versicherung ja doch das Kapitaldeckungsmfabren, und es kann deshalb nieht auffallen, daß nach einer sb kurzen Periode der Geltung unseres Geseses noch eine erhebliche Differenz zwischen den Leistungen der An- stalten und der Belastung der Arbeiter besteht. Die Beiträge werden jedoch auch für die Anwartsibaft auf künftige Rente entrichtet. Je mehr wir uns nun aber dem Bebauungßzuftande nähern, um so mehr wird diese Differenz verschwinden und erbeblieben Mehrleistungen über die Beiträge hinaus Play machen. Und wenn wir in den Bebauungs- zuftand eingetreten sein werden, dann wird zwar die jährliche Belastung der Arbeiter durch die Alters- und Invaliditätsverficberung immxr noch, wie jest, etwa 50 Millionen Mark betragen, es werden dann aber jährlich an Renten 160 Millionen Mark bezahlt werden, und dazu Werden an zurückzuerstattenden Beiträgen noch 16 Millionen Mark hinzutreten. Die Leistungen der Versicherungöanstalten an die Arbeiter werden dann also im Ganzen den Betrag von 176 Miüionen Mark jährlich außmacben gegenüber nur 50 Millionen Mark jährlicher Beiträge der Arbeiter.
Wichtiger aber als die Belastung der Gesammtbeit der Arbeiter ist die Frage, wie sub das Veibältniß für den einzelnen Arbeiter stellt. Wenn wir heute fragen: wie stellen fich die Beiträge eines Arbeiters, der eine Rente erhält, zu der Höhe der Rente? - so kommen wir zu dem Ergebniß, daß bei fünfjähriger Beitragsleistung von dem Einzelnen Arbeiter geleistet sind der Lohnklaffe 11 5ck(5,20-16, macht zusammen 26 „ckck, und daß er dafür eine jährliche Rente von 124 „ck empfängt, also alljährlich fünfmal so viel, als er inSgesammt in 5 Jahren an Beiträgen entrichtet bat.
Ick kann also nur die Bitte wiederholen: wxnn Sie nach außen bin über die Gebabtung unserer Invaliditätsvetficherungsanstaltcn Auskunft geben wollen, dann, bitte, gebkn Sie sie vollständig und Vermeiden Sie cs, daß aus Ihren Ausführungen geschlossen werden kann, daß das Gessß doch kin recht mangelhaftes sei, weil es kein vollständiges Aequivalent für das, was dEr Arbeiter geleistet hat, gewähre. Das wäre, wie gesagt, in vvllem Umfange unrichiig.
Damit kann ich die Ausführungen des Herrn Abg. Molkenbubr, von denen ich übrigens sagen kann, daß fie im übrigen ganz sach- gemäß und ruhig gehalten waren, verlaffen Und dazu übergkben, die Ausführungkn des Herrn Abg. von Levetzow zu besprechen.
Meinx Herren, ich habe mich ganz besonders gefreut, aus diexem autoritatiVen Munde ein so günstiges Urtbeil über unsere Vorlage zu hören. Hkrr von Levcßow, der langjährige Vorsißende einer Ver- ficherungSanstalt, beständig in Fühlung mit dam praktischen Leben, reich an Erfahrungen auf diesem Gebiete, hat an unserer Vorlage eigentlich weiter nichts auszuseßen gervußt, als die VOrschriften über Angestaltung der Aufficht über die VersicherungSanstalfen. Meine .Herren, diese Vorschriften, rücksichtlich deren ich übrigens darauf hin- zuweisen mir erlaubs, daß die Vorlagk, wie sie Leuk? dem Reichstage vvrliegt, schon sehr viel Weniger zwingende und eingreifende Be- stimmungen enthält, als die Vorlage, die zuerst vom Reichsamt des Innern Veröffentlichtwar-icb sage: diese Vorschriftcn sind keineswegs aus der Erfahrung der ZentralsteÜe im Reich hervorgegangen, sondern sie smd beroorgxgangen aus Anträgen, die einerseits vom Reicbs-Ver- fich2rung§amt und andererseits vyn BundeSrkgicrungen, inédesondere VO,! der Königlich preußischen, gestellt find. Die Klagcn sowohl des ReiÖZ-Vetficberungsamts, wie der Landesregierungen beziebsn sich dar- auf, daß die Vorschriften des geltenden Gesetzes über die Aufsichts- fübrung nicht ausreicbkn; um Mißstände, die in dsr Verwaltung ein- zelner Verficixeeungsanstalten bemerkbar geworden find, zu beieitiggn; sie haben die Reichsvkrwalnmg ganz nothwendigermeise bestimmen müssen, in dieser Beziehung wirksamere Vorschläge zu machen als das geltende Gkseß enkdälf. Ich gehe Hier auf die Einzelbkiten michi ein; ich will nur das Eine hervorhebeii, daß Klagen Hérvorgstreten find übsr opnsente Errichtung Von Dienstwohnungcn, über Aus. stattung dsr Bureaux mit einer Anzahl [wn Beamten, für die das Bedürfnis; nach dsr Meinung dks RLichS-Verfichkrungsamts bc- ziebungsweife der Regierung nicht in Vollem Umfange nachgewiesen war. Es ist die Besorgnis; ausgesprochcn worden, daß hier und da in den Bureaux Sinekuren g€schaff€n würden. ES ist ferner auf einem Gebiet Klage geführt woxden, auf dem Line weitere und freiere Thätigkeit dcr VériicherungsMstalten msiner Empfindung nach gestattet sein sollte, bei der aber doch immér die Rücksicht in Betracht zu ziech ist, ob diese freicre Thätigkeit mit dem gslienden Gesetz in Einklang steht, das ist auf dem Gedi?! der Krankenfürsorge, insbesondere auf dem dsr Errichtung von Sanatorien. Ich weis; sebr wviil, daf; gxrade dicser Zweig der Thätigkeit der Verficherungßanstalten in der Bevölerung außer- ordentlich viele Sympathien hat, und dagegen für meins chson, daf; dic Verficherung§anstaltcn auf diesem (Gebiet tbäiig werden. Wenn es sii) abkr, wic es doch bsi den Ver- sicherungßanstalten d€r Fall ist, um die: erwaltung fremden Vermögens handelt, so cntstkbi die Frage, cb die Grenzxn überall innegebalten find, die bezüglich diessr Thätigkeit von Seitcn der Vor- ständk dec Verfickpsrungsanstaiisn bätwn eingehalten wxrdén müffen. Also die Sache lisst so. Wir haben nns diesc Vorschriftsn nicbt aus den Fingsrn gesogen; sie find uns gebracht deen, Es wird im Reichstage oder in dcr KOMMisfiOki zu Erwägen skin, ob diese Vor- schriften, wis fie beute, wi; gsiagt, in mildcrer Göstalt Vorliegen, nothwendig sind; und wenn man in dikscr Beziabung Aenderungen Vornehmen kann, werden die verbündeten Résierungen gkwiß dersit sein, darauf einzugebsn, sofern sie die Usberzeugnng g-ewinncn, daß man mit den "vam! Vorzuscblagenden Vorfchriétén aukkommsn kann, um eine ordnungsmäßige und sachentspr-cchende Verwaltung bsi dlii Vetßcherungsanstalten sicher zu stellen.
Nun komme ick) zu dem Anfrage des errn von Ploxy. Ich kann diesem Anfrage nicht die Ausfi-Ht eröffnen, daß kr bei den verbündeten Regierungen auf Zastimmun-Z zu rechnen hat. Dieser Antrag ver- rückt meiner Meinung nach dis Grundlagen unser VSrsicberungsgeseZ- gebung in einer so emine'ntkn Weise, er Verläßt so sehr die An- schauungen, Von dencn wir bai Aukgsstalsung unserer Arbeiter- verficherung außgegangen find, daß der Antrag nach meinem Dafür- halten nur dann auf Annabmk rechnen könnte, wenn der Nachweis zu führen wäre, daß es absolui nothwendig ist, so fundamentale Axnde- tungen vorzunehmen. Tiefen Nachweis Vermisse ich bisher; er ist von dem Herrn Abg. von Ploes nicht erbracht, und ich möchte auch glauben, daß es nicht woblgetban ist, insbesonders den Grundsaß zu verlaffen oder zu erschüttern - und er wird durch den Antrag er- schüttert -, daß der Arbeiter selber für die Sicberj'teliung seiner Zu-
ich bin auch garnicht“
die Siöerßellung der Zukunft der Arbeite: zu sorgen, die in seinem Dienste beschäftigt worden sind und die M' ibn gearbeitet haken. -, Was nun den Antrag des Herrn Abg. Roesicke anlangj, so will ich dem Herrn Abgeordneten nicht vorenthalten, daß mir dieser Antrag anfänglich außerordentlich sympathisch war. (Heiterkeit und Zuruf.) Ich hatte den Eindruck: die Erinüduag, derwir uns gegenüber befinden- ist so weit gediehen, daß unsere Vorlage, bestehend aus hundert und einigen fünfjig Paragraphen, doch schwerlich auf Durtkberatbung zu rechneg_bat; und in dem durchaus berechtigten Bestreben, wenigstens insoweit dem vorhandenen Bedürfniß abzuhelfen, als es irgend zu erreichen ist, möchte man, so meinte ich anfänglich, wohl dazu über- geben können, wenigstens einen Theil der wichtigeren Bestimmungen unserer Vorlage, soweit sie eine Vereinfachung des Verfahrens ent- halten, zur Abstellung von Klagen führen und zu Ruß und Frommen der arbeitenden Bevölkerung dienen, vorweg jn Zsparato zu ver- abschieden. Aber bei näherer Betrachtung babe ich denn doch die Ueberzeugung gewonnen, daß diese meine erste Anschauung eine grund- falscbe gewesen ist. (Heiterkeit)
Denn einmal sind die Punkte, welche der Herr Abg. Roeficke die Güte gehabt hat, aus unserer Vorlage in seinen Antrag zu über- nehmen, keineswegs die reformbedürftigsten und dringendsten, und in dieser Beziehung tröstet mich auch nicht der Umstand, daß der Herr Abg. Richter ja schon gütigst in Aussicht gestellt hat, man könne ja auch bei der Beratbung des Antrags Roesicke über den .'Kreis deffen, was darin geboten wird, binauSgeben und könne noch weitere nüsliche und sofort zu erledigende Fragen in den Annag einfügen. (Wider- spruch links.) Allein ich gebe der Auffaffung Recht, die mir gestern im Privatgespräcb entgegengetreten ist, mit dem Antrag Roeficke nehmen Sie die Korinthen aus dem Maß. (Heiterkeit) Ja, was ist aber di: Folge, wenn Sie diese Korinthen aus dem Play nebmsn? Daß dann das Andere um so weniger schmackhaft ift. (Hei!erkeit.) Wenn der Herr Abg. Richter gar nicht zu Unrecht gemeint bat, die Opposiiion gegen den Antrag Roeficke beruhe auch darauf, daß man das, was der Herr Abg. Roesicke vornnxgnebmen will, nun als Vorspann benußen will für andere Dinge, so ist das einmal ein ganz erlaiibtes Procedere; aber, selbst wenn man es ver- werflich finden onte, wird man mir doch zugeben müffen, daß, wenn man jetzt die Korintbkn aus dem Play nimmt, das Uebrige seiner Cr- lcdigung in absehbarer Zeit: nicht entgegengefübrt werden wird. Es ist bei einer solchen Geseßgebung, von der Bedeutung, wie unsere Jndaliditätßgesengebung ist, durchaus nothwendis, daß, wenn man einmal an eine Korrektur gebt, man sich auch gründlich und umfassend überlkgt: was ist an dem Gesetz zu verbessern, wie babs ich es ein- zurichten -- und daß man nicht stückweise heraus:;reift und das And-Zre liegen läßt in der Hoffnung, daß fich syäter einmal eine Ueberein- stimmung über jetzt noch strittige Fragen ergeben wird. Diese Ueber- einstimmung wird sich, wenn nicht vielleicht die Verhältniss gerade ganz zwingende werden, von Jak): zu Jahr schwerer gestalten. Also ich glaube, wir müffea nothwendigerweife daran festhalten, daß wir uns nicht mit den woblonenden Gedanken des Herrn Rosficke be- gnügen, sondern dahin streben, volle und ganze? Arbeit zu macbén.
Nun, meins Herren, komms ich, und das ist die? Ueberraicbung, die mir gestern geworden ist, zu den Ausführungen des Hkrrn Abg. ])r. Freiherrn von Hertling.
Meine Herren, mich haben die Frühlingslüfte des Jahres 1889 angewebt, als ich, und zwar mii“ großem Interesse, die Ausführungen des Herrn Abg. 131". Freiherrn von Hertling gestern hörts. Ich wurde lebhaft zurückgeführt in jene schwercn und eifrigen Diskussionen, die über Reichszuschuß, über Ausdehnung der Jayaliditätsveriickyerung 11er den Kreis der Großindustrie hinaus im damaligen allen Hause an der Leipzigerstraße geführt worden sind, und ich hätte nicht ge- glaubt, daß man bsuie noch zu der alten Vorliebe für Streichung des Nsichszuscbuffks und Beschränkung auf die Großindustris zurückkehren würde.
Meine Herren, ich habe 822 damals im Jahre 1889 Verstandcn, daß man schwere Bedenken batte, dieAlters- und Jnualiditätsversichc- rung übkr den Kreis der Großindustric hinaus und insbesondere auf die Landwittbschaft zu erstrecken. Wir tbaten damals einen Sprung ins Dunkle; keiner von uns konnte mit pofitivar Bestimmtheit Voraus- sagen, wie sich unsere Geseßgebuug bewähren würde; abkr heut“: sine Einschränkung anzunehmen, die damals die Majorität des Hauses abgelehnt hat, das, muß ich iagen, würde meiner Ueberseugung nach auß-xrordentlicb schwer zu Verantworten fein. (Sehr richtig! rechts.) Er wäre schw€r zu Verantworten gegenüber allen dknjenigen Kreisen, dcnen dsr Geseßgebcr ausdrücklich die Zasage gémacht hat: ihr sollt für eure alten Tags eine Rente beziehen; es wäre schnoer zu Verantworten gegenüber den Faktoren, die nun ohne weiteres an Stelle der Verficherungsanstalten die Fürsorge für diese Krkiie übernehmen müffen, denen man die Rente ferner nicht gewähren wil]; und, meine Herren, es wäre am allerschwkxstcn zu verantworten gegenüber denjenigen, die nun in der Versicherung bleiben, und damit kxmme ich auf den Nachweis, daß, wenn der Vorschlag, den dEr Hört Abg. Freiherr von Hßrtl'mg gestern hier ver- treten bai, Gases werden sollte, daß dann die Absicht, di? damit VL!- folgt wird, doch nicht errkich! wird.
Meine Härten, erstens einmal frage ich micky: wozu diese Einschränkung? Hat denn wirklich, wie der Hkrr Abg. Freiherr von Hertling andsutste, unsere Inyaliditäts- und AlterIVersicberung Fiasko gemacht? Nein, meine Herren, fie hat kein Fiasko gemacht. Der einzige Mangel, den wir auf dem Gkbiete der Organisation und Geschäftsführung beklagen, ist der, daß wir zwei Versicherung§anftalten baden, die uns nicht auf die Dauer als leistungsfähig erscheinen. Deshalb nebmcn wir vor- wiegxnd di? Klinke dsc Gcseyzzebung in die Hand, um hier die besernde Hand anzulegén. Aber hat man denn überhaypt gkbört, daß sich die Jndaliditäts- uud Altersvsrsicherung im allgsmeinen prin- zipieü nicbt bewährt habe? Hat man denn schon kamm gehört, daß die Lasten, die die Indalidifäts- und Altersverficberung dem Volk auferlegt, und diE ich kéineswegs untcrschäße, daß diese Lasten vn- erscbwinglich find ? Und nun wia man eine Wobltbat, die der Geseygeber feierlich verbrieft hat, einem Theile der Versicherten ent- ziehen, und zwar einem Theile, der ebenso gut, wie der andere, den Sie in der Versicherung belassen wollen, der Wobltbat dieser Ver- sicherung bedarf. Sie bezeichnen dieses Mittel ausdrücklich als ein Kurmittel gegenüber dem ZUstande, daß einzelne Versicherungs- anstalten außweislich ibrer Geschäftsgebabrung auf die Dauer nicht leistungsfähig sind. Aker, meine Herren, wenn ich jetzt bei
kunft sorgen soil und daß dsr Ardkifgeder die Verpilichtung bat, für
der Versicherungßanstalt Ostpreußens die Landwirthfcbaft aus-
schließ?„ und die Vetfitberunzsauftau ihre Thätigkeit bloß auf die dort in der Provinz gegenüber ankam Provinzen spärlich vorbau- denen Industrien erstreckt, dann wird ja die Verficbmnaöauftalt noch viel eher leißungsimfäbig. Und weiter; wenn. wie das bi Ihrem Antrag sieht, der mir mgegangen ist, wenn Sie den auösébeidendm Laudleüten die Befugniß belassen wollen, freiwillig die Versicherung fortzuseßen, und wenn die Landleute in der Verfiiberungkanßalt Oftt preußen oder Niederbayern von“ dieser Befuauéß-GebtcmÖ machen, dann ist ja die Finanzgebabrung der Vetficherungöanftalden auch nicht um einen Pfennig gebeffert. Und meine Herren, weiter! Sie wollen entlasten; ja, Sie entlasten ja gar nicht1 Den Reitbnuscbuß wollen Sie aufheben. Soll also dieselbe Renie gewährt werden wie bisher dann muß doch für das Aufbringen desjenigen Betrages, der durcb den ReichSzuschuß gedeckt wurde, nothwendigerweise ein Aequimlent durch- Erhöhung der Beiträge geschaffen werden.
Und nun endlich, meine Herren, Sie sagen: wir wollenja den land- wirtbschaftlichen Arbeiter nicht hilflos lassen, es soll für ihn gesorgt" werden. Ja, aber wie? Das ist eine große Frage. Wollen Sie irgend etwas Anderes an die Stelle sehen, wodurch der Mann einen Rechtéansprucb und zwar einen in seiner Höhe von vornherein be- stimmten Rechtöansprucb genießen soil? Gut! Darüber würde fich reden lassen. Wollen Sie aber,“ wie es den Anschein hat, den Mann» demnächst auf die Armenpflege verweisen, dann, meine Herren, würden Sie sich eines Rückschritts zciben müssen, den Sie schwer verant- worten könnten. (Sehr wahr!)
Was ist denn das Motiv für unsere sozialpolijische Geiesgebung geWesen? Wir haben von dem Arbeiter das drückende Geéühl, der Armenunterstüyuug anbeimzufallen, nehmen wollen (sebr richtig!), wir haben ihm die Sicherheit geben wollen, allerdings eine Sicherheit, die er nur auf Grund eigener Leistungen haben sollte, daß für söine alten Tage gésorgt werden wird. Unter diesen Umftänden, meine Herren, glaube ich versichern zu können, daß die verbündeten Regierungen zu diesem Zurückgehen auf den Zustand vor 1889, und wenn es auch nur in der Beschränkung auf die Landwirtbscbaft ist, ihre Zustimmung nicht geben werden. Ich glaube, Herr Freiherr von Stumm hat schon darauf hingewiesen, daß außerdem eine große Schwierigkeit in der Durchführung liegt. Wie wollen Sie, wenn Sie die Alters- und In- validitätsverficberung auf die Industrie u-rd zwar auf die Großindustrie beschränken, die Grenze finden? Heutzutage, bei der großen Entwickelung unserer gewerblichen Thätigkeit, haben wir bekanntlich bei der Gewerbe- oxdnungs-Kommi-ssion die größeste Schwierigkeit, zu untersuchen, was ist Handwerk ; wir vermögen nicht ein entscheidendes Miterium zu finden. Dem gegenüber soll nun, und zwar durch das ganze Reick), ein Unterschied zwischen Großbetrieb und Kleinbetrieb gemacht werden. Méine Herren, das bekommen Sie nicht fertig, wenn Sie nicht eine ganz mechanische und der inneren Bercchtigung enjbebrendk Gkktizs ziehen.
Nun komme ich noch auf etwas Anderes. Der Hsrr AIZ, Frsi- Herr von Hertling [;at gaaz richtig daran erinnert, daß ein großkr und bedeutender Gegner der Einbkziebung der Landwiribskbaft in die Alters- und Invaliditäertficherung dcr derewigte Abg. Windthorft gxwesen sei. Ich habe mit vielem Interesse seine Rede nachgelesen, und von dem Standpunkt aus, dkn man damals gewinnen konnte“, dom Standpunkk dcr Vorsicht aus, sind die Ausführungen dzrselben durchaus wertbvoll und bedeutsam. 21er was hat der Herr Abg. Windtborst damals und zwar gerade, um vor einem so einichnßidendkn Schritte, wie (8 die Auxdebnung der Alters- und Invaliditätsvsrfiche- rung war, zu warnen, gesagt? Er bat gssagt:
Wenn Herr don Franckenftein gesagt hat, daß die Ardxirer warten auf die Wobltbaten des Gese'ses, so wird ibm das kein M*:nsch leugnkn können. Ich habe aber die Ansicht, daß, wsnn sie das allerdings ermarten, wir doch da di? Verantwortlichkeit tragen und Ursache haben, nach ailen Seiten hin zu sehen und mit (1115: Vor- sicht vorzugkhen. Denn darüber kann ksin waifel sein: ein ernitcrer, bedeutungsvoilerer Schritt als dikser ist auf diesem Gebiet niemals gemacht wordkn. (Sehr richtig !) Und das ist um so ernster zu nehmen, als der Schritt nicht zurückgétban werdsn kaum. (Zébk richtig!)
Dann führte der Herr Abgeordnste aus: wenn wir in dieser Sache fehl geben, so kommt alles da?, was wir damix vsrschnldet haben, auf unser Haupt- Meine Hsrren, ich ersuche die Epigoncn des Herrn Abg. Windtborst (Heiterkcié), fich dieser Auffaffung an- zuschließen. Sie ist eine durchaus zutrkffende. Der Schritt ist ge- schehen. Man kann nicht sagen, daß er fich nicht bewäh't bat: zurück- zumachen ist er nicht.
Nun, meine Herren, [affen Sie mich xvch ein Paar Worie über den Aussieick) sagen, und das ist eigentlick) dsr Punkt, wkgsn deffxn wir einen großen Werth darauf legen, das; auch über dm Kreis der Anträge des errn Abg. Roeficke binaas eine Koxrektur uxierer In- ValidijätSVerficHerungs-Geseßgebung cintrctsn möge. Dkk Herr Abg. Freiherr yon Hertling hat es als bedenklich bezeickonet, dieikn Weg zu geben, und ebenTo hat auch der Herr Abg. Richter sich beute positiv dagegkn ausgesprochen. Meine Herren, ich muß sagen, wenn man sich in die Ansckpauungen verseßt, von denkn aus das ganze Gebäude unserer sozialpoliliicben Gsskßgebung aufgebaut ist, so verstehe ich Ihre Bedenken nicht. Das geb€ ich zu, dsr „Herr Abg. Freiherr von Stumm hat ganz recht: der Vorschlag der Verbündeten Regierungen geht nicht Weit genug; das kann man sagen. Aber daß man Bedenken trägt, zu Gunsten Lines nicht hinreichend leistungsfähigen Theils der ganzen Versiäierixngs. institution die Hilfe der übrigen in Anspruch zu nehmen, 'das, meine Herren, vcrsteke ich nich?. Hätten wir die Idee gehakt, Von yorn herein eine Versicherungseinricbtung zu treffen, wonach jede einzelne Versicherungsanstalt finanziell so in sich abgeschloffen sein soUtk, dasz ße nur ausschließlich mit der Erfüllung ihrer Pfiichten befaßt wird, und daß sie fich um das, was außsrbalb ihres eigenen Kreises, ihres eigenen Territoriums auf dem Gebiete der Versicherung sich kaiCbt, nicht zu kümmern hält?, dann würden die Herren Recht haben. Aber was ist denn unsere ganze sozialpolitische Geseßgebung? Es ist eine gemeinsame Wobifadrtöeinrichtung, dix allen denjenigen Elementen des Volkes, welche davon nach dem Willen dks Geseßgebers getroffen werden sollen, gleichmäßig zu gute kommen soll. Und wenn wir damals nicht zur ReichSansialt, welche in der Konsequenz dieser Auf- faffung das Richtigste gewesen wäre, übergegangen sind, so lag das ganz einfach daran, daß für die Reichsanstalt damals- und ich glaube, auch jeßt - eine Majorität bei den verbündeten Regierungen nicht zu haben war,
Nun kann aber dcr Umstand, daß die ganze Vufichnungßein-
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riding iu dleie! Weise niikt duuksefkbrt watch ist, unmöglich den Erfolg haben, daß jest da VerfiikekungMsia'lt Oßpteußen überlaffm bleibt, wie ße ihre Verpflichtungen i:: Zukunft erfüllt, und daß die anderen Anstand! nicht gehalten werden sollen, “an einem finanziellen Ausgleitk für diese Anstalt tbeil zu nehmen. Aber selbst wenn diese Auffassung die zutreffende und richtige wäre, dann frage ieh, was svll dann werden. Lassen wir den Zuftcmd so, wie er jetzt ist, so ist das Eine cher: ck tritt in absehbarer Zeit der Moment ein, wo die
VersicbnuagSanftalt Ostpreußen überhaupt kein Vermögen mehr bestst,“
und das Zweite ist sicher, daß verschiedene andere Vexfieherungs- austalten fortgeseßt Kapitalien in immer größerem Betrage ansammeln, die ikst schon eine Höhe angenommen haben, daß von den Zinsen dieser Kapitalien die Renten bestritten werden könnten, obne daß weiterhin Beiträge zu erheben wären. Da frage ich mich: weshalb soll der Ueberfluß des Einen nicbt nußbar gxmacbt wktden zur Linderung der Nojblage des Andern auf einem Gebiete, welchks ein durchaus gemeinsames ist?
Also, meine Herren, der Gedanke, dcr den Außgleicbsvorscblägen der Regierung zu Grunde liegt, ist, wie ich glaube, nicht zu verwerfen. Das gebe ich ja, ein Radikalmiitel ist es nicht. "Denn wenn auch auf der einen Seite die Lage der notbleidendcn VerficherungSanstalfen verbessert wird. so wird doch auf der anderen Seit? die Ansammlung des Vermögens anderer Versicherungßanftalten, wenn auch langsamer, weitere Fortichriite machen. Man wird fich dann im Laufe der späteren Entwickelung zu überlegen haben, wie etwa dieser steigenden Kapitalansammlung abgeholfen werden kann. Ein Außgleich in der finanziellen Lage der Anßalten ifi aber dringendes Bedürfniß, und es duldet die Erledigung dieser Aufgabe, wenn man anders sorgsam und rationell verfabren wiki. keinen Aufschub. Darin muß ick) meinem Freunde, dem Herrn Abg. Freiherrn von Stumm entgrgentreicn: die Erledigung der Sache hat nicht Zeit bis nnn Jahre 1900. Ielänger der jetzige Zustand andauert, um so größer werden die Unterschiede im Vermögen der Anstalten, und es ist nüßiich und gut, disse Diffe- renzen sobald wie möglich zu beseitigen.
Der Herr Akg. Hoffmann (DiUenburg) hat gestern einen Vor- schlag gemacht, der auch schon früher erörtert und auch in der Begründung zum Geseßentwurf gestreift ist. Man möge doch, um die jetzt notbleidenden Versicherungsanstalten leistungsfähigkr zu machen, dafür Sorge tr'agen, daß die Abführung des Marken- betrageß, den der Arbeiter zu leisten hat, an diejenige Versicherungs- anstalt, in deren Bezirk er zuerst versichert war, erfolge. Der junge Arbeiter solle, wenn er in Königsberg zuerst in eine ver- sicherungspflicbtigc Beschäftigung gebieten ist, auch späterbin die Marken der VersickxerungSanstalt Ostpreußen Einkleben, und dann soll auch nachher die VerficberungSanstalt Ostpreußen die Rente zahlen. Ja, mcine Hsrren, das giebt aber eine ganz eigenartige Komplikation; bei der großen Ausdehnung der Freizügigkeit würde die Folge eincr solchen Maßregel die sein, daß auf sämmtlichen Postanftaltcn, Marken allxr Appoints von sämmtlichen VersickoerungSanstalten vor- rätbig gehalten werden müßten. Es müßte deshalb beispieisweise in Trier für einen Vexsiäperten, der aus Pommern itammt, eine Marke der Anstalt Pommern Vorrätbig fein. Will man das nicht Haben- der Abg. Hoffmann schüttelt mit dem Kopf, dann wird die Sache noch schwieriger, dann muß der beireffende Arbeitgeber oder Arbeit- nehmer an Um Lohnzahlungstage oder an dem Tage, wo nach der Noveüc - und da babsn wir ja ein weiteres Spatium gelassen - geklebt !xwxden muß, seinen Beitrag nach Königsßerg abführen; ein Drittks ist mir zur Zeit nicht klar, ich Werde aber gern einer Be- lkhrung zugänglich sein.
Also ?ck muß mit Rücksicht auf diese Gründe dringend wünschen, daß man, und zwar schon jetzt, eine Remsdur schaffe. Meine Herren, es ist daVon die Rede gewesen, daß es unmöglich sei, in dieikr Session das Gases zu verabschieden. Ich will nicht sagen, daß ich in dieser Beziehung von Zweifeln frsi bin. (Heiterkeit) AUM, meine Herren, ich bin auch auf der anderen Seite durchaus nicht daVon überzeugt, daß es unmöglich wäre, dieses Gkséß noch fertig zu steUcn. Wir haben die leuchtendséen Vorbilder (HSitleSit) in den Leistungcn der juristischen Kommissionen, die sich mit dem Entwurf des Bürgerlicben Geseßbuch und noch nxuerdings mit dem Handelsgeseybuch befaßt haben. Meine Herren, was die Juristen könnkn, das können wir VolkSwirtbe aucb (Heiterkeit); wir wollen also mit Ernst Hand ans Werk legen, dann wird es doch vielleicht gelingen, daß wir fertig werden,
MeineHerren, es ist doch immerhin einegroße und, wie ich meine, eine dankbare Aufgabe, die Schäden abzustelien, die man abstellen kann, und da soll man nicht säumen. Zu dem Ruhm, den die deutsche Geseßgebung auf diesem Gebiete bereits gxerntct hat, und das - be- merke ich gegenüber dem Herrn Abg. Molfenbuhr - zu dem Ruhm, den der deutsche Arbeitgeber für sichl'ezügiichseiner Leistungsbereitschaft füx die Arbeiter in Anspruch nehmen darf, der deutsche Arbeitgeber, der mehr geleistet hat, als irgend eine Kuliurnation auf dem ganzen Weiten Crdenrund - ich sage, zu diesem Ruhms lassen Sie uns auch noch den Ruhm erwerben, daß wir die beffernde Hand unverzüglich an die Schäden anlegen, die wir in unserer JnvaliditätSVcificberung erkannt haben. Sollte es wider mein Verboffen nicht möglich sein, nun, dann trösten wir uns mit dem Saß; in mxigniZ Sk- U01Ui556 Zat- 85T! (Bravo!)
_ Abg. Dr. „Hitze: (Zaun.): Wenn es fich nur um zwei noth- lcidende Anstalten handelt, dann so!]te man sich auf diese beiden mit der Verbesserung be cbränken und nicht die anderen in Mitleidenschaft sieben. Herr von oetticher meint, da die Lasten der Ver icberung nicht unexrschwingiicb sind. Die Ausfü rungen von der echten, vom Grafen Kunitz, lauteten aber doch dahin, es gehe nicht so weiter. Wenn der Anixag von Ploetz sogar die Verficherung aufgeben und (11185 auf Steuern aufbauen wiki, dann kann man es uns doch nicht verdenfcn, daß wir auf unsere alten Anträ (? zurückkommen; denn meitze Freunde, sind nicht bereit, auf die orlage der verbündeten ngterungen einzugehen. Was schadet es denn, wenn die Beiträ 8 bei den verschiedenen Verficberungsanstalten vérschieden sind? D e Verschiedenheit ist bei der Krankenversicherun und Unfallderficberung noch otel größer, als sie bei der InvalidenverFicherung jemals werden kann. Daß die territorial abgegrenzten Vkrfickerungsanstalten voUftßndig selbständig gemacht wurden, ist einer der Kom- vrcrytßpunite, _der es einem Theile meiner olitiscben Freunde EMWSUÖK- fur das Gesetz zu stimmen. ZVenn eine Ver- sicberunxöaxstalt leistungsunfäbig wird, so soll nach dem Geseß der betreffende Kommunalverband eintreten und nicht die anderen An- stalten. Die Nothlage einiger Anstalten ist entstanden aus der sch1echten BMW slablang- Die Re ierung sollte für die Abstellung soleher M1ßwkkt schuß sorgen, ebe e zu anderen Macßregeln greift. Man nab!" an, da die Alterörente den ländlichen rbeitern, die Invalidenrente dcn Industriearbeitern zufallen würde. Man hat edocb
übersehen, daß die industriellen „Arbeiter die Invalidenrente frü zeitig erlangen, aber auch bald au5sche1den, während dleländlichen Invaliden
ihre Reute spike: alanaeu, aber länger beziehen. Deshalb liegt kein Grund vor, die Indu'fitimbeiterzu Gunsten der ländlicben Arbeiter zu belasten. Wenn die Anstalten m den landwirtbschaftlicben Bezirke- die Last nid! mehr tragen können, dann sollte)! fie !: mit Freuden den Antrag das !; annebmux und die landw rtbilbaftlicben Athener von der ' erung ausschußen. Wenn die Vorlage nicht fertig gestellt werden ann, dann so te man den Antrag Röficke an- znaehsxucöxi.desBezüglitb des Staatskommiüars sind wir durchaus der n 1 Herrn von Levesow.
. "herr von Manteuffel „(d. kons.): Wenn die Abbilfe nicht ge cba en wird durzb eine aziderweitige Vertbeilun der Renten- laft, so würde die preußische Regierung berechtigt [ein, e ne pt ische Verficherun kanstait einzuri ten. Der 5L_lntra . dre Industriear eiter allein vetfißekungspflitbtig zu wachen. tft ar iter eindlich und land- wirtbscbaftsfeindliab; denn_ damit würden sämmtli : landwirtbxcbast- liebe Atb_eiter m die Stadte und damit in die Arme der Sozial- demoFratte getxieben werden, Der Rbeiziistbe Landwiribfcbaftlicbe Verem will die Juvaltdenversicherung au! die landwiribfcbaftlicben Berungquoffenschaften übertragen. 1889 wurde auf Grund des Wider- spruch? ewiger Einzel lauten die Uedertragung der Jnvalidenverficberung auf die Beruf eno mscbaft ausge eben, und jest will man dahin zurückkehren. rr von 'VW-Zet bat die optimistische Auf- fassung bekundet, daß die Vorlage jest noch erledigt werden kßnne; er bat auf das leuchtende Vorbild des Bürger- lichen Geseßhucbxs verwiesen. Das gelan auf Grund eines Kom- promiffes mit enn Rintelen wegen der trafvrozeßordnung. Das Bürgerliche Ge eßbuch wurde erledigt, und nachher fiel die Straf- prozeßordnung durch. Das ermutbiÉt nicbt, MY? einmal so zu VU- fabren. Herr von Salisck) bat die orzüge dcr orlage gkstern ber- vorgejooben, aber ibre Mängel nicht betont. Die einzige wesentliche Vereinfachung, die ich „entdeckt babe, ift die Ukberscbrift, und schließlich ist dqs auch noch eme Täuschung, denn die Altersverficberun ist drm geblieben, obwohl fie in der Ueberschrift fehlt, und obwob? man auf der Novemberkonferenz1895 vollständig einderstanden darüber war, daß sie wegfallen sollte. Herr von Boetticher meinte, die Skidst- verwaltung babe schlecht gewirtbscbaftet. Dieser Vommrf ist unbe- rechtiigt und kann niemals bewiesen werden. Der Staaxskommiffar bat ebr vtel mehr gekostet, als er irgendwie Nußen geschaffen bat. Die Verstärkung der Aufficbtsbefugniffe ist durchaus untbunlicb. Durch die Bestätigung der Beamtsn des Voritandes, durch die Aufstellung des Etats _seitens der ftaatlicben Behörden wird ein unerträglicher Zustand chbaffen, den der Reichstag 1889 einstimmig verworfen bat.
Kn eine ommisfionsberaibung mit der Hoffnung, das Geseß noch in
dieser Session fertig zu stellen, kann man fich nicht einlaffezi. Die anderweitige Rentenbertbeilung lä mt jede freie Bewegung to Vol]- kommen, da man eine solche Bes ränkung den Verficberun Hanstalten nicbt zumut en kann. Am liebsten würdx ich eine Reicbs-Ver icherungs- anstalt sehen; kann man fie nicbt durcbjeßen, dann solite weni stsns für Preußen eine staatliche Anstalt gefchaff§n wxrden. DM ntrag von Ploes habe ich nicht unterschrieben, weil ich ihn für undurch- führbar halte; er führt uns auf die Rsiebs - Einkommensteuer, die ich unter keincn Umständen will. Der Antra Rösickc bringt nur einige Erleichterunaen für die Arbeitgeber und läélt alle sonstigen Unbequsm- lichkeiten bxsteben, während wir eine ründ iche Reform wünschen.
Abg. Kübn (Soz.) wendet si gegen die Ausführun en des Aba. v. Saliscb, der die Fürsorge der Landwiribe für ihre . rbeitsr gerübmt babe. Redner wendet sich ferner dagegen, daß durch § 111 eine Klfbepflicbt der Arbeiter ein efübrt werde, die besonders für die Hausindustrieklen bedenklich sei. as entrum babe fick) 1889 gchn da_s dGefesiz Erklärt, weil dadurch die Ar eiter noch begebriicber werden wur en.
Abg. Steininger (Jean.) erhebt dagegen Einspruch; das Zentrum habe sich nur gkgen dic Hinxinzicbung dcr landwirtd- schafilicben Arbeitér gesträudt. Uebrigens hättsn die Sozialdemokraten auch damals gegsn das ganze Gescß gestimmt. dener bestreitet, daß der in Aussicht gestellte Antrag des Zentrums die ländlicbkn Arbeiter in die Städte bringen würde. In Süddeiztschland erspare das Gesinds in jungen Jahren Geld, werde in reiserem Alter selbständig und scheide aus der Versicherungspfiicbt aus.
Abg. Roesickk (b. k". F.) erklärt sicb gsgcn die Uebkrwkisung der Vorlage an die Urifallch11chernngskommisfion und bittkt, scinkn An- Trag sofort im Plenum weiter zu beratbsn. _
Abg. Liebermann von Sonnenberg &.Rewrmp.) bsstrkitet, daß der Antrag von Plocs den Mittklsiand bclaßxn würdk; sein: Freunde seien für den Antrag nur, wenn eine progrcrfivk Einkommen- itxuer eingeführt werde.
Damit schließt die Debatte. Tic Uchcrwcisung an die Kommisfion Wird iowohl bezüglich dcr Negtcrtxxigsvorlage mik bezüglich der Anträge von Ploes und Roxxckc abgelehnt. Die zweite Lesung findet formt im Plenum statt. Zckziuj; 61/4 Uhr. Nächste Stsung Montag 1 Uhr. (Fntcrpcliation, bctrcffcnd den amerikanischen Zolltarif.)
Preußischer Landtag. Haus der Abgeordneten. 72. Sisung vom 80. April 1897.
Anf dcr T'ageöordnung steht 'die, Foriscßung der zweiten Bcrathung des Etats des Mmtstexxumö dcr geist: lichen, Unterrichts: Und Mcdtznial-Angclegcn- heiten bei dem Titel „thalt des Mtxxrstcrs“. „
Ueber den ersten Theil der Debatte qt gestern berichtet worden.
Abg. Brandenburg (prir): Auf die Anzapfungc_n mid Apek- dotcn des Abg. von Cynern 9de "[ck nicht ein. Prozrjsioncn, ins- besondere die Frobnleichnamßxrozesiwn, gehören zu der;. Verfassizn s- mäßiq gewährleisteten Reliiiionsübungen dsr katholts kxt _Kir e. Troydem find zweimal solche Veranstaltungen WEH?“ Sach ejchadtgung und Polizeikoniraventionen vor dM Strafricb er gezo en worden. Man hat im Kreise OZnabrück das BöÜerscbixßx-n als ' ubestörung, das Terminiercn als Bettclei charaktkrisiett. Diese Auslegung bat eine große Erregung berdorgxrufen. Das Volk kann es nicht, der- steben, wie ein seit Menschengedenken geübter Brauch auf einmal
- Verboten werden soll. Man soUte diese Frage einheitlich regeln nach
einkm Uebereinkommen mit den Bischöfen, die gewiß gern kommen würden; die Berechjigung der Prozessionen muß aber anerkannt werden. Die katholis c Kirche wil1 dte GotteSVerebrung nicht auf die Kirchenmauern bes ränken, sondern auch ins Freie tra en.
Abg. Rickert (fr. Vgg.): Der Abg. Roeren hat ck über die
_Verbandlungen des Lehrertages in Hamburg beklagt. Ich habe diese
Verhandlungen auch gelesen, aber die angezogene Aeußeruna eines Redners übst die Abstammung des Menschen nicht gefunden. (Gemeint ist wohl der Vorm: des Professors Lehmann in einer Nebenversamai- lung. Einen Einflu? auf die Lehrer dürfte Professor Lehmann nicht haben. Sie könncn derartige Ausfübrrxn en anhören, ohne dem .kraffesten Unglauden“ zu verfallen. Wir jo ten froh sein, daß unsere Lehrer noch so positiv in kirchlichen Dingen stehen, ynd es muß „sie ecbittcrn, wenn man fie im Parlament'so scharf angreift. Der jetzige Stand der Frage des Dissidenten-Religtonßunterricbts ist unerträ lich und unhaltbar und aebtsogar über Mühler'sche Anschauungen hinaus. Kerr Brühl hat einen Paiagrapben vorgeschlagen, daß Dissidentenkinder nur mit Zu timmung der Eltern und Vormünder an dem konfessionellen Unterri ttbeilnebmen müffen. Wir würden auch heute dafiir stimmexi, wenn ein solcher Antrag wieder einaebrmht würde. Ich bin begiexig zu böten, was die Regierung jest sagt. In Falkenberg wurde eme Zestnummer dcs Or ans des Bundes der Landwirtbe bei der Zentßnar- eier an die Schu kinder yertbeilt. Das ist eseßlich unzulassig. Wahrscheinlich hat der Minister von einem sol en Vorgange kerne Ahnung. Es ist gut, Jeden einzelnen Fan zur Kenntnis; des Ministers zu bringen. Mit der notbigen Nußdauer werden wir den Herren Raison
beibringep, damit sie lernen, daß sie die Geseve nicht mitFüßen treten
dürfen. WusttbalkMoaninftellj, muTam aßendieGesevebe- achten. Die Fcagedeersebücher ist einederwi UYU:- Scbulfraaeu. Als ich 1892 von einer Vetstaatlitbung der Volk] ul-Lesebücher smock, l'ezeichnete der damalige Kuljus-Minister GrafZedlis diesen Gedanken als Unßnn. Der freien Tbäti kei! wolle die Unierri tsverwaltuua
nicht in deuAm fallen. Kurze eit darauf trat ein schro erMeimu-gs- wechfel in der Anschauung dcr ' erwahnng ein, was auch
o_ebeF'der Regierung in Arnsberg bewnft. Zur ie
das Vor- Eine sonderbare ürsor Armen, wenn die Regierung alle bisherigen Leseb ak: cba t und die Eltern zwingt, ein nkues zu bezahlen. Die Fluktuation der evölkeruna, von der der Kommissar gesproeken bat, voll- zieht sich von Often nat!) Westen. Damit kann die Einbeitliibkeit der Lesebücher nicbt m_otivi'ett werden. Zwedgroße Firmen haben das Monopol der Lejebücber. Ich kann mit ncbt denken, daß ZNinifterial-Direktor Kuegler dic Aeußerung gethan hat, es gehöre nicht viel Geist dazu, ein Lesebuch zusammmzustellen. Daß Regierungs-Ratb Riemenscbxieider keinen, Pfennig durch die Ab- fassung seines Lesebuchs verdient, glaube ich. Aber wo bleibt die „freie Thätigkeit“, wenn Schulrätbe fich mit solchen Dingen befaffen? Und wo bleibt das Recht der freien Kritik der Le'bier“.ck Die Bedeu- tung eines guten Volkslesebuchs bat scbon Friedrich 11. bkroor- gehoben; darüber müßte die freie Konkurrexiz von Sachvchrständißen entscheiden. Wir onen kein Monopol aus dicskm Gebiet, keme Schablonen, sondern freie Entwickclung.
Mini“ter dcr _eistlichcn, Unterrichts- und Medizinal- Angelegcn eiten 1). JM. Bosse:
Meine Herren! Ich bin dem Herrn Abg. Rickert dankbar, daß er die Lesebucbfrage in einem Sinn: hier zur Sprache gebrackot hat, dem ich mich in vielen Punktcn anfchließkn kann. Er hat ganz rccht, die Lesebuchfrage ist eine der wichjigsten Fragen unseres ganzen Volks- schulwesens. Denn, meine Herrkn, außer dcr Bibel, dcm KatecbiSmus und dcm Gesangbuch, wenigstkns in den evangelischen Kreisen, und in den katholischen außer dkm Gebetbuch ist das Volksschullcskbucb im wesentlichen der Inbegriff der Bildung. die die Volksschule ibrcn Zöglingen mit hinaus ins Leben giebt, und das Volksschulleseducb rkicht wsit hinein in die späteren LebenSjabre der Kinde'r, die aus dcr Volksschule entlassen werden. Also wir find wic dcr Abg. Rickcrt ganz durch- drungen von der großkn Wichtigkeit dicser Volksschullcsebüibsr. Die Frage ist auch nicht ncu, fie ist alt, fir bat "ric Schulke'rwaitung seit vielen Jahren bkscbäftigt. Eine Ermittelung uns dem Jahre 1894 bat crgebsn, daß mindestens 165 dkrschiedsnc Volksschuiiese- büchkr in Gebrauch waren. In kinzklncn chicrungsbczirkrn wurde“" bis 30 Volk§fchullesebücher gkbraucbt, und dabei sind die Fibcln noch garnicht mitgerechnet. Nun hat der „Herr Abg. NikkStt gemc'int, dicse vcrschicdcnartigcn Lcsebücber hätten nichts an sicb. Meine Hkrrkn, 311 einer Sckyadionk, cinem einheitlichen Lesebuch, was ctwa in der antralinstanz gemacht und über das ganze Land, für Stadtschulkn und Landscbulen Oinbxitlich, cingefübrt wiirde, werde ich die Hand nicbt bietcn. Das würde ich für Eine ganz un- gesunde Entwickelung halten, schon dcsbalb unge'sund, wcil im Volks- schullesebucb dis örtlicbcn VZrbältniffc des Bkzirks, in dem die Kinder lsben, ihre beimatblicbkn Vcrbältniffe durchaus bcrückfichtigt werken müffkn. Aber, meine Herren, ganz so barmlos ift “ric LeschuÖfrage in Bezug auf die Belastung der Eltkrn, namentlich dcr wsnigcr be- gütsrten, doch nicht, wie dsr Hsrr Abg.Rickert angezebcn bat. Ocnkcn Sie an unisrc Arbeiter in den Industrikbkzirkcn oder in dcn Vorortcn groß:“r Städte, z. B. Hannovcr, Bkrlin odér Köln, wo dcr Arbeiter die Fabrik ode'r dic Wohnung bäufigc'r, vielleicht alis paar Monarc, Wechsrlt. Soll der Arbeiter da mit j€dcm Schulwechsel fürseine Kinder neue Lesebücber anschaffen? Das hat schon zudenbiitkrsten Klagkn géfübrt. Wir wkrkcn cz nicbt hindkrn könncri, daß cin Arbeiter beim Umzug aus dsr Provinz Posxn nach Berlin für sein? Kindcr daI Bcrlincr LLsCbUÖ anschaffen muß. Das aber kann ich bindcrn, daß in rkmsklbcn B-Zzirk Sine Unzahl vcrscbicdchr Lcscbückpcr, und zwar unndtbig Dkk- schi€dencr Lesebücher gebraucht, nnd di? Eltc'rn gkzwungsn wsrdcn, Hierfür unnöthige Außgaben zn machen. Darauf ist mein Beixrekm gérickykct.
Ich geb? de'm Abg. RRR zu, die Sachs ist anßcmkcntiicb jcbwsr. Sie ist doppelt schwx;, wsil ans jsd-xr GMi'bmigun-g e'inxs Lcssbucbs cin großkr Grivinn knispringt für dcn Héraitsgcber und für den erlkgkr. Jkde G611khmigung kincs LesxdnÖI enthält in gcwiffem Sinns eine Art Konzsffion. ich will nicht sag?" ein Monopol, absr es wixkt ähnlich wis dic Verleihung cim": *Ilpotbckcnkonzesfion, ia aach (inks dkr läsligstsn Rechte, die die Staatsverwaltung bi'i uns ausübt. (Abg. Graf zu Limburg- Stirum: Ich würde es in cigchn Verlag iwbmcn!)
Nun sagt zwar der He'rr Abgeordnete: Wozu genehmigt Ihr überhaupt die Lcscbücbkr? Laßt doch dcr freisn Kritik und der frsicn Gcisteßarbcii Vollen Raum! Main: Hkrrcn, so geht das ami) nicht. Wir haben Lefsbücber gkbabt, die so schlccbt waren, daf; dic Unterrichts- vcrwaltung sie absolut nicht duldsn konnte. Daneben button sich früher namentlich auch eine Mklige chrchcrcine dixscr Leskbucbfrage bsmäcbtigt nnd batten zikmlich tbcurc Bücher zum Bestkn ihrer Wittwenkaffc odsr dcr Reliktcn oder irgend einer andeien gkmcin- samen strcrkaffe bcrausgsgében. Dies hatte dann wobl zur Folsc', daß ein ge'wiffcr Druck zur Einführung des Buchs zu Gunsten dcr Kassen gkübt wurde.
Als dic UnterriÖtsv-erwaltung der Sachs näher jrat -- es war etwa 1874 - fand M), das; ganz salopp mit der Papierscbsrc zu- sammengcscbnittenc Büchcr in Gkbrauch waren, Das sind die Bücher, Von denen der Herr Ministerial-Dircktvr Kitczler gcsprockxn Hat. Er hat nicht gesagt: Jedes Lesebuch oder jedes gute Lesebuch istleicht zu machen, abxr er hat gesagt: es giebt Lesebüchcr, die wirklich bloß mit der Papicr- schere zusammengeschnitten sind, und wer wirklich etwas Kenntnis; Von diesen Dingen hat, weiß, daß das richtig ist. (Sehr richtig!) Solche Bücher waren wohl auf Sterkotypplatten gedruckt, und so hatten sie von dkn Ereigniffen der Jahre 1866 und 1870 nur in kleinen An- hängen Notiz genommen, um die Kosten des Neudruck“; zu vermeiden. So kam es, daß im Anbange der Kaiser und seine Helden hoch ge- Priesen Wurden, während im Text des Buchcs Oafterreick) noch als deutscbchundcsstaat und Elsaß als eine französische Provinz bezeichnet wurden. (Heiterkeit) Das; das kein wünschenswertber Zustand für cin in der preußischen Volkésckpule gebrauchtes Lesebuch ist, das werden Sie mir gewiß alle zugeben. Es ging noch weiter -- es«ist nicht zu meiner Zeit gewesen - daß ein solches Buch dem damaligen Unterrichts-Ministér aus dem Kabinet Seiner Maj:ftät zugeschickt wurde. Das war sehr dankbar anzuerkennen und gewiß sebr schön, daß Seine Majestät sicb aucb mit dieser Frage beschäftigte. Es war aber für den Kultus-Minister sebr unbequem (Heiterkeit), jeden- falls ein scharfer Antrieb, nun mal der Besserung der Verhältnisse näher zu treten.
Noch schlimmer wie mit dem geschichtlichn und zum tbeil heimatb-
lichen Inhalt - es muß ein gutes VolkSlefebuch in gewissen Um-