1894 / 119 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Me>leunburg-Strelitz.

Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog ist vor- gestern aus St. Beteréburg wieder in Neustreliß eingetroffen.

Oesterreich-Ungarn.

Der Kaiser ist gestern mit dem Erzherzog Wilhelm und den fremden Militär - Attahés zur Jnspizierung der Truppen in Bru a. d. Leitha eingetroffen. Zum Empfang waren der Korps-Kommandant sowie die Spißen der Behörden anwesend. Nach Entgegennahme militärisher Meldungen begab si< der Kaiser nah dem Uebungsplay, wo Allerhöchstderselbe mit großer Aufmerksamkeit die Ge- fehtsübung des Kaiser Alexander - Regiments, die taktishen Uebungen des Jellacic - Regiments sowie die Exerzitien des Korpsartillerie-Regiments verfolgte. Der Kaiser sprah dem „W. T. B.“ zufolge sowohl dem Offizierkorps wie den Mannschaften seine vollste Anerkennung und Zu- friedenheit aus. i | i

Der Prinz-Regent Luitpold und die Prinzessin Therese von Bayern find gestern Abend von Wien nah München zurückgekehrt. : :

Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland sind mit den Prinzen Georg und Alexander gestern Vormittag in Wien eingetroffen und e gestern Abend - die Reise nah Frankfurt a. M. fort-

eßt. s Stad der „Politishen Korrespondenz“ hat der serbische Gesandte Simic am Montag dem Minister des Auswärtigen R Kálnoky den Verfassungswechsel in seinem Lande notifiziert. ,

Zm österreichishen Abgeordnetenhause erklärte gestern bei der Debatte über das Budget des Justiz-Ministeriums der Justiz-Minister Graf Schönborn, die Regierung werde das Zustandekommen des von dem Ausshuß des Herren- hauses abgeänderten Ratenhandelsgeseges eifrigst fördern. Ein Gesegentwurf über Friedensgerihte und ein damit zusammenhängender Geseßentwurf über Gemeinde-Einigungs- ämter sei fertiggestellt, - ein Entwurf über die Er- rihtung von Trinkerasylen werde vorbereitet. Gegenüber den Ausführungen des Abg. Gregr in der Sißung e 10. April, der denjenigen Mitgliedern der Regierung, welhe auch dem früheren Kabinet angehörten, Jnkonsequenz vorgeworfen habe, wies der Minister darauf hin, daß der Koalitions- gedanke schon unter der Regierung des Grafen Taaffe praktis<h angewendet und iitvelse die Zurückstellung politisher Streitpunkte sowie die Schaffung wirthschaft- liher Geseze zum Programm erhoben worden sei. Der Justiz-Minister wies ferner die Behauptung des Abg. Vasaty zurü>, daß die Konfiskation der Abdrücke von den in nichtdeutsher Sprache gehaltenen Reichsrathsreden nur auf eine - Bosheit des Justiz-Ministers zurüchzuführen sei. Eine solhe Rancune würde ein Schurkenstreih sein, den ihm niemand zumuthen werde. Hinsihtlih des Omladinaprozesses erklärte der Minister, es sei aus verschiedenen, nicht blo amtlihen Berichten zu ersehen, daß die Ange- klagten ihrem leidenschaftlihen Sinne und Troze gegen die Richter so heftig Ausdruck gegeben hätten, daß jeder Unpar-

parteiishe dem Präsidenten in jenem s allés Andere cher Ú

vorwerfen könne, als eine zu s{harfe Behandlung der An- geklagten. (Der Minister wurde hierbei wiederholt von den Jungezehen unterbrochen. Der Abg. Sokol erhielt einen Ordnungsruf). Der Minister versicherte, daß gegen die Angeklagten mit möglicher Schonung vorgegangen worden sei; man solle sich dur< das Mitleid für die jugendlihen Angeklagten ni<ht zu Ungerechtigkeiten verleiten lassen. Jm leßten Jahre seien Konsiskationen von Zeitungen häufiger als früher vorgenommen worden ; den Anlaß hierzu habe die unruhige Stimmung in Böhmen gegeben, wo die fortwährenden Aufreizungen der S gend nicht E werden dürften. Jn diesem Jahre habe sih die Zahl der Beschlagnahmungen ver- mindert. Der Minister bat \chließlih, die Justizverwaltung bei der Erreichung ihres Zieles: Reform des materiellen und prozessualen Rechts, zu unterstüßen. Die Interpellation über die Angelegenheit Decert könne er jeßt noh nicht beantworten, doch werde dies gewiß im Laufe der Session geschehen.

Das ungarische Unterhaus begann gestern die Be- rathung des Geseßentwurfs über die staatlihen Matrikel. Mehrere Redner sprachen gegen die Vorlage, deren Annahme der Minister des Jnnern unter dem Beifall der Rechten empfahl. Die Debatte sollte heute fortgeseßt werden.

Großbritannien und Jrland.

Wie die heutigen Londoner Morgenblätter melden, würde der gegenwärtige Kanzler des Herzogthums Lancaster Bryce als Nachfolger von Mundella Präsident des Handelsamts werden und Lord Tweedmouth an seine Stelle treten.

Jm Unterhause theilte, wie „W. T. B.“ berichtet, gestern der Parlamentssekretär des Auswärtigen Sir E. Grey mit, daß der Regierung keine Benachrihtigung darüber

egangen sei, daß eine französishe Expedition fd Add oder einem anderen Punkt des Nils nähere. Jm weiteren Verlauf der Sißung nahm das Haus die zweite Lesung der \chottishen Lokalverwaltungs-Bill ohne besondere Abstimmung an. Die Vorlage wurde hierauf zum Zweck der Spezialberathung dem ständigen Ausshuß für \chottishe Angelegenheiten überwiesen. -

Dem Unterhause ist ein zwishen dem König der Belgier, als Souverän des Unabhängigen Congo- staats, und der großbritannishen Regierung ab- geschlossener Vertrag über die Einflußsphären Groß- britanniens und des Congostaats in Ost- und Zen tral- Afrika zugegangen. Der Vertrag is in Brüssel am 12. Mai unterzeihnet worden. Der König Leopold erkennt darin die englishe Einflußsphäre an, wie fe in der english:deutschen Konvention vom 1. Juli 1890 festgeseßt ist. England giebt dem König Leopold gewisse Landstrihe im westlihen Flußgebiete des Nils, umfassend die Provinz Bahr-el-Gazal, in Pacht. Diese Zession soll so lange dauern, als die Gebiete am Congo in der Gestalt des Unabhängigen Congostaats oder als belgische Kolonie unter der Souveränetät des Königs Leopold oder seiner Nachfolger bleiben. Der Congostaat seinerseits giebt England einen Gebietstreifen in Pacht, der in einer Breite von 25 km vom Nordende des Tanganyika-Sees bis zum Südende des Albert-Edward-Sees reiht. Dieser Pachtvertrag dauert ebenso lange wie der erstere.

Frankrei<.

Das Ministerium Casimir Périer hat dem Präsidenten Carnot seine Entlassung eingereicht.

Ueber die Vorgänge in der Deputirtenkammer, die diesen Ent- U Hoe hrt haben, liegen folgende Mittheilungen des

S D. VOL:

- In der gestrigen Sißung brate der Deputirte Jules Guesde einen Antrag auf Einführung des achtstündigen Arbeitstags ein und verlangte die Dringlichkeit. Der Minister der öffentlihen Arbeiten Fonnart bekämpfte den Antrag auf Dringlichkeit, der mit 401 gegen 94 Stimmen abgelehnt wurde. Der Antrag Guesde wurde einstimmig der Arbeitskommission überwiesen. Hierauf richtete der Deputirte Salis eine Anfrage an die Regierung wegen der Weigerung der Eisenbahn-Gesellshaften, ihren Beamten und Ar- beitern Urlaub zur Theilnahme an dem Kongreß der vereinigten aag e agg zu gewähren. Der Minister der öffentlihen Arbeiten Jonnart erwiderte, er könne nicht in amtlicher L auf die Eisenbahn- Gesellschaften einwirken, er habesie aber aufgefordert, den Arbeitern jeden möglichen Urlaub zu gewähren. Die Regierung könne es nicht gestatten, daß die Arbeiter der Staatseisenbahnen sih zu Syndikaten vereinigten, weil sie Beamte des Staats seien. Der Deputirte Jourde beantragte, daß die Anfrage in eine Jnterpellation umgewandelt werde. Der Minister Jon- nart stimmte dem Antrage zu. Die Deputirten Fourde und Millerand protestierten energish gegen das Verbot des Zu- sammentretens der Arbeiter der Staatseisenbahnen zu Syndi- katen. Millerand brachte eine Tagesordnung ein, worin der Minister der öffentlihen Arbeiten cufgtrordert wird, dahin zu wirken, daß das Syndikatsgeses vornehm- lih von den Staatseisenbahnen respektiert werde. Der Minister Jonnart wiederholte seine vorige Erklärung. Der Depulirle. de Namel von dex Rechten de- antragte eine Tagesordnung in demselben Sinne, wie die- jenige Millerand's; dur<h Zurufe aus dem Zentrum wurde die einfahe Tagesordnung gefordert. Der Minister-Präsident Casimir Périer erklärte, er lehne die von Millerand und von de Ramel eingebrahten Tagesordnungen ab. Die ein- fache Tagesordnung wurde sodann unter dem Beifall der Linken mit 265 gegen 225 Stimmen verworfen, worauf der Minister-Präsident und sämmtlihe Minister den Saal verließen. Die Majorität bestand aus den Sozialisten, den Radikalen und einem Theil der Rehten. Die Kammer nahm dann mit 251 gegen 228 Stimmen die Tagesord- nung de Ramel’s in folgender Fassung an: Jn Erwägung, daß das Geseß über die Syndikate ebensowohl auf die staat- lihen Arbeiter wie auf die Arbeiter der Privatindustrie Anwendung findet, fordert die Kammer die Regierung auf, diesem Gesez Achtung zu verschaffen, und geht zur Tages- ordnung über. Hierauf wurde die Sißzung aufgehoben und die nächste auf Montag, den 28. d. M., anberaumt.

Der Mäénister - Präsident Casimir Périer erstattete \o- fort, nahdem cr das Palais Bourbon verlassen hatte, dem Präsidenten Carnot Bericht über die Sißzung der Kammer ab. Später traten die Minister in dem Ministerium des Aus- wärtigen zusammen. Heute Vormittag überreichte das Kabinet dem Präsidenten Carnot seine Demission. Jn politishen Kreisen is man der Ansicht, daß infolge der Haltung, welhe die Kammer gegenüber der Anwendung des Syndikats-Geseßzes vom Jahre 1884 ange- nommen hat, dic Linke den Ausschlag bei der Bildung des neuen Ministeriums geben werde. Man nimmt an, daß Bourgeois mit der Bildung des neuen Kabinets werde be- auftragt werden, und daß dieser Nibot, Poincarré, Brisson und Cavaignac auffordern werde, in das neue Kabinet ein- zutreten.

Die Mehrzahl der heute erschienenen Pariser Blätter ist der Ansicht, daß der unvorhergesehene Sturz des Ministeriums von leßterem absichtli<h herbeigeführt worden sei, und daß die Jntervention Casimir Périer's das Kabinet würde haben halten können. Die ministeriellen Zeitungen be- glü>kwünschen die Regierung zu ihrer Haltung und machen der Mazorität den Vorwurf, sih in die Arme der Sozialisten ge- worfen zu haben. Mehrere Blätter weisen von vornherein den Plan eines Konzentrierungskabinets zurü. Die radikalen und sozialistis<hen Organe sagen, das Kabinet sei zurückgetreten, um seinem demnächstigen unvermeidlichen Sturze aus dem Wege zu gehen; die Demission sei die Folge seiner klerikalen Politik. Die „Petite Népublique“ meint, die gestrige Abstimmung sei ein sozialistisher Sieg, der Triumph der Republik über die finanzielle und industrielle Oligarchie. Die konservativen Blätter loben das Ministerium, weil es das Red der Autorität vertheidigt habe, und sprechen die Ansicht aus, Casimir Périer ne andere Gründe zu seinem Rücktritt gehabt, als die gestrige Abstimmung. Ein- müthig ist die Presse der Meinung, daß die Lösung der Krisis shwierig sei.

Vorgestern Abend wurde vor der Thür der im ersten Sto eines Hauses der Avenue d Maréchal Niel gelegenen Wohnung des Abbé Garnier eine Bombe mit angezündeter Vündicnur gefunden. Der Concierge des Hauses löschte die

ündshnur aus. Die Bombe wurde nah dem Laboratorium gebracht, wo die vorgenommene Untersuchung ergab, daß sie Chloratpulver und Eisenstücke enthielt.

Rußland.

Das Geseß, betreffend das russis<-niederländis<e Uebereinkommen wegen Auslieferung von Ver- brechern, ist, wie „W. T. B.“ aus St. Petersburg meldet, heute amtlih veröffentlicht worden.

Ftalien. Der Papst empfing dem „W. T. B.“ zufolge gestern den Legations-Sekretär der preußischen Gesandtschaft beim päpst- iben Stuhl Dr. Mumm von Schwarzenstein vor dessen

Abreise nah Berlin. E Numüänuien.

Das Nationalfest ist nah einer Meldung des „W. T. B.“ aus Bukarest mit Te Deum, Truppenrevue, Hofdiner, Jllu- mination und Feuerwerk begangen worden. 2 der Truppen- revue und dem Hofdiner waren die fremden Militär-Attachés O, Die Stadt Bukarest war beflaggt. Heute Abend gedenkt der König nah Brüssel abzureisen.

: Serbien.

Garaschanin ist, wie „W. T. B.“ meldet, zum Ge- sandten in Paris ernannt worden. Der bisherige General- Konsul in Pest. Costa Cristic hat bereits das Amt des Ersten Sektionshefs im Ministerium des Auswärtigen an- getreten. Die Jnstallation des neuen Staatsraths, des Obersten Gerichtshofs sowie des Rehnungshofs ist ohne Zwischenfall vor sih gegangen. Der Staatsrath stellte sih dem König vor und wurde alsdann von

dem König Milan empfangen. Jn Belgrad sowie im Yujen Lande herrscht vollständige Ruhe und E Aus Anlaß der Proklamation fanden an vielen Orten Festlichkeiten stati. Der König und die Minister erhielten zahlreiche Zustimmunggs- Telegramme von Korporationen und Gemeinden.

Die serbishen und die bulgarishen Delegirten haben si< von Zaribrod an die Grenze begeben, um den Sachverhalt des Grenzkonflikts zu prüfen.

Amerika.

Wie „W. T. B.“ aus Washington meldet, hat der Senat beschlossen, den Eingangszoll für Eisenerze auf 40 Cents pro Tonne und für Roheisen, Brucheisen und Bruchstahl auf 4 Dollars pro Tonne festzuseßen. Das Repräsentantenhaus hat eine Kommission zur Untersuchung der angeblichen Betrügereien bei Lieferung von Panzern für die Marine dur<h das Haus Carnegie ernannt.

Nah Nachrihten aus Rio de Janeiro hat die Deputirtenkammer das Verhalten des Vize-Präsidenten Peixoto gegenüber Portugal gebilligt.

Der diplomatishe Zwischenfall zwishen Portugal und Argéntinien hat dank der geen Führung der Unterhandlungen durh den portugie aja Geschäftsträger Vicomte de Faria eine günstige Lösung gefunden.

In Buenos Aires eingetroffenen Meldungen zufolge hat Chile die Zahlung der Zölle in Gold angeordnet.

Afrika.

Aus Tanger erfährt „W. T. B.“ daß in Rabat (Marokko) Brasilianer den dortigen portugiesischen Vize-Konsul dur<h Stoschläge mißhandelt hätten.

Parlamentarische Nachrichten.

Jm weiteren Verlauf der gestrigen Sißung des Hauses der Abgeordneten (s. den Anfangsbericht in der Dienstags- Nummer d. Bl.) wurde bei den Wahlprüfungen die Wahl des Abg. Beinhauer (nl.) (4. Wahlbezirk des Regierungs- bezirks Cassel) ohne Debatte für gültig erklärt.

Darauf wurde die Gesammtabstimmung über den Geseßentwurf, betreffend die Landwirthschafts- kammern, vorgenommen und die Vorlage in nament- licher Abstimmung mit 213 gegen 126 Stimmen ange- nommen. Dafür stimmten geschlossen die Konservativen und die Freikonservativen sowie die große Mehrheit der National- liberalen; dagegen stimmten geschlossen das Zentrum, die Polen un n beiden freisinnigen Gruppen sowie etwa 15 National- iberale.

Es folgte die dritte Berathung des Gesezentwurfs ut Ausführung des Reichsgeseßes, betreffend die

[bänderung des Gesetzes über die Abwehr und Unterdrü>ung von Viehseuchen, vom 1. Mai 1894.

Abg. von R A (konf.) bat den Minister, bezüglih der Molkereien use i arfe Borschriften wegen der Abwehr der Maul- und Klauenseuche zu erlaffen. |

Die Vorlage wurde genehmigt, ebenso ohne Debatte in dritter Berathung der Geseßentwurf, betreffend die Rechte des Vermiethers an den in die Miethsräume eingebrachten Sachen.

Auf der Tagesordnung der heutigen 71. Sitzung des Hauses der Abgeordneten, welcher der Finanz-Minister Dr. Miquel und der Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen mit Kommissarien beiwohnten, stand zunächst die Berathung der beantragten Resolutionen zu dem Geseßt- entwurf, betreffend den Bau eines Schiffahrts- kanals vom Dortmund—Ems-Kanal bis zum Rhein.

Eine Resolution des Abg. Dr. Rintelen (Zentr.) wegen Vorlegung eines Gesetzes über die Kanalisierung der Lippe bis zum Rhein wurde von dem Antragsteller zurückgezogen.

Der Antrag der Konservativen lautet:

Die Staatsregierung zu ersuchen :

1) bei Feststellung von Kanalgebühren auf die De>ung der Verwaltungs- und Unterhaltungskosten, fowie auf eine entsprehende Verzinsung der Anlagekosten Bedacht zu nehmen und die bestehenden Kanalgebühren einer Prüfung zu unterziehen, um diesen Grundsat, soweit solhes mit den Wirthschafts- und Verkehrsverhältnissen vereinbar ist, zur Durchführung zu bringen ;

2) die Einführung von Gebühren zum Auszleih für die Kosten,

welche für die Verbesserung der natürlihen Wasserstraßen auf- gewandt sind oder werden, in Erwägung zu ziehen. i Der Abg. Gothein (fr. Vg.) beantragt, der Resolution folgende Fassung zu geben: Die Regierung zu ersuchen :

1) bei Feststellung vou Kanalgebühren auf die De>kung der Verwaltungs- und Unterhaltungskosten, sowie bei den neueren, den jeßigen Verkehrsbedürfnissen entsprehenden künst- Een Schiffahrtstraßen auf eine entsprehende Verzinfung der Anlagekosten, soweit dieselben für besondere der Schiff- fahrt dienende Einrichtungen aufgewendet sind, Bedacht zu nehmen und die bestehenden Kanalgebühren einer Prüfung zu unterziehen, um diefen Grundsatz, soweit solhes mit den Wirth- ae: und Verkehrsverhältnissen vereinbar ist, zur Durchführung zu bringen;

2) von dem zu verzinsenden Anlagekapital aber den Kosten- betrag für Festlegung der Ufer und Verbesserung der Vorfluth wie überhaupt für allgemeine Flußregulierungsarbeiten, fowie {ließli den fapitalisierten Werth der dur< Kanäle oder Kanalisierungen erzielten landwirthshaftlihen Meliorationen in Abzug zu bringen;

3) bei Feststellung der Gebühren jede Wasserstraße für sich zu behandeln. :

Abg. Win >ler (kons.): Unsere Resolution bezwe>t, die Er- hebung von Kanalgebühren in anderer Weise zu regeln als bisher. Die Erhebung von Kanalgebühren auf denjenigen Wasserstraßen, welche in den leyten Jahrzehnten erbaut sind, ist niht in der im Interesse des Staats wünschens8werthen Weise geregelt, und die auf- gewendeten - Kapitalien find ni<ht hinreihend nußbar gemacht. Die 76 Millionen Mark, welhe zu Kanalbauten verwendet find, werfen nur dur die Einnahmen aus den Kanal- gebühren eine Verzinsung von 1116000 4 ab, ergeben also einen Fehlbetrag von 3000000 A jährli<h. Wir halten, abgesehen davon, daß eine so große Zahl von Millionen nicht iu der Weise verzinst wird, wie es nöthig wäre, eine Erhöhung der Ein- nahmen aus den Kanalgebühren um so mehr für wünschenswerth, als abermals von dem Hause eine große und kostspielige Kanalanlage be- {lossen is. Jm allgemeinen stehen wir Kanalvorlagen weder ab- lehnend no< besonders \ympathis< gegenüber. Wir halten aber dafür, daß zunächst alle Untlarheiten in Bezug auf die Rentabilität der Wasserstraßen beseitigt werden müssen, und haben zu diesem Zwe>k unsere Resolution eingebracht. Der Refolution des Abg. Gothein vermögen wir nicht Aaidimgin obgleich sie im all ruten dasfelbe erstrebt, wie die unsrige, weil der Wortlaut der! selben sih zu fehr in Einzelheiten verliert und für eine spätere Be- hlußfassung über etwa noh zu bauende Kanäle die noi Unter- lage niht abgiebt. Wir bitten Sie, unserer Resolution zuzustimmen.

Abg. Gothein (fr. Vg.): Daß meine Resolution den finan- iellen Effekt beeinträhtigen würde, fann ih nit at dea Die

Honservativen haben selbst eine erheblihe Eirshränkung in ihren An-

trag hineingebra<t durch die Wendung: „soweit folhes mit Wirth- hafts- und Verkehrsverhältnissen vereinbar istt*. Allgemein dürfen die Anträge nicht gefaßt sein, wenn sie einen Erfolg haben sollen. Deswegen wäre es auch besser, wenn man diese Frage nit im Hause allein zur Be- rathung bringt, sondern in einer Kommission genau prüft; denn das Material, wel<es vorliegt, ist ein sehr allgemeines und zeigt nicht die Verhältnisse der einzelnen Wasserstraßen. Es sind z. B. in Bezug auf die märkischen Wasserstraßen alle Stre>ken zusammen- geworfen und sogar einfahe Regulierungs- und Meliorations- kosten in Rechnung gestellt worden. die Gebühren so hoh sein follen, daß die Wasserstraßen rentabel sind, ist durhaus fein Fonservativer Grundsaß. Ich kenne viele Gutsbesizer, die gar keine Freunde der Gebühren find, soweit es si< um die Chausseen handelt. Gewisse Wasserstraßen, z. B. der neue Elbe— Trave-Kanal und die Korrektion der Unterweser erfordern \o viel Kosten, daß die Gebühren unmöglich eine Verzinsung des Kapitals ergeben können. Die Abweichungen meiner Resolution von der konservativen find einfacher und eigentlih selbstverständlicher Art. Erheblihe Gebühren können natürli<h nur auf Kanälen erhoben werden, die den Anforderungen der neueren Zeit entsprechen. Denn wollte man auf Kanälen mit unzulänglihen Einrichtungen die Gebühren erhebli< erhöhen, so würde man den Verkehr überhaupt todt machen. Daß in Nr. 2 meines Antrages die Kosten für Fest- legung der Ufer von dem zu verzinsenden Kapital abgezogen werden sollen, entspricht den bestehenden reihsgeseßlichen BorsGriften, Denn nah der Neichs-Verfassung follen Gebühren auf natürlichen Wasser- straßen nur erhoben werden für folhe Anlagen, welche für die Schiffahrt besonders / Us find. Sobald die Kanalisierung eines Flusses _ im landwirthschaftlihen Inter- esse erfolgt, kann man nicht die Schiffahrt belasten. Der Mittelland-Kanal, der jeßt allerdings in die Ferne gerü>t ift, wird au< für verschiedene versumpfte Landstrihe erhebliche Meliorationen mit \i< bringen, die Millionen im Werth darstellen. Soll die Schiffahrt die darauf verwendeten Kosten tragen? Eine allgemeine gleihe Regulierung der Gebühren ist unmögli, denn die Verhältnisse sind bei den einzelnen Wasserstraßen sehr verschieden und namentli<h sind ni<t alle Wasserstraßen so ausgestaltet, daß sie von dem Schiff zu jeder Zeit mit der vollen Ladung befahren werden können, wie das z. B. auf den märkischen Wasserstraßen in den leyten Jahren der Fall ist. Was soll der ober- {lesishen Industrie die Regulierung der Oder nüßen, wenn die Wassertiefe niemals 1 m übersteigen wird? Da würde nur eine durchgreifende Reform der Eisenbahntarife der Industrie des Ostens helfen können.

Abg. von Eynern (nl.): Jh werde für den Antrag Bandelow stimmen. Ueber die Rentabilität einer Kanalanlage oder einer Cisen- bahn kann weder die Staatsregierung, noh sonst ein Mensch im Lande eine bestimmte und positive Zusage mahen. Wir wissen nit, in welchem Umfange Verkehrêéerleihterungen au< Verkehr hervorrufen. Durch die Anlage von Kanälen können Industrien hervorgerufen werden in einem Umfange, wie es garniht vorherzusehen war. Fn den übrigen Ländern haben si< mit dem Bau von Kanälen plöglih und unerwartet große Industrien an der Seite dieser Kanäle ent- wi>elt. Au is eine Schädigung von Eisenbahnen dur< den Bau von Kanälen nit in allen Fällen bedingt. Als längs des Rheins eine Eisenbahn gebaut werden sollte, wurde diese Absiht geradezu lächerlich gemaht. Heute gehören beide Eisenbahnen längs des Rheins zu den rentabelsten Eisenbahnen; sie können den Verkehr kaum no<h bewältigen. Bei dem Bau von Kanälen und Eisenbahnen ist lediglih die Frage aufzuwerfen: Sind Menschen, Güter und Bodenshäze da? Ist “dies der Fall, dann wird eine Anlage rentabel oder wenigstens der Volkswohlfahrt dienlih sein. Gegen den Dortmund—Rhein-Kanal sind au< technishe Bedenken geltend gemacht worden. Vielleicht lassen si diese Bedenken beseitigen, wenn wir die Kosten der Vorarbeiten für diese abgelehnte Stelle bewilligen. Wenn diefe Vorarbeiten fertig abgeschlossen sind, die ohnehin erforderlich find, wenn der Kanal überhaupt in Angriff genommen werden foll, dann läßt sich übersehen, ob die tehnishen Bedenken wirkli begründet sind oder niht. Wir {weben mit diesen Bedenken vor der E no< völlig in der Luft, da die Techniker verschiedener Ansicht find. Fch frage die Regierung, ob sie uns no< in dieser Session eine Vor- Ae N Vewilligung der Kosten für diese Vorarbeiten zu machen gedenkt.

Abg. Nichter (fr. Volksp.): Aus der Ablehnung der Kanal- vorlage darf niht geschlossen werden, daß man in der Fürsorge für die Bevölkerung niht weiter gehen will als bisher. Diese Annahme würde in Widerspru damit stehen, daß gerade in dieser Session für den Elbe—Trave-Kanal und die Sekundärbahnen er- heblide Summen bewilligt sind, und daß überhaupt zu keiner Zeit für Wasserbauten so viel“ bewilligt i, wie in den lezten Jahren. Der Prüfung der Rentabilität brauht man sich allerdings nicht auf jeden Fall zu entziehen. Die ohne Staatsgarantie gebauten Privateisenbahnen sind au nicht wegen des Gemeinwohls von den Privaten unternommen worden, sondern in der Aussihht, daß die Bahnen sich rentieren werden. Für Vorarbeiten zu Kanälen in gewissen Grenzen besißt die Regierung hon Dispositionsfonds, die sie flüs fig machen fann. Wird cine besondere Vorlage über Vorarbeiten für den Dortmund— Rhein-Kanal eingebracht, so werden die oben erledigten Fragen wieder von neuem aufgeworfen, und man kann auch fragen, ob eine solche Vorlage mit der FEE vereinbar wäre, wona<h eine ab- gelebnte Vorlage in derselben Session niht wieder eingebraht werden lann. Jn beiden Resolutionen finde ih rihtige Gedanken ; ih kann aber ni<t beurtheilen, ob die Ausdru>sweise nah jeder Richtung korrekt ist und man sih nit in dieser Frage präjudizieren würde. Nach den Erklärungen der Regierung #ößt man mit dieser Reso- lution offene Thüren ein. Mit unseren Resolutionen haben wir sonst au< feine günstigen Erfahrungen gemacht. Es ist wer, in einer Resolution den Inhalt eines Gesetzes im voraus zu fixieren, ohne daß später Mißverständnisse entstehen. Außerdem handelt es si< um äußerst schwierige Ver- hältnisse. Es fehlt uns auf diesem Gebiet vollständig an einer ver- öffentlichten Statistik. Mit Necht hat der Abg. Gothein darauf auf- merksam gema<ht, daß diese Frage nicht nur die Schiffahrtsinteressen, sondern au die Interessen des Uferschutzes, der landwirthschaftlichen Meliorationen 2. berührt. anla sich auch, ob nihteine Erhöhung der Gebühren eine Verminderung der Einnahmen herbeiführen würde, da es sich niht nur um neue Wasserstraßen, sondern au<h um solche handelt, die bereits dem Verkehr übergeben find. Unter diesen Um- ständen halte i< den Vorgang des Abg. Rintelen für praktisch ; zumal am Schlusse dieser esRön wäre es richtiger, die- Anträge zurü{zuziehen. A Mi O Schluß des Blattes sprach der Finanz-Minister Dr. Vilquel.

Die Kommission des Hauses der Abgeordneten für das Gemeindewesen hat über den Antrag der Abgg. Ring (fkonf.) und Genossen auf Annahme eines Geseßentwurfs, betreffend Abänderung des $ 86 Absaß 1 der Kreisordnung vom 13, Dezember 1872/19. März 1881, Bericht erstattet und den Entwurf folgender- maßen abgeändert :

$1. Im $ 86 der Kreisordnung für die Provinzen Oft- und Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen vom 2. Dezember 1872/19. März 1881 (Geseßz-Samml. 1881 S. 179) wird zwischen Abs, 3 und 4 folgender Absatz eingefügt : a B Auf Antrag eines Provinzial-Ausschusses kann dur<h Königliche erordnung für einzelne Kreise der betreffenden Provinz bestimmt ieerder daß von der anzure<hnenden Grund- und Gebäudesteuer filien t die Hälfte des Mindestbetrags auf die Grundsteuer ent-

1ß.

$ 2, Dieses Gesetz tritt mit der Verkündigung in Kraft.

Nr. 20A des „Zentralblatts der Bauverwaltung“, her- ausgegeben im Ministerium der öffentlihen Arbeiten, hat ius Inhalt: Zur Geschichte des deutshen Lokalbahnwesens (Schluß). Wettbewerb um Entwürfe zu Hofbeamtenwohnungen in Stuttgart (Schluß). Hochbauten des preußischen Staats im Jahre 1893. Vermischtes: Kongreß für den Kirhenbau des Protestan- tismus. Enthüllung der Büste von Essenwein’s im Germanischen Gee L api L Mon DeJold r E zom Tieelior des

useums in Nürnberg. Li n ü Portland-Zement. H. Oberbe> L R

Kunft und Wissenschaft.

Seine Majestät der Kaiser und König hat, wie die vA, G, meldet, der öffentlihen Bibliothek in Gravesend auf die Bitte des Bibliothekars Lange achtzehn Werke, meist Armee und Marine betreffend, geschenkt.

A Der Dekan der philosophischen Universität , Geheime Regierungs - Rath , rofessor Dr. August Kundt, Direktor des physikalishen Instituts, ist, wie der MAL - U“ gemeldet wird, vorgestern auf seinem Land- hause zu Israelsdorf bei Lübe> im 55. Lebensjahre ver- storben. Die Naturforshung erleidet dadur einen großen \<merz- lichen Verlust. Kundt war am 18. November 1839 in Berlin ge- boren und hat hier unter ela dolA Kirhhoff und Magnus feine wissenschaftliche Ausbildung erhalten. Im Jahre 1867 habilitierte er ih als Privatdozent in seiner Vaterstadt und folgte 1868 einer Berufung als Professor an das Polytechnikura in Zürich. 1870 bis 1872 wirkte er an der Universität Würzburg und dann se<zehn Jahre in Straßburg. 1888 wurde er Nahfolger von Helmholt, als dieser die Leitung des physi- kalishen Instituts in Berlin niederlegte, um die Präsidentschaft der physfi alish-te<hnishen Reichsanstalt zu übernehmen. Die Resultate seiner Forschungserperimente sind zahlrei< und mannigfa<h. In der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin zeigte er vor fast 31 Jahren zuerst seine Staubfiguren in longitudinal \{<wingenden Glasröhren. Aus diefen Versuchen entwid>elte er dur<h eine Reihe von Arbeiten eine der merkwürdigsten Methoden der messenden Physik. Hieraus entstand später eine erneute Bestimmung der Schallgeshwindigkeit in den Gasen, und auf demselben Wege stellte er an den fogenannten Luftplatten eine Art <ladnis<her Klangfiguren dar, die man bisher nur an festen Scheiben oder gespannten Häuten kannte. Mit Warburg gelang es Kundt, die spezifishe Wärme des Que>- silbergases als die kleinste aller bisher bekannten festzustellen und, den Ermittelungen der Chemie entsprehend, das Molekül jenes Gases als kein folches, sondern als ein Atom zu erkennen. Neben der Akustik wandte der ausgezeichnete Forscher feine sinnreiche, tief durhdachte Kunst der Optik zu. Früh zeigte er die doppelte Berechnung longitudinal und transversal \{<wingender Spiegelglaëstreifen, später die in bewegten, reibenden Flüssigkeiten 2c. Kundt war es vorbehalten, mit Röntgen zuerst in Shwefelkohlenstoffdampf, dann in Luft, Sauerstoff, Kohlenoxryd und Sumpfgas die elektromagnetische Zirkumpolarisation an elastischen Flüssigkeiten darzuthun, was felbst Faraday umfonst versucht hatte. Im Gegensaß zu der vers<windenden Größe ermittelte er dann ihren ungeheuren Betrag im metallischen Eisen. Als Kundt nah zwanzigjähriger Abwesenheit in die Heimath zurü>kehrte, nahm die Akademie der Wissenschaften ihn sofort als Mitglied auf, und du Bois-Reymond begrüßte den Forscher in ge- dankenreicher Rede. Hier debütierte Kundt mit einer Arbeit, welche was beim ersten Anbli> fast unmögli ershien die Berechnungs- erponenten so undurchsichtiger Körper wie die Metalle bestimmte. Veröffentlicht sind seine Arbeiten meist in Poggendorf’s Annalen. Für seine Verdienste hat es dem großen Gelehrten niht an Auszeich- nungen gefehlt. Er war Ritter der Friedensklasse des Ordens pour le mérite, Mitglied des Kuratoriums der physikalish-te<nishen Neichsanstalt und zuleßt Dekan der philosophishen Fakultät.

Ex Verwaltungsaus\{<uß des German ischen Nationa l- Museums zu Nürnberg hielt am 15. und 16. d. M. dort seine Jahresversammlung ab. Da die Stelle des Ersten Direktors zur Zeit no< nicht beseßt ist und dessen Stellvertreter im Präsidium des Aus- usses, Justiz-Rath Freiherr von Kreß, dur< Erkrankung verhindert war, an den Sitzungen theilzunehmen, so wählte der Ausshuß den Ge- heimen Rath Dr. von Hegel aus Erlangen zum Vorsitzenden. Die wich- tigste Aufgabe, die der diesjährigen Pelieanhing zur Erledigung oblag, bildete die Wahl eines Ersten Direktors an Stelle des verstorbenen Geheimen Raths Dr. A. von Essenwein. Die Perfönlichkeit, welche die Kommission empfahl, erkannte au der Aus\huß als geeignet, und er beshloß einstimmig, sie Seiner Königlichen Hoheit dem Prinz- Regenten zur Ernennung in Vorschlag zu bringen, wie dies die neuen Saßungen vorschreiben. Diesem für die N des Museums wichtigen Akt reihte si< die {hon (in Nr. 115 d. Bl.) ge- meldete Enthüllung der Büste A. von Essenwein's im ersten Saale des Museums an, welhen au< die Büsten des Kaisers Wilhelm T. und des Begründers der Anftalt Freiherrn Hans von und zu Aufseß s{<mü>en. Die übrige Zeit der zweitägigen Versammlung wurde durch die alljährlich dem Ausschuß obliegenden Arbeiten in Anspru genommen. Die Berichte, welche die mit der Prüfung der Sammlungen und der Verwaltung beauf- tragte Kommission in der zweiten Plenarsißung -erstattete, gaben dem Aus\{<uß Gewißheit, daß das Direktorium der Anstalt unermüd- lih thätig gewesen sei, im Geiste Cssenwein's weiter zu arbeiten. Besonders freudig wurden die zahlreihen Erwerbungen für die Can begrüßt und deren Bedeutung und forgfältige Auswahl hervorgehoben. Auch das Finanz- und Kassenwesen wurde in bester Ordnung befunden. Bei der Aufstellung des Etats für 1895 und eines Nachtrags-Etats für 1894 konnten in- folge der dankbar begrüßten Mehrbewilligungen von seiten der (late der Königlih bayerishen Staatsregierung und der Stadt Nürnberg die Posten für die Verwaltung wesentlih erhöht und damit us den Beamten und Bediensteten eine Erhöhung der Gehalte gewährt werden. Am Schluß der Sißung spra der Verwaltungsaus\{huß dem Direktorium sowie den Beamten Dank und Anerkennung für ihre Mühewaltung bei der förderlichen Löfung der Aufgaben des Museums aus. Wie den „Münch. N. Nachr. aus Nürnberg gemeldet wird, ist der Privatdozent Gustav von Bezold aus München zum Nachfolger Essenwein's gewählt worden.

Das mächtige neue Gebäude des Königlich sächsischen Finan z- Ministeriums in Dresden geht seiner Vollendung entgegen. Es N mit feiner Hauptfront, die no< länger ist al3 die des neuen

eichstagshauses, der Brühl’schen Terrasse gegenüber auf dem rehten Ufer der Elbe und zwar zum Schuß gegen die Uebershwemmungen auf ziemlih hoh geführtem Unterbau. Zwischen dem Gebäude und dem Elbspiegel ¿rfltedei fig grüne Wiesen. Das Haus is im Dresdner Menaifsance-Stil gebaut, cinfah und in ansprehenden Ver- hältnissen. Einen besonderen Shmu> hat es dur ein arbiges Giebel- bild erhalten, das in voriger Woche enthüllt worden ift. Dieses Vild ist ni<t weniger als 21,16 m lang, in der Mitte 4,45 m hoch und besteht aus 1600 einzelnen fe<se>igen Stücken, die, in Zement eingelassen, zu einheitliher Wirkung verbunden sind. Das Ganze ift ein Werk der bekannten Firma Villeroy und Boh. Die Königlich sächsishe Negterung hat dur<h diesen Schmu>, der Urgens ganz trefflih wirkt, Gelegenheit gegeben, die neue wetterbeständige Malerei der genannten Pei einmal im großen praktis zu erproben. Die Bemühungen für eine solche sind hon ziemlich alt, aber bisher erfolglos eblieben. In Florenz trifft man wohl hier und da ein altes farbiges Maiolikawerk, das sich seit der Nenaissancezeit erhalten, in Egypten halten sah die [ee persischen Fliesen L Freien. Diese nachzuahmen ist bisher ni<t gelungen. Unserer ferung der gar der Seeluft hat bisher kein Verfahren dauernd R iderstand geleistet, weder die Freskomalerei, no<h Salviati-Mosaik oder Fayence- malerei und sonstigeßMalweisen, die in den leßten Jahren angepriesen

akultät der hiesigen

worden find. Wie aus dem Funde beim Berlin i hat, hat Klöber etwa vor fünfzig Jahren Beta u Tue machen wollen, do< find die Arbeiten offenbar unterbrochen worden. Das neue Verfahren von Villeroy und Boh beruht auf den sogenannten Mettlacher Fliesen, deren volle Wetterbeständigkeit und Haltbarkeit gegenüber allen mechanischen Angriffen erprobt ift. Die Bestandtheile dieser Fliesen sind dur und dur Ene (d. h. ges<molzen) und haben \sih zu einer ganz rimäsig arten und glatten Masse ver- bunden, die dem Wasser keine Gelegenheit zum Eindringen bietet. Leßteres aber is der Hauptfeind aller bisherigen Wand- malereien im Freien, namentli<h im Winter, wenn der rost die Wassertheilhen zum Frieren bringt, sodaß die nds- masse na< und nah zersprengt wird. Auf die Mettlacher Fliesen wird mit Frittenfarben, vermischt mit der Masse der Fliesen, gemalt. Die Malerei besißt die gleichen Eigenschaften wie die Fliesen se bst. Uebrigens ist das große Bild am Finanz-Ministerium in Dresden nicht das erste in dieser Weise ausgeführte. Zwei Bilder von bedeu- tender Auéëdehnung die Sterntbaler na< Paul Mohn und eine Allegorie auf Deutschland und die Vereinigten Staaten zierten die deutsche Abtheilung in der Columbischen Ausstellung zu Chicago, und vier allegorische Figuren sind für die neue Gewerbeschule zu Stuttgart ausgeführt worden. Das Dresdner Bild fkenn- zeichnet in feiner Komposition trefflih die Aufgaben des Finanz- Ministeriums. Wir sehen in der Mitte die Saxonia als kraftvolle Jungfrau in langem weißen Gewande, gepanzert, mit Scepter und Wappenschild, zu ihrer Linken den Staatshaushalt ebenfalls als S dann den Bea dargestellt dur< den Erbauer des Hauses ODber-Baurath ankel mit dem Modell des Hauses, dann Eisenbahn- und Brü>enbau in Gestalt eines Mannes, der ein Rad über eine Brüe geleitet. Zur Rechten der Saxonia folgt zunächst die Industrie mit dem goldspendenden Füllhorn, dann die Foritwirth- schaft als Förster mit einem Eichbaum und der Flinte auf dem Rüen, endlih der Bergbau als Bergmann mit dem halbgefüllten Hund. Das Bild ist E Anton Dittrih entworfen und vom Maler eußius (bei Villeroy und Boch) in exaktester Weise aus eführt. 8 wirkt auh auf die große Entfernung von der Brühl’\hen Terrasse no< vortrefflich.

Wie der „N. A. Ztg." aus Athen berichtet wird, hat bei dem leßten Erdbeben leider auh der Parthenon etwas gelitten. An der Nordseite ist von der vierten äußeren Säule, vom Burgaufgang gere<net, ein fast dreiviertel Meter langes Stü>k ix der vollen Stärke der Säulentrommel herausgesprungen. An der Westfront hat das Gebälfk der inneren Säulenreihe mehrfach gelitten ; dort ist an der Nordwest-Gcke zwischen den beiden ersten Säulen ein dreiviertel Meter langes Stück aus dem Architrav abgesplittert, und noch s{limmer sieht es bei den Säulen vor der Thür aus, wo ein ganzer Haufen von Marmorstü>en herabgestürzt ist und andere, jeßt aus ibrer Lage gerissene Gebälfkftheile jeden Augenbli> nahzufolgen drohen. G8 ist dies die Nüdseite jener Theile des Cella-Umgangs, die den kostbaren Reiter- und Wagenfries tragen. Die Sachverständigen- Kommission hat sich, „um weiteren Zerstörungen Einhalt zu thun, ddhin geeinigt, starke eiserne Bänder um das Gebälk zu legen.

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs- Maßregeln.

Der Gesundheitsstand in Berlin blieb au in der Woche vom G. bis 12 Mai ein günstiger und die Sterblichkeit eine niedrige (von je 1000 Einwohnern starben, aufs Jahr berechnet, 16,0). Eine wesentlihe Abnahme zeigten unter den Todesursachen akute Ent- t A der Athmungsorgane, die auh in der überwiegen- den Mehrzahl der Fälle einen milden Verlauf nahmen. Er- krankungen an Grippe sind wenig zur Beobachtung gekommen, doch gelangte no< ein Todesfall an Grippe zum Bericht. Erheblih ge- teigert war aber das Vorkommen von akuten Darmkrankheiten und endeten dieselben, jed nur bei kleinen Kindern, in gesteigerter Zahl tödtlih. Die Betheiligung des Säuglingsalters an der Sterb- lichkeit blieb eine kleine; von je 10000 Lebenden starben, aufs Jahr berechnet, 44 Säuglinge. Von den Infektionskrankheiten kamen nur Erkrankungen an Masern etwas häufiger, an Scharlach und Diphtherie etwas seltener zur Anzeige. Erstere waren in der U EN Luisenstadt, leßtere im Stralauer Viertel, in der Rosen- thaler Vorstadt und v dem Wedding am zahlreihsten. Erkran- kungen an Unterleibstyphus blieben selten. Rosenartige Entzündungen des Zellgewebes der Haut wurden etwas seltener beobachtet; Erkran- kungen an Kindbettfieber wurden fünf bekannt. Erkrankungen an Keuchhusten, die in zwei Fällen zum Tode führten, kamen s\eltener zur ärztlihen Behandlung. Rheumatishe Beschwerden aller Art zeigten in ihrem Vorkommen im Vergleich zur Vorwoche keine wesent- liche Veränderung.

Paris, 23. Mai. Die Blättermeldung!', daß in Saint- Nazaire Cholerafälle vorgekommen seien, wird in einem Telegramm des „W. T. B.“ für unrichtig erklärt.

Verkehrs-Anstalten.

Bremen, 23. Mai. (W. T. B.) Norddeutscher Lloyd. Der Schnelldampfer „Elbe“, am 12. Mai von New-York abgegangen, ist am 21. Mai, 5 Uhr Nachmittags, in Southampton angekommen und hat 6 Uhr Abends die Reise nah Bremen fortgeseßt. Derselbe überbringt 435 Passagiere und volle Ladung. Der Postdampfer „München“, von Süd-Amerika kommend, ist am 22. Mai, 74 Uhr Morgens, auf der Weser angekommen. Der Dampfer „Lancelot“ hat am 21. Mai, 6 Uhr Abends, die Reise von Oporto nach Lissabon fortgeseßt. Der Schnelldampfer , Kaiser Wilhelm IL1., am 10. Mai von Genua und am 12. Mai von Gibraltar abgegangen, is am 21. Mai, 12 Uhr Mittags, in New-York angekommen.

Theater und Musfik.

Im Königlichen Opernhause geht morgen zum ersten Mal „Die verkaufte Braut“ von Friedri Smetana, Text von K. Sabina, deuts< von Max Kalbe> mit folgender Besetzung in Scene: Krushina: Herr Stammer, Kathinka: Fräulein Kopka, Marie: Fräulein Weiß, Micha: Herr Krasa, Agnes : gr Göße, Wenzel: Herr Lieban, Hans: Herr Sommer,

ezal: Herr Mödlinger, Springer: Herr Philipp, Esmeralda: R Dietrih, Muff: Herr Schmidt. Kapellmeister

eingartner dirigieri. In Scene gesezt ist das Werk vom Ober- Regisseur Tetlaff.

Im Königlihen Schauspielhause wird morgen Shake-

IReares eSommernachtstraum“ mit Mendelssohn's Musik gegeben.

egen der starken Nachfrage na< Billets zu den Lu tspielen ¿Der Tugendwächter" und „Die Dienstboten“ wird diese orstellung am Freitag, Sonnabend und Sonntag wiederholt. Die nächste Auffüh- rung des „Wintermärchens“ findet am Dienstag, 29. L M. n ;

Im Deutschen Theater geht, wie bereits erwähnt, am Frei- tag „Don arlos: zum leyten Mal unter der Direktion Adolph LArronge's in Scene. Die Titelrolle spielt Joseph Kainz, den König Philipp Marx Pohl, den Marquis Posa Otto Sommerstorff, die

önigin Teresina Geßner, die Prinzessin Eboli Marie Frauendorfer. :

Die im Berliner Theater heute und am Freitag statt- findenden Aufführungen von Goethe's „Faust" beginnen bereits um 7 Uhr. Die Vorstellungen am Donnerstag Scribe's Lustspiel „Das Glas Wasser“ und am Sonnabend „Der Hüttenbesißer“, mit Ludwig Barnay als Bolingbroke und Derblay nehmen um 74 Uhr ihren Anfang. Am Sonntag Nachmittag findet zu ermäßigten

reisen cine Wiederholung von Goethe's „Faust“ siatt, rend bends das Schauspiel „Die Waise von Lowood" mit Ludwig Barnay als Nohester in Scene geht.