1897 / 126 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger, Mon, 31 May 1897 18:00:01 GMT) scan diff

sammten finanziellen Ergebniffe ker Justizverwaltung aus dem am 1. April abgelaufenen Etatsjabre vor: danach hat sich im Gesammt- umfang der Monarchie eine Vermehrung der Einnahmen um etwa 2 Maionen Mark ergeben. Das kann nicht als unverbältnißmäßig boch bezeichnet werden. Denn z. B. vom Jahre 1893/94 zum Jahre 1894/95, also unter der Herrschaft des alten Gesetzes, bat die Mehr- "Einnahme beinnabe 3 Millionen betragen, obne daß irgend eine Aende- rung in den Kostensäven selbst vorgekommen war. Daraus ergiebt sich daß auch andere Umstände bei der Erhöhung wesentlich mitwirken, Wir sind nun bemüht gewesen, genau festzustellen, worauf im einzelnen die Mehreinnahmen zurückzuführen sind, und auf eine von mir erlassene Anordnung hin wird seit Beginn dieses Etatsjabres, seit dem 1. April, ein Nebenregister in allen Kaffenverwaltungen geführt, worin auSeinander gehalten werden dis Kosten nach den Gegenständen, aus denen sie erwachsen. Diese Nebenregister sollen das ganze Jahr geführt werden und dann wird sich ein festes Uribeil ge- winnen lassen, ob und inwieweit die Mebreinnahme aus der Erhöhung der Kostenansätze oder" aus anderen Umständen hervorgeht und ins- besondere inwieweit die freiwiiiige und die streitige Gerichtsbarkeit dabei in Frage kommen. Wenn fich ergeben sollte, daß durch diese Erhöhung in der That eine zu große Bélastung des rechtsucbenden Publikums herbeigeführt ist, so wird fich die Staatsregierung der Er- wägung nicht entziehen, ob nicht da die beffernde Hand anzulrgen und ob nicht bei den höherkn Objekte'n eine Ermäßigung der Ansäße zu erstreben sei.

Herr Ober-Bürgermeister Struckmann hat weiter hervorgehoben, daß es insbesondere übel empfunden werde, daß einzelne Notarien ganz underbältnißmäßig hohe Einnahmen unter der Herischaft des n-euen Geseßes bezögen. Aueh diese Thatsache richtig sein; sie hängt aber neuen Gkbührensäße zusammen , wonach nicht die Thätig- keit, das Arbeitßmaß, für den Blamten, die Behörde oder den NRW- amvalt, den Maßstab für die Höhe der Gebühren abgiebt, sondern lediglich die Höhe des Objektes. Das ist bei den Kosten der streitigen Gerichtsbarkeit schon seit 1851 in Preußen durchgéfübrt worden; die Gebührenordnung für Rrcht§anwalte beruht auf demseibkn Gesichtspunkte. Es kommen da allerdings unter Um- ständen für einzelne Fällr Gebühren heraus, die in gar keinem Verhältniss? stshen zu der geleisteten Thätigkeit; aber dies ist Einmal unzertrennlich Von dem ganzen System. Für die kleinen Objskte wird außerordentlich wenig erhoben. Es arbeiten da die Beamtén und Gerichte vielfach mit Verlust. Dafür wird dann ein Außgleich in den höheren Objkkten gesucht. Ferner ist es richtig, wenn Herr Ober-Bürgermeiftér Struckmann gesagt hat, daß dieses MifIVLrhältniß bezüglich der Notariin seitens des Publikums besonders unangenehm empfunden würde, und die Rotarien selbst bäufis es peinlich empfinden, für Verhältnißmäßig geringfügige Akte solche außergewöhnlichen Gebühren erheben zu müssen. Der maß- gebende Gesichtspunkt der Gleichsieüung der Notariatskosten und der Gerichtskosten war der, das; man nicht sine für den Staat nach- tdeilige Konkurrsnz der Rotarier! und Gerichte bsrbeifübren wollte. Wenn die Gebühren für die Noiarien geringer angesxtzi worden wären, dann wäre die nothwsndige Folge gewesén, daß alle Akte ' der frkiwiUigen Gerichtsbarkeit, für welche die Notarien zuständig find, ausschlicßlich Von diesen aufgenommen würden und drn Gerichten diese Einnahme vollständig eniginge. Eine solche Konsequenz konnte nicht zugeiaffrn Wörden und das hat zur Gleichstellung geführt, die wir übrigens in deri alten Provinzen sch0n skit 1851 Zekannt haben.

Wixicbe Konsequenzen im einzslnen aus der neuen Gebührenord- nung für die Notarien sich ergebkn haben und wie Mit die Einnahmen ein- zelner Noiarien _ es werdenbiet hauptsächlichstdie großen Städtein Frage kommen _ eine ganz ungerechtfrrtigte Höhe erreicht haben, Vermag ich nicht zu übersxben. Daß Klagen vielfach laut werden, ist mir nicht rntgangen und ici; beabsichtige deshalb, ebenso wie jetzt bezüglich der Gerichtskosten Erhebungen ausgeführt wkrden , aucb Feststellungen treffen zu lassen für die Einnahmen der Notarien. Für diese Feststellung ist der nächste Winter in Aussicht genommen, als diejrnige Jahreszsit, in der eine größere Gleichmäßig- . keit in der notarieÜen Thätigkeit fich zsigi, als in den Sommer- monaten. Wir wérden also voraussichtlich im nächsten Jahre in der Lage sein, genaue Zahlen auf Grund dieser Ermittelungen geben und daraus ersehen zu könnkn, ob fich ein Anias; zu weiteren Maßnahmen , ergiebt. DL! Gedanke, den Hrrr Ober-Vürgermeistrr Struckmann angeregt hat, daß die Noiarien gkseßlich Vcrpflichtet Werden könnten, einen Theil ihrer Göbühren an dcn Staai abzuiübren, ist ja auch nicht neu; er ist schon bei der Vorbsreitung dieses Geseßcs angsrrgt worden, und, wie ich meine, auch bei drr Berajbung des Gescxzes zur Sprache gekommrn _ es ist aber vorläufig wenigstsns nichi ibunlicb erschienen, diesen ng zu beschreiten. Eine ähniichc Einrichtung besteht in dem Großbrrzogthum Baden, wo die Notare mit sehr hohen Einnahmen verpflichtei werdcn können, Linrn Töeil der Einnahmen an die Staats- kasse abzugében. Dafür giebt dcr Staat den Notaren, die ein Unzureichendes Einkvmmen babkn, Linen Zu- schuß, er fich€kt ihnen also ein gewiffes Mindesteinkommen. Wievisl dabri heraußgekommcn ist, weiß ich nicht; aber jedenfalis ist der Gedanke der Erwägung werti). Zu einer (Erleichterung für das Publikum würde dicse Maßrrgel sklbstvérständliä; nur dann führen können, wenn Hand in Hand damit cine Ermäßigung der Kosten für die Notare und die Gerichte ginge, und nach dieser Richtung bin würde die Prüfung sich zu Erstrrcken haben. Bei dieser Prüfung ist insbesondere das Finanzreffort betheiligt; ich werde aber nicht unterlaffen, den Herrn Finanz-Minister auf den heute hier angerkgten Gefichtspunkt auf'- merksam zu machen, und wenn weitere Erfahrungen ergebrn sollten, daß ein dringendes Bedürfniß nach Ctleichierung auf diesem Gebiete vorliegt, so glaube ich nicht bezweifeln zu dürfen, das; auch der Herr Finanz-Minifter seine Miiwirkung zu einer solchen Erleichterung nicht versagen wird.

, Damit schließt die Debatte. Ueber die Petition um Nea: bau des Amisgcrichthebäudes in Querfurt und über diejenige um anderweite Festseßung des Besoldungsdienstaiters der Ge- " richtsschreibergehilfen und :Asfistenten bei ihrer Beförderung zum Sekretär Wird zur Tagesordnung Übergegangen. Beim Etat des Ministeriums des Innern findet * eine Drbaite überhaupt nicht statt; über die auf Aufbesserung des Gehalts der Strafanstaltß-Sekretäre gerichtete Petition geht das Haus zur TageSUrdnung über. Ueb_er den Etat des Ministeriums der geistlichen, Unierrrchts: und Medizinal-Angelegcnheiten referiert Freiherr von Durant. Die dazu eingegangenen Petitionen,

wird vielfach" mit dem Grundprinzip aller.

welche auf "hung des Gehalts dex Geistlichen richtet nd, «en der Reg erung als Material fur eine_ azizu rehende' er- Jrung der Gehaltsverhältniffe der Geistlichen uberwresen wer en. ' . reiberr von Stumm: Jm preu ischen Abgeordnetmbause hat der ltus-Minifter dem sogenannten atbedersoxialrßmus eine Ver- tbeidigun angedeihen lassen und identifiziert mit dem-Berein für Sozialre orm, mit den Bestrebungen für Ochußzoll und Sozialreform, mit der Politik des Fürsten BiSmarck, ja mit der Kaixerlicben Botschaft von 1881. Danach würde ich einer der ersten Katheder ozialisten gewesen Yin und noch sein; ich muß mir aber diesen Titel entschieden verbitten. n die Stelle der royalisiischen Sozialpolitik der siebziger Jahre ist ein demagogiscber Sozialiömus, Klassenkampf, Hkße egen Kapiial und Grundbefiy aetreten. Es wird die bestehende Gesell cbaftöordnung, selbst der Begriff des Eigentbums angegriffen. Fürst BiSmarck hat mich ausdrücklich autorisiert, hier zu erklären, daß niemand schärfer den KathedersozialiSmus bekämpft habe als er; Diese Richtung ist typisch für die Lehre der Nationalökonomie aus den preußischen und außerpreußiscben deutschen Universitäten. Der Kultus-Minister will die Yarität wabren' aber no kürzlich ist einer der Fortgefckprittensten der rt nach Mardurg beru en. Die Männer aus der Praxis, die der Kultus-Minister ihnen gegenüberstellen will, werden von de;: herrschenden Gesellschaft als unwissenschaftlicb stigmatisieri. Die neu seien nicht arbeitgeberfeindlich, meint der Kultus- inifier. Dagegen [affen sicb Aeußerunaen von SchmoÜer und Anderxn anführen, die nach meiner Ansicht fanatischer als Bebel und Liebknecht gegen den Besiß rob richten, und gerade seine Schüler sind auf" diesem Gebiete die llerfortgesckßrittensten. Nur in die Atmosphare der Arbeiterversammlungen ist Herr Schmoller noch nicht binabgestiegen. Anders Herr Wagner, der nach dem Saarrevikr und nach Bochum gekommen ist. Auch ihn hat der Herr Kultus-Minister vertbeidigt und die von ihm in Bochum gehaltene Rede in Schuß genommsn, es seien da Mißverständnisse untergelaufen. Sind aber noch Mißverständnisse möglich, wenn von Diners gesprochen wird, die 207% und mehr kosten, wenn angerathen wird, Arbeiterorgani- sationen zu schaffen, die von einem Unternehmergewinn von 10% 89/0 in die Tasche der Arbkiter überführen? Wie muß sich die Sach: im Gehirn des Arbeiters darstellen, wenn ihm ein Königlicher Beamter, ein Professor und berühmter Gelehrter solches vorträgt? Was soll da aus Betrieben werden, die weniger als 10 0/0 Reinkrtcag bringen? Ihr Ruin wäre unausbleiblich. Bricht jeyt noch ein Strike an der Ruhr aus, so hat ihn Herr Wagner mri veranlaßt. Warum „floriert keine der korporatiVen Produktivgenoffenscbaften? Weil die DisZiplin fehlt. Unsere Industrie dringt auf dem Weltmarkt Vor, weil bei ihr noch DiEzir-lin herrscht; die eng- lische geht zurück, weil der englische Arbeiter nicht zu skinem Chef, so'ndern zu dem Generalsekretär seiner Union gut zu stehen bestrebt'ist. Herr Wagner hätte den Arbeitern in Bochum zeigen soilen, m,welcher relativ vorzüglichen Situation sie sich befinden. Em Königlicher Beamter darf nicht gegen die Arbeitgeber auftreten. Kann man das nicht Verhindern nacb dkr LaZe der Grseß- Xbung, s? muß diese geä_ndert werden, wie sie bezüglich des Falles tons geandert werden [oli Nach dem „Vorwärts“ tritt übrigens „.Genoffe“ Axons nach wie dor agitatoriscb herdor. Ibm muß das H„andwerk 981ng werden, soust leidet die Autorität des Staats. Was nußen 51118 erernSJeseße, wenn man die„sozialdemokratischen Elemente als Urziversitatslebrer weiter gewähren laßt? Jetzt ist Herr Professor Dslbiuck, der wie Naumann mit den Sozialdemokraten koketiicrt, zum Geschichtsordinarius in Berlin befördert worden, ein Führer der thronalsozialen. Das nationale Mäntelchen, das diese Herrin ihren Bestrebungen umbringen, ist nach “meiner Ansicht sebr fadenscheinrg. Delbrück bekämpft in den „Preußischer: Jabrbüchcrn' xsde Maßregel gkgen die Sozialdemokratie; er bat u. A. auch die Harnburger Arbeitgeber b€fchuldigt, im Strike fich unlauterer Mittel bedient zu haben. Ist das preußische Geschichte, Was da gelehrt wird? Wenn der Student dies hören muß, wohin soli das kommen? Die Wissenschaft MUZ Hait'maciyen, wie vor Religion und Sitte, so vor dem Umsturz. at die Geseßgrbung dgzu keine Macht, so muß fie verscharst werdkn, und name'nilicb aus dem VerwaltungSwege soüte mit der aUeraußersten Vorsicht Verfahren Werden. Dies vorzubringen hielt tcb'fizr meine hriiigsie, Pflicht. ,

Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten ]).1)r. Bosse:

Meine Herren! DL! Herr Freiherr von Stumm hat durch die persönliche Liebenswürdigkeit seiner Außfübrungen es mir einige'r- maßen erschwsrt, ibm entgegénzutrsien. Ja, ich kann sagen, daß in seinen Ausführungen, namentlich in der Darlegung seiner praktischen SieÜung in wirtbschaftlichen und soziaicn Fragen, sich breite SteUen finden, in dknen ich voÜkommen mit ihm übereinstimme. Ich brauche nur entschieden zustirxrmend hinzuweisen auf seine grundlsgende Steüung zum christlichen Bekenntniß, zum monarchischen Empfindrn Wld auf die Feindschaft, dis Békämpfung, den Widerstand gegen die sozialdemo- kratiscben Bestrebungen. Das Versteht fich ganz von selbst. Adkr, meine Herren, in der Zusammenstrilung der Ausführungen des Herrn Freiherrn yon Stumm, in ihrer Gegenüberstellung gegsn die Dar- lrgungen, die ich namens der Unterricht§derwaliung im andrren Hause zu machen die Ehre gebabi habe, da liegt doch eine Tendknz, die ich als berechtigt nicht anerkennen kann, und der ich kraft meiner Pfiicixt als Unterrichts-Minisier entgegentreten muß. "'

Meine Herren, Herr Freiherr von Stumm hat damit bSJOMiLn, da?“; Er unsere Differenzen in der Auffassung über die Bedeutung dss KaibadcrsozialiSmus darzulegen gesUcht hat; er wendete fich geg€n rie angkblich Von mir vorgenommene Identifizierung des Katheder- sozialismus mit den besonnenen Woblfabrtßbesirebungen zu Gunsten der Arbeiter, etwa mit dsn Bestrebungen, wie sie in der Ailerböchsten Botschaft vom 17. November 1881 zum Außdruck gekommen sind. Nun, meine Herrkn, Herr Freiherr Von Stumm bat bei'allen dieirn Dingsn, bei alien diefen Ausführungcn immsr die prakt sci? Beihäiigung und die wissenschaftliche Darlegung seitens rcr katbedersoziaiistiscben Proirfforen zusammengeworfen. Dadurch aber kommt mcm zu Einem klaren Uribeil in den Fragen, die die Unterricht§derwa1tung angebsn, nicht. Meine Herren, der Katheder- sozialiSrnus ist eine iviffenscbaftiiche Schule. (Ganz dadon Verschieden ist die praktische Beibätigung der katbedersozialistischen Jdken. (Widerspruch des Freiherrn von Stumm.)

Herr Freiherr Von Stumm hat skldst hervorgehoben, daß die katbedersozialistischen Professoren in der Praxis absolut nichts gethan hätten, auch nicht zu Gunsten der Arbeiier. (Freiherr von Stumm: Geleistet !)

Nun, meine Herren, dann muß man aber auch die prakiiscbe Thätigkeit eines Mannes und die wiffenschaftliche Stellung des Ge- lehrten auScinanderbaiirn, urd dieses AuZeinanderbalten allein schon schüßt Herrn Freiherrn von Stumm vor dem Verdachte, den er ja auch aussprach, daß man unter Umständen auch ihn zu den Katheder- fozialisten rechnen könnte. Meine Herren, man kann Weder den Herrn Freiherrn von Stumm noch mich zu den Kathedersozialisten rechnen, das ist ganz unmöglich; denn wir find beide keine Gelehrten, die zu dieser wissenschaftlichen Schule gehörten und die den Beruf hätten, wiffenschaftliche Forschung zu treiben und zu lehren. Meine Herren, Herr Freiherr von Stumm hat gemeint, der Kathederfozialißmus betze jum Klaffenkampf. Ich glaube, daß dieser Vorwurf _ in dieser Allgemeinheit der schwerste, den es geben kann _ nicbt bererhtigt ist. Ich muß sagen: ein Mann wie Schmoiler bat meines Wiffens

niemals zum Klafsmkampf gereist. Meine Herren, selbst ein Mam: wie der Herr Profefsor Or. Adolph Wagner, der ja nach gewisser Seite bin einen Schritt über Schmolln binauSgeben mag, hat doch

selbst in seiner Bochumer Rede und in allen seinen Auslassungen .

und Vorlesungen immer an die Spike geste'tlt den entschiedenften Gegensatz gegen die Sozialdemokratie und ihre Bestrebungen„ Nun sagt Herr Freiherr von Stumm: das ist ein Mäntelchen, das er .fich umbängt. Aber, meine Herren, ich habe es mit dem Mäntelchen nicht zu thun. Ich bin nicht in der Lage, GesinnungSriecherei zu treiben. Ick muß mich an die Thatsachen halten, die mir vorliegen, ich muß mich an das halten, was ich gehört habe, oder was Andere gehört haben und was amtlich von mir festgestellt werden kann. Ob das aufrichtig gemeint ist oder nicht aufrichtig gemeint ist, das, meine Herren, zu entscheiden, dazu bin ich garnicht berufen. Das ist auch ein sehr gefährliches Geschäft, auf das ich mich überhaupt nicht ein- lasse, am allerwenigsten auf diesem Gebiet, schon aus dem (Grunde nicht, weil das heute nach der einen Seite bin geben kann und morgen nach der anderen. Nein, meine Herren, das ist nicht möglich, io kann man diese Dinge nicht behandeln.

Nun sagte Herr Freiherr von Stumm, ich babe mich auf den Fürsten Bismarck berufen für meine Stellung zum KathedersoziaiiSmus. Da, mcine Herren, bat er mich dock) mißVSrstandcn, und wenn er die Güte haben wil], meine Auslassungen, die ich im anderen Hause ge- than habe, nochmals nachzulesen, so wird er "sehen, daß ich aller- dings behauptet habe, daß durch den Fürsten BiSmarck und seine veränderte Sozialpolitik unsere deutsche Volkßwirtbsckpaftslebre, auch die wiffenschaftliche, bis in die tiefsten Tiefen hinein bewegt worden ist, und daß Fürst Wißmarck nicht bloß unser größter Staats- mann, sondern auch mindestens ein sehr großer VolkSwirtb, vielleicht der größte jetzt lebende Volkswirt!) ist. Das babe ich gesagt, das Vertrete ich Wort für Wort, das ist richtig, das ist wenigstens meine volle und ehrliche Ueberzeugung.

Nun, meine Herren, was die Einzelheiten anlangt, fo gehe ich nur sehr ungern auf die Persönlichkkiten ein, und will mich an:!) in dieser Beziehung ganz kurz faffen. Es ist vollkommen richtig, daß mir durch den Herrn Professor Wagner eine von ihm als authentisch be- zeichnete stenograpbiscbe Aufzeichnung über die von ihm in Bochum ge- haltene Rede yorgclegt worden ist. Auch diese Aufzeichnung dieser Rede wieder beginnt mit einer so scharfen Stellungnahme gkgen die Sozialdemokraten, wie sie schärfer nicht gedacht werden kann. Es ist ja möglich _ ich weiß das nicht _, daß aus der Art, wie die Rede gehalten worden ist, unter den Arbeitern eine Erregung entstanden ist oder entstehen konnte. Ich mache aber darauf auf- merksam, daß Herr Profeffor Wagner dorthin berufkn war, um in einem christlichen Arbeiterderein einen Vortrag zu Halten, und daß dieser Arbeiterverein, der aus einer großen Zahl von Arbeitern be- stxbt, der einzige in Deutschland ist, der gleichmäßig aus Katholiken und Evangelischen zusammengesetzt ist, und ich habe volles Verständnis; dafür, daß ein Mann, dsr, wie Hkrr Professor Wagner, sein christliches und monarchisches Gewissen immer in den Vordergrund schiebt, einen großen Zug empfand, dieser Einladung, in Bochum zu sprechen, nicht auszuweichen. Ob cs richtig war, dorthin zu geben, ob es wünschenswert!) War, das ist eine ganz andere Sache. Meine errsn, die UnterrichtZVerwaitung hat es nur mit der Prüfung zu thun, ob nach dem, was dort grsprochrn ist, Von drm Mann eine Vkrleßung seiner Pflichten als Staatsbeamter anzu'nrhmen war. Ick) habe diese Rede nach den Verschiedenen Lesarten, nicht bloß nach der mir von Herrn Profeffor Wagner überreichten, sondern auc!) nach anderen, die durch die Zeitungen gegangsn warkr. und die zum tbeil etwas schärfer klangen _ es mag ja auch eine solcha frei gehaltene Rede sehr leicht von verschieden€n Leuten verschieden aufgefaßt werden _, ich habe diese Rede prüfen [affen und fie selbst sehr sorgfältig geprüft und bin zu dkr Ueber- zeugung gkkommen, daß darin nichts enthalten war, auf Grund deffen die Einleitung einer DiZzipiinaruntersuchung und ein Antrag auf AmtSeniseßung gegsn den Professor Wagner zu begründen wäre. Damit war für mich die Angelegenheit des Profeffors Wagner, der srldst bei mir beantragt hatte, das Disziplinarverfabrcn wegen skiner Rede einzuleiten, abgcthan. Ich kann gegen den Mann wegen dieser Rede nicht Vorgehen. Das wia ich noch hinzufügen _ Sie werden mir alle keZstimmen _: wenn man in diesen heiklen Dingen wirklich zugrsift, so muß man sicher sein, daß man durchkommt. Wenn ich hier mit großem Gekiingel eine Diniplinar- untersuchung gegen Professor Wagner wegen seiner Bochumer Rede eingklsiict hätte, so wäre es natürlich eine große Aktion gewesen, die durch die ganze Presse gegangkn wäre. Wenn wir dabei liegen ge- blieben wären, so wäre cs das Schädlichste für die Staatsautoriiäi und das Staatsbewußtjein gewesen, was uns- hätte passieren können. Ich muß vor der Einleitung jeder DiSziplinaruntersmhung _ das verlangt doch Gewissen, chht und Gerechtigkeit _ unter- suchen, ob zu einem dcrartigsn Einschreiten ein objektiv“ Grund vorliegt. Dieser Grund lag nicht vor, damit ist die Sache für mich abgeihan. Ich brauche ja nicht zu sagen, daß ich nicht-nur nicht mit jedem Worte, sondern auch mit viele'n Anschauungen des Herrn Profeffors Wagner mich nicht einberstanden erklären kann, z. B. mit seiner Lohntbeorie oder gar mit den Hinweisen auf die Luxusrrusschieitungen, die unter Arbeitgebern vorkommen. Daß solche Au§schreitungen vorkommen, das ist ganz zweifellos; ob es aber richtig, ob es weise War, das dort zu sagen in dieser Versammlung. das muß ich dabingesteüt skin lassen. Aber an und für sich lag auch in dsr Faffung, wie ich gesehen habe, nichts Vor, wodurch ich hätte mich für berechtigt halten können, das DiSziplinarverfabren gegen Pro- fessor Wagner auf Amtöentseßung zu eröffnen.

Was Herrn Professor SchmoULr anlangt, 10 ist dieser _ das hat ja Herr Freiherr Von Stumm selbst anerkannt _ nicht nur in seinem Austreten zurückhaltrnd, sendern ebenfalls eine wissenschaftliche Autorität. Er ist Mitglied des StaaiSratbes und der Akademie der Wissenschaften. Er bat sie!) auf agrarischem Gebiet durch seine grundlegenden Studien große Verdienste erworben. Ick bin überzeugt- daß er, wie ich es ibue, in Bezug auf die Bedeutung des Hand- werks und des Mittelstandes vollkommen mit dem übereinstimmt, was heute Herr Freiherr von Stumm in dieser Beziehung gesagt hat. Im übrigen ist der Mann ein Gelehrter von zweifellos monarchischer, nationaler Gesinnung, und das gilt auc'h von Herrn Profeffor Wagner. Also wie man nach dieser Seite bin dem Unterrichts-Minifierium Vorwürfe machen kann, ist mir unverständlich. Herr Freibcrr Von Stumm sagt dann ferner, die Schüler geben über ihn hinaus. Ia, meine Hmen, wieviel Gelehrte hat es nicht schon

gegeben, derm Schüler weif über sie bindUgegangen sind. Dafür kann man den Mann doch nicht verantwortlich machen, sondern bei der Beurtheilung dieses Mannes muß man sich an das halten, was er publiziert, was er gelehrt hat, und wofür er eingetreten ist, und „übt für die Exceffe seiner Schüler.

Ich komme nun zu dem Professor Delbrück. Das ist nun der am allerwenigsten begründete Vorwurf, den man der Unterrichts- verwaltung machen kann. Professor Delbrück ist bereits seit Jab: und Tag persönlicher Ordinarius an der hiesigen Universität für Geschichte, besonders KriegSgescbichte, gewesen, er hatte nur keine etatömäßige Stelle, und es ist eine rein administrative Maß- regel gewesen, die sich ganz von selbst verstand, daß er, sobald eine etatßmäßige Professur im Fache der Geschichte aufkam, in diese einrückte. Die Sache hat absolut keine politische Bedeutung, auch nicht die Bedeutung einer Außzeirbnung, einer Belohnung. Es wäre eine Ungerechtigkeit gewesen, wenn man ihm das etatSmäßige Gehalt nicht hätte verleihen wolien, auf das er seit Jahren gewartet hat und für das er schwer und redlich gearbeitet hat. WaS-diejourna- listische Thätigkeit des Mannes anlangt, so hat sie damit nicthzu thun. Wenn er in seiner journalistischen Thätigkeit etwas g“gen Recht und Gesetz und die Pflichten eines Beamten thut, so muß ich ihn angreifen wie jeden anderen Professor. Darin bin ich mit Herrn von Stumm einver- standen. Aber für jede Wunderlichkeit und jede Einseitigkeit, die etwa in den Preußischen Jahrbüchern unter dem Namen des Professors Delbrück in der Redaktion geschrieben worden ist, die Unterrickptsverwaltung verantwortlich zu MÜÖM, das geht entschieden zu weit. Im übrigen wil] ich nur bemerken, daß Professor Delbrück auf seinem Gebiet, auf dem Gebiet der Kriegßgeschichte und der preußischen Geschichte, ein Gelehrter Von ganz bekanntem Ruf ist. (Heiterkeit, Unruhe.)

Ja, meine Herren, das ist Thatsache! Erstens mal hat er ein stark besuchtes Koilkg und eine sehr gescbäßte Dozententhäiigkeit, dann aber möchte ich Ihnen noch sagen, welche Leute für ihn ein- getreten sind, sehr bewährte Schriftstelier: Koser, Max Lehmann, Oberst-Lieuienant a. D. Jaensch und viele Andere find in allen Streitfragen, die auf diesem Gebiet brrübrt find, fchließlich auf seine Seite getreten, und damit ist er nicht abzutbun, daß man ihm seine journalistische Thätigkeit vorbält.

Nun komme ich eigentlich auf die Hauptsache, auf die grundsätzliche Stellung der UnterrichtSverwaltung zu den Universitäten überhaupt. Die Hoffnung, daß es ungeachtet der weiten Verbreitung des Katheder- sozialißmus mit der Zeit gelingen wird, auch positive und nicht kaibedersozialistisck) gerichteie Gelehrte von wiffenschaftlicher Be- deutung für unsere Lehrstühle zu gewinnen, tbeile ich mit dem Frei- herrn von Stumm durchaus, und Mein ganzes Bestreben gebt dahin, das zu erreichen, wie ich das auch im Abgcordnetenbause ausgeführt habe. Ich möchte in dieser Beziehung nur noch einmal bemerken: unter dem Namen Kathedersozialißmus vereinigen sich heute so disparate Richtungen, daß mit dem Namen Katheder- soziaiist eigentlich garnichts gesagt ist, am allerwenigsten ist damit eine „sozialistische Richtung bezeichnet. Es giebt sehr positive Leute, die zum Verein für Sozialpolitik gehören und sich auch Kathedersozialisten müffen nennen laffen, und es giebt weit nach links stehende Leute, die weit über das zulässige und verständige Maß hinaus- gehen, die ebenfalls in denselben Topf geworfen Werden. Also damit kommen wir nicht weiter. Es ist ganz gewiß die Auf- gabe der Unterrichtsverwaltung, auf diesem wie auch auf anderen Ge- bieten, daß sie die Verschiedenen, wissenschaftlich legitimierten Rich- tungen durch tüchtige Gelehrte an den verschiedenen Uniwersitäten zur Vertretung bringt und nicht eine einseitige Betonung einer Richtung aUein gestattet, die dann auch wieder den Einfluß haben könnte und auch hat, daß die Fakultäten so zusammengesetzt find, wie es im Interesse einer allseitigen wissensckyaftlichen Behandlung dieser Fragen nicht wüxscbenswertb ist.

Nun, meine Herren, wir haben nach dieser Richtung ins Auge gefaßt, tbunlicbst eine Verbindung der staatswissensckßaftlichen Pro- fsffuren mit den juristischen herbeizuführen, und ich Hoffe, schon davvn einen größeren, wenn ich den Ausdruck nicht im parteipolitischen, sondern im besten Sinne brauchen darf, einen konserVativeren Zug zum Ausdruck gebracht zu sehen. Es ist ganz natürlich, daß die Einseitigkeit der juristischen Auffassung, namentlich soweit fie unter einseitig römisch-rechtiicher Behandlung stand, eine Menge unfruchtbarer Anregungen empfing. W-“nn sie in nähere Berührung kommt mit den mehr in die Praxis hineingreifenden, unser ganzes Volksleben tief beherrschenden wirihfchaftlichen Fragen, und umgekehrt unseren volkswirthscbaftliclyen und unseren Finanzleuten und unseren Leuten, die Sozialpolitik zu lehren haben, kann es nur nützlich sein, wenn sie, namentlich an der Hand des neuen Bürger- lichen Gesetzbuches, mit juristischen Gedanken und mit den juristischen Gedankenkteisen vertraut gemacht werden. Ich hoffe davon zwar nicht Alles, ich hoffe aber, daß dies auch ein wirksames Glied in der Kette sein wird, die ich im Auge habe, um auf diesem Gebiet eine Besserung herbeizuführen.

Meiné-Herren, ich bin ja natürlich nicht berufen, alle wissenschaft- lichen, amtlichen und außeramtlichen Aeußerungen zu überwachen, das ist ganz unmöglich. Meine Herren, das kann man auch nicht machen der Wissenschaft gegenüber. Es ist alte preußische und alte Hobenzoilernsche Tradition, daß man der wiffenschaftlicben Forschung und auch der wissenschaftlichen Lehre bis zur tbunl'rchsten (Grenze Freiheit gewährt. Freilich giebt es auch für sie eine Schranke, eine Schranke im (Heseß und in der guten Sitte, und schließlich auch in der 531115 pnb1iaa. Za, meine Herren, das ist ganz zweifellos, daß im übrigen man wiffenschaftlicbe Gedanken und Ideen nicht mit Kanonen todtschießen kann, und wenn man das tbut, meine Herren, und wenn man das versucht, so schadet man sich selbst und der Sache, die man vertritt, am allermeisten. Meine Herren, das ist nicht möglich; es giebt kein Mittel, wie ich sämmtliche Lehrer der Volkswirtbscbaft zwingen kann, lediglich im Sinne des Freiherrn von Stumm VolkswirtbschafTSlebre und Sozial- politik zu treiben, das geht nicht an. Die Wissenschaft muß sich selbst korrigieren, und wer eine feste Ueberzeugung gewonnen hat, der muß auch das Zutrauen haben, sowohl auf religiösem Gebiet wie auch auf diesem, das; die Wahrheit schließlich mit Gottes Hilfe doch immer wieder obenauf kommen wird. Das haben wir erlebt. Ich erinnere daran, wie es vor dreißig Jahren bei uns aussah. Das ödeste Manchestertbum bat geherrscht, und wie sieht es heute aus, wie haben sich die Dinge geändert auf diesem Gebiet; auf andere Ge- biete gar nicht zu verweisen. Meine Herren, die erste Korrektur muß in der Wissenschaft liegen und sie liegt auch da, und dazu zu helfen,

und da die tütbtigfteu Kräfte, die wir bekommen können,":runusütbm und sie da anzustenen, wohin sie gehören, und dadurch die vorhandenen Richtungen zu ergänzen, das ist unsere Aufgabe, und das zu thun,

-werde ich bestrebt fein, und ich'boffe dabei ein gutes Gewissen zu

behalten. (Bravo !)

Ober-Bürgermeister Wesierburg-Ca el giebt der Freude Aus- drrxck, die eine Anzahl von Mitgliedern ü er die Sibiu Worte des Ministers empfänden. reilicb werde, auch von Profe oren, viel dummes Zeug geredet, a er das sei doch nicht bloß auf dem Gebiete der Nationalökonomie der Fall, was er Herrn von Stumm zu be- denken gebe. Wissenschaftliche Strömungen müsse man sich entwickeln lassen; daß die Bäume am!) auf diesem Gebiete nicht in den Himme! wachsen, siehe doch fest. Professoren seien auch Staatsbürger. und sei es auch zweckmä iger, wenn is auf der Höhe ibres Katheders blieben, so könne man i nen dock) ni tverwebren, auch in die Arena der Lohn- kampfversammlungen und dergleichen berabzusteigen.

Professor Dr. Dernburg-Berlin: Während überall anderßwo die Studierenden an der Spiye der radikalen Bewegun en sieben, weist die deutsche, weist die Berliner Studentenschaft die Außforderung, sich an der sozialrevolutionären Bewegung zu bctbciligen, wie noch vor einigen Tagen geschehen, entschieden zurück. Das liegt an dem tüchtigen Sinne unserer akademischen Jugend, die Herr von Stumm doch mehr beachten fonte. Die historische Schule hat nirgends besser Wurzel geschlagen als in Deutschland und in Berlin. In ihr liegt das Gegengewicht gegen die von errn von Stumm be- kla ten Erscheinungen. Seit Anfang dieses abrhunderts macht dieser sti : Einfluß der historischen Schule sich auf unsere akademische Jugend ,eltend. Aber freilich, die Erbaliung dieses Einflusses ist be- droht. ie neuen Rescripte über die juristische PrüfungSordnung, erlaffen anläßlich der VoÜendung des Bürgerlichen Geseßbuchs, können so angelegt werden, als ob die feste historische Begründung des römischen und des deutschen Rechts sollte in in Frage gesteüt werden.

Ministerial-Direktor ])r. Althoff beruhigt den Vorredner über diese seine Befürchtung. Wenn Herr Professor Dernburg die Neu- regelung der Profefforengehäiter neulich beanstandet babe, so könne die Verwaltung nur bei der Auffassung beharren, daß dieselbe eine große Errungenschaft und einen erheblichen Fortschritt bedeute. Um finanzielle Vortheile für die Staatskasse handle es sich dabei nicht im mindesten. Die Zuschüsse, welche gewisse Professoren zu ihrem Gehalt durch die Honorare für die Kollegien bezögen, seien vielfach erschreckend hoch, und die Möglichkeit, allzu roßen Luxus zu treiben, sei der Wissenschaft auch nicht förderlich. on einem Attentat auf die Frei- heit und Unabhängigkeit der UniVersitäten könne keine Rede sein. ,

Professor 131: Dove-Göttingen erkennt durchaus an, daß die Regelung für die schlechter gestellten Professoren eine dankenswertbe Maßnahme ist. Alia Wünsche der Professoren seien freilich mit dieser Neuordnung nicht erfül1t.

Freiherr von Manteuffel giebt für seine Freunde der Zu- stimmung zu den Ausführungen des reiherrn yon Stumm Ausdruck; er vermißt in der Antwort des Ku tus-Ministers Auskunft über die praktische Wirkung der Thätigkeit der sogenannten Kathedersozialisten. Zwischen Freiheit der Wissenschaft und Freiheit der Lehre seinock) ein erheblicher Unterschied. Wenn Herr Dernburg auf den patriotrsrhen Sinn der Berliner Studentenschaft verweise, so sei damit noch nichts beigebracht, was beruhigend wirken könne.

Professor ])j'. Dernburg: Es ist nicht zulässig, daß ein Professor sozialdemokratische Lehren veriritt; er steht unter dem DiSziplinargefeß.

Freiherr von Manteuffel: Ich habe nur hypothetisch von der qunff eine solche Bemerkung gemacht.

rofesior ]_)r. Reinke-Kiel stellt fest daß die Profefforenschaft stets in patriotrschem Sinne sich betbätigt Hat. f ,bOtber-Bürgermeister Becker-Köln tritt für die absolute Lehr- rer er em.

Fürst Radziwill macht darauf aufmerksam, da von dyn Ressorts des Kultus und des Innern ein konzentris er Angriff gegen den Bestand der psinischen Volkssprache ericbtet werde, der F"Yid?spruch stehe mit der jüngsten Auslaßung des Minister-

rat en en.

Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten ])11 Bosse:

Meine Herren! Für eine Aufrollung der ganzen Polenfrage und der Polnischen Sprachenfrage ist der Zeitpunkt jeyt augenblicklich der denkbar ungünstigste. Ich will mich deshalb auf ein paar Bemer- kungen gegenüber den Ausführungen des Herrn Fürsten Radziwill be- schränken. Er hat gesagt, es sei ein konzentriscber Angriff gegen den Bestand und die Erhaltung der polnischen Volkssprache von seiten des Herrn Ministers des Innern und des Kultus-Ministers in der Provinz Posen erfolgt. Mir ist überhaupt von einem Angriff auf die polnische Volkssprache nichts bkkannt, geschweige denn von eirem kon- zentrischen Angriff. Ich sollte meinen, daß ich wohl der [eßte wäre dem der Vorwurf zu machen wäre, daß er illegitimer Weise die polnische Volkssprache angegriffen hätte. Denn ich bin es gewesen, der vor fünf Jahren zum ersten Male polnische Schreib- und Lesestunden in den derrtschen Unterricht der Provinz Posen eingeführt hat (leidsr !), auer- dings untLr den Kantelen, die uns davor sichern, daß die polnische Sprache nicht die deutsche Unterrichtssprache wird ; denn die deuiscbe Schule muß deutsch unterrichten, und wir müssen dafür danken, daß wir wieder die polnische Schule bekommen, in der gnädigst gestattet wird, daß die deutsche Sprache darin in einigen Stunden gelehrt wird. (Sehr gut!) Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die deutschen Kinder in der Provinz Posen, die in unseren Staat aufgenommen undDeutsche sind, die deutsche Landessprache, die deutsche Amtssprache, die deutsche Armeesprache beherrschen lernen (bravo!), und dazu führt uns die deutsche Schule. Wir haben aber auf die Religion und die Sprache der polnischen Kinder die Rücksicht genommen, das; wir sie für die Fruchtbarmachung ihrer religiösen Unterweisung darin vorbereiten laffen. Das ist eine Rücksicht auf ihr Gewiffen, aber kein Angriff auf ihre polnische Sprache. Nein, meine Herren, davon kann nicht die Rede sein. _

Dann hat Herr Fürst Radziwil] gemeint, der Herr Minister des Innern habe eine Aeußerung gethan: die Völker seien zwar nicht für die Könige, aber für die untergeordneten Polizeibeamten da, denen sich ihre Sprache anzupassen hätte. Meine Herren, ich habe diese Aeußerung des Herrn Ministers des Innern nicht gehört, ich habe sie auch nicht gelesen, und ich muß sagen: ich möchte bezweifeln, daß sie in diesem Wortlaut und in diesem Sinne gehalten worden ist. (Heiterkeit) Ick) gebe anheim, diese Aeußerung wörtlich uns mitzutbeilen; ich bin jest nieht in der Lage, dafür einzutreten, aber ich meinestbeils habe bis jest auch nicht eine Silbe davon gehört, daß eine solche Aeußerung von dem Herrn Minister des Innern gethan worden sei: die Völker seien zwar nicht für die Könige, aber für untergeordnete Polizeibeamte da. Ich halte das für kaum denkbar, daß der Herr Minister des Innern sich so geäußert haben soi]. (Heiterkeit.)

Endlich babe ich zulevt zu bemerken, daß ich mit dem Herrn Minister-Präsidentcn volikommen darin einverstanden bin, was er neulich bier gesagt hat. Ich habe es gehört und bin namentlich damit einver- standen, daß alle Dinge in der Provinz Posen nicht yon dem Boden des Nationalitätenprinzipö aus, sondern auf dem Boden des Staats- prinzips geregelt werden müssen. Das war der Anfang, der Kern- punkt der ganzen Ausführungen des Herrn Ministcr-Präsidmteu, darin

bin ich vollkommen mit ibm einverstanden. Ich weiß überhaupt

“von keiner Differenz mit ihm in dieser Frage; wir sind voll-

kommen einig, wir hindern niemand, in der Provinz Posen polnisch zu reden, die polnische Volkssprache dort weiter zu sprechen; wir beschränken uns lediglich darauf, zu bewirken, daß die Kinder in der Schule deutsch lernen, was sie durchaus lernen müssen, da sie es für ihr künftiges Leben brauchen, und, meine Herren, damit werden wir auskommen sowohl nach der polnischen, wie nach der deutschen Seite hin. Wir erfüllen damit nichts weiter als unsere einfache Pflicht und Schuldigkeit. (Beifall.)

Fürst Radziwill bezieht sich auf einen angeblichen Ausspruch des Ministers des Innern, daß er nicht genug Beamte habe, um die Versammlungen der Polen zu überwachen, und daß deshalb Versamm- lungen aufgelöst worden seien.

Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten 1)1'.Bosse:

Ich beschränke mich darauf, zu konstatiren, daß die Aeußerung, die ich mir notiert hatte und von der ich angenommen hatte, daß Fürst Radziwill sie meinem Herrn Kollegen Freiherrn von der Recke von der Horst zugeschrieben hatte, dem Herrn Minister des Innern nieht zugeschrieben wird, und konstatiere damit, daß diese Aeußerung, die mich so befremdet hat, nicht gefalien ist. Das genügt mir voll- WmMM.

Ober-Bürgermeister Struckmann fordert die Polen auf, auch den Deutschen in den polnischen Landestbeilen ihr Recht zu tberl werden zu lassen, dann werde Friede eintreten, aber nicht eher.

Bei dem Kapitel „Elementarschulwesen“ bemerkt auf eine Anregung des Herrn von Wiedebach der

Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten ])]: Bosse:

Meine Herren! Wir haben bereits daran gedacht, daß solche Härten bei den Beiträgen zu den Pensionskassen eintreten könnten. Wir haben dssbalb einen kleinen und, wie ich glaube', entsprechenden Betrag reserviert, um im Falle, daß solche Härten eintreten sollten, damit zu helfen und ausgleichen zu können. Hoffenilich wird er aus- reichen, und ich glaube, daß wir damit den Wünschen des Herrn von Wiedebach entgegenkommen werden.

Ober-Bürgermeistcr Bender-Breslau bedauert die ZJÜUUJ des Kultus-Ministers in der Frage des Religionsunterricbts der rsfidenten- kinder und verlangt die cbtung der Rechte der Eltern.

Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten ])1'. Bos 1“ e:

Meine Herren! Ich kann unmöglich auf die Disfidentenkinder- Frage in ihrem Vollen Umfange näher eingebrn. Ich beschränke mich darauf, zu konstatieren, daß die Praxis der Unterrichtsverwa1tung sick) in vollkommenster Uebereinstimmung mit der konstanten Rechisprecbung des preußischen Kammergerichts befindet, welches in dieser Beziehung der höchste Gerichtshof in Preußen ist. So lange die Uebereinstimmung besteht, denke ich an diesem Zustande nichts zu ändern. (Bravo!)

Beim Kapitel „Kunst und Wissenschaft“ wünscht

Ober-Bürgermeister Struckmann eine wissenschaftliche Be- arbeitung des Hildesheimer Silberfundes.

Minister der geistlichen 2T. Angelsgenheiten ])r. Bosie:

Meine Herren! Ich kann Herrn Ober-Bürgermeister Struckmann beruhigen: Die wissenschaftliche Bearbeitung des Hildesheimer Silber- fundes und die Publikation desselben ist bereits vorbereitet und in Vollem Gange.

u den Psiitionen um Erhöhung der Pfarrer: g «? hci [ t e r bemerkt der * Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten ])1'. Box")" 9:

Ich möchte nur kurz bemerkkn: der Antrag der Kommission ist uns in jeder Weise willkommen. Die Staatsregierung steht der Frage mit größtem Wohlwollen gegenüber, und übsr die Frage, wie es gemacht werden soil, sind wir bezüglich der ewangeliscbe'n Landes- kirche der alten Provinzen mit dem Evangéliicben Obsr-Kircbenratb bereits in Verhandlungen eingetreten, und ich hdffs, daß sie zu einem alle Seiten befriedigenden Resultat führen werden.

Bei dem Kapitel „Médizinalwcsen“ sPkilÜT

Graf Udo zu Stolberg skine Befrikdigung aus über dcn zur Bekämpfung der Granulose ausgcworienen Fonds. Die Krankdrit "ci zu uns aus Rußland eingeschleppt; dkr Kampf gsgkm fis werd? daher auch fortgeseßt werden müssen, wenn fi? in dsn LsWkOIiUIW QUI- gerottet sei.

Der Etat des Kriegs:Ministcrium§ gicdt zu DebaUen keinen Anlaß. Damit ist die Einzeibcratlmng rrirdigr. Las EtangeseH wird mit der Indemnitätsklauch gcxxcixmigx.

Schluß naci) (; Uhr. Sonnabend 1:2 Udr: Kicixx-ch Vorlagen.

Herrenhaus. 20. Sißung vom “29. Mai 1897.

Zur Berathung Licht zunächst die Jtitcrvcilarion dos Grafen von chtst-Schmcrrsz _

Beabsichtigt die Königliche Staatsrsgicrzrxig Via:; z: treffen, um die vielfach bervorgcircirncn Mang? d:": d;“: V:"raxx lagung zur Einkommcnfteuer zu chritigen

Finanz-Minister ])1'. von Miquel:

Ick muß mir Vorbehalten, auf die Fragx z:: ;nrthcw . Staawregierung zu der Jnicrveslativn ',":cb äußxm wiii, n.:„k de:: Jr:- halt der Darlegungen des Herrn “Intr'rrriianrrx. Zn d:“ Jxrxrvsiia- tion steht nur von Mängcln; ck ist nich: dczriibnrr :vriM Mäxch. Ich kann mich daher isst nock; nicht zur SMK „ixrßcm

Graf von chijt-Sibmrnzin: “Ick badi" nicki dir NIRO? die Steuerreform adsaliig zu drurtdcilcn, 'ondrm rrrmch mir,_ dix: die bei der Veranlagung zur Eiriiommrnitxurr drrvortrctrndcn PTMZSL beseitigt wrrdrn. Diese“ Mänrrl_wrrdrn w Lkmiiéh von „1an Kirr- anerkannt, selbst ein Scnatsos rafidcnt dcs Ydrr-Vrrwaixunzsgsmkts hat das kürzlich in cincr_Broschürr§zu_gcgcbrn. *chugirck d:“rx Vor- veranscblagung, dcr Unicrjucbung, »Haxuni. Tircvr'wn d:“: !kskur'; berrsckot cine große Unsicherbcit nnd Zcrsa_ren *rit. T):»: forum:. daß die Erlediouna von Bcrufun en in der „Hand de'! Oudsircmdcawm licat. Bcionders schlimm it co„ _wcnn__dcr Braun? mid: um 3:11: nötbigcn Takt vorgeht und auf drei? Wear Unzuxr'rrdcndctt M52.

Finanz:Minister Dr", von Miquel:

Ich möchte. zuvördcrst bemerken, Wei! Herr Gra" :*wn Kiri?! berufen hat auf die' „Berliner Politische" Kom'dvndrm'. UZ": m:: doris! Artikel völlig unbekannt ist. Ich glaube. wir Nach:: »; rm: irgend einem Zeitungsartikel nieht zu bcsrtxiftigm.

Meine .Herren, daß unter denjenigen. WM :*im' „Gau! 4x einzelnen Bestimmungen über.. auch Beik'kkunsen (KW!» 9de-, wt1che am liebsten das ganze Gcsrs widdrr mnyü» MW is! wohl kein Zwrifrl: WJ ich » dm Hern: Gm?“ KUR “JK vornherein uiid: zugetraut dada“ und asi mbtrnxd: WDM» FWW

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