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der Strafgefangene beschäftigt ist, Träger der Unfallfürsorge sein soll. Es Wurden dann auf Grund der erhobenen Bedenken sehr ein- gehende Untersuchungen unter Hinzuziehung insbesondere von Beamken der Strafanstaltöverwätung angéfiellt, und diese Untersuchungen führten schließlich dahin, daß man in Würdigung der aufgetretenen Bedenken glaubte, zur Zeit von der Weiterverfolgung des Projekts einer Unfallfürsorge für die Strafgefangenen absehen zu sollen.
Ich will übrigens Herrn Dr. Vielbaben bemerken, daß er doch die Kaiserliche Botschaft zu eng interpretiert (Heiterkeit), wenn er die Meinung angesvrocben hat, daß es sich hier lediglich um die Für- sorge für den Arbeiter handelt. Es bandelt-fich hier insbesondere, wie der Herr Abg.Freiherr von Hertling sebr richtig ausgesprochen bat, auch um eine Fortbildung, Ausbildung und Beffergestaltung der Haftpflicht, und zweitens darum, daß die Armenpflege, der der verunglückte Arbeiter früher in der Regel, soweit nicht anderweit für ihn gesorgt wurde _ und das war keineswegs immer der Fal], _ anbeimfiel, daß dem Eintritt der Armenpflege, die früher im wesevtlicben allein das kSkUJjUW des verletzten Arbeiters war, vorgebeugt werde. Mit der Allerböchsten Botschafivom Jahre 1881 steht das Vorgehen, eine Unfallfürsorge für die Strafgefangenen einzuführen, keineswegs im Widerspruch. Das ist auch nicht das Bedenken gewesen, das von einer Verfolgung dieses Gedankens bisher abgehalten hat; sondern die Bedenken, die man aufgefieÜt bat, bewegen sich lediglich auf dem Gebiet der Sonderstellung der Strafgefangenen, auf dem Gebiet der Disziplin, der Stellung der Arbeitgeber, von denen die Gefangenen zum tbeil wenigstens beschäftigt werden, und diese Bedenken hat man damals, wie gesagt, für so fcbrverwiegend erachtet, daß man den Entwurf im Jahre 1894 nicht weiter verfolgt hat.
Wenn nun jeßt _ und ich nebme an, daß dies der Fall sein wird, _ von der Mehrheit des Reichstages der Wunsck) ausgesprochen wird, es möge diescr Zweig der sozialpolitischen Gesetzgebung von neuem aufgenommen werden, so werde ich selbstverständlich aUes thun, um der Sache Fortgang zu Verschaffen. Ick kann aber nicht Vsrsprechen _ und in dieser Beziehung bin ich ganz offen _, daß wir bis zur zweiten Lesung der Vorlage in der Kommisfion dem Reichstage schon eine Vorlage auf dieskm Gebiet machen werden; denn ich weiß nicht, ob die Bedenken, die damals den Fortgang der Sache Verhindert haben, bei den Re- gierungen inzwischen geschivunden sind, und ob es gelingen wird, diesen geseßgeberischen Plan durchzuführen. Aber das glaube ich der- heißen zu können, daß die Sache sorgfältig und gründlich geprüft wird, und ich felber werde mich freuen, wenn diese Prüfung dazu führt, daß auch diese Skite der von mir vertretenen sozialpolitischen Geseßgebung zur Durchführung kommt.
Abg. Müller-Waldeck (Re[ormp.) erklärt, daß der Abg. Viel- baben nicht im Namen der Parte gesprochen habe.
Abg. Dr. Vielbaben bleibt dabei, daß es sich um eine rein sozialdemokratisch? orerung handle.
Damit schlie t die Debatte.
Berichterstatter Abg. Freiherr Von Stumm: Es handelt sich nicht bloß um Straß, sondern auch um Untersuchungsgefangene, die vielleicht nachher freigesprochen werden.
Die Resolution wird gegen die Stimme des Abg. [)r. Vtelhaben angenommen.
Schluß 51/4 Uhr. Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr. (Anträge Auer, betreffend den Acktstundentag, und von Lieber- mann, wegen der konfessionellen Eidesformel; Petitionen.)
Preußischer Landtag. Haus der Abgeordneten.
29. Sißung vom 10. Februar 1897.
Auf der TageSordnung steht die zweite Berathung des Staatshausaalts-Etats für 1897/98, und zwar des Spezial-Etats des Ministeriums des Innern.
Ueber den ersten Theil der Debatte ist gestern berichtet
worden. _ _ _ _ Beim T1tel1 der AUEgaben (Gehalt des Ministers) geht
Abg. Jaeckel (fr. Volksp.) auf die AuflösunHk polnischer Versammlungen ein und führt etwa Fol endes aus: inifier und Behörden trYen nicht dazu bei, dsr Ver eßung der Polen ein Ende 1: machen. on einer roßpolniscben Agitation ist uns in der Provinz
ofen nichts bekannt. «xpekiorationen einzelner Fanatiker sind keine eweise. Die Regierung sollte erst einmal die Beamten anw-xisen, die polnische Sprache besser kennen_ zu lernen, bevor sie den polnischen Blättern vorwirft, daß sie Heßartikel bringen. Wir verlangen auch, daß das Deutsche als Amtssprache unbedingt durchgeführt wird, und daß die Kinder die deutsche Sprache lernen; aber daß den Polen die Sprache genommen wird, daß sie in Versammlungen sich ihrer Muttersprache nicht bedienen so en, können wir durchaus nicht bikligen. Der deutsche Chauvinismus hat sich seit einiger eit sebr unliebsam bemerkbar gemacht.“ Der Zoologische Garten in osen ist der Stolz der rovinz, Deutsche und Polen haben das erk gefördert und erba ten es in größter Eintracht. Die deutschen Cbauoinisten haben nun Zwietracht ge äet uno bkbauvtet, daß dort_polnische Stücke ge- spielt würden, ein ganz unberechtigter Vorwurs. Man hat nicht eher gerubt, bis das Verbot des Spislsns der MilitärkapeÜe im Zoologischen Garten erfolgt ist. DerKriegs-Minister batgkleugnet, daß er das Verbot erlassen habe. Kommt nun dieses Verbot aus dem Staats-Minisierium ber? Eine andere Blütbe des deutschen ChauviniSmus ist die Affaire Carnap. Es kann kein Zweifel bestehen, daß Herr Carnap bei dem bekannten VorfaÜ der provozierende Theil geWesen ist. Man hat ibn als natio- nalen Helden gefeiert und gar _nacb dem Belagerungszustand für Posen gerufen. Herr Carnap hatte schon langst beseitigt werden müssen. Der Regierung werdkn doch seine Uebergriffe nicbt Vt-rborgen eblieben sein. Die Aenderung der_ Provinzialfarben ist eine einlicbe Maßregel. Alle diese Heßereten gegen die Polen haben nur den Zweck, einer Reform der Provinzialverfaffung ent- egenzuarbeiten. Die Polen denken gar nicht an die wabn- nnige Idee einer Wiederhersteliung des polnischen Reiches. Das Ober-Präsidium hat das Tanzen_ in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag in geschlossenen Gesellicbaften verboten. Diese Ver- fügung entbehrt jeder gesetzlichen Untérlagk. Solche Willkür- maßregeln können das Ansebkn der Behörden nicbt stärken. Ich bitte den-Minister, aufzuhören, auch uns D€utsche als Staats- bürger zweiter Klaffe zu betrachten, sowie uns von der unwürdi en fjändischen Gliederung in der Provinz zu befreien. Die Quertrei ereien der Cbaubiniften, namentlick) der ,Kölniichen Zeitung", schädigen unsere Provinz auch wirtbichafilicb. Dkk lieb? Gon schütze uns Vor unseren Freunden; vor unseren ,Feinden“, den Polen, werden wir uns selbst schützen. _ _
Abg. von Tiedewann -Bomst (sr. kons.): Ich hatte gewünscht, das; uns diese Rede erkvaxt geblikben wäre. Es war eine Polenre'ce, gehalten von einem Deutsch€n. Aber das ist ja kein Wundkr. Er ist von Polen gewählt und xnußte ihnen dafür seinem Dank abstatten. Daher der Name .Deutscbireisinnig“. Wer wil]_ denn den Polen ihre Sprache nehmen? (Zurufe: Vereine und Verxammlungen !) Jn
politischen ffekll 'Vexsanimlu'ugei“ “ ß * ocker! werden. Es ist KÄ- BedüäxiinÉZa im Wenn YoloM 'I 'arten polnische
_ zu verlxb . - ist eine polnische Agitation. In W _ Carnap WHU: akcke1_ auch ein wunderbares thioual- kes anden Tag gekegt. ck nebme'das Vorleben Carnah's nicbt n Schu ; aber an dem betrexetzden Tage hat er sieb korrekt und schneidia «m_ meu. Der Ober- raßdeyt [e_lbft,bätte sich nicht aiÜexs verbaltewkö _ *.*" Ex hat nicht provojsetts das benoeift der Proxeß. Scbm-Hige Weihe “bm vor «_Europa zu waschen, bat keinen Zweck. Die enderung der Hrovmzialfarbe war durchaus richtig, die fxiihere Farbe würde zu unnützen Agitationen geführt haben. Die ständische Gliederung ist auch uns nicht angenehm. ine Aenderung kann abe! erFt erfokgen, Wem! die nationalen Verhältnisse “geordnet sind. Mißstande aber sind nicht eingetreten. Bei etwaigen Zerwürf- niffen haben a die Stände das Recht der jkjo ju arsch. ck) kann wohl errn aeckel in seinem nationalen Stolz si selbst überlassen.
A g. Dr. von Jazdzewski (Pole): Das Auftreten eines Deutschen gegen den Chauvinismus sollte doch auch der Regierun zu denken eben. Der Minister trägt an der Verschärfung der Gegen äße mit S uld. Er bat die Ueberwachung der Polen als eine Auf- gabe der politischen Polizei erklärt. von Tausch ist 1894 in Thorn gewesen, und auf seinen Bericht ist das bekannte Wort des Kaisers zurückzuführen. (Vize-Präsident reiberr von Heereman er ncht den Redner, an Worte Seiner Majeiät keine Kritik zu knüpfen.) is 1894 und darüber hinaus haben wir uns peinlich bemüht, nichts der Re- gierung Mißliebiges zu thun. Ich erinnere nur an unsere Haltung in der Militärvorlage und bei den Handelsverträgen. Wir haben hierbei den Wünschen Seiner Majestät und der Regierung R6chnung getragen, und kurz darauf kam der Aufruf zum Zufammensteben der Deutschen gegen die Polen! Die polnische Nationalfarbe War fxüber die weiße, Posen hatte allerdings einen Weißen Adler in rotbem Schilde, also karmoifin und weiß. Die Aenderun der Farben hat ja nicht viel zu sagen. Aber es ist doch bedenkli , in alte Gewohnheiten störend einzugreifen. Das polnischeVolk liebt nun einxnal belle Farben. Das Schwarz in der Kagge als Trauerfarbe gefallt meinen Landsleuten nicht. Solche aßregeln können nur Uneivigkeit und Zwietracht in der Provinz hervorrufen. Seit unserer letzten Anfrage über das Versammlungsverbot sind schon wieder Ver- sammlungen aufgelöst worden, auch solche in Ortén, wo polnis sprechende Beamte Vorhanden waren und in denen gerade ein Ho auf Kaiser und Papst hätte außgebracht Werden folien. Der Minister soll doch wenigstens so lange mit weiteren Maßregeln warten, bis das Erkenniniß des Ober-Verwaltungßgericbts ergangen ist. Wenn polnische Konzerxprogramme eine Agitation sein sollen, dann ist auch "edes Wort in polnischer Sprache eine Agitation. Die ganze Sache iit fo klxinlicb und lacherltch, daß ich darüber weiter kein Wort Verlieren will. Dieses ganze Vorgehen beweist aber, daß die Regierung nur darauf ausgeht, die berechtigten Gefühle der Polen zu verlexzen, Wir Holen woilen mit den Deutschen friedlich leben. Dieses fried- liche erbältniß sollten die Beamten nicht stören; Pfarrern wird die Theilnahme an Vereinen untkrsagt, Landrätben nicht. Die Affaire Carnap ist durch einen richterlichen Spruch erledigt, die Leute iind bestraft worden, der Beamte nicht. Alle diee Mißbeüigkeiten sind zurückzuführen auf die Taktlosigkeit der eamten. Der kleine polnische Mann hat Vor Beamten einen großen Respkkt. Der polnische Bauer grüßt sogar den Postillon. Alies hängt von den Beamten ab, und ich bitte den Minister, bei der Auswahl der Be- amten recht Vorsichtig zu sein.
Minister des Innern Freiherr von der Recke:
Meine Herren! Der deutsche Abgeordnete Herr Jaeckel hat es über sich gewonnen, zwei Ministern Seiner Majestät und den Be- hörden in der Provinz Posen den Vorwurf der Verbrßung der deni- schen Bevölkerung gegen die polnische zu machen. Ich muß namens meines abwesenden Herrn KolXegen, des Herrn Kultus-Ministers, und in meinem Namen gegen derartige Jnsinuationen die energischsteVsr- wabrung einlegen. (Bravo !)
Die KöniglicheStaatsregierung hat schon zu wiederholten Malen ihre Auffassung darüber kundgegeben, wie es ihrer Meinung nach jest in den polnischen Landestbeilen steht; noch in den leßten Tagen ist darth den Mund des Herrn Ministkr - Präsidenten dieser Ansicht wiederum Ausdruck gegeben worden. Es liegt der StaatSregierung sebr fern, der polnischen Bewölkerung ihre Rechte irgendwie zu beeinträchtigen; wir wünschen lebhaft, mit der polnischen Bevölkerung in Frieden zu leben; nicht wir find es," die den Frieden stören, sondern es sind diejknigen Herren Polen (lebhafte Zustimmung rechts; ach! bei den Polen), die es in der Verbeßung gegen die deutsche Bevölkerung an nichts fehlen lasen. (Sehr gut!) Ich bin sebr gern bereit, Ihnen an einigen Beispielen zu zeigen (na! ua! bei den Polen), wie es steht, aus denen Sie z. B. entnehmen können, zu Welcher Jnsolenz die Presse es bereits gebracht hat, und (aok)! ach !) wie selbst Persönlichkeiten, von denen man annehmen sollte, daß sie für die Stärkung der staatlichen Autorität eintreten müßten, im Gegentbeil sich dazu hergeben, diese Autorität auf die unglaublichste Weise zu untergraben. .
Kürzlich stand im „Kuryer Poznanski“, es war in der Nummer vom 8. Oktober 1896, ein Artikel, aus dem ich mir erlauben will obne jeden weiteren Kommentar folgenden Paffus vorzulesen, indem ich dem hohen Hause anbeimstelle, die Schlüsse daraus selbst zu ziehen.
„In einer Provinz, wvrin AuSnabmegeseße bestehen, wo man einer hungrigen Meute 100 Millionen zur Beute gegeben hat, wvrin man Hunderte bon Beamten zählt, die 36 1108 zur Be- drückung und für die Bedrückung bezahlt werden,
(Rufe bei den Polen: Ist auch richtig!) wo ganze Kategorien bon Beamten, die in anderen Provinzen unbe- kannt sind, Brot und Lohn haben, ivo man schließlich in jedem Ressort Carriézre machen kann, ohne für sein Fach tauglich zu sein, wenn man nur eifrig im religiösen und nationalen Verfolgen ist, in einer solchen Provinz muß fich eine Hefe und ein Saß bilden.“ Cine stärkere Auflehnung gegen die staatliche Autorität und eine schärfere Verheißung gegkn die deutsche Bevölkerung und gegen die deutschen Beamten kann ich mir meinerseits kaum denken. (Sehr richtig !)
Dann habe ich dis Ehre, Ihnen hier von einem andern Fall Kennt- niß zu geben _ ich will aus Diskretion den Namen vorläufig noch verschweigen, muß aber leider bekennen, daß es ein Geistlicher ist, der folgende Aeußerung gethan hat, wie durcb Zeugenaussagen fest- gestellt ist (Rufe: lauter !)
Das polnische Reich wird bald wieder aufgerichtet Werden.
(Heiterkeit)
Das könnte schon morgen geschehen, wenn die beiden Völker- tbore in Böhmen und Galizien geöffnet würdén; Danzig würde alsdann freie Reichsstadt werden.
Auf eine Erwiderung, daß auch hier unter den Polen Soldaten seien, die den Fabmncid, den Eid der Treue bis zum Tode geleistet hätten, erklärte der polnische Geistliche:
Die polnischen Soldatm treten über zur polniscbon Fahne, der gebrochene Fabneneid ist kein Meineid. (Lebhafte Bewegung rechts.) Der Fabneneid ist ja nur eine Formel, etwas ganz Formellks. Lebhafte Rufe: hört! hört! rechts. Stürmische Zurqu bei den
Polen: wo? wo? Namen nennen! _ Glocke des VW *, _ Ick kann Ihnen den Namen nennen, er steht Ihnen M J:?
fügung. - -
Meike &us-„"der HercAbg.Iaeckk ift södanu anf; «BMU gekommen, der mein Ressort direkt nichts angeht. Ich kalte aber für verpflichtet, in Abwesenheit mein Herrn Mesem xa Herrn Kriegs - Ministers, diesen Vorfall mit einigen Vorteil zu b„ rübren. Es ist das Verbot, daß dié Militärkabellen ini Zoologischen Garten zu Posen spielen. Ich bin über die Gründe nicht unterrichtet mir ist _die Sache aus den Zeitungen bekannt geworden. Ich denk; mir aber, daß der Grund darin liegt, daß man den militärisqheu Befehlshabern unzweifelhaft das Recht zugestehen muß, ihre Kapellen spielen zu lassen, wo sie wollen, und daß die Militärkapellen njcht dacZu )da find, um polnische Agitation zu fördern. (Sek: richtig! re ts.
Meine Herren, der Herr Abg. Jaeckel hat dann an mehreren Stellen nachzuweisen versucht, daß die deutschen Beamten in der Provinz Posen vieles zu wünschen übrig ließen. Er isi dabei auch auf den Fall Carnap gekommen, der aucb anderweitig hier bereits er. örtert worden ist. Nun liegi es mir sehr fern, das Verhalten des Herrn von Carnap zu vertbeidigen; es erscheint mir aber doch der so oft gerübmten polnischen Ritterlicbkeit _ und bei der nahen Be- ziehung, in der Herr Jaeckel zu den Polen steht, darf man das ja auch noch auf ihn anwenden _ nicht zu entsprccben, wenn man einen Mann, der sein Unrecht eingesehen und fiel) freiwillig zurückgezogen hat, hier in diesem Hause noch mit Schmäbungen überhäuft. (Seb: richtig! rechts,)
Der frühere Distrikts-Kommiffar von Carnap hat selbst ein. gesehen, daß er für diesen Posten niibt paßte, hat freiwillig sein Amt quittiert, und damit ist meines Erachtens sein Verhalten für ge-
_ sübnt zv; erachten.
Wenn dann der Herr Abg. Jaeckel meint, daß dieser Fall sebr mit Unrecht als Zeichen polnischer Agitation gedeutet würde _ schon die milde Bsuribeilung der Schuldigen seitens des Gerichts [affe dies erkennen _, so möchte ich Herrn Jaeckel bitten, einmal den Schluß des Eckenntniffes zu lesen, in dem ausdrücklich außgefübrt wird: leider sei es nicht gelungen, eine Reibe von anderen Schuldigen zu entdecken. Wäre es geglückt, diese Schuldigen zu entdecken, so hätte meines Er- achtens das Gericht unter Umständen sebr wohl zu der Annahme eines Landfriedensbrucbs gelangen können.
Der Herr Abg. Jaeckel hat sich dann noch über eine bebördlicbé Verfügung aufgehalten, welche das Tanzen am Sonnabend Nachmittag verboten hätte. Mir ist diese Verfügung nicht bekannt. Wenn man fich darüber beschwert fühlt, so kann ich nur anbeimsielien, den instanzenmäßigen Beschwerdeweg zu betreten. Es wird dann unter- sucht Werdkn, ob die Verfügung zutreffend war oder nicht.
Wenn dann der Herr Abg. Jaeckel mich gebeten hat, darauf hinzuwirken, daß in der Provinz Posen die Selbstverwaltung in größerem Umfange als bisher eingeführt werde, so habe ich darauf zu erwidern, daß bereits im Jahre 1889 eine sehr sorgfältige Prüfung stattgefunden bat, ob es nach Lage der Verhältniss möglich sei, diesen Weg zu beschreiten. Die Erwägungen, welchen das hohe Haus beigetreten ift, führten zu einem negativen Ergebniß. Ich möchte nun den Abg. Jaeckel fragen, ob er wirklich meint, daß sich die Verhältnisse seitdem derartig geändert haben, daß man ein anderes Resultat für möglich halten könnte. Ich glaube dies bestreiten zu müssen und bin der Ansicht, daß der jeßige Zeitpunkt am alleWenigsten geeignet ist, die Selbstderwaltungsgefetze in der Provinz Posen in größerem Umfange einzuführen.
Auf die von dem Herrn Abg. Jaeckel angeregte Frage der posenscben Provinzialfarben Werde ich noch später eingeben. Zunächst will ich mich zu dem Herrn Abg. Dr. bon Jazdzewski wenden. Derselbe hat zu meinem großen Bedauern eine Aeußerung Seiner Majestät in Zusammenhang gebracht mit einigen Persönlichkeiten, die in dem leßtbin viel besprochenen Prozesse eine Rolle gespielt haben. Ich muß gegen derartige Vermuthungen energisch Verwahrung einlegen. (Bravo ! rechts.) Aus dem zufälligen Um- stande, daß fich die beiden genannten Persönlichkeiten in Thorn aufgehalten haben _ fie sind in der That dort gewesen aus Veranlassung eines auf militärischem (Hibiet liegenden dienstlichen Auftrags _, zu schließen, daß fie mit den erwähnten Aufträgen in irgend welchen Beziehungen stehen, das ist eine so unhaltbare Vermuthung, daß ich glaube, nicht nötbig zu babön, sach1ich näher darauf einzugehen.
Der Herr Abg. von Jazdzewski kam sodann auf die Fabuenfragx Als man, meine Herren, im Jahre 1882 dazu überging, für die einzelnen Provinzen Farben zu bestimmen, ist das im wesentlichen damals nach beraldischen Grundsäßen geschehen. Man hat für die Provinz Posen Weiß-Rotb gewäblj, einem Wunsckoe der_ Prodinj und auch beraldifchen Rückfichten entsprechend. Das Vertrauen, welches man bei dieser Wahl zu der polnischen Bevölkerung glaubte hegen zu dürfen, hat sich aber leider nicht erfüllt. Die Farben Rotb-Weiß sind bekanntlich die des früheren polnischen Reichs. Sie Wurden, ebenso wie die Farben der übrigen Provinzen, bestimmt, um dem provinzielien Leben, welches durch die vom Staate gewährte Selbstverwaltung eine innere Stärkung erfahren hatte, auch ein äußeres Sinnbild zu geben. Sie sind aber in der Prodi“; Posen zu ganz anderen Zwecken benußt worden. Nichl um dem soeben von mit gekennzeichneten Zweck zu dienen- sondern um die Erinnerung an vergangene Zeiten lebendig i»! erhalten und um großpolnische Tendenzen zu befördern , webiea die rotb - weißen Fahnen, und dieser Umstand, die zahl“ reichen Demonstrationen, die daraus hervorgingen, haben die Königliche Staatsregierung veranlaßt, gerade in dieser Weise einzuschreiten, weil ihrer Meinung nach ein anderer Weg, diesen Demonstrationen zu begegnen, nicht vorhanden war. Die Königliche StaatSregierung ist weit davon entfernt, darin eine besondere Haupt" und Staatsaktion zu erblicken. Sie will mit dieser Maßreges der polnischen Bevölkerung nur zum Bewußtsein bringen, daß sie PreußM sind, und daß die Königliche StaatSregierung gewillt ist, allen Demon- strationen auf diesen Gebieten mit Energie und Festigkeit entgesM“ zutreten. (Bravo! rechts.) Das ist die Absicht dieser Maßregel.
Der Herr Abg. von Jazdzswski ist sodann auf die Frage zurück' gekommen, die uns in den leyten Wochen beschäftigt hat: auf die Frage, ob es zuläsfig sei, Versammlungen deSwegen aufzulösen, wéi! durch den Gebrauck) der polnischen Sprache das staatliche Ueber- wachungsreckpt illusorisch gemacht wird. Er hat, wenn ich ibn recht verstanden babs, behauptet, es wären auch noch in den leßten TagM derartige Auflösungen vorgekommen. Ich bin nicht darüber nuier- ricbtet. Ich kann zu dieser Frage nur erklären, meine Herren:
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"W Mm || jetzt die Entscheidung des Ober-Vewauvnas-
abzuwarten- “Mn schließlich der Herr Abg. voa Jazdxewskl noch auf den Verein zur Beförderung des Deutscbtbums in den Ostmaxken ge- kommen ist und mir nahe gelegt hat, den Beamten allgemein die Betkeiliguus an'diesem Verein zu verbieten, so muß ich das ablehnen. Allerdings kann ich mir sebr wobl Fälle denken, in denen es un. erwünscht ist, daß ein Boamter dem Verein angehört. Ich glaube aber, daß man die Entschließung hierüber zunäcbß lediglich dem Takt- gefübl des betreffenden Beamten überlaffen kann. Zu einer allge- meinen Anweisung liegt meines Erachtens eine Vkranlaffung
nicht vor.' (Bravo! rechts,) _ Abg. Graf zu Limbur_g-St1rum (_kons.): Wir danket] dem rrn Minister für seine Erklarungen, und wir werden ihn untentüßen. ucb die Erklärung des Reichskaizzlers qtbmet die_sen Geist; aber wir bedauern, daß der Reichskanzler_ tm Reichstage ubexbaupt sich darauf eingelassen bat, auf die vorbereitete Aktion der v-Zlmschen Fraktion zu reagiren. Die Sache 9th den Retchstag garnichts an. Die Er- klärung des Abg. Lieber hat zu m_einem Bedauern ergeben, daß wir leider in der Beurtheilung nattonaler Fragen auseinandergehen. Namentlich babe ich bedauert, daß das Zentrum behauptet, der Kampf gegen die polnische Agtiation sex tm Grunde nichts als ein Kampf [egen die katholische Kirche. Dre polnischen Géistllkben stehen doch an der Spitze der Agitation. Soll die _Re_gierung dczs ruhig mitan- sehen? Ueber die Worte Seiner Majestat m Thorn irgend etwas zu sagen, lehne ich ab. Die höchsten Stellxii babcn doch ganz andere Unterlagen ihrer Informationen gls die Bettchte untergeordneter Or- gane. Die polnische Agitation ist 1890 durch das Entgegenkommen gegen die Polen befördert woxden. Schon die Ernennun des Erzbischofs von Stablewski, der hier so scharfe Reden für das olen- thun: gehalten hat, mußte dem polnischen Volke neue Hoffnungen machen, Wenn ich auch nicht behaupte, daß der Her sein Amt irgendwie mißbraucht bat, Absr schon sein Name schien em Pro ramm. Dem deutschen Verein darf man ke'inen Vorwurf machen ;seine ründung war nur einAkt derNotbwebr. Die Farben bat man z_ur polnischen Demon- stration benuyt aucb b_eim Empfang des Erzbischofs, des „Primas von Polen“, wie 83 m der polnischen Presse hieß. Gewiß, die polnische Bevölkerung ift auSgezeicbnet, und _wenn man sie in Ruhe ließe, so würde alles gut sein. Aber die Agttaioren [affen eben die Leute nicht in Ruhe. Nin: iücbtige Beamte sollten in Posen sein; ob sie aber den Polen gefallen, ist eine andere Frage. DS! Minister möge seinen tüchtigen Beamten schüßend zur Seite stehen. Die
erren Polen bier haben keine unpasriotisch2_n Tendenzen. Wir Lnnen uns aber nicht auf sie aüein verlassen; wrr müffkn uns darauf verlaffcn, was wir sehen, und danach handeln. _ _
Abg, von Czarlinkki Yole): Machen Ste doch keinen Unter- schied zwischen uns und dem olke. Man sieht uns überhaupt iiicht ais existenzberxchtigt an. Bei der polnischen Presse legt u_1an xedes Wort auf die Goldwage, als wenn die Deutschen nicht auch einmal über die Stränge schlagen. Die Frage_ gébörtx sehr wohl in dyn Reichstag. Es scheint aber, als wenn_dte ReZterung gegen die Polen stets Reden auf Lager Hat. Daß wir preußische _Untertbanqn md, haben wir längst gewußt, das wissen schon die Kinder._ Wir iind abe'r nicht anncktikrt worde'n unter der Bedingung, daß wrr ger- manisiert Werden sollten, sonder_n unter dem Versbrechen, daß unsere Naiionalität erhalten bskiben joüte. Redner weist darauf hin, das; neuerdings wieder eine Versammlung in Grandenz aufgelöst worden sei, obwohl polniiib sprechende Beamte dort anwesend gewesen se_ren, und geht dann näber auf das Verabren de_r Beamten im akigememen ein, welche Berichte lediglich tt_1_pekuniarem Interesse e_rstatteten. Wenn die Polen noch nicht zufrieden seien, so treffe die Schuld lediglich die preußischen Organe.
Minister des Innern Freiherr von der Recke:
Meine Herren! Jm aÜgemeinen würden mir die Ausführungen des Herrn Abg. von Czarlinski keinen Anlaß zu einer Erwiderung bieten, wenn ich nicht durch zwei seiner Bemerkungen hierzu doch be- wogen würde. Er hat zunächst mehrere Bkamte beschuldigt, daß sie unrichtige Berichte gemacht hätten, und zwar um fich dadurch pekuniäre Vortheile zu verschaffen. Ich fordere den Herrn Abg. von Czarlinski auf, mir hierfür Bekoeise zu bringen ; ich werde dann das Erforderliche veranlassen. So lange mir diese Beweise aber nicht gebracht werden, muß ich gegen ein derartiges Vorgehen hier auf das energiscbsie protestieren. (Bravo! rechts.)
Der Herr Abg. von Czarlinski bat sodann bei der Verhandlung der Fabnenfrage, wenn ich ihn recht verstanden habe, Folgendes geäußert. Er sagte: man fragte sich in der Provinz Posen, was denn wobl der Grund zu der Veränderung der Fahnen und zu der Wahl der Farbxn weiß-fchwarz-iveiß gewesen wäre, und er tbeilte mit, von einigen Seiten wäre gesagt worden, von Ailerböchster Stelle würde die Lage der Polen als so außsrordenilicb bedauerlich angesehen, daß man deSwegen diese Farben gewählt habe. Meine Herren, ich kann es mir auf das lebbafteste bedauern, daß man Von dem meines Wissens sonst hier stets beobachteten Grundsaß, die Allerhöchste Person und deren Aeußerungen nicbt in die Diskussion zu ziehen, heute schon zu wiederholten Malen abgegangen ist. Ich muß meinerseits hier- gegen und namsntlicb auch gegen die Art des Hineinziehens in die Diskussion auf das ernstlichste Verwahrung einlegen. (Bravo!)
_ Abg. Dr. Sattler (ul.): Es freut mich, daß Herr von Czar- ltnski es als Pflicht der StaatSregierung bezeichnet. at, das De_utscb- Warn zu pflegen. Das Vorgehen der Polen gegen_ uns ist erklarli . Aber es ist kein Vergnügen und noch weniger eme Ehre für mx , wenn ich hier gegen einen Deutschen kämpfen muß, der da sagt, der Verein um Schuß des Deutxcbtbums wirke beßerisck) gegen_ die Polen. Dem inisier bin ich dank ar für seine Erklärung. Die Fahnen- frage ist als Symptom zu betrachten, ebenso das Spielen polnischer Melodien. Ich freue mich über jedes S mptom, daß __die Staats- und auch die ReichSregierung von dem ewußtsein erful1t ist, das Deutschibum pflegen zu mü en. Das Bedauern des Grafen Limburg, daß der Reichskanzler im eicbstage zur Polenfrage Stellung ge- nommen bat, mag formell berechtigt sein. Sachlich war das Vor- gehen des Reichskanzlers berecbii t. Die Stellung des Zentrums bedaure [ck auch; aber Graf Limburgs) tte yon dem Zentrum nichts Anderes erwarten sollen. Bei der Iubelfeier des Zentrums bat HerrLieberauch einen Toast auf die Polen ausgebracht. Seit 1885 bin ich Mitglied des Hauses, und stets ist das entrum für die Polen eingetreten, und Herr bon Stablewski bat ck13 immer der Zustimmung des Zentrums zu er- fxeuen ebabt. Die ' erufung dieses Mannes nacb Posen war ein poli- tischer ebler. Die Herren haben nicht den Schatten eines Beweises dafur_erbtacht, daß die Beamten beßeriscb vorgegangen sind. Auch was 1nun aber Carnap esagt hat, ist nieht in vollem Umfang erwiesen Upd _err Jaeckel onnte höchstens zu dem Verlangen kommen da die egierung nacb Posen nur die vorzüglichsten Beamten binichicke. Die Wendun in der Polenpolitik im Jahre 1894 erklärt sich aus der
[tung der Yolen in Lemberg. Herr Von Koscielski sa te dort: er önne nicht a es aussprechen, was er denke, weil das s ädlich sein könnte. _ Ein _anderer Herr war schon deutlicher, er sagte: wir sind und bleiben em polnisches Land. Die Herren betrachten also Posen und Westprxizßen als ein polnisches Land* Ze verquicken Polentbum und KaiboltztSMus. Ich bin erstaunt, dai; err Jaeckel nicbt wei , wohin _diese Bestimmungen führen, und daß deutsche Dörfer im Lau (* kk ZUK OOlopthrt worden sind. Weiß Herr Jaeckel nicht, daß d c'. 339an nur bei olen kaufen, und kennt er nicht den Meineldßprozefz ") dem Falle, _wo ein katholischer Geistlicher auch für die Deutschen Linen Gottesdienst einrichten woate? Und da Wa t er ('I, Von eutschem ChauviniSMus zu sprechen! Kennt er nich dcn Marcin-
Verein? DäH-QT-Bmm' war an: ein Akt der da mitT , wen evideuiscbernud nn WWW Mel, bietrFsolthenRede bat halten
azdzewski verwahrt sich dagegen, daß er an Mai eine Kritik geübt babe, und mtt den Aus- führungen des Abg. Dr. Sattler entgegen. Etwaige Ausschreitungen tadelteu auch er und seine Freunde. Abg. Jaeckel: Ich habe nicht behauptet, daß die Minkfier die Bevölkerung verbeyen, sondern ihr _Verbalten dazu bettrage, Bitterkeit bei den Polen und auvints-uus bei den_ Deutschen hervorzurufen. Daraus entstehen dann Verhevuzigen; das ifi do_ch ein Unterschied. Ich bin nicht von den Polen_ gewahlt worden, wie das Sjimmenverkxältniß zeigt. Dafür, dF die olen Cub der S_ttmnxe enthalten haben, kann ich doch ni ts. _ ba e auch fux die Flüge eine Wiederwahl abgelehnt. Man hat mix Manzel an Nationax- gefühl borgeworfen; solche Vorwürfe treten in der Regel m_i die Stelle fachlicher Gründe. Sie glauben ja, das National- gefühl gepachtet zu haben, aber Ihr Nationaigefubl tmpontext Mik gar nicht; es darf mit meinem Gerechtigkettsgeiuhl mcht m Widerspruch treten. Ick) fühle mich als Deutschn_ !o siark,_ daß ich auf die kleinen Mittel des H.K.Tisten-Veremes verzichten zx! konnxn laude. Kleine Auswü se können mich nicht schrecken. O_as tft me1_n aiionalgefübl. Wir * eutschen in Posen wollen aucb nicht, daß die Polen bei uns Proselyten machen. ch habe vom Standpunkt_emes unparteiischen Deutschen gesprochen. Die meisten Deutschen stehen binjer mir. Wir onen endlich Ruhe bekommen m der Provinz. Wirst [Fxn uns: den Leuten geschieht Unrecht, _ und das woüen w nt .
Abg. Schroeder (Pole): err von Stablepxski hat das ibm von der Regierung bewiesene ertrauen durch 1e_tn Verhalten voll- kommen gerechtfertigt. Der Minister komme uns mit Thatsachen, nicht mit Vermuthungen und auch nicht bloß mit Friedensbersicherungem
Abg. Freiherr von Heereman (Zentr.): He_rr S_attler bat_ seine VeWunderung_ darüber auSgesprocben, daß Gras Limburg ber uns nativ _ Gefühl vorausseYe. Ick protestiere auf das lebhafteste Rgenj en Zweifel an meiner urdeutschen (Gesinnung und metnxm
ationalgefübl und weise ihn mit aUer Cnergie_und Entrüstuyg zuruck. Ist das deutsche Nationalgefübl etwas spezifikch KonservattVes o_der Nationalliberales? Früher schalt man uns Reichsfeinde, dann hielt man uns wieder für gute Menschen und Andere für Reichsfeinde. Gegxn eine solche geringwertbige Deutun des Nationalgefübls vom Pariet- standpunkt protestiere ich aucb. JZ verurtbeile jede polnische Agitation und verlange von den Yolen, daß xis fiÖ aus innerer Ueberzeugung auf den Boden unfkrer erhältniffe teUen und ehrliche preußische Unter- tbanen sind. Die Polen haben aber nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte, und ich bedauere, daß das Gerechii keitsgefühl in Preußen so Fsunken ist. Das ist auch ein Sinken un Ster Kultur und muß zur
narchie und zum BarbariSmus führen. Nach der Verfassung durfen auch die Polen sich zu Vereinen und Versammlungen zusammentbun, und daß_s1e dort polnisch sprechen, steht zwar nicht in der Ver: fastung, ist aber für jeden Vernünftigen selbstverständlicb. Die Polizei muß selber dafür sorgen, daß die Beamten polnisch sprechen, oder sie macht jedes Versammlungsrecht illusorisch. PatriotiSmus sollte mqn niemandem absprkcben, wenn man keine bestimmten Beweise bat; em solcher Vorwurf ist eine parlamentarische Unböflichkeit_. Was ex- reicben Sie mit allen diesen Dingen? Glauben Sie, daß die Polka staatsfreundlicher, verständiger werden durch eme Rechtsan- gleichbeit? Man giebt damit ja nur denYWlen Waffen in die Hand. Wir treten für jedes Recht ein, das bedrü t ist, und das sagen wir allen denjenigen, die so schwer von Begriff sind in_ diesem Punkte. Wir Haben es immer gethan und werden es auch kunftig thun zum Wohle des Vaterlandes. Nennen Sie uns eine einzige undeutsche That des entrums! So lange Sie das 'nicht können, muß ich ver- langen, da Sie uns mit solchen Angriffen Verschonen.
Ab . Nadbyl (Zentr.): Der Minister bat neulich einen Ge en- faß zwiizchen Hoch olnis und Wafferpolnisch behauptet. Das WaYser- polnische ist ar ein be onderer Dialekt, sondern nur das alte_ olxnsch, das in Ober chlefien nur nicht so vollständig auSgebildei it wie in osen. Die Bezeichnung kommt nur daher,_ daß man die auf ihren lößen die Oder befahrenden Oberschlesier m Breslaii Wasserpolen enannt hat. Man bebauptef, das Wafferpoluische sei mit gndern diomen durchsetzt. Sie können nicht behaupten, daß Friedrtch_der Große ein besonderer Förderer des olenthums gewesen sei; in seinen Schriften finden Sie aber unendli viele französische AuSdrucke, und sein Deutsch war noch lange nicht so gut, wie das der oberschlesischen Bauern heute. Die Oberschlesier sind immer 91th Preußen gewesen und haben niemals eine großvolnisckse Agitqtion gxtrieben. In der Kon- Misperiode haben'fogar die Oberschlesier tbrer Hochachtung fgerine ajestät dadurch Ausdruck gegeben, daß fie bei der Wahl dem Konig ihre Stimme gaben, obwohl ihnen gesagt_ wurde, das ginge nicht an. Eine Erregung besteht aÜerdings in Oberschlesien, aber _nur über die Verfügungen der Regierung. Die Leute_ woklen nur ihre Muttersprache unverkümmert behalten. Die Schrrftsvraxbe in Ober- !chlesien ist das Hochpolnifche. Der Minister beurthetlt dic ober- chlefischen Verhältnisse auf Grund falscher Berichte der Beamten. Er vertröstet uns auf das Erkenntnis; des Ober-erwaliungßgerichts. Wir haben aber doch schon ein solches Erkenntniß und das (Hefe . Er wil! „ganze Arbeit“ machen, wenn das neue Er_kenntmß nt t seinen Intentionen entspricht. Will er etwa das Vereins- _und Vex- sammlungßrecht der Polen ganz beseitigen? Dagegen mussen wir uns ganz entschieden erklären. Um 41/2 Uhr vertagt das Haus die weitere Berathung
auf Donnerstag 11 Uhr.
Nr. 6 der .Veröffentlichungen des Kaiserlichen Ge- sundheitsamts' vom 10. Februar hat folgenden Inhalt: Ge- sundheitsstand und Gang der Volkskrankheiten. _ eitwailige Maß- re eln ge en Pest. _ GesLLJebung u. s. w. (Deuts es Reich.) Ein- fqu. _ nlagen zur Herteaung von Alkali-Cbrouxaten. _ Wem- untersuchung. _ (Oesterreich. Vorarlberg.) Gemcmde-chammen. (Ungarn.) Diphtherie. _ Handapotbeken. _ (Vereinigte Staaten von Amerika.) Quarantäne. _ Queensland.) Vtebseucben. _ Gang der Tbierscuchen in Deutschen eiche, Januar. _ DeSgl. ToUwutb 1895. _ Tbierscuchcn in Ungarn 1896, 4. Vierteléabr. _ Rinderpesi in Süd-Afrika. _ Zeitweilige Maßre eln gegenT ierseuKen. ( reuß. ch.-Bcz. Königsberg, Gumbinnen, artenwerder, Ca el, raun- schweig, Oe'sterrcicb, Schivc'den, Malta.) _ Verhandlungen von geses- gebcndcnKörperschaxten. (DeutLches Reich.) Maul- und Klayenseucbe. _ Wochentabclle ü er die Ster efalle in deutschexi Orten mit 40000 und mehr Einwohnern. _ DeSgl. in größeren Stadten_des Auslandes. _ Erkrankun en in Krankenhäusern deutscher Großstadte. _ Desgl. in deutschen tadt- und Landbezirken. _ Witterung. _ Besondere Bella : (Deutsches Rki . Vorschriften, betreffend die gesundheits- polizeiicbe Kontrolc von eeschiffen.
Statistik und Volkswirthschaft.
D S; r- und Bauberein zu Blumenthal bei Bremen ellindxscikiltk Thätigkeit Z_itf_ dem Gebiete der sozialen c orm.
inter aiim Be trcbun cn welche die Förderung des ökonomischen, körpc1rlichcn und sittlsickpcn' oblö der mindcr Bemit'teltcn bezwecken, ist keine so wi tin, wic diejenige, Welche sich auf Beschaffung von gesunden, biliiicn Arwitcrwobmmgcn richtet. Die große Bedeutunxza gtzter Woimunarn für div WMQ; uud tnatcrieÜe Hebung der rbetter leuchtet ohne wcltcrro cin. *.llc Faktoren, welche hier eine aÜmäblichk, stciigc Bcsicrmm bcrbcizusübrcu geeignet find, verdienen dabcr ernste
Bmhtun E' olcben aktor [len die Baugeuo encbaften dar, die gd'eu ZWba'dea, fck;F gute Fr:?) billiéxe Arbeitenfrswbsu
zu sorgen. In England und in Amerika ba en die Baugeuo en- schafteu einen großartigen Erfolg gehabt und die Uebelfiände Jeb:
Ju richtiger Erkenntni der BedürfniYe unserer Zeit hat sich im Kreise Blumenthal, in wel m seit dem abre 1884, als das Bremer Großkapital infolge des Rückgangs der Rbederei sicb zeitwäli mehr der Industrie zuwandte, m raicher Folge_eine Reihe neuer denkender Fabriken entstand und diese schnekle industrielle Entwickelung einen außerordentlichen Bevölkerungßzuwackß bedingtx, zur Förderun des Wohls der Arbeiter eine_ Baugenoffenschafx gebildet die vor zem ihren ersten (Geschäftsbericht, verfaßt von tbrem Mitbegründer_Land- ratb P. Bertbyld in Blumenthal, veröffentlicht bat'), und aus denn Tbäti keit hiermit die Aufmerksamkeit gelenkt sei._ 'Der Spar- und Bauverein uBlumentbal betBremen, wie fich die Genossenschaft nennt, bat ficZ die Aufgabe gestellt, seinen Mitgliedern, die den Arbeiterkreisen angehören sollen, gute und billige Wohnungen in eing erbauten Einzelbäusern zu verschaffen, die in absehbarer Zeit deren Eigentbum werden können, dabei aber die Arbeiter bis dahin nicht in Unselbständigkeit zu Schalten, sondern sie freiwillig und that- kräftig, durch Selbstverwaltung und Spartbätigkeit bei_ dem ihnen zum Nußen (Zereicbenden Werke_ selbst mitarbeiten und mitbestimmen zu laffen. r hat als Grundja aufgestellt: erstens, daß jeder Ge- nosse bauen kann,_ nach Welchem lan_ er Lust hat, jedgch so, daß ni t über das Bedürxniß einer Arbeiterfamilie, nicbt offenbar unzwe - mäßig und nicht unsolid gebaut werdkn darf; zweitens, daß jeder Genoffe die ihm genebmen Baubandwerker wählen darf, jedoch unter der Bedingung, dax die bedun enen Freise der Genehmigung dks Vereins _bedüren und jeder au- andwerker, der sich smmal als unzuberläisig Erwies, dauernd von der Liste der zugelassenen Unternehmer gestrichen wird. Der Arbeiter wird mithin nicht in ein fertiges Haus bineingeseßt, sondern soll das Haus bauen, soll selbst der Bauherr sein. Mit 16 Einzelhäusern für je 2 oder 3 Familien ist im Jahre 1894 der Anfang gemacht worden; 28 folgten im nächsten Jabre und 1896 Weitere 64 Häuser, sodaß der Verein seit seinsm LYjäbrigen Bestehen insgesammt 108 - äuser errichtet hat, deren Buchwerti), einschließlich allen Zubehörs, dch Huf 432 000 „& steüt, d. i. im Durchschnitt auf 4000 ck für as aus.
Was die Mittel hierzu anlatzgt, so muß jedes Mitglied der Ge- nossenschaft einen Antbeilsckxein zeichnen, der aber nicht sofort Voll ein- gezahlt zu wsrden braucht. Vom Eintritt in den Verein an ist auf den Antheilschein alle zwei Wochsn 1 „M bis zur Vollzablung von 200 „ji zu entrichten. Die Leistun größerer Ratenzahlungen sowie Vollzablungen des Antbeilscbeines nd gestattet; mehr als 5 (He- schäftSantheile darf iSdoch kein Génoffe erwerbsn. Andererseits kann der Vorstand auf Antrag den Betrag der zweiwöchentlichen Raten- zahlungen aUSUUHMSWLiie 0le eine geringere Summe als 1 & er- mäßigen. Wer seinen Antbkilschein voll bezahlt hat, erhält seinen An- iberl am Gswinn baar ausbezahlt, den übrigen Mitgliedern wird der Gewinn gut geschrieben. Die Baugelder stellt im vaen Bstra e die anaitditäts- und Altersverfixberungsanstalt Hannover dem Vece n gegen Ziprozentige _Vsrzinxung zur Vérfiigung. Diejenigen Mit- glieder der Genoff€n1chaft nun, die ein Haus sicb bauen und zu Eigentbum erwerben oncn, haben für die Bausteile nebst Garten, welche in der Regel die Form einss Rechtecks Von _17:_§ in Front und 75 m Tiefe, also eine Größe bon rund 13 Ar erhalt, 500 &“ zu be- zahlen. Nach Vollendung des Baues hat der An- wärter vorläufig als Miethe ZH 0/9 des Baukapitals, d. i. also nur soviel, als der Spar- und Bauberein selbst der Invaliditäts- und AltererficberungSanstalt an Zinsén für deren Dar- lehn zu zahlen hat, zu entrichten und außerdem jährlich 2 0/0 des Baukapitals abzutragen. Die auf der Anbaustelle ruhenden Lasten, die Feuerversicherun und die laufende bauliche Unterhaltung hat der- Anwärter zu überneren. Veriragsnzäßig bleiben indessen Grundstück und Gebäude-zunächst noch im Eigentbum des Vereins, und die Uebertragung auf den Genossen erfol t erst dann, wenn yon diesem ein Drittel auf den Werth des Be ßtbizms, (Grundstückspreis und Baukosten zusammengerechnet, abbezahlt ist. ©th dann das Yesily- tbum auf den Genossen über, so ist ihm von der Jnva i- ditäts- und Altersversicberungsansialt Hannover zugesichert, daß die rückständigen zWei Drittsl zu 39% und auf 10 Jahre un- kündbar ibm belassen werden. Als im vortgen Jahre einige industrielle Unternkbmungen des Kreises abermals 1000 neue Arbeiter von aus- wärts beranzogen, bei denen inhaltretcbe Sparkassenbücher nicht zu vermutben waren, machte der Berlin den Versuck), strebsamen Arbeitern auch die Baustelle obne Baarzablung zu überlassen und zur Ab- tra ung des Bauplatzpreises eine dreijährige Frist zu gewähren, wäßrend deren der statutenmäßtge Abtrag von 20/9 auf die Haus- bauschuld ruht. Diese Bedingungen sind ewiß außerordentlich günstig. Die SparkassenzinsEn der für den _ auplaß angezahlten 500 „ja entsprechen in jener Gegend ungefahr der Pacht für einen halben Morgen Land. Der Baupreis für ein Arbeiterbaus orts- üblicher Art _ mit zwei Stubén, Küche, drei Kammern, KeUer, etwas Bodenraum und Stallanbau _ läßt si ber sparsamer Einrichtung auf etwa 3600 „% ermäßigen. 3,1% M ethzins bxtragen 126 „M, die Lasten und Abgaben etwa 12 «, die Gesammtmretbe also 138 „s; das ist ungefähr eben so viel für das ganze Haus, wie die ortsübliche Mietbe fur halb so viel Räume_in Blumenthal beträgt. Wenn eine der drei Kammern zur Küche eingerichtet wird, kann der Genoffe eine Wohnung, bestehend aus Stube, Kammer und Küche, für fich be- halten und eine zweite Wohnung mit den gleichen Raumen abvermietben, die bei dem daselbst herrschenden Mangel a_n Wohnungen mindestens 80 bis 90 ck und bei 919 laffcndesselbkn immer noch 60.“ Mieth: brin LU muß; das ist ungetä r ebknkobiel, wie an Abtrag zu entrichten ist. Mit in bekommt der Ginoffs für dcnißlbcn Prets,_ den er sonst an Mietbe für kino dürftige Wvbnung aufwendkn mm:, vom Verein eine neus, gesunde Wobnung und bat_ dabei _ _dik Möglichkeit, seinerseits kino Viiktbscinnabmc_ zu siedet], kli“, zum Schuld- adtrag verwandt, in :*ika M:*n!chcnaltcr tb_n_ _zum schuldenfreien Bcsiycr scinrs Grundffäck-J macht. _ Zu bcxcbfqn Ut icrxzxr, daß v_or jedem Haufe“ ein freundlicbpx VOTHZT'TÖM angrisst ist:_ mkist em Ziergarten mit Blumenbcctcn, Raimi. Snäucbcxn nacb crgenstsr Erfindung der Bewobnkr, von dcnc-“i M11“ dis Noicnzuch rffcgcn, i_md daß neben und hinter dem „Hanf:- sich dir JWßgartkn ausdehnt, mtiGemüse und Kartoffeln distal]! in dcr Mittc von cinem Gange: durchzogen, der mit jungen Obstbäumcn und Bccrcnobst ('in-gefaßt ist. I:! der _Be- arbcitun dicses Garnns sowic dcr Landparzc'lien,_ welche dre meisten in der I.?äbc noch zugcvaäztct babcn _ auch für _dte Beschaffung einer hinreichc'ndcn J'läcbc Packytland orgt der Verein __, egtfaltet sieh ein großcr Wettcifcr untcr den enoffen. Schon m_: Frubjabr 1895 konnten die ('rsicn Anfiedler von ihrem Ueberfluß fur 50 „s frisches Gemüse Verkaufen.
In Verbindung mit der Einrichtung seines Rechungswe ens sorgte dcr Verein auch für eine bequeme Spargelegen ett zur 11- rcgung dcs Spartriebes [_einer Genossen. Er hat mit den Betriebs- leitun en der industrie en Unternehmungen vereinbart,_ daß an den Zablfagen der Vereins-Rendant in den Fabrikgebauden die Spareinlagen der Genossen entgegennehmen fol1, und die
abriken stellen dazu in dankenswertl)er Weise besondere Zimmer zur Verfügung. Hier können die Genossen nacb Qmpfang des Lobus in bequemster Weise das, was sie zurücklegen Wollen, dem Rendanten abliefern und so ohne alle Schwierigkeiten im Laufe des Vierteljahres Mietbe, Abtrag u. s. w. ansammeln, mit dem Vortheil nebenbei, daß das Geld ihnen inzwischen 30/0 Zinsen trä t. Damit nahm der Verein eine große Arbeit auf sich, aber der Er olg bat den Erwartungen entsprochen. Die Einrichtung rst von Anbe- ginn an mit Freuden benußt worden, und ihr ist es wvhl in der Hauptsache
* .Der Spar: und BauVerein zu Blumenthal bei Bremen". Von &)p. Berthold, Landratb in Blumenthal. Verlag von J.!C.
König u. Ebbardt, Hannover.