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Deutscher Reichstag.
183. Sivung vom 1. Mai 1900, 1 Uhr.
Auf der Tagesvrdnung stehen lediglich WahlprüfunJen.
Die Wahl des Aba. Grafen von anhofftFUsvkläx- üein (KöningergJischhauien, b. f. F.)__wrrd beanstandet und der Antrag der Wahlprüfurigskommrsywn, wklchsk auf An: stellung von Erhebungsn Über mehrere Protestbehaupiungcn gerichtet ist, ohne Debatte anqctiommen./_ „
Die Wahlen dcr Abgg. Börner (&ckwarzburg-«onders- ausen,nl.), Ernst (Czarnifau-Kolmax, fr.„Vgg.) un_d Kraemer Altenkirchen-Nruwied, 111.) werden fur gulng erklart.
Die Wahl d;“s Abg. von LOLb_L[[ (Westhaveuanb- Brandenbura, d. kons.) ist von der'Wal)lprufunggkommrsfidn mri 8 gegen 5 Stimmrn für ngüittg erachtet worden, weil nach den über dir Protsstbchaup ungen angestellten Erhrbungen yon ihr als erwiesen angcnqxnmcn worden _ist, d'czß dre Oeffcnkllch- keit der Wahl systemanich NUÖJL1ch1011M 111 und dazu rin amilicber Erlaß dxs Landratbs V011 Wcsthavelland, der gieich: zeitig der deutschkonscrdntive._Kandidai war und aus der Wahl als Sieger hervorgegangen Ut, am menten brrgctragcn hat.
Ab.]. von Brockbansen (d. koni) bkfürwortet einen Antrag der deutschkcnfervaiibewAbgg. Ur. Von Leoeßow urid Genossen, wonach im Jntersffe weitkrer Klaritellungcn eine Anzabl fernerer Erhebungen über die Wablbrrcchxignng der ausdewiesenen Personen vrranstaliet und die Beschlußßaffung über die Gültigkeit der Wabl ausgeseyt bleiben soll.
Aba. Auer (Soz.) wendrt iich gkgen diessn Antrag. Was fck- gesielit sei, gemi,» vollständig, Um die Auchisungen'axs unbrrecbiigt, die beirrffendxn Wablakte für ungültig und die obnebm_geringe Mehr- beit für 0?" eräblien für dkrartig krfchüitert zu erklarrn, daß das Haus zur Kassierung gezwungen sei. Mit Berufung _aus den land- rätblicben Erlaß seien die betreffenden wablberrcbttgrrn Pkrsonxn, welcbe der Wablbandlung beiwdbnen woüien, achrvteien und ihre Auéweispaviere für unzureicbend erfiärt worden,. MM babe zum Hohn den Betrcffenden anbeimgegsbrn, ibre VOl:xS_i[lch bkglixubigt'e Photo- gravbie Vorzulegen. Cs bundle fich u_m Els Wahlbezirke, in denen diese Auöweisungen unter solibrn Umixanden erfolgt seien.
Abg. [):-. Arendt (Rd.): Géwiß bat d_té Wabl sick) u'nter der breitesten Oeffkntlicbksit zu voüzicbsn, dl? gsikßiich grwabrleistetisi; kleinliche Maßnahmen, wie die bi-Zrbbrltkgknden, gehören sicb nicbt. Aber die vorgskommenen Ungxrkcbisertigte'n AUIweisun-gen sind doch nur vereinzelt, bon einer aÜgrmSinkn Wirkung des erwähnt;" Erlajies, Von einer jvftrmaiiich€n Auswrisnng kann keine'ere ssin; die be- treffenden elf Wablddrsirber babkn ren landratblichen Erlaß faljch verstanden. , „
Abg. Schwarze-Lippsiadt (38711!) ist der Ueberzsugunq, daß durch die Austisungsn die bcsirbrnden Voricbriften über die O:ffent- lichkeit drs Wablakis zröblicb b5r153t ?eisn i_ind damit die Noibwendig- keit der Kasfieruna dsr Wahlen in drn kli Bszirken gegeben, womit die ganz? Wahl biniäüig werde._
Dem Abg. don Brockbauy sn geaenükrr, der für sxinen Antrag noch geltend zu m::bSn yacht, dfiß dcr Begriff der Qkffsntlichkeit drn der Kommiifionsmrbrbkit dcrkannf worrcn sei, kmv'cdlen die
Abgg. Fisch€r-B€rlin und Auer (Soz.) abermals den Korn- missionsbrickpluß, da die Wablbrrxcbtiwng dsr Außgewirienrn festsiebv, und außerdem 0113 xablreicbxn srsiberrn Bricblüffcn der Kommixfion und des Piknums sicb li,;rbe, daß dis Vcrirßnng des Prinzirs dyr unbedingicn Oeffentiiihksit bci der Wahl ron erbéblicéem Einfiaffe auf die Brurtbrilung dsr GültiZk-Zit sri.
Auch Abg. Dr. Svabn (antr) rcrtriit die Auiiaffuns, d:.ß dir durch den Landrotbserlai; dcranlaßte u::„cxixtzlicbe Bricbränkuna dcr Oeffentlichkeit in ihren Kdnysquenzsn zur Kasmsrung führen müffe.
Die Wahl dcs Abg._ von Lorch wird darauf gegen die Stimmen dcr beiden konjcryatioenPartsién, der Refdrinpartei und der Naiionailibcralcn fur ungültig erkläri.
Ueber die K_cbaupiimaon der_Vrotsste gegen die Wahlen der Abgq. Graßmann (,Thorn-Kulm, nl.) und (Höß von Olcnbuirn (Göttingen, Zrnir.) wird ohne Debatte Beweis: erhcbung brschioffen. __
Tcnscibcn Aniragitciit dir Kommimidn _bczüaiick) dcr Wahl des Vlbg. Will iStoip-Lauenbrrrg, d.kon1.). Dcr cin- gegangrxie Proton ist ganz bcwnders umfangreich, Und die Kommimon hai irbrr mcyrcrc bnndert Purikte der unter Be- weis _qcsieUicn Bcdaudtungrn Erbchngcn beamragt.
__ _Dcr Abg. Wiil in in dsr Ztichwabl gcgrn _den der frei: ymnigcn Vers'miqung angrbörigrn Ritterguwbrjrßcr Wüsten; bergRrxin gcwäbit worden.
Adg, Gump (Nr.) bat ;ezxn dxn memiisibnsxntraq nichts ein- zuwenden, bemängsit aber, daß die Kowwisswn (nick) mxbrrre Protest- brbauvturrßrn drr „DM;:nziaxrxn aus Swix)“, die 171) als friyole
* Verdächtigungkn don Beamirn und Wablvorftänden cbarakterisierten,
zum Gegrnstande nur iniormitori'schr Vrrnkbmung der Brtrcffzrden zu mczäoen voricbln-gx, wo doch eine eikii-Tb-L Vernehmung angkzeigt sei, um nicbt dis Betcrnxnden don Oornbkrein mit dem Stigma der Un- glaubwurdigkeii zu fennzricbnsn, während die Denunzianten, LVSntUkÜ gan] iwstreibait-z Pckriönlichk€itémxrdlich Vckk-OMMLU wrrden solltea.
Abg.,l.)r. Pacbnick: (ir. Vgg.)4tritt für drn Kommiifions- bxscblug rin und fdricbt dis bkitimmie Oanunz aas, daß diese Wabl, die_xu dem umsan-greicdiien Wabldrdtéiik, dén derReik-bstag je gesehen, gefuhrt babe, arri Grimd drr an*;riitxiixndrn Erbsbungen werde kassiert werden. ,Die Wablbkrmfi-„tiiungen in dies-m allrrdings beiß umstiitteneu Wablkre_11e srien ix_iirrbör_t FSWLiM, dis WabikreisYdmstrie grenze ans Fabelhafte, uxid die kriniirsicbe Faliam dsr Wablzrtrkl babe wahre Tnumdbe geifith; die ;;ewalisamr Eritrrißung mißliebiger Stimm- zettel sei an der Tag2§ordnung gkwefen.
Abg. Ggmv bisibt bsi feinsn Nusiübrungen sieben und ke- anftandet, dax; der Vrrrédner dcm Ergrbniß dcr Erbebungen yorgreife.
Abg. Kopsch__(ir. Vdiksv.) bfiicbtst den Außiübrungen des Abg. F1chn1cke bsi und iuvrt writere Eimeibéitén der konservativen Wadi- eeinfluffung an. Ja ktésér GSJSUD tbur cin Vsrein zum Schuß: des geheimen WablreÖts bitter ndib.
Dcr VräfidrniGraf vdn Ballcitrcm ibrilt den Ein: ang einss S_Zhrctberw mri, wonach dcr Aba, Sachse-
aldenburg (Soz.) s€1n_ Mandat niederlegt. Die Prüfung der Wahl des Abi„ Sachxe 11251 auf der TageSordnung; die Kommission hatte ie Kamerimg bcaniragi.
Abg. Dr. Spahn tritt (215 Vorfisrncer dec Wahlprüfungs. kommdfion ebenfalls dem Abg. Gump entgegen, aÜerdings folie man nicht Wablvrotestbebauvtungen von dornberrin als zutreffend ansehen.
Aba. Gamp bezieht sich für seine Behandlung, daß der. artige Proteste in ganz frivoler Weise Entstehen könnten, auf die Zrotestbebauvtdng, die aas jéincm rigensn Wobrort Hebron-
;mniZ gekmnmeu sri, wo eine ungrrechie Ausweisung stati- gefuuden babe, di2_O€ffentli:bkchit 4 bis 5 Stunden lang außge- scblossxn gewesey iei und yon dem Wablvorfieber und anderen Wablvorüandémttgliedexn die liberalen Wahlzettel den Wählern ewaltsam aus der Hand geriffén worden sein sol1en. Lesteres ei pdsitiv unwabr, und es bundle sicb lediglich um eine frivole Ver- dacbngung don Beamten und Wabloorstandßmitgliedern. Redner weift auf die Vorgänge in Breslau hin, wo, wie er behauptet, eine Bestechung der _sozialdemokratisckoen Wahlmänner statt efuuden babe.
Nachdem die Abgg. 1)r. Pachnicke und Kopßch dem Abg. Samy nochmals entgegengetreten. legt der
Abg. Auer_ Legen rte von dem Abg. Gamv ausgesvrocbeue Be- hauptung der Kau licb'keit der Sozialdemokrajen als eine Verleumdung entjcbiedenst Protest em.
Vize-Präfideni Or. vyn erJe erklärt den Ausdruck „Ve:- Ienmdung“ für parlamentansib unzul ssia.
Abg. von Stand]; (d. kauf.): Daß in Breslau eine Waki- besiecbunq stattgefunden bai, ist vom Abg. de Witt im Abgeordneten- bause ausdrücklich erklärt worden. Die Behauptungen der Protesie haben sich in den mkiften Fällen als etlogep erwiesenZ das ergeben die Erfahrungen in der Wahlprüfungskommtssion unwiderleqlich. Mit der Behauptung, dax die Konservatiqen in Wablbeeinfluffuxigen auch nur entfernt an die xistungen beranretchien, welche man taglich bei den Liberalen beobachten kann. soÜte man doch das ngs versckwnen.
Abg. Singer (Soz.): Diese Bebqupiung des errn von Staudy muß doch nachgerade etwas komisch wrrken, wenn man bedenkt, mit welchen Mitteln der Wablbeeinfluffuna, unter Nußbarmacbung des ganzen Beamtenavvarats die Konservativen arbeiten. In Breslin: hat keine Wablbestschung stattgefunden; diese Behauptung ist eme nichiswürdige Verleumdung. Uebrigerzs „traut man niemandem etwas zu, was man nicht sklbst zu thun bereit ist.
Abg de Witt (antr.): Ick) bm zwar richtig zitiert worden; in meinen Wortsn hat aber der Vorwurf der direkten Wablbeftechung
i t Elk en. n ck ?kbg.g1)r. Pack) nicks: Angesichts der großen ZLbl _der kassierten Wahlen ist es wwbl überflüssig, erst noch einen Beweis_ anmtreten dafür, daß die Mebrzabl drr Protestbebauptungen aus Wahrheit bkrubt. " Abg. Gamp: Es hat mir durchaus fern gelegkzn, den Sozial- demrkraxen allgemein cinen moralischen Makel anzubesten.
Der Kommissionsantrag wird angenommen,
Die Wahlen der Abgg. von Kardorff (OeiS-Wartßn- berg, Rp.), Graf von BiSmarck-Boblen (Grim1nerr:Greiss: wald, d. kons.), von Bonin (Neu-Stettin, Rp.) und Stöckcr-Siegen (i). k. F.) werder für gültig erklärt.
Die Wahlen dsr Abgg. Baron de Schmid (Zaargcmüpd- Forbach, b. k. F.), ])1*.Hän el (Kicl-Neumünsier, fr. VW.), Fürst zu Jnnhausen und Knyphausen(EmdemNdrden, d.kon1.) werdcn branstandrt und die von der Kommisston beantragten BcwsiSerbebUngen beschlossen.
Die Wahl des Abg. Harriebausßn (Einbrck-Nordheim, 5. k. F.) hat die Wahlprüfnngskommisyion mit neun grgen zwci Stimmrn für ungültig erklärt, weil ein vom Kreis-Kriegcrvrrband Einbick erlaffencs, von dem Landratk) mituntrrzeichnetss Schreiben drinxiend zur Wahl des Ge- wählten aufgefordert hat und die Kommission hierin fast ein- stimmig eine mißbrärrchlichc Einwirkung auf die Wahl Lkblickt bat, wslchc ähnlich einer bchördlichcn Einwirkung zu repro- bicren ist. Alle Kriegervercink, in welchen die Bekanntgabe dicses Erlaffcs bczmgt isi, find in Betracht gezogen und die betreffenden Stimmen für ungültig erklärt worden, wodxirch es zweifelhaft wird, ob nicht ohne dicse Beeinfluffunq nail des Sozialdemokraten Fischer der naiionalliberale Kandidat m die Stichwahl gelangt wäre.
Aba. 1)r. Arendt b*kämpst die Kassictung. I)ie Rscbnung dsr Kommission sei eine wiUkürlicbe und babe kcinsn rxaikn Boden Unter den Füßrp. Eine direkte Wablbesirflnffuna fei („arnicbt nachgewiesen und auch nicht nachzuweisen; lediglich dis MögitÖksiteinkrsolcbrn aber könne: nicht genügsn, sondern es müsse eine tbatsächliche Beeinflussung nacbzewiesen werdxn, trie es aucb die freifinnige Partéi in dem vorher schon erwäbnten Bresiadrr Fall verlangt babe. Redner beantragt, die Wadi iür gültig zu erklären.
Abg. Bassermann (nl) spricht sicb kurz für die Kasfierung aus.
Dim Anfrage der Kommission entsprechend, wird die Wahl des Abg. Harriehausen für ungültig erklärt.
Ohne Debatte erklärt das „Haus die Wahlen der Abgg. Graf Magnis (Ncicbenbdch-Neurodc, ZCUlk.), ])1'. Hasi? ("Leivzia-Stadt, nl.) und Dietrich (Iiuppin-Templin, d. fans.) für gültig.
Die Wahl desAbg.1)r.Zwick (fr.Volksp.) Hat die Kom: mission beanstandet imd BCWLLÖCkÜLÖT-Mg darüber vorgeschlagen, ob in einem Wahlbezirk dir Wahl!);ndlung nicht durch den Vor- steher eröffnet worden ist. ])r.Zwich isi mit mir 47 Stimmen kebrbeit gewählt wordsn. Außcrdsm foil Über die Behand- lung Brwris erdobcn werden, daß 86 Hospitaiitsn mitgestimmi abcn.
h Abg. Fisckobrck (ir. Voiksd.) bält dkn rriisrrn Beschluß für sämlicb unbaitbai; dir Kdnskqarnz cinrr solchem Nruerung wäre unabsebbar. Der Vorstebxr brauchts now dxn Vorschriftén drs Wahl- gzsxch die Wabibardiung auch garnicht zu Stéfftxén; TS könnte ebénso gut sein Stsüerrtkr dixse Funktiori übrrnxbmen. Die übrixen gcrügten Mängel anÜZth nich7, di: :])ke'orbrit für drn Abg. Zwick zu ersébüttern.
Abg. Singer rlaidiett für den Koumiifibrsrdricblax, dcn kr nur in drm zulrkzt rrwäbrten Punkt bemängelt.
AUch dcr Abg. V1“. Spahn vertbeidigt den Kommissions- vorscbiag, der darauf angsndmmcn wird.
„., Schließlich wird mich die Bcanxiandugig dcr Wadi des Abg. Freiherrn von Stumm (Rp.) beschidmen.
Z(bluß 51/4 Uhr. Nächste Sißung Mittwoch 1 Uhr. (Erfic Bcraibung dcr Anträge MÜUer-Fuida und Bassermann, bctrrff-ond Abäridcrung des ReichsStempelgescses und des Zoll: tarifs [TeckUngsfragr]; zweite Lesung der UnfaUveriichcrungs- gefeßnoveiim.)
Preußischer Landtag. Haus der Abgeordneten.
64. Sißung vom 1. Mai 1900, 12 Uhr.
Auf der Tageßordnung steht die Bcratbung des Antrags der Abgg. von Eynern (ml.) und Genossen: die Königliche Staatxregierung zu ersucben, cinxn Geseßeniwurf
Vorzulkgxn, durcb welchen nach den Grundsäsrn drs Geseses vom 8. Juli1875 den Provinzialverdänden aus den Uéberfchüffen des Exatsjabres 1899/1900 ein Fonds von 50 Millionen Mark überwiksen werdy.
Dic Abag. von Dziembqwski und Freiherr von Zediiß und Neukirch (1r.k0127.)beantragen:
unter Ablebnung des Antrags von Eynern die Regierung auf-
zufordern, mit möglichiter Beschicunisung rinsn Eriksentwurf dor- zlegen, durch welchen uxter angxgirffsner A(ndeiung des Geießes Vom 8. Juli 1875 den durch die Summe ibrer Provinzial-, Kreis- und Gemeindefieuern vorzussweise bklasieten Lzmdeötbeilen obne :iiiinderung der den P.'ovinxkn zur Zeit zusiebrnden Dotatidns- beiträge ein nach dem Maßstab: ibrér Leisiungßfabißkeit und ihrer auf dxm Gsbieie der Verwaltung und der Meliorationen be- tbäti-Zten wirklichen Leifiungen zu bemeffender Außgleich für ibre w::cbienden AUSJIben geboren wird.
„Ueber den ersten Theil der Verhandlungen ist in der gestrigen Nummer 5. Bl. berichtet worden. Vize-Präfident des StaatxMinisteriums, Finanz-Minifter Dr. von Miquel: Meine Herren! Ich kann in fast allen Punkten, vielleicht mit AuSnabme des letzten Punktcs, den der Herr Vorredner, der Abg. Frißen erörtert hat, mein volles Einvnfiändniß mit den Grundsätzen und Auffaffungen, die er bier dargelegt bai, von vornherein zu erkennen geben. Der Herr Abg. Friven bat namentlich fefigefiellt, daß es falsch ist, wenn wir glauben - ich werde hierauf
Schulden, daß es nicht berechtigt ist, für das natürliche Steigen der Außgaben, die man einem SelbstverWaltungSorgan zur Verwaltung übergeben bat, dasselbe jedeömal entsprechend den gestiegenen Auggaben zu entschädigen: denn daß das die Aufhebung jeder Selbstvzrwaltung sein würde, auf Kosten eines Dritten zu ver- walten, obne selbst irgendwie die Rückwirkung der vermehrten Aus- gaben auf die eigenen Laiftungen zu fühlen, das ist so klar, das brauche ich in diesem hoben Hause nicht noch weiter zu entwickeln. Er hat gemeint, aus diesem Steigen, das den Kommunen und dem Staate genau so pasfirrt ist, wofür ja auch die Provinzen ihre guten Erfolge für ibre Provinzialeinwohner haben, könne an sich ein Anspruch, eine neue Re- vision eintreten zu laffen, nicht gefolgert wsrden; wohl aber, meinxe er, sei das der Fal], wo neue Griese neus Listen den Provinzen überwiesen hätten, und das sei in einigen erheblicbén Punkten der Fall. Ich werde hierauf zurückkommen. „
Ich komme nun zu der Motivierung des Antrags durch da: errn Abg. don Eynern. Soviel ich ibm bxbe folgen können - ich babe mich bemüht, genau zuzuhören - hat Herr von Eynern in diese Frage so viele andrre FTJJLU bineingezogen, daß wir zehn Tage debattieren müßten, wenn man gründlich auf ane einzelnen Andeuiungen und Hénwsrfungen von gewiffsn Grdankm ant- worten wollte. Ich werde mich darauf nicht einlaffeu; sondern mich nur mit dsn Fragen beschäftigen, die hier in Betracht kommen.
Der erste Vorwurf, den Herr von Eynern gegenäbrr unserem jryigcn Finanzzustmd erbebt, ist der, den er sckon oft erhoben bat, daß wir zu viel Steusrn einzögn. Meine Herren, er hat auf das Steuerverbältniß andersr Länder bin- gewiesen und daraus auch konkludieren wollxn, daß wir entseßlich mit Staatssteuern belastet wärsn. Msine Hzrren, der Exneral-Bericbt- erstaiier in dsr französiscbxn Kammér, Hzrr kaletan, wobl beute der erste Krnner Frankreichs und seinrr Finanzen, ebenso aber auch der Finanzen aer anderen Ländrr, sagt in seiner letzten EtatSrede, die von keiner Seite nacbbkr irgendwie im Parlament bemängelt worden ist, Folgendes: In Frankreich kommen bei 10 760 000 Haushaltungen auf di? einzelne-Hausbaltung 50 Fr. direkte und 250 Fr. indirekie Steuern. Die rirskte Steuer béiastet ailérdings nur etwa 6 bis 7 Miüionen jener Haushaltungen, die indirekten aber treffén die kleinsten Hauz- baltungen mit 120 bis 140 Fr. oder 10 bis 15, in AußnabmefäU-rn bis 25 0/3 des Arbeitsverdienstes. Wie drückend die Steuerlast in Frankreich sei, gebe daraus hervor, daß nacb zutreffenden Berechnungen in Frankreich 75, in England 62, in Ossierreicb und Holland 44,50, in Dänemark 34, in Belgien 31, in Drutscbland 30,50 Fr. pro Kopf der Bevölkerunz an gesammten Steuern - indirekten und direkten - zar Erhebung gelangen (Zuruf), indirekte und dirrkte!
Was nun die direkte Steuer betrifft - Herr von Eynern, daran bxiten Sie vielleicht nicht erinnern soiien, denn die beträgt in Preußen noch nicht mal 5 „ki pro Koyf, während sie selbst in Oefierreich 29 und 33 „46 bsträzt, und in Jtalixn noch viel mehr bezahlt wird; es giebt auch in Deutschland kzin Land. wo die Staatssteuer in ihrer Grsammtbeit so niedrig wäre, wie in Preußen. Ailerdings, es hat für andkre ein anderes Gesicht; bei uns zahlen die bochbemittélten Klaffrn verbältnißmäßig weit mehr als 5 „16 pro Kopf, aber die nicht be- mittelten Klaffen werden um so nirdriger herangezogen, und fast 25 Miüionen Preußen siad don direkten Steuern überhaupt frei.
Meine Herren, wir sebrn daraus Folgendes: während man in anderey Staaten, 3. B. in Rußland, klagt, daß der Staatsscbay mächiig wachse, die Bevölkerung aber durch die übermäßige Be- steuerung drraime, können wir das in Deutschland doch unmöglich sagen. Ich babe ancn ja gezeigt, daß das steuerbare Vermögen in zwri beren um 4& Miiiiarde gewachsen ist,_ während doch gleich- xsitig dis Lage einer großen stölkerungsklaffe, der Landwiribscbaft, Ciiie außerordrntlicb gexiäckte zur Zeit 1106) is?.
Also, meine Hrrren, daß wir durch eine übermäßig? Struck srixsns drs Staats die Bevölkerung obne Noth aussögen, davon käkm bxi uns nicht dis Rede sein, so sehr diejenigen, die nach ibrem Vermözen lcisiungsfäbig und ihrer Leistungßiäbigkeit entsprechend herangezogen sind, auch bier und da klagen. In der Rheinprovinz, m€ine Herrrn, ist auch nur xine ganz kleine Partei, die die jzßige Stenckreinrichtnng bei uns nicht billigt. Ich habe die reichsten Brute in drr Rheinprovinz gesprochen, die sagen: Das ist gegen früher ein wahrer Segen, diese gerechte Heranziehung zur Steuer; fi: !beilten nicht die Bedenken, die von dieser Seite und von anderen Organen vorgetragen werden.
Meine Herren, was nun die Höhe der Schuldentilgung betriät, so babe ich UUk unsere Skhuldentilgung rom Jahre 1880 ab zusammen- gesieiit _ das ist in so féin sebr schwer, als der Scluldbsftand sicb fortwährend ändert uud ais dabei von der Verechnang don zu- wacbsenden Zinsen bei der Schuldrntilgung nicht die Rede iti, sondern wir nur zusammenstéllen konntrn, welcbe Summe in einem befiimmten Jabre auf die jzweilig vorhandene Schuldenlaü zur Tilgung vek- wendrt ist, obne irgendwie das Zuwachsen bon Zinsen, wie es bei dem eigexxrn Schuldentilgungsfouds von selbst eintritt, m berück- sichtigen. Was stellt fich nun berauß? Wir haben ssi: 1880 (*in- schlixßlich der Testen guten Jahre auf den jeweiligen Schulden- bestand, drr sich bei uns ja permanent vermehrt bat troß dér Schuldertilgung, 0,85 % getilgt. Von den Kommunrn dcrlangen wir mindesteuö 1050 mit anwachsenden Zinsen, bei renibaien Unternehmungen, die fie machen, vielfach auch erbeblich böbere Tilgungßquoten und zwar nicht bloß bei den Kommunen, sondern ebenso bei den Kreisen und Provinzen. Trotzdem vermebren si!) in den Kommunen, durch die Gesammtentnickelung bedinßt, die Schulden aucb sebr erheblich, genau so wie bei dem Staat. Frankreich, meine Herten, bat jetzt etwa nrch 27 Miüiatdcn Schulden, es bat dazu disse kolosale Belastung, die ich vorhin b;;eicbnet babe, von der der Beriehtersiatter sagte: wir haben zwar in den leßten Jahren immer noch neue Steuer- erboben, urn k*in Dcfizitanikrmmen zulassen; wir babenseit 10Jabreu kein Defizit, wie es in Preußen noch vor wenigen Jahren geschehen, durch Anleihen getilgt, sondern immer durch die laufenden Mittel ; - trotzdem hat Frankreich doch noé) in den leßten 5 Jahren -- und es hat keine Eisenbahn, sondern aus den laufenden Mitteln der Bevölkerung - eine Milliarde Schulden getilgt. Englands gar nicht zu gedenken; da sieht es noch ganz anders. Wie kann man nun hier behaupten, daß unbedingt in Preußen Wandel nach der Richtung geschafft werden müßte, daß mehr an die Gegenwart und weniger an die Zukunft gedacht werde! Diese alten Kulturvölker denken in ganz anderer Weise
noch eingehender zurückkommen -, wir tilgteu in Preußen zu viel
an die Zukunfx Welch: koloffal sparsame Verwaltung Frankreich
seit den lehteu 10 Jahren geführt hat, kann man daraus ersehen, daß,!väbrend wir in Preußen die dauernden Aussaben des Staats, die eigentlichen Staatövemüfungöauögabm, um etwa 200 Millionen in der Zeit unter einem angeblich bxsonders svarsamen Minister vermehrt haben (Heiterkeit), die Franzosen in der Zeit kaum um 20 Millionen Franken diefe dauerndsn Aus,;abeu vermehrt haben. Mir würde diese Art von Sparsamkeit sogar viel zu weit geben. Die Franzosen haben mehr als 400000 Beamte, von denen fünf Sschstel unter 2000 Fr. und 140000 untrr 1000 Fr. obne Wohnungs- geldzuscbuß beziehen. Während dort die Budgetkommission immer den Knopf auf den Beutel bält, selbst gegen die Minister, ist es hier umgekehrt. Hier kenne ich das nicht mehr (Heiterkeit), daß man den Minister unieriiüßt, wenn er den Knopf auf dcn. Beutel drückt.
Ich glaube also, meine Herren, wean der Antrag des Hsrrn von Eynern mit diesen fraglichen, bier berührten GasiÖtspunkten, auf bis ich nicht weiter eingrben wiil, motiviert wird, so ist er ganz Verfeblt; ich kann aber in feinen Grundgedznkxn allerdings sine andrre und richtigere Motivierung finden. Meine erren, bki unseren Schulden *- das will ich noch nachtragLn - muß man doch auch berücksichtigen, daß Preußen zu 3/5 für die Reichs- scbulden haftet, und daß bei diesen irgend eine festgeordnete Tilgung 1a übsrbaupt noch nicht Vorhanden ift. Daß erst in drn lasten Jahren _ wie ich donommen anerkenne, durch das Verdienst des Zentrums - der Beginn einer ordentlicben Schuldentilgung im Reiche begonnen hat, muß man doch auch in Betrachtzieben; und nicht minder, daß zwar unsereSchulden regslmäßig nur gemacht wsrden für rentableAnlagen, und daß nameNtiich für den Eisenbahnbau diése Schulden kontrahiert iind, daß aber die Ueberschüsse aus diesen rentablen Unternehmungen, besonders aus der Eisenbahnverwaitung, schon längst von uns in dauxrnde Außßaben Verwandelt worden find. Wenn netto die Eisenbahnen 75 Millionen aufbringen, so haben wir diese bsreits festgelegt in dauernden anderweitigen Staatöauögaben. Würden diese Ueberfcbüffe uns fehlen, so würden wir einfach auf die Steuern greifen müffen. Während in Frankreich 9/10 fast aller Außgaben gedeckt werden durch die Steurrn, Mrdsn umgekrbrt i;: Prrußkn die Au?- gabcn überwiegknd gedrckt durch das eigene Vermögen des Staates. Aber diese Einnahmen Von den Eisenbahnen haben auch ibr Risiko. Ich brauche dies nicht näher auszufübren. Nach welchen Richtungen die koloffalen Schwankungen gxben, feben wir ja fortwäbrénd vor uns. Also wir wiffen nicbt, wie in Zukunft das Vkrbältniß der Einnabmsn und AUSJaben bei dsn Eisen- babnen sich dauernd gestalten wird. Es lirgt in dissem Besiß ja ein größeres Risiko, als Wenn das eine feste Schuld wäre, die Von dxn waegungen des Marktes nicht abhängig wäre.
Ich babe immer betont: unsrre Finanzlage ist eine günstige, und kein Staat der Welt kann sagen, daß er eine günstigere hätte; aber die lebende Menschbeit, die nun disse günstige Finanzlag: genie i, di? sicb erlauben kann, 200 MiUionxn daurrnde AuSgaben in 10 abren mehr auf den Staat zu bringen, die nacb allen Richtungen dis Auf- gaben der Landesverjbeidigung zu Waffer und zu Lande in VOÜLU! Maße zu leisten im stande ist, die nicht nötbig bat, durch den Druck und Drang der Zeit alles auf die Zukunft zu werfen, sondern die Fähigkeit, aus eigenen Mitteln im wesentlichen unter nicht zu starker Belastung der Zukunft diese Auögaben nach allen Richtungen bin zu leiften, - die muß aUch die Verpflichtung in sich iüblcn, für ihre eigenen Kinder und *.*-i.;chkommzn Linen äbnlirbsn Zustand zu hinterlassen, wie wir ibn überkommen baben , über- kommen haben wcsentiicb diirch die ausgkzeicbnete Finanzwirtbscbaft der zwanziger Jabrr, die auch während der ganzen Zzit drs Abso- lutismus in der sirengiixn Wrise durchgefäbrr ist.
Meine Herren, ich will nicht Writer auf die Sache Eingeben; darüber könnie man noch viel reden. Aber da ich viclieicbt sonst keine Gelrgenbeit bakvk, übxr diese für die ZUkak und für das Ver- halten des Landtags ZU den Finanzen höchst wichtig? Frage birr noch zu sprechen, so babe ich geglaubi, mrine Meinung wenigstens kurz außdrücken zu sollen.
Mein: Hzrren, was nun die Prooinzrn bxtrifft, so werden Sie fich erinnern, daß in: Jabre 1875 13 440 000 „ckck, zur Hälfte nach dem Maßstabe der Zivilbevölkerung, zur anderrn nach dem Maßstab? dss Flächeninhalts, an die Provinzen überwiesen wurden. In dieser Dotation Wurde mitderwandt ein bis dahin vom Handrlé-Minifter verwandter Fonds von 6 Millionen für Wégebauten.
Dazu kam zweitrns die Dotation für Uebsrnabm: der Verwaltung und Unterhaltung der bisherigrn Staats - Cbauffern, die in die Ver- waltung der Provinzen übergingen. Dafür wurden 19 Millionen überwiesen; davvn 15 Millionen nach Maßgabe der bisherigen durcb- scbnitilichen Cbauffee-Unterhaltungskostrn in drn einzelnen Prodinzc'n, 4 MiUionen nacb Laud und Leuten. Meine Hrrren, die- jenigen von Ihnen _ und das wird ja wohl im Hause eine größere Anzakl fein --, die damals diese Geseygkbung mit- gemacht haben, werden sich erinnern - und ich babe das mebrfach ausgesprochen -, daß wir alls damals schon das Gefühl batten: durch diese Art Dotation kommen die ärmeren und weniger leistungsfähigen Provinzen schlecht weg. Wir konnten aber damals keinen anderen Maßstab ßnden, und man konnte denjenigen Provinzen, deren stark außgebildetes Ney von Staatscbauffeen bisbrr vom Staate unterhalten war, nicht zumuiben, obne Entgelt diefe Unterhaltung zu übernebmrn; man sagte sich: wenn wir Hannover, wenn wir der Rheinprovinz u. s. w. 1282 die Unterhaltung übertragen, die wir bisher aus der Staatskasse geleistet baben, so müffen wir natürlich den Provinzen die dazu erforderlichen Mittel geben. Das war also der Maßstab, der ganz naturgemäß gegeben war. Aber er führte dazu, daß die- jenigen Provinzen, welche bis dahin noch wenig Staats- chauffeeu hatten, zwar eine geringere Unterhaltungslast be- kamen, aber doch auch eine viel geringere Gesammtsumme, und daß die Provinzen, welche das größte Interesse hatten, ihre Land- straßen noch Weiter zu vermehren, offenbar bei diesem Modus zu kurz kamen. Das War uns am!) damals garnicht zweifelhaft, wir konnten aber einen anderen Modus nicht finden, und wir sind daher damals zu dieser Gesevgebung gekommen.
Die bat sicb diese nun in der Praxis in Be- zug auf die Belastung der Provinzen bewährt? Oft- vreußen hatte für 1898/99 einen Zuschlag zu den Staats- ftenern von 15,53 %, Weftpreußen von 18,1%, die Stadt Berlin hat gar keinen besonderen Zuschlag, denn sie bezahlt diese Provinzial- koften aus ihren Kommunalsteuern, die gegenüber anderen Städten bekanntlich recht niedrig sind. Brandenburg hat 10 %, Pommern 9,57%, Pssm 90,39%. STAMM 11,28% Sachsen 8-35 '/o-
Schl-swig-Holftein 9,87 '/.. Hanrieder 10,50 M;, Westfalen 7,8 o/g, Heffen-Naffau zusammen 3,50 9/9, die Rheinprovinz 5,51%, Hohen- xoUern kommt nicht in Betracht.
Wenn wir nun den Antrag von Eynern annehmen, was bat das für eine Folge? Für die Provinz Ostpreußen, die jest eine Ge- sammtausgabe von 1238000 «“ bat, würde sich diese bei Zzo/z Verzinsung des zu überweisenden Kapitals um 147 030 „ji, also nicht nennenßwertb reduzieren. In der Provinz szipreußen, die - ich gebe nur runde Zahlen an - eine GcfammtaUSZabe von 1140 000,46 hat, würde sich diese um 105000 „“ vermindern. Berlin würde seine Auögaben um 46 000 „ja vermindern, Brandenburg hat eine AuSgabe von “ 2350 000 «, diese wiirde sich um 177000 „ki vermindern u. s. w. -, ich will das nicht näher ausführen. Die größte Provinz -- Schlesien - würde bei einer Gesammtumlage von etwa 2750 000 „ja nur um 220 000 “€ entlastet werden. Das sind Prozentsäße von 1,86, 1,67, 0,76, 1,14 u. s. w. Man sieht also, mit diesem Antrag, der obne Rüéksicbt au? instrtnzsfäbigkeit und Bedarf aUen Provinzen nacb Maßgabedes aiigemeinen, damals angenommrnen Maßstabes von Land und Lruten das Geld zutbeilt, wird eine R-Zibe von Provinzen, deren Bedürfnis; nach Hilfe durch die einfachen Zablen, di? ich mitgetheilt babe, widerlegt wird, genau so dotier! wie diejknigen Provinzen, die offenbar durch die Provinzialausgabrn schwer bSlästst sind, und zwar um so mehr belas-tet, als gleichzkitig in dissen Provinzen auch die Kreikabgaben am böchf1811 sind, - darauf will ich gegenwärtig aber nicht weiter eingeben.
Was würde der Erfolg sein? Herr von Cynern sagt jeßt: wir haben cinen Ueberschuß von 100 Millionén ; das ist aber nicht richtig; nach mriner Schäßung. die sich im Gavzen als zuirrffend erwiesen bat, wird er ungefähr zwisch2n 85 und 90 Miklionen betragen; «38 gkben in diesem Jahre daVon aber ab 30 Millionen für die Eisenbabnrn, und es bleiben sonacb ungefähr 50 Miklionen. Kommt nun im laufrnden Jahre wieder ein Ueberschuss, so würde er sagen: bier ift wiedkr ein Ueberschuß; das, was wir im vorigsn Jahre gethan baden, hat nicht genügt, folglich nrbmen wir dxn kommenden Uebsrfcbuß und aile kommenden Ueber- schüffe, sei 25 für diesen Zweck, sei es für andere Zwecks. Alsdann würde das Gesrß, welches wir, wie ich heute noch mit Dank anerkenne, mit dem größten Eifer unterftüyt von den Finanzmännern und den Kennern des Budgets in der nationalliberalen Pariki, graiacbt babrn, sebr bald wieder Verschwunden sein.
Ich habe gewiß gesagt: eine Schuldéntilgung Von 3,3% obne zuwacbiende Zinsm isi grnügend, aber doch nur unter der Voraussetzung, daß wir die Ueberichüffe auch zur Schuldentilgung ver- wendrn. Wenn wir diese zu anderen Zwecken verweuden, so ift eine solche Tilgung gegen das, was alle anderen Kulturländer leistcn, Rußland an der Spiize - der Herr Vorrrdncr hat uns ja das des Näberen dargclkgt ** koch unzweifelhaft fü: eine sixtig wachfende Schuld - Frankreich macht keine neuen Sckmlden; wir machrn aber jedrs Jahr neue - viel zu niedrig, und wir würden wieder reduziert werden auf dkn grringcn Betrag, den wir mit 3)- als obligatorisch eingestellt baden, und die ganze übrige Tilgung aus dcn Ueberscbüffen würde Verschwuriden sein.
Sagen Sie |ck mal se!bst, meine Herren: Wenn ich mit einem Ueberschuß etatifiere, der nich! aus der Rechnung fließt, wie viel Be- dürfniffe im Lande sind vorhanden, die si:b berandrängen! Von allen Seiten wird die Hand ausgestreckt, und Sie werden sich der Sache nicht entziehen können.
Darin liegt gkrade der Werth der obligatorischen Tilgung, daß man nicht wiUkürlich nach den jsivriligen, dkränderlicben Wünschen eim'r Majrriiät zu andkren Zwrckrn die diéponiblen Rkitiel verwxndei als chn znr Schuldentilgung. Hier ist der erste Anfar-g gemacht, unter einer sebr milden Form, wie man es bei Hsrrn vrn Eynern g:“wöbnt isi(Heiterkei1), dicse Sckuldentilgung wieder zu beseitigen, und ich glaube, er würde es auch kaum leagncn, wenn man ibn vridatim aufs Gewissen fragkn würde. (Heiterkeit.)
Nun, meine Hérrrn, ich bin fest überzrugt, daß Sie darauf nicht eingsben werdrn; aber ich kann Ihnen auch mittdeilen, daß, wenn das Haus andsrs bkscbließen soüte, dem Antrag don Eynern cntsprrcbrnd, unter dem erstrn Beginn der Bkseitigung des Schulden- tilgun-zßgeseses aus den Vorbandsneri Urberschüssrn disse Summe zu entnehmen, das Staats-Ministerium sich außer stande: schu würde, cinrm solchen Beschluss brizutreten. Das Staats-Ministcrium steht auf dem Standpunkt, daß es skine Pflicht ist, das Schuid=utilgung§- gcscß streng und obne Außnabmr durchzuführen.
Und, msine Herren, betrachten Sie weitcr: svilen denn solche Audgaben durcb extraordinaire Hingabe von Gsldiäßrn, von erspartrm Vermögen, was ebrnfo gut ist, wie keine Schuldentilgung zu marbrn - und wer Schulden tilst, verbeffert bekanntlich skin Vermögen - odrr sollen sie aus den laufenden Mitisln des Staats wie die beutigcn Dotationen bezahlt Werden? Dies ist doch das einzig Rick;- tige. Der Herr Vorredner hat schon hierauf bingewiesrn und bot mit chbt gesagt: alle diese Außgaben müffen in alien Kommunen, in allen Verbänden nicbt durcb Anleihen, sondern durch die laufend auf- kommenden Mittel der Kommunalbexwaltung grdeckt werden, und so müffen wir auch verfahren.
Nun, meine Herren, komme ich auf das Positivr. Ich glaube, daß der Staat wohl für absehbare Zeit in der Lage ist, die Pro- vinzialdotationen nacb Mäßgabe drs Antrages, wie er im Herren- bausc angenommen isi, womit fich auch der Herr Abg. Frisen ein- verstanden erklärt bat und im wesentlicbkn aucb - nur mit liner eiwas anderen Faffung, wenn ich es recht Verstanden habe, der Antrag Zedlitz - einigermaßen zu erhöhen nach dcn Gesichtspunktrn, die in all diesen Anträgen bezeichnest find. Daß das eine sebr schwere Aufgabe sein wird, babe ich im Herrenbause schon ausführlich dargelegt, und das werden Sie selbst fühlen; denn es läuft doch mehr oder wenigerbinaus auf eineversiärkte Subdention für einen Theil der Provinzen. Berlin xu subventionieren, Heffen-Naffau ou subventionieren, die Rheinprovinz mit 50/0 1.23. zu subventionieren, dafür kann ich kein dringendes Bedürfnis; anerkennen. Es ist sogar für die Provinzialverwaltung ganz nüßlich, wenn sie weiß: wenn wir zu opulent verwalten, steigen unsere Audgaben auch zu unseren Lasten; aber ich erkenne an, bei anderen Provinzen ist das Bedürfniß viel stärker,
Nun wird es ja von dem durchgreifenden Staathefübl -- darf ich fast sagen -, das die beiden Häuser des Landtages beherrschen wird, abhängen , ob man eine solche verschiedene , aber ge- rechte, den Staawaufgaben entsprechende Behandlung erreichen
kann. Ick hoffe, daß es gelingen wird. Es sind dam sebr
Thatsachen Vorausseßunq. Wir haben j-ßt schon »- der Herr Mi-"fter des Innern mid ich - kommiffarische Beraibungen ein- seleitet, und da wird die erste Frage sein: wie ist die Gesammt. belastung der Provinzen durcb Staats-, Provinzialq Kreissteuern u. s. w.? Wofür sind diese Au5gaben hauptsächlich bestimmt? Wo. durcb ist die starke Steigerung in den Provinzexi entstanden? Welches iind die Gründe? Ist die Provinz vielleicht *zu lrichtfertig in den Aukgaben gewesen, oder sind die Bsdürfniffe so dringrnd, daß six sie hat befriedigen müssen durch Steigerung der Einnahmen? Endlich wird man sich auch klar machkn müffsn, welcbe Bedürfnisse steigender Natur, und welche Aufgaben der Provinz sind noch zu brfriedigxn, wofür die Krait der Provinz allein nicht auSreicht7
Wenn ich mir j. B. dergegenwärtige, daß in der Beziehung schon einig? Landes-Direkwken, namentlich der Landes-Direkwr von Pdskn, sebr wertbvoiles Material Zeliefert haben und auch der Meinung sind, daß dsr Antrag Von Eynern ihnen nicht brlfen werde, dxnn wsrde ich die Frage erörtern: was ist nach dem gegenwärtigen und praktisch an- zusirebsnden Kulinrzysiand in dieser Hinsicht an Aukgabsn für Cbauffce- Neubauten erforderlich? Alle diese Fragen müskn notbwendig erörtsrt Werden, und dann wird man vielleicht auch dahin kOMkUkU, BIS [20172 Haus zu überzeugen, dc-ß die Vorschläge, die wir machen, nicht nach einem dunklen Grfübl, aus der Luft gegriffxn sind, sondern klaren Boden babrn imd feste Thatsachen. ID glaubs, das wird noibwzrdig sein, damit wir im Hause uns 11er eins iolche GIscßgsbung verständigsn.
Die Staatsregierung iii gewillt, nach Maßgabe der ihr zu (Debbie stabenden Mittel und drs Bedarfes in dicssr Beziehung zu ykrfabren. J:!) möchte um so msbr biiirn, da Sie wabricbeinlich nicht im stande sind, detailliérte Vorscksläge zu macbxn, dixss Sache noch in dixser Session zur Erledigung zu bringsn, damit die Staatöregierung die übereiustimmrndS Meinung beidxr Häuier drs Landtages zur Seite bat. Ick babe um so mebr Vrrtraaxn, da?; wir birrbei zum Zirl? kommrn, als ich namentlich von Vcrtrctrrn der wxs-tlicbrn Provinzen “ und ich bin überzeugt, Herr von Eynrrn wird selbst dazu grbören _- erfabren habe, daß fie vollständig diescr: Standpunkt billigrn und be'reit wären, den stärkeren Brdürfniffsn sntgegcankommrn.
Ich kann Ihnen also nur emvfsblen, wan Sie nach dieser Erklärung überhaupt eine Resolution für nötbig baitrn, das zu thun, etwa in dem Sinne des Antrags des Freiherrn von Zedliß. Ich baite ursrrünglicb gedacht, daß es „am einfachsten wäre, das bobe Haus bäiie fich den im Herrxnbaus-x angen:*mmcnen Anträgsn einfach angeschloffen. Wollen Sie aber eine andcre Formulierung, io hat das kein Bedenken. DM Antrag won Cynern bitte ich schon cht durcb Plenarbeicbluß ablehnen zu onen.
Abg. Dr. Wolff-(Horki (kons): AU:!) wir halten diese An- gklrgrnbeit für sehr wichtig und wünschen eine Beraibung der An- träge in der Kommijfion,_ damit wir das Material über die Be- lastung drr Provinzen prükcn können. Wir würden aber keineswegs dafür zu haben sein, daß den west1ichrn Provinzen von ihrer Dotation etwas gsnommen wird. Wsnn uns in der Kommission das Material Vorgelegt ift. rvrrden wir bbffentlié) aemeinsam Wege finden, in béfferer Weise als bisber die Provinzial-Dotation zu regeln.
Abg. Stengel (fr. koni.): Es wird ja Kommissionsbkratbung beichloffrn erden, ich empirble daber nur kurz den Antrag méiner Fraktion. Ist die Firianzirage wirklich so günstiJ, daß man auf die Schuldeniiigung derziwtkn und den Ukberscbuß nach dem Antrags von Eynrrn verwxndrg kann“.) Drr günstig? Zustand dsr Finanzenift durch die Ukbkrscbümk der Betrichvxrwalmngen, namentlich der Eisenbahnverwaliung, berbcigefübrt worden, rrir ÖÜÖM aber mit wellenariigen Bewegunacn zu rxcbnen, dürfsn nicbt vergeffsn, daß wir noch Vor wenigen Jahren mit Dkfizitz zu kämpfen battrn, und Nüssen uns darauf gefaßt macbkn, daß solche Zuständr wisdrrkrbrkn könnkn. In der Eisrnbabnderwaltung trrffen wir jest diele Einrichtungen, wie Babnbofébauten U., die eige.-*.!lich fch0n irübsr hätten gemacht werden müssen. Wrnn mZn sich die gcsammtr Finanzlage klar machen wiki, muß man die Schuldcnlast der einzelnen Jahre mit einander Vrrgicickoen. Am 31. Mär; 1892 baitrn wir 6057953000 „Fi SOulden und am 31. März 1899 6600176000 ck Sc'oulden, unsere Schuidxn sind also noch gewachsen. Dru neuen Anleibsn sicben ailerdings große Beschaffungen der Eisen- babndxrwaltung gegenüber, (1er nicht immsr ist das Kapital des Staates wrrbcnd angelegt. Ick) möchte z. B. denjenigen im Hause sehen, der in dem Dortmund-Ems-Kanal, für den wir 80 Millionen ausgeaebm baden, einen wcrtbboilcn Bcfis des Staatss fiebt. Herr don Evncrn will drn Uebrtscbuß ken Prodinzrn zmvenden. Bei der Etatsberaibung hat uns aber H:"rr Sattler Line große Liste von ncurn Aufgaben borgktragen, die der Staat er- füUen soll. Wober soll man aber das Geld dazu nehmen, wenn man es den Provinzrn überiäßt? D::u babcn die Herren noch große Pläne in Bézixg (Ulf kik Verkehrsverbält- piffe. WEnn den Provinzen in einem Jabre 50 ').iiiÜionen überwiesen werden, kann werden sie im nächstxn Jahre wiyderkommen. Bei dem Geseß von 1875 sind tbatsäcblicb einige Provinzxn rccht schlrcbt weg- gekdmmen, die damalige Veitbcikung nach der Wrgebaulaft ist nicht richtig gewesen; die Provinzen, die wenig Cbauffeen battrn, kamen dabei zu kurz. Die roviriz Poien bskommt nur 401000 «kö, Pannober dagegen 1,8 kiüibncn, Wefiialcn17 Miiiionen. Unser Antrag verfolgt eine czndere Ricbinng, als der dss Herrn von Evncra, und ich hoffe, daß unysr Antrag zur Annabme gelangen wird.
Aba. Ehlers (fr. VW.): Ick Hoffe auch, daß wir uns in der Kommission verständigén können. Für den Antrag don Cyiieru können wir nicht rintretkn. Am drückendsicn ist die Steuerlast in den Kommunen, und außerdem ifi fie in den einzelnen Landestbeilen sehr verschieden. Daher würde das Urbel durch die Vcrtbeilung nach dem Antrag: don Eymm nicht behoben werden. Der Antrag der Freikoniervaiivex', der in bcssrrer „Waise den Beschluß des Hsrrknbauses wiedergiebt, zeigt den richTigen Weg und enthält einen ibeoretiicb richtigen Maßstab. I? boffe aber, daß aus der Kommission nicht das negative Erßebni herauskommt, daß man sagt: ein vollkommen richtiger Maßfta läßt sicb nicht findrn, und solange der nicht gefunden ist, können wir keine weiteren Staat-mittel den Provinzen übrrweisen. Ich würde ein solches Ergebniß außerordentlich brdauern. Die kommunalen Ver- bände, namenjlicb in den östliwxn Prodinzen,_ sind mit ihrer nan- zieilen Leistungxfäbigkeit am Ende. Es _ware ein Ziel, inug zu wünschen, wenn man den Kommunalderbanden zu Hilfe kommen könnte; aber es wird schwierig scin, einen richtigen VertbeilungStnaß- stab zu finden.
Abg. Dr. Freiberr von der Gols (kons.): Das statistii Maierial zeigt eine dauernde Steigerung der Provinziallasten. D : Schulden der Provinzen im Osten find pro Kopf von einem Minimum bis zu 11,3 ck gestiegen. In manchen Theilen der westlichen Pto- vinjen giebt es dagegen gar keine KreiSabgaben. Neben den großen Wegebaulasten hat der Staat den Provinzen neue Aufgaben auf dem Gebiet des Schulwesens, der Jrrenanstalten, des Hebeammenwesendw zugewiesen. Die Provinzen sollen alte Unierlaffungssündeu des Staats wieder gut machen. In der schweren Belastung der Kreise und Kommunen liegt auch ein Grund der Landflucht der ländlichen Arbeiter. Kann man es den Leuten verdanken, daß sie dahin ziehen, wo sie mäßiLe Abgaben und alle Genüsse des Lebens haben? Die Kommunallasea steigen fortwährend durch die Maßnahmen der
Staatsverwaltung, :. B. durch Meliorationen, landwirtbschaftliche
viele Ermittelungeu, Klarfiellungen vieler uns völlig unbekauiiter'
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