1913 / 66 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Großbritannien und Jrland.

Wie das „Reutersche Bureau“ erfährt, befaßte sich die vorgestrige Botschaftervereinigung aus\chließlich mit der Antwort der verbündeten Balkanstaaten.

Der Militäretat für 1913/14 weist Ausgaben in Höhe von 28 220 000 Pfund Sterling auf, ein Mehr von 360 000 Pfund Sterling. Der Etat enthält 234 000 Pfund Sterling für die Luftschiffahrt.

Frankreich.

Der Senat seßte in der vorgestrigen Sißung die Be- ratung des Wahlreformgeseßentwurfs fort.

Im Laufe der Debatte bekämpfte der Senator Couyba, eines der Mitglieder ‘des Kabinetts Caillaux, laut Bericht des „W. T. B.“ das Verhältniswahlsystem und bat, Briand möge in dieser Ange- legenheit nicht die Vertrauensfrage stellen, und dem Senate die Möglichkeit geben, si frei auszusprehen. Der Senator Collin, ein Anhänger des Verhältniswahlsystem8, erklärte, die Kammer werde das letzte Wort haben. Die radikale Partei werde es nicht darauf ankommen lassen, daß ein liberal-sozialistishes Kart:ll ge- bildet werde. .

Bei den Verhandlungen über die Finanzgeseßze hat die Deputiertenkammer, obiger Quelle zufolge, vorgestern durch Handaufheben den Zusaßartikel der Regierung und der Kommission angenommen, der bezweckt, zu verhindern, daß A die in Frankreih oder im Ausland berufsmäßig

ngebote oder Nachfragen von mobilen Werten sammeln, als Selbstkontrahenten auftreten, es sei denn, daß sie Geschäfte mit Leuten von gleichem Berufe abschließen. Auch Geschäfte mit anderen Werten als solchen, deren Handel durch den Artikel 76 des Handelsgeseßbuches bestimmt ist, sollen verboten werden. Der Artikel berührt nicht die Kassaverkäufe außerhalb der Börse von Besißtiteln und von Titeln in der Emission oder bei Uebertragungen, die durch Bevollmächtigte oder Kom- missionäre vorgenommen werden, die die Lieferung der Titel übernehmen und den Preis bezahlen.

Gestern nahmittag fand in Vincennes in Gegenwart einer großen Zuschauermenge vor dem Präsidenten Poincaré die Frühjahrsparade der Mer Garnison statt. Außer dem Kriegsminister wohnten noch andere Mitglieder der Regierung sowie die Präsidenten des Senats und der Kammer der Parade bei. Nach deren Beendigung hielt der Präsident Poincaré in Erwiderung auf Ansprachen des Deputierten des Bezirks und des Bürgermeisters eine Rede, in der er laut Bericht des „W. T. B.“ erklärte:

Wenn Frankrei die berechtigte Sorge hat, seine Stellung in der Welt unversehrt aufreht zu erhalten, und wenn es imstande sein will, seine Ghre zu verteidigen, so beweist es doeh alle Tage die Auf- rihtigkeit seiner friedliden Absichten, indem es ohne Hintergedanken an der europäischen Entente mitwirkt. Die Regierung der Republik wird als getreuer Dolmetsch des nationalen Willens fortfahren, ohne Schwähhe eine Politik des Friedens und der Würde zu betreiben, die zuglei den Interessen Frankreihs und denen der Zivilisatton entspricht.

Zahlreiche Syndikalisten nahmen gestern nachmittag an der von dem Arbeiterverbande und der sozialistishen Partei unter freiem Himmel in Pré-St.-Gervais bei Paris veranstalteten Protestversammlung gegen den Gejezentwurf zur Einführung der dreijährigen Dienstzeit teil. Obgleich strenge Maßregeln erc riften worden waren, um die Ordnung am es in den Vierteln Buttes-Chaumont La Villette zu Zusammenstößen mit Schußleuten.

Rufeland.

Der Minister des Aeußern Sasonow hat scriftlih bei den Botschaftern der Großmächte angefragt, ob sie Vollmachten und Instruktionen zur Teilnahme an der bulgarisch-rumä- nischen Konferenz erhalten hätten. Nach Beantwortung der Anfragen wird der Tag der Eröffnung der Konferenz be- stimmt werden. ;

Mie die „Nowoje Wremja“ schreibt, hat der Ministerpräsident Kokowzow in der Budgetkommission der Neichsduma auf die Schwierigkeiten eines Kampfes mit den Syn dikaten hingewiesen. Der Ministerpräsident erflärte, das stärkste Mittel in diesem Kampfe sei die Aufhebung des Zolles auf ausländische Produkte, dessen Wirksamkeit von der {nellen Anwendung abhängig sei. In bezug auf die Preissteigerung für Naphta bezeichnete der Ministerpräsident den Gedanken der Einrichtung staatlicher Be- triebe für Naphtagewinnung als rationell.

ae zu erhalten,

un

Ftalien.

Der König von Schweden ist, wie „W. T. B.“ meldet, vorgestern mit der Herzogin von Södermanland und großem Gefolge auf Capui eingetroffen und hat sich nah der Villa Anacapri begeben. | :

Jn der vorgestrigen Sizung der Deputiertenkammer stand das Budget des Jnnern zur Beratung. i

Nach dem Bericht des „W. T. B.“ wies der Ministerpräsident Giolitti auf die bedeutsame geseßgeberishe Tätigkeit der leßten beiden Jahre hin. Die Kammer habe die Strafprozeßordnung, das Versicherungsmonopol, die neue . Justizverwaltung, das Notariats-

ese, das Marinedienstgesep und zahlreiche andere wihtige Gegen- tände angenommen und hiermit die lebhafte Tätigkeit der Mehrheit gezeigt. Giolitti sagte ferner, er habe sehr großes Vertrauen zu den guten Ergebnissen des allgemeinen Stimmrechts und zu dem Werk der neuen Legislaturperiode, aber gleizeitig habe er die feste Ueber- zeugung, daß diese {wer das übertreffen könnte, was die leßte Nationalversammlung mit begrenztem Stimmreht zum Wohle des Viterlandes getan habe.

Die Kammer nahm hierauf das Budget an und vertagte

sih bis zum 22. April.

Griechenland.

Die Pforte hat noch keine offizielle Mitteilung der Friedensbedingungen der Verbündeten erhalten. Wie das Wiener K. K. io meldet, halten sowohl die leitenden tür ischen als auch die diplomatischen Kreise die Bedingungen für unannehmbar und eine Vermittlung auf dieser Grundlage für unmöglich. A

Dem Großwesir ist gestern ein vom Aktionskomitee des Offizierkorps unterzeichnetes Mem o randum überreicht worden, das laut Meldung des „W. T. B.“ besagt: :

Die leyte Revolution, der die Kündigung des Waffenstillstandes und die Wiederaufnahme der Kämpfe folgte, hat bewiesen, daß eine Handvoll Leute nur auf die Befriedigung ehr- und eigensüchttger wede abzielt. Leider wurde auch der Großwesir, der in der Armee all]eitige Achtung genießt, zum Handlanger dieser Strômung. Wenn es durch den Regierungswechsel möglich wäre, das Interesse des Vater- landes zu wahren, so hätten die Offiziere und die Armee die Re-

terung unterstüßt. Unglücklicherweise aber konnte die neue egterung nit die gleihen Vorteile sichern wie die frühere Negterung. iese konnte es durchseyen, daß Adrianopel

unter dem Schutze des Sultans bleibe, bewahrte die Nation vor der Zahlung einer Kriegsentshädigung und sicherte eine Grenzlinie, die die politisch und strategisch wichtigen Orte Göldschina, Dimotika, Dedeagatsh und Kirktilisse für das türkische Ostrumelien erlangte,

fowie außerdem die Autonomie Albaniens unter türkisher Souves -

ränität. Die neue Regierung, die zur Macht kam, um größere Vorteile zu sichern, konnte seit einem und einem halben Monat kine Erfolge aufweisen. Sie hat vielmehr das betauerlihe Ereignis des Falles von Janina erlebt und es verschuldet, daß die Alliterten die früheren Frtiedensbedingungen annullierten und auf den bekannten Bedingungen bestehen. Das Offizierkorps, das überzeugt ist, daß der Regierungswechsel nur persönlichen Ambitionen gedient hat, sieht sih deshalb gezwungen, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen und richtet an den Großwesir folaende Fragen: Wenn Setne Hoheit überzeugt ist, daß die militärische Lage der Türkei es ge- stattet, das Interesse des Landes besser als die frühere Regierung zu verteidigen, warum verlangten Sie noch in den ersten Wochen nah Uebernahme der Macht den Frieden unter ungünstigeren Bedingungen ? Warum ermittelten Sie nit den Mörder des früheren Kriegéministers, da doch die Zahl der huldigen uniformierten Personen, welche in die Pforte eingedrungen find, gering war? Weshalb haben sich Eure Hoheit den Vertu]schungsmanövern gegenüber s{chweigsam verhalten ? Das Offizierkorps wiro nicht dulden, daß das Interesse des Landes zum Sptelball etner Handvoll habsüchtiger Leute werde. Es wird dieselbe wegen des auf die Armee geworfenen Makels zur Nechen schaft ziehen. Das Offizierkorps empfiehlt dem Großwesir zum letzten Vîale, die Leitung der Geschäfte allseitig vertrauen8würdigen Personen zu überlassen. i

Die Dette Publique hat. der Pforte vorgestern einen Vorschuß von 300 000 Pfund gewährt.

Nach dem amtlichen türkischen Kriegsbericht vom gestrigen Tage, versuchte eine feindlihe Truppenabteilung in der Richtung auf Hissar Beyli nahe dem Derkossee vorzu- rücken, wurde aber durch lebhaftes Artilleriefeuer zum Rückzug gezwungen.

Wie die Bulgarische Telegraphen-Agentur meldet, an am 12. d. M. zwei bulgarische Erkundungsktolonnen, die in er Richtung auf Akalan ausgeschickt - worden waren, gegen den Feind einen Bajonettangriff gemacht und eine östlich von dieser Ortschaft gelegene Redoute erobert. Der Feind versuchte, unterstüßt von einer starken Abteilung, die Redoute zurüchzuer- obern, wurde aber durch einen Gegenangriff in die Flucht ge- schlagen, wobei er ungefähr 300 Tote und Verwundete zurückließ. An demselben Tage versuchten die Türken vor der reten Flanke der Bulgaren gegen Kadikoej vorzugehen, wurden aber izaoch einen Gegenangriff der bulgarischen Truppen ebenfalls zürückgeworfen und bis zu dem Dorfe Elbassan verfolgt. Seit diesem Tage haben die Türken jeden Versu eines Vorstoßes unterlassen. Die türkishen Truppen in Adrianopel desertieren in Massen. / Meldungen des „W. T. B.“ zufolge hat am Freitag ein furhtbares Bombardement aller Belagerungsgeshüße gegen die Befestigungen von Skutari und die Stadt selbst statt- gefunden. Ein Stadtviertel wurde in Brand geschossen.

Wie der Kronprinz von Griechenland meldet, hat die ate Division, die in der Gegend von Delvino und Argiro- fastro kämpft, bei Arinista die Nachhut des Feindes geschlagen. 1600 Türken sind gefangen genommen worden.

Die Jnsel Samos ist der „Agence d'Athènes zufolge vorgestern von griechishen Truppen beseßt worden.

Bulgarien.

Auf der Tagesordnung der-Sißung der Sobranje am Freitag standen Juterpellationen, betreffend die bulgarisc- rumänische Streitfrage, den Stand der Friedensver- handlungen sowie die Beziehungen Bulgariens zu Serbien und Griechenland.

Nach dem Bericht des „W. T. B."— tadelte der erste Inter- pellant, etn Abgeordneter aus der bulgarlschen Dobrudscha, die “s tung Rumäntiens und fragte, ob die Regierung territoriale Kon- zessionen versprochen habe. Er brachte hierauf eine Petition von 19 Ortschaften aus dem Grenzgebiete zur Verlesung, in der diese gegen die Anmaßung Rumäntens Einspruch erheben und thren Nbscheu vor der rumänishen Knechtshaft erklären, da sie in Freiheit groß geworden seten. Der Abg. Spifarevsky stellte auf Grund von Aktenstücken fest, daß das dem Berliner Kongreß unterbreitete rumäntsche Memorandum mit keinem Wort „Silistria“ erwähnt und daß die Grenzabsieckungskommission, ohne der Ents- nis des Kongresses Rechnung zu tragen, die Grenzlinie zum

achteil Bulgariens r habe. Halte man fih den Berliner Vertrag vor Augen, so müsse Wulgarien eher nehmen als geben. „Wir wissen nicht“, fuhr der Nedner fort, „was die Regierung tun wilk, aber wir können erflären, daß die bulgarische Nation fretwillig keinen Zoll ihres blutgedüngten Bodens abtritt, und wenn uns die Notwendig- feit dazu zwingen sollte, niemals Friede in dem geopferten Landes- teile einziehen wird.“ Der Sozialist Sakizoff verwies auf die Reibungen zwishen den Verbündeten und auf die Maßnahmen Serbiens in den beseßten Gebteten, welche B gegen Bulgarten richteten; auch die Griechen beobachteten eine gleihe Haltung. Man müsse sich daher fragen, ob der Krieg, der für die Befreiung der unterdrückten Brüder und für die nationale Freiheit unternommen set, niht schließlich zur nationalen Zerstückelung führen werde. Der Friede mit der Türkei sei eine unbedingte Notwendigkeit wegen der das Land shädigenden Wirkungen des Krieges, hauptsächlich aber wegen der Haltung der Serben und Griechen gegenüber Bulgarien.

Darauf ergriff der Ministerpräsident und Minister des Aeußern Geschow das Work:

Er erhob zunächst gegen die unparlamentarische Sprache der beiden ersten Redner und gegen die Uebertreibungen des Sozialisten Sakizoff Einspruch und erklärte sodann, daß mit der Türkei direkte Verhandlungen nicht gepflogen würden. Der Minister verlas die von den Verbündeten in Beantwortung des Vermittlungsangebots der Mächte überreichte gleihlautende Note der Verbündeten und fügte hinzu, die Vermittlung der Mächte, die auf dem Artikel 6 der Haager Konferenz beruhe, sei nicht bindend. Was den bulgarisch-rumänischen Streit fall betreffe, so set an die Stelle der Verhandlungen die vor. den beiden Ländecn angenommene Vermittlung getreten. Der Minister gab eine Geschichte dieses Streitfals und sagte: „Nah den Siegen der bulgarischen Armee erhielten wir Kenntnis davon, daß Rumänien eine Grenzregelung verlange. Wir entsandten den Kammerpräsidenten Dr. Danew, um unserm Nachbarn die Versicherung zu geben, daß fein Mensch in Bulgarien je daran gedacht hatte, ihn anzugreifen. Am 8. Januar erhielten wir von unserem Gesandten in Bukarest eine Depesche, worauf wir den Präsidenten Danew, ausgestattet mit den notwendigen Instruktionen, behufs Einleitung von Unterhand- lungen mit dem rumänischen Gesandten Mischu nah London entsandten. Die Antwort Rumäniens ging uns am 25. Januar zu, und am 27. traf eine Ergänzung hierzu ein.“ Der Minister teilte dem Hause den wesentlichen Inhalt des Londoner Protokolls vom 29. Januar mit, in dem Bulgarien erklärte, es werde den Kuzzowallachen in den zu- künftig bulgarishen Gebieten Schulen- und Kirchenautonomie ge- währen, wobei Rumänien das Recht erhalten solle, jene unter der Kontrolle der bulgarischen Regterung zu subventionieren. Bulgarien habe si des weiteren bereit erklärt, die Befestigungen von Silistria zu \chleifen. Diese Maßnahme gäbe Rumänten, das das Recht be- halte, seine südlihe Grenze zu befestigen, die gewünschte absolute Sicherheit. Bulgarien habe ferner seine Zustimmung zu einer Grenz-

regulterung unter Abtretung eines Küstendretecks gegeben.

„Bezüglich der „Beziehungen zu Serbien und Griech en- land“ fuhr der Minister fort, „stelle ih mit Vergnügen fest, daß bis jeßt weder in der Führung der kriegerishen Operationen noch in den Friedensverhandlungen in London noch bet dem legten Meinungs- austausch über die glethlautende Antwort auf den Schritt der Mächte unter den Verbündeten irgendwelche Meinungsverschieden- heiten einen Schatten auf das Bündnis geworfen haben. Vir haben uns zu gegenseitiger Verteidigung unserer Interessen verpflichtet. Die Festseßungen des zwishen uns und ten übrigen Balkanstaaten abgeschlossenen Entenlie- vertrages sind durchgeführt worden. An der Ausführung der von den Verbündeten übernommenen Verpflichtungen hat es keine Weigerung und kein Zögern gegeben. Darüber, den Krieg bis zu Ende zu führen, hat zwischen den Verbündeten stets die vollste Uebereinstimmung geherrs{t. Wir können uns an dem auf- rihtigen Wunsche der Berbündeten, das historishe Werk der Allianz aufrehtzuerhalten, genügen lassen und lofale Zwistig- keiten gewisser subalterner Vrgane, die mehr Eifer als Takt besißen, werden \sich auf dieser Grundlage regeln laffen.“

__ Der Minister fam sodann auf die bedauernswerten Zwischen - fälle in Sabotsko und Nigritta zu sprechen, bob dite von der griehischen und bulgarischen Regierung getroffenen Maßnahmen herver und gab der Hoffnung Autdruck, Dan angesichts des !egten Entshlufses der Negierungen der Verbündeten, keinerlei Konflikte mehr zuzulassen, es gelingen werde, alle Ursachen zu Mißverständnissen und Beschwerden zu beseitigen und die Befürchtungen verstummen zu machen, daß bei der Verteilung der beseßten Gebiete, die übrigens noch auf der Tages- ordnung stehe, es zu urvermeidlichen Schwierigkeiten kommen werde.

i D der Beendigung des Krieges, sagte ter Mti- nisterpräsident, müßte er kategorish erklären, daß, so jehr Bulgarien den Frieden wünsche, dieser Friede vollständig den ungeheuren vor dem Waffenstillstand gebrachten Opfern und den fühlbaren Verlusten nah der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten entsprechen müsse, zumal diese Wiederaufnahme dur die Weigerung der neuen jungtürkischen Regierung troß der einmütigen Natschläge der Grof mächte und der nicht minder einmütigen Entschlüsse des von Kiamil Pascha einberufenen großen Diwans hervorgerufen worden sei. Das elementarste Gerechtig- feit8gefühl fordere es, daß den Verbündeten mehr gegeben werde als das, womit sie sih früher zufrieden exklärt hätten. Nur Leute von mangelhafter Urteilskraft könnten behaupten, daß Bulgarien nah Wiederaufnahme des Krieges keine bemerkensweriten Ergebnisse zu erzielen vermochte. Die verhinderte, seit langem vorbereitete Lan- dung der Türkei, die Zerstörung eines türkischen anzer- {ies in Abwesenheit aller Kriegs|\ife, die denkwürdige Nieder- lage bei Bulair, wo die Türken nah ihrem eigenen Eingeständnis mehr als 14000 Tote und Verwundete gehabt hätten, das Un- vermögen des Feindes, sich aus den Befestigungen, hinter denen er si versteckt halte, hervorzuwagen, trot der großen Verstäzkungen, dite er no%d immer aus seiner Bevölkerung {öpfen konnte, die fünfmal größer sei als die bulgarische, alles das seien Tatsachen, die im Zu« sammenhang mit der glänzenden Einnahme von Janina seitens der verbündeten Griehen unwiderleglich bewiesen, daß der Gegner nit das Mecht erworben habe, gegenwärtig günstigere Bedingungen zu verlangen, als diejenigen, die thm durch die Delegierten rer Verbündeten im Laufe der Friedenéverhandlungen in London gemacht worden seien, und die er damals mit solcher Leicht- fertigkeit zurückgewiesen habe. Es wäre daher, wie er glaube, voll- kommen gerechtfertigt, daß die Verbündeten an diese Bedingungen in der Antwort, die bezüglich der Vermittlung den Großmächten über- mittelt worden sei, exinnerten. Sache der Großmächte set es, nun- mehr {ih darüber auszusprehen, was den Verbündeten nah den neuen {weren Opfern, die sie nit durch ihre Schuld erlitten hätten, ge- geben werden solle, und die Verbündeten hofften, daß thr Nichterspruch derart sein werde, daß dessen Annahme sich durch seine Weisheit und Gerechtigkeit beiden Teilen aufzwingen werde.

Auf den rumänisch - bulgarishen Streitfall zurü fommend, erklärte der Ministerpräsident, daß die Reerung alle Be- mühungen aufwenden werde, um die vermittelnden Mächte über diese von der Notwendigkeit zu über- zeugen, eine Formel zu finden, die nicht nur den gegen- wärtigen Streit regle, sondern auh feinen Keim zu tünftigen Mißhelligkeiten zwishen den beiden durch jahr- hundertelange Bande guter Nachbarschaft und unwandel- barer Freundschaft verbundenen Staaten zurücklasse. Auf die zwischen den Verbündeten bestehenden Beziehungen übergehend, erinnerte der Ministerpräfident \{ließlich an den Entshluß Bulgariens, treu seine Verpflichtungen zu erfällen, und sprach, die Ueberzeugung aus, daß au die Verbündeten die ihrigen ebenso loyal einhalten werden. Sn der festen Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Grhaltung des Bünd- nisses nit nur in der Gegenwart, sondern auch für die Zukunft, etnes Bündnisses, das ihren wahren Interessen entspricht, werden die Verbündeten“, so {loß der Ministerpräfident, „alles mögliche tun, damit das Werk von dem verdienten Crfolge gekrönt wird. Wir haben Beweise von Voraussicht und Geduld gegeben. Wir besißen den vollen Glauben an die bewunderungswürdige bulgarische Nation, vor deren Einsicht und Stärke wir uns beugen.“

Hierauf trat das Haus in eine Erörterung der ECxtlärungen des Ministerpräsidenten ein.

Die Führer der Oppofitionsparteien billigten im allge- meinen die Erklärungen Geschows, sie maten jedoch Vorbehalte, be- treffend die optimistishen Anschauungen der Regierung über die \{hließ- lien Ergebnisse des vom Balkanbund unternommenen Werkes. Sie verurteilten in kräftigen Worten die Haltung der Griehen und Serben, die eine Eroberungépolitik zum Nachteile der Bulgaren verfolaten, die fie durch allerlei Belästigungen und Gewalt- tätigkeiten zu entnationalisieren trachteten. Das anfängliche Ziel des Balkanbundes und des Krieges habe territorialen Gifer- \üchteleien Play gemaht. Der Balkanbund befinde sh daher infolge der bei den Verbündeten entfesselten chauvinistischen Leidenschaften tin Gefahr. Angesichts diefer Haltung der Verbündeten müsse die Regierung die Interessen der Nation energish verteidigen. Die Opposition habe ihr von allem Anfang an Vertrauen geschenkt, aber dieses Vertrauen sei kein bedingungsloses. Wenn die erwarteten Ergebniffe nicht so seten, wie der Ministervräsident es versprehe, werde die Opposition ihre Handlungsfreiheit wiedergewinnen. Verschiedene Redner verurteilten die Politik der Regterung in dem rumänisch- bulgarischen Streitfalle und erklärten, die Forderungen der Rumänen trügen geradezu den ‘Charafter etner Erpressung, zumal fie ganz un- begründet seien. Die von Rumänien in Anspruh genommenen Gegenden seien der Mehrheit nah von Bulgaren und einer tnkischen Minderheit bevölkert, aber nicht von Numänen. Da Bulgarien auf die Dobrudscha endgültig verzichtet habe, um die Freundschaft Rumäniens zu besiten, sei es zu der Erwartung berechtigt, daß Rumänten felbit den Wert der Freundshaft Bulgariens \{häßen werde, ohne trgend einen Landerwerb anzustreben.

Der Führer der Liberalen, Radoslawoff, bezeichnete es als notwendig, nah Möglichkeit die abgeschlossenen Verträge bekannt- zugeben, damit die öffentlihe Meinung über die Verpflichtungen, die der Nation auferlegt seien, aufgeklärt werde. Der Abg. Stra \chi- minoff, Führer des Landwirteverbandes, erklärte, Saloniki sei etn Hafen sür ganz Mazedonien, sogar für Sofia, und könne feineswegs an Griechenland fallen. Der Führer der Demokraten, Malinow, besprah die Vermittlung für den Friedenschluß und sagte, Bulgarien werde mit Nuhe die Entscheidung der Mäch!e abwarten, weil diese jeßt Gelegenheit hätten, zu beweisen, daß es in Europa Gerechtigkeit und Zivilisation gebe, für die Bulgarien kämpfe. Der Führer der Jungliberalen, Tonshew, warf der Regierung vor, sie sei in der Wsung der Orientfrage nicht bis ans Ende gegangen. Troß der vor- gebrachten Kritiken erklärten die Führer sämtlicher Parteien, daß sie der Regierung ihre volle Unterstüßung zur Vertetdigung der nationalen Interessen gegen den Feind und gegen die konkurrierenden Be- \strebungen gewährten.

Frage aufzuklären und fie

Nach den Sprechern der Opposition ergriff der Finanzminister Theodorow das Wort und erklärte im Namen der Regierung, daß, da der Krieg noch nicht beendet und die aufgetauchten Differenzen nicht beigelegt seien, jede Kritik verfrüht sei. Man werde die Politik der Regierung nah ihren Ergebnissen beurteilen müsser. Die Re- gierung appelliere an die Opposition, ihr die Unterstüßung nicht zu entzichen, solange sich Bulgarien Feinden oder Rivalen gegenüber be- finde. Die Einmütigkeit der Slaven werde dem Lande die Verwirk- lihung der ersehnten Erfolge ermöglichen.

Der Ministerpräsident Ge\chow und der Präsident der Sobranje Dr. Danew haben gestern im Sizungssaale der Sobranje eine aus 700 Personen bestehende Abordnung der Bezirke von Silistria, Baltschik, Kavarna und Dobritsch empfangen, die gekommen war, um gegen eine eventuelle Abtretung bulgarischen Bodens an Rumänien Ver- wahrung einzulegen, und um bei der Regierung darauf zu dringen, sie möge nicht gestalten, daß Rumänien von dem bulgarischen Grenzgebiete Besiß ergreife. Wie das Wiener „K. K. Tele- graphen-Korrespondenzbureau““ meldet, gaben Geschow und Danew der Abordnung gegenüber die Versicherung ab, daß die Regie- rung die durch die Haltung des Nachbarn im Norden hervor- gerufene Beunruhigung der Abordnung teile; sie werde die Groß- mächte über die Nichtberechhtigung der rumänischen Ansprüche weiterhin aufklären und alles, was in ihren Kräften stehe, tun, um das bulgarische Vaterland vor einer Amputation zu bewahren und um die Heimat der tapferen Soldaten, die im Kampfe gegen den Feind ihr edles Blut vergossen, dem Vaterlande zu erhalten. Die Nation könne auf die Gerechtigkeit der Groß- mächte vertrauen, die gewiß nicht jegt zerstören werden, was Rußland in Europa vor 35 Jahren geschaffen habe.

Asien.

Das japanische Abgeordnetenhaus hat, einer Mel- dung des „W. T. B.“ zufolge, vorgestern nah lebhafter Debatte das Budget mit einer Mehrheit von fünf Stimmen angenommen.

Nr. 21 des „Zentralblatts der Bauverwaltung“, heraus- gegeben im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, vom 15. März 1913, hat folgenden Inhalt: Amtliches: Dienstnahrichten. Nicht - amtliches: Das neue Rathaus in Bremen. Die australi\che Querbahn. Vermischtes: Auszeichnung. Wettbewerb für Ent- würfe zum Bau einer Volksschule in Sagan i. Schlesien. Deutschlandreise der amerikanischen Ingenieure. Zur Berechnung des beiderseits eingespannten Bogens. Fettfarg. Ueber Holz- einlagen bei Burgtürmen. Friy von Manikowsky +.

Statistik und Volkswirtschaft.

Die deutsche überseeishe Auswanderung im Februar 1913 und in dem gleichen Zeitraume des BVorjahrs.

Es wurden deutshe Auswanderer im Monat Februar befördert über 1913 1912 Bienen C C 026 445 Gmb C A0 203 deutsche Häfen zusammen. . 996 698 fremde Häfen (soweit ermittelt) 351 158 überhaupt 1347 856. Aus deut\chen Häfen wurden im Februar 1913 neben den 996 deutschen Auswanderern noch 23815 Angehörige fremder Staaten befördert; davon gingen über Bremen 11 741, üher Hamburg 12 074.

Zur Arbeiterbewegung.

Wie die „Krefelder Zeitung“ meldet, sind seit Sonnabendnach- mittag 15000 Arbeiter der Crefelder Seidenwebereiten ausgesperrt. Die Fabrikanten beabsihttgen, für den Fall, daß die Arbeiter an thren Forderungen festhalten, am nächsten Sonnabend weitere 5000 Arbeiter auszusperren. (Vgl. Nr. 64 d. Bl)

Wie die Blätter melden, hat in Wien eine Versammlung der Stukkateurmeister beschlossen, sämtlihe Stukkateurgehilfen, die zum Teil die Arbeit eingestellt hatten, auszusperren. Von dieser Maßnahme werden etwa sechétausend Gehilfen betroffen.

Aus Budapest wird dem „W. T. B.“ telegraphiert: Die Ar - beiter in den Brennberger Kohlengruben haben wegen Herabsezung des Lohns die Arbeit eingestellt.

(Weitere „Statistishe Nachrichten“ \. i. d. Ersten Beilage.)

Wohlfahrtspflege.

Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten hat, um allen ständigen Wasserbauarbeitern unter 40 Jahren nach mindestens einjähriger Beschäftigung bei der Wasserbau - verwaltung etne Zusaytrentenvers icherung zuteil werden zu lassen, zum 1. April 1913 ihre Eingliederung in die eine erweiterte Fürsorge bezweckende Abteilung B der Pensionskasse für die Arbeiter der preußish-hessishen Eisenbahngemeinschaft veranlaßt. Der Eintritt kann noh mit rüdckwirkender Kraft vom 1. April 1912 ab erfolgen. Gleichzeitig werden alle der Invaliden- und Hinterbliebenenversiche- rung unterliegenden Wasserbauarbeiter ter Abteilung A der Pensions- fasse zugeführt, die als zugelassene Kasseneinrihtung mit den geseß- lichen Leistungen alle Aufgaben einer Versicherungsanstalt zu erfüllen hat. Nachdem die Hauptversammlung der Pensionskasse die ent- sprechende Aenderung ihrer Satzungen beschlossen hat, übersendet der Minister durch einen Erlaß den Behörden der Wasserbauverwaltung umfangreihe Ausführungsvorschriften und Uebergangsbestimmungen, damit die mit der Annahme, der An- und Abmeldung der Arbeiter und mit der Aufstellung der Lohnrehnungen betrauten Bedien|teten sih alsbald mit den neuen Bestimmungen bekannt machen können und die rechtzeitige Durhführung der Maßnahmen sichergestellt wird.

Die Ortsgruppe Berlin der Gle es für soziale Re- form veranstaltet für den 19. März, Abends 8 Uhr, eine Ver- sammlung im Saale der Viktoriabraueret (Lüßowstraße 111/112). a dieser wird mit Rücksiht darauf, daß eine möglihst schnelle nterbrirgung der Arbeitsuhenden in geeignete Stellen und umgekehrt eine möglihst \chnelle Beseßung offener Stellen mit geeigneten Arbeitékräften von der größten Bedeutung für unsere ganze Volkswirtschaft ist, die Lösung dieses

roblems aber von einer rihtigen Organisation des öffentlichen

rbeitsnahweises abhängt, die Frage der „Organisation des öffentlihen Arbeitsnahweises in Groß Berlin“ behandelt werden. Berichterstattec wird der Oberbürgermeister

Dominicus (Berlin-Schöneberg) sein.

_ In diesem Jahre, dem elften thres Bestehens, hat die deutsche Di e G ata Stiftung {hre Arbeit auf allen früher in Angriff genommenen Gebieten fortgeseßt und ausgedehnt. Die Bügereiabteilung hat im leßten Jahre an allgemeine Volks-

büdßercien (namentlich auf dem Lande) 78883 Bände, an Fort- bildungs\{ulen 96 Bände, an Mannschaftsbüchereien 5261 Bände, an Büchereien für Krankenhäuser und Oeilstätten 1032 Bände, im ganzen 85272 Bände verteilt, außerdem in Wander- büchereien an Feuershiffe und Leuchttürme 1440 Bände ver- sandt. Ein neuer Zweig dieser Abteilung find die Wander- büchereien für die Handelsflotte, die zunähst bei 3 Reedereien mit 96 Dampfern und 17 Segelschiffen eingeführt wurden. Der Gesamtladenpreis der von dieser Abteilung im Jahre 1912 ver- teilten 85 272 Bände belief fich auf 10459065 4. Erheblich aus- gedehnt bat si die Tätigkeit der Stiftung für deutshe Büchereien im Auslande (Oesterreich und die Schweiz ausgenommen, die in obigen Ziffern inbegriffen sind), an die 2117 Bände verschickt wurden. íInsgesamt hat die Stiftung bisher 534020 Bücher im Gesamt- ladenpreiswerte von 608 837,83 «6 an volkstuümlihe Büchereien verteilt. Die Verlagsabteilung der Stiftung gab im Fahre 1912 7 neue Bände der „Hausbücherei“ und 2 neue „Volks- bücher“ heraus, darunter z. B. Bücher von Gottfried Keller, Ernst Zahn, Hans Hoffmann, Adolf Schmitthenner usw. Insgesamt sind disher 46 Bände der „Hausbücherei® und 35 „Volksbücher“ erschienen. Von den früher erschienenen Bänden wurden neue Auflagen in 120 000 Œxremylaren gedruckt. Im ganzen hat die Stiftung bis Ende 1912 1 725 000 Bände herausgegeben. Die Ortsgruppen- abteilung umfaßt jezt 234 Ortsgruppen mit 4351 Mitgliedern ; zahlreihe Ortégruppen in Deutschland wie im Auslande haben der Stiftung wertvolle Dienste geleistet und dazu beigetragen, daß ihre Arbeit immer weitere Kreise zieht. Die Stiftung hat in diesem Fahre ihr Werbeamt neu etingerihtet und dadur 571 neue Mit- glieder gewonnen. Die Gewinn- und Verlustrechnung sämt- lier Abteilungen dec Stiftung stellte sh in Einnahmen und Aus- gaben auf 245 799,72 6; von den Einnahmen entfallen jedoch nur 35 582,14 Æ auf jährliche Mitgliederbeiträge. - Die Wander- ausstellung gegen die Shundliteratur wurde in diesem Jahre noch in 17 verschiedenen Städten gezeigt, außerdem in einer Anzahl Ortsgruppen des deutsh-nationalen Handlung8gehilfen-Verbandes. Ins- gesamt wanderte sie bisher dur 61 Städte, die größtenteils im Deutschen Reiche liegen, zum Teil aber auch im Ausland; fo wurden in der Schweiz Ausstellungen mit Erfolg in Basel, Zürich, Glarus, Mollis, Frauenfeld und Romanshorn veranstaltet.— DieStiftung bedarf dringendder weiteren Vermehrung ihrer Mitgliederzahl, da ihr eisernes Kapital nur recht gering ist. Wer mindestens 2 46 Jahresbeitrag zahlt, erhält ein Buch der Stiftung als Mitgliedsgabe; er erfüllt damit gleichzeitig eine soziale Pflicht. Die sahgemäße Verwendung der Beiträge ist durch die ge- meinnüßige Einrichtung der Stiftung gewährletstet. Ihre Drucksachen werden von der Kanzlei der deutshen Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel auf Verlargen jedermann kostenfrei zugesandt.

Als erster deutsher Zweckverband für Kleinwohnungen hat si der gemeinnützige Bauverein der Landgemeinden des Kreises Worms konstituiert, dem sämtlihe 39 Gemeinden des Kreises angehören. Der Verband beabsichtigt, in allen diesen Gemeinden billige, gesunde Wohnungen nah Bedarf zu errihten. Die erforder- lichen Mittel gibt die Landesversicherungéanstalt Großherzogtum Hessen zu 32 0/9. Der Bau einer Wohnung wird begonnen, sobald 10 9/9 des Gesamtpreises angezahlt sind; der Resikaufpreis wird zu 33 9/9 ver- zinst und ist mit mindestens 14 9/6 zu tilgen.

Kunst und Wissenschaft.

Die Königlih preußishe Akademie der Wissen- \chaften hielt am 20. Februar unter dem Vorsiß ihres Sekretars Herrn Waldeyer eine Gesamtsißzung, in der Herr Liebisch über die optishen Eigenschaften der durch die Absorption von «a-Strahlen erzeugten pleochroitishen öfe las. Durch die Absorption der von Einschlüssen radioaktiver Mineralien ausgesandten a-Strahlen wird in Turmalin, Biotit und Cordierit eine Aenderung der Absorption des Lichtes hervorgerufen, die mit Hilfe eines Mikrophotometers gemessen und mit der gleichzeitig erzeugten Aenderung der Dopelbteüng verglihen wurde. Die Akademie genehmigte die Aufnahme einer von Herrn Diels in der Sigzung der philosophisc-historishen Klasse vom 13. Februar vorgelegten Arbeit des Herrn Dr. I. Heeg in München „Pseudo- demokritische Studien“ in die Abhandlungen des Jahres 1913. Die von Nenzi, Coll. Sal. I1V, S. 290 ff. als Fragmente des I11. Buchs der Practica des Petrocellus (S. X1) veröffentlichten - medizinischen Excerpte gehören in Wirklichkeit niht diesem Salernitaner, sondern zu einem medizinischen Pseudodemocriteum, das dur eine Neichenauer, zwei Münchener und eine Pariser Hs. erhalten ist. Dieser Text ist eine „altlateinishe“ Bearbeitung einer hauptsählich mit Benußung der Synops\is des Oribasius, daneben Galens und einer niht näher festzustellenden Mittelquelle am Ausgang des Altertums abgefaßten artechishen Vorlage, aus der anscheinend auch die von Wellmann edierten „Pscudodemocritea Vaticana“ stammen. Herr Dr. Koser überreihte ein neu ershienenes Heft der Monumenta Germaniae historica: Tom. 32, Pars 3 der Abteilung Scriptores (Hannoverae et S R 1913).

Am 27. Februar hielt die philosophti\ch-historische Klasse der Akademie der Wissenschaften unter dem Vorsiß des Sekretars Herrn Roethe eine Sigung. In dieser las Herr Sachau über die ältesten Schicksale des Christentums im Orient, speziell in den Euphrat- und Tigrisländern. Es wurde dargelegt, wie sh {hon frühzeitig, bereits unter der HertlBak der Partiherkönige, in der Stadt Arbela eine cistliche Gemeinde gebildet hat, welches die Schicksale ihrer Leiter waren, wie einzelne von ihnen auch in der Reichshauptstadt tätig ge- wesen und welche Nolle diese in der späteren Geschichtsüberlieferung sptelen. Ferner wurde die Verbreitung des Christentums in füd- licher und östliher Richtung behandelt, im besonderen die Bistümer und Erzbistümer in Ostarabien, in der eigentlihen Persis und in Mer, und es wurde versucht, na chzuweisen, wie lange diese christ- lichen Gebiete unter der Herrschaft des Islams gestanden haben. e Ed. Meyer legte einen ula des Herrn Professors M. Lidz-

arski tn Greifswald über eine punisch - altberberiscche Bilinguis aus einem Tempel des Massinissa vor. Die in den Ruinen von Thugga gefundene Inschrift wird nah einer Photo- graphie neu publiziert und kommentiert. Es i} die Bauinschrift für etnen Tempel des Königs Massinissa aus dem 10. Jahre seines Sohnes Micipsa. err Harnack überreihte „Dte Griechischen Christlihen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte, Bd. 21: Philostorgius' Kirhengeshichte, herausgegeben von J. Bidez (Leipzig 1913)“. An demselben Tage hielt auch die physikalish-mathematische Klasse der Akademie eine Sitzung, tn der Herr Waldeyer den Vorsiß führte und Herr

aberland las: „Zur Physiologie der Zellt eilung.“ Im Anschluß an frühere Kulturver]uche mit isolierten Pflanzenzellen wird über Versuche mit kleinen Gewebsfragmenten der Kartoffelknolle be- richtet. Das Hauptergebnis besteht in dem Nachweise, daß aus dem Mark der Knolle herausges{chnittene Gewebeplätthen nur dann Zell- teilungen erfahren, wenn sie ein lebendes Leptombündelfragment ent- halten. Auf Grund weiterer Versuche wird wahrscheinlich gemacht, daß das Leptom, insbesondere die Gesleitzellen der Siebröhren, einen S und ausscheiden, der die Speicherzellen zur Tetlung

eranlaßt.

Eine Gesamtsitzung der Akademie der Wissenschaften wurde ferner am 6. März unter dem Vorsiß des Herrn Waldeyer gehalten.

n dieser las Herr Diels über die Entdeckung des Alkohols Gegenüber der früher verbreiteten Annahme, daß wir den Alkohol den Arabern verdankten, und der neuerdings versuchten Ableitung. dieser Entdeckung aus Italien (12. Jahrh.) wird der Nachweis ge- liefert, daß das im 12. Jahrhundert in einer chiffrierten Notiz auf- tauchende Rezept der Alkoholbereitung famt der überwiegenden Masse der übrigen im Mittelalter verbreiteten Senden Rezepte antiken Ursprungs is und mindestens seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. in den alchimistishen Geheimzünften Aegyptens be-

Hokuspokus verwandt worden ist. Herr Diels teilte ferner Hippokratishe Forshungen 1V mit und legte eine Mitteilung des Herrn Prof. Dr. J. Mewaldt in Greifs- wald über eine Fälschung Chartiers in Galens Schrift über das Koma vor. Es wird nahgewiesen, daß die kleine Schrift Galens lepì roö rap’ ‘Inroxpárec xÚóforogs (VII 643—665) nur in einer gr. Hs. (Laur. gr. 74, 3; #. XT1) und in der lateinischen Ueber- sezung des Nicolaus von Rhegium erhalten ist. Dieser hat eine griehishe Hs. benußt, welche die große Lüdke des Laur. ausfüllt. Danach hat Chartier für seine Ausgabe bona fide den griechischen Text in der Lücke hergestellt. Die Kühnshe Ausgabe hat diese Fälshung Chartiers, die bis jeßt unbemerkt blieb, unverändert abgedruckt. Die Akademie genehmigte die Aufnahme einer von Herrn Waldeyer in der Sizung der physikalish-mathematischen Klasse vom 30. Januar vorgelegten Arbeit des Herrn Professor Dr. Edwin E. Goldmann in Freiburg t. Br.: Vitalfärbung am Yentral- nervensystem. Beitrag zur Physio-Pathologie des Plexus choroideus und der Hirnhäute in die Abhandlungen des Jahres 1913. Vorgelegt wurde Tom. 2, Fasc. 2 des von der Savigny-Stiftung unter- nommenen Vocabularium Turisprudentiae Romanae, bearbeitet von E. Grupe (Berolini 1913).

kannt und zu magischem

Die „Nuova Antologia“ veröffentlicht einen Artikel über drei Werke Raffaels, die Adolfo Venturt in Perugia entdedckt habe. Ihre Authentizität soll unbezweifelbar scin. Eins davon ist ein monumentaler Fresko, ein Meisterwerk aus jüngeren Jahren des Künstlers, eine der bedeutendsten Schöpfungen der. italienischen Kunst.

In Gegenwart Ihrer Königlichen Hoheiten des Groß- herzogs und der Großherzogin von Baden hat vorge|itern nahmittag die Eröffnung der Deutschen Kunstausstellung Baden-Baden 1913 stattgefunden.

Verkehrswesen.

In Sukaduma (Kamerun), etwa 200 km nördlich von Molundu, ist am 12. Dezember 1912 eine Postagentur eingerichtet worden, deren Tätigkeit sih auf die Annahme und Ausgabe von gewöhnlichen und eingeschriebenen Briefsendungen und auf die Ausgabe von gewöhnlichen Paketen erstreckt.

In Ngoment (Deutsch Ostafrika) an der Nordbahn, 28 km westlih von Tanga, ist am 11 Februar eine Postagentur ein- gerichtet worden, deren Tätigkeit sih auf die Annahme und Ausgabe von gewöhnlichen und eingeschriebenen Briefsendungen und auf die

Wahrnehmung dcs Paketdiensles innerhalb des Schußgebiets erstreckt.

Theater und Musik.

Im Königlichen Opernhause wird morgen, Dienstag, „Der Freishütz“ aufgeführt. Die Beseßung lautet: Agathe: Frau Dux; Aenncen: Fräulein Engell; Marx: Herr Kirchhoff ; Caspar: Herr Mang; Kuno: Herr Krasa; Eremit: Herr Knüpfer; Ottokar: Herr Bachmann ; Kilian: Herr Schul. Dirigent ist der Kapellmeister Blech.

Im Königlichen Schausptelhause wird morgen die zweite Hälfîe der Hebbelschen „Nibelungen“: „Kriemhilds Rache“, gegeben. Das ganze Werk wird, wie bereits mitgeteilt, zur Feier yon Hebbels 100. Geburtstag aufgeführt.

Mannigfaltiges. Berlin, 17. März 1913.

Die von Se iner Majestät dem Kaiser und König an- läßlih der Jahrhundertfeier der Erhebung Preußens im Landwehr - offizierkastnozu Berlin gehaltene Rede hatte folgenden Wortlaut :

„Der heutige Geburtstag der Verg Ge Königin Luise ist der Erinnerung an die weltbewegenden Ereignisse vor 100 Jahren gewidmet, der Erinnerung an die ruhmvolle Erhebung des Volkes in Waffen zur Befreiung unseres Vaterlandes von jahrelanger Fremd- herrschaft. Gott dem Herrn, der an Preußen so Großes getan, und den Helden der Befreiungskriege ist heute von unserem Heer und Volk an gewethten Stätten Dank und Verehrung dargebracht. In patriottsher Begeisterung wird bei den heutigen Festlihkeiten mit besonderem Stolz der Ruhmestaten der preußishen Landwehr gedacht, deren Bildung vor 100 Jahren dem Heere neue Kräfte zuführte. Eine besondere Freude is es Mir, am Abend dieses Gedenktages im Kreise der Kameraden der Landwehrinspektion Berlin weilen und an der Feter der stärksten Vereinigung von Offizieren des Be- urlaubtenstandes teilnehmen zu können. Ich danke Ihnen herzlih für Fhre Einladung und die fceundlihe Begrüßung dur den Mund Ihres Inspekteurs. Die feierlihe Erneuerung Ihres Treushwurs und das Gelöbnis, Ihrer Landwehrdevise „Mit Gott für König und Naterland!* allezeit eingedenk zu bleiben und ihr nahzuleben, babe Ich gehobenen Herzens entgegengenommen. Es ist Mir eine Bürg- \chaft dafür, daß der Geist treuer Pflihterfüllung, der unserem Volke vor 100 Jahren mit Gottes Hilfe den Sieg verlieh, auch heute noch in den Offizierkorps des Beurlaubtenstandes wie der aktiven Armee lebendig ist. Jn unserer ernsten Zeit aber gilt es, diesen Geist der Hingabe an das Vaterland auch in unserem Volke und in seiner Jugend wach zu erhalten, die sittlichen Kräfte zu heben und zu stärken und nicht dur Selbstsuht, Genußsucht und Abfall von dem Glauben unserer Väter verkümmern zu lassen. Und dazu mitzuwtrken, find Sie, Kameraden von der Reserve und Landwehr, ganz besonders bes rufen und ausersehen. Sie stehen in Ihrem Becussleben in dauern- der Fühlung mit allen Schihten der Bevölkerung. Jhr Beispiel, hre Lbensanshauung und Ihre Pflichterfüllung gegen Gott, König und Vaterland sind von außerordentliher Bedeutung im Kampfe gegen die finsteren Mächte des Unglaubens und der Vaterlands- losigkeit, die in unseren Tagen an dem gesunden Marke unseres Volkes zehren und seine Ruhe und seine Zukunft zu zerstören drohen. Das Vaterland erwartet von Ihnen in erster Linie nicht kriegerische Lorbeeren, sondern ein verdienstvolles Wirken als Staatsbürger. Es rechnet darauf, daß Sie dem deutschen Volke und besonders der deutshen Jugend mit Nat und Tat und einem charakiervollen NVorbilde treu zur Seite stehen. Ein solches Eintreten für die idealen Lebenswerte wird Ste um so tüchtiger machen zur Erfüllung Ihrer militärischen Aufgaben als Führer der Söhne unseres Volkes, auh auf dem Schlachtfelde, wenn die Not des Vaterlandes Sie je zwingen sollte, Ihren . friedlißen Beruf mit dem Schwert zu vertaushen. Das ist der Weg, auf dem Sie sich als würdige Nachfolger jener ersten Landwehroffiziere vor 100 Jahren erweisen sollen, die nicht nur auf des Königs Ruf selbst frei- willia zu den Fahnen geeilt waren, sondern {on vorher, als fie noch auf dem Katheder, im Bureau, in der Fabrik oder auf eigenem Hof schafften, durch Wort, Lied oder Beispiel die quis aat in das Herz des Volkes gestreut und es zur freudigen Hingabe von Gut und Blut für Ehre und Freiheit des Vaterlandes begeistert hatten. Eingedenk des verhetßungsvollen und zugleih mahnenden Wortes des Feldmarschalls Blücher in seinem Armeebefehl nah der Schlaht von Belle-Alliance „Nie wird Preußen untergehen, wenn eure Söhne und Enkel euh gleichen" und im festen Vertrauen auf die Treue Meiner Triarter trinke Ich auf das Wohl des Landwehroffizierkorps Berlin. Vivant Regis triarii. Drei Hurras unserer Landwehr.“

Der Fadckelzug, den die Vaterländische Gesellf aft zur

Verbreitung von Geschichtskenntnissen gestern abend aus Anlaß der Jahrhundertfeier der Befreiungskriege ver