1894 / 296 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

E E E t E NEIOT AIE E N E 7

BISAE

E R E E E E E E E E

S E R T E Mete R ROOETABE S B E

Königliches Schauspielhaus.

„Der Königsbote“, ein uspiel in drei Aufzügen von Adolf tant, ging gestern Abend mit {önem Erfolg in Scene. Das Stück spielt um das Jahr 1014 auf dem Hofe eines alten norwegischen Häuptlings Ingimund, der ebensowenig von Odin lassen, wie fih der Herrschaft des norwegishen Königs Olaf unter- werfen will. Der Königsbote Otfried, den der fromme und kluge König Olaf zum . wilden Ingimund sendet, überwindet den hartnäcktigen Widerstand des Häuptlings durch seine kühne und ge- wandte Rede, aber mehr noch durch seine Thaten. Das stille Heldenthum des Königsboten, der seine aufwallende Leidenschaft p des Hâäuptlings lieblicher Tochter B mannhaft unterdrückt, weil le feines Freundes Wolfhard heimliche Geliebte ist, und der seines reundes Leben durch geduldig getragene Schmach und durch die Kraft eines Armes beschüßt, rührt auch das wilde Herz Ingimund's. Die rößte Sorgfalt hat der Dichter auf. die Charakterzeihnung des

önig8sboten verwendet, der die Handlung beherrscht ; Klugheit, Mannhaftigkeit, Opfermuth, brennende Liebe und s{chwermuthvolle Entfagung sind die Charakterzüge, dur die die Theilnahme der Zuschauer an erster Stelle auf ihn gelenkt wird. Neben ihm tritt am bedeutendsten dec rauhe Häuptling Ingimund hervor, dessen Wildheit aber niht gänz echt erscheint? denn im Grunde ist sein naives Herz einem lustigen Scherz nicht abgeneigt, und beinahe mit fröhliher Laune nimmt er troß seiner schein- baren leide. scafilihen Grregung das Ruhe gebietende Wort des Köntgsboten auf. Der mächtige Häuptling verwandelt sih so im Laufe der Handlung zu einem nach Kinderart troßigen und eigenwilligen Mann mit edlen Herzensregungen. Die übrigen

fonen sind zwar gleichfalls kräftig und flar gezeihnet, gewinnen aber ür den Fortgang der Handlung, von Wolfhard abgesehen, nur geringe

deutung. Der erste Akt erscheint wegen längerer Wortgefechte etwas weitshweifig. Im zweiten Akt seßt die Handlung dann kräftiger, fast tragisch cin, um im dritten mit Humor zu enden. Der größte Reiz des Dramas liegt im Dialog, der auch dann fesselt, wenn er das Fortschreiten der Handlung hemmt.

Die Inscenierung war forgfältig vorbereitet worden und ent- sprach glücklih der Stimmung, die der Dichter wecken will; wenn die lärmenden, zechenden Helden laut und fröhlich die Bühne füllten, ewann man den Eindruck germanischer Urwaldskraft. Herr

olenar gab den Recken Ingimund rauh und trobig, mit Augen, die ebenso zornig wie trunkfroh leuchten konnten. Die Rolle des Königsboten gab Herrn Matkowsky zu einer kraftvollen und vornehmen sauspielerishen Leistung Gelegenheit. Fräulein Lindner war eine liebliGe Helga und Herr Purschian ein leiden- schaftlicher Liebhaber. Alle übrigen Darsteller fügten sich treflich dem

Zusammenspiel ein. : Lessing-Theater.

Am Sonnabend begannen die italienischen Vorstellungen, die Da Eleonora Duse mit ihrer Gesellshaft veranstaltet. Als ntritts8aufführung war „La Signora dalle Camelie“ (,Die Kameliendame") des jüngeren Dumas gewählt. Die Titelrolle gab Frau Duse, die aufs neue sih als eine Schauspielerin von ungewöhnlicher Begabung und Größe erwies. Das Dumas’sche Stü ist an sich keine hervor- ragende dramatische Leistung nah modernem Geshmack; die groyen theatralishen Wirkungen werden auf Kosten der Wahrscheinlichkeit und Naturwahrheit erzielt. Die ganze gefellschaftlihe Anschauung, die der Handlung zu Grunde liegt, erscheint uns \{chief und unver- ftändlih; aber in diesem Rahmen is die Gestalt der Marguerite Gauthier in ihrer opfermuthigen Entsagung von dem Dichter am kflarften herausgearbeitet und fefselt darum das Interesse fast aus- shließlich. Frau Duze versteht es, den hypersentimentalen Charakter durch ihr einfaches Spiel und die Ruhe und Sicherheit ihres Wesens in eine flarere und reinere Atmosphäre zu erheben, so daß aus der unnatürlih empfindsamen Heldin eine men\{chlißG glaubhafte Erscheinung wird. Neben dieser Gestalt vershwinden fast alle übrigèn Mitwirkenden und scheinen gleihsam nur vor- handen, um dem Spiel der Frau Duse als Folie zu dienen. Bei thren früheren Gastspielen hatte Frau Duse in Signor Andò einen Mitspieler, der durch seine shauspielerishe Kraft sih neben ihr Geltung verschaffte, wodurch die Gesammtwirkung wesentli er- höht wurde. Von der vorgestrigen Vorstellung bleibt als bedeutend nur die Leistung der Frau Duse zu erwähnen, die auch den verdienten

lebhaften Beifall fand.

Gretel“ (Fräulein Dietrich, Fräulein Rothauser, Frau Bet) gegen. Hierauf folgt das Ballet „Karneval“ (Damen dell’Era,

Urbans S eHalali* (Damen von Mayburg, Poppe, (Fräulein Lindner) zur Au

mitiags 3 Uhr, „Figaro’s Hochzeit“, am Mittwoch 1 „Andrea“ gegeben. Am Freitag findet die erste Aufführung des Lust- spiels „Der kleine Mann“ statt, das am Sonnabend und Sonntag

Abend wiederholt wird.

lustige Krieg“ und das „Tanzdivertissement“ bis einshließlich Freitag auf dem Spielplan. Am Sonnabend geht zum ersten Mal an dieser Bühne die Operette „Boccaccio“ von

Besten der „Deutschen Reichsfehtshule" (Wohlthätigkeitsverein zum Zwedckte der Waisenpflege) ein populäres Konzert. Eintrittskarten zu besonders ermäßigtem Preise sind bei allen Fechtmeistern sowie in der Geschäftsstelle des hiesigen Verbandes, im französishen Dom, Abends 5—7 Uhr, zu haben.

Im Königlichen Opernhause wird morgen „Hänsel und oeße, Herr

a). Im KöniglihenSchauspielhause gelangen morgen das Lust- Schramm, Herren

u erßer) und „Militärfromm“

ührung. Im Neuen Theater wird morgen und am Sonntag, Nach- und Donnerstag

lein, Keßler, Grube, Ea

Im Theater Unter den Linden bleiben die Operette „Der

Suppé in Scene. Die Direktion des Konzerthauses veranstaltet morgen zum

Jagd.

: Offizieller Strecken-Rapport _

der Königlihen Hofjagd im Springer Saupark

am Mittwoch, den 12. und Donnerstag, den 13. Dezember.

Die Jagd ergab mit einer am Nachmittag des 12. am Haller- mundskopf und einer am 13. Vormittags am Sinngrün abgehaltenen Suche der Findermeute auf Sauen, sowie dem am Nachmittag des- selben Tages im Hallerbruh abgestellten Jagen auf Damwild und Sauen die Gesammtstrecke von 140 groben und 171 geringen Sauen, 9 Schauflern und 21 Stück Damwild. Davon entfallen auf die Sonderstrecken Seiner Majestät des Kaisers und Königs 54 grobe,. 6 geringe Sauen und 4 Schaufler, Ihrer Königlichen Hoheiten des Erbgroßherzogs von Oldenburg und des Fürsten von Hohenzollern bezw. 22 Sauen, 2 Schaufler und 4 Stück Damwild und 18 Sauen, 3 Schaufler und 3 Stück Damwild, Seiner Hoheit des Herzoas Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin 22 Sauen, Seiner Durchlaucht des Prinzen Albert von Sachsen - Altenburg 31 Sauen und Ihrer Durchlauchten der Prinzen Christian Victor und Albert zu Schleswig-Holstein 22 bezw. 17 Sauen. Das Wetter war der Jagd an beiden Tagen äußerst günstig.

Mannigfaltiges.

Die vor einiger Zeit ins Leben gerufene „Deutsche Gesell- schaft für volksthümlihe Naturkunde“ wird in der ersten Hälfte des Januar ihre erste Generalversammlung abhalten. Alle ‘Meldungen und.-Mittheilungen find wie bisher an den Schriftführer Dr. L, Staby SW., Dessauerftraße 23, zu richten.

Abgesandte von 21 deutschen Universitäten und 9 Technischen Hoch- \{chulen, welche insgesammt 35000 deutsche Studierende ver- traten, hatten sih am Sonnabend hierselbst in den Victoriasälen versammelt, um über eine dem Fürsten Bismarck für dessen 80. Geburtstag, am 1. April 1895, zugedahte Huldigung der akademishen Jugend Beschluß zu fassen. Wie wir dem Bericht der „N. Pr. Ztg.“ entnehmen, wurde nah längerer Berathung die Her- stellung einer Chrengabe beschlossen, für welhe der vom Professor Lessing ausgeführte Entwurf der Versammlung bereits vorlag. Leßtere beschloß ferner, sich prinzipiell für eine Huldigungsfahrt zu entscheiden, für den Fall, daß diese angenommen werde. Wenn es sih ermögiichen läßt, soll im Anschluß an die Huldigung in Ham- burg ein Kommers veranstaltet werden. Die Ueberreihung der Ehrengabe foll durch die Kommission erfolgen und eine etwaige Nede von dem Vertreter der Universität Göttingen gehalten werden.

Ueber die Witterung im November berihtet die „Stat. Corr.“ nah den oe des Königlichen meteorologischen Jn- stitut8: Ein milder, sehr trüber, aber doch trockener Monat liegt mit

dem vergangenen November hinter uns. Seine Mitteltemperatur übertraf die normale im Südwesten um mehr als 1 Grad, sons sogar um mehr als 2 Grad. Dieser Wärmeübershuß is vornehm, lid den hohen Temperaturen in der ersten eilte des Monatz zuzuschreiben, welhe um mehr als 5 Grad über dem vieljährigen Durchschnitte lagen; zu Ausgang des Monats dagegen fank die Temperatur mehrere Grade unter die normale und meist auch unter den Gefrierpunkt. Entsprehend der trüben Witterung war die Tages, s{wankung der Temperatur eine äußerst geringe; sie betrug gewöhn. lih weniger als 5 Grad. Niederschläge sind in ganz Norddeutschland erheblich zu wenig und zu felten gefallen, insbesondere in S{hlesien und Thüringen, wo nur ein Viertel der normalen Menge gemessen wurde. Schnee ist fast nur gegen Ende des Monats beobahtet worden und rief außer im Hochgebirge nirgends eine nennenswerthe oder länger andauernde Schneedecke hervor. Besonders hervorzuheben ist die außerordentlich große Bewölkung, der zufolge die Sonnenschein dauer kaum ein Fünftel der überhaupt iz betrug. Die einzige Ausnahme hiervon zeigen die höchsten Berggipfel, wo sogar eine beträchtliche Zahl heiterer Tage notiert worden ist. In der ersten Hälfte des Monats veranlaßten Depressionen im Nordwesten, denen hoher Luftdruck im Osten gegenüberstand, warme Winde aus dem süd: westlihen Qnadranten. Die Temperatur stieg infolge dessen ras bis zum 3. und blieb dann bis zur Mitte des Monats unter mancherlei Schwankungen übernormal. Am 16. November jedo trat cin Umschlag ein, als der Kern Hohen Luftdrucks \ich von Osten her mehr nach Zentral-Europa verlagerte. Nächtlihe Aus- strahlung bei Windstille, abwechselnd mit {wacher Luftströmung aus dem kalten Innern Rußlands, brachte die Temperatur nunmehr \{nell zum Sinken. Mit geringen Aenderungen beskand diese Wetterlage bis zum 28. des Monats, wo eine tiefe Depression im Norden ihren Einfluß über Deutschland erstreckie und zum Monatss{lu}se bei west. lichen Winden einige Erwärmung, aber auch Regen- und Schneefälle

im Gefolge hatte.

__ Wien, 17. Dezember. Gestern Nachmittag fand, wie „W. T. B.“ meldet, im Rathhause die feierlihe Uebergabe des von den Damen Wiens gespendeten Chrenbanners für die Künstler- genossenschaft anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Bestandes dieser Genossenschaft statt. Die Feier, an welcher der Erzherzog Carl Ludwig als Vertreter des Kaisers, ferner die Minister Fürst Windisch- gräß, Marquis Bacquehem, von Madeyski, sowie der Statthalter, der Präsident des Abgeordnetenhauses und die Spitzen der Gesell: schaft theilnahmen, gestaltete sich zu einer erhebenden Loyalitätskund- gebung für den Kaiser und den Erzherzog Carl Ludwig.

Paris, 15. Dezember. Die Leichenfeier für Ferdinand von Lesseps fand, wie „W. T. B.“ meldet, heute in der Kirche Rue des Gros Cailloux in Anwesenheit mehrerer Mitglieder des diplomatischen Korps sowie einer überaus zahlreilen Menge statt. Auf dem Kirchhof Père- Lachaise wurden mehrere Reden gehalten, Eine militärishe Ehrenbezeugung wurde dem Todten nicht erwiesen, weil der Leichnam im Grabgewölbe beigeseßt wurde und militärische Chrenbezeugungen nur in der Wohnung des Verstorbenen dargebrat werden Tönnen.

Nach Schluß der Redaktion eingegangene Depeschen.

(W. T. A Der Prinz r

Bukarest, 17. Dezember. ) Úh nah Coburg

Ferdinand von Rumänien ist heute abgereist. |

Kopenhagen, 17. Dezember. (W. T. B.) Wie ver- lautet, erklärten sih die beiden Vize-Präsidenten des Folkethings, Christensen Stadil und Trier, mit dem abge tretenen Präsidenten Högsbro solidarisch und legten heute ihre Mandate nieder.

(Fortsegung des Nichtamtlichen in der Ersten Beilage.)

Wetterbericht vom 17. Dezember, 8 Uhr Morgens.

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Stationen. Wind. Wetter.

Bar. auf 0 Gr. u. d Meeres*p red. in Millim.

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Belmullet. . | 761 Aberdeen ..… | 757 Christiansund | 760 Kopenhagen . | 760 Stockfholm . | 754 anda . 747

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LCork,Queens- T aa 763 Sherbourg. ..| 767 E s 768 E a) 004 Vuta » | (04 see ahrwasser Memel .…. | 751 E DI ünfter. . . | 766 Karlsruhe . . | 768 Wiesbaden . | 768 München . . | 765 Chemniy . . | 763 Berlin... . | 759 S s P 008 Breslau... | 757

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Schnee wolkenlos wolkenlos halb bed. Schnee

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Uebersicht der Witterung. Ein Hochdruckgebiet, dessen Kern über West-

Sans-Gêne.

frankreih liegt, breitet si nordwärts nah Skan- | mäßigte Preise.)

dinavien aus, während über Nordwest- und Nordost- | Gêne. Guropa Depressionen lagern. Der Luftdruckver- theilung entsprehend wehen über Deutschland vor- wiegend westliche bis nördlihe Winde, welche auf

dem Streifen Swinemünde—München vielfa stark | Le

Wetter, welches sih demnächst weiter ostwärts aus- breiten dürfte, während in den fsüdlihen und öst- lichen Gebietstheilen ftellenweise Schneefälle statt- finden. Die Temperatur i in Deutschland fast überall Ea sodaß größtentheils wieder leichter vg S E ae g

i ag gesauen. 44. Male: Deutsche Seewarte,

spiel in 4 Aufzügen von Richard Skowronnek. In

Dentsches Theater. Dienstag: Die Weber.

Anfang 7# Uhr. Mittwoch: Blau. Cyprienne. Donnerstfag: Gespenster.

Berliner Theater. Anfang 7# Ukr. Mittwoch, Uhr : Die Karls\chüler. (Er-

Donnerêtag: Madame Saus-Gêne.

Der Unterpräfekt. 3 Akten yon Leon Gaudillot. Deutsch Schönau. Vorher: Villa Vielliebchen, Lust-

Theater-Anzeigen. P e 1 Akt von Benno Jacobson.

Königliche Schauspiele. Dienstag: Opern- |_ Villa Viellicbtigon, 08€: Der Unterpräfekt. | Goldberg, unt. gef. Mitw. d. Frl. Meta Lippold haus. 269. Vorstellung. Hänsel und Gretel, :

Märchenspiel in 3 Bildern von Engelbert Humper- dinck. Text von Adelheid Wette. In Scene geseht vom Ober - Regisseur Teßlaff. Dekorative Ein- rihtung vom Ober-Insvektor Brandt. Dirigent: s Kapellmeister Weingartner. Karneval. Ballet- wolkig Burleske in 2 Aufzügen von Emil Graeb. Musik bedeckt von Adolf Steinmann.

Steinmann. Anfang 7F Uhr. ) Schauspielhaus. 282. Vorstellung. Halali. Lust- | neuer Ausstattung an Dekorationen, Kostümen und | des Frl. Wally Renz, Tochter des Direktors als

Requisiten: Orpheus in der Unterwelt. Große | Schulreiterin mit dem Schulpferd Cromwell. Das Scene geseßt vom Ober-Regisseur Max Grube. | Ausstattungsoperette mit 4 großen Ballets in | Apportirpferd Mohr, hierauf Prinz Carneval und \ Militärfromm. Genrebild in 1 Aufzug von Gustay | 12 Bildern. von Moser [und Thilo von Trotha. In Scene ge- seßt vom Ober-Regifseur Max Grube.

Dienstag: Die

Mittwoch: Die Fledermaus.

Dirigent: Musikdirektor R den 23. Dezember:

Anfang

yon Suppe.

Direktion: Richard ulß. Thomas a. G. 20

Dienstag: Madame

75 Uhr: Madame Sans-

24. Dezember: Keine Vorstellung.

Konzerte.

Blumenstraße Nr. 9. | Konzert -Haus. Dienstag:

von Mar | der Waisenpflege).

Friedrich - Wilhelmstädtishes Theater. Chausseestraße 25/26.

ledermaus. Operette in

3 Akten von Johann Strauß. Anfang 7{ Uhr.

Sonnabend, den 22. Dezember:

Bentral-Theater. Alte Zakobfstraße Nr. 30.

Anna Bâders. uin 110. Male: O, diese Berliuer! Große ofe mit Gesang und Tanz in 6 Bildern (nah

ingró’s ‘Reise durch Berlin“) von Julius

Neun, Musik von Julius Einsdshofer. Anfang

E Mittwoch: O, diese Berliner!

Adolph Ernst-Theater. Vom 17. bis inkl. | Hr.

L In Borbereitung: Ein fideles Corps. Große 1 j «Theater. Dienstag: Dritter und | Gefangsposse cit Tanz. N l G ‘auftreten; in Nordwestdeutshland is Auffklaren | legter Duse-Abeud. Heimath. (Cas3a paterna.) | „A Gaiety Gicl* voa Jonas Sidney frei bearbeitet eingetreten und herrscht L vorwiegend heiteres Anfang 7# Uhr. ä Mittwoch: Zwei Wappen. Donnerstag: Zwei Wappen.

der Residenz - Theater. n Deutschland ift überall | Direktion: Sigmund Lautenburg. Dienstag: Zum | Konzert. Kouzert zum Besten der Deutschen ; / Schwank in | Reichsfehtshule (Wohlthätigkeitsverein zum Zwecke

von Eduard “Jacobson und Jean Kren.

Anfang | Saal Bechstein. Linkstraße 42. Dienstag,

Anfang 75 Uhr: Konzert der Sängerin Vera

dcs Herrn Wilh. Berger, sow. eines kl. gemischten Chors u. Leit. d. Herrn Prof. Ad. Schulte.

Pirkus Renz (Karlstraße). Dienstag, Außer ordentliche Vorstellung. Tjo Ni En. (Beim : Jahreswechsel in Peking) Neue Musikeinlagen. Mit vollständig | Poa ma, (gr. Pferdespringen). Außerdem Auftr,

sein Gefolge, kom. equestr. Arrangement von Herrn N. Renz. Great Hurdle Race, geritten von Damen und Herren mit 20 Vollblutspringpferden. Austret.

r. Theater Unter den Linden. Behrenstr. 55/57. | des Schulreiters Herrn R. Renz mit dem Sculpferd Mittwoch: Opernhaus. 270. Vorstellung. Mar- | Direktion: Julius Frißshe. Dienstag: Der | Prinz. Auftreten der renommirtesten Künstlerinnen farerve. Oper in 5 Akten von Charles Gounod. | lustige Krieg. Operette in 3 Akten von É Zell | und Künstler. Auft. des unerreihb. Handequilibristen

ert nah Goethe's Faust, von Jules Barbier und | und Rich. Gene. Musik von Johann Michel Carré. Ballet von Emil Graeb. (Mar- | Regie: Herr Unger. Dirigent: Herr Kapell:neister | Gebr. Villand erzentr. Clowns. Anfang 74 Uhr.

garethe: Frau Emma Albani, als Gast.) Anfang | Federmann. Hierauf: Tanz-Divertissement. Arrangiert vom Balletmeister Herrn Louis Gundlach. Schauspielhaus. 283. Vorstellung. Der Königs- | Anfang 74 Uhr. bote. Schauspiel in 3 Aufzügen von Adolf Wil- : brandt. Die Philosophin. Lustspiel in 1 Auf- j Boccaccio. Operette in 3 Akten zug von Friedrih Roeber. Anfang 75 Uhr.

Strauß. | Mr. Jules Keller, Mr. Levater Lee, August u. Clown. Mittwoch u. folgende Tage: Tjo Ni En.

“i L Familien-Nachrichten.

Verlobt: Frl. Hildegard Kolbe mit Hrn. Ritter- i utsbesißger Jankwiz (Hamburg—Cllguth bei Dienstag: Emil Steinau O.-S. Josefine Dora. | Vereh eli ht: Hr. Mer eler Dr. Wieden- feld mit Frl. Agnes Kauffmann (Hörde). Geboren: Ein Sohn: Hrn. von Bredow- Schwanebeck (Berlin). Hrn. Stabsarzt Dr. Brit (Krofsen a. O.). Hrn. Landrichter Hinderer a Eine Tochter: Hrn. Pastor Ruhm esel). : Gestorben: Verw. Fr. Erblandmarschall Francitfa von Flemming, geb. von Schöning (Berlin). eh. Rechnungs-Rath Robert Kraaß Berlin). Fr. Agnes von Stechow, geb. von Münchow (Dresden).

Neu einstudiert : Musik von Franz

Nach dem englischen

Verantwortlicher Redakteur: J. V.: Siemenroth in Berlin. Verlag der Expedition (Scholz) in Berlin,

| Druck der Norddeutschen Buchdruckerei und Verlag!“ i oaareu ers Anstalt, Berlin 8W., Wilhelmstraße Nr. 32.

Sieben Beilagen (einschließlich Börsen-Beilage). (191%

Erste Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger.

e 296.

Deutscher Reichstag.

7. Sißung vom Sonnabend, 15. Dezember, 12 Uhr.

Die Besprehung der Fnterpellation der Abgg. Dr. Pa asche und Dr. Friedberg (nl.), betreffend Ab- änderung des Zulkersteuergeseßes, wird fortgeseßt.

Ueber die Reden der Abgg. Dr. Meyer- Halle (fr. Ver.) und Spahn (Zentr.) ist bereits in der Nummer vom Sonn- abend berihtet worden. Nah dem Abg. Spahn erhält das Wort der ]

Abg. Dr. Friedberg (nl.): Der Abg. Richter geht um den Kern- punkt der Frage herum; er verschweigt und vergißt, daß die Prämie, die bei uns gewährt wird, nicht ausreichend ist, den Vorsprung aus- zugleichen, den Frankrei mit seiner viel höheren Prämie vor dem deutschen Export hat. Der Abg. Richter wies auf die Vermehrung der Sachsengängerei hin. Dieselbe ist freilich ein Uebel , aber wir haben nun einmal die große Zuckerindustrie, und wir können sie doch {licßlich nicht todtshlagen. Solche Thatsachen sind unumstößlich. Die Zuderindustrie is eine große Exportinduüstrie, und wenn nicht eine schwere Krisis hereinbrehen soll, dann muß ihre E portfähigkeit aufrecht erbalten werden. Den wirthschaftêpolitishen Ansbläticagen des Abg. Richter kann ih nit folgen. Die Möglichkeit des Ab- slusses der Handelsverträge hat ihre Wurzel in der Wirthschafts-

‘politik des Fürsten Bismarck; denn ohne Getreidezölle hätten wir

kein Kompensationsobjekt zur Verfügung gehabt. Bezüglich der Zucker- prämien isi {on 1891 festgestellt worden, daß, r A E Staaten mit der Aufhebung der Prämien nicht nachfolgen, wir au bei den Prämien stehen bleiben werden. Ich kann daher der Regierung für die entgegenkommende Aufklärung nur meinen Dank R A f von Mirbach (dk

g. Graf von Mirbach (dkons.): Ih werde nur aphoristisch sprechen. Zu der Rede des Abg. Dr. Meyer bemerke i, E At dur dieselbe wiederum troß seiner gegentheiligen Versicherung wie ein rother Faden ein tödtliher Haß gegen die Landwirthschaft zicht. Dem Abg. Richter möchte ich besonders hinsihtlih des einen Punktes enlgegnen, daß er am Freitag gesagt hat, die Viehzuht habe einen Aufschwung genommen. Weiß denn der Abg. Richter nicht, daß diese Steigerung der Viehproduktion nur eine vorübergehende war und entstanden i in- folge des Mankos, das die Trockenheit und der Futtermangel im Jahre 1892 hervorgerufen hatte? Von den Herren auf der Linken wird eine Nothlage des landwirthschaftlihen Gewerbes vielleiht ein- mal implicite anerfannt, aber generell doh geleugnet. Ih muß des- halb heute wiederholen, daß das mobile Kapital ih seit Dezennien nicht an landwirihschaftlihen Betrieben versuht. Privatleute freilich faufen Güter, da kommen aber persönlihe Motive in Betracht; wir müssen das Kapital, lösgelöft von Personen und also auch persönlichen Verhältnissen, in Gestalt der Aktiengesellshaften betraten, wenn wir zu einem richtigen Schlusse kommen wollen. Und da nennen Sie mir eine einzige Aktiengesellshaft, welhe sich mit dem Betrieb der Landwirthschaft ich rede nicht von Nebenbetrieben befaßt. Wir find dem Staatsfekretär für scine Bemühungen zu ganz be- sonderem Danke verpflichtet; ih kann darin nur eine wirksame Für- sorge auf sozialem Gebiete schen, und auch wir wollen die wirth\{aft- lih Schwachen unterstüßen. Die Herren von der freisinnigen Partei sind natürlich für Konzentration des Kapitals. Jh kann den Herren darin freilich nit zustimmen, wohl aber bin ich mit den Wünschen nah einem Handelsvertrage mit Nord - Amerika einverstanden für den Fall, daß unsere wirthschaftlihe Lage dadur eine günstigere wird. Die wichtigste Frage wäre dabei die Restitution des Silbers. Die Aufhebung der segensreihen Matertalsteuer haben meine politischen Freunde bis zum leßten Augenblick bekämpft. Ich will aber nun meine Freude darüber aussprechen, daß die Nationalliberalen jeßt auf unserer Seite stehen und bereit find, die Mißstände zu beseitigen. Die wirthschaftlihe Lage ist so ernst, daß zu wünschen ist, daß alle staatserhaltenden Parteien ¡usammenstehen, um nach dieser Richtung hin Erfolge zu schaffen.

Abg. Wurm (Soz.) verweist darauf, daß die Sachfengängerei dur das Zuströmen der Arbeiter aus dem Osten in die Zukergegenden die Bevölkerung vollständig degeneriert hat. Die polnischen Arbeiter begnügen sich mit der \{lechtesten Ernährung und \{chicken ihr Geld in die Heimath. Und solche Verhältnisse soll das deutsche Volk noch unterstüßen durch die Zuckerprämien? Nicht bloß die Prämien Frankreichs und Oesterreihs ershweren der deutschen Zucker- industrie den Export, sondern es kommt dabei auch der Nohrzucker als Konkurrent mehr in Betracht als früher. Die Prämien helfen nicht; das haben auch die Interessenten selbs theilweise anerkannt ; es hilft allein eine Steigerung des Konsums durch Verbilligung der Zuckerpreise. 507 Millionen Mark sind an Prämien in die Taschen der Zuckerinteressenten geflossen, und wie {lecht haben die Unternehmer für ihre Arbeiter gesorgt.

Abg. Graf von Limburg-Stirum (dkons.): Jm Gegensag zu dem Vorredner behaupte ih, daß gerade die Zuckerindustrie für die arbeitende Bevölkerung in den Gegenden, wo sie betrieben wird, großen Segen bringt. Auch ih beklage, daß wir kein Schuytmittel gegen den amerikanishen Werthzoll haben; es ist traurig, daß wir nah Bindung unserer Zölle nicht in der Lage sind, uns mit gleichen Maßregeln zu revanchieren. Wenn die Zeit gekommen sein wird, werden wir daher zu Autonomie - Tarifen zurückehren müssen. Amerika hat mit feinen Zollmaßregeln den Verträgen direkt wider- sprohen; zu Zeiten des Fürsten Bismarck hätte so etwas nicht passieren können. Die Worte des Präsidenten der nordamerikanischen Union allein haben für uns keinen Werth, auch ist es nit wahrscheinlich, daß Dra Senat Anklang finden werden. Ob es aber der Würde des § eihs entspriht, fi einen offenen Vertragsbruh gefallen zu lassen, ist eine andere Frage. Jch zweifle niht daran, daß Amerika für die Aufhebung des Zuschlagzolls wieder Konzessionen unsererseits verlangen wird. Von der Gewährung solcher Konzessionen aber wird doch im Ernst keine Rede sein können. Das leßte Zuckersteuergeseßz weist denselben Fehler auf, welcher bei den jüngsten Handelsverträgen Ae worden ist. Man setzt bei den Gegnern und Konkurrenten

ohalität voraus, findet sie aber nicht. Bei der Abfassung des Ge-

seßes erwartete man, A die Konkurrenzländer gleichzeitig mit uns

mit der Ermäßigung der Ausfuhrprämien vorgehen würden. Das ift niht gesehen und. darum ift die N der deutschen Zuckerindustrie auf dem Weltmarkt dur das Ge von 1891 erheblich verschlechtert worden. Für unsere C kann nur der Gedanke der Kontingentierung Hilfe bringen unter SERGLI Bemühungen, ein internationale Regelung der Prämienfrage anzubahnen. y Die Interpellation is damit erledigt. Es folgt der mündlihe Bericht der Geschäftsordnungs- kommission über das Schreiben des Reichskanzlers wegen der strafrechtlihen Verfolgung des Abg. Liebknecht Soz.) wegen Majestätsbeleidigung. Die Kommission beantragt : ; Die vom Staatsanwalt am Köntglichen Landgericht T Berlin beim Reichstage nahgesuchte Genehmigung zur Einleitung des Strafverfahréns gegen den Neichstags-Abgeord- neten Liebkneht wegen Maijestätsbeleidigung während der Dauer der gegenwärtigen Sißungsperiode nicht gu ertbeilen. 4 Eingegangen ist folgende Resolution der: Abgg.JAdt (nl.) en.:4 /

Berlin, Montag, den 17. Dezember

Die Kommission für die Geschäftsordnung aufzufordern, unter Vorsitz: des Präsidenten des Reichstags alsbald den Entwurf einer Abänderung und Vervolkständigung derx. Geschäfts-

orduung auëzuarbeiten und dem Neichstage zur Beschlußfassung

vorzulegen, durch welchen die Disziplinargewalt ves Reichstags und des Präsidenten gegen ‘die Reichstagsmitglieder während“ dec Ausübung ihres Berufs in angemessener Weise verstärkt wird.

Referent Abg. Dr. Pies el (nl.): Die Geschäftsorduungs- kommission hat den Antrag des Reichskanzlers, betreffend Erthéilüng der Genehmigung des Reichstags zur \trafrechtlidhen Verfolgung des Ah Liebknecht, berathen. Nach zwei Richtungen wurde: eine UÜebèr- einstimmung der Kommission erzielt, mit Ausnahme des Abg. Singer : erstens, daß in dem Vorfall vom 6. Dezember eine Berletuna der Gefühle des Hauses und ein Verstoß gegen die Würde des Hauses zu sehen ist (Beifall). “Alle waren außerdem einig darin, daß die Mitglieder der sozialdemokrätischen Fraktion niht gezwungen werden könnten, an einer ihnen nit genehmen Obvation theilzunehmen. Was nun die Sache selbst anlangt, so _herrshte zunächst darüber Ueber- einstimmung, daß Abg. Liebkneht dur gerichtliches Verfahren der Theilnahme an den Sitzungen des Hauses nicht entzogen werden dürfe. Die Debatte drehte sih darum, ob in Art. 30 der Ver- fassung nah seiner Entstehung und feinem Sinne unter „Aeu- ßerungen“ nur ausgesprochene Meinungen verstanden werden müßten. Die große Mehrzahl der Kommissionsmitglieder war der Ansicht, daß unter „Aeußerungen“ fkonkludente Hand- lungen, also auh fkonkludente Unterlassung zu verstehen seien. Das entspricht der Praxis der Gerichte und der Auffassung der bedeutendsten Staatsrehtslehrer. Dann gingen die Meinungen aus- einander über die Frage, ob die „Aeußerung“ „in Ausübung des Berufes" erfolgt sei. Die Mehrheit der Kommission bejahte diese Frage. Von einer Seite wurde betont, daß in diesem Falle mit ganz besonderer Energie dem Antrage des Staatsanwalts entgegengetreten werden müsse, da es sih hier zum ersten Male um einen Nersuch einer Einmischung in innere Angelegenheiten des Reichstages handle und auch Art. 27 der Verfassung in Frage komme. Von einem Mitgliede aus der Minderheit der Kommission wurde die Ansicht ausgesprochen, daß die Immunität nur gelte für Aeußerungen, die in Ausübung des Berufes als solchen gefallen seien, und nur für die „berehtigten“ HYeußerungen Geltung haben fönne. Von anderer Seite wurde betont, daß es ih hier um ein politishes Vergehen handele, das von dem t sartifel nicht gemeint sei. Die Ablehnung des Antrags des Reichskanzlers erfolgte mit 9 gegen 4 Stimmen. Mir ist außerdem noch der ausdrücklihe Auf- trag geworden, dem Hause mitzutheilen, baß die Ablehnung erfolgt sei niht nur auf Grund des Art. 30, sondern auch des Art. 27. Es wurde sodann aus der Mitte der Kommission eine Resolution bean- tragt, daß die Geschäftsordnungskommission über eine Verstärkung der Disziplinargewalt des Meichstags - Präsidenten als nothwendiges Korrelat der Immunität der Abgeordneten Beschluß fasse. Nachdem die Mehrheit der Redner in der Kommission sih dagegen erklärte, rourde diese Resolution zurückgezogen.

Abg. Noeren (Zentr.): Das ganze Haus hat den Vorgang, um den es fich handelt, mißbilligt; bezüglih meiner Partei kann ih nur auf unsere langjährige politische Haltung hinweisen; wir haben als Vürger eines monarchischen Staats immer die s{huldige Ehrfurcht vor dem Monarchen bewiesen. Wir können uns aber nicht zu Be- schlüssen verleiten lassen, welhe für die Entwickelung unserer Ver- fassung von den bedenklihsten Folgen wären. Denn bei Annahme des Antrags des Staatsanwalts würde die Immunität der Abgeord- neten beseitigt; der Reichstag würde si selbs für unfähig erklären, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Ich habe die erste Nachricht für das Werk eines findigen Zeitungsreporters gehalten. Als si der Ernst der Nachricht herausgestellt, hai die öffentlihe Meinung fo einmüthig dagegen Widerspru erhoben, daß man die Zurückziehung des An- trags hâtte erwarten sollen. Man hätte dem Antrag eine Bedeutung nit weiter beigemessen, wenn man hätte annehmen können, daß der A der Initiative des Ersten Staatsanwalts in Berlin entsprungen sei. Allein die hierarhishen Verhältnisse der Staatsanwaltschaft ließen nicht annehmen, daß der Antrag ohne Anregung oder wenigstens ohne Genehmigung des Chefs der Süsitivétwvaitüng entstanden sei. Der neu ernannte Chef der Verwaltung hat dadur zum ersten Male Propria manu in die Privilegien dieses Hauses eingegriffen. Deshalb müssen wir uns prinzipiell mit der Sache beschäftigen. Der Antrag geht davon aus, daß der Vorfall eine Majestäts- beleidigung involvierte und daß Art. 30 auf diesen Fall nit anwendbar sei. Wir halten den Artikel für anwendbar, des- halb brauchen wir uns mit der ersten Frage nit zu befassen. Die Entscheidungen des Reichsgerichts find oft so seltsam ausgefallen. Das dreifache Hoh auf Seine Majestät den Kaiser is ein Akt der Hul- digung, der dadurch niht seines Werthes beraubt werden sollte, daß das Cinstimmen in das Hoch nit mehr ein freiwilliges ist. Ob eine Beleidigung vorliegt oder nicht, ist gleihgültig; der Art. 30 ent- scheidet. Die Deduktion eines der Régierung nahestehenden Blattes, daß der Abgeordnete aufhört, in der Ausübung seines Berufs zu han- deln, wenn er eine strafbare Handlung begeht, kann ih nit als richti anerkennen. Auch die Deduktion des Staatsanwalts , daß es ne) nicht um eine Aeußerung, sondern um eine Handlung handelt, ist juristisch nicht haltbar; wenn Handlungen strafbar sein sollen, aber Worte niht, so würde derjenige, der eine wörtlihe Majestätsbeleidigung begeht, \traffrei bleiben; derjenige, welcher sie dur die That begeht wobei noh fraglih ift, ob fie überhaupt strafbar ist würde zu bestrafen sein. Der Art. 30 is doch nur bestimmt dazu, den Abgeordneten völlige Unabhängigkeit und Freiheit der Bewegung zu faffen, nicht aber ein Feld für die juristishen Interpretationskünste der Staatsanwaltschaft herzustellen. Um die Streitfrage, ob unter dem Ausdruck der preußischen Verfassung: „Meinungen“ auch „Handlungen“ zu verstehen find, zu beseitigen, hat man in der Reichsverfassung den Ausdruck » Aeußerungen“ angewendet. Deshalb ift der Antrag zu verwerfen, weil sonst der Reichstag das Recht der Selbstdisziplin aus der Hand eben würde. Die Frage der Verstärkung der Disziplinargewalt ist rüher s{chon mehrfah verhandelt worden. Bei der leßten Gelegen- heit sprachen ih der Abg. von Helldorff und ‘der Fürst Hohenlohe, der jeßige Statthalter von Elsaß-Lothringen, dahin aus, daß der Reichstag mit ee sein Hausrecht wahren müsse. Wird doch in das Hausreht des Reichstags eingegriffen, so müssen wir den Eingriff zurückweisen , und zwar so, daß er niht wieder versucht wird. Es entspriht niht dèr Würde des Reichstags, daß seine Ver- handlungen von „einem Polizeibeamten durhgesehen werden, um zu sehen, ob der Reichstag in angemessener Weise seine Berufsthätigkeit erledigt hat. Meine Freunde haben nichts dagegen, daß eine Ver- härfung der Geschäftsordnung herbeige{ührt wird. Man kann sich darüber verständigen; aber im Anschluß an diesèn Fall können wir die Resolution nicht annehmen, weil wir damit eingestehen würden, daß wir dur dié Staatsanwaltschaft dazu veranlaßt sind. Wenn die Resolution doh angenommen werden sollte, so’ geschieht das unserer- seits niht, weil der Staatsanwalt dazu angeregt hat.

Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe:

Der Herr Vorredner hat mit Beredsamkeit das Reht der Im- munität des Reichstags vertheidigt; er hat Besorgnisse aus dem Antrag abgeleitet, denen ih entgegentreten muß.

Wenn er z. B. gesagt hat, daß künftig nah einer Sigzung der

1894.

Staatsanwalt aus den Aeußerungen, die hier ‘in der Sitzung gefallen sind, einen Grund zur Anklage entnehmen könne, so möchte i{ch ‘ur darauf hinweisen, daß es fih da eben um Aeußerungen, die gefallen sind, um Worte, daß es sich aber im vorliegenden Falle nicht um Aeußerungen, sondern um Thatsachen handelt. Jch möchte ¡unächst einmal die Thatsachen feststellen, wie sie gekommen sind. /

j In der Sißung vom 6. d. M. hat ein Theil der sozialdemokra- tischen Partei sich geweigert, aufzustehen bei dem Hoch, das auf Seine Majestät den Kaiser ausgebraht wurde. Diese Demonstration hat das monarhische Gefühl der Mehrheit des Reichstags, wie wohl nit be- stritten werden kann, verleßt. Gegenüber der allgemein fich geltend machenden Entrüstung der Mehrheit des Reichstags war der Herr Präsident, wie er selbst erklärte, niht in der Lage, Abhilfe zu schaffen und eine Sühne eintreten zu lassen. Unter diesen Umständen blieb zur Herbeiführung dieser Sühne nichts Anderes übrig, als die Hilfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen. (Heiterkeit bei den Sozialdemo- raten.) Der Reichstag sollte durch den Antrag des Staatsanwalts, den ih dem Reichstag übergeben habe, in die Lage verseßt werden, zu entscheiden, ob er die Verleßung seiner monarchischen Gefühle ahnden wolle oder niht. (Sehr gut! rets.)

Daß eine folhe Verleßung der monarchischen Gefühle der Majorität des Reichstags stattgefunden hat, geht auch aus dem Um- stande hervor, daß, wie man mir gesagt hat, und was ih nit zu bezweifeln habe, den sozialdemokratishen Abgeordneten mitgetheilt worden ist, es werde ein Hoh auf Seine Majestät den Kaiser aus- gebracht werden. Troßdem blieb ein Theil der Herren ging hinaus Herr Liebknecht sißen. Darin mußte der Reichstag, wie er es auch dur laute Kundgebungen bethätigt hat, eine Verleßung seiner Würde und seiner monarhishen Gefühle erblicken.

: Nun hat allerdings der Herr Abg. Liebkneht in einer späteren Sißung gesagt, er sei nur aus Zufall sißen geblieben und eine absicht- lihe Demonstration habe nicht stattgefunden. Jch will die Wahr- heit seiner Erklärung in feiner Weise in Zweifel ziehen; indessen möchte ich- doch fragen : warum hat denn der Herr Abg. Liebknecht geschwiegen, als dann der_ Herr Abg. Singer in einer sehr ges bâssigen Weise die Thatsahe des Sizenbleibens kommentiert und interpretiert hat? (Sehr richtig! rechts.) Das sind die Thatsachen, die mich dazu geführt haben, den Antrag des Staatsanwalts Ihnen zu überweisen. Sie haben, meine Herren, das Recht, darüber zu urtheilen und zu entscheiden, wie es Ihnen beliebt. (Bravo! rechts, Zuruf links.) j

Abg. Graf Mirbach (dkonf.): Der Abg. von Helldorf ift uns keine Autorität; wenn er aber noch hier in 10 Mitte fäle würde er wohl unserer Meinung sein. Der Abg. von Helldorf hat auh bei seinen Worten solche Der Reichstag hat nicht zu prüfen, ob der vorliegende Thatbestand zu einer Verurtheilung führen muß oder nicht, das sind nur theoretische Erörterungen. Bei {weren strafbaren Handlungen, und wo der Thatbestand durch die Dauer der Session einer Verdunkelung unter- liegen könnte, müssen wir dem Strafantrag Folge geben; aber meine Freunde vertreten auch seit einer Reihe von Salem die Ansidht, daß bei Majestätsbeleidigungen das Strafverfahren niht aufgehalten werden foll. Unser neulicher Antrag auf Ueberweisung an die Kommission war lediglich in diesem Sinne gestellt. Wir halten einfa an der Konsequenz unserer früheren Stellungnahme fest, wenn wir das Haus beute bitten, die Strafverfolgung zuzulassen. Nach den eigenen Erklärungen des Abg. Bebel über seine Stellung zur Krone treten die Sozial- demotraten aus dem Rahmen der bestehenden Staatsordnung voll- kommen heraus, und welche Konsequenzen man daraus ziehen fann, ist ziemli einfa. Der Refolution können wir unsere Zustimmung nit versagen. Der Präsident und namhafte Mitglieder des Hauses sind ja in Verbindung getreten, um eine Aenderung der Geschäfts- ordnung herbeizuführen, die ein größeres Strafmaß giebt, und wir sehen diese Nothwendigkeit ein. Man wird mir nicht vorwerfen, daß ih jemals die Stellung, welhe mir die preußische Verfassung im Herrenhause und die Reichsverfassung hier anweist, irgend- wie verdunkelt oder verschoben hätte. Ich stehe mit allen meinen Freunden auf dem Standpunkt, daß wir für uns die völlige Ünabhängi feit de lege ferenda in Anspruch nebmen und ebenso den Schuß, den uns Art. 30 nach dieser Richtung gewährt. Ich habe mih stets bemüht, diese Auffassung zu be- thätigen und in die Praxis zu übertragen. Aber auf welchem Stand- punkt man sonst auch steht, so muß män doch zugeben, daß in diesem Privilegium und der unbeschränkten Redefreiheit für uns ein Kompelle und ein nobile officium dem Bundesrath: gegenüber und niht an leßter Stelle den verbündeten deutschen Fürsten gegenüber liegt: ein nobile officium, ihnen die Ehrfurht zu geben, die wir ihnen allezeit geshuldet haben. Und von diefem Standpunkt aus werden meine Freunde in allen Fällen, wo es sih um die Verleßung eines Souveräns handelt, die Strafverfolgung eintreten lassen.

Abg. Singer (Soz.): Der Vorredner hat also einfah die Billi- gung für einen Versafsungsbruh ausgesprochen, denn es handelt sich nicht bloß um die Immunität des einzelnen Abgeordneten, sondern vor allen Dingen um die Aufrechterhaltung und Ausführung der Ver- fassung. Allerdings beruht unsere Haltung auf der Konsequenz unserer Anschauungen; aber wir fallen dadurch niht aus dem Rahmen der jeßigen Staatsordnung heraus, denn auf dieser (der ned Seite des Bundesraths len Männer, welche Vertreter von Republiken sind und mit dem Abg. Grafen Mirbäch wohl nicht einverstanden sind. Der Reichskanzler meinte, es sei nichts Anderes übrig geblieben, als die Hilfe der Gerichte anzurufen. Das kommt {ließlich darauf hinaus, daß ein Gendarm hier stationiert wird, der bei jeder Ungehörigkeit, gegen die der Präsident nicht einschreiten kann, den Uebelthäter zum Hause hinausbefördert. Dem Zeritrum dürfte es niht unbekannt sein, daß ein ihm nahe stehender Landes- vertreter, Herr Ruhland, beim Hoh auf den Monarchen i q blieben ist. Ueber den Artikel der „Norddeutschen Allg. Z." will ih nicht reden ; es ist ihr eine grobe Fälshung nachgewiesen, sie hat die- selbe noch nit widerrufen. Ob die Regierung si“ dieses Blattes bedient, ist ihre Sache. Aber wichtiger ist die offiziôse Presse des Ministers des Innern von Preußen, die „Berliner Korrespondenz“. Sie spricht auch von dem Sturm Parr er Entrüstung sogar im Volke. Mir ist davon nichts bekannt geworden. Es sind freilich {hon andere Entrüstungsstürme hervorgerufen worden; warum niht au diesmal? Wenn der Sine des Innern Ent- rüstungsversamwmlungen inscenieren will ih w H ür jeks einzelne zehn entgegenseßen, die das Gegentheil thun werden. enn die „Be liner Korrespondenz“ bei Ablehnung des Antrags mit anderen geséßzl Bestimmungen droht, fo müsen wir doch at die früheren Vorgänge zurückfommen. Beim sogenannten Maulkor geleb hat u ezeigt, daß ‘mit Ausnahme der Rechten niemand gewillt war, die si disziplin des, Reichstags zu: beschränken, Der national-liber Prâä- sident von Simson hat ih damals entschieden gegen jede Béschtär

orkommnisse niht im Auge gehabt. *