1879 / 123 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger, Wed, 28 May 1879 18:00:01 GMT) scan diff

Die Schrift des Prof. Julius Otto Opel, „Die An- fänge der deutschen Zeitungspresse 160I—1650“, die als 3. Band des „Archivs für Geschichte des deutschen Buch- han dels“ vor Kurzem veröffentliht worden, ist soeben in einer Separatautgabe zu Leipzig im Verlage des Börsenvereins der deutshen Buchhändler erschienen. Wir haben diese gediegene und werthvolle Schrift, die von genauer und umsihtiger Forschung, wie von sorgfältiger Kritik des Verfassers zeugt, bereits eingehend ge- würdigt und beschränken uns daher darauf, hier nur noch nahträglich zu bemerken, daß der Schrift am S{luß auf 9 Tafeln die Titel von mehreren alten Zeitungen (der Straßburger Ztg. vom Jahre 1609 und 1634, der Unpartetiischen Frankfurter Ztg. vom Jahre 1633 und 1634, der Berliner Ztg. vom Jahre 1619, der Nürnberger Ztg. vom Jahre 1620), sowie von alten Postblättern über Ankunft und Abgang der Posten aus den Jahren 1626 und 1631 in treuer Ab- bildung Weigegeben sind.

Land- und Forstwirthschaft.

(St. Pet. Herold). Wie der „Tifl. Westn." mittheilt, haben si die Heuschrecken, welche im Jelissaw?tpolshen Gouver- nementin den ersten Tagen des Aprilmonats 3 Werit von Jelifsa- wetpol zuerst auftraten, so vermehrt, daß sie in die Stadt und in die Gärten drangen und anfingen, die Weinstöke und überhaupt jeglihe Vegetation zu vernihten. Allmählich bedeckten \ich die Strafen und Höfe mit so ungeheueren Massen von Heuschrecken, daß das Gehen auf den Straßen erschwert wurde. Am 21. April mußten die Kaufleute endlich auf Verfügung der Behörden ihre Magazine und Läden schließen, um mit vereinten Kräften sih an die Vernichtung der schädlichen Insekten zu machen. Das gemeine Volk verhielt sich diesen Mitteln gegenüber vorurtheil8- voll. Anfänglich hielt dasselbe es für eine große Sünde, die Heuschrccken zu tödten, besonders, als noch keine darauf bezüg- liche Verordnung der Behörden erfolgt war. Da erließ die Polizei einen Befehl, nab welchem die Bewohner eines jeden Hauses verpflichtet waren, in einer bestimmten Zeit getödtete Heu- s{hrecken in cin:m Gewicht von zwei Pud vorzustellen. Gegenwärtig find alle Kanäle mit Heuschrecken angefüllt, so daß man das Wasser nur mit einer gewissen Ueberwindung geniessen kann. Viele Familien konnten eine ganze Woche hindurch nicht kochen und Brod baden, weil ihre Häuser und die Oefen in denselben buchstäblich mit Heu- \chrecken angefüllt waren. Wokin man tritt, findet man Massen von Gen Heuschrecken, welche verwesen und die Luft mit Mias8men erfüllen.

Gewerbe und Handel,

Dem Geschästéberißt der Berlin-Hamburger Eisens bahn pro 1878 entnehmen wir folgende Daten: Die Gesammtzahl der beförderten Personen betrug 2071235 mit einer Einnahme von 3 634180 A An Paffsagiergepäck wurden 5 548 370 kg befördert und dafür eingenommen 104780 Æ Der Güterverkehr umfaßtz ein Gewicht von 1206 086 t und brachte eine Einnahme von 11 604 802 M.

egen 1244 894 t mit 12 972 971 Æ im Vorjahre. Es betrugen die

ejammt-Brutto-Einnahmen 16 586 184 (1877 17 554 122 46), die Betricb8ausgaben 9689372 (18717 10402738 6), d l. Poi De Gintahne 5984 a C877 59,2 9%). G8 resultirt ein Ueberschuß von 6896811 (1877 7151384 M), Davon wurden verwendet: Für Ver- zinsung, Amortisation der Prioritäten und Antkeile anderer Bahnen 3 513 629 A6. (1877 3552 365 M), daher bleibt reiner Ueberschuß 3383182 (1877 3599 019 (A). Davon kommen zum Referve- fonds 1592 557 MÆ. (1877 1 620894 M), Steuer 215 625 M (18377 253 125 4 , Dividende an die Aktien A. 1575000 A (1877 1725 000 M), d. i. 104% (gegen 113% in 1877). Der Bestand des Reservefonds erhöht sich nun auf 3570925 M von 3397 616 Æ Die Beträge, aus Betriebsreservefonds entnommen, für Ergänzung des Unternehmens belaufen sih jeßt auf 25848463 A. gegen 24 999 961 Æ Ende 1877, die amortifirten Prioritäten auf 3 550 800 M (1877 3 252 300 Æ&). Die Anlagekosten der Zweigbahn Wittenberg - Buchholz stehen 31837932 #6 zu Buche (1877 31 150788 M), die Betbeiligung an der Berliner Stadtbahn mit 800 000 Æ, nachdem 400 000 6. abgeschrieben wurden (in 1877 1 801 800 46).

Nach dem Jahresberihte der Allgemeinen Unfall- Versicherungs-Bank in Leipzig find am 31. Dezember 1878 249 212 Personen versichert gewesen und im Jahre 1878 6773 Un- fälle angemeldet worden. Der Bericht konstatirt noch, daß feit dem Bestehen der Bank (1. Juli 1871) 32781 Unfälle zur Anmeldung gelangten, von denen 13581 als haftpflihtig anerkannt und dur Gewähr einer Entschädigungssumme von 4 670 590 K erledigt, wäh- rend 14165 Unfälle der Zweiggenossenshaft (die gegen die Folgen nihthaftpflihtiger Unfälle versichert) überwiesen und von dieser mit 1402 192 Æ ertschädigt werden konnten. Aus der Jahresrechnung ist zu ersehen, daß di: Reserve- und Rentenfonds der Bank sich auf 1416276 beziffern und der in mündelsiheren Werthen angelegte Gffektenbesiß von 833 365 #4 bei der Kaiserlichen Reichsbank in a E der Allgemeinen Deutschen Credit-Anstalt in Leipzig de-

onirt ift.

Der Gescäfi8beriht der Deutschen Unfall - Versiche- rungs-Genossenschaft, die mit dem ersteren Jnstitut gemein- fam verwaltet wird, bekundet, daß die Genofsenschaft im Geschäfts- jahre 1878 eine Zunahme von 323 Etablissements mit 9932 Per- fonen zu verzeichnen hatte. Am 31. Dezember 1878 belief sich der Versicherungsbestand auf 96 809 Personen in 2452 Etablissements mit ciner Versicherungssumme von 198 793 245 Æ und einer Jahre#- prämie von 426 988 A Für 3879 Scadensfäll- waren im Ganzen 314 504 A. auézuzahlen, während für unerledigte Unfälle 78 570 A. in Reserve gestelit- worden find. Die Gelder der Reservefonds sind in Effekten in 5 und 43%/gigen Oberschlesishen Eisenbahn-Prioritä- ten zinstragend angelegt und bci der Allgemeinen Deutschen Credit- Anstalt in Leipzig deponirt. ,

__— Der Rechnungeabs{luß der Vorarlberger Bahn pro 1878 konstatirt, daß im abgelaufenen Jahre zum ersten Male seit der Eröffnung des Betriebes ein Nücckgang in den Einnahmea gegen das Vorjahr eingetreten ist. Dieselben betragen 454 886 Fl. gegen 466 784 Fl. in 1877, Im Personenverkehr ergab sich eine Minder- frequenz von 5256 Personen und eine Mindereinnahme von 17 727 Fl. Der Güterverkehr ist gegen das Vorjahr um 17 732 t gestiegen, hat jedoW um 1127 Fl. geringere Einnahmen erzielt. Die Ausgaben betragen 603 521 Fl. und find gegen diejenigen des Vorjahres um 7382 Fl. vermindert. Das finanzielle Ergebniß gipfelt in einem Betriebéausfalle ron 148 635 Fl., in dem jedoch außerordentliche Auslagen im Betrage von 22248 Fl. enthalten sind. Die Ver- zinsung und Amortisation der Aktien und Prioritäten erfordert den Betrag von 677 999 Fl.; die bitherigen Gefsammtzushüsse aus dem Titel der Staatsgarantie belaufen sich auf 4 820 760 Fl. in Silber und 1 208 642 Fl. in öôsterreihisWer Währung.

Die Allgemeine Versiherungs-Aktiengesellschaft Fortuna hbierselbît vertheilt für das vergangene Jahr eine Divi- dende von 8°/ oder 48 Æ per Aktie. Die Gesammt-Einnahmen bezifferten fich auf 1083400 Æ, die Gesammt-Ausgaben auf 1056 297 Æ, fo daß ein Gewinn von 27 113 M verbleibt. Derselbe tvird verwendet mit 24000 Æ zur Bezahlunz der Dividende in der angegebenen Höhe und mit 2711 Æ zur Vertheilung der statuten- mäßigen und Tkontraktlihen Tantième, während 402 A auf neue Recnung vorgetragen werden. Die Schaden- und Prämienreserve beträgt zur Zeit 223,200 #4, die Kapitalreserve 300,000 4, die ge- sammte Reserve somit 523 000 M

Dem Rewenschaftsbericht der Reutex\schen Telegraphen- Gesellschaf t in London zufelze beläuft sih der Reinertrag des Geiwäfts auf 5627 £, weldbe Summe die Vertheilung einer Jahret- Dividende von 7# °/4 gestattet.

Wien, 283. Mai. (W. T. B.) Die heutige Genéeralver - sammlung der Südbahn ertheilte cin Absolutorium und ge- nehmigte den Antrag der Verwaltung, daß der Ueberschuß per 712 540 Fl. der Reserve zuzuweisen sel. Der Verwaltungsbericht konstatirt, daß die letzte Serie der Bons zurückgezahlt und die ein- zige shwebende Schuld die Rothschildshen Vorschüsse seien, zu deren Rückzahlung der Verwaltungsrath die leßte Serie der 3°%/o ODbliga- tionen (209 000 Stü) jeßt emittiren wolle.

Preßburg, 27. Mai. (W. T. B.) Das von den Besitzern Strousbergsher Partialobligationen gegen die Waagthal- Bahn überreihte Konkursgesuh is nah mehrtägigen Verhand- ae von dem hiesigen Gerichtshofe als unbegründet zurüdckgewiesen worden.

Amsterdam, 27. Mai. (W. T. B) Die niederlän- dische Bank hat den Diskont von 35 auf 3°%/ herabgeseßt. Bei der beute von der niederländishen Hanudelsgesell- {haft abgehaltenen Zinnauktion wurden 23 426 Blödcke Banca- zinn zu 397 à 393 zum Verkauf angeboten. Der Mittelpreis be- trug 39,55 und wurde Alles verkauft.

e E 26. Mai. (W. T. B.) Weizenverschiffungen der leßzlen Woche von den atlantishen Häfen der Vereinigten Staaten nah England 94000, do. nach dem Kontinent 120 900, do. von Kalifornien und Oregon nach England 30000 Qrtrs. Visible Supply an Weizen 15 375 000 Bushel.

Verkehrs: Anstalten.

New-York, 27. Mai. (W. T. B.) Der Dampfer „Erin“ von der National-Dampfscchiffs-Compagnie (C. Mesf- singsche Linie) ist hier eingetroffen.

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Berlin, den 28. Mai 1879.

Die „Allg. Ztg.“ veröffentliht nachstehenden Aufruf:

Geftern wurde unsere Stadt von einem fur{chtbaren Brand- unglück e heimgesuht. Das Feuer entstand auf bis jeßt unerklär- liche Weise in einem Dekonomiegebäude und verbreitete sich mit so rapider Schnelligkeit, daß in kurzer Zeit mehr als ein Drittel der Stadt in Flammen stand. An Löschen und Retten war kaum zu denken. Zur Zeit liegen gegen 100 Wohnungen nebft allen dazu ge- hörigen Nebengcbäuden in Asche; darunter die Post, das Amthaus, die 3 Pfarrhäuser, eine Lehrerwohnung und was das S{hlimmste ift, viele Wohnungen blutarmer Menschen, die kaum mehr als das nate Leben gerettet haben und sehr {wer hier Obdach finden können. Auch unsere alte, s{ône Kirche ist niedergebrannt, desgleichen die Synagoge und israelitische Schule. Kaum ist die durch den Typhus entstandene Noth gelindert, fo irift hiesige Bewohner dieses unbe- \creiblihe Unglück. Schnelle Hülfe thut sehr noth, weshalb das unterzeihnete-Comité die dringende Bitte um Gäben jeder Art an Alle richtet, die gern den Nothleidenden beistehen.

Tann a. Rhön, dêèn 13. Mai 1879.

Das Unterstüßungs-Comité für die Abgebrannten : Oberst - Lieutenant Arthur Freiherr von Tann - Rathsamhausen. Schmidt , Stadtvorsteher. Baumann, Oberpfarrer. Baumann, Pfarrer. Wehmeyer, Oberförster. Grünkorn, Posthalter. Ed. Simon. Fr. Fleischmann. Dr. Grau. Knorz, Apotheker. Kalb, Lehrer. Heilbronn, Fabrikant. Stern. Freudenthal. Jung, Kantor.

Bauer, Lehrer.

Der Erfurter Dom hat einen neuen Shmuck dadur er- halten, daß das von Sr. Maiestät dem Kaiser gestiftete letzte Glasfenster im Kirchensciffe eingeseßt worden ist. Die „Er- furter Ztg.“ theilt darüber Folgendes mit:

„Das Fenster befindet fich in der sogen. Blutkapelle *), hat eine Breite von ca. 12 Fuß, eine Höhe von über 40 Fuß und ift somit das größte Fenster des ganzen Domes. Durch ‘die 5 steinernen Fensterstôcke ist dasselbe nah der Höhe in 6 lange Felder getheilt, welche im Couronnement dur reihes Maßwerk ges{lofsen sind.

Für den Künstler, welher die Komposition der Figuren und Ornamente für die Glaëmalerei zu entwerfen hatte, war die Aufgabe dadur eine sehr s{chwierige, daß bei der bedeutenden Höhe des Fen- sters die Hauptdarstellungen: das Abendmahl, die Kreuzigung und die Grablegung die Mitte der Fensterflähe einnchmen mußten. Dies ift dadur erreiht worden, daß in dem ornamentalen Aufbau die einzelnen Darsteüungen etagenweise über einander angebracht worden sind. Unten am Fuße des Fensters sind die 6 Wappen- \childer unseres Herrscherhauses, von geflügelten Engelfiguren ge- tragen, dargestellt. Darüber befinden si in den 4 Mittelfeldern des Fensters die Propheten Jeremias, Jesaias, Jonas und Simeon ; die Eckfelder sind durch gothishe Baldachine ausgefüllt.

Nun fommt als Hauptbild das Abendmahl, welches die Breite von 4 Feldern einnimmt; in den Außenfeldern daneben befinden si zur linfen Seite die Jungfrau Maria und rechts Johannes der Läufer. Die Gruppirung der Figuren bei dem Abendmahlsbilde ift von ganz besonderer und sehr glücklicher Lösung; troß der Theilung des steinernen Stabwerks und der eisernen Querstäbe - erscheint die Darstellung mit dem Teppichhintergrunde und der reihen Gewölbe- und Baldachinkrönung als ein einheitlihes Bild.

Darüber befinden \ich die beiden obengenannten bildlichen Dar- stellungen, getheilt durch den mittleren Hauptstab des Fensters, und zwar zur linken Seite des Beschauers: die Kreuzigung Christi mit den dazu gebörigen historishen Darstellungen, darüber der segenspen- dende Gott Vater mit der Taube, als Zeichen des heiligen Geistes. Zur rechten Seite oift die Grablegung Christi, gleichfalls mit den dazu gehörigen hift rischen Nebenfiguren und Giurtinah dargestellt, darüber ein Kreuz und als Schlußkrönung in der Mitte der Bilder gee Engel mit der Monstranz und zu beiden Seiten {webende

ngel,

_ Von hier ab entwidelt sich in allen 6 Feldern des Fensters ein reiches vielverzweigtes Baldachinsystem, welhes in seiner weiteren Verästelung sich zu_ einem luftigen und dur{sichtigen Fialen- und Wimpergenwalde auflöft, der in verschiedenen Absäßen kleine Nischen für Heiligenfiguren enthält.

Im unteren Aufbau daselbst find Moses und David als Außen- figuren und darüber die Gestalten des St. Michael, der St, Elisa- beth, der St. Helena, des St. Christophorus, des St. Georg und des St. Martinus dargestellt.

__ Zu oberst in dem Vierblatt des Couronnements is als Haupt- bild Christus als Weltenrihter, umgeben von der Madonna im Sternenhimmel über der Erdkugel thronend dargestellt. Zunächst diefer Darstellung sind oben und zur Seite betende Engel dargestellt, während in den vier Een die Attribute der vier Evangeliften den Abschluß dieser ganzen bildlihen Darstellung im Couronnement bilden.

Der Entwurf der gesammten bildlihen Darstellung des Fensters rührt vom Professor Eberlein in Nürnberg her. Derselbe hat au, nah Anleitung tes Geheimen Regierungs- und Bauraths Drewißz hierselbst und des verstorbenen Konservators Geheime Rath von Quast zu Berlin, die Kartons gefertigt und mit seinen eigenen Glasmalern die Ausführung der ganzen Glasbilder besorgt. Dieselbe ift als eine hôst gelungene und glückliche zu bezeihnen, denn sie lehnt sich unmittelbar an die alten Vorbilder der Glasmosaik des Mittelalters Sue im Gegensaß zu den Beftrebungen der neten Münchener

ule.

*) Der Name Blutkapelle rührt von dem alten Gebrauche her, an dieser Stätte, wo die Leihrame der beiden ersten Bischöfe Erfurts Adolar und Eoban, zur ewigen Ruhe bestattet sind, das Sakrament

des heiligen Leibes und Blutes Christi auszutheilen.

Wir erblicken in dem neuen Erfurter Domfenster (wie auch in den übrigen, seit den leßten 15 Jahren durch den Geheime Rath Ri restaurirten Glasfenstern des Kirchenschiffs) nach Art der alten Glaëmalereien die einzelnen kleinen farbigen Glasstücke durch Verbleiung ineinander gefügt in vollér Durchsihtigkeit der Farbe und nit ein bloßes Durhshimmern, Durch dié Verbleiung wird die Kontur der Figuren und die Zeichiung der Ornamente verstärkt refp. hergestellt. Die verschiedenen Striche der Einzeichnungen sind durhch die s{chwarzbraune S{hmelzfarbe (Shwarzloth) eingebrannt oder an einzelnen Theilen durch Abschleifen des Ueberfangglafes hergestellt. Dadurch gewinnt das Ganze eine überaus kräftige und lihtvolle Farben- tônung und durch die volle Durhsichtigkeit der einzelnen Glastheile einen farbenprähtigen Glanz. Mag der Beschauer des Fensters in der frühen Morgenstunde oder später in der vollen Sonnenbeleuhtung vor dasselbe treten, immer wieder wird er_von Neuem durch die Schönheit der Zeichnung in den Figuren und Ornamenten und dur die harmonishe Farbenwirkung gefesselt.

Von den „Mittheilungen des Vereins für Ham- burgishe Geschichte“ liegen uns die Monatshefte für Februar bis April d. J. vor. Dieselben bringen an Originalbeiträgen u. A. Kalender - Notizen der alten Rathmänner - Familie Bekendorp, als ältestes Beispiel ihrer Art in Hamburg, insofern sie bis 1573 zurück- reihen (von Carl Koppmann), und weitere „Zur sinnbildlichen Darstellung von Städken“ (von Martin Genëeler) und über den Namen „Hammonia®" (von K. E. H. Krause und Koppmann), Der Letztere macht ferner interessante Mittheilungen über die „Sage vom Lachsessen“. Dieselbe ist nicht nur in Hamburg, sondern auch in Münden, Hameln, Bremen, Stade, Lüneburg und Rostock, also im ganzen unteren Elb- ‘und Wesergebiete verbreitet und lautet dahin : s habe früher dort so viele Lachse gegeven, daß die Dienstboten sich beim Rath - über das tägliche Lachsessen beschwert hätten, und in Polge dessen jährli in der Bursprake eine V-:rordnung erlassen worden ei, wonach die Herrschaften ihren Dienstboten nicht häufiger als wöchent- lih zweimal Lachs zu effsen geben follten. In England kennt man dieselbe Geschichte am Severn und dessen Nebenfluß, dem Wye, und ebenso in Irland. Ja Bezug auf Schottland aber is Walter Scott Ge- währsmann, welcher in seinen „Presbyterianern“ (Kap. 8) \creibt : „Ein großer gekohter Lachs würde in unsern Tagen eine bet weitem reichlihere Hauthaltung anzeigen; zu jener Zeit (1679) aber ward er in den ansehnlichen Flüssen Schottlands in solhem Ueberfluß gefan- gen, daß er gewöhnlich den Dienstboten zur Kost angewiesen ward, die sogar bisweilen in ihrem Dienstkontraft ausgemacht haben sollen, -daß man ihnen eine so - widrige ukd magen- verderbende Speise nicht mehr als fünfmal die Woche geben dürfe." Weitere Beiträge beziehen sich auf: eine alte Urkunde des Dom- fapitels vom Jahre 1312, welche seit dem gewaltsamen Einbruch in das Domarchiv im Jahre 1804 verschleppt war und \ih seitdem in privatem Besitz befand, und auf die fogenanuten Kreuzpfennige (Crucepenninge); vieles Andere, wie die Hamburgensia aus Bogers „Stherologium“ oder „Heterologium“ von 1506, is dagegen nur mehr von lokalem Interesse.

__ Aus den Vereinsnachrihten verdienen die gehaltenen Vor- träge eine kurze Erwähnung. So spraþh Hr. Koppmann über die „Neun Helden“ (neuf preux, nine worthies, de neghen besten), jene Zusammenstellung von dreimal drei Männern, die ih nach der Meinung des Mittelalters im Heiden- thum, Judenthum und Christenthum am meisten dur Ritter- tugenden ausgezeihnet haben, und als welche gewöhnli Hektor, Alexander der Große und Julius Caesar, David, Josua und Judas Makkabaeus, Arthur, Karl der Große und Gottfried von Bouillon angenommen und vielfa dargestellt worden sind. Der Vortragende machte den Versuch, diese eigenthümliche Zusammenstellung von je drei Repräsentanten der drei Bekenntnisse der Bretagne zuzueignen und die Gründe ausfindig zu maten, welche hier zu einer Abweichung in ten Personen, dort zu einer Vergrößerung ihrer Anzahl in Hamburg wie auch anderswo auf zwölf geführt haben.

Derselbe sprach ferner über das Amt der Reper und den Jo- hannis-Krugtag der Repergesellen ; Dr. F. Voigt über die Holzschnitz- werke im Hamburgischen Museum für Kunst und Gewerbe, fowie über die Gründung der Scchiffergesellschaft in Hamburg (im Jahre 1492 als St. Annen-Brüderschafst der Schiffer und Seefahrer, zu kirchlichen und geselligen Zwecken) und die aus ihr hervorgegangene Stiftung des Seefahrer-Armenhauses. Aus dem leßteren Vortrage erscheint die Mittheilung bemerkenswerth, daß die jeßige Wittwen- kasse Hamburger Schiffskapitäne aus der ehemaligen „Casse der Stücke von Achten“ hervorgegangen ist, die zum Loskau f von dur muselmännische Kaper in Gefangenschaft gerathenen Schiffern beftimmt war.

Anläßlich des Hamburger Straßennamens „Pilatuspool“, den man vergebliß durch Wilhadus- oder Plaz-Pfuhl zu er- klären versucht hat, stellt Koppmann sch{ließlich die Frage, ob der Name jenes römischen Statthalters noch an anderen Dertlich- keiten hafte, als dem Pilatusberge und dem Pilatussee im Kanton Luzern. Der Pastor zu St. Michaelis Carl Bertheau bittet da- gegen um Mittheilung, ob fih irgendwo in öffentlichem oder pri- vatem Besitz eine ältere Handschrift von Johannes Bugen- bagens „Der Erbaren Stadt Hamborg Chri}tlike Ordezxinge“ vom Jahre 1529 in niederdeutsher Sprache finde.

Carl Riesels Pfingstgesellschaftsreise nah Mün- chen, dem Brenner, den oberitalienishen Seen, Mai- land, Verona, Venedig, Triest, Adelsberg, Wien, Salzburg wird dem Pfingstandrang in Wien, Adeléberg, Trieft und Venedig aus dem Wege gehen. Die Abreise erfolgt am 29. Mai, Soi Dauer 16 Tage. Preis 500 4. incl. der oberitalienischen

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Nah Hamburg. und Helgoland ist die Abfahrt auf den 31. Mai cr., Abends 0 Uhr 30 Minuten festgesegt, und zwar mit der Berechtigung, bei der Rückfahrt auß d.e Courier-Expreß-Züge benugen zu dürfen. :

Um 14. Juni cr., 5. Juli und 1. August, geht ein Separat- Courierzug nah Frankfurt a. M. auf 6 Wochen und Courierzug- Benutung auf der Rückreise. I1, Kl. 45 A, 1I1, Kl. 30

Am 4. Juli cr. nach München. .

Am 18. Juni und 3. August Gesellshaftsreise nah Skandi- navien, Anfang Juli und Anfang August nach Kopenhagen und Bornholm. 7 /

Am 5. Juli Gesellschaftsreise mit jungen Leuten nah Süd- deutschland, dem Vierwaldstädter-See und Berner Ober- land. 25 Tage. 350 M

Im September nah Südfrankreih, Spanien und Paris, sowie nach Jtalien incl. Rom und Neapel via Schweiz.

Außerdem hält das Comptoir die billigsten Eisenbahnbillete und Reisebücher zu Pfingstfahrten nah der Sächsishen Schweiz, Thü- ringen, Harz, Riesengebirge, Rhein 2c. vorräthig.

Das Germania-Theater eröffnet morgen, Donnerstag, seine Sommerbühne mit einer Novität ven Albert Lindner.

Nedacteur: J. V.: Riedel.

Verlag der Expedition (Kessel). Druck: W, Elsner. Vier Beilagen

Berlin;

(einschliezlich Börsen-Beilage).

Erste Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger.

e 123.

Berlin, Mittwoh den 28. Mai

17D.

Nichtamlliches.

Berlin, 28. Mai. Jm weiteren Verlaufe der gest?*gen (54.) Sitzung sehte der Reichstag die zweite Berathung des Geseß- entwurfs, betreffend die vorläufige Einführung von Aenderungen des Zolltarifs fort. Zu diesem Geseß- entwurfe lagen außer dem s{hon mitgetheilten Prinzipal- Antrage der Abgg. Windthorst und Dr. Hammacher noh fol-

ende Anträge vor: Zu dem Antrage MWindthorst-Hammacher Peantragten die Abgg. von Bötticher (Flensburg) und von

Schmid (Württemberg):

Für den Fall der Annahme des Antrages 2 der Abgg. Windt- horst und Dr. Hammacher hinter die Worte : „aller Art von Eisen einzuschalten: „Kaffee, Thee, Petroleum.“ :

Ferner beantragte der Abg. von Kleist-Reyow, in dem 8. 1 des Mou ses ais S unter ihung der Worke: „un ein“ hinzuzufügen : Sous aller Art, Branntwein aller Art, Wein, Kaffee, Thee und Petroleum“.

Dagegen der Abg. Stumm, in dem Prinzipalantrage des Abg. Windthorst sub 1, zweite Zeile die Worte : „Nr. 6 a, (Roheisen aller Art 2c.)“ zu streichen und an deren Stelle zu seten: :

„Nr. 6 (Eisen- und Eisenwaaren), Nr. 15 b. 2) (Mascinen)“ ; im-dem eventuellen Antrage sub 2 die Worte: „Roheisen aller Art, E und Abfälle aller Art von Eisen“ zu streihen und dafür zu seßen : :

| A und Eisenwaaren (Nr. 6 des Tarifentwurfs),

Maschinen (Nr. 15 b, des Tarifentwourfs)“ ;

endlih der Abg. Richter (Hagen): A

1) im Eingang des §8. 1 desselben Antrages die Worte zu fireldèn* „in Nr. 6a, (Robeiser aller Art 2c.)“; 2) in Zeile 6 statt „Anordnung des Reichskanzlers“ zu seßen: „Anordnung des Kaisers“; 3) in der leßten Zeile vor „noch genehmigen wird die Worte einzuschalten: „unter Bezugnahme auf diesen Paragraphen“.

Nach dem Referenten Abg. Benda ergriff der Präsident Des Reichskanzler-Amts, Staats-Minister Hosmann, das Wort :

Meine Herren! Die verbündeten Regierungen waren bei der Vorlegung des Gesehentwurfs von der Ansicht ausgegangen, daß in unserer Zollgeseßgebung eine Lücke vorhanden sei, die durch eine bleibende Einrichtung auszufüllen sei. Die verbündeten Regie- rungen stehen auch heute noch auf diefem Standpunkt, indessen hat sie das nich. abhalten föônnen, in der Kommissioa den Ansichten, die dort, wie auch bei der ersten Berathung hier im Hause vertreten waren, entgegenzukommen und einen eventuellen Vorschlag zu machen, der die ganze Ma’ regel zunächst bes{chränkt auf gewisse Positionen des neu vorgeschlagenen Larifes. Die verbündeten Regierungen glauben, daß, wenn in diesem Falle ein Präzedens geschaffen würde, es dann späterhin wohl leichter sein werde, die vorhandene Lücke auch für die Dauer auézufüllen. Als solche Artikel, auf welche sich die Vollmacht zur vorläufigen Hebung der ncuen Säße zunächst erstrecken soll, wurden von den verbündeten Regierungen in der Kommission bezeichnet ; die Position 6, also Eisen- und Eisenwaaren, die aanze Position 25, Materialwaaren 2c., welhe namentlich auch die größeren Finanz- artikel enthält, und Position 29, Petroleum /

Der vorliegende Antrag der Kommission weiht nun von dem Vorschlage der verbündeten Regierungen fehr weit ab, indem er von all den Positionen nur die beiden Artikel Tabak und Wein als Ge- geustände der sogenannten Sperre bezeichnet. Jn diefer Beschrän- fung, meine Herren, würde das Geseßz, wie ih glaube, nicht eine genügende Wirksamkeit haben, um überhaupt eine Maßregel, wie die vorliegende, zu rechtfertigen. : 5 i :

Was den Tabak betrifft, so ist {hon früher hier und auch in der Kommission darauf hingewiesen worden, daß es mannigfachen Bedenken unterliegt, gerade beim Tabak mit einer vorläufigen He- bung der höherem Sollsäße voranzugehenz es würde also für den Nan daß die verbündeten Regierungen beim Tabak zunächst von der

ollmaht feinen Gcbrauch machen, nur der Wein übrig bleiben, Ich glaube, meine Herren, daß es doch nicht der Wichtigkeit einer folchen Maßregel entspriht, wenn man nur einen einzigen Artikel wie Wein herausgreift, und andere, bei denen ganz dieselben Gründe wie beim Weine vorliegen, in dem Geseße außer Abt lâßt. Ih möchte deshalb das hohe Haus bitten, wenn es, wie ja das vorauszusehen ist, der Regierungsvorlage nicht zustimmen wird, dann doch wenigstens diejenigen Anträge anzunehmen, welche der Regierungsvorlage am nächsten stehen. In dieser Hinsicht kommt zuerst der Antrag der Herren Windthorst und Hammacher in Betracht, insofern er den Kreis der Gegenstände, auf welchen sich die Sperre beziehen soll, ganz in dem Sinne bezeichnet, wie es die Ver- treter der verbündeten-Regierungen in der Kommission gethan haben. Allerdings fügt dieser Antrag eine Beschränkung hinzu, die in der ursprünglichen Vorlage wenigstens nicht in dieser Form enthalten war. Er knüpft nämlich die Vollmaht an Die Wes \chlü}se der zweiten Berathung. Hierin würde in Bezie- hung auf das Eisen kein Hemmniß für die vorläufige Sperre liegen, da beim Eisen bereits die Beschlüsse der zweiten Lesung gefaßt sind; bei anderen Artikeln entsteht dur die Beschrän- kung all:-rdings der Nachtheil, daß die Sperre nicht sofort eintreten kann, sondern erst in dem Augenblicke, wo der Beschluß der zweiten Lesung vorliegt, indessen, meine Herren, mache ih darauf aufmerksam, daß auch die verbündeten Regierungen in ihrer Vorlage zur vorläu- figen Inkraftseßung eines Zolles die Genehmigung des Neichstages vorbehalten haben, und es nähert si insofern der Antra Windthorfst- Le maer der Regierungsvorlage, als er den Beschluß der zweiten esung zugleih als Genehmigung der vorläufigen Inkraft- seßung des von dem Reichstag bewilligten Zollsaßes carafkterisirt, Ich kann also hier eine allerdings unerwünshte, aber doch nicht prinzipielle Abweichung von der Regierungsvorlage sehen, und da der Antrag Windthorst-Hammacher sich im Uebrigen am meisten der Regierungévorlage nähert, so möchte ih die hohe El bitten, sih diesen Antrag eventuell anzueignen. Für den Fall, da er niht angenommen werden sollte, würden sih die verbündeten Regierungen mit den von den beiden genannten erren gestellten eventuellen Anträgen mit den aus dem Hause bereits beantragten Erweiterungen am meisten einverstanden erklären Plönnen.

Ih möchte nur noch auf einen Punkt aufmerksam machen in Beziehung auf welchen auch ein Abänderungsantrag estellt is, Es war Zuni hon in der Regierungsvorlage und das ist auch in dem Kommissionsantrage M L eine Anordnung des Reichs- kanzlers, nicht eine Kaiserliche Verordnung vorgesehen, um die Sperre ins Leben zu ruf: n. Meine Herren, der Grund, warum die ver- bündeten Regierungen in diesem Falle eine Anordnung des Reichs- kanzlers für richtiger gehalten haben als eine Kaiserliche Verordnung, ist I der, daß es sich hier nur um rovisorische Maßregeln handelt, die einfa dur einen Beschlu des Reichstags in dritter Lesung, nicht einmal ausdrüdcklih, sondern stillshweigend, indem der Beschluß abweichend gefaßt wird, wieder außer Kraft geseht werden. Es sien nit angemessen, Kaiserliche Verordnungen im eihs-Gesepblatt zu verkündigen, die dann einfah wieder dur einen abweichenden Be-

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\{luß der dritten Lesung außer Kraft geseßt werden könnten. Dies war der Grund, weshalb man in diesem Falle eine Anordnung des Reichs- fanzlers für rihtiger gehalten hat, und ih möchte das hohe Haus bitten, in der Beziehung bei der Vorlage beziehungsweise dem Kom- missionsantrage zu Lleiben.

Der Abg. Windthorst befürwortete seinen Antrag; sowohl der Kommissionsantrag, wie der seinige, hielten daran fest, daß hier niht eine dauernde Anordnung getroffen, sondern nur für die spätere Durhführung des Tarifs das Nöthige vorgesehen werden solle; au handele es sih in beiden nicht um alle Aida des -Tarifs, sondern um bestimmt bezeih- nete Artikel; nur in Beziehung auf die Anzahl der heranzu- ziehenden Gegenstände wichen beide Anträge von einander ab; es komme ihm aber auf die Aufrechterhaltung des Prinzips an. Nehme man den Antrag der Kommission an, so statuire man in diesem Falle die Zulässigkeit der Erhebung eines L auf Gegenstände, über welche der Reichstag noch nicht

eshluß gefaßt habe. Man wisse also weder, ob der Reichs- tag diese Gegenstände überhaupt mit einem Zoll be- legen wolle, noch wisse man, in welcher Höhe. Das scheine ihm denn do etwas zu weit zu gehen Nun habe die Kom- missson nur zwei Gegenstände vorgeschlagen. Rücksichtlich des einen Gegenstandes sei nach seinem Dafürhalten die Maß- regel durchaus nicht mehr nothwendig und wirksam. Er glaube, es sei bereits so viel Tabak nah Deutschland ein- gcführt worden, daß man von Seiten der Spekulation \{chwer- lih Lust haben werde, noch mehr einzuführen. Was den Wein betreffe, so sei er im Ganzen gesonnen, für die Erhöhung des Weinzolles unter allen Umständen zu stimmen, indeß wisse er darum noch nicht, ob der Reichstag si zu Gunsten des Weinzolles entscheiden werde. Mit den Vorschlägen seines Antra-es in Bezug auf Material- waaren und Petroleum solle in keiner Weise ein Präzedens für die künftige Abstimmung geschaffen werten. Werde nun durch seinen Antrag der damit verbundene Zweck nicht völlig erreicht, so liege die Schuld mehr in den Ver- ältnissen selbst, als im Antrage. Es sei in den Motiven chon hervorgehoben worden, daß derartige Spekulationen deshalb leicht einträten, weil die Vorbereitungen zu etnem Der- artigen Geseß nidt geheim blieben, namentlih für Leute, die den Regierungskreisen näher ständen als das große Publikum. Deshalb wolle er das große ganze Publikum in gleiche Lage bringen und eine Ueberrumpelung desselben verhüten. BU {einem Antrage seien nun verschiedene Anträge gemacht, der Abg. Richter wolle aus der Position 6 das Eijen ganz entfer- nen; der Abg. Stumm wolle die ganze Position 6 aufgenommen haben. Unmittelbar praktisch wäre für den Fall der Annahme feines Antrages die Anwendung gerade für Eisen ; denn bezüg- li des Eisenzolles sei bereits in der zweiten Lesung abgestimmt. Da es feststehe, daß ein Eisenzoll unter allen Umständen angenom- men werde, so sei es von der höchsten Wichtigkeit, daß der damit verbundene Zwet sofort ærreiht werde. Er fei keines- wegs für eine so große Erhöhung des Zolls, aber er lege roßes Gewicht darauf, daß in Bezug auf das Roheisen #0- ort die Sperrung einträte und er müsse sih daher gegen das Amendement Richter zu seinem Antrage erklären. Ebenso aber auch gegen den Antrag Stumm, da er eine sofortige Sper- rung für die Eisenwaaren, auf welche derselbe seinen Antrag ausgedehnt wissen wolle, nah den Umständen nicht für sofort nothwendig halte. Die Gründe, welche die Regierung veran- laßt lätten, hier den Reichskanzler und vicht eine Kaiserliche Verordnung eintreten zu lassen, finde er durhschlagend und müsse deshalb bei seinem Antrage verharren. Gründliche Beach- tung verdiene allerdings der Antrag des Abg. Richter, der be- zwette, daß man hinzuseße, es solle bei den einzelnen Positionen der betreffenden Abschnitte jedesmal beschlossen werden mit Bezugnahme auf dieses Geseg, es sollten also nur diejenigen Positionen getroffen werden, welche der Neichstag speziell her- vorhebe. Für diese Absicht könne man geltend machen, daß namentlich in dem Abschnitt 25 eine Reihe von Gegenständen vorkämen, die in der That einer Sperre nicht ausgeseßt werden dürften, z. B. die Butter. Er sei aber überzeugt, daß die Regierungen gar nicht daran denken würden, in Bezug auf diese Gegenstände eine Sperre eintreten zu lassen. Ueber- dies habe der Reichstag es ja volllommen in der Hand, den Zeitpunkt zu bestimmen, wo derselbe in der zweiten Berathung diese Säge feststellen wolle. Auf den Tabakszoll würden, glaube er, die verbündeten Regierungen im gegenwärtigen Augenblick kein großes Gewicht legen. Ob er persönlich, wenn Eisen aufgenommen werde, für den Kommissionsantrag stimmen werde, hänge, wie er wiederhole, von den Verhand- lungen ab, denn das Prinzip, daß der Reichstag erst be- willigt haben müsse, stehe bei ihm außerordentlih hoc und er möchte es auch da nicht V wo unziveifelhaft feine materiellen Bedenken vorlägen. Für die anderen Gegen- tände Petroleum, Kaffee, Branntwein 2c. könne er in der Lune des Kommissionsantrages unter keinen Umständen

stimmen. Das sei ja gerade der große Zweifel, wie weit man

auf diese Finanzzölle werde eingehen können. _Rüksichtlich dieser könne er niht zugeben, daß eine vorläufige Hebung stattfinde, so lange der Reichstag Lan nicht \{lüssig ge- worden, ob und wie weit er auf diese Positionen eingehen wolle, Es sei ja richtig, daß der Reichstag selbst sih nicht binde, daß eventuell das Gezahlte zurückerstattet werden würde, indeß das vorläufige Einziehen von Zöllen, auch wenn sie demnächst restituirt würden, sei für die betreffenden Personen keine Kleinigkeit. Dieselben müßten aus ihrem Betriebs- fapital den Vorshuß entnehmen und festlegen und nicht

edermann habe diese Summe. Es sei hier zu sehr an die Großhändler gedacht, an die kleinen gewiß nicht und diese wolle ex ohne die dringendste Noth niht in die Lage bringen, solche Auslagen zu machen, selbst wenn sie restituirt würden, Endlich würde die Hebung von Zöllen, deren Bewilligun nod) gar niht in feste Aussicht genommen sei, doch im Volke die Ansicht herbeiführen, als sei die Bewilligung Steel Sache. Dadurch würden viele neue Kombinationen des Ge äfts eintreten, welche naher zerstört würden, wenn man die Zölle nicht ein- führe. Aus diesen Gründen könne er auf diese Vorschläge nit eingehen, obglei er gugene, daß, wenn man nit rasch beshließe, in der That Spe ulationen eintreten könnten, wie

man sie beim Tabak zum Uebermaß gesehen habe. Er wünsche, daß erst die prinzipielle rage festgestellt würde, bevor man die einzelnen in Frage stehenden Positionen diskutire.

Der Abg. von Kleist-Rezow erklärte, die Vorlage der Kommission habe vor der der Regierung den Vorzug, daß die heikle Frage nah der Berührung der Geschäftsordnung des Reichstages durch ein Geseß unter Mitwirkung der Staats- regierung dadurch von der Tagesordnung entfernt werde. Die Regierung hätte eigentlich nach früheren Erfahrungen voraussehen können, daß der Reichstag nicht leihten Kaufs geneigt sein würde, in diesem Falle der Regierung die Mit- wirkung an der Regelung der Geschäftsordnung zuzugestehen. Der zweite Grund, weshalb er die Vorlage der Kommission für besser halte, sei, daß der doppelte Akt, welcher nah der Regierungsvorlage vorgenommen werden müsse, erst ein all- gemeines Geses und dann für die speziellen Fälle, die einzelnen Posten festzustellen, die gesperrt werden sollten, vermieden werde. Die Fragen scien von dem größten Fn- teresse nicht nur für die Wähler, sondern auch für das ganze Land. Zweimal aber dieselben Verhandlungen vorzunehmen, sei unnüg und zeitraubend, es erleichtere die Sache, wenn der Reichstag gleich speziell ausspreche, für welche Positionen er bereit sei, eine Sperre eintreten zu lassen. Es sei aber nah seiner Auffassung die Aufzählung dessen, was im §. 1 des Kommissionsentwurfes in dieser Beziehung vorgeschlagen sei, viel zu eng, er würde es sogar für nothwendig erachten, daß bei einer ganzen Reihe anderer Artikel in gleicher Weise eine Sperre eintrete. Er habe von den jeßigen Zollverhandlungen den Eindruck, daß die Masse der Details und der Detail- interessen den eigentlih leitenden Gesicht8punlt vielfa ver- rückt habe. Der leitende Gesichtspunkt bleibe, daß unter Zu- stimmung des Reichstags der Bundesrath durh in- direkte Steuern bedeutende Mittel \{chafen wolle, um die Bedürfnisse des Reiches, vor Allem aber der Einzel- staaten zur Erleichterung der Gemeinden und der ärmeren Klassen zu befriedigen, Man müsse dahin streben, mit den neuen Zöllen eine Finanzreform im großen Stile zu ver- binden und zwar in der Art, daß die Kommunen und die unteren Klassen der Klassen- und Gewerbesteuer erleichtert würden. Dazu aber müsse man die Summen etwa erreichen, die in dieser Beziehung der Finanz-Minister dem Reichstag vor einigen Wochen mitgetheilt habe. Es seien ungefähr 100 Millionen Mark für Preußen, 60 Millionen für die anderen deutshen Länder und wenn etwa dabei das Unterrichts- geseß mitgezählt sein sollte uud dasselbe in Uebereinstimmung mit den Ansichten des Abg. Windthorst vom Hause demnächst abgelehnt würde, so würden dadurch für ganz Deutschland ctwa 40 Millionen weniger gebrauht werden, dann aber immerhin eine Summe von 120 Millionen absolut noth- wendig sein. Deutschland habe da nichts übrig, zu ver- schenken, sondern, wo sich ‘ein Gegenstand finde, der überhaupt vom Zoll mit Recht getroffen werde, müsse man ihn auch voll damit belegen und besonders eine Hinterziehunc der Steuern vermeiden. Es müßten daher diejenigen Artikel, die massenhast {nell in das Land hineingeworfen werden fönnten, einer Sperre unterworfen werden. Gewiß hätte die Regierung schon früher mit einem desfallsigen Entwurf vor- angehen follen, aber der Grund der Verzögerung sei, daß die Regierung die Sperre des Tabaks, die er für jehr nothwen- wendig halte, nicht wollte und, um eine Vereinbarung zu finden, das allgemeine Geseß vorgeschlagen habe. Nehme das Haus das Geseß niht an oder beschränke es, so könne die Regierung den Vorwurf der Verzögerung auf das Haupt des Reichstags zurückwerfen, weil derselbe niht ausreihend unter- stüßt sei. Auf der anderen Seite füge er hinzu, daß, wenn die Regierung durch ihre Erklärung für den _Antrag des Abg. Windthorst sih ihrerseits einen wesentlichen Theil dieser Ein nahmen entgehen lassen würde, sie dem Hause nachher nicht den Vorwurf machen könne, daß von demselben von den Steuern Millionen fortgenommen secien. Denn Millio- ven würden hier fortgegeben, wenn bei allen Gegen- ständen erit nah der zweiten Lesung die Sperre ein- träte, welhe nah Lage der Sache nur bei dem Eisen wirksam werde, die definitive Absperrung in keiner Weise präjudizire. Er fürhte, die Regierung habe sich zu {nell geneigt erklärt, auf den Vorshlag Windthorst einzugehen, weil derselbe nur formell der Regierung entgegenkomme. Nach demselben könne die Regierung auch jezl noch aus der Position 25 heraus- wählen, welche Gegenstände sie wolle, während feiner Meinung nach der Reichstag die einzelnen zur Sperre geeigneten Gegen- stände speziell bezeichnen sollte. Die Betheiligten würden da- dur nicht geshädigt, weil die Steuer ihnen kreditirt werde. Die Tabaksperre halte er für schr wichtig; wenn man glaube, daß die Nachsteuer dadurch weniger Aussicht auf Annahme habe, gebe er das nicht zu. Uebrigens sei cin Sperling in der Hand ihm lieber als eine Taube auf dem Dache. Aber auch für Branntwein und für Eisen dürfe man der Speku lation niht noch länger Freiheit gewähren und müße dem Reiche die Einnahmen zuführen. Redner bat deshalb um Annahme seines Antrages. S A

Der Abg. Richter (Hagen) konstatixte zunächst mit Freu den, daß der Vorredner seine Berechnung anerkenne, daß die Vorlage das Volk um 160 Millionen Mark mehr an Steuern und Löllen belaste. (Herr von Kleist: Nein, das habe ic nicht anerkannt.) Ja wohl, Alle, welche weniger als 160 Millionen Mark bewilligen wollten, würden sih also um 10 men vor: sehen müssen, daß sie nicht zu viel bewilligten. Der Antrag Windthorst wahre das konstitutionelle Prinzip besser, als es von einem Theil der nationalliberalen Partei, der in der Kommission für die Majorität den Ausschlag gegeben habe, geschehen sei, Das konstitutionelle Prinzip liege ja darin, daß eine vorläufige Jnkraftsegzung einer Steuer oder eines Zolles nicht eher eintrete , als bis eine Majorität des Reichstages h für das Definitivum, wenn au nur in der zweiten Lesung, exklärt habe. Außerdem ers{hwere doch die Annahme des Kommissionsvorschlages immer die taltische Stellung tür die nachherige Abstimmung über die im Kommissionsvorshlage enthaltenen Artikel. Ueberdies }ei, wenn bereits eine Sperro eintreten könne, bevor eine Abstimmung stattgefunden habe, die Wahrscheinlichkeit eine größere, daß naher diefes Provi