R eti L E S Ci S R N B L E: L L EI. LZESSE S N, T s R N I R EWES E E E á E E E P aaa p R C7; BERYE S ties E Soi C E TEE
Meischer, der Wollshafzüchter, der Schneider, « berehtigt, dasselbe zu verlangen. (Widerspru darüber kann gar kein Zweifel
Meine Herren, Nun werden Sie mir vielleicht entgegnen : ja, das jeßige Gefes der Preisbildung , Angebot und Nachfrage, hat bedenkliße Folgen gezeitigt , sodaß es beseitigt werden muß. Meine Herren, das bestreite ih. An jede menshlihe Einrichtung, an jedes menshlihe und wirthschaftlihe Geseß knüpfen si hin und wieder Auëwüchse, und die Auswüchse muß man beseitigen. Es be- zweckt dies beispielsweise das Börsengeseß und eine Reihe anderer Maßnahmen. Man muß aber nicht das Kind mit dem Bade aus- fchütten und die ganze Privatwirthschaft beseitigen wollen. Man bereitet den sozialen Staat vor, wenn man von Staatswegen die Preisbildung für die wichtigsten menshlichen Nahrungsmittel einführt. Nun, meine Herren, lege ich mir folgende Frage vor: der Zweck des Antrags ist also: Hebung der Getreidepreise und dadur Er- reihung der Beseitigung der landwirthschaftlihen Krisis. Meine Herren, ist denn die Krisis in der Landwirthschaft Folge der gesunkenen Preise? Das bestreite ih ganz entshieden. (Hört! hört! links.) Die Krisis hat bereits zu einer Zeit begonnen, wo wir günstigere Preise für die Landwirthschaft hatten, günstiger, als sie der Antrag Kanitz schaffen will. Schon vor Jahren, meine Herren, hat sich der Deutsche Land- wirthschaftêrath, als wir noch eine durchaus günstige Preisbildung hatten, damit beschäftigt, die Ursachen der landwirthschaftlichen Krisis zu finden. Ich bestreite die Einwirkung der sinkenden Preise auf die Landwirth- schaft, auf die kritische Lage der Landwirthschaft, keineswegs; aber ih bestreite, daß Sie dadurch, daß Sie die Preise steigern, die Krisis heilen. Die Krisis ift dadur, daß neben den latenten Ursachen nun auch das Sinken der Preise eintrat, zu einer akuten geworden; die Urfache der Krisis liegt aber niht in der Preisbildung. i
Und nun wende ih mich zu einer Aeußerung, tie Herr Graf von Kanig gestern gethan hat. Wenn ih ret gehört habe, hat der Herr Graf gesagt: ih glaube, daß wir die gegenwärtigen sinkenden Preise noch lange behalten werden. Aber den Beweis für diese Behauptung hat der Herr Graf nit angetreten. Dem gegenüber sage ih : ih glaube nit, daß der Niedergang der gegenwärtigen Preise ein dauernder ist, und ih will wenigftens versuchen, für diese meine An- fhauung Beweis zu erbringen. :
Meine Herren, aus den vielen bei der landwirthschaftlihen Ver- waltung einlaufenden Nachrichten über die Anbaustatistik im Jn- und Ausland geht hervor, daß, weil der Preiëniedergang überall in der ganzen Welt sich geltend mat, der Anbau von Getreide in der ganzen Welt Rückschritte maht. Bestimmt behaupte ih das be- züglih des Getreideanbaues in Amerika. (Hört! hört! links.) Auch in Argentinien foll ein Rückgang stattfinden. Daß in Deutsh- land die Anbauflächen für Getreide wesentli zurückgegangen sind, ist
» zweifellos, weil die Landwirthschaft sih so viel wie mögli auf eine
andere Produktion als gerade die des Körnerbaues legt. Daraus, tneine Herren, folgt, daß das Getreideangebot abnimmt.
Dann, meine Herren, kommt ein fernerer Umstand in Betracht. Es ift eine bekannte Thatsache, daß wir seit einer Reihe von Jahren in der bei weitem größeren Mehrzahl der Länder sehr günstige Ernten gehabt haben. Der Uebershuß ift nach den mir vorliegenden Nach- richten beseitigt; wir haben nit mit großen UVebershüssen an Ge- treide mehr zu rechnen. Auch das bewirkt eine Verminderung des Angebots. Noch ein anderer Umstand kommt in Betracht. Es steht fest, daß jedes neue Jahr für hinzukommende 4 Millionen Menschen auf der ganzen Welt die erforderlichen Nahrungsmittel mehr schaffen muß und daß dies auf die Konsumtion einen erheblichen Einfluß äußert, und da ist Deutschland mit einer halben Million betheiligt ; dies ist doch auch unbestreitbar. Dann kfommen auch die Natur- verhältnifse in Betracht. Jch erinnere an das Jahr 1892, in welchem wir aus den niedrigsten Preisen mit einmal, allerdings nur auf kurze Zeit, auf abnorme Preise gekommen sind.
Meine Herren, ganz unwiderlegbar erscheint mir, daß, wenn die Urfache der landwirthschaftlichen Krisis nicht allein die niedrige Preis- bildung ift, Sie die landwirthschaftliche Krisis au nit allein durch Hebung der Preise heilen können. (Zuruf bei den Antisemiten.) Meine Herren, ih bin der Ansicht, daß die niedrige Preisbildung rit allein der Grund der landwirthschaftlichen Nothlage ist, daß daher durch Annahme des Antrags Kaniß allein die Nothlage also auch nicht gehoben wird.
Nun, meine Herren, man beliebt — und anscheinend will Herr Graf Mirbach etwas Aehnliches sagen —, mir, fo oft ih genöthigt bin, über agrarishe Fragen mi zu äußern, was in der Regel gerade nit angenehm ist (Heiterkeit), — man beliebt mir vorzuhalten : du weißt nur kleine Mittel zur Hilfe für die Landwirthschaft vorzuschlagen, und die helfen niht. Meine Herren, mit den sogenannten kleinen Mitteln kann man sehr wohl auf die Preisbildung des Getreides einen erheblihen Einfluß üben. Ih erinnere an die Aufs hebung des Identitätsnachweises, durch welche eine wesentlihe Ver- schiebung der bisher ungünstigen Preisbildung im Osten zu Gunsten der östlichen Landwirthschaft eingetreten is. (Sehr richtig! aus der Mitte.) Die Beseitigung der Transitläger wird vorausfihtlich die Preisbildung ebenfalls günstig beeinflussen. Durch Eisenbahntarife, durch Verbesserung der Verkehrsmittel, dur den Bau der Kleinbahnen u. f. w. kann man die Preisbildung günstiger gestalten. Wenn man die Produktions- kosten vermindert und man steigert die Produktion, so erwirkt auch das Erhöhung des landwirthschaftlichen Reinertrags. Denn nit auf die Höhe des Preises kommt es an, sondern darauf, mit welchen Pro- duktionskosten man bestimmte Quantitäten Getreide hervorbringt. Zweifellos ist es, daß Jahre mit shlechten Ernten die höchsten Preise bringen; dann pflegt es aber der Landwirthschaft am {lechtesten zu gehen. Das beweist auch, daß die Preisbildung nit allein für die Lage der Landwirthschaft entscheidend ist. Nun, meine Herren, zu den von mir berührten Maßnahmen zur Beseitigung der landwirth- schaftlichen Nothlage werden eine Reihe anderer Maßnahmen hinzu- treten, welche theilweise bereits in der Diskussion gestreift sind, die aber vorzutragen Jhre Zeit zu sehr in Anspruch nehmen würde, und ihre Darlegung gehört au kaum vor den Reichstag. Sie liegen zum theil auf dem Gebiete der Verwaltung, zum theil auf dem Gebiete der Reichsgeseßgebung, wte beispielsweise das Börsengeset, das Zuer- steuergeseß, das Branntweinsteuergeset ; zum theil gehören sie zum Gebiet der preußischen Geseßgebung. Es erscheint mir nicht richtig, einem Minister, welcher den besten Willen hat, der Landwirthschaft zu helfen, der glaubt, redlich seine Pflicht gethan zu haben, der meint, daß er in kurzer Zeit {on manches Werthvolle für die Land- wirthschaft mehr erreiht hat, seine Arbeit dadurh zu erschweren,
daß man feine Maßnahmen fortwährend als kleine, unwirksame Mittel darstellt und in weitesten Kreisen den Glauben verbreitet, nur dur den Antrag Kaniß und dur die Währungsfrage
begegnet man in den Organen des Bundes aber tägli. Meeine Herren, damit ist der Landwirthschaft wenigstens zur Zeit nicht zu helfen, da beide Mittel niht durchzuführen sind, und wenn dies der Fall wäre, auch die \ch nelle Hilfe nit gewähren könnten. Wenn die Währungsfrage im Sinne des Herrn Grafen Mirbach zur Zeit zu lösen wäre, jo könnte das doch von heute zu morgen nit geschehen. Wenn Sie den Antrag Kanitz heute annehmen, wird dann, wie es der Bund der Landwirthe darstellt, sofortige Hebung der Preise er- folgen ? Der Antrag muß doch erft Geseß werden, das ergangene Geseß muß ausgeführt werden. ;
Die Einrichtung einer großen Monopolverwaltung nah Maßgabe eines Ihrem Antrage entsprechenden Geseßes, wenn auch der gegen- wärtige Reichstag alle dafür erforderlihen Unterlagen feststellte, würde doch nicht von heute zu morgen ausgeführt werden. Mit der Währungsfrage liegt die Sache ähnli. Schnelle Hilfe kann man mit beiden Mitteln nicht bringen. ;
Meine Herren, i ‘erkenne den unermüdlichen Fleiß, die stets objektive Behandlung, die Veberzeugungstreue, den treuen Wunsch des Grafen Kaniß, der Landwirthschaft zu helfen, im vollsten Umfange an. Aber, meine Herren, einen Vorwurf kann ih dem Herrn Grafen Kanitz nicht ersparen: ih bin gestern wie stets seinen Darlegungen -mit großer Aufmerksamkeit gefolgt, weil ih bei jeder neuen Darlegung mih der Hoffnung hingab, es sei der Herr Graf Kaniß endlich in der Lage, genau darzulegen, wie er fih die Ausführung seiner Pläne bis ins Detail hinein vorstellt, mit welhen Ein- rihtungen und welchen Mitteln: er den Zweck und Erfolg seines Antrags erreichen und sihern zu können glaubt. Ih habe die Stenogramme über die Kommissionsverhandlungen mit Fleiß und Eifer studiert, ih habe alle früheren Reden im Reichstag ftudiert, die gestrige Rede habe ih forgsam verfolgt, — zur Klarheit über die Wege, welhe Graf Kanitz selbst für die Durchführung seines Vorschlags betreten würde, bin ih nicht gelangt. Vielleicht liegt das am Mangelan Verständniß des gegenwärtigen Landwirthschafts-Ministers. (Heiterkeit.) Den redlichen Willen habe ih jedenfalls gehabt, mit den mir zu Gebote stehenden Verstandeskräften mir ein klares Bild darüber zu verschaffen; aber das ist mir, offen geftanden, niht gelungen. Jch bestreite au, daß die gepflogenen Verhandlungen nach der Richtung hin ershöpfend sind. In den Kommissionsverhandlungen ist von einer Seite darzulegen versucht worden, die Kosten der Monopolverwaltung würden jährlich 30 Millionen und mehr betragen. Näher auf diesen Punkt ist man nit eingegangen. i
Ein sehr wesentliher Punkt ift bisher noch garnicht berührt und das ift folgender. Glauben Sie, meine Herren, wenn Sie mit einem Schlage einem großen Theil unseres Handelsstandes den Erwerb nehmen oder s{mälern, daß das ohne Entschädigung geschehen kann und darf ? Ich erinnere daran, daß vielfa für das Gewerbe do kostspielige An- lagen, Speicher u. st. w. gemacht find. Als man daran dachte, das Tabackmonopol einzuführen, ist doch zweifellos in der Monopolvorlage eine Entschädigung des Kaufmanns- und des Sabrikantenstandes in Auësiht genommen. Ich vermisse in den bisherigen Verhand- lungen über den Antrag Kaniß auch nur Berührung der Frage. Der Graf von Kanitz meint, einen Theil der Getreidehändler bei der Monopolverwaltung wieder verwenden zu können, oder einen Theil zu Staatsbeamten machen zu können. Alle wird er doch nit über- nehmen, allen doch nit ihre Lagerräume abnehmen können! Aber damit ist doch die gestreifte Frage noch nicht gelöst. Ich will nicht unbedingt behaupten, daß der Handel einen Anspruch auf Entschädigung haben würde; aber es ist do eine Lüdke, daß diese Frage nicht einmal berührt ift.
Meine Herren, ih bin vielleicht {on viel zu weit in die Frage eingetreten, — ich will noch auf einen Ausspruch des Herrn Bebel hinweisen, den er in der Kommission machte; er sagte: aus tafktischen Gründen sind wir gegen den Antrag, aber daß der Antrag in den sozialistishen Staat hinüberführen wird, ist zweifellos. Jh möchte darauf hinweisen, daß in der »Kreuz-Zcitung“, dem konservativsten Blatt in Preußen, vor kurzem ein Artikel stand, der damit s{ließt, daß er ausführt: zum fozialistishen Staat gelangen wir doch, dann ist es um so besser, je rascher sih die Sache vollzieht. Es ist das etwa der Sinn des Schlußrefrains, mit welchem der von der „Kreuz-Zeitung“ *aufgenommene Artikel {ließt. Auch in der gestrigen Debatte ist eine ähnliche Aeußerung auf der rechten Seite des Hauses gefallen, indem ausgeführt wurde, daß, wenn man das Ziel der Beseitigung der landwirthschaftlihen Nothlage erreiche, es doch niht so gefährlih sei, wenn dann au gegen den Beschluß sozialistische Bedenken erhoben werden können. Zu diesem Punkt gestatte ih mir noch eine fkurze Bemerkung, die sich auf eine Aeußerung des Herrn Grafen Bismarck bezieht. Der Herr Graf hat — ich glaube nit zu irren — den Antrag Kanitz als einen Nothbehelf be- zeihnet. Wenn ih darlegte, welche Schwierigkeiten der Antrag in der Ausführung hat, und welche prinziptellen Bedenken dagegen vorliegen, mit welden S{hwierigkeiten, Kosten u. \. w. die Ausführung ver- bunden sein würde, so halte ih es do für bedenklich, einen Beschluß auszuführen, welchen man als Nothbehelf bezeichnet, der aber so ein- shneidend wirken würde. (Sehr richtig! links.) 4 Nun, meine Herren, ih will damit {ließen ; aber ih halte mich doch ver pflichtet, noch eine allgemeine Bemerkung hinzuzufügen. Meine Herren, die Frage, mit der wir uns hier beschäftigen, die Frage der Preisbildung, is eine der \{wierigsten volkswirthschaftlichen Fragen, die es giebt; ih glaube, mit Fug und Recht kann man fie als ein Problem bezeichnen. Dieses Problem, meine Herren, trägt man in die breiten unteren Schichten des Volks hinein, regt damit die weitesten Kreise der Bevölkerung auf. Und, meine Herren, das geschieht niht in objektiver Weise, indem man auch die Schwierigkeiten der Lösung dieses Problems, dessen Konsequenzen darlegt; nein, meine Herren, der Bund der Landwirthe behandelt nicht fo die Frage, er sagt vielmehr: wollt ihr höhere Preise haben, wir sind in der Lage sie euh zu verschaffen (hört! hört! links); wir werden schon die Regierung zwingen, euch die höheren Preise zu gewähren. Meine Herren, ih kenne au Land und Leute in Preußen. Wenn Ste mit fol einem goldenen Regen in die Kreise der Landwirthschaft hineingehen, fo fagt jeder: der Mann, der mir das gewähren kann, das ift mein Mann! (Sehr richtig! in der Mitte und links.) Aber was denkt jeder im Stillen ? Gott sei Lob und Dank,
haben wir doch in Preußen und in Deutschland noch verständige
Regierungen, die prüfen, ob denn unser Wunsch au ausführbar
sei der Landwirthschaft überall noch zu helfen. Solchen Darstellungen -
ist, cb er uns nit von Haus und Hof vertreibt, ob er
den sozialen Staat hineinführt; das zu verhüten, ift Aufgabe der Regierung, wir haben das Vertrauen: wenn wir auch beschließen, was Herr von Ploeyz vörshlägt, so wird die Regierung \{on- prüfen, gy wir damit etwas Thörichtes und uns selbfft Schaden Zufügendes b, antragen. So liegt, meine Hexren, bie Sache einstweilen noch in weiten Kreisen der Bevölkerung. Aber, meine Herren, da der Glaube immer mehr um sih greift, die Regierung könne helfen, sie wo [le aber nit helfen, woran die Agitation des Bundes die Schuld trägt, — meine Herren, so liegt darin eine große Gefahr für unsere beftehende Wirthschafts- und Gesellschaftsordnung. (Unruhe rechts. Sehr rihtig! links und in der Mitte.)
Meine Herren, das Sprihwort sagt: wer Wind säet, der erntet
Sturm, und -die Geister, die man ruft, die bannt man nit fo leit wieder. Lernen Sie doch aus der Geschichte der Bauernkriege: die Bewegung nahm einen ähnlihen Anfang, man trug au verkehrte Ideen ins Volk hinein, und es thut meinem preußischen und deutshen Herzen weh, daß so verfahren wird, und ih gebe mich der Hoffnung hin — ähnli hat si hente au Herr von Bennigsen ausgesproWen —, daß, wenn der Reichstag \ich zu der großen That ent\chließt, nah zweis-, dreijährigen Berathungen den Antrag Kaniß mit großer Mehrheit abzulehnen, daß dann fo viel Patriotismus besteht, daß die Agitation für Löfung dieses Problems, die geradezu gemeingefährlich ift (sehr wahr! links und in der Mitte, — große Unruhe rets), aufgegeben werdé, daß wieder ruhiger und objektiver geprüft wird, wie der Nothlage der Landwirthschaft zu begegnen ift, Das ist die Pflicht jedes loyal denkenden Unterthanen und zwar be- \onders in der jeßigen Zeit, wo wir wahrlih s{on genug Zündstof haben, der nicht noch von sogenannter fonservativer Seite vermehrt werden sollte. (Sehr gut! links und in der Mitte. Lebhafter Wider, spruch rets.)
Meine Herren, mit dieser Mahnung glaube ih meine Pflicht als guter Patriot erfüllt zu haben. Sollte ih durch dieses oder jenes Wort verletzend geworden sein (Zuruf rets), so lag das nicht in meiner Absicht, aber es lag in der Sache, und als preußischer Minister habe ih mi für verpflihtet gehalten, unter den gegenwärtig bedenk, lichen Verhältnissen mi ofen bier auszusprechen, wie die preußische
Regierung zu der Sache steht, (Lebhafter Beifall links und in der
Mitte. Zischen rets.)
Auf die Rede des Abg. Herbert bemerkte der Staats- Minister Freiherr von Hammerstein :
Meine Herren! Es is mir von meinen Kollegen und hver- schiedenen anderen Herren gesagt, daß eine Aeußerung von mir fo aufgefaßt worden sei, als habe ih der konservativen Partei als folher den Vorwurf gemacht, daß sie staatsgefährlich und ge meingefährlichß in dieser Frage vorgegangen sei, Ich bin, weil mir das Stenogramm noh niht vorliegt, noch . nicht in der Lage, festzustellen, ob das. rihtig, ob wirkli der ganze Zu- sammenhang meiner Aeußerung diefe Annahme rechtfertigt, Jedenfalls ist die Aeußerung so nit gemeint aewesen. Ich habe sie niht gegen die konfcrvative Partei als foihe geridict, sondern gegen die agitatorische Partei im Lande. (Sehr richtig! links. Widerspru und Zuruf rechts.) — Jch halte das nit für zutreffend: ih habe im Gegentheil aus den Erklärungen des Bundes der Land- wirthe entnehmen müssen, daß er sih nicht mit der konservativen Partei deckt. Jedenfalls, meine Herren, stelle ih fest, daß ich die konservative Partei im preußischen Landtag und die konservative Partei im Deutschen Reichstag als solche mit meinen Aeußerungen nicht habe treffen wollen.
Dem Abg. Freiherrn von
A l Manteuffel entgegnete der Staats-Minister Freiherr von Hammerstein:
Meine Herren! Jch bestreite entschieden, daß ih gesagt babe, was Herr von Manteuffel eben behauptet: das Stenogramim wird das beweisen. Jch habe die Agitation mit dem Antrog Kanitz gemeint, und das wird das Stenogramm ausweisen. Jedenfalls ist das meine Absicht gewesen.
Nach Schluß der Debatte sagte der Staats-Minister Frei- herr von Hammerstein:
Ich bedaure, das Wort nehmen und die Diskussion noch einmal eröffnen zu müssen; aber ich bin dazu genöthigt, um eine Be- hauptung, die {hon in der «Deutschen Tageszeitung“ stand, und die beute hier unter Zeugniß des Herrn Abg. Hahn aufgestellt ift, als unwahr zu widerlegen. Ich habe allerdings an der fonstituierenden Versammlung des Bundes der Landwirthe in Hannover theilgenommen, habe in der Versammlung aber ausdrücklich erklärt, daß ih es ab- lehnen müsse, dem Bund der Landwirthe beizutreten, weil weder meine Stellung als Landes - Direktor ter Provinz Hannover noch als damaliger Vorsißender des Landwirthschaftsraths mir erlaubte, in den Bund einzutreten. Ich will zuglei mittheilen, daß ih damals her- vorhob: den spontanen Zusammenschluß der Landwirthe zur Ver- tretung ihrer Juteressen halte ih an ih und so lange für berechtigt, wie die Landwirthschaft eine loyale Vertretung nit erlangt habe. Meine Herren, das ift au heute noch meine Ansicht; gewarnt - habe ih der Zeit {hon davor, über das berechtigte Ziel hinauszugehen.
Deutscher Reichstag. 19. Sißung vom 20. Januar, 1 Uhr.
Tagesordnung : Zweite da t des RNeichshaushalts- Etats für 1896/97, und zwar Êtat der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung.
Die einleitende Nede des Staatssekretärs des Reichs-Postamts Dr. von Stephan hatte folgenden Wortlaut:
Gechrte Herren! Es is ein harter Uebergang, nah den er- hebenden Gedenktagen, die wir soeben in feierliher Weise begangen haben, an die trockdene Arbeit der Prüfuyg und Berathung des Haushaltsanshlags einer tehnishen Verwaltung zu gehen. Um diesen Uebergang in etwas zu glätten, möchte ih Sie um die Erlaubniß bitten, Jhnen in wenigen schmalen Umrissen ein Bild von der Entwicklung zu geben, die seit der Entstehung des Reichs die größte Zivilverwaltung desselben und das ausgedebnteste nationale Verkehrs- und Kulturinstitut, welches ihr Objekt bildet, ge- nommen hat,
Ich nehme dabei zum Ausgangspunkt selbstverständlih das Jahr 1870 — im allgemeinen also 1870, mitunter jedo ein etwas späteres Jahr, weil die Zahlen nicht von früherer Zeit vorliegen —- und als Endpunkt das Jahr 1895 und wende mich zunächst dem Gebiet der Ausbreitung der Verkehrsanlagen zu. Da ergiebt die
“ jeläuft
“ Statistik Folgendes: Im Jahre vos ¿der Begründung des Deutschen
, also 1870, hatten wir 4520 Postanstalten, gegenwärttg fich die Anzahl derselben auf 28263; es hat also ihre Zahl mehr als versechsfacht. Noth größer (ff die Vermehrung gewesen bei den Telegraphenanfstalten. Wir hesaßen im Jahre 1870. 1078 Telegraphenanstalten - und gegen- wártig 17 800. (Bravo!) Es sind also die Telegraphenanstalten m das Siebenzehnfahe vermehrt worden. Die Unfall- meldestellen, welhe dem platten Lande bei Feuersbrünsten, unge- wöhnlichen Krankheiten u. \. w. große Dienste leiften, existiecten damals noch gar nicht; wir haben anfangs 1880 angefangen und ihre Anzahl beläuft sid gegenwärtig auf 8441, welche täglih fünfzigmal benußt werden. Die Ausdehnung der Telegraphenleitungen, welche im Jahre 1870 81 800 km betrug, beläuft {ih gegenwärtig auf 600 000 km, und die Anzahl der Telegraphenapparate, welche damals 2530 war, st gegenwärtig 138 000, wobei allerdings die vielen Fernsprech- apparate des inzwischen eingeführten Telephonwesens in Betracht fommen.
Meine Herren, in keinem Lande Europas ist die Ausbreitung der Postanstalten und Telegraphenanftalten in demselben Dlaße veorge- hritten, wie in Deutschland; auch in England nicht, was weit hinter uns zurüdcksteht. Nur in der Anzahl der Postanstalten über- trifft das Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika die deutsche hostverwaltung, was selbstverständlich is durch die um so viel ¡óßere Ausdehnung des Gebietes der Vereinigten Staaten und dur jen Umstand, daß man die Postanstalten in sehr viel einfaherer Form klt; man hat feine Paetbeförderung, keine Geldbeförderung; es werden überhaupt keine Briefsachen bestelt, jeder muß sie sch auf dem nächsten Postamt abholen und es folgt daraus, daß auf jeder einzelnen kleinen Station, in den einzelnen Virthshäusern der Prairie bis Alaska und Oregon, Post- stellen errihtet werden, welhe wir eigentlih nicht zu den Yostämtern zählen würden. Dieses Neß von Postanstalten breitet sh, wie Sie wissen, über das ganze Reich aus : von der Königsaue his nah Hohenzollern, von den Schluchten der Vogesen bis hinauf in die Sümpfe der Masuren; ja, Sie finden noch auf den höchsten Vergspißen Post- únd Telegraphenanstalten vertreten : von der Schnee- foppe bis zum Feldberg im Schwarzwald und vom Belchen im Elsaß bis zum Brocken im Harz. Die Verbindungen reihen von der russishen Grenze bis unmittelbar vor die Thore von Bafel, sowohl die poftalishen als die telegraphishen. Sie finden Postanstalten im Auslande, in Konstantinopel, in Shanghai und selbstverständlih in unseren sämmtlichen Kolonien, wo bereits eine große Anzahl von Postanstalten, und ein großer Theil davon mit Telegraphen versehen, eingerihtet worden ift. Die Leitungen, welche diese Anstalten verbinden, gehen durch diè Luft, liegen unter der Erde, gehen durch das Wasser, durch Flüsse, Landseen, Sümpfe, durch die Ostsee und die Nordsee; sie gehen bis zu unsern einzelnen Inseln. Ja, als in diesem Jahre die feierliGe Einweihung des Nordoftsee-Kanals ftatt- fand, von der ja die Mehrzahl der Herren Zeuge gewesen M da Hobên n in dem Augenblik, wo die fremden Flotten in die Kieler Bucht einfuhrcn und die Anker in die Tiefe sanken, die s{lanken Leiber der Telegraphenkabel wie Najaden und Nereïden aus den Fluthen empor, und im nâhften Augenblick konnten {hon die Admirale der Flotten mit ihren Souveränen und Staatsoberhäuptern in Petersburg, London, Paris, Nom u. f. w. sprechen. Die damals gemachten Erfahrungen werden hoffentlich noch zu weiteren Ausgestaltungen führen im Ver- lehr der Schiffe mit dem Festlande; es {weben darüber {hon Erwägungen zwischen der Kaiserlichen Marineverwaltung und der Kaiserlichen Postverwaltung.
Nun war uns aber vor allen Dingen uu Folgendes zu thun. Wie ih die Ehre hatte, Ihnen zu fagen, besaßen wir im Jahre 1870 etwa 4000 Postanstalten. Damit war für alle Städte, selbst für die allerkleinsten, dorfartigen, deren es in Polen z. B. nit 7- bis 80 Einwohnern giebt, gesorgt, auch für die großen Dörfer. Aber das flache Land ließ do sehr viele Verkehrsanstalten vermissen, und es sind die 23 000 Postämtcr, die seit der Zeit cingerihtet worden find, vorzugsweise vorgeshoben worden in das platte Land, um dessen Vedürfnisse zu befriedigen. Wir sind damit jeßt soweit gediehen, daß auf je sieben Dörfer im ganzen Gebiete der Neichspost eine Post- anstalt bereits entfällt, und wenn wir mit der Zustimmung des Reichstags ‘unter Bewilligung der etatsmäßigen Mittel in derselben Weise fortfahren können — im jeßigen Etat geschieht es ja, wie Sie sehen: ‘es sind hier einige hundert neue Postanstalten aus8gebraht —, so denke ih, es wird mit der Zeit dahin kommen, daß jedes Dorf im Deutschen Reich seine eigene Post- und womöglich auch seine eigene Telegraphenanstalt hat, und damit wäre, man kann wirkli sagen, der ideale Zustand herbeigeführt.
Wir fanden damals auf dem platten Lande 8300 Landbriefträger bor; heutzutage beträgt die Zahl der Landbriefträger im Deutschen Reih über 28 000. (Hört ! hört!) Es sind, wie Sie alle wissen, sehr erhebliße Mittel darauf verwendet worden, gerade die Verkehrsbedürfnisse des platten Landes zu befriedigen. Es ist die ¿weimal tägliche Landbriefbestellung, auch die drei- bis viermalige shon eingerichtet, ebenso haben wir fahrende Landbriefträger. Es sind eine Menge Posthilfs\stellen auf dem platten Lande hergestellt worden, und ih kann mich dem anschließen — ih habe bier eine der angesehensten Provinzialzeitungen, die „Magdeburger Zeitung“ — was die darüber sagt:
Enorme Anstrengungen und Geldopfer werden von der Post- verwaltung niht gescheut, im Interesse der Landbeförderung Ver- besserungen an dem im einzelnen so unscheinbaren, in der Ge- fammtheit aber so ricsigen Betriebsapparate: „der Landbriefträger- tashe“, vorzunehmen. Die ver mehreren Jahren begonnene Ne- formation des Landpostdienstes {lägt mehr und mehr feste Wurzeln in dem Boden des praktishen Lebens. Bedeutendes ift hon geleistet worden — noch einige Jahre, und das in der Geschihte der Post einzig dastehende große Werk is vollendet.
Meine Herren, diese 28 000 Landbriefträger machen tägli cinen Kreislauf von 560 000 km, das ift 14 mal der Umfang der Erde. (Hört! Hört!) Es ist in der That schade, daß man mit dem physi-
n Auge nit von einem einzelnen Punkte aus die ungeheure Kreis-
ewegung, die diese Leute machen, übersehen kann, wie sie gewisser- maßen wie die Bienen oder Myrmidonen des Postverkehrs - durch die h luhten der Vogesen, über die beshneiten Gipfel der Eifel, durh die Moore Ostfrieslands unermüdet gehen ; das muß einen mit hoher
wesens, foweit in ihren Kräften stand, mögli Vorschub geleistet
Frende erfüllen, und man wird olz darauf sein, folches Institut zu leiten.
Nun if auf der anderen Seite aber auch das Land uns sehr entoegongeklommen. Namentlich den Besitzern der Güter muß ich nahrühmen, daß sie den Einrichtungen des Post- und Telegraphen-
haben. Allerdings kann ich auch manhe Fâlle vom Gegentheil mit- theilen. Jh möhte da auf einen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland hinweisen. In Frankrei hat die Postverwaltung allgemein die Praxis, daß die Gemeinden zu den Kosten der Post- anstalten herangezogen werden. Sie müfsen die Lokale unentgeltlich hergeben und sogar einen Theil des Holzes für die Telegraphen- stangen, außerdem noch einen Zuschuß zur Besoldung der Beamten. Das is} bei uns nit der Fall, die Koften werden lediglich aus den Einnahmen der Postverwaltung bestritten. Nichtsdeftoweniger find wir auf manhe Schwierigkeiten gestoßen. JIch habe hier den Bericht der. Ober-Postdirektion Minden, wona vor einigen Jahren gelegentlich der Herstellung einer Post- und Tele- graphenanstalt in einem Dorf der Gemeinderath und Gemeindeauss{chuß die Genehmigung, die Telegraphenlinie durch das Dorf zu ziehen, einfah versagt haite, und zwar mit der Begründung, daß das Zug- vieh vor den aufgestellten Stangen {euen werde, was leiht fehr üble Folgen nah sich ziehen könne. Nun ersuhten wir den Landrath, hier die Vermittlung zu übernehmen. Es gelang ihm aber nit, und es mußte sogar die Vermittelung des Ober-Präsidenten ein- treten, der endlih das Hinderniß aus dem Wege räumte. Seitdem besteht die Postanstalt dort, und der Telegraph geht durch das Dorf, ohne daß sih die Pferde und Ochsen irgendwie darum kümmern.
Einen anderen Protest hatten wir aus Ladenberg ; niht Laden- berg am Odenwald, sondern ein anderes. Der Proteft lautet :
«Wir protestierten früher gegen Durhführung elektrisher Drähte durh unser Gebiet, weil dieselben für unser Leben und Eigenthum gefährlich und für unsere Felder {ädlich sind. Jetzt aber, wo überall gedruckte Blätter herumgeshickt sind, in welchen jene Sache auf eine falsche entstellende Art beleuchtet wird, in welchen der Skribent die Flachheit seines Verstandes zur Schau stellt und si dann erdreistet, uns Landleute, die wir von den Gesetzen der Natur dur täglihe Anschauung einen klaren gesunden Begriff haben, dumm und abergläubish zu nennen, und eine Lebensfrage des Landmanns verspottet und bewigzelt, jeßt ift selbft der ruhigste aufs empörendste gereizt. Deshalb werden wir unsere Rechte aufs äußerste wahrnehmen, und nimmer zugeben, daß man elektrische Drähte dur unsere Felder zieht.“
Ja, meine Herren, es nöthigt uns das heute ein gewisses Lächeln ‘ab; aber was werden Sie sagen, wenn ih Ihnen mittheile, daß ich ganz ähnliches erst vor 15 Jahren in unserer aufgeklärten Zeit erlebt habe, nämli bei der Einrichtung der Fernsprehlinien in unseren großen Städten? Das ftieß von vornherein auf großes Mißtrauen. Es hieß, es sei amerikanisher Humbug, ein neuer Schwindel und der- gleihen. Dann kam der Einwand, damit wäre eine äußerst große Bliggefahr verbunden für die Häuser, und wir haben große Schwierig- keiten gehabt, der Ueberzeugung Eingang zu? verschaffen, daß im Gegentheil die Telephonneße und Telephongestänge den Blitz ableiten und eine bessere Isolation als der Bliyableiter bieten. Damals war aber jene Ansicht ganz allgemein verbreitet. Natürlich die Zeitungen, die man in die Hand nahm, protestierten gegen die Anlegung von Telephonleitungen; es standen vielfa auch die Herren Bligableiter- fabrikanten im Hintergrunde, und es fand auch hier das bekannte Wort aus Molière Plat: vous êtes orfèvre, monsieur.
Da ih beim Fernsprehbetrieb bin, möchte ih diesen hier au ‘glei einschalten. Er hat einen allgemeinen Aufshwoung vor allen Dingen in Deutschland genommen. Kein Land der Erde ist so weit wie wir. Wir haben bereits Fernsprehanstalten an 434 Orten ; Sie können denken, daß da {on ganz kleine Städte mit einbegriffen find. Wir haben an interurbanen Verbindungen, also zwischen den einzelnen Städten, {on 550. Berlin allein hat 25 430 Fernspre{- abonnenten; im ganzen Reich beläuft \sich die Anzahl auf 110 000. Gegenwärtig kann von Berlin mit 250 Orten direkt gesprochen werden, von Memel bis nach Mülhausen im Elsaß. Es finden in Berlin tägli fast eine halbe Million Gespräche statt.
Nun denken Sie, meine Herren, zurück auf 20, 15 Jahre, wo das alles durch Boten oder Stadtbriefe besorgt wurde, wobei es im günstigsten Falle immer 2 Stunden dauerte, ehe man Antwort erhielt, unter ungünstigen Umständen 6 bis 8 Stunden. Welche kolossale Vermehrung in der Bewegung des groß-n Schwungrades des Verkehrs und der wirthschaftlichen Kräfte und Mächte zeigt sich allein in dieser Thatsache! Aehnlih if es an anderen Orten. Hamburg hat bereits 10780 Fernsprechstelleu, Dresden 4300, Breslau, Magde- burg, Frankfurt a. M., Köln zwischen 1000 und 4000. Es werden tagtäglih eine fehr große Masse von Gespyrähhen im Deutschen Neich geführt; ih glaube, es find 15 Millionen.
Außerdem sind Linien zum Gespräch auf lange Entfernungen eingerihtet worden. Wir haben Berlin und Wien in Verbindung geseßt. Bekanntlich wird die österreichische Verwaltuxg mit gewohntem Gutgegenkommen eine zweite Leitung bis an die Grenze bauen. Wir haben die entsprechende Leitung auf unserem Gebicte bereits fertig, so daß auch die Zwischenstationen Dresden, Prag und die rückliegenden Stationen Hamburg und Triest ebenso Pest in die Linie werden eingeschaltet werden, und man wird im nächsten Sommer bon der Nordsee bis zum Adriatishen Meer, von Hamburg bis Triest sprehen können. Ebenso is bereits fertig und seit Oktober im Betriebe die Linie mit Kopenhagen; es sprehen Hamburg und Berlin mit Kopenhagen dur die beiden Belte hindur, und der Dienst geht durchaus pünktlih und zuverlässig. Ferner haben wir die Linie voa Köln und Aachen nah Brüssel hergestellt, die weiter nah Berlin ausgedehnt werden kann. Das is Sache der Beobachtung, wie der Verkehr sih entwickeln wird; die Drähte haben wir bereits angelegt. Endlih {webt das interefsante Projekt, die Verbindung mit Amsterdam; diese foll von Berlin, Hamburg und Bremen zunähst hergestellt werden. Wir haben uns mit der niederländischen Regierung in Verbindung geseßt, und es ist au der niederländischen Postverwaltung gelungen, von der Volksvertretung dort die Mittel bewilligt zu bekommen. Gleichzeitig hat die niederländishe Verwaltung den guten Gedanken gehabt, ein Kabel direkt durh das Meer zu legen nah England, nah Dover, fodaß also die Möglichkeit in Aus- sicht steht, bereits im nächsten Herbst eine direkte Sprechverbindung
zwischen London und Berlin zu haben. (Bravo!) Die Niederlande
haben wir bereits uns gefichert, und die diesbezüglichen Abkommen find alle getroffen. ; j
Nun möchte ih am Schluß dieses Kapitels von den Telephon-
einrihtungen Ihre gütige Aufmerksamkeit noh darauf lenken, wie die
anderen Staaten sih im Licht gestanden haben, daß sie diesen ungeheuer
wichtigen Faktor des Verkehrswesens, das Fernsprehwesen, anfangs : den Privatgesellschaften überließen, während wir in Deutschland die
shärfste Front dagegen machten und fofort die Hand darauf legten, das als Monopol zu behandeln, obwohl uns damals das Geseß nicht
zur Seite ftand; aber wir erlangten das faktische Monopol, und den Gesellshaften wurde keine Konzession ertheilt. Nun haben diese Länder : - Frankrei, Defterreih, Jtalien, mit den allerschwersten Opfern, mit
Millionen, die Privatgesellshaften, welhe Jahre lang bestanden
hatten, verstaatlihen müssen. Das haben wir in Deutschland gespart,
dank unserem energishen Vorgehen und der festen Haltung gegenüber
sehr vielen Einflüssen, welhe sich auf unsere Verwaltung geltend
machten. Jh fühle mi gerade hier verpflihtet, meinen warmen
Dank der hohen Vertretung des deutshen Volks auszusprechen, welche uns das Telegraphengeseß bewilligte, für alle Zeiten die feste Schanze
gegen alle Angriffe von jener Seite. dur diese bedeutende Ausdehnung des Fernsprechwesens im Volke entstanden.
Es ist ein größerer Wohlstand
Endlich haben wir in der neueren Technik die Rohrpost, ein-
gerihtet feit 1877 in Berlin, zum theil in Frankfurt a. M. und în Hamburg. Im ersten Jahre wurden in Berlin 1 324 000 Stück durhch Rohrpost, also unter den Straßen, befördert, jeßt 5 335 123, also eine sehr erfreuliße Entwicklung troß Telephon und Ermäßigung der Stadttelegraphengebühr.
Alle Erfindungen werden bei uns ganz genau geprüft auf
jeglihem Gebiet des Tranéports, dem postalischen, telegraphischen — der Gedankeneisenbahn, wie ih die Telegraphen nennen möte. Fast jede
betreffs der apparate, Fernsprehapparate, Batterien, ob sie in dynamischer oder demisher Weise gespeist werden, ob Sammlerbalterien u. \. w. Das sind große Projekte. Die neuen Erfindungen sind eine ungeheure Last für die Verwaltung; ih glaube, es is eine etwas übertriebene Span- nung in den Köpfen, die sich mit Telegraphie und Elektrizität be- schäftigen: die fogenannten Erfindungen reißen nicht ab. Mit der größten Naivetät wird gesagt, das sei etwas ganz Originelles — auh wenn es eine ganz alte, farm da wirklich mit einem bekannten Wort aus Faust sagen:
heran Schreib-
Erfindungen an uns Apparate:
Woche treten neue Leitungen und auch der
abgedroschene Idee is. Man Fahr hin, du Original, in deiner Pracht, Wie würde di die Einsicht kränken, Wer kann was Kluges, wer was Dummes denken, Was vor ihm nicht ein Andrer {on gedacht! Jch will Ihnen nur ein Beispiel anführen. Vor kurzem fiel es
einem müßigen Kopf ein, in die Zeitungen zu seßen, die Post be- schäftige sich mit dem Problem, wie sie im Jahre 1900 die Marken stempeln werde. (Heiterkeit.) — Sie werden es gelesen haben; es stand in allen Zeitungen, eine {reibt es von der anderen ab. Be- kanntlich \tempeln wir bloß mit den Zehnern und Einern, alfo jeßt mit 96, was wird die Post
um Raum zu sparen. Man grämt ih nun: 1900 maten, die beiden Nullen zum Stempeln verwenden? Das is eine furchtbar einfahe Sache; aber es vergeht fein Tag, wo wir niht mit Briefen förmlih über- {hüttet werden; es liegen Hunderte und aber Hunderte vor. Die meisten Erfinder {ick:n ihre Vorschläge eingeschrieben; das freut mi, denn das bringt mehr ein; ich wünshte nur, das ginge so weiter. Die Kostenforderungen für die Erfindung \{chwanken zwischen 10 000 und 20 A (Hört, hört!) Das is ein Uebereifer, dem ih nicht zu nahe treten will, aber es ift doch eine reine Bagatelle, welche uns eine Unmasse Korrespondenzen verursaht. Wir haben wahrlih {hon genug zu thun, jeder Tag hat seine eigene Sorge, wir brauchen noch niht an das Jahr 1900 zu denken.
Nun das Personal! Dasselbe hat natürlih entsprechend dieser ungeheuren Ausdehnung, von der ih vorhin spra, verstärkt werden müssen. Wir haben im Jahre 1870 42 000 Post- und Telegraphen- beamte gehabt, gegenwärtig beträgt ihre Anzahl 155 000 Köpfe. Wir hatten damals 26 Ober - Postverwaltungsbehörden, Ober - Postdirek- tionen, jeßt deren 40, und ih werde möglicherweise in diesem Jahre nah Verständigung mit dem Kaiserlichen Reichs-Schayzamt noÿ mit einem Nactrags-Etat an das hohe Haus herantreten müssen wegen einer Nachforderung von zwei Ober - Postdirektionen , eine im Bezirk der Ober-Postdirektion Leipzig — diese Gegend, das Vogtland, Chemniß, Glauchau, Zwickau mit einer so groß- artigen WVerkehrsentwicklung, is von Leipzig aus nicht mehr zu übersehen — und eine zweite in Afrika. Wir werden da vielleicht niht eine Ober-Postdirektion einrihten, aber doch ein Post- inspektorat; jedenfalls müssen wir eine Verwaltungsbehörde in Dar- es-Salam haben. Dort besteht ein so großer Verkehr mit einer An- zahl Postanstalten und es giebt soviel Telegraphenlinien, daß alles dieses von Berlin aus nicht mehr zu übersehen is. Bisher bin ih selbft Ober - Postdirektor von Ost-Afrika gewesen, aber das geht nit mehr so weiter. — Also vielleiht werden wir nohß mit einem Nachtrags-Etat von zwei Ober-Postdirektionen kommen müssen; — ich weiß zwar nicht, wie mein Herr Kollege, der ja sehr aufmerksam zuhört, darüber denkt. (Heiterkeit.)
Nun wollte ich noch mit einigen Worten erwähnen, was inzwischen für das Personal geschehen ist. Ih werde nur die Hauptsachen anführen : also einmal sind wiederhalt mit Be- willigung des hohen Hauses erhebliche Besoldungserhöhungen für alle Klafsen durchgeführt worden. Die leßte, die allerdings nicht auf alle Klafsen si erstreckte, sondern bei den Ober-Sekretären Halt matte, betrug allein bei dem Etat der Postverwaltung 114 Millionen. Das ift eine bedeutende Summe, um die die Ueber- {üffe verringert worden sind, die ih aber den Beamten von Herzen gönne, wie ih mir in dieser Beziehung jede Verringerung der Ueber- \chüfe gern gefallen laffe. Es sind dann seit 1871 die Wohnungsgeldzushüfsse eingeführt worden, deren Summe beim Post-Etat 11# Millionen beträgt. Das ift auch eine Befoldungszulage, an die früher kein Mensch ge- dacht hat. Sodann haben wir, was viélleiht noch aus\chlaggebender wirkt — zum theil auf Drängen des hohen Hauses — eine sehr er- heblihe Vermehrung der etatsmäßigen Stellen vorgenommen, ferner eine ausgiebige Abkürzung der diätarischen Verhältnisse. Namentlich die Etats der leßten Jahre werden Ihnen das beweisen ; auß der vorliegende, über den der Herr Referent ja nachher berichten wird, zeigt, daß eine erheblihe Vermehrung der