1874 / 140 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Wed, 17 Jun 1874 18:00:01 GMT) scan diff

naleisenbahnen zwishen 1) Neustadt a/Aisch und Windsheim, 2) Dombühl und Feuchtwangen, 3) Biefenhofen und Oberdorf, 4) Aibling und Au und 5) Sinzing und Mittelalling in Aus- fiht genommen.

_— Nah einem dem Finanz - Aus\{husse der Abgeordneten- kammer vom Kriegs - Ministerium zugegangenen Ausweise zählt das bayerische Heer noch nachstehende Age Offizier s- chargen: 2 Obersten, 8 Oberst-Lieutenants, 1 Major, 2 Haupt- leute I. Klasse, 72 Hauplleute 11. Klasse, 167 Premier - Lieute- nants,-8 Kanzlei - Sekretäre, 19 Bataillons - Auditeure und 7 Garnisons-Apotheker.

Sachsen. Dresden, 16. Juni. Die Juristenfakultät zu Leipzig hat ihren Dekan, Professor Dr. Friedberg, zum Mitgliede der evangelish-lutherishen Landes\ynode ernannt.

Württemberg. Dem „St. A. f. W.“ zufolge is am 12. in Ulm eine Kommission, bestehend aus preußischen, bayerishen und württembergishen Offizieren und Militär- beamten, zusammengetreten, welhe die Regelung der Festungsverhältnisse zur Aufgabe hat.

Baden. Karlsruhe, 15. Juni. Gestern haben \ihch der Großherzog und die Großherzogin nach Baden zum Besuch der Kaiserin Augusta begeben und kehrten am Abend nah Karlsruhe zurü.

Heute Vormittag fuhr die Großherzogin der Deutschen Kaiserin, welhe Baden 35 Minuten nah 12 Uhr verlassen hatte, bis Dos entgegen und begleitete Ihre Majestät auf der Fahrt nah Karlsruhe, wo die Kaiserin 30 Minuten nach 1 Uhr eintraf und von dem Großherzog und dem Erbgroßherzog, sowie der Prinzessin Victoria und dem Prinzen Ludwig Wil- helm auf dem Bahnhofe empfangen wurde. Nah einem Auf- enthalt von 20 Minuten sehte die Kaiserin die Reise fort.

Mit der Deutschen Kaiserin war auch die Herzogin von Hamilton, Prinzessin Marie von Baden, zum Besuch der Großherzoglihen Familie hier eingetroffen und kehrte am Nach- mittag nah Baden zurück. 528 f 22

Sefssen. Darmstadt, 15. Juni. Der Prinz und die Prinzessin Karl und Prinz Wilhelm sind heute Nachmittag aus Hohenshwangau wieder hier eingetroffen.

Der Ministerial-Rath Finger hat sich zum Zweck der Theilnahme an den Berathungen des Bundesrathes über die Gesezentwürfe in Betreff der Gerihhtsorganisation, Strafprozeß und Civilprozeß, am Gestrigen nah Berlin begeben.

16. Juni. Die heute zur Ausgabe gelangenden Nrn. 29, 30, 31 und 32 des Großherzoglichen Regierungsblatts publiziren: 1) das Geseg, betreffend die neue Verwaltung der Kreise und Provinzen d. d. Mainz, 12. Juni 1874, 2) das Ge- seß, betreffend die Städte - Ordnung für das Großherzogthum Hessen, d. d. Mainz, 15. Juni 1874, 3) das Gesetz, betreffend die Landgemeinde - Ordnung für das Großherzogthum Hessen, d. d. Darmstadt, 15. Juni 1874, 4) das Gesetz, betreffend das Volks\hulwesen im Großherzogthum, d. d. Darmstadt, 16. Juni 1874.

Die Zweite Kammer der Stände erledigte in ihrer gestrigen (65.) Sizung den noch übrigen Theil des Na ch- tragsbudgets im Allgemeinen gemäß der Regierungspropo- fition. Hervorgehoben verdient zu werden, daß die Besoldungs- Erhöhungen bezüglih der Lokal-Medizinalbeamten, der Mitglié- der der Ober-Baudirektion, der Lokal-Kameralbeamten, einer Zabl von 4 Forstmeistern, der Kreis-Baumeister und Kreis- Bauaufseher, der Baufaufseher nur für die gegenwärtigen- In- haber dieser Stellen bewilligt wurden ; dasselbe gilt von der Ge- haltserhöhung des Dirigenten der Ober - Rehnungskammer- Justifikatur 1. Abtheilung, sowie der der Beamten der Ober- Forst- und Domänendirektion. Diese erwähnten Beschränkungen wurden indessen niht ausgedehnt auf die zu gewährenden Ascendenzgehalte bei Vorrücken der betr. Beamten in die höhe- ren Gehaltsflafsen ihrer Kategorie.

Die Gehaltsverhältnisse der Oberförster wurden neu regulirt derart, daß in Zukunft je 18 Oberförster 3800, 3300, 2900 und 2500 Mark beziehen; ein Antrag des Abg. Franck, die Gehalte der Stadt- und Landgerichts-Affessoren in gleiher Weise zu nor- miren, wurde abgelehnt. Weiter wurde die Regierung ersuht, alle die Beamten, die nah dem Nachtragsbudget wegfallen und nicht sofort anderweit verwendet werden können, zu pensioniren, sowie den Fiskalanwalt in Oberhessen, dessen Gehaltserhöhung abgelehnt wurde, in Ruhestand zu versezen, endlih das mit Ver- anlagung, Kontrolirung und Erhebung der Weinsteuer betraute Personal zu reduziren.

17. Juni. (W. T. B.) Bei der Ersabwahl zur Abgeordnetenkammer für den * verstorbenen Abgeordneten Hofsmann wurde der Kandidat der Fortschrittsparici, Präsident der Handelskammer Franz Weber, mit 35 Stimmen gegen den Kandidaten der konservativ-liberalen Partei Buchner, welcher nur 24 Stimmen erhielt, zum Abgeordneten gewählt.

Jugenheim, 15. Juni, Ihre Majestät die Kaiserin- Königin Augusta stattete heute auf der Durchreise von Baden nach Coblenz Ihrer Majestät der Kaiserin von Ruß- land einen Besuch auf Schloß Heiligenberg ab, woselbst si au Se. Königliche Hoheit der Großherzog und Se. Groß- E e Hoheit der Prinz Ludwig zur Tafel eingefunden

atten. Pan

_ Mainz, 17. Juni. (W. T. B.) Nachdem gestern Vor- mittag zunächst eine größere Anzahl von Mitgliedern des Katholikenvereins einer vom Bischof Ketteler celebrirten Messe und Kommunion beigewohnt hatte, fand die erste geshlo}sene Sizung des Katholikenvereins statt. Es wurden drei Aus- \{chü}se gebildet und zwar 1) für die soziale Frage Vorfißen- der Domkapitular Moufang, 2) für Wissenshaft Vorsizender Molitor, 3) für Formalien Vorsizender Prof. v. Biegeleben. Lerauf wurde um einem Einschreiten gegen den Verein auf rund des preußishen Vereinsgesezes vorzubeugen auf Vorschlag des Vorstandes mit allen gegen eine Stimme eine Aenderung der Statuten dahin beschlossen, daß der §. 10 betreffs der Wanderversammlungen aufgehoben wird, und daß alljährlih in Mainz, als dem Sitze des Vereins, eine Generalversammlung abgehalten werden soll. Die Statuten- änderung tritt bereits mit dem 1. k. Mts. in Kraft. Die Versammlung {loß mit der Verlesung einer amerikanischen Sympathie-Adresse. Mittags fand ein Festbanket ftatt, bei wel- hem Bischof Ketteler den ersten Toast auf den Papst, der heute den 28. Jahrestag seiner Wahl im Konklave begehe, ausbrachte. Frhr. v. Frankenstein folgte mit einem Trinkspruhe auf den Großherzog von Hessen, den Deutschen Kaiser und alle deutschen Bi Srhr. v. Loë \{chloß mit einem Hoh auf die

öfe.

Sachseu - Weimar - Eisenach. Weimar, 15. Juni. Am 19. Juni kehren die Großherzoglihen Herrschaften

Ley mehren T Abwesenheit in den Niederlanden hierher zurü.

Das Gesetz, welches auch guf die vierfinnigen Kinder den Shulzwang ausdehnt, ist nunmehr publizirt worden. Nach demselben sind alle Kinder in die Großherzoglihe Taub- stummen- und Blindenanstalt, nach thunlihfter Vorbereitung derselben in der Volks\hule, zu bringen, soweit niht ihr geistiger oder körperlicher Zustand dies unmöglich macht, oder soweit niŸt nahweislich für besondere Erziehung anderweit gesorgt ist. Die Dauer des Aufenthalts in der Anftalt umfaßt 3 Jahre, und zwar erfolgt der Eintritt im 7., der Austritt nach vollendetem 15. Lebensjahre. Um den Widerstand der Eltern u. #. w. gegen diese Maßregel, die ihnen finanzielle Opfer auferlegt, da sie im Unvermögensfalle der Gemeinden für die Ausstattung der Kinder mit Kleider und Wäsche sorgen, auch ein Pflegegeld zahlen müssen, zu béseitigen, beftimmt das Gesetz, daß diejenigen Eltern, welche ein \solhes Kind ohne genügenden Grund der Anstalt vorenthalten, mit Geldstrafe bis zu 150 Mark resp. mit Haft zu belegen sind. Auch können solche Kinder auf Antrag der obersten Schulbehörde wider Willen der Eltern in die An- ftalt gebraht werden.

Sachsen-Coburg-Gotha. Coburg, 15. Juni. Der Herzog hat fich gestern nah Bremen zu einem mehrtägigen Besuch der dortigen landwirth\shaftlihen Ausstellung begeben.

Gotha, 14. Juni. Der Speziallandtag des Herzog- thums if vertagt worden und der Staats-Minister von Seebach nah Berlin gegangen, um den Verhandlungen des Bundesrathes beizuwohnen. Der Geseßentwurf über das Vereinswesen is un- erledigt geblieben.

Desterreic-Ungarn. Wien, 16. Juni. Der Kaiser besuchte gestern das Lager bei Bruck a. d. Leitha. Der Kron- prinz ist in Krems eingetroffen.

Am 27. oder 28. d. M. trifst, wie die „Wien. 3. mit- theilt, eine von dem Großfürsten Constantin Nikola- jewitsch und zwei Generalen geführte militärische Deputation aus St. Petersburg hier ein, um den Kaiser zum 25 jährigen Jubiläum als Ritter des Kaiserlich russishen St.-Georg-Ordens zu beglückwünschen.

_ Das Reichsgesezblatt veröffentliht den Postvertrag vom 21./9. Mai 1878 zwishen Oesterreih-Ungarn und Ruß- land. (Abgeschlossen zu St. Petersburg am 21./9. Mai 1873, von Sr. Kaiserlihen und. Königlihen Apostolishen Majestät ratificirt am 24. März 1874 und in den beiderseitigen Ratifi- cirungen ausgewechselt zu St. Petersburg am 9. April (28. März) 1874); das Geseß vom 19. Mai 1874, betreffend die theilweise Aenderung und Ergänzung des Uebereinkommens mit der priv. Südbahngesellshaft vom 13. April 1867 (R. G. B. Nr. 69); das Geseß vom 24. Mai 1874 in Betreff der Bedingungen und Zugeständnisse für die Aktiengesellshaft der Lemberg-Czernowiß- Jassy-Eisehbahn zum Behufe der Fortseßung hrer Bahnlinien von Lemberg bis zur Landesgrenze bei Netreba (Tomaszów); die Kundmachung des Acerbau-Ministeriums vom 1. Juni 1874 über die Auflösung der Forst- und Domainen-Direktion für Steiermark und Kärnten und die Uebertragung ihrer Amts- geshäfte an die Forst- und Domänen-Direktionen in Wien und Görz.

Am 15. Juni starb auf der Großpriorats-Domäne Stra- koniß der Großprior des souveränen Maltheser-Ordens in Böh- men Franz Graf Kolowrat-Krakows ky.

Peft, 15. Juni. In der morgigen Sitzung des Unter- hauses werden die Gesezentwürfe über die Temesvar-Orsovaer Bahn und Abänderun@ der Raab-Oedenburger Konzessions- Urkunde vorgelegt. Der Aus\{chuß des Oberhauses empfiehlt die Annahine der Notariatsvorlage ohne Aenderung.

Schweiz. Bern, 13. Juni. (W. T. B.) Der Stände- rath genehmigte heute einen Nachtrag zu der zwischen Frankreich, Jtalien, Belgien und der Shweiz am 23, Dezember 1865 ab- geshlossenen Münzkonvention, welhe den Werthbetrag der silbernen Fünffrankenthaler feststellt, die die betheiligten Mächte im Jahre 1874 prägen oder prägen lassen dürfen, näm- lih für die Schweiz 8,000,000 Fres., Belgien 12,000,000 Fres., Franfreih 60,000,000 Frcs. und Italien 40,000,000 Frcs. Auf diese Summe sind die am 31. Christmonat 1873 ausgegebenen Münzscheine mitgerehnet, nämlich von Belgien für eine Summe von 5,900,000 Frcs., von Frankreih für eine Summe von 34,968,000 Fres. und von Italien für eine Summe von 9,000,000 Jrcs. Außerdem ist Italien ermähtigt, noch für 20,000,000 Jrcs. silberner Fünffrankenthaler im Jahre 1874 zu prägen, welche jedoh als Reservefonds unter Garantie der italienischen Regierung in den Kassen der italienischen Nationalbank bis nah einer neuen Münzkonferenz, welche im Januar 1875 zu Paris stattfinden soll, aufzubewahren sind.

16. Juni. (W. T. B.) Der Bischof Lachat hai mittelst direkter Eingabe an die Bundesversammlung den Antrag gestellt, die Rekurse gegen seine Amtsentsezung bis zur Wintersession zu verschieben. Die Baseler Diöcesanstände haben dagegen den Wunsch zur sofortigen Berathung darüber ausge- prochen. Der Nationalrath überwies die Anträge an die betreffende Kommission.

Niederlande. Haag, 16. Juni. (W. T. B.) Nah einer über Penang hier eingegangenen amtlihen Meldung des Obersten Pel, Kommandanten der niederländischen Truppen in Atchin, haben die Atchinesen am 10. d. mit zahlreichen Kräften einen Angriff auf die niederländischen Verschanzungen, namentlich auf die Stellungen bei Blangoe unternommen. Der Angriff wurde nach einem heftigen Kampfe unter großem Ver- luste der Feinde zurückgewiesen. Der Gesundheitszustand der Truppen is wenig befriedigend.

Großbritannien und Jriand. Queenstown, 16. Juni. (W. T. B.) Henry Rochefort is heute auf dem Dampfer „Parthia“ hier eingetroffen und nah Dublin weiter- gereist. Aus der vor dem Hotel Rocheforts und am Bahnhofe zahlreih versammelten Menge ließ fich vielfah der Ruf: Nieder mit Rochefort! vernehmen.

Frankreich. Paris, 15. Juni. Zwischen der“ öster- reihischen und der französischen Regierung is ein Abkommen ge troffen worden, das dahin geht, daß fernerhin an allen französishen öffentlihen Kassen die öfterreihishén Vier- und Achtgulden in Gold an Zahlungsstatt angenommen werden. Oesterreich seinerseits hat dasselbe Zugeständniß für fran- zösische 10- und 20-Francsfstücke gemacht.

16. Juni. (W. T. B.) Es bestätigt \ih, daß der franzöfische Gesandte in London, Herzog von La Rochefou- cauld-Bisaccia, seine Entlassung eingereiht hat. Der deutsche Botschafter, Fürft Hohenlohe, wird sh morgen zum Besuch der internationalen landwirthschaftlihen Ausftellung nah Bremen begeben.

17. Juni. (W. T. B.) Sadyk Pasha wird am Freitag nach Konstantinopel abreisen.

Versailles, 16. Juni. (W. T. B.) Fünf Deputirte, unter ihnen der Kriegs-Minister de Cissey, welche bei der gestrigen Abstimmung über den Antrag Periers nah der vom „Jour- nal officiel“ veröffentlihten Abstimmungsliste fch ihrer Stimme enthalten, resp. für die Dringlichkeit des Antrages gestimmt haben sollten, erklärten in der Feutigeii Sitzung der National- versammlung, sie hätten gegen die Dringlichkeit gestimmt, fo daß die gestrige Majorität in Wirklichkeit nicht vorhanden ge- wesen sei. Der Marquis von Franclieu beantragte deshalb, die gefrrige Abstimmung für ungültig zu erklären. Der Präsident der Nationalversammlung erwiderte dem Antragsteller, daß die Versammlung zwar ihre Beschlüsse abändern, eine einmal veri- fizirte Abstimmung aber nicht für ungültig erklärt werden könne. Der Zwischenfall war damit beendigt. Die Versammlung erledigte heute weiter die Berathung über den Antrag Tirard, die Fabrikation von goldenen und filbernen Bijouteriewaaren für den Expoxt nach dem Auslande ohne eine Kontrolle ihres Feingehalts zu gestatten. Der Antrag wurde mit 371 gegen 302 Stimmen abgelehnt.

Der Bericht der Dreißigerkommission über die an fie gestern zur Vorberathung überwiesenen Anträge Perier und Lambert de St. Croix wird niht vor vierzehn Tagen erwartet.

Spanien. Das von der „Gaceta“ veröffentlihte Run d- \hreiben an die Vertreter Spaniens im Auslande lautet wie folgt:

Herren Ich übersende Ew. Excellenz das Manifest, wel- ches das neue Ministerium an das Land gerichtet hat, in dem es seine Bedeutung für die Gegenwart und seine Bestrebungen für die Zukunft darlegt. Um den Gedanken der Regierung ‘zu vervollständi- gen, glaube ich mich verpflichtet, Ew. Excellenz den Geist kund zu geben, der das Ministerium in seinen internationalen Beziehungen be- jeelt, sowie die Ansicht, die es sich über die besondere Stellung gebil- det hat, in welche es die jüngsten Ereignisse zu den fremden Mächten bringen, indem es wünscht, es möchte seinem Stillschweigen keine ver- kehrte Deutung gegeben werden, und daß die Böswilligkeit seine wah- ren Absichten nicht entstellen könne. j

Nach einem langen Zeitraum von Kämpfen und Krämpfen findet sih heute Spanien in so \{chwierigen Umständen, daß es alle seine Kräfte in sih zusammenfassen uud auf seine innere Lage alle Gedanken und alle Sorgen der öffentlichen Gewalt richten muß, um frei von Schrecken, Gewaltthätigkeiten und Kriegen, zur feierlichen Ausübung der Souveränetät zurückzukehren und unwiderruflich über seine künf- tigen Geschicke zu entsheiden Fern war dieses Ziel als das Heer aufgelöst oder zuchtlos, das Prinzip der Autorität ges{chwächt, Pro- vinzen und bedeutende Städte eine Beute des Carlismus und der Anarchie, alle Banden zerrissen, alle Bürgschaften mit Füßen getreten, die Nation von den Aufständischen und die Regierungen von der Unfähigkeit vershlungen die unzerstörbare Einheit des spamschen Vaterlandes am Vorabend der Auflösung zu sein schien. Aber seitdem, Dank der Thatkraft der Ministerien, die uns vorangegangen find, und Angesichts der Gefahr, welche die Gesellschaft bedroht, ein Aft von Männlichkeit, der nicht sowohl dem Lande aufgedrängt, als in der Entrüstung und dem Ehr- gefühl, die es beherrschten, entsprungen, war, die Kantonalen aus Car- tagena, ihrem leßten Zufluchtsort, vertrieb und die wahnsinnigen Hoffnungen der Absolutisten in_ den Bergen von Somorrostro vernichtete, hat die Sahe der Ordnung und der Freiheit ihren Triumph für eine nicht ferne Zeit endgültig gesichert; die De- magogie hat sih genöthigt gesehen, ihr s{warzes Banner einzuziehen, und die fanatischen Parteigänger der Vergangenheit haben aufge- hört, selbst den Kleinmüthigsten Angst und die Muthlosigkeit einzu- flößen, welche diejenigen niemals empfunden haben, die, bekannt mit den Wechselfällen unserer Geschichte, wußten, daß die Lebenskraft und die Ausdauer des spanischen Volkes nah dem Maß seines Unglücks zu wachsen und zu erstarken pflegt.

Aber weil sich unsere innere Verwaltung merklich verbessert hat, können wir noch nicht den internationalen Angelegenheiten, welche in diesen Augenblicken die Aufmerksamkeit der fremden Kabinete fesseln, eine tvirfsame, stetige Thätigkeit zuwenden, noch werden uns zu einem Heraustreten aus unserer bescheidenen Haltung und zu einem Hervor- treten mit ftolzen Ansprüchen die ruhmreichen Erinnerungen an unser altes Uebergewicht ein hinreichender Anreiz sein. Nur in der unwahr- \cheinlihen, unzuläjsigen Annahme, daß unsere legitimen Interessen beeinträchtigt. die Ehre der Nation augegriffen oder die Integrität des Gebietes bedroht wäre, würden wir diese Haltung ver- lassen, um keinem anderen Rath zu folgen, als dem der Vaterlands- liebe und um unser Recht mit der Hülfe Gottes und der Anstrengung dieser edlen Nation zu vertheidigen. Die gegenwärtige Regierung, die in der Gemeinschaft der großen Ideen der Neuzeit lebt, deren um- fassender Geist häufig die enge Form der gewöhnlichen Acußerlichkeiten durhbrochen hat, hofft die amtlihe Bestätigung des freundschaftlichen Einvernehmens, das sie mit den übrigen Regierungen erhält zu er- langen nit dur demüthige Schritte, die unserer Würde verboten sind, sondern indem fie die Verwirklichung dieses Wunsches aus der Bedeutung unserer eigenen Handlungen erwartet und sie sagte vielleicht nicht zu viel, wenn sie beifügte: von der Gerechtigkeit und dem Vortheil der auswärtigen Mächte selbst. Es vereinigen uns mit denselben die stärksten politischen Bande, welche weder Intriguen noch Ehrgeiz lösen, welhe herkömmlichen Mißtrauen und Antipathien widerstehen, Bande, die das gegenseitige Interesse knüpft und die ge- meinsame Gefahr enger bindet. Unter anscheinend verschiedenartigen Verhältnissen bieten fih der civilisirten Welt identishe Probleme, die identishe Hindernisse und Verwickelungen für den Gang der Politik in sich \chließen. Die Unterdrückung der Entfernungen, die wunder- bare Zunahme des Handels, der fortwährende Verkehr der Völker, der Kosmopolitismus des Gedankens, die Aehnlichkeit der repräsenta- tiven Einrichtungen, Alle? wirkt dazu mit, um den Widerstand zu ver- allgemeinern und die Solidarität der Regierungen herzustellen.

Manche bemessen die Bedeuiung der Konflikte nah der Bedeutung des Orts, in dem sie materiell entstehen, betrachten sie mit gewisser Gleich- gültigkeit und achten sie für durchaus fremd, weil sie nicht in der Nähe und für den Augenblick die Interessen berühren, die p vertre- ten und vertheidigen; als ob heute die Vereinzelung möglich und die Ansteckung nit unvermeidlich wäre. Da wo die gesellschaftliche Ord- nung gegen ‘die Kommune, für die Eroberung des modernen Rechts gegen die Ansprüche abgelebter Systeme gekämpft wird, da sind, da jollen wenigstens sein die Sympathien der vorsihtigen und besonnenen Regierungen, welche sih von den Grundsäßen einer gesunden Politik und eines wohlverstandenen Egoismus leiten lassen.

Vor wenigen Monaten lasteten auf Spanien drei Bürgerkriege, durch_keinerlei Ungerechtigkeit hervorgerufen, entstanden in der Hiße schlechter Leidenschaften und trauriger Verirrungen: einer in Cuba, wo uns, den Entdeckern und Civilisatoren von Amerika, dieses letzte Stüûck Erde bestritten wird, auf dem wir nicht sowohl für unser An- sehen und unsern Einfluß in der neuen Welt als für unsere Ehre kämpfen, die wir unversehrt der Geschichte vererben müssen; der zweite in den basfishen Provinzen, welche eine seit 40 Jahren endgültig verlorene Sache zu erwecken suchen und \{chließlich die lebe befiegte föderale Erhebung, die sich erdreistete, ihre vatermörderische Hand

gegen die unabänderlihe, mit dem Blut von fo vielen Generaticnen gekittete spanische Nationalität zu erheben. Zwei von diesen Kriegen lodern noch auf unserem Boden, mähen die Blüthe unserer Jugend nieder und legen uns große s{merzliche Opfer auf, während sih im Schooße unserer verwirrten Gefellshaft die Elemente rühren, welche den dritten zum Aergerniß für Jn- und Ausland angestiftet haben. Nicht allein Spanien ift bei dem Ausgang solher Kämpfe be-

theiligt. Europa, ruhig und glücklich, während wir uns für ihre Durchführung aufreiben, kann sich zu ihren Ergebnissen nicht völlig fremd verhalten. Zwar erscheint das Flibustierthum nur bewaffnet, um unsere kostbaren Antillen der Botmäßigkeit gegen das Mutterland

zu entreißen. Aber wenn das Recht Spaniens tödtlich getroffen würde, blièle das der andern Nationen, welche Besißthümer jenseits der Meere haben, heil und siher? Hat man vielleicht das Gedächtniß für die scredlichen Aufstände der Kolonien in der zeitgenössi]hen Periode verloren? Zwar hat allein in Spanien der Fanatis- mus die Unwissenheit zu den Waffen gerufen, unter Be- nußung von Umständen, die seinen Zwecken günstig waren; aber wahr ist es auch, daß, bei aufmerksamem Hinhorchen ein fernes, wachsendes Donnern zu uns dringt, welches tiefe religiöse Bewegungen anzeigt, troß der Duldsamkeit, deren \sich das 19, Jahrhundert rühmt. Von der propagandistishen Demagogie, welche unter wechselnden Formen und Namen, bald am hellen Tag, bald in geheimnißvollen Zusammenkünften die breiten Grundlagen der Gesellschaft untergräbt und welche eine neue, von den Aposteln toller Fieberphantasien geträumte Zeit gründen möchte, indem sie Alles, was es Achtungswerthes und Geheiligtes im menschlihen Gewissen giebt, von der Idee des Vaterlands bis zur Gründung der Familie anzu- greifen sih nicht {heut von dieser Demagogie wäre unser Vater- land nicht die einzige Beute und nicht das ausschließliche Opfer ge- wesen, wenn sie zu Aller Unglück dahin gelangt wäre, ihre blutige Fahne auf den Ruinen unserer Städte aufzupflanzen.

In diesem umfassenden allgemeinen Sinne betrahtet das gegen- wärtige Kabinet die Aufgabe, welhe das öffentlihe Wohl und die Umstände ihm auferlegt haben und die, wenn sie auf der einen Seite eine äußerst {were Verantwortlichkeit in sich |chließt, auf der andern, wenn ihm das Glück nicht abhold ist, ungeheure, fruchtbare Ergeb- nisse haben kann. Es besorgt also nicht, daß in einer so kritischen Lage und da es als bescheidener, aber entschiedener Kämpfer für die Sache der Ordnung, der Freiheit und des Fortschritts, welche zugleich die Sache der gesitteten Welt ist, auftritt, diese die wirksame Unter- stüßung ihrer Sympathien verweigern werde, indem sie in Etval die Integrität und die regelmäßige Form der diplomatischen Beziehungen verkümmert. Die öffentliche Meinung, welche die Regierung der Staaten lenkt, billigt niht die Enge des Denkens noch die Regungen des Miß- trauens, welche die Beweggründe der äußeren Politik zu sein pflegte, als diese noch in dem Dunkel der Kabinete ausgearbeitet ward, um nationale Rivalitäten und rein dynastischen Chrgeiz zu befriedigen. Die öffentliche Meinung, gegründet auf große Gefühle von Gerechtig- keit und große allgemeine Ueberzeugungen, hat einen Wiederhall in allen Sprachen und einen Heimathsschein in allen Ländern, und die, welche in Sparien so gebieterisch wie beredt unsere Pflichten vorge- zeichnet hat, kann nicht dahin führen, uns von der Gemeinschaft der Bestrebungen zu trennen, welche uns auch sonst die untergeordneten Zwisten sein mögen, den herzlichen grcßartigen Einklang des modernen Europas bildet. j)

Indem sih Ew. Excellenz von diesen Gefühlen erfüllt, und die vorstehenden Betrachtungen remittirt in Ihrem Verkehr mit den Staatêmännern, die Sie besuchen, werden Sie mit gewissenhafter Treue den Gedanken der Regierung auêlegen, deren ehrbare Absichten niht das Geheimniß suchen, um sich zu verwirklichen, sondern die im Gegentheil in der weitesten Oeffentlichkeit den Beifall Aller finden müssen, zu deren Kenntniß sie gelangen. Um kurz zu sein, die Regie- rung, welche vor Allem die innere Ordnung herzustellen und der Ber- wirrung, welhe noch das Land erschüttert, ein Ende zu machen trachtet, will nicht mit Ansprüchen irgend welcher Art vor den auswärtigen Mächten erscheinen; aber sie glaubt, es sei deutlih, daß das Werk, welches begonnen i|st, um den offentlichen Frieden in einer von starken feindlihen Elementen verirr- ten Nation zu befestigen, um das dur unbegreiflihe Shwachheiten herabgewürdigle Prinzip der Autorität zu erheben, und gleihermaßen die Verirrungen der Anarchie und die blinde Hartnäckigkeit des Ab- solutismus zu zügeln, ein universelles Werk ist, das nicht innerhalb unserer Grenzen abgeschlossen werden kanu und das außerhalb dersel- ben in seinem ganzen Werthe und seiner ganzen Bedeutung geschäßt werden muß, sowohl wegen der gegenseitigen Verwandtschaft der Jn- teressen und der edlen Sympathien, die es erwecken muß, als auch wegen des unzweifelhaften Einflusses seiner Folgen. :

Das Ministerium zweifelt nicht, daß sich seine patriotischen Wünsche erfüllen werden, indem es die Gesellshaft und politischen Interessen, die ihm anvertraut sind, rettet, und daß- das spanische Volk am Schlusse einer außerordentlichen Lage, die durch den Erlaß der Umstände geschaffen ist, feste Bürgscaften moralischer und mate- rieller Ordnung finden wird, die ihm gestatten, bei der regelmäßigen Ausübung der Repräsentativ-Einrichtungen ohne fremden Druck und in aller Reinheit seine wabren Empfindungen und seinen souveränen Willen kund zu gebe

Diesen Brief, den ih die Ehre habe an Ew. Excellenz auf Be- fehl des Herrn Präsidenten der Exekutivgewalt der Republik und auf Beschluß des Ministerraths zu richten, sowie das Manifest, das ihn begleitet, können Sie dem dortigen Minister der auswärtigen Angele- genheiten vorlesen und auf Verlangen von beiden Aktenstücken Ab- schrift lassen. Madrid, 22. Mai 1874, Anugusto Ulloa.

Barcelona, 16. Iuni. (W. T. B.) Ein von dem Car- listenführer Saballs versuhter Angriff auf Felin Gixols bei Gerona ift abgeshlagen worden.

Santander, 16. JIuni. (W. T. B.) Gerüchtweise ver- lautei, die Regierungstruppen hätten bei Lodosa einen großen Sieg über die Carlisten davongetragen; es fehlt in- deß bis jet jede amtlihe Bestätigung. General Echague operirt gegen die linke Flanke der Carlisten in der Rihtung des Ge- biets von Cinco-Villas (Navarra) ; General Concha richtet seinen Vormarsch gegen die Südseite von Estella.

Italien: Rom, 17. Juni. (W. T. B.) Das amtliche Blatt veröffentliht eine Königliche Verordnung, welche die Vertagung des Parlaments ausspricht.

Der Minister-Präsident Minghetti ist heute nah Bayern abgereist.

Im Vatikan hat heute der erste Empfang aus Ver- anlaf}ung der am 21. d. stattfindenden Feier des JIahres- tages des Regierungsantritts des Papstes stattgefunden.

Schweden und Norwegen. Christiania, 12. Iuni. Das Budget für das Finanzjahr 1873—74 schließt dieses Mal mit einer Summe von 6,088,000 Spd. ab gegen 5,110,000 Spd. für 1872—73 und 5,455,000 Spd. für 1873— 74 und vertheilt sich auf folgende 11 verschiedene Posten : 1) Das Königliche Haus und das dem Könige zugewiesene Staatseigenthum. 2) Das Storthing. 3) Der Staatsrath und die Regierung. 4) Das Kirchen-Departement. 5) Das Justiz- Departement. 6) Das Departement des Jnnern. 7) Das Finanz- und Zoll-Departement. 8) Das Armee-Departement. 9) Das Marine- und Pofst-Depärtement. 10) Auswärtige Angelegen- heiten. 11) Extraordinäre Ausgaben. Die Summen, welche für die einzelnen Abtheilungen erforderlih waren, vertheilen \ih wie folgt auf das Finanzjahr 1873—74: 1) 130,902 Spd., 2) 66,250 Spd., 83)- 202,345 Spd., 4) 231,144 Spd., 5) 375,051 Spd., 6) 526,068 Spd., 7) 1,368,570 Spd., 8) 1,120,000 Spd:, 9) 1,223,992 Spd., 10) 125,890 Spd., 11) 44,990 Spd. ; für 1874—75: 1) 121,769 Spd., 2) 83,090 Spd., 3) 220,933 Spòd., 4) 250,380 Spd., 5) 387,340 Spd., 6) 625,066 Spd., 7) 1,438,353 Spd., 8) 1,207,710 Spd., 9) 1,410,358 Spòd., 10) 128,232 Spd., 11) 47,708 Spd. Es sind demna fast \sämmtlihe Posten erhöht worden, was sih theils darin begrün- det, daß eine nicht unbedeutende Gagenerhöhung der meisten Beamtenstellen eingetreten ift, theils darin, daß verschiedene neue Ausgaben gemaht worden sind. Außerdem kommt für die Krönung ein Beitrag von 34,500 Spd. und für einen neuen Staats-Ministerposten 6000 Spd. ; ferner für nee Gehalts- zulagen an verschiedene Beamte 167,000 Spd. hinzu.

Die neue norwegische 4!/„prozentige Staats- Anleihe von 20 Millionen Kronen oder 221/, Millionen Reichs- mark is mit der Privatbank in Kopenhagen und C. I. Hambro und Sohn in London, der Norddeutschen Bank in Hamburg und Robert Warschauer und Co. in Berlin abgeshlof}sen worden.

Amerika. (Monats-Uebersiht für Mai.) Die bereits früher erwähnte, vom Aus\husse für auswärtige Ange- legenheiten im Repräsentantenhause eingebrachte Bill zur Fest- stellung der Rechte und Pflichten amerikanischer Bürger im Aus- lande, wurde auf Antrag des Berichterstatters an den Aus\{huß zurückgewiesen. An Stelle der von dem Hause angenommenen Bill, durch welche jede Beschränkung der Nationalbanken in Be- zug auf die Höhe der von ihnen ausgegebenen Noten aufgehoben wurde, if im Senate der vom Senator Sherman eingebrachte Entwurf einer Finanzbill angenommen worden. Durch den- selben wird die Höhe des Umlaufs der Nationalbanknoten gleich- falls niht beshränft, dagegen die Summe des Staatspapier- geldes auf 382 Millionen normirt, und zugleih verfügt, daß für jede Million neuer Noten, welche von den Nationalbanken emittirt wird, 250,000 Dollars Papiergeld dur den Verkauf 41/54, auf Goldwährung lautender Obligationen, welche binnen 10 Jahren einzulösen sind, eingezogen werden sollen, bis die in Umlauf befind- lihe Summe des Papiergeldes auf 300 Millionen gebracht ift. Die Verpflichtung, welhe bisher den Nationalbanken oblag, einen Reservefonds im Verhältniß zu den umlaufenden Noten zu halten, is aufgehoben worden, bleibt aber in Bezug auf De- positen bestehen, und fällt das Recht, einen Theil dieses Fonds bei andern Banken anzulegen, in Zukunft fort. Der vierte Theil des Goldes, welches für Zinsen auf die zur Sicherstellung der Notencirculation in Washington hinterlegten Bundesobli- gationen gezahlt wird, muß von den Banken zurückgehalten wer- den, und wird zugleih bestimmt, daß vom 1. Juli 1878 an das Schazamt der Vereinigten Staaten: die Verpflichtung haben foll, alles präsentirte Papiergeld gegen Gold oder 41prozentige Obli- gationen einzulösen. Die Bill ist in der vom Senate angenom- menen Fassung an das Repräsentantenhaus zurückgegangen, do is es noch zweifelhaft, ob dieselbe von der Majorität des Hauses, welhe für eine fast uneingeschränkte Vermehrung des Papiergeldes und der Banknoten i|, angenommen werden wird. Sollte dieselbe verworfen werden, \o dürfte es während dieser Session, deren Schluß vorläufig auf den 22. Juni angeseßt ist, \{chwerlich zu einer Entscheidung in der Finanz- frage kommen.

Im Repräsentantenhause wurde eine Bill angenommen, welche das bisher bei Zolldefraudationen geltende „Mointy*- System abschafft, wonah dem Denunzianten einer solchen De- fraudation ein gewisser Theil, meistens die Hälfte, der von dem Defraudanten zu zahlenden Geldstrafe zukam. Nach der neuen Bill, deren Annahme im Senate faum zu bezweifeln is, werden alle früheren Befugnisse der Zollbehörden bei der Aufspürung und Verfolgung von Shmuggeleien, darunter auch die Beshlag- nahme der Bücher und Papiere der Importeurs, aufgehoben, die Strafgelder fließen sämmtlih in den Staatsshay, doch soll es dem Finanz-Minister gestaitet sein, in außerordentlihen Fällen den Steuerbeamten eine Gratifikation, die indessen 5000 Dollars nicht übersteigen darf, zu zahlen, ebenso muß in jedem Falle die Absicht der Defraudation nachgewiesen werden. Die von der Stadt Philadelphia beantragte, und im Repräsentantenhause be- willigte Zahlung einer Summe von drei Millionen Dollars aus dem Staats\haßze zur Unterstüßung der für das Iahr 1876 beabsichtigten Weltausstellung, ist vom Senate definitiv verworfen worden, dagegen wurden dié Bills, betreffend die Aufnahme von Neu-Merxiko als Staat in die Union vom Repräsentantenhause, und die Bills in Bezug auf die Erweiterung der bürgerlichen Rechte der farbigen Bevölkerung und die Vertheilung der von England gezahlten Alabama:Entschädigungssumme vom Senate angenommen.

In Gemäßheit eines Kongreßbeshlu}sses hat der Staats- sekretär der Vereinigten Staatea, Hamilton Fish, den Vorschlag gemacht, ein Geseß zu erlassen, wodurch der Präsident ermächtigt werden soll, alle an den amerikanishen Küsten landenden noto- rishen Armen, Vagabunden und Sträflinge nah den Ländern zurückzubefördern, von denen fie gekommen waren.

Der Finanz-Minister, Herr Richardson, hat \ich veranlaßt geschen, um seine Entlassung nachzusuchen, obgleih- der vom Kongresse über ihn bei Gelegenheit der Untersuhung einzelner von ihm abgeshlossener Kontrakte ausgesprochene Tadel zurück- genommen wurde.

Zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreih is ein Postvertrag abgeschlossen worden, welher das Porto für einfache Briefe bis zum Gewicht von 10 Gramm auf bez. 9 Cents und 50 Centimes sestsezt. Unfrankirte Briefe unterliegen nah dem- selben einer Strafe von bez. 5 Cents und 20 Centimes. Jedes Land bezahlt für den Transport der Post und findet eine gegen- seitige Abrehnung nicht statt.

In Washington finden zur Zeit Verhandlungen über den Abschluß eines Reziprozitätsvertrages zwishen Großbritannien und den Vereinigten Staaten statt, Behufs Zulaffung der natürlihen Produkte der Vereinigten Staaten und der canadischen Provinzen in diesen beiden Ländern. Großbritannien wird bei denselben durch seinen Gesandten, Sir Edward Thornton, und den Senator von Canada, George Brown, die Vereinigten Staaten durch Herrn Hamilton Fish vertreten. Ein derartiger, im Jahre 1854 abgeshlo}ener Vertraa war 1866 von Seiten der Vereinigten Staaten gekündigt worden, und alle \eit dieser Zeit von Canada gemachten Bestrebungen Behufs Abschließung eines neuen Vertrages waren bis jeßt ohne Erfolg geblieben.

Der, namentlih in den westlihen Staaten, viele Anhänger zählenden Partei der „Grangers“ und „Patrons of Husbandry“ ist es gelungen, in der Staatslegislatur von Wisconsin ein Geseg durhzubringen, welches den Personen- und Gütertarif für die im Staate befindlihen Eisenbahnen regulirt. - Dieser Staatstarif, bei dessen Aufstellung die verschiedenen Eisenbahn- gesellshaften in keiner Weise zu Rathe gezogen wurden, ist ein so niedriger, daß eine Durchführung desselben die Gesellschaften außer Stande segen würde, auch nur die Zinsen für Prioritäts- Aktien zu bezahlen, und fo einer Beshlagnahme der Bahnen durch den Staat gleihkommen würde. Obgleih der Gouver- neur von Wisconsin am 1. Mai, dem Tage, an welchem dieser Tarif in Kraft trat, eine Proklamation dahin erlassen hat, daß er die strengste Befolgung des Tarifs erzwingen würde, \o wei- gern sih die verschiedenen Eisenbahnen doch ihre bisherigen Säße abzuändern und beabfichtigen, diese Angelegenheit, wenn bei den zgzahlreihen aus dieser Komplikation entstehenden Prozessen von den Staatsgerichten gegen sie ent- schieden werden sollte, bîs vor die höchste Instanz der Bundes- Justiz zu bringen. Es hat diese Transportfrage ein mehr als lokales Intereffe, da in allen westlihen und mittleren Staaten lebhaft gegen die Macht der großen Eisenbahn-Korporationen

agitirt wird, und find in dieser Beziehung auch die von dem Transportations-Aus\husse desSenats und dem Ausschusses für Eisenbahnen und Kanäle des Repräsentantenhauses in Washing- ton abgegebenen Ansichten von Interesse. Der erstere sprach sh dahin aus, daß der Kongreß in diskretionärer Weise zu be- stimmen habe, unter welchen Regulationen der Transport von Gütern und Personen von einem Staate nach dem andern, bezw. durch den andern, stattfinden müsse, und ob solcher Transport zu Lande oder zu Wasser stattfinden solle. Auch dürfe der Kongreß Geld behufs Erbauung von Eisenbahnen und Kanälen, wo dieselben zur Regulirung des Handels nöthig wären, bewilligen, odèr dieselben selber bauen lassen, und in jedem Staate zu diesem Zwecke volle Souveränetätsrechte ausüben, fowie auch gegen eine angemessene Entschädigung irgend welche \chon vorhandene Eisenbahn oder Kanal, die im Besiße von Privatpersonen oder Gesellschaften sind, übernehmen und be- nuten. Leßterer empfahl die Erbauung einer nationalen Eisen- bahn von New-York nah Omaha durch eine Zinsengarantie von 60 Millionen zu unterstüßen. Die Uebernahme und Verwal- tung der Eisenbahnen durch den Staat dürfte demna, sollte sie von der Majorität des Volks verlangt werden, in den ver- schiedenen legislativen Körperschaften nur auf gexingen Wider- stand stoßen.

Die Wirren in Arkansas haben vorläufig ihren Abschluß gefunden. Nachdem noch in den ersten Tagen des Monats ein- zelne Konflikte zwishen den Anhängern der beiden Gouverneure stattgefunden hatten, gelang es den Truppen der Vereinigten Staaten weiteren Kämpfen Einhalt zu thun. In Folge der Erklärung des Generalanwalts in Washington, daß der Legislatur des Staates die Entscheidung darüber zustehe, ob Baxter oder Brooks der rechtmäßig gewählte Gouverneur sei, trat dieselbe am 11. Mai zusammen, entschied sch{ch für Baxter und wandte sh zu gleiher Zeit an Präsident Grant mit der Bitte um Schutz gegen die bewaffneten Anh“ nger des Gegengouverneurs. Jn einer am 15. erlassenen Proklamation erkannte der Präsident Baxter als Gouverneur an, worauf Brooks mit seinen Anhängern das Regierungsgebäude räumte und Ersterer ohne weitere Hindernisse die Regierung übernahm. -

Die Kommission für Untersuchung der interoceanishen Ka- nalwerke hat Aspinwall auf dem Dampfer „Gallysburg“ wieder verlassen, um nach Washington , zurückzukehren. Die Mitglieder derselben haben sih entschieden gegen die mit großen Schwierig- keiten verfnüpfte Erbauung des Kanals auf der Atontoroute ausgesprochen, befürworten dagegen die durh den See von Nicaragua.

Die Schuld der Vereinigten Staaten belief sich am 1. Mai, abzüglih des Bestandes an baarem Gelde und der zu Gun- sten der Partificcisenbahn ausgegebenen Obligationen , auf 2,149,725,277,99 Dollars, was für April eine Abminderung derselben um 2,965,451 Dollars ergiebt. Am 1. Juni betrug die Zchuld 2,145 268,438,» Dollars, fie hat mithin im Mai um 4,456,839 Dollars abgenommen. Für den Juni if} der Verkauf von 5 Millionen Dollars in Gold angeordnet worden. Ankäufe von Obligationen werden nicht stattfinden.

Mexiko. Der zwischen der mexifanishen Regierung und Jtalien abges{chlossene Auslieferungsvertrag ift ratifizirt worden. Die Konzession, welche der „Mexikanischen Gesellshaft zum Bau der internationalen und interoceanischen Eisenbahnen“ ertheilt worden war, ist von Seiten der Regierung wieder zurückgenom- men worden. Dem Kongresse wurde ein Geseßentwurf, betreffend die Herabsezung der Portogebühren und eine allgemeine Ver- besserung des Postwesens vorgelegt.

In Morelia wurde ein fatholisher Geistliher wegen Ver- legung der im vergangenen Jahre erlassenen Reformgeseße zu einer Gefängnißstrafe von einem Jahre verurtheilt.

In "den verschiedenen Republiken Centralamerikas herrshte Ruhe. Die von den Präsidenten derselben beabsih- tigte Zusammenkunft ist wieder aufgegeben worden. In Nica- ragua war die öffentlihe Aufmerksamkeit vollständig durh die Neuwahl des Präsidenten in Anspruch genommen. Die Nationalversammlung in Honduras seßte ihre Sißungen fort. Der frühere Präsident Arias befand \sich noch immer als Gefangener in Conayagua. Eine von dem Komman- danten von San José de Guatemala, Gonzales, dem großbri- tannishen Konsul Magee zugefügte Beschimpfung hat zu keinen weiteren Verwickelungen geführt, da sich die Regierung von Guatemala zu jeder Genugthuung bereit ecklärte.

Venezuela. Die Feier des Jahrestages der Unabhängig- keit Venezuelas wurde in Caracas festlich begangen. Der Prâä- fident der Republik, Don Antonio Guzman Blanco, hat unter Zustimmung der Landesvertretung ein Dekret erlassen, in welhem die Aufhebung sämmiliher Klöster und die sofortige Besiß- ergreifung des Eigenthumes derselben angeordnet wird.

Bolivia. Dem interimiftishen Präsidenten Dr. Fries ift es bis jeßt gelungen, die Ruhe im Lande aufrecht zu erhalten. In Folge der von einer Versammlung in La Paz gefaßten Be- \{chlüsse, welhe in einem drohenden Tone gegen Chili gehalten waren, hat \sich der chilenishe Gesandte Walker Martiu.ez ver- anlaßt gesehen, nach Santiago zurückzukehren. Der Gesandte der argentinischen Republik, Dr. Uriburu, welcher die Ansprüche die- ses Staates auf einen großen Theil des Goan Chuco geltend machen soll, ist in La Paz eingetroffen. :

Chili. Die Regierung hatte den Kapitän des englischen Dampfers „Tana“, dessen Unvorfichtigkeit den Untergang dieses Schiffes verursacht haben follte, verhaften lassen, doch haben die Gerichtshöfe Chilis erklärt, daß die Regierung nach inter- nationalem Rechte zu diesem Schritte niht befugt gewesen wäre, und die sofortige Entlaffung des Kapitän Hyde angeordnet. Die Regierung hat fih auch bereit erklärt, denselben für die ungeseß- lihe Verhaftung zu entshädigen und sind damit die Differenzen beseitigt worden, welhe eine Zeitlang in Folge der Maßregeln der chilenishen Regierung zwishen Chili und Großbritannien auszubrechen drohten.

In Paraguay is} abermals eine Revolution ausgebrochen. Die Generale Caballero, Soteira und Barreiro erhoben si gegen die Regierung, und mußte der Präsident Jovellanos in das Ge- bäude der brasilianisGhen Gesandtfhaft flüchten, von wo derselbe Verhandlungen mit den Insurgenten anzuknüpfen versuchte, welche indessen erfolglos blieben. Die Truppen der Regierung wurden in der Nähe von Asunction von den Anhängern Ca- balleros geshlagen und rückten neue brafilianishe Truppen zum Schuze der Stadt gegen die Insurgenten vor, welche sih ohne weitere Gefechte längs+ des Tebimary zurückzogen. Der größte Theil der brasilianishen Truppen kehrte \päter vom Campo Grande wieder zurück und ist die Revelution nah dem Berichte des brasilianischen Generals als beendet anzusehen.

Argentinien. Die Wahlen am 12. April, bei denen die Wahlmänner gewählt wurden, welchen es obliegt, den Prä- fidenten und Vize-Präsidenten der Republik für die Amtsperiode vom Oktober 1874 bis dahin 1880 zu wählen, find ruhiger vor-