1894 / 50 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Um 51/3 Uhr fand im Wilhelmspalast Familientafel zu 25 Ge- decken statt, wobei der Herzog Wilhelm auf das Wohl des Königs trank. Der Festvorstellung im E TTE wo der erste Akt der Oper „Die Makkabäer“ und ein Festspiel „Der Geburtstag des Königs“ mit lebenden Bildern zur Aufführung kamen, wohnten Jhre Majestäten, umgeben von der Königlichen Familie, in der großen Hofloge von Anfang bis zum Schlusse an. Als der König das festlich beleuchtete, von einer glänzenden Versammlung gefüllte Haus betrat, wurde Allerhöchstderselbe mit dreimaligen begeisterten Hohrufen empfangen. Jm Zwischenakt wischen der Oper und dem Festspiel hielt Seine Majestät im Fover Cercle und nahm daselbst die Glückwünsche der Staats-Minister, der Präsidenten der beiden Kammern, der Standesherren, der Mitglieder des diplomatischen Korps, der prinzlihen Hofstaaten und der Damen der Königlichen Hofstaaten, sowie der Vertreter der StadtStuttgart entgegen.

Baden.

Jhre Königliche Hoheit die Großherzogin besuchte, wie die „Karlsr. Bg meldet, am Sonntag zum ersten Male seit vielen Wochen den Gottesdienst in der Schloßkirhe. Seine Königliche Hoheit der Großherzog is durch einen starken Katarrh an das Zimmer gefesselt.

Hamburg. Dem „Hamburgischen Korrespondent“ zufolge sind in

Hamburg zwei Czechen verhaftet worden, die unter dem Verdachte stehen, anarchistishe Agitatoren zu sein und

anarchistishe Flugblätter auf das eifrigste verbreitet zu haben.

Oesterreich-Ungarn.

Der Kaiser empfing gestern, wie „W. T. B.° meldet, den serbishen Minister-Präsidenten Simic in Privataudienz und nahm dessen Abberufungsschreiben von dem Posten als serbisher Gesandter entgegen. Vorgestern hatte Simic dem Minister des Auswärtigen Grafen Käln oky einen einstündigen Besuch abgestattet. i E

Auswärtige Blätter, insbesondere französische, hatten allerlei Schlußfolgerungen an die willkürlih angenommene Thatsache geknüpft, daß der Kaiser auf der Reise nah der Riviera italieni) hes Gebiet vermeide. Das „K. K. Telegraphen-Korrespondenz-Bureau“ erklärt diese Kombination für vollkommen hinfällig, da der Kaiser, Allerhöchstwelcher sih zunächst nah München zum Besuch der Prinzessin Leopold begicbt, gemäß dem festgestellten Reiseprogramm von dort die Reise über die Gotthardbahn und sodann auf dem italienischen Gebiet über Alessandria fortseßt. :

Jn dem Befinden der Erzherzogin Maria Jmma- culata ist gestern Morgen nah einer gut verbrahten Nacht Besserung eingetreten. O : :

Der Minister-Präsident Fürst Windischgräß hat gestern den Obmännern der koalirten Parteigruppen die leitenden Grundsäße über die Wahlreform mitgetheilt und die Ob- männer zu Besprechungen eingeladen, die in den nächsten Tagen über diesen Gegenstand abgehalten werden follen.

Im Abgeordnetenhause brachte gestern der Finanz- Minister Dr. von Plener behufs Fortführung der Valuta- regulierung drei Geseßentwürfe ein. Der erste verfügt gemäß dem Uebereinkommen mit Ungarn die Einziehung von 200 Millionen Staatsnoten, nämlih die ge- sammten Ein - Gulden- und einen Theil der Fünf- und der Fünfzig-Guldennoten. Die Einziehung erfolgt durch beide Regierungen mittels Ausgabe von 40 Millionen Ein-Kronen- stücen, ferner von Sülbergulden und von Banknoten, welche von der Oesterreichisch - ungarishen Bank gegen Erlegung von Zwanzig-Kronenstücken in Gold bis zum Höchst: betrag von 160 Millionen zu beschaffen sind. Die Bank darf das erhaltene Gold nur für die Deckung der tauschweise aus- gegebenen Banknoten verwenden. Die Einlöfungspflicht für die Ein-Guldennoten erlischt am 31. Dezember 1899. Der zweite Gesezentwurf überläßt dem Finanz-Minister 112 Millionen Gulden aus den schon geprägten Zwanzig - Kronenstücken in Gold als auf die westlihe Reichshälfte quotenmäßig entfallende Einlösungssumme. Der dritte Entwurf er- mächtigt den Finanz-Minister, die schwebende Schuld in Partialhypothekenanweisungen um 30 Millionen end- gültig zu vermindern, sobald er den Zeitpunkt für angemessen erachtet, und die Zahlungsmittel durch eine höchstens vier- prozentige Rentenschuld zu beschaffen. Jn den Motiven dazu werden die vorgeschlagenen Maßnahmen für einen Schritt zur \chließlihen Erreihung des von der Regierung unentwegt im Auge behaltenen Zieles der Herstellung der Metallzirkulation auf Grund der Goldwährung erklärt. Die Einlösbarkeit der Bank noten gegen geseßlihe Münzen könne erst nach der vollständigen Abwicelung der Einlösung der Staatsnoten und Erreichung der Stabilität des geseßlihen Werthes des Banknotenumlaufs ausgesprochen werden. Die bedauerlicherweise neuerdings ein- getretene, die Lage des österreichishen Geldmarkts störende Agiobewegung lasse den baldigsten Beginn der Einlösung der Staatsnoten und die Durchführung derselben nach

. Maßgabe der bereits vorhandenen Mittel um so_ rath- samer erscheinen. Jm weiteren Verlauf der Sizung erflärte der Landesvertheidigungs-Minister Graf Wel- sersheimb in Beantwortung einer Jnterpellation des Jungczehen Krumbholz die Beschuldigung wegen angceb- licher Beschimpfung czehisher Mannschaft durch militärische Vorgeseßzte auf Grund der Un.tersuchung durch das Reichs- Kriegs-Ministerium für vollkommen unbegründet; ein be- \himpfender Ausdruck sei garniht gebraucht worden. Der Minister betonte ferner, in dem Bereih des betreffenden Kommandos befänden sich viele Agitatoren, die sich an die Mannschaft herandrängten und aus ihr allerlei heraus- zupressen suchten, was sie dann politisch in gehässiger und entstellter Form verwertheten. Der Minister des Jnnern Marquis Bacquehem beantwortete eine Jnterpellation des Abg. Fürsten Johann Schwarzenberg wegen Lösung der Auswanderungsfrage dahin, daß die Auswanderung nur dur die Wehrpflicht beshränkt sei. Die Grenzüberwachung gegen eine unreelle Auswanderung sei in Vorbereitung ; etwaige Gesetzes- übertretungen der Auswanderungsagenten würden streng geahndet. Die Abgg. Ciani und Genossen fragten den Handels-Minister, ob es richtig sei, daß Frankreich die Forderung gestellt habe, ihm die Vergünstigung der im Handelsvertrage mit Jtalien ent- haltenen Weinzollklausel zu gewähren, und was der Minister, wenn dies richtig sei, thun werde, um die arg geschädigte heimishe Wein-Industrie zu shüßen. Jm weiteren Verlauf der Sißung wurden von flerikaler, antisemitisher und jung-

czehisher Seite drei Jnterpellationen wegen der dur Ferles bei der Staatsschuldenkasse begangenen Defrau- dation eingebracht. 5 i | Im ungarischen Unterhause entwickelte gestern bei der weiteren Berathung der Eherechts- Vorlage der Minister- Präsident Dr. Wekerle die Genesis der firchenpolitischen Situation und hob hervor, das Uebel sei nicht dur den Februar-Erlaß entstánden, sondern dadur, daß das Verhältniß zwischen Staat und Kirche nie geregelt worden sei. Die . Regierung ‘habe sich auf den Standpunkt der Bw e ler Wirkungskreise des Staats und der irche gestellt, da die Palliativmittel niht mehr zur Beschwich- tigung ausreichten und die kompetentesten Faktoren der katho- lischen Kirche erklärt hätten, sie würden, wenn die Zivilehe hon nothwendig sei, es lieber sehen, daß neben den Staats- matrikeln eine obligatorishe Form gewählt würde. Die von der Regierung verlangte Reform sei niht nur durch die politishe Nothwendigkeit geboten, sondern besige auch die Garantie der Durchführbarkeit. Die Regierung bereite die Autonomie der Katholiken vor und halte im Prinzip an der Nothwendigkeit der staatlihen Unterstüßung der ärmeren Kirchen, namentlich der protestantischen fest. Jm weiteren Verlauf der Sißung brachte der Finanz-Minister Dr. Wekerle den Geseßentwurf, betreffend die Einziehung eines Theils der Staatsnoten, ein. | Der Kaiser sowie der Erzherzog und die Erz- herzogin Rainer ließen der Wittwe des Bürgermeisters Dr. Prix ihr Beileid aussprehen. Der Minister- räsident Fürst Windischgräß sandte ein sehr k lihes Beileidschreiben. Jm Namen der Stadt Pest fondolierte der dortige Bürgermeister Kammermayer durh ein Telegramm an das Bürgermeisteramt. Jn einer außerordentlihen Plenarsigung des Wiener Ge- meinderaths hielt der Vize-Bürgermeister Richter auf den verstorbenen Bürgermeister Dr. Prix eine Gedächtnißrede. Der Gemeinderath beshloß einstimmig die Beerdigung des Verstorbenen auf Kosten der Stadt und die Widmung eines Ehrengrabes.

Großbritaunien und JFrland.

Anläßlich des heute im Buckingham-Palast stattfindenden Damenempfangs sind Jhre Majestät die Königin, Jhre Königlichen Hoheiten der Großherzog von Hessen, der Herzog und die Herzogin von Connaught, sowie der Prinz und die Prinzessin Heinrich von Battenberg gestern früh von Windsor nach London abgereist. Gestern Nachmittag traf auch Jhre Majestät die Kaiserin Friedrich aus Sandringham in London ein.

Das Unterhau® verwarf gesietn, wie ¡W. L. V meldet, mehrere Amendements des Oberhauses zur Kirchspiel- rathsbill, nahm jedoch die Amendements über den Boden- erwerb für Kleinstellen, sowie ein Kompromiß hinsichtlich der Verwaltung milder Stiftungen an. Die neue Session

des Parlaments wird am 12. März beginnen; der Schluß

der jezigen Session wird nicht vor nächstem Montag statt: finden. S : | :

Der bisherige Gesandtschaftssekretär in Kairo Hardinge ist zum diplomatischen Agenten und General-Konsul in San- sibar ernannt worden.

Frankreich.

Die Deputirtenkammer beschloß gestern, wie „W. T. B.“ berichtet, nah lebhafter Diskussion mit 465 gegen 2 Stimmen die Ungültigkeit der Wahl Wilson's.

Gestern Mentitas sind in Paris neun Anarchisten verhaftet worden, bei denen zahlreiche Papiere und Broschüren beshlagnahmt wurden. Jm Laufe des Abends wurden abermals zahlreihe Haussuchungen bei Anarchisten und mehrere Verhaftungen vorgenommen. Unter den Verhafteten be- findet sich auch die Frau von Constans Martin.

Ftalien.

Die Deputirtenkammer nahm nah ciner Meldung des „W- T. BL gestern die. Debatte über die tuneré Politik wieder auf. Der Deputirte Jmbriani brachte die Vorgänge zur Sprache, die sih im Januar in Corato (Pro- vinz Bari) ereignet haben. Der Minister - Präsident Crispi erwiderte : die Rebellionin Corato sei vorbedacht gewesen; man habe Brand legen wollen und die Truppen angegriffen, die fih auf die Vertheidigung beshränkt und keine Zeit gehabt hätten, die geseßlichen Aufforderungen an die Ruhestörer zu richten, weil sie von den Angreifern förmlich überrumpelt worden seien. Der Deputirte Bovio begründete eine Juterpellation über die innere Politik der Negierung und richtete gegen leßtere heftige Angriffe. Der Deputirte Sacchi begründete eine gegen die Militärgerichte gerihtete Jnterpellation. Im weiteren Verlauf derSizung motivirte dann der Deputirte Nai scine Jnterpella- tion über die Gründe, welche die Regierung zu ihrem Vorgehen in Sizilien veranlaßt hätten. Die Deputirten Nasi und Colajanni tauschten verleßende Worte aus, was zu einem lebhaften Zwischenfall Veranlassung gab. Der Deputirte Nasi fuhr dann unter wiederholtem Beifall der Kammer fort und erklärte, Crispi allein habe der Schwierigkeit der Lage in Sizilien die Stirn bieten können; fein anderer Politiker würde vermocht haben, so eindringlihe Worte des Fricdens in Sizilien zu sprechen. Hierauf wurde die Debatte auf heute vertagt.

Vorgestern Abend wurde in Pisa im „Teatro nuovo“ während der Vorstellung des „Othello“ eine Petarde durch ein Fenster hinter der Bühne geworfen. Es erfolgte eine heftige Explosion, die Fenster zersprangen. Der Orchester- dirigent ließ die Königshymne und die Garibaldihymne spielen. Das Publikum glaubte, es handle sich um cinen zur benga- lischen Beleuchtung gehörenden Effekt; ein Unglücksfall is nicht vorgekommen. Der muthmaßlihe Thäter wurde verhaftet. Einer Privatdepeshe aus Acquaviva del fonte (Pro- vinz Bari) zufolge mußte ein Munizipalgardist, welher be1 einem Rauthandel Ruhe stiften wollte, in ein Lesekabinet flüchten und durch Gendarmen in die Kaserne begleitet werden. Mehrere hundert Landleute überfielen das Lesekabinet, in welchem sie den Munizipalgardisten noch vermutheten, verübten darin sowie im Bureau der Munizipalpolizei Zerstörungen und zerschlugen viele Laternen und Fenstersheiben. Gegen- wärtig ist die Nuhe wiederhergestellt. Neun Verhaftungen wurden vorgenommen.

Rumänien. j

Der Kabinets - Chef im Ministerium des Auswärtigen Floresco is dem „W. T. B.“ zufolge zum Zweiten Ge- sandtschafts-Sekretär in Berlin und Spiridion Bibesco zum Vize-Konsul in Budapest ernannt worden.

Amerika.

Wie das „Reuter'she Bureau“ berichtet, hat der Gesandte Nicaraguas in Washington eine Depesche aus Tegucigalpa erhalten, die besagt, daß die Stadt sih in den Händen der Aufständischen und ihrer Bundesgenossen von Nicaragua befinde. Der Berichterstatter der New-Yorker „World“ in Managua bestätigt diese Nachriht und fügt hinzu: Der Präsident Vasquez habe einen heldenmüthigen iderstand geleistet. Zur Zeit befinde er sih auf der Fluht. Es heiße, daß er verwundet sei. Nur wenige hundert Anhänger be- gleiteten ihn.

Afrika.

Die Verproviantierungskolonne des [ran neten Kom- mandanten Joffre ist nah einer Meldung des „W. T. B.“ aus Paris am 13. d. M. in Timbuktu eingetroffen. Joffre hat den Befehl in Timbuktu übernommen. Die Lage daselbst ist durchaus nicht beunruhigend.

Parlamentarische Nachrichten.

Der Schlußbericht über die gestrige Stquns des Rei hs- tags befindet sih in der Ersten, der Schlußbericht über die estrige Sißung des Hauses der Abgeordneten in der Ersten und Zweiten Beilage.

Der heutigen 58. Sißung des Reichstags wohnten der Reichskanzler Graf von Caprivi, die Staatssekretäre Dr. von Boetticher, Freiherr von Marschall und DE: Graf von Posadowsky, der Königlih preußische Justiz- Minister Dr. von Schelling, und der Königlich preußische Minister für Handel und Gewerbe Freiherr von Berlepsch bei.

Eingegangen ist ein Gesezentwurf, betreffend die _Ab- änderung des Zolltarifgeseßes (Aufhebung des Jdentitäts- nahweises). 5 f

Die erste Berathung des Handels- und Schiffahrts- vertrags zwishen dem Reih und Rußland wird fortgesezt und zwar in Verbindung mit dem Antrage des Abg. von Kardorff (Np.), betreffend die Vor- legung eines Reichsgeseßes wegen Erhebung von Zoll- zuschlägen für die Einfuhr von Roggen, Weizen und Mehl bei b:stehendem Disagio in fremden Staaten. Der Zollzuschlag soll betragen bei mehr als 10 Proz. Disagio bei Getreide 1 M, bei Mehl 2,50 4, bei mehr als 20 Proz. Disagio für Ge- treide 2 6, für Mehl 5 M.

Ein Aenderungsantrag des Abg. von Salisch (dkons.) will den Hafer in den Antrag einfügen und die Zollerhöhung für ihn auf 0,80 (G bezw. 160 F feststellen. Abg. e Heyl zu Herrnsheim (nl.) will die Zollerhöhung ei mehr als 20 Proz. Disagio auf 1,50 bezw. 3,75 festseßen. :

Abg. von Kardorff (Rp.): Der Zweck des Antrags geht dahin, die Annahme von Handelsverträgen, gleichviel mit welchen Staaten, mit einer überwiegenden Mehrheit des Reichstags zn sichern. Er bezweckt die Ausgleihung der Währungsdifferenzen. Der Staatssekretär hat meinen Antrag als eine gleitende Skala bezeihnet. Die gleitende Skala in England war derartig eingerichtet, daß der Zoll stieg mit sinkendem Preise, während er fiel mit steigendem Preise. Mein Antrag soll das Cntgegengeseßte erreichen. Ob gerade die gleitende Skala zu ungesunden Spekulationen Anlaß ge-

eben hat, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls waren damals die Sveku- ationen nicht so ungesund, wie die jeßigen an der Berliner Pro- duktenbörse, wo Getreidespekulationen mit den Spekulationen in Nubelnoten Hand in Hand gehen. Man hat gefragt, warum der Antrag niht auch auf Industrieprodukte ausgedehnt wird. Aber ih habe mir gesagt, daß bei der Zollabfertigung von Industrieprodukten zu große Schwierigkeiten entstehen können. Außerdem haben die Industriellen selbst keinen Werth auf cine folhe Maßregel gelegt. Oesterreich gegenüber hätte die Regierung leiht auf gütlihem Wege in dieser Beziehung eine Einigung herbeiführen können; es würde gern jeder Maßregel zugestimmt haben, durh welche ihm ein Bor- sprung vor Rußland gesichert werden würde. Mit den übrigen kleineren Staaten, z. B. Serbien, wäre eine Vereinbarung ebenfalls leiht gewesen, ebenso mit Rumänien, welches jeßt eine vollwerthige Valuta hat. Gegenüber Rußland habe ich mir die Sache so gedacht, daß der Rubelkurs von 260 als normal angenommen wird; ein Sinken des Kurses unter 230 würde einen Zuschlag von 1 #, ein weiteres Sinken unter 200 einen Zuschlag von 2 46 bedingen. Unser Antrag richtet sich nicht allein gegen Rußland, fondern au gegen andere Länder, wie Argentinien und Indien. Argentinien hat ein sehr hohes Goldagio, welches wie eine Prämie auf die Ausfuhr von Weizen nah dem deutschen“ Marft wirkt. In ähnlicher Weise ist der indishe Weizen durh den großen Niedergang des Silberpreises bevorzugt. Die deutsche Landwirthschast als Geschäft geht daran zu Grunde. Daß der russische Vertrag die Ge- treidepreise niht ändern wird, fann ih nicht für rihtig halten, das ist die alte freihändlerishe Argumentation aus den Zolldebatten von 1879 her. Der Roggen ift niht in dem Maße Weltmarktartikel, wie der Weizen. Ich habe allerdings früher und auch neuer- dings Deduktionen gelesen, welhe behauptet haben, daß die Roggen- nahrung immer mehr aufhört für Deutschland die vorwiegende zu sein, daß immer mehr die Weizennahrung zunimmt. Aber Fünfsechstel des Landes in unseren östlichen Provinzen find nur roggenbaufähig. Wie kann man diese zum Weizenbau zwingen wollen! Man würde die Bevölkerung zur Auswanderung treiben. Das ist diejenige Bevölkerung, mit welcher Friedrich der Große einem großen Feinde die Spiße bieten konnte, welhe im An- fang dieses Jahrhunderts die Lasten des Kriegs gegen Napoleon haupt- \ächlich getragen hat. Wollte man über diese Bevölkerung zuë Tagesordnung übergehen, so wäre das für mich der Uebergang zur Tagesordnung für das ganze Deutsche Reich. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das wäre kein Schade!) Jch glaube, kein Zweiter in diesem Hause würde einem solchen Zuruf zustimmen. Die Ve- sorgniß, daß gerade der russishe Handelévertrag der Ae den Todes\stoß verseßen würde, ist vielleicht übertrieben. en (Mae Stoß hat sie hon duxch den österreichischen Handelsvertrag befommen.

(Schluß des Blattes.)

Das Haus der Abgeordneten R in seiner heutigen 24. Sißung, welcher der Finanz - Minister Dr. Miquel und der Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen beiwohnten, die zweite Berathung des Staatshaus- halts-Etats für 1894/95 bei den „einmaligen Ausgaben des Etats der indirekten Steuern fort. :

Zum Neubau eines Dienstgebäudes für das Haupl!- Steueramt für inländishe Gegenstände in Berlin werden 180 000 6 gefordert. Dieses Amt befindet si jeßt auf dem Terrain des alten Packhofs, das für spätere Museum® zwecke freigelegt werden soll. Dafür soll für das Steueran? ein Ersaßgebäude auf dem fiskalishen Grundstü, Oran'en burgerstraße 76, errichtet werden für 313 000 4, wovon 2 die erste Rate mit 180 000 # eingestellt i. E

Abg. von B uh (kons.) : Auf die Gefahr, für elnen fulture feindlihen Barbaren geh alten zu werden, beantrage ih namens meine

Freunde die Streichung der Position. Das jetzige Dienstgebäude reicht- für seine Zwecke vollkommen aus; es handelt si s v, nur um eine erste Rate für Museumszwecke. Unsere finanzielleiLage ift zu {lecht, um neue Gebäude aufzuführen, die mehr oder weniger Luxusbauten fein und Millionen kosten werden. Allerdings reihen unsere Museumsgebäude nicht aus, aber die neuen Gebäude s{hweben ja noch in sehr weiter Jene, es soll nur nachher recht {nell gehen. Ein Plan für die Neubauten steht noch garnicht fest. Deshalb lehnen wir die Forderung jeßt ab, ohne sie damit für alle Zukunft abzulehnen. ier hat man Geld für solhe Zwecke, aber am anderen Ende der Leipzigerstraße verweigert man anscheinend die Mittel zur Abhilfe der Noth der Landwirthschaft.

Abg. Hobrecht (nl.): Eine sparsame Finanzverwaltung müssen wir ia allgemeinen üben, aber nicht an einzelnen Positionen, wenn wir nicht das Verhältniß zwischen unseren vershiedenen Staats- ausgaben alterieren wollen. Der diesjährige Etat ist mit aller Spar- samfeit aufgestellt worden. Wir werden durch Bewilligung dieser Position keineswegs für spätere Forderungen für Musfeumszwecke gebunden. Schon seit Jahren verfolgen wir denPlan einer Niederlegung des alten Packhofs. Die jeßige Aufbewahrung unserer reichen Museumsshäße können wir nicht fortdauern lassen ohne Gefahr der Depravation unseres Besißzes. Die Mitglieder der Budgetkommission haben ja die elenden Räume gela wo unsere Schätze liegen und die fopierenden Künstler sih thatsählich niht einmal umdreben können.

Abg. Im Walle (Zentr.): Wir bewilligen diese Forderung. Beim Anblick der unwürdigen Unterbringung unserer Museumsshäßze muß jedem Nichtbarbaren das Herz bluten. Es handelt sich hier nur um 313 000 M und keineswegs um einen Luxusbau. Für die Kunst haben wir bisher wenig oder nihts gethan. Ich stehe niht auf dem Standpunkt, Berlin immer als den Wasserkopf anzusehen. Wo sollten wir denn sonst die pergamenischen Alterthümer hinstellen ? Ich bitte also um Genehmigung der Forderung.

Abg. Brütt (frkons.) spricht sich gegen die Forderung au?.

General-Direktor der Museen, Wirklicher Geheimer Ober-Regie- rungs - Rath Dr. Schöne: Der Bau des Steueramts an sich ist ja niht nöthig; die Steuerverwaltung selbst hat ursprünglich die Verlegung nicht gewünscht, ihr aber doch schließlih zugestimmt. Zur Erweiterung der Museen sind {hon 1873 und 1875 Mittel im Etat be- willigt worden, die aber nicht verwendet wurden, weil das Stadtbahnprojekt dazwischenkam. Auch ein \späteres Projekt wurde 1882 dur Verlegung des Packhofs wiederum alteriert. Aus alledem geht hervor, daß es sih um eine anerkannte Nothwendigkeit handelt, die noch verstärkt ist dur den glücklihen Erwerb der pergamenischen Denkmäler. Der jeßige Nothstand der Unterbringung dieser Schätze ist durchaus ein unwirthschaftliher, weil die Schäße so ihren Zweck nicht erfüllen. pes Regierung kann Sie nur dringend um Bewilligung der Position vitten.

Aba. Vopelius (frkons.) erklärt sich für seine Partei für die Bewilligung der Forderung; dem Hause werde dadurch nicht für spätere Entschließungen präjudiziert. Der jetzige Zustand in . den Museen könne allerdings auf die Dauer nicht aufrecht erhalten werden.

Abg. Pleß (Zentr.) ist wegen der ungünstigen Finanzlage gegen die Position. În der Bewilligung würden gefährlihe Fußangeln für die Zukunft liegen. L

Abg. Hugo Hermes (frs. Volksp.) erkennt die Nothwendigkeit der Múseumsetweiteritia an. Wer dagegen wäre, würde sich den Un- willen der ganzen gebildeten Welt zuziehen.

Abg. von Buch (konf.) weist darauf hin, daß der jeßige be- {hämende Zustand der Museen noch weiter bestehen bleiben würde ; denn es solle nur ein Theil des alten Packhofsgebäudes für das Museum frei gemacht werden. :

Abg. Hauptmann (Zentr.) ist gegen die Forderung, weil jeßt fein Geld für solche Zwette da sei.

Die Position wird mit {wacher Mehrheit gegen die Stimmen der Freisinnigen und etwa je der Hälfte der Frei- fonservativen und des Zentrums sowie der großen Mehrheit der Nationalliberalen abgelehnt.

Der Rest des Etats wird ohne Debatte bewilligt.

Es folgt der Etat der Bauverwaltung. Die Ein- nahmen werden ohne Debatte bewilligt. !

Bei den dauernden Ausgaben, und zwar bei dem „Ministergehalt“ wünscht :

Abg. Dr. Lotichius (nl.), daß zugleich mit der Korrektion der Mosel die Kanalisierung der Lahn vorgenommen werde. j

Abg. Wallbrecht (nl.) beklagt sich darüber, daß für den Mittellandkanal niht von vornherein generell die ganze Linie fest- gesetzt worden sei, sodaß bei Aenderung der Linie durch die späteren Instanzen alle einzelnen Projekte, für welhe {on Vorarbeiten ge- mat wären, unausführbar würden. Unsere Wasserstraßen müßten so ausgebaut werden, daß man von einem Ende des Landes zum an- dern fahren könne, ohne umzuladen. Dazu müsse aber eine Zentral- Baubehörde für Kanäle in Berlin geschaffen werden.

(Schluß des Blattes.)

In der Kommission des Reichstags zur Berathung der vom Zentrum beantragten Novelle zur Konkursordnung wurde heute $ 190 in folgender Fassung angenommen : „Das Gericht fann auf Antrag des Verwalters oder eines Gläubigers das Konkurs- verfahren einstellen, sobald sich ergiebt, daß eine den Kosten des Ver- jahrens entsprechende Konkursmasse oder eine genügende Vorschuß- leistung niht vorhanden is. Findet das Geriht den Antrag begründet, so sind die ihrem Wohnort nah bekannten Gläubiger von dem Antrag zu benachrihtigen mit dem Anfügen, daß, wenn nicht binnen einer Woche das Vorhandensein einer entsprehenden Konkurs- masse nahgewiesen oder ein genügender Vorschuß geleistet werde, die Einstellung des Konkursverfahrens erfolge.“ $ 199 erhielt folgende Fassung: „1) Zu dem Antrag auf Eröffnung des Verfahrens im Falle der Zahlungsunfähigkeit ist jeder perfönlih haftende Gesellschafter und jeder Liquidator berechtigt. 2) Zu dem Antrag verpflichtet is jeder der persönlich haftenden Gesellschafter und der Liquidatoren im Falle der Vebershuldung, sobald aus der Jahresbilanz oder einer im Laufe des Geschäftsjahres aufgestellten Bilanz sich ergiebt, daß die Schulden das Doppelte des Vermögens betragen. 3) Wird der Antrag nicht von allen persönlih haftenden Gefellshaftern oder allen Liquidatoren ge- stellt, ‘so ist derselbe zuzulassen, wenn die Zahlungsunfähigkeit oder Uebershuldung der Gefsellshast glaubhaft gemacht wird. Das Gericht hat die übrigen persönlih haftenden Gesellschafter oder Liquidatoren nach Maßgabe des $ 97 zu hören.“ ;

Die Wahlprüfun gskommission des Reichstags beantragt, die Entscheidung über die Gültigkeit der Wahl des Abg. Greiß (Zentr.) im 1. Wahlkreise des Regierungsbezirks Köln bis zum Eingang weiterer Ermittelungen auszuseßen.

Entscheidungen des Reichsgerichts.

_In Bezug auf die Bestimmung des $ 21 Abs. 2 des Reichs- Preßgeseßes, wonach die Bestrafung wegen fahrlässigen Preß- delikts für den Redakteur, Verleger, Drucker, Verbreiter aus- geflossen bleibt, wenn er den Verfasser oder den Einsender bezw. feinen Vormann nachweist, welher in dem Bereich der richter- lichen Gewalt eines deutschen Bundesstaats sich befindet, hat das Reichs- gericht, IT. Strafsenat, dur Urtheil vom 13. Oftober 1893 ausgesprochen, daß dem Nachweis eines Vormanns dur den Nachmann der Fall gleih- steht, wenn der Vormann der Strafverfolgungsbehörde auf anderem Wege bekannt geworden ist, daß ferner der gedahte Nahweis nicht ein gegen den Nahmann \{chwebendes Na vfabr én zur Vor- ausfezung zu haben brauht, und daß ebensowenig die den Nachweis ersezende Kenntniß der Behörde in einem f\olhen Verfahren erlangt ¿u werden braucht.

Empfängt jemand von einem Diebe eine gestoblene Sache zum Verkauf mit der Weisung, den Kaufpreis an den Auftraggeber (den Dieb) abzuliefern und führt er den Verkauf zu einem böberen Preise aus, als er sodann als angeblih empfangenen Kaufpreis dem Diebe abliefert, so ist er, nah einem Urtheil des Reichsgerichts, 11. Strafsenats, vom 14. November 1893, wegen Bee - truges zu bestrafen.

Kunft und Wissenschaft.

L.— Kunstgeschichtliche Gesellschaft. Ordentlihe Monats- fibung am 23. Februar im „Kaiserhof.“ Herr Dr. Ludwig Kaemmerer machte Mittheilung über einen „Bildnißfund im Königlichen Kupferstihkabinet.“ Im Berliner Kabinet befindet sich eine der lombardishen Schule angebhörende Bildnißzeihnung eines Mannes in

ereifteren Jahren, dessen Persönlichkeit bisher nit festgestellt werden onnte. Der Vortragende wies nun nach, daß dieses Bildniß voll- fonmmen übereinstimmt mit einer im Königlichen Münzkabinet auf- bewahrten Medaille, sowie mit mehreren Holzschnitten und einem im Besitze Firmin-Didot?s befindlichen Kupferstich, die alle durch In- schriften beglaubigte Porträts des berühmten venetianischen Druckers und Verlegers Aldo Pio Manuzio sind. Die genannte Medaille bildet die Vorlage für die Berliner Zeichnung, und dicse wiederum is, von dexr Natur“ etwas retouchiert, der Archetyp - für die Holzschnitte und Kupferstiche, welhe die Zeichnung im Gegensinne wiedergeben. In Verbindung mit diesen beglaubigten Bildnifsen des Aldo Manuzio brachte sodann der Vortragende einen alten italienishen Holzshnitt des Königlichen Kupferstichkabinets, der, vom Geheimen Regierungs-Rath Dr. Fr. Lippmann im Jahrbuch der Museen 1884 publiziert, durch seine ungewöhnliche Technik bemerkens- werth ist. Er ist offenbar in der Absicht angefertigt, eine Sepia- zeichnungs-Vorlage zu imitieren. Der Vortragende suchte zu beweisen, daß wir hier einen frühen Versuch des Farbendrucks, des Drucks mit mehreren Platten, vor uns haben. Dieser Holzschnitt nun stellt wie die Vergleichung mit den beglaubigten Bildnifsen des Manutius und mit der oben genannten Berliner Zeichnung ergiebt ebenfalls diesen Mann dar, nur in etwas jüngerem Alter, vielleicht in der Mitte der dreißiger Jahre. Es ergiebt sih daraus, daß wir unseren Holzschnitt um das Jahr 1485 anzuseßen haben werden. Aldus Manutius, dessen Leben®s- lauf der Vortragende eingehend darlegte, befand sih in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts in Carpi. Bekannt sind seine viel- fachen Verbindungen mit Küßstlern, die er für seine typographischen Zwecke Beraltuiteßen wußte, so Francesco Francia, Giulio Campagnola und andere. In Carpi wirkte nun eben zu jener Zeit, in welcher Manutius dort ansässig war, der Holzshneider Ugo da Carpi, der Erfinder des Helldunkelholzschnitts. Einem Experimentator, wie Ugo da Carpi liegt es nahe, ähnlihe Versuche, wie der ist, der uns in dem Berliner Holzschnitt vorliegt, zuzutrauen. Ugo da Carpi, der später in Venedig seine Erfindung des Farbendrucks privilegieren ließ, stand mit Typographen mehrfach in enger Verbindung, er selbst {nitt Vorlagen für Schriftcharaktere. Es kann also recht wohl an- O werden, daß er in Beziehung zu Aldo Manuzio ge- treten ift.

Herr Dr. Hugo von Tschudi legte die unlängst erschienenen Studien von Wauters über Memling vor und unterzog fie einer eingehenden Kritik. Die deutsche Herkunft dieses hervorragenden Malers des 15. Jahrhunderts, welche |hon früher mehrfach vermuthet wurde, is nunmehr durch archivalishe Forschungen festgestellt. Dankenswerth sind Wauters? darañ geknüpfte Ausführungen, das Städtchen Mümlingen oberhalb Aschaffenburg als Geburtsort unseres Meisters nachzuweisen. Weniger befriedigend, als diese Seite seiner Arbeit, sind die eigentlichen funsthistorishen und ftilkritishen Folge- rungen, zu denen Wauters in diefen vorbereitenden Studien gelangt. Fast durhweg lassen sie Feinheit und Richtigkeit des Urtheils, sowie Strenge der Beweisführung vermissen, wie sich aus den vielen falschen Zuschreibungen und der mangelhaften A a A: der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur E Der in Aussicht gestellten Mono- graphie Wauters? über Memling schen wir mit niht sehr hoch ge- stimmten Erwartungen entgegen. °

Herr Dr. Jaro Springer hielt einen Vortrag über den Maler und NRadierer Herkules Seghers. Von seinem Leben ist außer- ordentli wenig bekannt. Vor einer Generation glaubte man mehr über ihn zu wissen. Die heutige Forshung hat auch dieses Künstler- leben der üblihen Anekdoten entkleidet. Um 1620 follte er geboren sein er war damals aber hon etwa 30 Jahre alt; ein Schüler Rembrandt's sollte er gewesen sein in Wahrheit is Rembrandt auf dem Gebiete der Landschaft sein Nachfolger gewesen. Aktenstüe, die de Noever in der Zeitschrift „Oud-Holland* veröffentlichte, legen die Annahme nahe, daß Seghers in den achtziger Jahren des 16. Jahr- hunderts geboren wurde, bei Gillis van Conincxloo in Amsterdam seine Kunst erlernte und von 1607 ab selbständig thätig war. Die Vermuthung, Daniel Seghers, der bekannte Blumenmaler, sei sein jüngerer Bruder gewesen, entbehrt der Wahrscheinlichkeit. Von Herkules Seghers haben sich bloß drei Gemälde erhalten: zwei davon besißt die Berliner Königlihe Gemäldegalerie, das dritte be- findet sih in den Uffizien zu Florenz. Ueberaus selten sind auch die Zeichnungen dieses Meisters, von denen das Berliner Kabinet und das Nyks-Prenten-Kabinet zu Amsterdam aratteristishe Beispiele aufzuweisen vermag. Wichtig is Seghers namentlich durch seiie Nadierungen , die si{ch nur in wenigen Sammlungen befinden. Frensel im Kunstblatt zählte deren 20, Nagler im Kunst- lexikon ebensoviel. Der Vortragende, der seit Jahren mit einer Monographie über Seghers beschäftigt ist, hat an 60 Num- mern aufgefunden, in etwa 150 Exemplaren. Viele davon sind Unica. Man nimmt an, daß Sceghers Jtalien bereiste und die Alpen kennen lernte: man {ließt das aus dem Charakter der Land- schaften, die er darstellt. Daneben kultiviert Seghers die flachen Landschaften seiner eigenen Heimath. Eigenthümlich ist die stecherische Technik, in der Seghers arbeitet. Besonders seine farbigen Nadie- rungen nehmen unser Interesse in Anspruch. Die Herstellung des Farbendrucks mit mehreren Platten kennt er noch nicht, er fann also nit als der Erfinder des Farbendrucks bezeihnet werden. Seghers druckt seine gewöhnli sehr tief geäßten Platten in {chwarz, grün oder blau, immer aber nur in einer Farbe. Den fertigen Ab druck hat er dann noch vielfa mit dem Pinsel übergangen, ift der Vordergrund gern dunkel gefärbt oder im Hintergrund ein blauer Höhenzug angebracht worden. Ob er gelegentlich au, wie Ph. von der Kellen behauptet, die auf die gewöhnliche Weise eingefärbte und gewischte Platte mit dem Pinsel eingetuscht habe, bleibt fraglich; jedenfalls ist dieses Verfahren, mittels einer Platte Farbendruck her- zustellen, bei Ses noh nicht ausgebildet. Einen be- sonderen farbigen MNeiz vershafft er seinen NRadierungen viel- jah noch dadurch, daß er sie auf grundiertes und in verschiedenen Tönen gefärbtes Papier oder Leinewand abdruckt. Eine Anekdote behauptet, seine Bau habe Klage darüber geführt, daß er auf diese Weise alle verfügbare Wäsche im Hause bedruckt und sie dann nicht die Mittel gehabt: habe, für neue Leinewand für den Haus- gebrauh sorgen zu können. Seghers geht in der freien Art der Auf- fassung der Landschaft weit über Conincxloo hinaus; er hat alles Konventionelle abgestreift und . ist darin ein wihtiger Vorläufer Nembrandt's.

Land- und Forstwirthschaft.

Saatenstand in Serbien. Da infolge des warmen Wetters zu Anfang dieses Monats der

Schnee vollständig geschmolzen und darauf starker Frost eingetreten ist, so haben sih die Ernte-Aussichten wesentlih vershlechtert. Saatenstand in Norwegen. Im südlihen Norwegen sind die Saaten mit Schnee bedeckt, der,

obglei stellenweise wenig tief, dieselben bisher vor Schaden bewahrt zu haben scheint.

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Handel und Gewerbe.

Das russishe Finanz-Ministerium hat auf- Antrag des Departements für Eisenbahnen die Transitbeförderung von Eisenerz von den Zollämtern Peisern, Szczypiorno, Slupce, Praszka und Wieruschow , sowie von dem Nebenzoll- amt Grodzisf und dem Grenzübergangspunkte Podlenshsk aus über Preußen nach dem Zollamt Sosnowice gestattet.

Tägliche Wagengestellung für Kohlen und Koks an- der Ruhr und in Oberschlesien. An der Ruhr sind am 26. d. M. gestellt 11 455, nicht rehtzeitig gestellt keine Wagen. Fn Oberschlesien sind am 24. d. M. geftellt.2526, niht ret» zeitig gestellt keine Wägen. “ge

Zwangs-Versteigerungen.

Beim Königlichen Amtsgericht 11 Berlin standen am 24. Februar die nahbezeichneten Grundstücke zur Versteigerung: Das zur Konkursmasse des Rudolf Sternecker gehörige, im Grundbuch von Weißensce Band 2 Blatt 31 auf den Namen des Stern- ecker eingetragene, zu Weißensee, Berlinerstr. 36 belegene Grundstü; Fläche 34,04 a, Nugungswerth 120 4; Mindestgebot 314 ; für das Meistgebot von 25500 #4 wurde der Bierverleger Leopold Siewert zu A t Königs-Chaufsee 18, Ersteher. Das im Grundbu von Hohen-Schönhaufen Band 7 Blatt Nr. 194 auf den Namen des Telegraphenbeamten Carl Müller eingetragene, zu Kolonie Neu-Hohen-Schönhausen 18 b. belegene Grundstü; Fläche 7,01 a; Nuzungéwerth 212 4; Mindestgebot 150. ; für das Meist- at von 9150 M wurde der Restaurateur Ignatz Antkowiak zu Berlin, Mauerstr. 9, Ersteher.

Liquidationskurse der Berliner Börse für Ende Februar 1894. 3 0/9 Deutsche Reichs-Anleihe 87,90, 3 9/6 Preuß. Konsols 87,00, 3 9/6_ Deutsche Reichs-Anleihe u. Preuß. Konfols, gem. Stücke 87,00, Oesterreichishe Kredit-Aktien 225,75, Lombarden 48,10, Franzosen 133,25, Berliner Handelsgesellschaft 133,75, Darmstädter Bank - Aktien 139,50, Deutsche Bank - Aktien 169,25, Diskonto- Kommandit - Antheile 191,75, Dresdner Bank 140,50, National- bank für Deutschland 110,0, NRussishe Bank für auswärtigen Handel 99.90, Wiener Bank - Verein 130,75, Aachen- Maastricht $2,25, Dortmund - Gronau 119,50, Lübeck - Büchener 144,50, Mainz - Ludwigshafener 116,50, Marienburg-Mlawka 87,50, Ostpreußishe Südbahn 91,00, Werrabahn 56,00, Böhmische Nordbahn 154,25, do. Westbahn 188,00, Buschtehrader 223,75, Kanada Pacific 69,50, Dux - Bodenbah —,—, E Karl- Ludwigsbahn —,—, Gotthardbahn 158,75, Italienische Meridional 105,50, do. Mittelmeer 78,70, Jura-Simplon 61,50, Oesterr. Nord- westbahn 107,00, do. do. Elbethal 121,25, Oesterr. Lokalbahn 102,00, S Henri 67,75, Russ. Südwestbahn-Aktien 76,590, Schweizer

Sentralbahn 120,75, Schweizer Nordostbahn 111,75, Schweizer Union 80,00, Warschau-Wiener 235,00, Egyptische Anleihe 4 9/6 unifiz. 104,25, Italienische 5 9/9 Rente 75,00, Mexikaner 6 9/6 Anleihe 61,00, do. v. 1890 60,00, Oesterr. Silberrente —,—, Oesterr. 1860er Loose 144,80, Russishe 409/96 Konsols 101,25, Russische 49/6 1880er Anl. 100,25, Ruff. 5 9/6 Orient-Anl. (11. Emission) 68,75, Russ. 59% Orient-Anl. (IT1. Emission) 68,75, Türken konv. 23,90, Türken-Loose 99,75, Türkishe Tabackregie 210,50, do. Zoll-Obligat. —,—, Un- garische 4 %/ Gold-Rente 96,10, Ungarische Papier-Rente —,—, Ungarische Kronen-Raute 91,75, Bochumer Gußstahl 133,75, Kon- folidation 168,00, Dannenbaum 92,00, Dortmunder Union 6 9%/% Stamm- Prioritäten 62,30, Gelsenkirhen 152,00, Guano 152,75, Hamburg. Packetfahrt-Akt. 106,50, Harpener 137,00, Hibernia 121,75, Königs- und Laurahütte 124,75, Norddeutscher Lloyd 116,50, Trust Komp. 133,80, Russishe Banknoten 218,75. Heutiger amtliher Durchschnitts- kurs für deutshe Fonds und CEifenbahn-Aktien. E Durch- \cnittsfkurs vom 27. d. M. für Oesterr. Noten, Wechsel auf Wien und St. Petersbura.

Verkehrs-Anstalten.

Der E „Amsterdam“ der Niederländish-Ameris fanishen Dampfschiffahrts-Gesellschaft ist am 25. d. M. in New- Vork angekommen.

Hamburg, 26. Februar. (W. T. B.) Hamburg-Ameri- fanishe Packetfahrt-Aktien-Gesellschaft. Der Postdampfer „Gellert“ hat gestern Mittag Lizard passiert.

Sie 20. Sebruar C S. D) Ver Lloyddampfer „Hungaria“ ift, von Konstantinopel kommend, gestern früh hier ein- getroffen.

London, 26. Februar. (W. T. B.) Der Union-Dampfer „German“ ist am Sonnabend auf der Ausreise von Southampton abgegangen, der Union-Dampfer „Trojan“ auf der Heimreise in Southampton angekommen. Der Castle-Dampfer „Dunbar Castle“ ist gestern auf der Ausreise bei den Canarischen Fnseln angekommen. Der Castle-Dampfer „, Hawarden Castle“ ist am Sonnabend auf der Ausreise von Southampton abgegangen. Der Union-Dampfer „Scot“ is heute auf der Heimreise von Madeira abgegangen.

Theater und Musik.

Konzerte. i

Das Konservatorium Klindworth-Scharwenka, an welhem außer den genannten Direktoren noch die Herren Professor H. Genß, Dr. Goldschmidt und die Damen Moskowski und Fuhrmann im Gefang, sowie die Herren Leipholz und Dr. Jedlißka im Klavier- spiel Unterricht ertheilen, gab am Sonnabend mit seinen Eleven in der Sing-Akademie ein Konzert, in welhem die Vortragenden mit Nücksicht auf die freilih dem Zuhörer niht immer bekannt gewordene Beitdauer des genossenen Unterrichts recht Anerkennenswerthes leisteten. Das Programm enthielt klassishe und geschmadckooll ge- wählte moderne Kompositionen, an deren Ausführung sih auch ein gut geshulter Frauenchor betheiligte. :

Die kleine 10 jährige Pianistin Stephanie Steyfi aus Lem- berg, welhe sich am Sonntag im Saal Bechstein hören ließ, trug mehrere Klayvierstücke von Beethoven, Chopin, Mozart und anderen vor und zeigte darin eine entschieden musikfalische Be-

abung, doh feblte dem Vortrag noh das nöthige Verständniß des nhalts der gewählten Piècen, auh waren manche tehnishe Uneben- heiten zu bemerken. Erst nach gründlihem und methodishem Unter- riht dürfte ein ferneres öffentliches Auftreten anzurathen sein. __Das Konzert der Frau Amalie Joachim und ihrer Tochter ij Marie Joachim, das gestern im Saal der Phil- armonie stattfand, hatte {on durch sein fehr interessantes Pro-

Patie eine große Anziehungskraft, wie sih in dem Besuch des ublikums, das Saal, Logen und Orchestertribüne dicht beseßt hatte, erkennen ließ. Duette von Schubert, Cornelius, Schumann, Rubin- stein, Grimm und Dvorak wechselten ab mit Einzelvorträgen mehrerer Lieder von Schubert, Brahms und anderen. Frau Joachim war an diesem Abend ganz besonders gut disponiert; der schmelzende Wohllaut ihrer Stimme und der seelenvolle Ausdruck

seßten alle Menge ins glänzendste Licht. Daß three Tochter dieses berühmte Vorbild wenigstens in Bezug auf den Vortrag noch nicht vollends erreiht hat, wird die einsichts- volle hohbegabte Künstlerin wohl felbst nit bezweifeln. Unter den mit raushendem Beifall aufgenommenen Gesängen wurden „Die Schwestern“, Duett von Cornelius, und ein „Volksliedhen“ von Schumann, von Marie Joachim gesungen, auf Wunsch wiederholt. Daß das Künstlerpaar noch außerdem mehrere Zugaben einlegte, ließ seine unermüdlihe Kraft und Ausdauer erkennen. Die Klavier- O A des Herrn Ernst Wolff ift noch ganz besonders lobend zu erwähnen.

E R R L E Rar R T E E G M e A E r in al T P Ei ENL

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