu- denten ihr Anliegen niedergelegt hätten. Der Minister dürfte der Bitte der Professoren um eine spezielle Untersuchung wegen der ihnen in der Broschüre gemachten Vorwürfe in den nächsten Tagen nahkommcn ; die Regierung werde das Zalässige gern thun, sobald Bürgschaften für eine disziplin- mäßige Haltung der Studenten geboten würden. Der Statt- halter forderte schließlich die Abgeordneten auf, in diesem Sinne ihren großen Einfluß geltend zu machen. Die Abge- ordneten Star kel und Genossen stellten fodann den dringlichen Antrag, sofort bcim Unterrichts-Ministerium cine Vorstellung

einzubringen, damit die Verfügung, beireffend die Schließung der Technischen Hochschule, sobald als möglich aufgehoben werde. Die Dringlichkeit wurde angenommen. E

Der ungarische Staatskassen-Ausweis für das [cte Vierteljahr 1893 weist auf: Einnahmen 131 000 000 Gulden (4500 000 Gulden mehr als im Vorjahr), Aus- gaben 97 250 000 Gulden (1259000 Gulden weniger als im Vorjahr). Die Gesammteinnahmen für 1893 find um 27 100 000 Gulden günstiger, die Gesammtausgaben um 26 900 000 Gulden ungünstiger, somit die Bilanz für 1893 um 200 000 Guiden günstiger als die für 1892.

Frankrei. : Ueber ein neues Dynamit-Attentat in Paris liegen folgende Mittheilungen des „W. T. B.“ vor: Fm Innern des Cafés des Hotels Terminus, gégenüber dem Bahnhof St. Lazare, fand gestern Abend 9 Uhr eine Dynamit - Explosion stait. Der Urheber ijt ein junger Mann .von ctwa 25 Jahren. Er hatte an einem Tische rechts von der Eingangsthür etwas genossen und machte, als er das Café verließ, eine Bewegung durch die Luft in der Nichtung nah dem elektrishen Kronleuchter, schleuderte jedoch dabei cine Bombe. Zahlreiche Besucher be- merkten die-Bewegung und. riefen sofort: „Une bombe:“ Kaum hatten sie jedoch den Ruf ausgestoßen, da erfolgte auch schon cin furhtbares Krachen: die Fenfter nach den Straßen zersprangen in Stücke, die Marmortische wurden umgestürzt, die Gläser und Untersäße flogen, in Stüe zersprengt, nach allen Richtungen und verleßzten die Besucher erheblih. Die Verlezungen befinden sich zum größten Theil an den Beinen und sind bei mehreren sehr ernster Art. Der Materialschaden ist dagegen niht bedeutend. Nur die Dee zeigt die Spuren des Geschosses, Fenstersheiben und Tische sind zerstört. Jn dem Augenblick der Explosion ent- stand eine unbeschreiblihe Panik. Von allen Seiten ertonte Geschrei. Die Gäste stürzten nah den Ausgängen, cinige zertrümmerien die Scheiben, um zu entfommen. Die Bombe, die die Form einer Sardinenbüchse hatte, und mit Kugeln, Nägeln und chlorsaurem Kali gefüllt war, be- wirkte eine starke Detonation. Das ganze Café füllte _sich mit dihtem Rauch, was die Panik noch vermehrte. Das Café war zu der Zeit des Attentats gut besuht. Die Bombe {lug in der Nähe des Orchesters auf einen Tisch auf, welcher vollständig zertrümmert wurde. Von anderer Seite wird behauptct, das Geschoß fei von außyen in das Café geschleudert worden. Die Verwundeten, deren Zahl fich auf 24 belaufen soll, wurden alsbald in die benachbarten Apotheken gebracht, wo ihnen der erste Verband angelegt wurde. Ein Arbeiter, der gerade an dem Café vorüberging, wurde ge- tödtet. Der Urheber des Attentats suchte eiligît dur die Rue St. Lazare zu entkommen. Schußleute und Publikum seßten ihm nah. Jn dem Augenblick, als die Polizisten ihn packen wollten, zog der Verfolgte einen Revolver und gab jechs Schüsse ab, wodur drei Personen verwundet wurden; jedo gelang es cinem Schußmann, ihm “einen Säbelhieb über das Gesicht zu verseßen und ihn zu verhaften, wobei er gegen die Wuth des Publikums geshüßt werden mußte. Unter den dur die Revolvershüsse verwundeten Personen befindet sich eine Dame Namens Emmanuel und ein Polizist, der sterbend in das Hospital gebracht wurde. Nachdem sih das Café geleert hatte, wurden die eisernen Vorhänge herabgelassen und der Wachtdienst von dem Polizei-Präfekten, der mit scinem Sekrctär alsbald herbeigeeilt war, organisiert. Jn dem ganzen Stadt- viertel herrschte eine große Erregung. Die Läden wurden sofort geschlossen. Die Nachriht von dem Attentat, die h noh am Abend in Paris verbreitete, rief eine allgemeine Erregung hervor. Zahlreihe Neugierige eilten nah dem Terminus- Hotel. Eine große Menge stand an den Zugängen des Bahn- hofes St. Lazare. Der Minister des Jnnern Raynal und der Justiz-Minister Dubost begaben fich alsbald nah dem Thatort. : S 4 Der Thâter erklärte auf dem Polizeiburcau, er heiße Le Breton. Zu dem Arzt, der ihn verband, äußerte er, er habe Vaillant rächen wollen; weitere Attentate würden folgen, um die bürgerliche Gesellschaft zu vernihten. Dem Staatsanwalt gelang es bisher mcht, weiteres zu ermitteln. Man glaubt, daß Le Breton Mitschuldige habe. Einige ver- dächtige Jndividuen wurden auf dem Bahnhof St. Lazare verhaftet. Le Breton spricht fließend englisch und französisch. In ihrer gestrigen Sißung trat dic Deputirtenkammer in die Diskussion über den Getreidezoll cin. Der Depu- tirte Charles Roux bekämpfte, wie „W. T. B.“ berichtet, die Erhöhung der Getreidezölle und das System der beweg- lichen Zollsfala und {loß mit einer Vertheidigung der Jnter- essen der Konsumenten. : | 300 Mann der Fremdenlegion haben Befehl er- halten, sich zum Abmarsch bereit zu halten. Sie werden nah dem Sudan gehen, falls die Ereignisse dies erfordern sollten.

Nußland.

Nachdem der Kontre - Admiral Buratschek, der direkte Vorgeseßte des Kapitäns Jänisch, Kommandanten des im Sep- tember vorigen Jahres an der finländishen Küste unter- gegangenen Monitors „Russalka“, sowie der Kapitän Lusczmow, der Kommandant des mit der „Russalka“ zu- sammen aus Reval ausgelaufenen „Tutscha“, für den Unter- gang der „Nusfalka“ verantwortlih gemacht worden waren, hat, wie „W. T. B.“ aus St. Petersburg meldet, ein in Kronstadt zusammengetretenes Marinegeriht den Ka- pitän Luschmow zur Entziehung des Rechts, ein Kriegs\chiff zu fommandieren, verurtheilt und dem Kontre-Admiral Bu- ratshek einen Verweis ertheilt.

Spanien.

Dem „Temps“ wird aus Madrid gemeldet, der Marschall PDeariinez Campos have dic Justruttion ergalien, die vom Sultan von Marokko angebotene EntschädigungsS- zahlung, wiewohl dieselbe erheblich hinter der verlangten urückbleibe, anzunehmen, falls der Sultan die übrigen

Forderungen zugeftehe. Bulgarien.

Das Befinden der Prinzessin Marie Louise ist dem „W. T. B.“ zufolge ein gleihmäßig befriedigendes. Körper- temperatur: 37 Grad Celsius. Der neugeborene Prinz erfreut fih guten Wohlseins. i i 20

Gestern r die hon einmal infolge von Ruhestörungen vertagte Wahl in Rasgrad statt. Die Wahl vollzog fich in bester Ordnung. Die Kandidaten der Regierung bekamen je 3054 Stimmen, während die Kandidaten der Opposition Ctoilow 1834 und Nadoslawow 1899 Stimmen erhielten.

Montenegro.

Der Kaiser von Rußland hat, wie „W. T. B.“ aus Cetinje erfährt, dem-fatholishen Erzbishof von Anti- vari für das ihm von diesem vorgelegte, in Rom in flavischer Sprache gedruckte Meßbuch seinen huldvollsten Dank aus- gesprochen.

Amerika.

In Paris cingetroffenen Nachrichten aus Rio de Ja- neiro zufolge hätten sich die Aufständischen auf der Flha Raza vor Nictheroy felgeiene Ferner sollten Aufstän- dische bei Jguapi gelandet sein und auf S. Paolo mar- \chieren. Aus Rio Grande do Sul wird berichtet, die Regierungstruppen seien bei Ombu geschlagen worden, hätten 300 Mann verloren und Waffen, Munition und Lebensmittel im Stich gelassen. Aus Pernambuco vom 9. d. M. meldet das „Reuter she Bureau“, eins von den am 7. d. M. von dort in See gegangenen Torpedobooten sei bei Maceio gestrandet. Der „Destroyer“ und die übrigen Boote seien nah Pernambuco zurückgekehrt.

Afrika.

Der Khedive hat, wie das „Reuter she Bureau“ aus Kairo meldet, den General Kitchener empfangen und auf die Empfehlung desselben mehrere Offiziere von dessen Genera!- stab befördert.

Parlamentarische Nachrichten.

Die Schlußberichte über die gestrigen Sihungen des Reichstags und des Hauses der Abgeordneten be- finden sich in der Ersten Beilage.

Jn der heutigen 48. Sizung des Reichstags, welcher die Staatssekretäre Dr. von Boettiher und Dr. vón Stephan beiwohnten, crklärt vor der Tagesordnung der

Abg. Bebel (Soz.): Bei meiner neulihen Besprehung des Mädchenhandels in Hamburg verwies i infolge eines Zwischenrufs aus meiner Fraftion darauf, daß in Hamburg öffentlihe Häuser im Besiy von Staatspersonen seien. Das hat fih als unrichtig herausgestellt. Es bantelte sih um eine andere benahbarte Hafenstadt. Das wolite ih rihtig stellen.

Die zweite Berathung des Reichshaushalts-Etats wird fortgeseßt, und zwar beim Etat der Post- und Telegraphenverwaltung, Tit. 22: 4619 Ober-Poft- assistenten, 5334 Postassistenten und Telegraphen-Assistenten.

Von dem Abg. Gröber u. Gen. (Zentr.) ist foigender Antrag eingebracht: i; j

Der Reichstag roolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuben, in eine Prüfung der Frage eintreten zu wollen, inwieweit die dicastlihe Stellung der Postassistenten verbessert, inEbefontere cine Gleihstellung mit den Militäranwärtern in der Zulassung zum Seftretär-Examen und eine Beschleunigung in der definitiven Anstellung derielben durhgefübrt werden kann.

Abg. Gröber (Zentr.) glaubt, daß man im Haufe allgeFein den Wunsch haben werde, daß der Postassistentenverband endlich zur Nuhe komme. Die Postafsistenten werden darüber inquiriert, ob fie dem Verbande angehören: wenn nun auch jeder, der dem Ver- band angehört, si cen dazu zu bekennen den Muth baben follte, so ist es doch begreiflich, daß die Postassistenten die Auskunft verweigerten, weil fie glaubten, dann zum Austritt aus dem Verbande gezwungen zu werden. Die Poîtassisicnten find im Interesse des Dienstes verseßt worden; es ift nir merkwürdig, daß dieses Interesse des Dienstes immer gerade in dem Augenblick eintrat, wo der Beamte Anlaß zur Unzufriedenheit füx seine Dorgeleplen gegeben hatte. Der Direktor Dr. Fischer hat gesagt, nit wegen ibrer Zugehörigkeit zum Verband, sondern aus Anlaß derselben fei die Ver- jeßung im Interesse des Dienstes erfolgt; das iftein sehr feiner Unterschied. Redner verweist darauf, daß im Falle des Postaisistenten Funk die Kündigung erfolgt ist, weil er fich nit bereit erklärt hat, auf Auf- forderung seiner vorgeseßten Behörde die Agitation zu unterlaffen. Er hat ein Flugblatt vertheilt, in welchem zwei Neichstagêreden, die des Herrn Vollrath und die des Abg. Zimmermann üher den Poft- assistentenverband abgedruckt warzn das ist nicht {chöôn, aber ftrafber ist es nit. Die Reden sind nicht aus dem Zusammenhange geri}, sondern sie enthalten alles, was über den Verband gesagt worden if. Die wahrcheitsgetreuen Berichte über NReichstagsverhandlungen find aber ftrafirei, und zwar niht bloß vor dem Kriminalrichter, fondern au vor dem Disziplinarrihter. Wir haben die Ueberzeugung gewonnen, daß nicht einzelne Persönlichkeiten hier agitieren und Unzufriedea- heit erregen, sondern daß die Uebelstände, die borhanèen sind, diefe Unzufriedenheit mit fi bringen. Deshalb wollten wir

versuchen, diefe Uebelstände zu beseitigen durch unseren Antrag. La Reglement von 1871, welches die Carrière der Postassistenten d: schränft, ist nicht unabänderlih; es braucht tazu nicht einmal ein Gese erlaffen zu werden; die Verwaltung Tann ganz ct? ständig vorgehen und ein Reglement, welches seit 25 Jahren bestebt und den jetzigen Verhältnissen nit mehr entspricht, abändern. Man sagt, daß zum Postiekretär-Eramen von Militäranwarkern nur tie ehemaligen Offiziere zugelassen werden, die eine höhere Bildung haben als die große Zahl der Posftassistenten. Es follen aber au Unteroffiziere zum Examen zugelassen worden sein. Das mag dahir- gestellt bleiben. Warum follten aber unter den Zivilanwärtern nit auch Personen mit höherer Bildung fein? Warum will man fie vom Examen auss{ließen ?

(Schluß des Blattes.)

In der Kommission des Reichstags für den Geiß: entwurf wegen Abänderung des Neichs-Stempelabgabegeiepe? wurde heute die ¡weite Berathung der Beschlüsse zur DArgen- steuernovelle fortgeseßt. Die zur Deklaration des Wortes «Aus bändigung“ gestern niedergeseßte Subkommission schlägt vor, folgenden Absaß binter Tarifnummer 2 einzushilten: „Der Aushändi- gung auéländisher Werthpapiere im. Inlande wird 2 gleichgeachtet, wenn solhe Werthpapiere , welche durch A im Auslande abgeschlossencs Geschäft von einem zur Zeit des Geschäftsabschlusses im Inlande wohnhaften Kontrahen!te angeschafft find, diesem aus dem Auslande übersandt oder von 4 s oder einem Vertreter aus dem Auslande abgeholt werden." g kurzer Berathung wird der Antrag der Subkommission allen gegen 2 Stimmen angenommen. Ebenso wird der An es Gamp, den zweiten Abjay zu Larisnummer 1, wie 1s. fassen: „Der nachweislich 5 versteuerte Betrag der G scheine wird auf den Betrag der demnächst etwa zu Hale fteuernden Aktien u. #. w. angerechnet“, angenommen. (nl) „Befreiungen“ beantragt der Abg. Frhr. Heyl zu Herrnsheim L: als Nr. 3 hinzuzufügen: „inländische Aktien und Antheilscheine clsder Interimsscheine über Einzahlungen auf diese Werthpapiere L en Aftienge!ellshaften, welche sih dic Erbauung von Arbeiterwohnu T zur Aufgabe stellen unter Verzicht auf Gewinn in der Weise, rg E Kapitalverzinsung im Höchstbetrage von 4 °/6 statutenmäßig festgeieß Zie Abg. Graf Dönhoff (dkons.) beantragt dagegen, von der S ine freien „inländishe Aktien und Aktienantheilscheine , Anthel lBcine von Gefellshaften mit beshränfter Haftung, fowie Interim in- über Einzahlungen auf diese Werthpapiere, sofern sie p aus gesellschaften bezw. von Gesellschaften mit beshränfter Hastuns al gegeben werden, welhe nad dem Gutachten der höheren Brreden tungsbehörde ihres Sißzes im wesentlichen gemeinnüßigen D"

dienen und den zur Vertheilung gelangenden Reingewinn sazungsmäßig auf eine höchstens fünfprozentige Verzinfung der Kapitalumlagen beschränken.“ Staatssekretär Dr. Graf von Posadowsky hält den Antrag Heyl für besser. Gelange der Antrag Dönhoff zur Annahme, so möge statt 59% 37% geseßt werden. Bei der Abstimmung wird der Satz von 5 9/9 der Kapitalumlage an- genommen und außerdem folgender Zusaßantrag des Abg. Pladcke (nl.): „Auch Gesellshaften wird für den Fall der Auflösung der Gesfell-

that nit mebr als der Nominalwertk ibrer Antbeile zugeKBert und bei der Auflösung der etwaige Rest des Gesellshaftêvermögens für gemcinnüßige Zwecke bestimmt.“ Ferner wird ftatt „Gutachten der bôheren Verwaltungsbebörden“ geseßt „Entscheidung des Bundesraths“. Mit dieser Abänderung wird Nr. 1b des Tarifs (ausländische Aktien 2c. 1# %/ Steuer) gegen zwei Stimmen angenommen. Die Tarifpos. 2a (inländische für den Handelsverkehr bestimmte Renten 2c. 4 °/oo) wird nah den Beschlüffen erster Lesung bestätigt. Bei Nr. 2b (Renten und Schuldverschreibungen ausländisher Staaten, Korporationen u. . w., wenn sie im Inlande ausgehändigt, veräußert, verpfändet werden 2c.) bat die gran 69/06 angeseßt, die Kommission 8% in erfter Lesung beschlofsen. Nah längerer Erörterlung wurde heute die Regierungsvorlage gegen drei Stimmen wieder hergestellt.

Auf der TageZordnung für die 15. Plenarsitung des Hauff es der Abgeordn eten am Mittwoch, 14. Februar, Vormittags 11 Uhr, steht die Fortseßung der zweiten Berathung des Entwurfs des Staatshaushalts -Etats für 1894/95, und zwar: a. Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, b. Münzverwaiïtung, c. Staatéarchive, Q. Iuftizverwaltung.

Die X1[I1. Kommission des Hauses der Abgeordneten zur Vorberathung des Gesetzentwurfs über die Landwirtbschafts- tammern ift folgendermaßen zusammengeseßt: von Kröcher, Vor- fißender; Freiherr von Loë, Stellvertreter des Vorsißenden; Hirt; von Mendel-Steinfels, Reinecke, Heye, Dasbah, Graw (Allenstein) Schriftführer; Conrad (Flatow), Freiherr von Erffa-Wernburg, Frenß, Lampreht, Rabe von Pappenhbeim-Lietenau, von Rautter, Barthold, von Tiedemann (Bomst), von Tzschoppe, von Eynern, vom Heede, Meßling, Ottens, Seer, Heroid, Graf von und zu Hoens- broech, Freiberr von Huene, Klose, Dr. von Zöttowsfi, Faedel.

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Kunft und Wissenschaft.

___ E Für die Geschichte deutscher Kunstforshung, insbesondere au für die Geschichte der Berliner Kunstsammlunzen bedeutete der 11. Februar dieses Jahres, ter hundertjäbrige Geburtëtag Gustav Friedrich Waagen?s, einen wichtigen Gedenktag. Waagen ift es in erfter Linie zu danten, wenn unfere Gemälde-Galerie, welche als die jüngste unter den Bildersammlungen des Kontinents mit besonderen Schwierigkeiten bei ihrer Legründun und Ver- vollständigung zu fämpfen hatte, sch eignen schGnell zu ciner bedeutenden Stellung emporrang. 1794 in Hamburg ge- boren, bezog W. 1512 die Universität Breslau, wo er \sich bistorischen und philofovhischen Studien widmete; nachdem er die Freiheitékriege als Freiwilliger mitgemacht, segte er seine Studien in Breslau, Heidelberg und München fort. Die Kunstshäße der Jfarstadt und Vreédens, wo er ebenfalls längere Zeit weilte, lenkten jeine Auf- mertfamfeit auf die Kunststudien, deren erste Frucht eine Schrift über die Begründer der modernen Malerei Hubert und Jan van Eyck war, die auf eincr größeren Reise dur die Niederlande 1822 ent- stand. Schon im folgenden Jahre erhielt er cinen ebrenden Ruf nah Berlin, um seine Kraft den Vorarbeiten für die Begründung der neuen Gemäldesammlung zu widmen; eine Reise nach Jtalien in Gemeinschaft mit Schinkel bereicherte scine Anschauung italienischer Kunst, fo daß er 1828 von der Museumékommission mit der Anferti- gung des amtlihen Katalogs der Berliner Galerie betraut wurde, die dann 1830 seine Ernennung zum Galerie-Direktor zur Folge hatte. Auf seinen zahlreihen Reifen, die ibn in alle größeren Kunstsammlungen führten und auch in literarisher Beziehung reie Frucht trugen, vertrat cr dur Neuerwerbungen die Interessen des von ihm geleiteten Instituts mit seltenem Scharfblick und nimmermüder Energie. Besonders die Ankäufe auf einer italienischen Reise 1841 bis 1842 führten der Ber- liner Gemälde- und Skulpturengalerie reibe Schätze zu. Daß es in einer Zeit, welche die Kunstkritik aus einem ungeklärten Dilettantismus hervorwachsen sah, niht an harten Kämpfen feblte, um solche Ziele, wie sie W. sih vorgeseßt, zu erreichen, ist begreiflih. Der That- fraft des rastlosen Forschers gelang es indeß, alle Wider- sprühe zu beseitigen und der ganzen Wissenschaft einen eorenvollen Plaß neben anderen historischex Disziplinen zu erringen. Seine periegetishen Werke „Kunstwerke und Künstler in England und Paris (1837)“, „Kunstwerke und Künstler in Deutschland“ und „Die vornehmsten Kunstdenkmäler in Wien“ bergen ein über- reiches, noch heute vielfach brauhbares Material für Bilderkritik : und besonders durch die den Werken der Miniaturmalerei zugewendete Aufmerksamkeit hat \sch ihr Verfaffer ein bahnbrechendes Verdienst gesichert. Zusammenfassend verwerthete er seine Studien über die Geschichte der Malerei in dem 1862 herausgegebenen „Handbuch der deutshen und nieder- ländishen Malershulen.*“ Dak die Kennerschaft seit Waagen's 1868 erfolgtem Tode bedeutende Fortschritte gemaht und viele seiner Re- sultate umgestoßen hat, darf uns nickt ungerecht gegen seine Verdienste machen, denen jein Schüler, der Holbeinforscher A. Woltmann, feiner Zeit in einer biographischen Studie in der Zeitschrift für bildende Kunft eine gerechte Würdigung angedeihen ließ, und an die zu erinnern E E Wiederkehr feines Geburtstags willkommenen An- bietet.

_ In der morgigen Sißung des Vereins für deutsches Kunstgewerbe, wird Herr Eugen Quaglio, Dekorationsmaler der Königlichen Theater, einen Vortrag über Theater-Malerei halten und diesen durch Entwürfe, Skizzen und Modelle älterer und neuerer Zeit erläutern. Die Sißung findet stait im großen Saale des Arcitekten- hauses, 84 Ubr Abends.

- Aus Leipzig, von geftern, wird der Tod des Geheimen Hof- ratbs und Professors der Rechte an der dortigen Universität Dr. Kunße (geboren 1824 in Grimma) gemeldet. Der Verstorbene bat sid neben seiner Lehrthätigkeit durh eine Reihe von Schriften über das Römische Recht, über Obligationen, Wechselreht 2c. bekannt gemacht. Seit 1863 war er Vorsitzender des Literarishen Sachverständigen- vereins für Sachsen.

Schulwesen.

_In der Stadt Köln i die Errichtung einer Knaben- mittelschule beschlossen worden, um die große Kluft, die zwischen der Volksshule und den höheren Schulen liegt, angemessen aus- zufüllen. Dazu baben wesentli die A Erfolge der bestehenden Mittelshule für Mädchen geführt. ihe Förderung hat in Köln und im Kreise Bonn der Handarbeitsfertigkeits-Unterricht ¿Heuivelle dur Unterstüßung von Privaiperfonen, erfahren; in Köln wurde ein Lehrerverband zur Förderung der erziehlihen Knabenhand- arbeit begründet.

Bauten.

—_ Der Umbau der Treppe vor dem Hauptportal des Kölner L 9ms und die Regulierung des vor derselben liegenten Platzes sind vor furzem vollendet worden.

Mali In den Wettbewerben für die Erweiterung der Aartin’schen Frauenklinikt bierselbst und für ein Kreis haus l Rasten Ur g, die der hiesige Architektenverein unter seinen Mit- gliedern ausgeschrieben, hat dem „Zentr. Bl. d. Bauv.* zufolge am 9. d. M. die Beurtheilung stattgefunden. Von den sieben einge- zangenen Entwürfen für ein Kreishaus in Rastenburg erhielt der- [nige des Architekten Heinrih Reinhardt in Berlin einen ersten ck:eié bon 750 Æ, der des Regierungs-Baumeisters Wilde in Berlin,

einen zweiten von 250 A In ter Beurtheilung der acht Entwürfe für die Erweiterung der Martin’schen Fraucnklinik wurde nur ein einziger Preis in der Gefammthöhe des ausgeseßten Betkagès von 500 Æ zuerkannt, der dem Baumeister Nikclaus Beer in Berlin zufiel; dem Entwurf des Regierungs-Baumeisters Albert Smidt in Berlin wurde ein Vereins- Andenken zu theil.

In Seligenthal im Siegthal foll nunmehr eine Restaurierung der dortigen s{önen alten romanishen Kirche in Angriff genommen

/ E A L werden, naGdem die Provinz cine Beihilfe in Ausficht gestellt Bat.

Adretse und Musik.

Königliches Opernhaus.

Der gestrige erste Gesellshaftsabend dieses Jahres nahm einen glänzenden Verlauf. Zur Aufführung gelangten Leoncavallo?s „Bajazzi“, die in der bekannten tadellosen Aufführung den lauten Beifall des in allen Theilen gefüllten Hauses fanden. Einer nicht weniger günftigen Aufnahme begegnete die mytholozishe Tanzdihtung „Prometheus“ mit der Musik von Beethoven. Vom Anfang bis zum Schluß der Vorstellung berrs{te eine sehr angeregte Stim- mung, die den vortrefflichen fünstlerishen Gaben entiprah. Seine Majestät der Kaifer und König und IhreMajestät die Kaiserin und Königkn wohnten der Vorstellung bis zum Stluß bei. ;

„Timon von Athen“, das von Heinri Bulthaupt bearbeitete Shakespeare’sche Schauspiel, welchcs im Berliner Theater am Donnerstag erfimalig zur Aufführung gelangt, wird von den besten Kräften der genannten Bühne darge-itellt. Ludwig Barnay spielt den Alkibiades, Artbur Kraußneck den Timon, Charlotte Boch die Klytia und Emanuel Stockhausen den Glaukoen. Nina Banciu, Karl Blanken- stein, Ernft Formes, Paul Nollei und Ferdinand Suske stellen die übrigen größeren Rollen des Werkes dar, das au scenis{ glanzvoll ausgestattet ist. Heinrih Bulthauxt wird der erften Aufführung bei- wohnen.

In der am Freitag im Friedrih-Wilbelmstädtischen Theater zur ersten Aufführung gelangenden dreiaktigen Operette „Brautjagd“ von Hermann Hirschcl, Mufik von Franz von Suppé, wird in einer der weiblichen Hauptpartien Fräulein Marianne Nhoden debüticren. Die übrigen Hauptrollen sind mit den Damen E. Schmidt, Cornelli, Zimmer, Kluge und den Herren Steiner, Wellhof, Klein, Hanno, Broda, Ernsthaft, Matthias, Sommer und Unger befegt. fa

Nach der Montags - Vorstellung im Königlichen Overr hause (1. Gesellshaftäabend) lies Seine Majestät Kaiser durch den General-Intendanten Grafen von Hochkerg Mitwirkenden Allerhöchstseine Befriedigung ausdrücken. Morg findet zum Gedächtniß Richard Wagner's eine Auffübrun der Oper „Der fliegende Holländer“ mit Frau Pierson und Herrn Beß in den Hauptrollen unter Kapellmeister Weingartner's Leitung statt. Die auf Sonnabend angefeßte erste Aufführung von Leoncavallo's Oper „Die Medici“ beginrt auf Allerhöchsten Befebl um 74 Uór. Für diese Vorstellung, welhe bei aufgehobenem Abonnement stattfindet, treten nastebende erhöhte Preise ein: Fremden- und Orchefterlogen 12 Æ, I. Nang, Parguet und Parquet- loge 10 Æ, II. Rang Prosceniumsloge 7 Æ#, 11. Rang Balkon und Loge 6 AÆ, 111. Rang 4 Æ, Parterre 2 A, Amphitheater Sißplaßz 2 f, Ampkhitheater Stebplay 1

Im Königlichen Schaufvielbause wird morgen Hans von Gumpvenberg's Komödie „Die Minnekönigin“ (Frau. von Hochenburger, Herr Matkowsky), sowie Emil Gött’'s Lustspiel „Verbotene Früchte“ Damen Conrad, Lindner, Herren Vollmar, Keßler) gegeben. In der nähften Woche geht Hugo Lukbliner's „Jourfix" zum ersten Mal in Scene.

Im Nesidenz-Theater wird die ganze Woche hindurch „Der Mustergatte“ gegeben. Am Sonntag soll als Mittagëvorstellung zu wobltbätigem Zweck das Lustspiel „Verfehlter Beruf“ von Eugen Zabel und Friedrih Dernburg mit Friedrich Mitterwurzer als Gast zur Aufführung gelangen.

Der Spielplan des Neuen Theaters bringt morgen zum ersten Male Cognettis „A Basso Porto“ (deutsch von Dürer), am Donnerstag und Freitag Wiederbolungen diefer Novität und am Sonnabend Elsa von Schabelsky's Schausviel „Gisela“.

Fräulein Ida Schlüter, welche infolge von Unpäßlichkeit einige Zeit gezwungen war, ihre Partie in der einaktigen Gesangspofie „Die Bajazzi“ im Adolph-Ernst-Theater an eine Vertreterin abzugeben, wird mit dem beutigen Tage die von ihr geshaffene Rolle wieder übernehmen. :

Das Konzert mit eigenen Kompositionen von Max Reger findet morgen, Abends 8 Ubr, in der Sing-Akademie statt: das Programm bringt eine Sonate in D-moll für Violine und Klavier, cine Sonate in F-moll für Cello und Klavier, ein Trio für Violine, Viola und Pianoforte in H-moll und mebrere Gruppen von Liedern: die Mitwirkung übernekmen die Konzertsängerin Fräulein Sovhie Schrôter sowie die Herren Professor Wald. Meyer und König- licher Kammermusiker Ad. Gülzow und Eug. Sandow. Fräulein Clotilde Kleeberg, welhe dem „Moniteur officiel“ zufolge zum „Officier d’Académie“ ernannt worden ift, bringt in ibrem biesigen Klavierabend im Saal Bechstein an demselben Abend um Uhr außer einer Reibe von fklassishen Werken auh ein ibr gewidmetes, bier noch niht gespieltes Werk, die „Poèmes Sylvestres“ von Ih. Dubois zum Vortrage. Das Programm des Konzerts, welhes Alessandro Cofta am Donnerétag, Abends 8 Uhr, in der Sing-Akademie veranstaltet, bringt vier cigene Werke des Konzertgebers, und zwar die Symphonien in C-moll und G-dur und ferner zwei Gesänge für eine Solostimme mit Orchesterbegleitung: „Todtentanz“, Ballate für Tenor, und „Gesang der Nixen“ für Sopran. Die gesanglihe Mitwirkung über- nehmen Frau Helene Lieban und Herr Hofopernsänger Julius Lieban, den orchestralen Theil führt das Philbarmonishe Orchester aus. Der Reinertrag i für einen wohlthätigen Zweck bestimmt. Der Klaviervirtuose Heinrich Lutter aus Hannover wird an feinem Klavierabend im Saal Bechstein an demfelben Tage, 74 Uhr, außer Beethoven’s Sonate in Es-dur, op. 27, Stubert's „.Moments musicals“, Shumann's „Papillons“ und Werken von Brahms, Henselt und Rubinstein auch eine Rethe Liszt’icher Werke (darunter „Sonett“, „Bénédiction de dieu“ Rhapsfodie, Nr. VI[I) zu Gehör bringen.

Mannigfaltiges.

__ In seiner gestrigen außerordentlichen Sißung hat der Magistrat die Berathungen der Einzel-Etats zu Ende geführt. Die definitive estseßung des Prozentsazes der Gemeinde-Einkommen steuer ann, nach dem Bericht der „N. A. Z.“ erft dann erfolgen, wenn seitens des Fiskus die Höhe der Staatseinkommen-Steuersumme für Berlin für 1894/95 dem Magistrat wird zur Kenntniß gebracht sein. Indefsen ist nah dem Resultat der Etatsberathungen, wie bereits mitgetheilt, mit Sicherheit vorauszuschen, daß die Quote für die Gemeinde : Einkommensteuer nicht unter 100 % angeseßt werden wird. Zu erwähnen is noch der Beschluß des Kollegiums, daß für das Etatejahr 1894/95 der Magistrat auf die Einziehung der Gemeinde-Einkommensteuer auch der zweiten Steuer- stufe, welche mit einem Einkommen von 660 bis 900 veranlagt ift, verzichten werde, Zons die erfte und zweite Stufe steuerfrei bleiben. Dessen ungeadtet sollen diese zur Steuer veranlagt werden,

um so den betreffenden Personen die Auëübung der bürgerlichen Rechte zu erbalten.

Das Befinden der verunglückten Königlichen Hofscauspielerin

rau Marie Niemann - Seebach iff ein verbältni mäßig günstiges. „Die Verleßung am Knöchel des reten Fußes ift der „Nat.-Ztg. zufolge, feine gefährlihe, und der Knochenbruch des rechten Dberschenkels wird nach der Versicherung des Geheimen Medizinal- Raths Professors Dr. von Bergmann zu heilen sein : indessen wird die

Verunglückte in der Klinik noh. etwa sech8 Wochen, zunächst im Gipsverband, liegen müssen. Ueber die Umstände, dur welche das |chwere Unglück eintrat, wird dem genannten Blatt noch geschrieben: Frau See: bad, welche die Pferdcbabn in der Kurfürstenftraße benußte, war keineswegs „zu früß“ ausgeftiegen und war auh dabei niht auë- gte. sondern sie verließ an der Ee der Ansbacher Straße den chon stehenden Pferdebahnwagen, als an der Ausësteigeseite ein Koblenwagen im fchnellsten Tempo vorüberfuhr, sodaß Frau Seebach

von den Pferden ntiedergeriffen ward und unter die Räder farm.

Die Beiseßzung des in München verstorbenen ehemaligen deutschen Botschafters Freiherrn von Werther fand gestern Nachmittag 34 Uhr auf dem Dorotheenstädtishen Kirchof in der Liesenstraße statt. Wie die „Nat.-Z.“ erfährt, hatte Seine Majestät der Kaiser den Kommandanten des Hauptquartiers, General-Major von Pleffen beauftragt, Allerböchstihn bei der Beiseßung zu vertreten und eiten

roßen, aus Veilchen und Maiblumen geflochtenen Kranz mit Afkläs- ¡hleife, welche das Kaiserlihe W mit der Krone in Golddruck trägt, auf den Sarg des Verstorbenen niederzulegen. :

Der „Künfstler-West-Klub“ veranftaliet am 17. d. M. in den Sälen des Konzerthauses ein Karnevaltf:#|. Ein das Fest einleitendes Scherzspiel „Ein Künstlertraum“ wird humoriîtis-satiriie Streiflichter auf die verschiedenen Richtungen in der Kunst werfen. Eintrittekarten für von Mitgliedern des Künftler-West-Klubs ein- geführte Gäste sind in dem Festbureau, Kuckürftenfstraße #26, Garten- haus 11, zu haben.

Der bekannte Geologe Professor Dr. A. Pendck aus Wien bält morgen Abend 6 Ubr in der Urania einen Vortrag „Ueber Berg- und Felsformen“. Zahlreiche “landschaftlich. schöne Lichtbilder werden der Ausführung zur Erläuterung dienen. Am Sonnabend wird der Direktor der Urania, Dr. M. Wilbelm Meyer, seinen Vor- trag „Durch den VNelloreftone - Park bis ¿zum Großen Ozean“ wiederholen.

Ueber die verheerenden Wirkungen des feit einigen Tagen in einem großen Theil von Europa herrshenden orfan- artigen Sturmes und Unwetters liegen heute folgende Nachrichten vor :

Im hiesigen Thiergarten sind durch die Gewalt des Sturmes eine grêßere Anzabl der stärksten Vaumriesen entwurzelt und umge- brochen. Der „N. Pr. Z.* entnehmen wir die nahstehenden Mit- theilungen : Die einzelnen Windftöße fegten gestern mit folher Gewalt dur die Straßen, daß die Pafsanten sih entweder in die Häuser flüchtetcn oder an den Häusern halten mußten, um ibren Weg fort- zuseßen. Ein vor dem Postamt am Belle-Alliance-Play haltender Gepäcpostwagen wurde vollständig umgeworfen und die Gepäckstüde auf die Straße geschleudert: durch Pcostbeamte konnten die Gepäck- stücke zusammengelefen und wieder in Sicherheit gebrabt werden. Ein in der Taubenstraße patrouillierender Shußzmann wurde von einem herabstürzenden Dachstein derart am Kopf verleßt, daß er in der Sanitätéwahe in der Mauerftraße verbunden werden mußte. Ein junger Mann, der seinen am Schlüterfteg in die Spree gefallenen Hut von einem Obstkahn aus herausziehen wollte, wurde von dem Sturmwind erfaßt und in die Spree ges{leudert. Nur mit größter Mükte gelang es mehreren Schiffern, den mit dem Wellentod Kämpfenden wieder ans Land zu ziehen. Die Feuerwehr wurde während des Orkans fünfmal alarmiert, und zwar nah der Alten Jaftobstraße, Alexandrinenstraße, Lindenstraße, Oranienstraße und Mark- grafenstraße. Als der Sturm losbra& waren mehrere Arbeiter auf dem Dach des Hauses Karlstraße Nr. 14 mit Ausbefserungsarbeiten be- schäftigt. Ein Arbeiter Meier wurde vom Wind erfaßt und auf die Straße geschleudert. Hierbei erlitt er einen Bru beider Beine und einen Bruch des linken Armeë; er mußte mittels Droshke nah der Charité geshaft werden. Ein Durcheinander entstand an der Weiden- dammer Brücke. Das Pferd einer Droschke zweiter Klase war auf den Glaétscherben eines herabgerissenen Transparentschildes aus8geglitten, während die Droschke mit jolher Gewalt gegen die Freitreppe ge- trieben wurde, daß beide Scherbäume des Wagens zerbrochen wurden. Eine andere Droîchke, die der erften folgte, vrallte derart geaen die- selbe, daß die Droschke zum theil zertrümmert und dem Pferde die Brustseite aufgerifsen wurde. Erst nah vielen Bemühungen gelang es, die fest ineinander gefahrencen - Fubrwerte zu trennen. Mit lautem Knall zersprangen aestern Nachmittag gegen 6 Ubr die Leitungs- drâbte der auf dem Hause Mobrenstraße 21 befestigten Telephonsäule, wo- durch eine große Störung im Telephonbe-triebe bervorgerufen wurde. Ein Koblenbändler, der mit einer Kiepe die Adalbertstraße entlang ging, wurde gegen 2 Ubr vom Sturm umgeworfen und trug eine Kopfwunde und eine Verstauhung der rechten Hand davon. In der Flemmingfstraße wurde etwa um dieselbe Zeit ein Schornsteinaufsay von Eisenblech heruntergeworsen und traf einen Knaben. Ein kleines Mädchen wurde um 3} Ubr in der Kottbuserstraße von der Mutter fort quer über den Damm unter die Räder einer Droschke getrieben, konnte aber noh gerettet werden. In der Winterfeldtstraße 23 stürzte um 27 Uhr Nachmittags der Schornstein in den Hof berunter. Er fiel auf ein Dach, durhslug datselbe und richtete im Efzimmer des Herrn Gebeimen Ober - Finanz - Raths Pfabl bedeutenden Schaden an. Die Feuerwehr leistete die nothwendige Hilfe. Mit ganz besonderer Heftigkeit wüthete der Sturm um die Mittagszeit. In der zweiten Etage von Caftan's Panopti- fum in der Friedrihstraße zerdrückte er kurz nah 12 Übr eine große Spiegzlsheibe. Prasselnd stürzten die Glaësplitter auf das Trottoir nieder ohne glückliherweise Jemanden zu verlezen. Von dem Dache der Nitterschaftsbank am Ziethenplaß wurde ein großes Stü der Zinkbekleidung des Daches abgerissen und bing drobend eine lange Zeit in der Luft, bis es gelang, es zu entfernen. Die mit Bäumen bepflanzten Straßen sind mit Aesten und Reisig völlig bedeckt gewesen. In der Alerandrinenstraße stürzte ein langer Zaun sammt den gemauerten Pfeilern um. Von der Lutherkirhe am Dennewitplag wurde in beträhtlihem Umfang die Befleidung des Thurmes mit glasierten Ziegeln abgerissen, fodaß Befürchtungen laut wurden, der Wind könne nh in dem bloßgelegten Sparrenwerk verfangen. Vom Pa lmen- hause des Botanishen Gartens wird gemeldet, daß der Schornstein auf das Dach stürzte und ebenfalls {weren Schaden an- richtete. Aus der Umgegend Berlins, aus Spandau, Köpenick, Rixdorf, Groß-Lichterfelde wird gemeldet, daß Schornsteine umgestürzt, Zäune niedergelegt, Dächer abgedeckt, Häuser beschädigt wurden; doch find Verleßungen von Menschen nicht bek2nnt ge- worden.

Königsberg i. Pr., 13. Februar. Ein orkanartiger Weststurm ftaute, wie ,„W. T. B.* meldet, den Pr egel an, welcher die tiefer gelegenen Straßen überfluthete und die Grüne Brücke gefährdete, die Abends 10 Ubr polizeilih abgesperrt wurde. Ein Dammbruch ver- ursachte die Uebers{wemmung des Nafsen Gartens. ioniere und Feuerwehr retteten die gefährdeten Menschen und das Vieh.

__ Stettin, 12. Februar. Die „N. Stett. Ztg.“ berihtet: Die im Sommer vorigen Jahres auf dem altehrwürdigen Thurm der Zatobdilir@e errichtete neue, im Gebalk noch freistehende &piye, die erst in diesem Frühjahr cingedeckt werden sollte, ift von dem heute Vormittag mächtiger denn je in den lezten Tagen daherbrausenden Orkan in die Tiefe herabgeweht worden. Schon den ganzen Vormittag hindurch hatte der Sturm unhbeimlih die in die Lüfte ragende Thurmspißze umtobt, daß es wie ein dumpfes Donnern und Grollen in der Tiefe widerklang. Plögli, gerade um 1 Ubr Mittags, neigte sib, von der Windsbraut e:fa*t, der mächtige Thurm- helm und {lug in der vollea Axe des Kirchenschiffs in das gewaltige Dach ein, dieses sowie den Dachreiter zum großen Theil zershmetternd. Ein donnerähnlihes Getöse, ein Entseßensgeschrei aus den Keblen der Hunderte von Paffanten, die des \chrecklihen Schauspiels gerade anfihtig wurden, dann eine Wolke von Staub und Splittern und der neuerrihtete Thurm, an dem in den leßten Monaten jo viele Blicke liebevoll gehangen, war nicht mehr. Ein wirrer Knäuei von Balken, Splittern und Ziegeltrümmern lag auf dem Kirchendah und zu beiden Seiten des Kirhbofs: die mächtigen