1894 / 295 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Kunft und Wissenschaft.

Der Direktor des Köllnishen Gymnasiums, Professor can Kern, der niht nur als Pädagoge, sondern auch als Literarhistoriker und Altphilologe Ruf erworben hat, ist gestern im 65. Lebensjahre gestorben. Seine Beerdigung findet am Dienstag von der Aula des Gymnasiums aus statt. |

In Rom ist der Direktor des vatikanishen Observatoriums Pater Denza, welcher am 13. d. M. nah einer Audienz bei dem Papst von einem Schlaganfall betroffen wurde, dem „W. T. B.“ zufolge, gestern gestorben.

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs- Maßregeln.

i Spanien.

ge Königlicher Verordnung vom 10. d, M. unterliegen Schiffe von St. Louis in Senegambien einer Choleraquarantäne. Alle Häfen, welche von dem genannten Ort nicht weiter als 165 km entfernt sind, gelten als offenkundig choleraverdächtig.

Portugal.

Durch Verfügung des Königlich portugiesishen Ministeriums des Innern sind die Häfen der Präsidentshaft Bombay seit dem 1, d. M. für rein von Cholera erklärt worden.

Schweden. Durch Verfügung des Königlichen Kommerz - Kollegiums vom 13. d. M. ist die Provinz Westpreußen feit dem 12. d. M. für rein von Cholera erklärt worden.

Doch sind für Passagiere der von dorther kommenden Schiffe die zur Verhütung der Einschleppung von Cholera in Schweden über nit für cholerainfiziert erklärte Häfen unter dem 22. September v. J. angeordneten Maßregeln in Kraft geseßt worden. (Vergl. „R.-Anz.“ Nr. 165 vom 16. Juli d. J. und Nr. 236 vom 2. Oktober v. J.).

Norwegen.

Die Königlich norwegische Regierung bat tie Provinz Posen für

rein von Cholera erklärt. (Vergl. „R.-Anz.“ Nr. 172 vom 24. Juli d. J.).

Theater und Musik.

Roe :

Der vierteSymphonie-Abend der Königlichen Kapelle, welcher gestern, wieder unter Felix Weingartner's Leitung, im Ov ernbause stattfand, war ein „Beethoven-Abend“ und wurde mit der Ouvertüre „Coriolan“ eröffnet. Herr Professor Halir trug hierauf das Violinkonzert (D-dur) mit einer in jeder Be- ziehung vollendeten Meistershaft vor. Die Kapelle besch{loß sodann die Vorträge mit der Ouvertüre „Leonore“ Nr. 3 und der Sinfonia pastorale des unsterblihen Meisters. Die höht lobens8werthe Präzision in der Ausführung aller dieser Werke von seiten der Kapelle und die warme, begeisterte Hingebung für den Komponisten waren durhweg zu erkennen. Dem ausgezeichneten Dirigenten wurden anhaltende Beifallsbezeugungen des sehr zahlrei erschienenen Publikums zu theil.

Interpretation bekannter und beliebter Stücke von Chopin, von denen die G-moll-Ballade und -die Präludien besonders hervorzuheben sind. Unter den drei Piècen von Liszt, welche den Schluß bildeten, gefielen am meisten die Konzert-Etüde (Nr. 2) und eine Mazurka, denen der uncrmüdlihe Künstler noch die Mazurka in B-dur von Chopin hinzu- fügte. Sämmtliche Vorträge wurden mit sehr lebhaftem Beifall aufgenommen. L

Im Königlihen Opernhause rie morgen „Hänsel und Gretel“ (Fräulein Dietrih, Fräulein Rothauser, Frau Goetze, Herr Bey) unter Kapellmeister Sucher's Leitung zur Aufführung. Hierauf folgt das Ballet „Die Jahreszeiten“ (Damen dell'Era, ÜUrbanska). Am Montag findet das leßte Auftreten der Herren E d’Andrade und Luigi Ravelli in Verdi's „Nigoletto* tatt. (Gilda: Frau Herzog; Magdalena: Fräulein Rothauser; Sparafucile: Herr Krolop). Kavellmeister Weingartner dirigiert.

Im Königlichen Schauspielhause wird morgen die Gustavy- Adolf - Dichtung von Emil Taubert (zum 9. Dezember 1894) mit lebenden Bildern wiederholt. Hierauf geht zum ersten Mal Adolf Wilbrandt’'s Schauspiel „Der Königsbote“ in nah- stehender Beseßung in Scene: Ingimund : Herr Molenar, Thordis : Frau Stollberg, Helga: Fräulein Lindner, Orm: Herr Kahle, Hallad : Herr Keßler, Öttar: Herr Arndt, Otfried: Herr Matkowsky, Iökul: Herr Ludwig, Wolfhard: Herr Purschian, Sigind: Frau von Hochen- burger, Asmund: Herr Heine. Die Handlung spielt zu Raumödal in Norwegen im Jahre 1014 nach Christi Geburt. _Am Montag gelangt das Lustspiel „Wie die Alten sungen“ zur Aufführung.

Im Deutschen Theater kommt morgen Abend „Cyprienne" in Verbindung mit dem Einakter „Vlau“ zur Aufführung, Nach- mittags wird zu halben Preisen „Der Talisman“ mit Josef Kainz als König Astolf gegeben. Der weitere Wochen - Spielplan ist folgendermaßen festgestellt: Montag und Mittwoch: „Blau“ und «Cyprienne"; Dienstag und Sonnabend: „Die Weber“ ; Donnerstag: „Gespenster“ ; Freitag als 15. Abonnements-Vorstellung: „Hamlet“.

Im Berliner Theater wird morgen Abend sowie am Mon- tag Ludwig Anzengruber’s weihnachtlihes Volks\tück „Heimgefunden“ in der unveränderten Dg des ersten Abends wiederholt. Am Dienstag wird „Madame Sans-Gêne mit Jenny Groß in der Titel- rolle, am Mittwoch und Donnerstag mit Maria Neisenhofer gegeben. Am Freitag gelangt „Der Pfarrer von Kirchfeld“ mit Otto Sommer- storff,.Teresina Geßner, Ferdinand Suske zur Wiederholung, während am Sonnabend wiederum „Madame Sans-Göône" mit Jenny Groß gegeben wird.

Das Lessing-Theater kündigt für den nächsten Sonnabend die erste Aufführung von Victorien Sardou’'s Schauspiel „Gismonda“ an. Morgen gelangt der Schwank „Zwei Wappen“ zur Aufführung. Am Montag wird als zweiter Duse-Abend Goldoni's Lustspiel „La Locandiera“, ven welhem eine von Scene zu Scene führende Inhalts- angabe als unentgeltlie Beilage der Zwischenakts-Zeitung zur Ver- theilung gelangt, in Verbindung mit „Cavalleria rusticana“ zur Aufführung kommen, während am Dienstag Eleonora Duse ihr Gastspiel als Magda in Herrmann Sudermann's Schauspiel „Heimath“ beschließt. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag finden Wiederholungen von „Zwei Wappen“ statt.

Das Programm des Konzerts, welches Fräulein F anny Davies am Montag unter Mitwirkung der Herren rofessor Jos. Joachim, Em. Wirth und ob. Hausmann jy der Sing-Akademie veranstaltet, bringt unter anderm Brahmg' Quarteti G-moll op. 25 für Klavier, Violine, Viola und Cello. Der Pianist Wladimir von Pahmann wird in seinem, an dem. selben Tage ftattfindenden leßten Klavier-Abend im Saal Beg. stiein folgende Stücke von Chopin spielen: Nocturne op. 55 Nr. l Barcarole op. 60, zwei Ctuden op. 25 Nr. 1 und 9, zwei Mazuvlas op. 7 Nr. 2 und P 1 Ver 1 und das IIT. Sctherzo op. 39; außerdem kommen Werke von Sty- mann, Mendelssohn, Liszt und A. Rubinstein zum Vortrag. In dem Konzert der Sängerin Fräulein Vera Goldberg am Dienstag (Saal Bechstein) wirken die Pianistin Fräulein Meta Herr Lippoldt, der Komponist Wilhelm Berger (Klavier) und ein ge- mister Chor unter Leitung von Professor Ad. Schultze mit, welcher a cappella-Gesfänge von R. Kahn, W. Berger und M. Stange so, wie den Chorpart in den den Schluß des Programms bildenden „Liebesliedern“ von Brahms zur Ausführung bringen wird.

den 17. Dezember, eine „Beethoven-Feier“ veranstalten. Auf dem M stehen u. a.: die Ouvertüre zu „Egmont“, die Symphonie ir. 4 B-dur und das „Septett* (mit mehrfacher Beseßung der Streichinstrumente).

Jagd. Am Dienstag, 18. d. M. findet Königliche Parforce- Jagd statt. Stelldichein: Mittags 1 Uhr Jagdshloß Grune- wald, 11/4 Uhr am Saugarten.

Mannigfaltiges.

Ein Unterstützungs-Comité für die Opfer der Erd, beben in Sizilien und Kalabrien hat sih gestern Nachmittag im neuen RNeichstagsgebäude konstituiert. Die Einladung zu der Ver- fammlung war dur ein provisorishes Comité erfolgt, welchem die Herren Reichstags-Präsident von Leveßow, Ober-Bürgermeister Zelle, Staats-Minister Camphausen, Dr. jur. Esser, Geheimer Kommetrzien- Rath Herz, Ministerial - Direktor Dr. Kayser, Konsul Keibel, General - Konsul Landau, Geheimer Medizinal - Rath Professor Dr. Leyden, Regierungs-Rath a. D. Dr. Magnus, Robert Warschauer und Professor Anton von Werner angehörten. Bor Eröffnung der Sißung richtete der gleichfalls ershienene Königlich italienishe Botschafter Graf Lanza Worte des Dankes an die Anwesenden, indem er die engen Beziehungen zwischen den beiden befreundeten Nationen und die große Nothlage hervorhob, zu deren Linderung das Comitó zusammen- getreten ist. Hierauf eröffnete Neichstags-Präsident von Leveßow die

Wort, welcher den in Jtalien herrschenden Nothstand schilderte und die Verpflichtung hervorhob, der befreundeten Nation rasche und kräf tige Hilfe zu leisten. Dann erfolgte die Konstituierung des Comités: zum Vorsißenden wurde Präsident von Leveßow, zu ftellvertretenden Vorsißenden: Ober-Bürgermeister Zelle und Geheimer Kommerzien-

Im Konzerthause wird Kapellmeister Meyder am Montag, |

Sitzung und ertheilte Herrn Regierungs-Nath Dr. Magnus daz E

Herr Wladimir von Pahmann gab im Saal Bechstein vorgestern seinen zweiten Klavierabend. Er eröffnete denselben mit der selten gehörten Sonate op. 39 (As-dur) von Weber. Diese shwierigste und tiefste Klavierkomposition des Meisters wird in der laren und interessanten Wiedergabe durh den Konzertgeber manhem Zuhörer erst vollkommen verständlih geworden sein. bekannte Phantasiestücke Brahms (op.

zwei kleine | ein Capriccio man wegen

Die willkommenste Gabe war wieder die geistvolle und feinsinnige

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von

der Kürze mehr

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von Schumann, 116 N 1)

Etüde

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denen fich anschloß, das halten fonnte.

Aufführung gelangt.

Im Friedrih-Wilhelmstädtishen Theater geht die morgige Vorstellung der Operette „Pariser Leben“ zum Besten des Kindergartens der Hamburger Vorstadt in Scene. bis nächsten Sonnabend wird die „Fledermaus“ gegeben.

Das Adolph Ernst-Theater, in welchem morgen ,Charley!s Tante“ und „Die ewige Braut“ zum leßten Mal in Scene gehen, bleibt für die kommende Woche geschlossen wegen Vorbereitung der Novität „Ein fideles Corps“, welche

Vom Dienstag stadt Linden

wurden.

zu Weihaachten zur ersten

Nath Herz, zum Schaßmeister : Nobert Warschauer, zu Schriftführern: Regierungs-Rath Br. Magnus und Dr. Esser gewählt.

Hannover, 14. Dezember. „W. T. B.* meldet: Jn der Vor-

erfolgte heute in der Zündhütchen-Fabrik eine

Erplosion, durh welche eine Arbeiterin getödtet und se{8 verleßt

(Fortsezung des Nichtamtlichen in der Ersten Beilage.)

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t vom 15. Dezember, r Morgens.

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und früh Regen. 4) Föhn. Uebersicht der Witterung.

In Deutschland sowie im Nordseegebiet ist das Barometer sehr stark gefallen, dagegen in Westirland Ein ziemlih tiefes barometrisches gt nôrdlich von Schottland, fortshreitend und weiten Umkreise ten weer verursachend, m höchsten, über 770 mm,

Südwest - Europa.

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Nordwestdeutschland. Luftdruck

ist der In bewegun regnerisch. J Regenmengen

Wilhelmshaven.

Deutschland das Wetter mild, n Nordwestdeutshland am meisten 21 mm, zu Ganz Deutschland, der äußerste

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Nordosten ausgenommen, ist frostfrei.

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Theater- Anzeigen.

Königliche Schauspiele. Sonntag: Opern- Häusel und Gretel. Märchenspiel in 3 Bildern von Engelbert Humper- dinck. Text von Adelheid Wette. In Scene ge!eßt vom Ober - Regisseur Tetlaff. Dekorative Ein- rihtung vom Ober-Inspektor Brandt. Dirigent;

haus.

267. Vorstellung.

Kapellmeister Sucher. Die Jahreszeiten. Tanz-Poöm in 2 Akten und 4 Bildern von Emil Taubert und Emil Graeb. Musik von P. Hertel. Dirigent: Musikdirektor Steinmann. Anfang 7X Uhr.

Schauspielhaus. 280. Vorstellung. Gustav Adolf. Dichtung von Emil Taubert (zum 9. Dezember 1894). Lebende Bilder, gestellt vom Ober-Regisseur Mar Grube. Zum ersten Male: Der Königsbote. Schauspiel in 3 Aufzügen von Adolf Wilbrandt. In Scene gelept vom OVber-Regisseur Max Grube. Anfang 8 Uhr.

Montag: Opernhaus. 268. Vorstellung. Rigo- letto. Vper in 4 Akten von Giuseppe Verdi. Text nah dem Jtalienishen des F M. Piave, Tanz von Paul Taglioni, (Herzog: Herr Rayvelli, as ah Herr d’Andrade, als Gäste.) Anfang

t:

Erhöhte Preise. En Sode 12 MÆ, Orchester- Loge 10 A Erster Rang Balkon und Loge, Parquet und Parquet-Loge 8 #4 Zweiter Rang Prosceniums- Loge 6 #4 Zweiter Rang Balkon und Loge 5 M Dritter Rang Balkon und Loge 3 M 50 9. Amphitheater Tipplas 2 4 Parterre Stehplaßyz 2 M Amphitheater Stehplay 1 M

Schauspielhaus. 281. Vorstellung. Wie die Asten sungen. Lustspiel in 4 Aufzügen von Karl Niemann. Anfang 74 Uhr.

Opernhaus. Dienstag: Hänsel und Gretel, Karneval, Mittwoch: Margarethe. (Margarethe: Frau Emma Albani, als Gast.) Donnerstag: Cavalleria rusticana. Bajazzi. Freitag: Orpheus und Eurydike. Sonnabend: Die Walküre. Anfang 7 Uhr. Sonntag, Mittags 1 Uhr: Matinée. Abends: Hänsel und Gretel. Die Jahreszeiten. Montag: Geschlossen.

Schauspielhaus. Dienstag: Halali. Militär- fromm. Mittwoh: Der Königsbote. Die Philosophin. Donnerstag: Wie die Alten sungen. Freitag: Halali. Post sestum. Sonnabend: Der Königsbote. Die Philosophin. Sonntag: Wie die Alten sungen. Montag: Geschlosjen.

Dentshes Theater. Sonntag, 24 Uhr: Der Talisman. Uhr: Blau. Cyprieune.

Montag: Blau. Cyprienne. Dienstag: Die Weber.

Berliner Theater. Sonntag, 24 Uhr: Die Hexe. (Ermäßigte Preise.) 75 Uhr: Heim- gefunden,

Montag: Heimgefunden.

Dienstag: Madame Saus-Gêne.

Lessing-Theater. Sonntag: Zwei Wappen. Anfang 7ck Uhr.

Montag: Zweiter und vorleßter Duse-Abeud. La Locandiera.—Cavalleria rusticana.

Dienstag: Dritter und leßter Duse-Abeud.

Heimath. (Casa patoerna.) Mittwoch: Zwei Wappen.

Residenz - Theater. Direktion: Sigmund Lautenburg. Sonntag: Zum 42, Male: Der Unterpräfekt. Schwank in

Blumenstraße Nr. 9.

3 Akten von Leon Gaudillot. Deutsch von Mar

Schönau. Vorher: Villa Vielliebchen. Lust-

Reu in 1 Akt von Benno Jacobson. Anfang T:

"Montag und folgende Tage: Der Unterpräfekt.

Villa Vielliebchen.

Uenes Theater. Sciffbauerdamm 44a./5.

Sonntag: Andrea. Komödie in 5 Akten von Victorien Sardou. Anfang 7+ Uhr.

Sonntag, Nachmittag 3 Uhr: Vorstellung des Vereins für Volksunterhaltung zu bedeutend herab- geseßten Preisen: Komödianten? (Cabotins !) Lust|piel in 4 Akten von Eduard Pailleron. Jn Scene geseßt von Sigmund Lautenburg.

Montag (14. Abonnements-Vorstellung): Andrea. Komödie in 5 Akten von Victorien Sardou. An- fang 77 Uhr

Friedrich - Wilhelmstädtishes Theater. Chaufseestraße 25/26.

Sonntag: Neu einstudiert: Pariser Leben. Komische Operette in 4 Akten nah dem Französischen des Meilhac und Halévy von Carl Treumann. Musik von Jaques Offenbah. In Scene geseßt vom Ober-Regisseur Herrn Binder. Dirigent : Herr Kapellmeister Ferron. Ermäßigte Preise der Plätze. Anfang 7 Uhr. : S

Sonntag, den 23. Dezember: Mit vollständig neuer Ausstattung an Dekorationen, Kostümen und Requisiten: Orpheus in der Unterwelt. Große Ausstattungsoperette mit 4 großen Ballets în 12 Bildern.

Theater Unter den Linden. Behrenstr. 55/57. Direktion: Julius Frißshe. Sonntag: Der as Krieg. Operette in 3 Akten von F. Zell und Rich. Genée. Musik von Johann Strauß. Regie: Herr Unger. Dirigent: Herr Kapelltneister Federmann. Hierauf: Tanz-Divertissement. Arrangiert vom Balletmeister Herrn Louis Gundlach. Anfang 7# Uhr. j

Sonnabend, den 22. Dezember: Neu einstudiert : Boccaccio. Operette in 3 Akten Musik von Franz von Suppé.

Bentral-Theater. Alte Zakobftraße Nr. 30. Direktion: Richard Schulß. Sonntag: Emil Thomas a. G. Anna Bâäckers. Josefine Dora. Zum 108. Male: O, diese Berliner! Große Bolte mit Gesang und Tanz in 6 Bildern (nah

alingró's , eite durch Berlin“) von Julius Fram, Musik von Julius Einödshofer. Anfang

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Montag: O, diese Berliner! Anfang 75 Uhr.

Adolph Ernst-Theater. Sonntag: Zum leßten Male: Charley's Taute. S{hwank in 3 Akten von Brandon Thomas. Vorher: Zum leßten Male: Die ewige Braut. Liederspiel mit Tanz in 1 Akt von W. Mannstädt und J. Kren. In Scene geseßt von Ad. Ernst. ang et Uhr.

Vom 17. bis inkl. 24. Dezember: Keine Vor-

stellung.

In Vorbereitung: Ein fideles Corps. Große Gesangsposse mit Tanz. Nach dem englischen „A Gaiety Girl* frei bearbeitet von Eduard Jacobson und Jean Kren.

Konzerte.

Konzert-Zaus. Karl Meyder - Konzert. Sonntag Anfang 6 Uhr. Montag Anfang 7 Uhr. Beethoven-Feier. Ouv. „Egmont“. Symphonie Nr. 4, B-dur. „Septett“ (mit mehrfacher Besetzung der Streichinstrumente).

Sing-Akademie. Montag, Anfang 8 Uhr: W

Konzert von Fanny Davies, unt. güt. Mitn. der Herren Prof. Dr. Jos. Joachim, Em. Wirth u. Rob. Hausmann.

Saal Bechstein. Linkftraße 42. Montag, Anfang 7z Uhr : Ax. Klavier-Abeud von Wladimir von Pachmaun.

BPirkus Renz (Karlstraße). Sonntag, Nad mittags 4 Uhr (ermäßigte Preise siehe Plakat) : Die lustigen Heidelberger. Außerdem Auftr. der Spezialitäten 1. Ranges, sowie Reiten u. Vorführen d. bestdress. Schul- u. Freiheitspferde. Abends 75 Uhr: Tjo Ni En. Neue Musikeinlagen, Poa ma, (gr. Pferdespringen), neue überra\cende Lichteffekte. Ferner: 4 arab. Schimmelhengste, vorges. v. Herrn N. Renz; Cyd u. d. Steiger Solon, ger. v. Frau Renz-Stark; Mr. Lavater Le als Dresseur; d. beliebten Clowons Gebr. Villaud 1.

Montag: Tjo Ni En.

P T o I

Familien-Nachrichten.

Verlobt: Frl. Else von Poncet mit Hrn. Lieut, R von Rudno - Rudzinski (Schloß Dirschel— iptin).

Verehelicht: Hr. Postrath Wachholy mit Frl. Anna Grosser (Berlin). ; Geboren: Eine Tochter: Hrn. Pastor Zippel (Neumarkt, Schl.). Hen. Regierungs - Rath Wosch (Oppeln). E Gestorben: Hr. Hermann von Hanstein (Königb- berg). Hr. Robert von Rosenberg-Lipindkly A Hrn. Prem.-Lieut, Otto von Quast

ohn Fedor (Münster). Hr. Profes z

Dr. Marx Kuhn (Friedenau). Hr. Professo!

Dr. Schroeter (Breslau).

Verantwortlicher Redakteur: J. V.: Siemenroth in Berlin. Verlag der Expedition (S cholz) in Berlin

Druck der Norddeutschen Buchdruckerei und Verlagl- Anftalt, Berlin 8W., Wilhelmstraße Nr. 32,

Sechs Beilagen (einshließlich Börsen-Beilage).

Erste Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preußischen Staats-Anzeiger.

29D

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Deutscher Reichstag.

6. Sißung vom Freitag, 14. Dezember 1894, 1 Uhr.

Der Sigzung wohnen bei: der Staatssekretär und Staats-Minister Freiherr von Marschall, der Staatssekretär Dr. Graf von Pos adowsky sowie der preußishe Finanz- Minister Dr. Miquel.

Der Abg. Steinmann, Negierungs-Präsident in Gum- binnen, ist plößlich gestorben. Das Haus ehrt sein Andenken in der üblichen Weise.

Auf der Tagesordnung steht zunächst der dringlihe An- trag der Abgg. Schmid t-Elberfeld (fr. Volksp.) und Ehni (südd. Vollsp.), im § 35 der Geschäftsordnung folgenden Zusaß zu machen:

„Alle Anträge, welche innerhalb der ersten vierzehn Tage der Session eingebracht werden, gelten, sofern fie niht {on vor Ab- lauf dieser Frist zur Verhandlung gelangt sind, als gleichzeitig ein- gebracht. Ueber die Priorität unter denselben entscheidet das Loos.“

Abg. Gröber (Zentr.) will den § 35 dahin ändern, daß unter den innerhalb der ersten vierzehn Tage eingehenden Anträgen die- jenigen den Vorrang haben follen, welche in früheren Sessionen bereits zur Beschlußnahme gekommen sind, oder über welche ein Kommissions- beriht erstattet ist; sodann diejenigen Anträge, welhe Gefetent- würfe enthalten. Die übrigen sollen nah der Reihenfolge ihres Ein- ganges behandelt werden ; ebenfo sollen Petitionen, über welche bereits in einer früheren Session Bericht erstattet ist, ohne nohmalige Vor- berathung auf die Ta esordnung gefeßt werden.

Abg. Smidt -Elbérfeld (fr. Bolksp.): Weil in jeder Session eine große Anzahl von Anträgen niht mehr zur Berathung kommt, suhen die Antragsteller durch möglichst frühzeitige Einbringung einen Vorrang zu erhalten. Vor Eröffnung der Session auf dem Bureau niedergelegte Anträge müssen sämmtlich als gleichzeitig eingebraht gelten. Solcher S liegen jeßt 30 vor, und es fragt sich, welche Reihenfolge sie haben sollen. Es kann nur das Loos entscheiden; das ist zroar keine ideale Abhilfe, aber auch der Antrag Gröber läßt dieselbe {ließlich zu. In Bezug auf die Be- handlung der Petitionen i} eine Reform der Geschäftsordnung auch ganz wünschenswerth. Wenn nah dem Antrag Gröber die An- träge, welche die Form von Geseßentwürfen haben, vorgehen sollen, so würde das nur dazu führen, daß in Zukunft alle Anträge in Form von Geseßentwürfen eingebraht würden.

Abg. Gröber (Zentr.): Das Loos darf nicht allein entscheidend sein, es muß auch nach dem inneren Werth der Anträge gehen. Wir wollen die Anträge vorziehen, welhe niht mehr bloße Anträge des Antragstellers sind, sondern gewissermaßen Anträge des Hauses dadur geworden sind, daß das Haus schon in der früheren Session einen Beschluß darüber gefaßt hat, der aber vom Bundesrath abge- lehnt ift. Würde das Loos entscheiden, so könnten Gesegesvorschläge, die hon in dritter Lesung in der vorigen Session angenommen sind, erst am Schluß der Session oder garniht mehr zur Ecledigung kommen. Die Petitionen sind bisher eigentlich \{chlecht behandelt worden; tausende von Petitionen laufen alljährlih ein, die Petitions- fommisjion bearbeitet sie und erstattet viele Berichte darüber, die aber im Plenum nicht mehr zur Erledigung kommen. Sie werden in der nächsten Session wiederholt und haben wieder dasselbe Schisal. Petitionen, über die {hon Kommissionsberichte vorliegen, müssen vor- gehen. Ich beantrage, beide Anträge der Geshäftsordnungskommission zu überweisen. Ießt findet immer ein förmlihes Wettlaufen bei Ein- bringung der Anträge statt, und fie sind oft oberflählih gearbeitet. So wird jeßt in einem Antrage etwas bezüglich der Abzahlungs- eshäfte vorgeschlagen, was schon längst im Gesegblatt als Geseg ftebt. Bei der Verloosung der Reihenfolge muß jedenfalls so ver- fahren werden, daß wenigstens jede Fraktion einen ihrer Anträge sicher zur Berathung erhält. i

Abg. Gamp (Np.) {ließt sich dem Antrage auf Kommissions- berathung an; das Loos entscheiden zu lassen, sei niht zweckmäßig und würde nur zur Folge haben, daß jede Partei ihre Anträge in mehrere Anträge zerlegen würde, um wenigstens mit einem zuerst heranzukommen. Man müsse vielmehr prüfen, welche fahlidze Be- rechtigung für die Priorität der Behandlung einzelner Anträge vor- liege; geschehe dies niht, fo könnten unwihhtige Anträge zuerst zur Berathung kommen, auf welche die Antragsteller selbst feinen großen Werth legen. Jede Legislaturperiode bilde ein einheitliches Ganzes, und es sei ziemlih gleihgültig, ob ein Antrag im ersten oder fünften Jahre der Periode zur Verhandlung käme. Sympathisch sei ihm der Gedanke des Antrags Gröber, daß diejenigen Anträge vorangestellt werden müßten, welche bereits ges{äftlich vorbereitet seien; es dürften aber nicht Anträge vorangestellt werden, über welche bereits in einer früheren Session ein Beschluß gefaßt sei.

Abg. Dr. Enneccerus (nl.) ist ebenfalls für Kommissions- überweisung mit dem Vorbehalt, daß die Geshäftsordnungskommission niht bloß an diesen Antrag gebunden sei, sondern auch über andere Wege berathen dürfe. :

Abg. Dr. Rintelen (Zentr.) hält ebenfalls eine anderweitige Negelung dieser Frage für nothwendig. :

Abg. Singer (Soz.) wünscht, daß der Berathung von Jnitiativ- anträgen und Petitionen ein größerer Zeitraum gewidmet werde, als nur ein Tag in jeder Woche. In Geseßesform gebrahte Anträge C A) keinesfalls einen Vorzug haben vor Jnitiativanträgen aus dem

ause.

Abg. Freiherr von Manteuffel (dkons.) glaubt, daß diese rein tehnishe Frage am besten in der Kommission gelöst werden könne.

Nachdem die Abgg. Gröber und Schmidt (Elberfeld) nochmals ihre Anträge empfohlen haben, werden sie der Ge- \häftsordnungskommission überwiesen.

Es folgt die Juterpellation der Abgg. Dr. Paasche und Friedberg (nl.): i Welche Maßregeln in Bezug auf eine Abänderung des gel- tenden Zuckersteuergeseßes denken die verbündeten aMerungen zu ergreifen, um die Schädigung, welche der deutschen Landwirthschaft und der deutschen Zukerindustrie dur die ausländischen Besteue- rungsformen des Zukers erwachsen, zu beseitigen ?

Staatssekretär Dr. Graf von Posadowsky erklärt sich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten.

ZUr Begründung der Anfrage erhält das Wort der Abg. Dr. Paasche (nl.): Bei der Beschlußfassung des Reichs- tags über das jeßt geltende Zuckersteuergeseß, welhes die Herabseßung und das \cließlihe Aufhören der Zuckerprämie ins Auge faßte, wurde von seiten des Reichs-Schaßamfs die Erklärung abgegeben, man made die Aufrechthaltung des Geseßes von zwei Bedingungen ab- hängig. Zunächst davon, daß das Ausland seine Zuckerprämien eben- falls herabsegze bezw. aufhören lasse, und sodann davon, daß das eseß keinen ungünstigen Einfluß auf die Zuckerindustrie ausübe. sind niht erfüllt worden. Nach dem eltenden Geseß i die deutshe Zuckerprämie, welhe im ahre 1889/90 nod ca. 2 M betrug, auf 1,25 M pro Doppelzentner herabgeseßt worden. Vom 1. August d. J. ab soll eine weitere Yerabsegung auf 1 # pro Doppelzentner erfolgen, und vom 1. August 1897" ab soll die Prämie überhaupt aufhören. Da-

Diese Vorausseßungen

Berlin, Sonnabend, den 15. Dezember

gegen beträgt die Zuckerprämie zur Zeit in Oesterrei 2 X, in rankreih 5,49 4 vro Doppelzentner. Jn dem leßteren Lande ist die Prämie in den letzten Jahren niht unbedeutend erhöht worden. Die Vocaus\cßung, daß die konfurrierenden Zuckerländer ihre Prämien herabseßen würden, ist demnach durchaus irri ge- wesen. Meiner Ansicht nah war das Vorgehen Deutschlands kein rihtiges. Wenn man die Kampfmittel, welche man hat, aus der Hand giebt, so \{ädigt man s\ich felbst. Man hätte die Zuckerprämie erhöhen, aber niht im voraus darauf verzichten sollen. Einer der Hauptabnehmer unseres Zuckers, die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, hat uns neuestens einen empfindlichen Schlag dadurch verseßt, daß er den deutschen Zucker neben dem öfster- reichishen, weil wir direkte Ausfuhrprämien zahlen, besonders chlecht behandelt. Nicht allein, daß unser Rohzucker entgegen den Ab- machungen von 1892 mit einem Zoll belegt wurde, erhebt Amerika von unserem raffinierten Zucker noch einen Extrazoll, welcher für den Zentner 32 4 beträgt. Dadurch ist der Export deutschen Zuckers nah Ame- rika unmöglich gemaht. Welche Bedeutung das für unsere Zukerindustrie hat, ergiebt sh schon daraus, daß Amerika jährlich 2 Millionen D.-Ztr. Zucker konsumiert, während der Konsum in Deutschland nur 900 000 D.-Ztr. beträgt. Dadurch, daß der amerikanische Markt dem deutshen Zucker vershlossen wird, wird derjelbe Gr England geleitet und muß dort nothwendig die Zukerpreise drücken. Die zweite Vorausfeßung, von welcher der Reihs-Schaßsekretär ausging bei der Beurtheilung des gegenwärtigen Gesezes, war, daß dur dasfelbe die Lage unserer Zukerindustrie nicht ungünstiger gestaltet werde. Thatsächlih aber ist diese Lage heute so ungünstig wie nie. Bei der heutigen Zuckerausbeute beträgt der Preis für den Zentner Zucker 8,20 46 Da etwa 8 Zentner Nüben zur Produktion von 1 Zentner Zucker nothwendig find, so wird damit gerade der Bauer bezahlt, der die Rüben liefert. Selbst wenn man für die Rüben einen niedrigeren Preis, etwa 80 4 pro Zentner annimmt, fo entsteht unter den heutigen Verhältnissen für den Zuckerproduzenten noch immer ein Schaden von 2 4 bei jedem Zentner Zucker. Das macht bei einer Produktion von 35 Millionen Zentner 70 Millionen Mark Verlust. Die Bedeutung unserer Zuckerindustrie ist größer, als von manchen Seiten zugestanden wird. Der Abg. Rückert beziffert die mit Rüben bebaute Fläche zwar nur auf 1% der ge- sammten Anbaufläche. Thatsächlih sind es 14 9%. Aber wer die Zukerindustrie näher kennt, weiß den Einfluß zu schäßen, den sie auf die Gesammtiultur ausübt. Sie allein hat erst den Uebergang zur intensiven Kultur ermögliht. Die Zuckcrindustrie beshäftigte rund 440 000 Arbeiter. Können diese niht den gleichen Schuß beanspruchen, wie die Tabackarbeiter, von denen fo viel die Rede is? Dann kommen die Nebenindustrien in Betracht. In der Zuckerindustrie werden allein jährlih 6 Millionen Tonnen Kohlen verbrauht. Es ist unrichtig, daß Deutschland allein an der Ueberproduktion von Zuder Schuld trägt. In anderen Ländern is die Produktion weit mehr gestiegen, als bei uns; in Frank- reih in den leßten zehn Jahren um fast das Dreifache. Unsere Zuckerproduktion hat sich in den leßten zehn Jahren nur von 1150 000 t auf 1750 000 & gehoben. Namentlich für den Osten ift ein starkes Bedürfniß der Abhilfe vorhanden. Nicht der hohen Dividende wegen bauen die Landwirthe heute Zuckerrüben und Zuckerfabriken sie bauen sie bloß, weil sie sich sagen: beim Getreide- bau ist nihts mehr zu verdienen, die intensivere Kultur, die wir nöthig haben, erreihen wir nur. aus dem Rübenbau. Wir würden uns auch gegen eine Erhöhung der Prämien nicht ablehnend ver- halten, und glauben nicht, daß nothwendig damit eine Verminderung der Einnahmen des Reiches verbunden sein muß, denn der Mehrbetrag ließe sih recht wohl dur eine Erhöhung der Konsumabgaben um etwa 2 6 erreichen. Auf die Materialsteuer zurückzugreifen, halte ih nicht für rathsam, auch halte ih eine Kontingentierung, wie sie vorgeschlagen ist, bei einem Artikel, der für den Weltmarkt bestimmt ist, nicht für angebraht. Wie dem auch sei, gerade in dieser für die Landwirth- schaft schweren Zeit ist es Pflicht der Regierung, auf diesem Gebiet geseßgeberisch vorzugehen, eventuell auch mit Erhöhung der Prämien. (Ruf links: Liebesgabe !) Nein, Liebesgaben wollen wir nicht, wir wollen nur Kampfmittel für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt. Ein wichtiger Zweig der Landwirthschaft soll erhalten werden ; er foll auf dem Weltmarkt gleihen Wind haben. Es genügt uns vorläufig, wenn die Regierung auch nur den guten Willen äußert, gesetgeberish vorzugehen.

Staatssekretär Dr. Graf von Posadowsky:

Meine Herren! Von dem Augenblick an, wo in Amerika die legislatorische Berathung begann über eine Aenderung des Zolltarifs, namentlich über die Position Zucker, beschäftigte sih sowohl die Fach- wie die politishe Presse in Deutschland eingehend mit der Lage des deutschen Zuckermarktes und des eng hiermit zusammenhängenden NRübenbaues. Die Ursache des Rückganges der Preise wurde einer- seits gesuht in dem Druck, den die Drohung eines amerikanishen Werthzolls und neben demselben eines Zuschlagszolles für Zucker aus Prämienländern bildete, und andererseits in der Gestaltung des Geseßes vom Jahre 1891. Man warf dem Geseß von 1891 vor, daß es die Zwecke nicht erreiht habe, die es eigentlih beabsichtigte : erstens die Beseitigung der Ueberproduktion im NRübenbau, zweitens die Verhinderung des Baues neuer Zuckerfabriken, und drittens die Erhaltung von kleinen Fabriken. Jh vermag die Einwände, die sih gegen das Gesetz in diesen drei Richtungen. aussprechen, als voll- kommen berehtigt niht anzuerkennen. Meine Herren, das fonnte nie der Gedanke des Zuckersteuergeseßes vom Jahre 1891 sein, die Produk- tion der Nüben zu beschränken. Dem Rübenbau verdanken wir in Deutschland die Tiefkultur, wir verdanken ihm den Fortschritt der Agrikulturhemie und die Veredelung des Körnerbaues, und man kann ret eigentlih sagen: Der Rübenbau ist das Ferment der Hebung der deutschen Landwirthschaft gewesen. (Sehr richtig! rechts.) Deshalb is auch der Schluß unrichtig, aus der prozentual verhältnißmäßig kleinen Fläche des Nübenbaues gegenüber der gesammten Kulturflähe Deutschlands herleiten zu wollen, daß der Nübenbau eine solche Bedeutung nicht habe. (Sehr richtig !)

Meine Herren, wenn man in der That die Entwickelung des Rübenbaues in Deutshland durch das Geseß von 1891 hätte inhibieren wollen, so hätte das meines Erachtens nichts Anderes bedeutet, wie die alten Rübenländer dauernd real zu privilegieren gegenüber der Ent- wickelung der Landwirthschaft der östlichen Provinzen (Sehr richtig! rets); denn in den östlihen Provinzen haben wir zwar sehr viel Rübenboden, wir konnten ihn aber niht für die Kultur der Zuter- rübe verwerthen, weil wir ein zu wenig entwideltes Verkehrsneßz hatten, und fo zu sagen der Ertrag der Rüben an der Achse hängen: blieb, indem wir die Rüben zu weit transportieren mußten. Dieser Zustand hat sich in dem Augenb lick geändert, wo \ih das Eisen- bahnney des Ostens, besonders auch aus strategishen Rüdsichten, er- heblih entwidckelt hat und man dort ebenfalls in der Lage war, auf

H

1894

denkbare Entfernung die Rüben an die Bahnlinien und nah den Fabriken zu transportieren. Es fonnle deshalb der Gedanke des Zuersteuergeseßes von 1891 au niht der fein, daß man den weiteren Bau von Zuderfabriken inhibieren wollte: denn ganz selbstverständ- li, wenn man nit den Rübenbau im Often verhindern wollte, konnte man auch dem Bau von Zuckerfabriken niht vorbeugen: beides geht Hand in Hand. Jh glaube aber, man hat eine bestimmte Art der Gründung von Zuckerfabriken, die man nicht begünstigen wollte, im Auge gehabt. Bekanntlich basierte -das Materialsteuersystem auf dem Gedanken des Rendements an Zucker aus der rohen Rübe. Dieses Rendement war viel niedriger festgeseßt als es thatsählich infolge der tehnishen Fortschritte betrug. Die Folge hiervon war die, daß in den Niesenetablissements, die versehen waren mit allen tehnishen Fortschritten der Neuzeit, der Zuter für den inländischen Konsum wesentlih geringer belastet war und für den Grport eine wesentlih höhere Prämie erhielt, wie der Zucker aus den kleinen Fabriken, die zum theil mangelhaft geleitet waren und zum theil eine folch vollkommene technische Einrichtung niht hatten, um einen so hohen Prozentsay von Zucker aus den Rüben zu ziehen. Das alte Materialsteuersystem litt hiernah an dem Fehler, die Großindustrie zu begünstigen und die fkleine re- lativ zu benachtheiligen. Hieraus folgte weiter, daß für die leistungsfähigen großen Fabriken die Prämie zu groß war und für die kleinen nit. ausreihte. Nach den Berechnungen, die wir angestellt haben, hat die Prämie zum theil über 5 M betragen, und dies war in der That zu hoh, namentlich in Nücksiht auf den damaligen Stand der Zuckerpreise. Die weitere Konsequenz hiervon war die, daß eine Anzahl Fabriken entstanden nicht aus dem land- wirthschaftlihen Bedürfniß heraus, fondern aus rein k apitalifsti \ch em Interesse (sehr richtig! links), um auf Grund dieser Benefizien große fkapitalistishe Gewinne zu machen. Das hat zu einer Aende- rung des Zuckersteuergeseßes geführt, und darin lag der eigentliche Schwerpunkt, wenn mein Herr Amtsvorgänger sagte, wir wollen der ungesunden Ausdehnung der Fabrikation vorbeugen Es ist ferner “eine Thatsache, daß die kleinen Fabriken zurüd- gegangen find; in Sachsen gehen jedes Jahr fünf, ses folcher leinen Fabriken ein. Woran liegt aber das? Das liegt daran, wie wir es so häufig in der Industrie finden, daß die kleinen Fabriken mit unendlich viel größeren Produktionskosten arbeiten wie die Riesenetablissements. (Sehr richtig ! links.) Jch führe Ihnen das einzige interessante Beispiel dafür aus der Zuckerindustrie an: eine Fabrik, die 3000 Zentner verarbeitet, brauht hierzu 150 Ar- beiter; eine Fabrik, die das sechsfache Quantum oder über das sechs- fache Quantum, die 20 000 Zentner verarbeitet, braucht hierzu nur 30 Arbeiter mehr d. h. 180 Arbeiter. (Sehr gut! links.) Was ist die Folge davon? Daß zwischen -den Produktionskosten der kleinen Fabriken und der großen Fabriken ein folch ungeheurer Abstand be- steht, daß dabei die kleinen Fabriken nit konkurrieren können. (Sehr gut! links.) Sie sehen dieselbe Erscheinung auf dem Gebiet der Brauerei. Die großen Brauerei-Etablissements entwickeln sich fortgeseßt und \{lucken immer mehr Brauereien in der Provinz auf und zwar solche, die man dort noh als große bezeichnet, weil auf dem Gebiete der Brauerei ganz dieselben Produktionsverhältnisse vor- liegen, wie auf dem Gebiete der Zuckerindustrie. (Sehr richtig! links.) Gestatten Sie, daß ih aus diesem „sehr richtig“ einen Schluß ziehe, bei dem Sie hoffentlih auch „sehr rihtig!“ rufen werden. Wenn wir nicht auf dem Gebiete der Spiritus- industrie die Staffelung hätten, die im Kontingent liegt, wenn auch, wie ih zugestehen will, noch sehr mangelhaft (sehr wahr! rets), so wäre die Spiritusindustrie denselben Weg gegangen. Wir hätten wenige riesige Brennerei-Etablissements und die Brennerei hätte aufgehört, ein landwirthshaftlihes Nebengewerbe zu sein. (Sehr richtig! rechts. Zuruf links. Große Heiterkeit.) Wenn man also dem Gesey daraus einen Vorwurf macht, daß es die kleinen Zucker- fabriken nit genügend geschüßt hat, so ist dieser Vorwurf durhaus gerechtfertigt, aber man hat bei Emanation des Geseßes an diesen Gesichtspunkt gar nicht gedacht; vielleiht bietet \sich Gelegenheit, diesen Fehler noch zu verbessern.

Ich komme nun darauf zurück: welches sind die Ursachen der jeßigen Zuckerkalamität? Wir hatten und haben Amerika gegenüber das Meistbegünstigungsreht ; wir sind troß dieses Meistbegünstigungs- rechts differentiell behandelt, und man hat uns nicht nur einen Werthzoll aufgelegt, der ja im allgemeinen parallel mit den Zuckerprodukten anderer Linder geht, obgleih die edleren Zudcker- sorten durch den Werthzoll \s{chwerer getroffen werden wie die \{chlechten Produkte. Neben diesem Werthzoll . haben wir den Differentialzoll bekommen für Prämienzucker, der 93 § pro 100 kg beträgt, und es ist ganz unzweifelhaft, daß dieser Differentialzoll jeßt bereits auf den Zuckerpreis drückt. Man könnte ja schließen: dieser Differentialzoll kann doch nur auf den Theil Zucker drüdcken, der wirklich exportiert wird; das wäre aber nicht richtig; der Differentialzoll drückt auf den Weltmarktpreis, und der Weltmarktpreis drückt natürlih auch auf den heimishen Zuckerpreis, und wir sind bei dem Differentialzoll besonders s{chlecht weggekommen gegenüber Ländern, die viel höhere Ausfuhrprämien zahlen und deshalb den Differential- zoll natürlih leiter tragen können. Jh kann aus diesem Grunde dem Herrn Vorredner darin nicht ganz Unreht geben, daß es zwar ein Zeichen von edelherzigem Vertrauen sein mag, wenn ih die Waffen aus der Hand lege, während mein Gegner noch im Anschlag liegt. Ich muß aber sagen : ih bin für die Politik des Faustpfands und würde es vielleiht für praktisher gehalten haben, die Prämien erst suspensiv aufzuheben, d. h. wenn die anderen Mächte damit den Anfang machten.

Meine Herren, es läßt fich also garniht leugnen, daß durh die amerikanishe Zuckergesezgebung unsere Situation gegen das Jahr 1891 wesentli verschlechtert ist. Es läßt fih meines Erachtens au niht leugnen, daß es für die Konkurrenz des deutschen Zuckers außer-

ordentlih {wer sein wird, mit so geringen Prämien, wie er jeßt