1895 / 102 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Mon, 29 Apr 1895 18:00:01 GMT) scan diff

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menge jubelnd begrüßt, nah dem Neuen Palais. Na dem Eintreffen daselbsi begrüßten Seine Majestät Jhre Königliche R die Großherzogin und Jhre Majestät die Köntgin ikftoria. Seine Majestät nahmen im Palais den Thee ein und fuhren alsdann mit dem Großherzog nach dem Schlosse, woselbst Absteigequartier genommen wurde. Um 81/2 Uhr Abends fand im Alten alais am Fe Familientafel und Marschalltafel stait, und später wurde von Mitgliedern des Hoftheaters Benedix" Lustspiel „E ärtlihen Verwandten“ aufgeführt. Die Fahnen und Stan- Tan waren zu Seiner Mazestät dem Kaijer nach dem Schlosse gebracht worden. F ; Gestern Vormittag besuchten Seine Majestät der Kaiser, wie „W. T. B.“ meldet, das Mausoleum auf der Rosenhöhe, um an der Grabstätte des Großherzogs Ludwig und der Großherzogin Alice Kranzspenden niederzulegen. Alsdann statteten Seine Majestät dem Prinzen und der Prinzessin zu Solms einen Besuch ab und wohnten darauf dem Gottes- dienste bei, welchen Hofprediger Ehrhardt für die Allerhöchsten Herrschaften um 11/4 Uhr im Alten Palais abhielt. Um 121/, Uhr traf Jhre Majestät die Kaiserin Friedri mit dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Carl von Hessen in Darmstadt ein und wurde von Seiner Majestät dem Kaiser, von Seiner Königlichen Hoheit dem Groerps und der Prinzessin Heinrich von Battenberg am Bahnho empfangen. Die Gesandten von Preußen und von England waren anwesend. Nach kurzer Begrüßung fuhren Seine Majestät der Kaiser und Jhre Majestät die Kaiserin Friedrih in offenem Wagen nah dem Palais. Der Großherzog und die Prinzen und Prinzessinnen folgten. Am Nachmittag unternahmen der Kaiser und der Großherzog eine Ausfahrt nah dem Kranichsteiner Wildpark und wohnten später der Vorstellung im Theater bei. Jhre Majestät die Kaiserin Friedrich tehrte mit dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich arl von Hessen am Nachmittag nah Kronberg zurück. Heute fruh wurde die Garnison von Darmstadt alarmiert und hierauf auf dem Exerzierplaß vor Seiner Majestät eine Uebung abgehalten. Um 71/4 Ühr Morgens reisten Seine Majestät der Kaiser, von Seiner Königlihen Hoheit dem Großherzog und der militärischen Suite zum Bahnhof geleitet, nah Salzshlirf ab, wo die Ankunft um 10 Uhr erfolgte. Vom dortigen Bahnhof begaben Sih Seine Majestät zu Wagen nach Schlig. Jhre Majestät die Kaiserin und Königin

ertheilten gestern dem Herzog von Sagan eine Audienz.

Der Bundesrath versammelte sich heute zu einer Plenar-

figung.

Das Staats-Ministerium trat heute Nachmittag 9 Uhr im Reichstagsbäude unter dem Vorfi des Winister- Präfidenten Fürsten zu Hohenlohe zu einer Sißung zusammen.

Behufs Regelung des Pensionsbezuges der im Reihs- oder Staatsdienst wiederbeschäftigten pensionierten Beamten is] durch Zirkularverfügung der Minister der Finanzen und des Jnnern vom 9. d. M. Fol- gendes angeordnet worden: j

1) Jn Gemäßheit der Vorschriften in den S8 27 Nr. 2 und 29 des Zivil - Penfionsgesezes vom 27. März 1892 (Gescß-Samml. S. 268) soll in Zukunft ein Ruhen der Pension der im Reichs- oder Staatsdienst wieder- beschäftigten Pcasionäre nur eintreten, sofern dieselben dadur wieder die Eigenschaft von unmittelbaren Reichs- oder Staatsbeamten erlangt haben. Bei Dienstleistungen, in welchen der Penfionär lediglich in ein privatrehtlihes Verhältniß zu der ihn wiederbeshäftigenden Behörde tritt, findet dagegen eine Einziehung oder Kürzung der Pension in Zukunft nicht mehr statt.

2) Bevor Personen, welhe zum Bezug einer Reichs- oder Staatspension berechtigt sind, im Dienst einer Siaatsbehörde wieder beschäftigt werden, oder ihre dienstlihe Stellung ver- ändern, ijt in jedem Falle festzustellen, ob dieselben dadur die Eigenschaft von Staatsbeamten wiedererlangen oder ob fie nur in ein privatrehtlihes Verhältniß zu dieser Behörde treten beziehungsweise in einem solchen bleiben. Jm ersteren Falle ist den Betreffenden in einer mit ihnen aufzunehmenden Verhandlung zu eröffnen, daß fie die Eigenschaft von Staats-

eamten wiedererlangt haben.

3) Ein privatrechtlihes Verhältniß wird regelmäßig dann vorliegen, wenn es fih um gering gelohnte, lediglih mechanische Dienstleistungen handelt, welche aus sächlihen Fonds vergütet werden. Diejenigen wiederbeshäftigten Pensionäre, welche eine im Staatshaushalts - Etat aufgeführte Stelle unter Bezug der mit derselben verbundenen Besoldung bekleiden, sind stets als Beamte anzusehen. Werden die Dienstbezüge aus Fonds „zu anderen persönlichen Ausgaben“ entnommen, so ist die Frage, ob ein Beamten- oder privatrehtlihes Ver- hältniß vorliegt, nach den bestehenden dienstpragmatischen Grundsäßen zu beftimmen (cfr. Zirkularerlaß vom 10. April 1883 ‘Min.-Bl. f. d. i. V. S. 56 f. —), wobei für die Annahme eines Beamtenverhältnisses namentlich entsheidend sein wird, ob die Betreffenden der Disziplinargewalt zu unterwerfen bezw. unterworfen sind, oder der Znvaliditäts- und Alters- versicherung nah S 4 des Reichsgesezes vom 22. Juni 1889 (R-G.-Bl. S. 97) nicht unterliegen werden beziehungsweise nit unterliegen.

4) Unter vorübergeh Beschäftigung im Sinne des § 29 Abs. 2 dcs Zivil - Pcnsionsgesezes find niemals die zur Deckung eines dauernden DBe- dürfnisses erfolgten, nihcht auf eine bestimmte Zeit be- schränfkten Dienstleistungen zu verstehen, welhe aus bejonderen Umständen, etwa weil der Beireffende sich niht bewährt und die Kündigung oder jederzeitige Entlassung vorbehalten war, nit zu dauernder Beschäftigung führen, sondern die zur Be- friedigung vorübergehender Bedürfnisse bestimmten, mithin ihrer Natur nach zeitlih beschränkten Dienftverrihtungen, bei welchen eine Ausficht auf dauernde Beschäftigung nicht vor- handen ift.

5) Diejenige Behörde, welche die Wiederanstellung oder Wiederbeschäftigung eines Pensionärs versügt, hat der Behörde, von deren Kasse die Zahlung und Verrehnung der Pension desselben erfolgt, von der erfolgten Wieder- onstellung oder Wiederbesczäftigung Nachricht zu geben. bey: pf D : Dabei ist anzugeben, ob der Pensionär durch dic Wieder-

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chäftigung die Eigenschaft eines Beamten wieder- erlangt hat, oder ob Beamteneigenschaft au lossen ist: ferner, ob es sich um eine dauernde oder vor- übergehende Beschäftigung handelt. Auch ist die- Höhe des infolge der Wiederanstellung oder Wiederbeschäftigung aus der Staats- (Reichs-) Kasse bewilligten Einkommens anzugeben und später von etner B dieses Einkommens Mittheilung zu machen; der leßteren bedarf es indessen nicht in Fällen, in denen eine Einkommenserhöhung eintritt, en bereits vorher der ganze Pensionsbezug ruhte. Endlih hat eine Anzeige der Wiederanstellungs- behörde auch bei jedem Stellenwechsel und beim Wieder- ausscheiden des Beamten aus dem Dienste zu er- folgen. Die vorstehend angeordneten Benachrichtigungen der wiederanstellenden oder wiederbeshäftigenden Behörden hnd als Justifikatorien zu den betreffenden enfionsrehnungen bei- zubringen. E L .

6) Vorstehende Bestimmungen finden auf Wartegeld- empfänger entsprehende Anwendung. j i

7) Der Zirkularerlaß vom 19. August 1880 (Min.-Bl. f. d. i. V. S. 261) wird aufgehoben.

Der General - Lieutenant Kuhlmann, Inspekteur der 1. Fuß-Artillerie-Jnspektion, hat Berlin verlassen.

Der Bevollmächtiate zum Bundesrath, Königlich bayerische General-Major von Haag ist hier angekommen.

Friedrichsruh, 27. April. Den „Hamburger Nach- richten“ zufolge nahm Fürst Bismarck heute Vormittag das Modell des Geschenks der deutshen Korps, bestehend in einem auf der Rudelsburg zu errihtenden Denkmal, das den Jubilar als Studenten darstellt, von einer Deputation alter Korpsstudenten entgegen, die von Dr. Hans von Hopfen als Sprecher geführt wurde. Auf die an ihn gerichtete Ansprache erwiderte der Fürst in längerer Nede. Danach empfing der Fürst im Séloßhofe eine Ab- ordnung aus Oldenburg, von der ihm als Geschenk zwei Stuten mit ihren Füllen vorgeführt wurden. Nah dem Empfang blieb der Fürst mit den Herren des Oldenburgischen Comités sowie mit den Vertretern der Korps noch eine Stunde im Schloffe beisammen.

Düsseldorf, 2W. April. Nahdem Seine Majestät der König die Zusammenberufung des Provinzial-Landtags der Rheinprovinz auf den heutigen Tag zu genehmigen ge- ruht hatte, begab sih heute Mittag 12 Uhr, nah Beendigung des in der fatholishen und in der evangelischen Kirche abge- haltenen Gottesdienstes der Königliche Landtags-Kommissarius, Ober-Vräsident der Rheinprovinz, Wirkliche Geheime Rath Nasse nach dem Ständehause und eröffnete mit nachfolgender Ansprache den 39. Provinzial-Landtag:

Hocgeehrte Herren!

Den von Seiner Majestät dem Kaiser und König hierher ein- berufenen 39. Provinzial-Landtag der Rheinprovinz namens der König- lihen Staatsregierung berzlihst begrüßen zu dürfen, gereiht mir zur großen Ehre und Freude.

Aus den Ihnen bereits zugegangenen Vorlagen werden Sie ersehen baben, daß zablreide und bedeutsame Angelegenheiten der Beschluß- fassung dur den Provinzial-Landtag harren.

Von dem Provinzial-Auësshuß sorgsam vorberathen, entrollt Shnen vor allem der Hausbaltéplan für die Etatsjahre 1895/96 und 1896/97 ein übersihtlides Bild der vielseitigen und dankbaren Auf- garen, deren Erfüllung der provinziellen Fürsorge und Verwaltung obliegt.

Gewiß; ist es Ibr lebhaftester Wunsch, in gemeinsamer Arbeit mit den staatlichen und feommunalen Organen thunlihft allen auf För- derung ‘des Gemeinwobls innerhalb der Provinz gerichteten Bestre- bungen nah Maßgabe der vorhandenen Mittel dienlih zu sein. So darf denn au jeßt wieder eine reie Bethätigung des Wohlwollens erwartet werden, welches der Rheinische Provinzial - Landtag für die Bedürfnisse des Armen- und Krankenwejens, von Gewerbe und Verkebr, von Kunst und Wissenschaft und vorzugsweise auch für die Interessen der Landwirtbschaft treibenden Bevölkerung ftets an den Tag gelegt hat.

Mit Befriedigung werden Sie es begrüßen, daß von dem Provinzial. Ausshuß im Hinblick auf die Schwierigkeiten, unter denen auch die rbeinische Landwirthschaft und insbesondere der Kleinbauern- stand zu leiden bat, in dem Entwurf des Hausbaltsplanes eine Verstärkung der für landwirthschaftlihe Zwecke zu verwendenden Mittel vorgesehen worden ift.

Das Gebiet der Landwirtbschaft ift es au, auf dem fih die be- deutsamste unter den Vorlagen der Staatsregierung bewegt. Es ift die im Auftrage der zuständigen Hexren Minister Ihrer Beschluß- fassung unterbreitete Vorlage über die Errichtung einer Landwirth- [haftsfammer für unsere Provinz. Ich bin überzeugt, daß Sie, hoch- geehrte Herren, mit voller Unbefangenheit an die Prüfung dieses wichtigen Gegenstandes Ihrer Berathungen berantreten werden, und gebe mich der Hoffnung hin, daß das in der Vorlage ¡um Tusdrut gelangende Bestreben der Staatsregierung, auch dem Beruféstande der rbeinishen Landwirthe durch eine um- fafsende forporative Organisation die fichere Grundlage für die zur Hebuxzg und Förderung der Landwirthschaft erforderliden Maßnahmen aller Ärt zu verleihen, nicht ur Ihr ungetheiltes Interesse bhervor- ruft, sondern aub, entsprechcnd dem Ernst der gegenwärtigen Lage unserer Landwirtbschaft, einer gerechten Würdigung bei Ihnen be- gegnet. Die Staatsregierung legt auf das Zustandekommen des Ünternehmens wegen seiner Bedeutung für viele wihtige und gerade jet dringlice Aufgaben der Landwirtbschaft einen hoben Werth.

Als Königlicher Kommissar erkläre ih den 39. Rheinischen Provinzial-Landtag hiermit für eröffnet.

Darauf fand die Wahl des Vorfißenden des Provinzial- Landtags sowie eines Stellvertreters desselben ftatt. Zum Vorsitzenden des E - Landtags wurde der OÖber- Bürgermeister Becker aus Köln, zum Stellvertreter des- selben Graf Fürstenberg-Stammheim aus Stammheim gewählt.

Bayern.

Das Geburtsfe# Seiner Majestät des Königs wurde am Sonnabend in München durch eine Reihe von Gottes- diensten begangen. Die Königliche Residenz, die Palais der Prinzen und der Gesandtschaften, sämmtliche staatlichen, kirh- lichen und städtishen Gebäude hatten Flaggenshmudck angelegt. Um 10 Uhr fanden Gottesdienste in der St. Michaels- Hoffirhe, der protestantishen St. Matthäuskirhe und in der Synagoge ftatt. Ja der St. Michaels-Hofkirhe er- schienen Abtheilungen der verschiedenen Waffengattungen der Garnison: an der Spihe der Generalität mit dem Kriegs- Minister Freiherrn von Ash Jhre Königlichen Hn die Prinzen Arnulf, Alfons, Rupprecht u Franz, sowie der Herzog Siegfried. Um 11 Uhr begann das Pontifikalamt im Dom, das der Erzbishof von Thoma

zelebrierte. u demselben fanden sich Jhre Königli heiten der Prinz-Regent. mit den Prinzen Ra N

udwig Ferdinand und dem Herzog Ludwig ein. Die Offiziere der verschiedenen Regimenter vereinigten sich Nach- mittags zu Festdiners in ihren Kasinos.

; i Hefen.

Die Zweite Kammer bewilligte. in ihrer vorgestrigen Sizung die Summe von 1 500 000 Æ zur Erbauung eines neuen Museums.

LübeŒck.

Die Bürgerschaft genehmigte, dem „W. T. B.“ zufolge, heute einstimmig die Einsezung einer Entscheidungs- Kommission zur Lösung des zwischen dem Senat und der Bürgerschaft bestehenden Konflikts über die Einrichtung einer Lübecker Staatslotterie.

Oesterreich-Ungarn.

Am Sonnabend Vormittag fand in Wien die Früh- jahrs- Parade der dortigen Garnison vor dem Kaiser statt. Derselben wohnten der Prinz Leopold von Bayern, welher am Morgen eingetroffen und von dem Kaiser empfangen worden war, sowie der Erzherzog Rainer bei. Der Kaiser, dem sih eine glänzende Suite anschloß, ritt die Front der Truppen ab, welche jodann defilierten. Mbit Mitglieder der Diplomatie, fowie ein zahlreihes Publikum waren auf dem Paradefelde anwesend.

Die Kaiserin ist vorgestern in Venedig eingetroffen.

Bei der am Sonnabend im österreihishen Ab-

eordnetenhause fortgeseßten Erna über die Dringlich- eit des Antrags Sokol auf Aufhebung der Schul- erlasse des Statthalters von Böhmen bekämpfte dée Jungtschehe Heroid die Schulerlasse leidenschaft- lih. Der Unterrichts - Minister Dr. von Madeyski erklärte, die Treue und Hingebung des böhmischen Volks an Kaiser und Reich seien historisch dokumentiert. Allein, wenn leidenshaftlihe Kämpfe geführt würden, ergriffen dieselben auch die Phantasie der Jugend, und es träten Ver- irrungen zu Tage. Dagegen habe pflihtgemäß an Abhilfe gedaht werden müssen. Jn zahlreichen Schulen seien Samm- lungen zu nationalen Zwecken eingeleitet, das Bild des Kaisers verunglimpft und andere Ausschreitungen begangen worden. Nachdem seitens der Gesellshaft hiergegen nichts geschehen, sei es Pflicht der Schulverwaltung, die Erziehung der Jugend in gesunde Bahnen zu leiten. Der Minister führte weiter aus, daß der österreichishe Staat niemals die nationale Fördernng des böhmischen Volks unterlassen habe und daß die verlangte Zurückziehung der Erlasse vom Standpunkt des Staats unver- antwortlih fein würde. Der Abg. Graf Hohenwarit legte den Standpunkr seiner Partei dar und hielt die Kompetenz des Statthalters zur Herausgabe der Erlasse für völlig zweifellos. Namens der ganzen Majorität des Hauses erklärte er, daß dicselbe den allgemeinen Jntentionenn der Erlasse vollkommen beipflichte. Na einer weiteren Rede des Abg. Herold wurde die Dringlichkeit des Antrags Sokol abgelehnt. Am Schluß der Sigung interpellierten die Abgg. von Zalewski und Genossen den Minifter des über das von dem Regierungs - Präsidenten in Oppeln êrlassene Verbot der Rindereinfuhr aus Galizien nah Deutschland. Eine Einschleppung der Klauenseuche aus Galizien habe nicht stattgefunden; Galizien gehe durch das Verbot aller Vortheile aus dem Handelsvertrage verlustig. Die von Mit- gliedern der meiften Parteien unterzeichnete Interpellation schließt mit der Anfrage, welhe Schritte die Regierung zu thun ge- denke, um die deutshe Regierung zur Aufhebung des Verbots zu veranlassen. :

Das ungarische Unterhaus beschloß vorgestern mit großer Majorität, das Geseß über die freie Religions- übung, aus welhem das Oberhaus den Abschnitt über die Konfesfionslosigkeit bereits zweimal gestrichen hatte, zum dritten Mal behufs Restituierung des gestrihenen Abschnitts zurück- es Am Schluß der Sitzung richtete der Abg. Molnar an

en Finanz-Minister die Anfrage, ob die österreichisch-ungarische Bank um Verlängerung des Privilegiums eingekommen sei, welhen Standpunkt der Minister in der Bankfrage einnchme und ob nicht eine selbständige ungarish-nationale Bank errichtet werde. Graf Apponyi interpellierte die Regierurig, ob die Nachricht der Blätter wahr sei, daß die Errihtung eines dem Wiener Ober-Hofmeister-Amt unterzuordnenden Hofamts in Budapest geplani ser und ob die Regierung überhaupt ein Hofamt zu errichten beabsichtige, welhes einem anderen untergeordnet und keine ausshließlih ungarishe Jnftitution sei. Großbritannien und Frland.

Die Königin und die Königin-Regentin der Niederlande find am Sonnabend Mittag in London ein- getroffen.

Bei der vorgestern in Wicklow-Os vorgenommenen Ersaßwahl zumÜnterhause wurde O'Kell y (Nationalist) mit 62 Stimmen Majorität gegen Sweetman (Parnellit)

gewählt. Rußland.

Nach dem vorläufigen Kassenausweis betrugen im Or di- narium die Reichseinnahmen im FJanuar 1895 98 962 000 Rbl. gegen 92 797 000 Rbl. im gleihen Monat 1894. Die Ausgaben bezifferten sich auf 102981 000 Rbl. gegen 86 315 000 Rbl. 1894. Jm Extraordinarium be- trugen die Einnahmen 1 018000 Nól. gegen 8 600 000 Rbl. im Vorjahre, die Ausgaben 1515000 Rbl. gegen 763 000 Rubel 1894. Die Hauptmehreinnahiüen entfielen auf die Kroneisenbahnen mit 4291 000 Rubel, die Zolleinnahmen mit 1 995 000 Rubel und die Getränke-Accise mit 875 000 Rubel. Die Hauptmindereinnahmen ergaben die obligatorishen Zahlungen der Eisenbahngesellshaften um 2585 000 Rubel.

Ftalien.

Die „Riforma“ meldet, der Tag für die Wahlen fei zwar noh nicht definitiv festgeseßt, doch würden die Wahlen sicherlich im Laufe des Mai stattfinden.

Spanien.

Das Befinden des Herzogs von Orleans hat fich nah einer Meldung des „W. T. B.“ aus Sevilla gebessert, obwohl die Schmerzen im Bein noch sehr heftig auftreten. Da die Heilung des Beinbruhs aber mehrere Wochen erfordern wird, so ist, wie verlautet, die Vermählung des Herzogs von Aosta mit der Prinzessin Helene von Orleans vershoben worden.

sängert worden.

Griechenfand.

Von 44 bis gesiern bekannt gewordenen Wahlresultaten find 30 für die Delyannisten günstig ausgefallen. Trikupis unterlag mit 115 Stimmen.

i“ Rumänien. Dic Session der Kammern ist bis zum 11. Mai ver-

: Serbien.

Die Skupschtina hielt am Sonnabend eine kurze belanglose Sizung ab und dürfte heute über die Adresse ver- handeln. Anfangs der Woche wird die Anleihevorlage im Finanz-Ausshuß, welher aus Fortschrittlern, Liberalen und Neutralen unter dem Vorsiß des Liberalen Gwozdits zusammengeseßt ist, zur Berathung gelangen. Die vor- bereitenden Arbeiten der Ausschüsse verliefen bisher ohne Zwischenfall.

Der Zentralausschuß der liberalen Partei hatte alle gegen den Beschluß des Ausschusses auf Wahlenthaltung gewählten liberalen Mitglieder der Sfkupschtina aufgefordert, ihre Mandate innerhalb dreier Tage niederzulegen. Gestern stellte fih nun der aus mehr als 30 Abgeordneten bestehende liberale Klub der Skupschtina dem König vor und erklärte, die Mitglieder des Klubs wollien sich dem Beschluß des Ausschusses nicht fügen und würden die Politik des Königs weiterhin unter- stüßen.

Schweden und Norwegen.

Der norwegische Staats - Minister Gram und der nor- wegishe Staatsrath Hagerup sind am Sonnabend aus Lhristiania in Stockholm angekommen; bald nach ihrer An- funft wurde unter Vorsiß des Königs eine norwegische Staatsrathssizung abgehalten.

Amerika.

Nach einer Meldung aus Havanna hat der Marschall Martinez Campos feinen Operationeplan festgestellt und wird fich demnächst nah Santiago begeben.

Der Gefandte von Nicaragua in Washington hat dem „W. T. B.“ zufolge Telegramme erhalten, worin berichtet wird, daß britische Marinetruppen vom Kriegsschiff „Royal Arihur“ am Sonnabend früh 1 Uhr gelandet worden seien und jeßt die britishe Flagge über Corinto wehe. Die Behörden und der größte Theil der Einwohner hätten die Stadt verlassen. Jn politishen Kreisen Washingtons glaube man, daß die Schließung Corintos als Einfuhrhafen von Nicaragua die Frage verwickele und die Vereinigten Staaten gegen ihren Willen in dieselbe hineingezogen werden fönnten.

Der Präsident von Nicaragua, General Zalaya hat, wie das „Reuter’she Bureau“ aus New-York berichtet, ein Telegramm an ein dortiges Telegraphen-Bureau gesandt, worin es heißt, Nicaragua habe Protest eingelegt gegenüber der in der Beseßung von Corinto liegenden Gewaltthätigkeit. Admiral Stephenson habe dem Kommandanten von Corinto die S zugehen lassen, Frauen und Kinder an cinen fiheren Plaß zu bringen! da die Schiffe die Hauptgebäude be- schießen sollten. Die Regierung fage in ihrer Erwiderung auf das Ultimatum: Nicaragua protestiere gegenüber so ge- waltthätigen Maßnahmen, welche der Souveränetät der Re- publik zuwiderliefen und deren Würde und Unabhängigkeit ver- leßten. Die Regierung bestehe auf dem Vorschlag eines Schieds- gerihts. Jn Managua herrsche große Aufregung. Da- jelbst habe cine antibritische Demonstration statt- ‘aaa, indem der Pöbel das Schild des britischen Konsulats erunterzureißen versuchte, was die Polizei verhindert habe.

Nach einer Meldung des „W. T. B.“ aus London ver- laute daselbst, daß die Regierung der Vereinigten Staaten bemüht gewesen sei, eine freundschaftliche Bei- legung des Streites zwischen England und Nicaragua herbeizu- führen. Der amerikanische Botshafter Bayard habe dem britischen Auswärtigen Amt vorgestellt, Nicaragua werde, gäbe man ihm über den Termin des Ultimatums hinaus 14 Tage Veit, die ver- langte Summe zahlen. Dieser Vorschlag sei in der Voraus- sezung, daß der Staatssekretär Gresham zu Gunsten von Nicaragua handele, angenommen worden. Jm leßten Moment habe sih jedoch Nicaragua geweigert, in dieses Arrangement zu willigen, und man meine, es sei nur, um einen Aufschub zu gewinnen, auf das Schiedsgericht zurückge fommen.

Die heutige „Times“ schreibt, die britishen Kriegsschiffe würden in Corinto bleiben, bis Nicaragua nachgebe. Wenn England Nicaragua nachgeben wollte, wärde es noch andere fleine Staaten dadurch anreizen, die englishe Flagge zu insultieren und britishe Unterthanen zu schädigen. Wenn Nicaragua hartnäckig auf seinem Standpunkt bleibe, dürfte England noch weitere Schritte thun.

Nach einem Telegramm des „Reutershen Bureaus“ aus San José haben die Regierungen von Guatemala, San Salvador und Costarica ernstlih die Regierung von Nicaragua ermahnt, die von England geforderte Summe zu zahlen. Der Präsident Jglesias habe cinen Beitrag von einem Fünftel der englishen Forderung angeboten, jedoch sei Nicaragua entschlossen, wegen der gegen England herrschenden Strömung den Forderungen nicht nachzugeben.

Nach einer Meldung der „Times“ aus Santiago de Chile vom 28. d. M. soll dem Kongreß heute ein Antrag vorgelegt werden, welcher den Präsidenten zur Aufnahme einer Anleihe im Betrage von. 2 Millionen Pfd. Sterl. vom 1. Juni ab ermächtigt.

: Afien.

_ Dem „Neuter’shen Bureau“ wird aus Yokohama vom 26. d. M. gemeldet : Der von Deutschland, Frankreich und Rußland eingelegte Protest erkläre, die Abtretung der Halbinsel Liautong würde eine beständige Drohung gegen Peking sein und die Unabhängigkeit Koreas sowie die Auf- rehterhaltung des Friedens im fernen Osten bedrohen. Das Memorandum fei als freundliher Rath, niht als Drohung übergeben worden. ,

„. Der „Times“ wird aus Peking von vorgestern gemeldet, besonders die vorgeschlagene Abtretung der Süd-Man-

hurei stoße dort auf Widerstand, weniger die Abtretung von Formosa. Die anderen Artikel des Friedensvertrags

würden als erträglih angesehen. Die Generale Sung und F;

er Führer der Shwarzflaggen Liu und mehrere Gouverneure opponierten gegen die Unterwerfung unter Japan.

N lus Shanghai erfährt die „Times“, zuverlässigen

ahrihten zufolge habe Rußland China ersucht, die

Talifikation des Vertrags von Simonoseki einige

age zu verschieben.

Afrika.

Nach einer in Kairo eingetroffenen Nachricht hätte der

Oberst Co lville mit dem Reste der Truppen Emin Pascha’s Wadelai, den Engpaß der Fälle von Redgaf und die Aequatorial-Provinz beseßt und bedrohe das Gebiet des Bahr-el:Ghazal. __ Der „Agenzia Stefani“ wird aus Kairo emeldet: Der italienishe Konsularagent in Esna_ habe in Assuan dem Araberführer Abdullah Mohamed Omar feierlich die silberne Verdienst-Medaille überreiht, welche demselben von dem Köuig Humbert für die Befreiung Rosfignoli's aus der Gefangenschaft in Omdurman verliehen sei. Der Feierlichkeit hätten der Kommandant der Garnison und die Scheikhs mehrerer Stämme beigewohnt ; eine Kompagnie Soldaten habe die Gn erwiesen. Der italienische Konsularagent sei lebhaft begrüßt wörden.

Aus Tripolis erfährt die „Agenzia Stefani“, ein von der Oase Kauar in Süd - Fezzan auf der Bornu - Route kommender Kurier habe die Nachriht überbracht, daß sih der Tod Nabah’s bestätige. Jndefssen sei der Kurier nicht nach Bornu selbst gelangt infolge . der dort herrshenden anaristishen Zustände. Die Meldung, daß der Scheikh Senussi fich nah Mekka aufgemaht habe, scheine sich nici zu bestätigen.

Parlamentarische Nachrichten.

Die Shlußberichte über die vorgestrigen Sißungen des Reichstags und des Hauses der Abgeordneten befinden sich in der Ersten und Zweiten Beilage.

In der heutigen (79.) Sißzung des Reichstags, welher der Staatssekretär, Staats - Minister Dr. von Boetticher, sowie der Staatssekretär Nieberding bei- wohnten, wurde zunächst die zweite Berathung des Geseßentwurfs, betreffend die privatrechtlihen Verhältnisse der Binnenschiffahrt, begonnen.

Die Kommission beantragt, den Gesezentwurf mit einigen Abänderungen anzunehmen, die zu dem Geseßentwurf eingegangenen Petitionen für ‘erledigt zu erklären und einigen von der Kommission angenommenen Resolutionen, die ih auf die Verÿältnifse der Arbeiter auf den Schiffen, die Erhebung der Gebühren und auf den Schuß der deutschen Küstenschiffahrt vor ausländischer Konkurrenz beziehen, zuzu- stimmen.

Die ersten drei Paragraphen wurden in der von der Kommission ungeändert gelassenen Fassung der Regierungs- vorlage angenommen; zu § 4 liegt ein Aenderungsantrag der Kommission vor, den zunächst der Staatssckretär Nieberding bekämpfte.

(Schluß des Blaites.)

Dem Reichstag ist nunmehr der Bericht der VI. Kom- mission über den derselben zur Vorberathung überwiesenen Gesehß- entwurf, betreffend Aenderungen und Ergänzungen des Strafgeset- buchs, des Militär-Strafgeseßbuhs und des Gesetzes über die Presse (sogenannte „Umsturzvorlage “), zugegangen. Der Senioren- konvent des Reichstags hat beschlofien, die zweite Berathung auf die Tage ung der Sitzung vom 6. Mai zu fetzen.

Amtliches Wahlergebniß der Reichstags-Ersaß- wahl im 1. Casseler Wahlkreise (Rinteln-Hofgeismar- Wolfhagen): Von insgesammt 9246 abgegebenen gültigen Stimmen erhielt Dr. Vielhaben (deutsh-sozial) 5029, von Wächter (Soz.) 2265, Souchay (nl.) 1245, Dr. Virchow (fr. Volksp.) 502 und Martin (hessishe Rechtsp.) 164 Stimmen. Dr. Vielhaben ist somit gewählt.

Die XV1. Kommission des Hauses der Abgeordneten zur Vorberathung des Gefeßentwurfs, betreffend die Abänderung und Ergänzung einiger Beftimmungen des Kommunal- abgabengeseßes vom 14. Juli 1893, bat si konstituiert und zum Vorsitzenden den Abg. Hansen, zu dessen Stellvertreter den Abg. vom Rath und zu Scriftführern die Abgg. Winckler und Waklenborn gewählt.

Die XVI1. Kommission des Hauses der Abgeordneten zur Vorberathung des Ecseßentwurfs, betreffend das Pfandrecht der Privateisenbabnen und Kleinbahnen und die Zwangsvollstreckunz in dieselben, hat zum Vorsißenden den Abg. Dr. Irmer, zu dessen Stellvertreter den Abg. Grafen Moltke und zu Schriftfübrern die Abgg. Bunzen, Dr. Lotich ius und Gor fe gewählt.

Kunst und Wissenschaft.

Am 19. d. M. wurde in Rom das Winter-Semester des Kaiserlihen Archäologischen Instituts mit der üblichen an das Palilienfest anknüpfenden feierlihen Sigung geflossen. Unter den zahlreihen Theilnehmern, welche der Sizung beiwohnten, befanden sih der Kaiserlihe Botschafter, der Königlich bayerishe Gesandte, vom italienishen Unter- richts-Ministerium der Unter - Staatssekretär Commendatore Coftantini, die Direktoren der historishen Jnstitute von Preußen und Oesterreih und andere Notabilitäten. Der Erste Sekretar, Herr Professor Petersen, gab zu Beginn der Sigung einen Ueberblick über die neuen Entdeckungen von Alterthümern, welche das verflossene Jahr in Rom selbst gebracht hatte, daran fnüpfend die Ankündigung eines im leßten Stadium der Vorbereitung begriffenen Unternehmens: Wiederherstellung und Herausgabe der Reliefs an der Mark-Aurels-Säule, eines Unternehmens, das Jtaliener und Deutshe zum Zusammen- arbeiten vereinen würde. Vom Königlich italienischen Unterrichts - Ministerium „sei bereits der Grund fast fertig gestellt, der diese Arbeiten ermöglichen solle; die Mittel für den deutschen Theil der Arbeit sind von Seiner Majestät dem Kaiser Allergnädigst bewilligt worden. Es folgte der Vortrag des Herrn Barn abei über die Rekon- struftion des palatinishen Stadiums, bei dem ein prächtiges farbiges Bild des einstigen Baues und zahlreiche außerordentlih fein ausgeführte erläuternde Zeihnungen zur Anschauung gebraht wurden. Sodann sprach Herr Petersen über den He der Ara Pacis, indem er dem zu seiner früheren Wiederherstellung benußten Material ein nah Wien verisprengtes und ein noch im Palazzo Fiano in Rom befind- liches Bruchstük hinzufügte.

Der Geheime Rath Professor der Chirurgie Dr. Karl Thier \ch

in Leipzig ist laut Meldung des „W. T. B.“ gestern nah eben vollendetem 73. Lebenéjahre gestorben, Thiersch wurde am 20. April 1822 zu München geboren, \tudierte daselbst, in Berlin, Wien und Paris, wurde 18348 Prosektor für pathologishe Anatomie in München, machte den zweiten s{chleswig - holsteinischen

Krieg als freiwillicer Arzt mit und ftellte 1854 bei einer Cho L

a-Epidemie in München erperimentelle Untersuhungen über die Ansteckungsfähigkeit der Cholera an. In demselben Jahre wurde er als Professor der Chirurgie nah Erlangen, 1867 nah Leipzig be- rufen. 1370 mahte er als fonsultierender General-Arzt im X11. Armee-Korps den Krieg gegen Frankreih mit. Nach einem von ihm in Gemeinschaft mit Wunderlich entworfenen Plan wurde das Stadtkrankenhaus zu Leipzig, ein Musterinftitut seiner Art, erbaut. Seine bervorragendstea Untersuchungen beziehen sich auf die Wundheilung, deren feinere Vorgänge er mikrosfopisch zu erforshen fuhte. Die gewonnenen Resultate wurden in dem „Handbuch der Chirurgie“ von Billroth und Pitba veröffentliht. Die praktishe Seite der Wund- heilung förderte Thiersch als einer dec Ersten durch Einführung der Salicylsäure als Berbandmittel. Auch über den Epithelialkrebs lieferte er eine babnbrechende Arbeit (Leipzig 1865).

Theater und Musik.

_ Königliches Schau svielha us.

Das fünfaktige Lustspiel „Der Revisor“ von Nikolay Gogol, das am Sonnabend im Königlichen Schauspielhause zur Darstellung gelangt ift, gilt für das bervorragendste komische Produkt der russishen Schaubühne. Daß Herr Max Grube, der verdienstvolle Ober-Regifieur, es in einer neuen Uebersezung von Fräulein Elsa von Schabelsfy zur Aufführung gebracht bat ist nah mehrfacher Richtung bin anzuerkennen. Aus der rufstishen dramatischen Literatur dringen nur selten Erzeugnisse zu uns herüber. Bei aller Bedeutung, die die russishe Romanliteratur besißt, muß man gestehen, daß Ruß- [land cine Blüthezeit der dramatischen Poesie, etwa derjenigen Deutsch- lands, Englands und Frankreichs vergleihbar, noch nit gehabt hat. Nur das satirish-komische Sittenbild hat in Gogol’s „Revisor“ einen Höhe- punkt erreiht. Und doch, wie s{werfällig, wie unbebolfen erscheint vieles in diesem berühmten. Stück des russishen Humoristen! Die Charakteristik, die geradezu glänzend ift, ersGeint durch derbe und grobe Züge oft fkarikiect. Feinbeiten treten felten hervor, meist ihöopft die gestaltende Kraft Gogol’'s aus dem Allzuvollen. Da kommt es denn vor, daß er, um nur zu zeigen, wie alle Beamten einer russishen Stadt einen gefürhteten Revifor für sih zu gewinnen suchen, des Guten zu viel thut. Nicht einer tritt auf, der sich be- müht, den Revisor zu bestehen, nein, eine Menge Bestechungsfcenen, freilich immer anders nuanciert, folgen einander in rasendem Tempo, ob- son das Leitmotiy: „Nimm mein Geld und schweig!“ immer wieder- fehrt. Man thut Gogol Unrecht, wenn man ihn auf Grund dieses Stückes einen „Humoristen“ nennt. Dazu fehlt ihm das Befreiende, das Versöhnende des eten Humors. Das Lachen if da, aber die milde Thräne menshlicher Nachsicht und mens{chlihen Verstehens feblt. Und das Lachen, das durch dieses seltsame Stück geht, ist auch nur bitter, gallig, erbost, gereizt. Wie könnte es auch anders sein! Was Gogol schildert, bedurfte des harten Griffels eines Sati- rikers, als welher uns der rufsishe Dichter auch erscheint. Die Misère des fkleinrussishen Beamtenlebens einer Provinzialstadt um das Jahr 1830 wird uns in ihrer ganzen Niedrigkeit ent- hüt. Dieser Stadtkommandant, diese Kreisrichter, Schul- reftoren, Inspektoren der Wohlthätigkeits-Anstalten, Postdirektoren, diese Rentiers und Stadthonoratioren bis herab zum Polizeidiener sind Schurken, die das Volk bedrücken, auf völlig ungeseßlihe Weise die Stadt plündern und dur fortdauernde Nöthigung zu „freiwilligen Gaben“ ausrauben. Nicht besser ist das Gesindel von Kaufleuten, die den Staat um Tausende betrügen und ih iwmer ducken, wenn ein gestrenger Beamter an ihrem Schwindel theilnehmen will Jn diefe Ge- sellschaft plazt die Nachricht, daß aus St. Petersburg ein Revisor kommen und alles fontrolieren wird, wie eine Bombe ein. Rathlos und bestürzt treffen die Beamten ein paar unzulänglihe Maßregeln. Da steigt in einem Hotel ein junger Petersburger Regierungs - Assessor ab, der auf der Heimreise begriffen ist. Leider befißt er keinen Pfennig Geld mebr, und {on befürchtet er, wegen Zechprellerei ins Gefängniß wandern zu müssen, da verbreitet sih das Gerücht, er sei der Nevifor, und unterstüßt durch seine hauptstädtishen Manieren, findet er sich in seine Rolle und sieht, wie die ganze Stadt ein wahres Wettrennen um seine Gunst veranstaltet. Es regnet Hundertrubel scheine, die er mit

roßartiger Naivetät als „Darlehen“ annimmt, er verlobt si mit der Tochter des Stadtkommandanten und verschwindet zur rehten Zeit. Jn dem Augenblick, in dem die Honoratioren erkennen, daß fie von einem Swindler dupiert sind, kommt die Nachricht, der wirkliche Revisor sei da. Tableau und Ende des Stücks. Gewiß; es ist ein unerquicklides Gemälde, das Gogol vor uns aufrollt, aber son T urgenjeff, fein großer Landsmann, hat in seinen „Literatur- und Lebenserinnerungen“ fein bemerft, es sei zwar eine „grausige Komödie jenes dunklen fleinrufsishen Lebens“, aber ihr dienten die Worte zum Motto: „Schilt nicht den Spiegel, wenn das eigene Gesicht schief ist.“ Turgenjeff’s Bemerkung giebt uns Recht, wenn wir in Gogol mehr einen tiefen Satirifer als einen Humoristen fehen.

Die Inscenierung durch Herrn Grube war vortrefflih, und auhch in der Darstellung ragten einzelne Schauspieler hervor, die aus ihren Rollen trefflihe Charaktertypen shufen. Herr Keßler als Kreisrichter Liapkin-Tiapkin, Herr Hartmann als Postdirektor Spekin, Frau Shramm als Klempnersfrau und Herr Link als Rentier Peter Jwanowitsch Bobtschinsky erregten stürmische Heiterkeit. Aber eine Leistung aller- ersten Ranges bot Herr Vollmer als der vermeintlihe Revisor dar. Wie er den jugendlihen Charakter seiner Rolle zum Ausdruck brachte und ihr troß der ihr innewohnenden niedrigen Gesinnung immer noch einige [iebenswürdige Züge lieh, wie er nah einem opulenten Weinfrühstück inmitten “der ehrfurcht8voll zuhörenden Beamtenschaft mit feinen Petersburger Bekanntschaften renommierte, wie er fo, halbtrunken, mit freundlih-stumpfsinnigem Lachen erzählte, daß er mit den Gefandten Deutschlands, Frankreichs und Englands Karten gespielt habe, wie sich nah und na seine Trunkenheit immer mehr geltend macht, das war feitens des Herrn Vollmer eine \chauspielerische Leistung, der man wenige an die Seite zu stellen vermag. Der Beifall galt daher nur ibm, und es war nicht ¡recht Beacettlidh, wie die Ueberseyerin vor dem Vorhang erscheinen und für den Applaus danken konnte.

é Neues Theater.

„Die Nervösen “, einälterer Schwank Victorien Sardou's, der am Sonnabend zur ersten Aufführung gelangte, weckte béi den Zuschauern nur geringe Theilnahme. Nichts erinnert in diesem Werk an die vorzügliche Bühnentehaik des vielgenannten Theaterschrift- ftellers, nihchts an die Fülle von Handlung, welche die besseren Stücke Sardou’s auszeichnet und sich in den leyten Jahren bis zur krassen Effekthascherei steigerte. Der Schwank „Die Nervöfen“ bewegt sich im Stil der alten Charafkterkomödie, in dem Moliòre seinen „Geizigen“, seine „Gelehrten Frauen“ u. \. w. schrieb. Auf eine Charakterstudie der Nervosität läuft also die Absicht der Dichtung hinaus, und alle drei Auf- züge legen infolge dessen in immer breiterer Malerei karikaturartig die Cigenheiten und üblen Angewohnheiten der vom Dichter erfaßten nervösen Typen dar: wohlhabender Müßiggänger, die mehr vor Langerweile si einbilden, nervös zu sein, als sie es thatsächlih find. Der erste Aufzug wirkte dur die humoristishe Darstellung der An- zeichen nervöser Ueberreiztheit bei Jungen und Alten, Ledigen und Berheiratheten sehr erheiternd und ist auch in dramatischer Hinsicht am besten gelungen. Die folgenden Aufzüge brachten fast nur eine übertriebene Wiederholung der Stimmung des ersten Aktes, während auf die klare und anf{haulihe Fortführung der lose angesponnenen Handlung eines kleinen Liebeskonflifts vergeblih gehofft wurde. Zwei junge Liebespaare fallen sih zum Schluß in die Arme, ohne daß der Zuschauer eigentlich die Gründe und die Entwicklung der Liebeshändel kennt. Auch die gute Darstellung, bei der besonders Herr Pagay in der Nolle des nervösen Haus- besißers Marteau und Herr Neusch in der des kerngesunden Neffen. César sich auszeihneten, vermochte der anfänglih guten Laune der Zuschauer keine Dauer zu verleihen.

_ Weniger deutliche Meinungsäußerung, aber desto mehr Gleich- gültigkeit als „Die Nervösen“ rief der den Abend einleitende Schwank „Die Massagekur“ von Robert Misch hervor. Der angebliche Gebrauch dieser Kur soll dem Gutsbesißer Scbône die Gelegenheit geben, si in der Stadt zu amüsieren und zu einer Unterhaltung soll eine junge Wittwe, die vertraute Freundin seiner Frau und die Braut seines Jugend-