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nnen eben bat. In Berlin ifi voriges Jahr kon- MMdkwkom, Mü eine dier wohnende vndescboltene Frau abrelang den Zum der miter polizei! Sittenxoutryle stehenden ens- ouen gefüdt'tiwörd'tn „kik.- U W ck ihrer Keantn kam, Mk- chu1djgte sub die Polizeibehörde damit, ide abe ck in dem Nationale der Frau geirrt. Das Hanse "rische OberlandeSgeriLt hat merkwürdiger Weise den Grundsah aufgestellt. daß die Befugn , eine Frau 'unter fitteapolizeilicbe Konirole zu stellen, zu den Macht- befugniffen der Polizei eFeindt, soda dak Gericht die Berechtigung der olizeilichen Maßreq n nicht a zuprüfen hat. Dieser Vorgang bat kn den deutschen Frauenkreisen die höchste Aufregung und Er- bitteruna hervorgerufen. Also, wenn die olizei mit Unrecht von einer an sebon- so mißlicben B gniZk Gebraurb macht, Jedi es kein Mittel„ das beleidigte 1 wieder zur eltuna zu bringen. Diese skandalösen_ Vorf lle haben die anze deutsche Preffe aller Zarteien beschaftigt. Wäre dies im usland vorgekommen so w re alles einig in der Verurtbeilung derselben; das enalifche Parlament halte sich beeilt, solchen Ausbrüchm einen Riegel voraus ieben. Vor drei Jabriebnteu hat sich Aebnlicbes in England abge pielt, urid prompt ift Abhilfe ge- schaffen worden. Wie die GYeYebung jkßt liegt, sind die Frauen rechtlos; diesem unwürdigen u and muß endlich ein Ende gemacht werden. Wir onen deshalb auch das Recht der Polizei be- seitigen, auf bloßen Verdacht bin eine Frau der körper- lichen Untersuchung zu unterwerfen. Liegt tdatsächlich gemerbs- mäßige Unzucht vor, so sollen nach wie vor die nötbigrn polizeilichen Vorkehrungen getroffen werden können, welche im sant- tären Jniereffe der_Ailgemeinbeit liegen; aber die Untersuchung darf nicht von einem mannlichen Arzt aUSgeiübrt werden. Das Recht der rau auf Untersuchung durch einen weiblichen Arzt ist schon mit Rück- cht auf das Schamgefühl unbe eitbar; daß weibliche Aerzte der Aufgabe ebensowohl wie männli gerecht zu werden vermögen, steht fest, ist selbst don Polizeibehörden anerkannt. Mit unserem Antragr, das Verbot der polizeilichen Kasernierung auszusprechen, rollen wir diese bei § 1815 bereits erörterte Frage wieder auf. Bei der Ver- handlung über diesen Paragraphen war es der Hainburgifebe Be- vollmächtigte Burghard, der die intereffante Entbuiluug machte, Bordeüe im poiizeitechnischen Sinne gebe es in Hamburg nicht. Jeder Hambuan weiß, was er von dieser Ablengnung zu balken bat. uch in einer großen Anzahl mittei- und süd- deuts Städte giebt es eine Anzahl Bordeae. Beim Arbeit- Leber- arazrapben war es Herr Dr. „Oertel, der sich fur die esondere Reinheit der ländlichen Bezirkßins Zsug warf; er lud mich direkt zu einer Reise nach Freiberg „cm; „nach Hani- burg aber wollte er mit mir nicht geben. Mit theilt, nun ein Ingenieur, der Freiberg ganz genau kennt, mit, daß 'in Freiberg mit seinen 15 000 Einwohnern nicht weniger als vier Wrrtbschaften sind, welche als Bordelle angesehen werden müffen. HerrOsrtel hätte also nicht mit Steinen werfen sollen, wenn ruan selbst in einem Glasbauie sißt. Ick hoffe, das; Ihnen meine Angaben genügendes Material für unsere Anträge zu § 361,6 geliefert haben.
Der ulth genannte EventualaniraZHeine wird zurück- gezogen. in Antra g des Abg. S in_ger (Ooz.) ist mit gehöriger Unterftüßung auf namentliche Abstimmung über drn Antrag Albrecht und die dazu gestellten Eventualanträge gerichtet.
Das Wort erhält der Abg. Stadtbagxn (Soz.), der unter wachsender Unruhe des Hauses die Tribüne beiieigt. Da die Unruhe den Ab eordneten veranlaßt, mit dem Beginn seiner Ausführungen zurückzu alten, ersucht der Präsident Graf von Ballefirem das Haus um Rude; je zahlreicher die Versammlung fei, desto eher könne sonst ein Ton in die Verhandlungen kommen. der nicht wüuscbenßwertb sei. Abg. Stadthagen: Die rinzige Berechtigung, welche sich für olizeiauificht überhaupt ausfindig machen läßt, liegt in den sanitären "cksick-ten. In diesem Punkte woilrn wir Zl: auch das Erforderliche vorgekel'ort wiffen. Die Nr. 6 des § 361 ste t schon nach ihrer Ent- stehungßgescbichte eine Anomalie dar. Die Polizei kann nicht den Beruf baden, die Sitten des Volkes zu regulieren; aber wir finden eine solche Auffassung selbst in gerichtlichen Erkenntnissen als Unterlage für die Eckenntnißgründe wieder. Die Kasernierung wird andererseits infolge der betrrffenden schriftlichen Verfügungen des Chefs der Poiixribebörde Von den davon Betroffenen als eine Art Kdnzession betrachtet. Der Polizei-Präsident in Berlin z. B. ist ja anz und gar nicht im stande, die vielen Tausende von Frauen und
ädchen, welcbe alljährlich der Sittenpolizei zugeführt werden, per- sönlich zu vernehmen und seine Entscbridung danach zu treffen; diese Frauen und Mädchen find also von vornherein der Wilikür unter- geordneter Polizeiorgane überantwortet. Sind doch sogar Fälle vor- ekommen, wo Mädchen untrr Polizeiaufsicbt gestellt werden ?oilten, die sicb bei der arzilicben Untersuchung als völlig unberührt erwiesen. In welkbe Seeleniämvfe müffen solche Mädchen bineingeratden, und welche SittenVSrderbniß muß die Folge solchrr polizeilichen Wilikürlicbkriten sein! Redner iübrt noch eine Reibe weiterer Fäil: an, welche als Belege für diese Polizei- wiilkür dienen und die Notbwendiqkeit einer Beieitigun oder einer erheblichen Abschwächung_ der Nr. 6 des § 361 Strafge?eßbuch3 be- gründen sollen. Weiter führt Redner aus, da die Kxsernierung und Lokalisierung der Prostitution gerade die Ar eiterviertel der Städte mit ihrem verpeiienden Einfluß vergiften muß. Die Absteige- qnartiere in den seinen Vierteln betrachte die Polizei be- kanntlich nicht als_ Bordelle. Auch für diesen Theil der An- trägr deruii fich Redner auf eine große Zahl von GerichtsUttdeilen und polizeilichen Verfügungen. Wolle man das Unrecht der Nr. 6, welches der Polizeibehörde die Befugniß aebe, Arbeiterviertel mit Huren zu besetzen._nicht ganzlich beseitigen, fo möge man wenigstens die Eventualantrage (:::-nehmen. Die Polizei babe, besonders in Preußen, wahrlicbdndere Aufgaben, die ihre ganze Kraft in Anspruch nebmenz das Institut der Sittenpolizei müsse yrrscbwinden. (Fr freue sich daru'xer, daß aus derzr Hause bisher gegen den sozialdrmokratifihen Prinzipalantrag kein Widerivrucb erhoben worden sei, ein Brwzis, daß das Haus bis zum leßtexi Wort mit demselben einverstanden sei.
Abg. Beckb-Cobizrg (sr. Vyikxv.): Wäre der § 1811) an e- nommen worden, [so ware cm großer, Theil des Unwiüens über dieHes Geseß aegrnstands 05 geworden. Ber der früheren Beratbung batte mim sick) auch auf der Rechten gegen die Handhabung des § 361 er- klart. Wenn diese Besiimmimg auch nicht darauf binwirkt, daß die Regierungömaschine das Zubalteribum brgünixigt, wie der Vorredner meint, so muß sie doch Verderdlicb sein, wie fir gehandhabt wird. Die Streichung dieser Bestimmung könnte absr einen unheil- vollen Einfluß auf die Zunahme der geicdlrcbtlicben Krank- heiten baden. Ich bin ein enticbiedener Gegner der Kasernierung und damit der Ausbeutung und Sklaverei der Prostituierten Durch Ab- lehnung unseres Antrages in Bezug auf das Wohnen der Prostituierten haben Sie den Riegel weggeschoben, den wir vor die Kasernierung legen wollten. Ich kenne eine Stadt. in der Von den Bordellen Sterzern erhoben wurden unter der Rubrik: Land'esprodukte. Solche Zustande sind eines zivilisierten Staates. unwürdig. Schleckpter kann es in Zukunft nicht werden. So, wie die sozialdemokratifchen Anträge liegen, kann ich für 6 nicht stimmen. Dagegen bin ich mit dem Grundgedanken des ventuaianirages einverstanden.
Von 5211 Abgg. 1)r. Spahn (Zenir.) und [)x'. von Leveßow (d. kons.) wird Schluß der Debaite beantragt.
' Abg. Singer beantragt daruber dre„nameniltche Ab: stimmung; der Antrch3 wird genügend unicrstußt.
Abg. *Va u [; ma n n-5 öblingen (d. Volkép.) konstatiert zur Geschäfts- ordnung, daß ibux durch den Schluß der Debatte die Möglichkeit entxo en werden wurde, seine zu §361 gestellten Anträge zu begründen.
räsident Gras von Baliefirem: Jbre Anträge berieben sich nicht auf den Geßsnstsrd, der uns bier beschäftigt, also aus § 361,6, sondern auf andere Numwern des § 361. Sie werden seiner Zeit zur Diskussion und Abstimmung kommen. _ Der Antrag auf_Schluß der Debatte wird in nament- licher Abstimmung mri 213 gegen 92 Stimmen angenommen.
Ein ANW eathält iich der Abilimuruug. Gegen den Schluß “armen auch die Polen.
Darauf wird in namentlicher Abstimmung der Eventual- antrag Albre t und Genossen zu § 361 Nr.6 (Kasernierungs- verbot) mit 1 gegen 73 Stimmen, der Eventualantrag Herne Fntersuchungsverbot) mit 218 gegen 70 Stimmen, der Antrag
lbrecht au Streichung des § 361 Nr. 6 mit 237 gegen 48
Stimmen a elehnt. . Um 63/4 Uhr wird die weitere Berathun auf *Frerta 1 Uhr vertagt. (Vorher dritte Berathung der achtragßEtaiS.
Preußischer Landtag. Haus der Abgeordneten.
69. Sißung vom 17. Mai 1900, 11" Uhr.
Ueber den ersten Theil der Verhandlungen ist in der gestrigen Nummer d. Bl. berichtet worden.
Das „Haus geht zur Veraihung des vom .Herren- hause in abgeänderter Fassung zurückgelangien Gefes- eniwurfs, betreffend die Gewährung von Zwiichen- kredit bei Rentenguthründungen, über. Dgs Herrenhaus hat die in der ursprünglichen Regre- rungSvorlage enthaltene, vom Abgeordnetenhause 5?estrichene Zweckbestimmung, daß der Zwischenkredit nur zur .lbstoßung der Schulden und ur Errichtung der 28an: und_Wirthschc_1fts- gebäude auf den entengütern dienen oll, wrederhergeitelit und außerdem den Zusas beschlossen, daß uber,die Verwen- dung des Zwischenkredits dem Landtage alljährlich Rechnung zu legen ist.
Abg. von Bockrlberg (kons.) beantragx,die Zweckbestimmung abermals zu streichen, will jedoch den anderen Zu|ay als unwesentlich an- nehmen. Ohne die Erweiterung des Zweckes des Zwischenkredits habe die Vorlage weni Werth. Jrqend welcher Mißbrauch des Zwischen- kredits sei an!; o ne die enge Zweckbestimmung auscieschlofien, da es fich ja nur um antengüter oandele, die unter Vsrmittelung der General-Kommission errichtet werden.
Vize:Präfident des StaaWMinisteriums, Finanz-Minifter Dr. von Miquel:
Meine Herren! Es ist mir bei den Berathungen in diesem Hause und im Herrenbause nicht möglich gewesen, die große Differeni, die angeblich stattfinden soll zwisehen einem Theil dieses Hauses und der Regierung bezw. den Beschlüssen des Herrenhauses, ausfindig zu machen. Ich glaube, daß dies Gesetz, wie die Regierung es vor- gelegt hat. die Tendenz, die ich vollständig mit dem Hrrrn Vorredner tbeile, doch in bobem Grade fördert. Ich bin zweitens der Meinung, daß, wenn die Beschlüffe des errenbxuses bestehen bleiben, die Herren, die andere Ziele vrrfolgen, ihren Zweck garnicht erreichen.
Meine Herren, der Inhalt dieses Geseßrs ist: wir wollen den Zwischenkredit privaten Vereinen und Personen geben, welche es auch sein mögen, um die hohen Außgaden, welcbe entstehen vom Tage der Aufstellung des Plans durch die Abfioßung der Hypotheken, welche mit sehr großen und schwerxn Kosten verbunden ist, und durch die Folgeeinrichiungen, für welche vielfach auch erhebliche AuSgaben zu machen sind, durch diesen Zwischenkredit zu erleichtern. Nun sagt man ganz richtig: vielleicht wird der Zweck einer soliden Kolonisaiion in noch vvlikommenerer Weise, obne daß das reine Bestreben nach Gewinn in den Vordergrund tritt, erreicht, wenn ein Privatmann sich damit beschäftigt oder ein Verein, der fich der Kontrole des Staats nnter- wirft, durch seine Persönlichkeit alle Garantien bietet, und wenn der in die Lage gebracht wird, ein Gut, welches fich zur Kolonisation eignet, zu kaufen und nun auf sein Röfiko bin die ganze Kolonisation durchzuführen. Aber, meine Herren, nach dem Antrag:, den das bobs Haus bier angenommen bat, soll ja vorher schon die Grnerai- Kommission mitwirken. Diese kann aber nach ihrer ganzen Stellung in diesem Stadium noch nicht mitwirken. Es wird also nach meiner Meimrng, auch selbst wenn Sie an dem Beschluffe dieses boden Hauses festhalten, das, was die Hrrrrn woilen, garnicht erreicht. Wenn der Beschluß so bleibt, wird es nicht möziicb sein, daß die Seebandlun; Vorschüffe giebt, ohne daß Vorder eine Mitwirkung der General-Kommission für den Erwerb eines Guirs schon stattgefunden bat, um dasselbe hinterher in Rentengüter zu Verwazdeln. DeSwegen kann ich nicht finden, worin die große Differenz liegt. Ich glaube, die Hzrren irren sich darin, daß si: diesen eben geschilderten (Gang der Kolonisation mit den Verändrrten Beschläff:n, wic fir birr im boden Hause grfaßt sind, erreichen werden.
Der Herr Vorredner hat das, was die Staatsrcgierung vor- geschlagen und das Herrenhaus beschlossen hat, für einigermaßen wertbios oder minder wertbvoll gehalten. Das kann ich durchaus nicht finden. Denn wir hab:" ja die Erfahrung gemacht, daß ganz solide Unternehmer ein solches Geschäft machen weilten, daß wir aber bei der Seebandlung das ablehnen mußten, weil ebrn die Voraus- setzungen, dis wir damals steUen mußten, entsvrechend diesem jeßigsn Geseße auch in Zukunft steilen werden, nicht vorlagen, und weil wir keinen Fonds hatten, um in dieser Beziehung dem offendar vcr- bandenen Bedürfniß enigegrniuiommen.
Wenn die Sache so liegt, so möchte ich doch dieH:rren, nament- lich von der rechtcn Seite, bitten, sich jest mit den Beichlüffen des Herrenhauses zufrieden zu gebsn; denn die Gefahr, daß dis Grieß dann scheitert. wenn Sie die Bzscblüffr des Hzrrenbauses wieder um- werfen, ist doch namentlich bei der Geschäftslage des Hauses eine große; im Herrenbauie war man so bestimmt in dieser Frage, daß der Sprecker der Majoritäi des Hrrrenbauses außdrückiich erklärte: wenn die Regierungsvorlage nicbt aufrecht erhalten bliebe, so "würden sie gegen das ganze Grieß stimmen. Meine Herren, nun haben wir doch einmal ein Zweikammersystrm; man muß sich da nach den Umständen richten; bei einer Differenz muß man auch mal nach- geben. Wrnn ich nun glaube, geieigt zu baden, daß die Differenz materiell gar nicht so groß ist, so möchte ich Sie dringend bitten, das Grieß an dieser Differenz nicht schritern zu lassen. Ich babe im Herrenbause gesagt, und kann das hier auch volliiändig wiederbolrn, daß, wenn sich zeigen solite, daß das Gesrv den vorhandenen dringenden Bedürfniffrn noch nicht genügt, man in jedem Augenblick weiter geben kann; die Sache ift damit gar nicht abgeschloffen.
Meine Herren, ich lege deSwegen einen so großen Werth auf dieses Grieß, weil ick) der Meinung bin, daß dasselbe ein Kind ist, welches bald zu einem großen Manu heranwachsen wird, und daß wir später nicht mit 10 Millionen Mark, sondem mit vielen Millionen die Sache in Angriff nehmen werden. Das ist der erfie Schritt, den wir thun, und ich möchte dringend deswegen bitten, daß die Herrn sich für dieses Mal damit begnügen. Bei der Stimmung im Herren- baufe, wie ße sich deutlich zu erkennen gegeben hat, zweifle
i(b an dem Zußandekommen des Gesevrs, und dann * wir nichts, und der sebr wobltbätige und nothwendige Zwif kann überhaupt nicht "gegeben werden. Ick babe ia ausge!
daß ich meinerseits gegen die Erweiterung der Befugnisse der Stun.
regierung nichts zu erinnern finden würde; wir würden das Gesch nicht scheitern lassen, wenn Sie bei den Beschlüssen des Abaede hauses stehen bleiben. Aber das Geseß wird durch die “bwektkeade
Sleüungnabme des Herrenhauses gefährdet. Ich kann nur dem,“, daß nach meiner Meinung hinter diesen Beschlüssen des Häkenbaus“ eine Abneigung gegen die Zwecke, die wir bier verfolgen, in keiner Weise zu suchen ist. Ich glaube aucb, daß beute in weiten Kreisen diese Zwecke anerkannt werden. Es hat sich doch heute alle Welt überzeugt, daß wir eine große Anzahl Güter baden, die in der gegenwärtigen Zeit nicht mehr haltbar sind, und daß “ck die Frage der Leutrnotb auf die Dauer sebr wesentlich beeinflußt wird durch die Förderung der inneren Kolonisation. Diese Meinung is] jetzt durcbgedrungen, und ich glaube nicht, daß gewissermaßen beim- liche Motive bei den Beschlüssen des Hnrenbauses vorliegen.
Aus allen diesen Gründen möchte ich die Herren bitten, mm- mehr, wofiir sich ja auch grundsätzlich schon bei der ersten Beratbung Stimmen erhoben haben, daß die Regierungöoorlage vorzuziehen sei, da die Aenderung auf Widerstand gestoßen ifi, sich dahin zu verstän- digen, daß die Regierungévorlage genehmigt wird. (Bravo!)
Abg. Dr. Sattl er (al.) wünscht das Zustandekommen des Ge. setzes, weil es die innere Kolonisation fördere, und macht darauf aurmerkjam, daß dasselbe Geses auch schon im vorigen Jahre e- scbeitert ift; er habe früher den Beschluß des Ab eordnetenbau?es mitgefaßt, der nacb seiner Ansicht die Kolonisation be er fördere, als wenn die Zweckvestimmuna darin enthalten sei; diese Förderung fal]: aberganx weg, wenn das Grieß scheitere, und deshalb empfehle er die Zustimmung zu dem Hrrrenbausbeschluffe.
_ Abg. Freiherr von Zedliß und Neukirch (fr.!ons.) befürchtet nicbt, daß das Gesetz im Hrrrenbause scheitern werde, wenn das Ab- geordnetenhaus an seinem Beschluß fefibalie. Die Konservativen würden wobl ihre Parteifreunde im Herrenbause. welcbe dort die Mehrheit bildeten, bestimmen können, sib der Meinung des Ab. geordxietenbauses anzuschließen. Damit mit der inneren Kolonisation ener tfcb vorgegangen werden könne, bitte er, den früheren Bestbiuß des bgeordnetenbaufes wiederberzuftellen.
Vize-Präsident des Staats-Minifteriums, Finanz-Minister ])1'. von Miquel:
Ja, meine Herren, ich bin bei den Beschlüffen des Herrenhauses gegenwärtig gewesen, ich werde also die Wabrscbeinliäpkeit, wie das- selbe sich stellen würde, doch wohl etwas sicherer beurtbeilen können als der Abg. Freibrrr von Zedliß. Es hat nicht bloß die rechte Seite ina Herrenbaufe für die Wiederbersieilung der Regierunngorlage ge. fiimmt, sondern auch die sogenannte Linie im Hrrrenbaufe; es war ein fast einstimmiger Beschluß, und es wurde auddrücklieh aus- gesprockpen: wir werden das Grieß lieber scheitern lassen, als daß wir uns den Beschlüffen des Abgeordnetenhauses anschließen. Da ist doch die Gefahr groß, daß es scheitert. Wir wiffen noch nicht einmal, wann das Herrenhaus wieder zuiammenkowmi, und dann drängt fich am Schluffe der Session alies zui-mmea und es kann ssb: leicht so kommen, daß so das Grieß unter den T1sch fällt. Das wäre nach meiner Meinung unter allen Umständen zu bedauern, selbst für die- jenigen, welche für die Zukunft weiter geben wollen. Denn wenn man überhaupt noch keinen Anfang gemacht hat, ifi es viel schwieriger, die Sache wieder in den Gang zu bringen. Sollten wir uns aber in Zukunft überzeugen, daß das jeßige Grieß noch nicht genügt, um den Zweck zu erreichen, daß damit für die innere Kolonisation noch sehr wenig gewonnen ifi, - wir find ja jest alle einig in dieser Frage, Regierung und Landtag, _ dann werden wir einen writeren Zuiaß machen, dann ist ja auch noch nicht viel verloren. Wrr also sicher gehen will, daß überhaupt etwas zu stande kommt, den möchte ich dringend bitten, jest die Beschlüffe des Herrenhauses anzunehmen.
_ Abg. don Nievenbausen (kons.) hält an dem früheren Be- ichluß des Adßeordnetenbauses fest und kann nicht rinseden, wrébaib das Äbgeordnetrnbays sich dem Herrerbaus fügen soils. Wenn das Herrenhaus drm: [einen Beschluß aufrecht erbaltr, sei immer noi) Zeit, dqß das Avgeord'neienbaus seinen Beschluß ändere. _
Dre Vorlage mird na dem Antrag von Bockelberg, (1110 unter Streichung der Zw; bestimmung, angendmmen.
Sodanw folY drr erite Bcrathung des Ge eßentwurfs, betr rnd_ die “ ewrlligung weiterer taatsmittel (5 illron_en Mark) zur Verbesserung der Wok)- nyngswerhaiinisie von Arbeitern, die in staatlichen Bx trieben beschäftigt, imd, und von gering beioldeten Staats- beamten, in Vcrbmduy mrt der Denkschrift über die Aus- führung der Geseße glei en Inhalts von 1895, 1898 und 1899.
Abg. Macro (ni.): Bei drr Schaffung von Wohnräumen für Arbeiter müffrn die biüigrn Wütxscbr derArbeiter berücksichtigt werden. Im Westen find aber vielfach kaiernenartige Gebäude errichtet worden, bei ,drnen dock) die Gefahr _größer ist, daß unter ihren Bewohnern Zwieiracht und andere Mißstände vlaßzreisen, die wir sonst msi allen Mitteln zu bekämpfen suchen. Bei dem guten Zweck des foeyes kann man sich mit einer geringen Verzinsung begnügen. Ick de- antrage, die Vorlage der Badgeikommisfion zu üoerweisen
Abg. Saenger (fr. Volksw.): Auch wir iiimmen der Regierungs- vorlage ju. Den Hausbefisern wird kaum Konkurrenz dernier, da der Staat nur dort eingreift, wo Woduunaixnotb herrscht, aucb muß ihr Jnt-sreffe hinter das der Arbeiter zurücktreten. Jeb brdauece, daß es dem Strat nicht immer gslungxn isi, vorbildlitb zu wirken, um zu zeigen. daß man auh niit verhältnißmäßig wenix. Mitteln schätze Häuser bauen kxnn. Außerdem hat der Staat die Aufgabe, die Bemühungen der Arbeiter beim Erwerb von eigenen Häusern in unterftüsen, indem er dir Bauaenoffenscbaften subventioniert. In Bezug auf die Kasernenbauten find die Verhältniss in den leßten Jahren beser geworden. Der Prozentsaß der 2- und Zstöcktgxn Gebaude ist nach der Denkschrift gestiegen. Es sollen jetzt nur in Frankfurt a. M. und in Königsberg noch 4siöckige Gebäude errichtet werden; das find zwei Städtk, in denen Grund und Boden allerdings the_uer ist. Im (Ganzen kann ich diesem Vorgehen des Staats gern k:usstimcbtrien. Die Einzelheiten können wir am besten in der Kommisiion e pre en.
Abg. Scha'il (kous.): Wir begrüßen es mit Genugtbuuug, daß die Regierung in der Ausführung dieser Geseße den Wünschen drs Hauses Rechnung getragen hat. Es sind bereits 15 Millionen fur diesen Zweck_ verwendet worden, ich möchte fragrn, wie viel noch in Zukunft dafur vorgussicbtlicb nothwendig sein wird und in welchem Maße den Uedeifianden in dem Wobnungdwesen durch die bisherigen Mittel abgeholfen ist. Dir Subvention der Baugenoffenschaiten von dem Bedürfnis; abhangig gemacht werden, damit der Staat nichi in_ unaötdigrr und chikanierender Weise der privaten Bau“ tbattgiut Konkurrenz macht. Es ist nicht unberechtigt, wenn die Haus- und Grundbesißervereine sich gegen die Untersiu ung der Baugeuoffenschaften erklären. Es wird sich in jedem Jane eber fe ' stellen (affen, ob die Subvention einer Baugenoffensihaft dringend
.notbwendig ist, ob Wohnunßkmangel herrscht oder die Mietbe ein?
übertriebene Höhe hat. Zu denken ifi, daß, wenn man mit S1 mitteln in den Städten den Arbeitern Wobnun en zur Verfügunß fiellt, die Landflucht der Arbeiter noch verstärkt wird, und man um
gründet wären, wenn die
der Gerechtigkeit entspricht. Aber die Regierung
, «UFUJYU mit dieser sozialen Fürs : “für die Arbeiter, „[ck, die Arbeiter aueh in sitilitber Hinfi t gefördert werden. WFTKMW Siaats-Minifieriums, Finanz-Minifter 1)!“- Meßerxm! Der GeseßeniMuf selbfi ifi von keiner Seite an- eu vielmehr allseitig wohlwollend aufgenommen worden. Ich “:I, „mich daher über die einzelnen Punkte, die hier zur Sprache MUM „„,de sind, nur kurz ju äußern. “ck Z""ß ist wieder die alte Frage, ob Viilrnsyfiem, Einzelwobnuugen ode! Kasernenfül zu wählen seien, von dem ersten Herrn Redner zur Maike gebracht worden, und er hat beantragt, dieferbalb die Sache 8 die Budgetkommisfion zu verweisen. Ich glaube nicht, daß die B1! mmjssion viel mit dieser Anregung machen wird. Es ist pobl in der ganzen Welt keine Meinungsverscbiedenbeit darüber, daß Uxxlwobnunßen - vielleicht mit Garten und Stallungen -- den Gebäuden, wo die!: einzelne Familien xusammenwobnen, weit „„ckth sind. Aber die Arbeiter haben doch, so sehr man “ck bemüht sein muß, für ihre Wohnungsverbältniffr zu sorgen, auf z,;ßimelwobnung keinen besonderen Anspruch. Dieser Anspruch kann ja fü; fast keine Klaffe der Bevölkerung - wenigstens in großen Städten - befriedigt werden. Wo es möglich ist, ohne die Kosten ., doch zu steigern, wo namentlich der Grund und Boden billig ist, da soll man allerdings _ und das thut die StaatSregierung ja auch - „[ Väsuche mit der Rentabilität von Einzelwobnungen machen.
Das wird namentlich da möglich sein„ wo zwei Bedingungen vor- handen find: erfiens billiger Boden und zweitens reichliche Löhne.
daß eine Einzelwobnung gegenüber einem Grieß, welches eine „gemeffene Veriinsung fordert - dies ist kein Wobltbätigkeitßgeseß, wenn es das wäre, würde es nur kurze Beine haben, sondern ck ist ein Grieß, welches dem Staat, und so müffen wir
nach Maßgabe dos Geseßrs verwalten, eine mäßige ijegiebt-nicbt florierrn kann, wo die Lebensverbältniffe oder Lohn- „hältniffe der Arbeiter so find, daß die Mieth: zu hoch sein würde, darüber braucht man auch nicht weiter zu sprechen. Wo andere Ver- hzuaiffe vorliegen, ist es gewiß im höchsten Grade nüßiirb und vor- weiibaft und human, möglichst auf Einzelwobnungen binzudrängen. Ob diese Bedingungen in dem einen Orte oder in der einen Gegend oder in einer anderen vorliegen, das kann doch nicht theoretisch fest- gestellt werden durch einen allgemeinen Erlaß; das müffen Sie schon dg; Verwaltung überlassen. Wenn z. B. die Beschwerden, die z. dieser Beziehung aus dem Siegenschen erhoben sind , be- Voraussevung der Möglichkeit von Einzelwobnungen vorläge, so würde ich unbedingt dafür sein, diesen Wünschen zu entsprechen.
Auch die Fragr, ob vier- oder dreizimmerige Wohnungen, hängt mii von den Lebensvetbältniffen der betreffenden Personen ab. Ein Werkfübrer, der einen großen Lohn hat, wird vieaeicht eine vier- kamerjge Wohnung nehmen können, und deshalb bauen wir auch vimimmerige Wohnungen. Das Rationeiiste ist also auch in einem großen Gebäude, verschiedenartige Wohnungen herzustellen. Für ein altes Ehepaar, das keine Kinder bat, genügt oft“"'e'171e einzimmerige Wohnung," und das Ehepaar wünscht fich vielleicht auch gerade eine solche Wohnung. Man muß die Wüasche und Leistungs- fähigieii der betreffenden Mietber in Betracht ziehen. Man kann sogar behaupten, daß das in viel größerem Maßstabe“wöglich iii, wenn man große Häuser baut, wo verschiedenartig: Familien untergebracht werden können. In einer größeren Stadt, bier in Berlin oder in einem Vorort, werden Sie Einzelwobnungen nicht bauen können. Da würde der Preis der Mietben derartig sein, daß man hiervon gan; absehen muß. Außerdem ist die neue Methode, die innere Beschaffenheit des Baues von solchen sogenannten Kaiéraen gar nichi so schlimm, es faUen jest eine ganze Zahl Von Uebelständrn fort,
Meine Herren, wir haben doch die Erfahrung gemacht, und das möchte ich den Bemängelungen gegenübersteüen, daß wir durch den Bau dieser Wohnungen bei den Arbeitern und den Mietbern die größte Dankbarkeit hervorgerufen haben; diese find also zufrieden. Das für einen Vortheil baden disse Arbeiter des Staats aber schon allein dadurch, daß der Staat nur 3% berechnet, während fie, wenn sie das Geld anderswo anleiben müßten, eine ganz andere Summe bezahlen müßten! Welchen Vortheil haben sie dadurch, daß der Staat vielfach auf eigenem Grund und Boden baut und daher den boden Wert!: des Grund und Bodens nicbt anzurechnen braucht, das; die Mietben meist oft geringer sind als die Mietben für ichirchte Wohnungen in demselben Ort, und daß die Leute Wir sind, in ihren Wohnungen bleiben zu dürfen, daß sie nicbt, ob- wohl ße sia) xut betragen und die Mietben pünktlich zablen, Gefahr [Men, binaußgrworfen zu werden. Das ewige Umziehen ist das slößse Unglück für die Ardeiterklaffe. Wenn die zunächst Be- sbeiiigten mit der Sache durchaus zufrieden find, wenn die Wohnungen äkßkksk gesucht sind, und Wenn sie, sobald sie nur fettig, gleich voll sind, so kann man doch wohl annehmen, daß nicht allzu viele Fehler seitens der Siaatdregierung bei dem Bau dieser Wohnungen gmacht werden. Die Frage, ob sechs oder vier Wohnungen in einem Haase sein sollen, halte ich nicht für so importcmt, daß (5 raibsam "sz iu beschließen, es sollen überall nur vier Wohnungen in einem Haase sein fiait sechs. Wir haben eine große Anzahl von Häusern UU vier Wohnungen, auch eine Reihe mit sechs Wohnungen.
Ick babe vorhin gesagt, die Beschaffenheit der Wohnungen “ust für den Arbeiter oder Beamten wesentlich von ihren Gehalts- v'ekbäiiniffen ab. Ich glaube aber trotzdem nicht, daßdie Wohnungsfrage emebloßeGehc-us- und Lobnfrage sei, denn leider - es liegt vielleicht auch i" der Natur der Sache _- syart der Arbeiter zuerst an der Wohnung. Me anderm Bedürfnisse befriedigt er eher und auch vitaeicht etwas Wülker als das Wohnungsbedürfniß. und es ift eine kulturelle Auf- sabe, die arbeitenden Klassen erst an gute Wohnungen und ihren
b i" Jülicher und hygienischer Beziehung zu gewöhnen. Hat "41 kin Arbeiter längere Zeit eine solche Wohnung gehabt, so wird “ '“"? Ansprüche erhöhen, was zu seinem Heil und zum Heil des
LUSkcbt. In dieser Beziehung muß der Staat Muster sein lud "WMUW für Stabilität der Wohnungen sorgen. Hier in Berlin ist eine audgezeiibnet geleitete, schon alte gemeinnüvige Vau- “Msckiaft. die durch Legat: und andere Zuwendungen finanziell WLW"?! sich. Ich bin mal mit dem betr. Herrn, nach- W der Staat ibm 2 Millionen vorgestreckt hatte, durch diese
obnungea gegangen und habe da eine große Anzahl Mietber ge- den, die 20 und mehr Jahre in der Wohnung gewohnt batten. sehen ihre Wohnungen gewiffermaßen als ihr Eigentbum an.
Sie schmücken die Wohnungen mit Bildern, guten Möbeln - sind die ordentlicbfien Leute." Das werden wir nach und nach für unsere eigenen Arbeiter auch erreichen.
Wenn nun gefragt worden ist, wie bold das Vedürfaiß acuh solchen Wohnungen für die eigenen Arbeiter und andere Beamte in Zukunft fich stellen wird, so kann ich diese Frage wirklitb nicht be- antworten; denn wenn die Bergwerksverwaltung früher 30000 Bergleute beschäftigt und jetzt auf einmal 40000-wer kann voraussehen, wie das Bedürfniß sich in Zukunft entwickeln wird? Wenn wir eine, wenn auch mäßige, in der heutigen Zeit ja erhebliche Opfer für den Staat berheifübreude Verzinsung erreichen, wenn wir fortfahren, nach Maß- gabe drs wirklichen Bedürfnisses Jahr aus Jahr ein 5 Millionen zu bewilligen, so werden wir damit an sich allen Arbeitgebern ein gutes Beispiel geben, und es wird die Wobnungönotd allmählich sich ver- ringern.
“Meine Herren, die Rücksicht auf die Hausbesitzer schlage ich gar- nicht gering an, wsil sie zugleich die Riicksicht auf die Privat-Bau- unternebmungen ist. Würde der Staat das Wobnungöwesen mehr in die Hand nehmen, wie das ein Antrag, der jest voriirgt, ins Auge faßt, würde er gewiffermaßrn die Verantwvrtlichkeit generell für das Wohnen seiner Einwohner übernehmen, dann würde sofort die game Bauspekulation selbstredend verschwinden; denn gegen drn großen Staat können die Bauunternehmer nicbt konkurrieren.
Nun wiffen wir ja aus langer Erfahrung, daß die Bauunter- nehmer am allerfcbwierigsien an die Herstellung von Arbeiieewobnungxn geben (sebr richtig!), weil sie ihr Kapital festlegen. Eine solche große Arbeiterkaserne wird sehr selten verkauft; auch die Risiken, die mit einem solchen Unternehmen verbunden find, sind nicht gering. Daher fehlt in den fortschreitenden Städten , deren Ve- völkerunz sicb vermehrt, fast immer die dolle Befrie- digung drs Brdüriniffes an ganz kleinen Wobnungea. Wsnn nnn dadurch eine Art Wobnungknotd entsteht, hohe Preise, schlechte Wohnungen, Ueberfüllung der Wohnungen, dann ist es durchaus berechtigt, daß der Staat wenigsten! für [eiae eigenen Arbeiter sorgt. Aber er soil fich auch darauf beschränken. In Orten, wo kein Be- dürfnis; ist, wo vielieicht eine große Anzahl billiger Wohnungen zur Disioosiiion sieht, muß der Staat nach meiner Meinung seine Hand davon halten; denn sonst richtet er mehr Schaden als Vortheil an. Aber ich behaupte auch, daß die Rrsiorts, namentlich die Bergwerks- und die Eiserbabnverwaltung, genau nach diesem Grundsatze handeln, und daß daher die Brsorgniß und Klagen, daß wir den Grundeigen- tbümern bzw. den Bauunternehmern eine ruinöfe Konkurrenz machten durchaus nicht begründet smd und sich auch in keiner Weise disks: gezeigt haben.
Meine Herren, wenn Sie die Vorlage an die Budgetkommisfioa zur näheren Prüfung verweisen wollen, so ifi, da die Vudgetiommifsion ja schnell arbeitet (Heiterkeit) und also die Gefahr einer Verzögerung eines Abschlusses dieses Geseßxs in diesem Fabre dadurch nicht ent- steht, unsererseits dagegen natürlich nichts zu erinnern. Ich glaube nur nicht, daß die Budgetkommisfion eine viel größere Weisheit in dieser Sache hat als das ganze Haus überhaupt, als ails die- jenigen wenigstens, die sich mit der Wobnungöfrage beschäftigt haben. Aber unsererseits ist dagegen nichts zu erinnern. Ich nehme ja natürlich an, daß dadurch die Sache nicht so Verzögert wird, daß etwa das Gesetz liegen bliebe; denn das wäre sehr übel. Ueberall treten die offenbarften , dringrndsien Bedürfniffe an uns heran; viele Sachen sind eingeleitet; man hat auch schon Arbeiter- uud Beamten-Baugenoffenscbaften vielfach Summen in Aussicht gestellt. Wenn also plößlich eine Lücke von einem Jahre bineinkäme, so würde ich das im höchsten Grade bedauern. Aber ich bin überzeugt, dafür wird das hohe Haus schon sorgen, daß dieserMißsiand nicht entstehen wird.
AbZ]. don Riepenbausen (kons.) Hält die Ueberweisung an die Budget ommission nach dem Verlauf der Berarbung für überflüssig, will ihr aber nicht widersprechen, wenn eine große Partei noch jest die Ueberweisung beantrage. Die hohe Verzinsung eines Vieifamilien- hauses von 4,26 0/0 entspreche nicht der Verzinsung bei allen übrigen Bauten der iesien Jahr?. Könne man da nicht in den Wohnungs- preisen etwas zurückgeben?
Abg. Krawinkel (ni.) billigt die soziale Fürsorge des Ministers, meint aber, daß die örtlichen Verhältniss oft nicht genügend berück- sichiigt würden.
Abg. Ehlers (frf. VW.): Ueber die Bewiliigung der 5 Millionen sind wir alle einig. Die technischen Yieinunaßdersckoiedrnbeiten kann die Budgrikommission nicht aus der Welk ixbaffrn, sie find vieiieicbt Überhaupt nicht aus der Wel! zu schaffen. Wir bedürfen daher kriner Kommiffionsberatbung. Bei der Ausführung der Bauten können ja dis Trcbniker die bier geäußerten Wünsche mit in Rechnung ziehen. Die Budgetkommiifion bat sich dreimal gründlich mit dieser Sache beschäftigt, verschonen Sie fir also dieSmal und nehmen Sie die Vorlage sofort im Plenum an.
Der Antrag auf Kommisfionsberathung wird abgelehnt; es folgt sofort die zweite Berathung.
Vize:Präfident des StaatOMinisteriums, Finanz:Ministcr Dr. von Miquel:
Ich möchte noch auf eine Frage erwidrrn, daß alierdings in dem von Herrn von Rirprnbausen angeführten Fall eine Rente Von über 4 0/0 herauskommt. Wenn wir aber einen Durchschnitt von etwa 3 0/0 erbaltrn wollen und besonders günstige Verhältnisse an einem Orte mal vorliegen, eine Uebersryung der Mietber nicht stattfindet, dann müffen wir arch mal, da wir in manchen anderen Fälien unter 3 0/0 kommen, wenn die Verhältnisse es sestaiieu, etwas weiter geben, um den Durchschnitt derauSzubringen. Sonst haben wir durchaus nicht die Aisicbt, generell mehr als 3 0/0 derzuszuwirtbscbaftru.
Die Vorlage wird unverändert angenommen.
Es folgt die Beraihung von Petitionen.
Zunächst wird die vor einiger Zeit der_tagie Berathurzg der Petition von Helene Lan e und Genossinnen in Berlin (Berliner Frauenverein) um ulassung der Frauen zur Immatrikulation an den Universitäten und zu den Staatsyrüfungrn fortgesest. ,
Die Unterrichtskommission, deren Berichterstaiirr Abg. 1)1'. Dittrich (Zentr. ist, beantragt, uber die Petition zur Tagesordnung ü erzugehen. ' , ,
Abg. Rickert (fr. Vgg.) beantragt, dre Petition der Regierung zur Berückfi tigung zu überweisen; Abg. Dr. Arctidt (fr. kons.) beantragt te Ueberweisung derselben als Material
Geheimer Ober-Negierungöratb 121“. S ck m i di bemerkt, daß die Ver: waltung den Wünschen der Petenten schon iebr entgegengekommen sei In einem Jahre seien zugelaffen 645 Hospitantinnen, 40 Extraneer, 10 Damen zum Doktorexamen und 8 zur ärztlichen Vorbildung. Weiter als bisher könne die Regieruxkz nicbt entgrqenkommen; es
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müffe erst abgewartet werden, wie sich Verhältnisse entwickeln.
Abg. Dr. Endemann (nl. ifi mit dem Uebergang zur TageSordnun nicht einverstanden, andern empideblt die Ueberweisung ais Materia und hält die Errichtung von Mädchengymnafim für nothwendig.
Abg. Schall (kons.) weiß auf die Gründe bin, aus denen er KG im vorigen Jahre avsfübrlicb egen die Petition audaesprocbsn babe, deren Forderungen nach der Aufi t seiner Freunde nicht dem wahren Wohl der Frau dienten. Eine Schulleiterin, die nicht nur Obnlebrerin. sondern auch approbierte Oberlehrerin sei, sei ibm nicht erwünscht. Bei der Erziehung der Mädchen komme es hauptsächlich auf die Herzens- bildung an. Mit der Zulaffuna zur ärztlichen Approbation möge man weitere Versuche machen, aber es müßten besondere medizinische Yraurnkurse eingerichtet werden. Er bitte, bei dem mod_lerwogenm ' eiwiuß der K_ommisfion stehen zu bleiben; denn es dürre in dieser Frage nichts uberiiürzt werden damit wir unier altes deutsches Frauenideal, das fiel; von dem Ideal einer englischen oder amerika- nischen Frau wesentlich unterscheide, nicbt verlören.
_Nach Linißen weiteren meerkungen des Geheimen Ober- Regresrizngswt 9131“. Schmidt und des Abg. ])1'. Endemann beschließt das Haus den Uebergang zur Tageöordnung.
Die Petition des Magistrats und der Stadtverordneten von Leobschuß um_ Erb auung einer Eisenbahn Leobschüß- K a n d rzin wird der Nrgierung als Material überwiesen.
Die _Petition des Rechtsanwalts Lu't in Leobschüß um Beschleumgurzg des Baues der BahnxPolnisch-Neukirch _BauerWiß und Fortführung derselben bis zur Landesgrenze mit einer Abzweigung Nasfiedel-Leodschüß wird der Regierung zur Erwägung uberwiesen. 1125er die Petition des Küsters Kittler in Luckenwalde um Beilegung der Staatsbeamten-Eigenichaft an die zivilyersorgungsberechtigten Beamten der Kirchen- Zlemeinden geht das Haus auf Axnrag des Berichterstatters bg. Freiherrn von Dobeneck (tom.) zur Tageßordnung über,
Außrrdem erledigt das Haus noch eine Reihe von Peti- tionen persönlichen oder lokalen Inhalts.
Schluß 3 Uhr. Nächste Sisung Freitag 11 Uhr. (Waarenhaussteuergeseß)
Statistik und Volkswirthschaft.
Unter dem Vorfis des Direkioxs drs Kaiserlichen Statistiicksen Amts, Grdeimen Oder-NrgierungSratbs Dr. yon Scheel begann beate in Jena eine Konferenz vßii Vertretern der Statistik des Reich und der Bundesstaaten idre Beratbunßen; Gegen- stand desselben ist in erster Linie die Ausführung der in diesem_Jabre dor- zunebmenden Volkszählung, der land- und-fo:stwirtdschastiichen Er- bebunsrn und der Viebjäblung.
Gewerbliche Riesenunternebmungen in Deutschland.*)
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Gewerbliche Unternehmungen mit mehr als 1000 Personen gab es nach dem 119. Bande der „Statistik res Deutschen Reichs“ am 14. Juni 1895 ianesammt 296. Sie beschäftigten über eine halbe Miiiion Personen: 562 628, die in ihnen dxrwendeien moiorrschrn Kräfte redräseniiertrn eine Leistung von zwri Drittel Miüion Prrdesiäcfen: 665 265. Diese modernen Gebilde der volkswirlbschaftlrchrn Organi- sation, in denen Tausende von Mensckpenbänden nebeneinander arbeiten und in ihrer TbätiZkeit vori gewaltigen Motoren und technisch sebr vervviikommxxeten rbeitémaickpinen unterstüßt werden, sind gemäß ihrer Vrrfanung, AuSd-ebnun und Produktiokraft von so weit- tragendxm Einfluß auf die Vol Swirtbscbaft, daß private und öffentliche Jntereiien in ibnex aufs engste verbanden erschrinen. Die sozial verschiedensten Klauen don Familim find in ihrer wiribscbafilicben Existenz von ihnen abhängig, zunächst die leitenden Prrsönlichkriten, die Aktionäre, stillen Tbeilbader, sonstige Kapitaiinterrffenten, die Gläubiger, die Werkmeister und Arbeiirr. Daneben vmfolgen Hunderte und Tausende don Kunden aus Nah und Fern das szcbäfr; zahlreiche Händler, Lieferantrn, Konkurrenten, endlich die Nachbarn, die ganze Stadt, der Kreis. die Provinz baden Jntrreffe am Auf- und Niederaang der betreffenden Unternehmung. Die Lage, die baulichen Einrichtungen, die guten odrr schlechten Verkehrs- beziehungen dss Großbetriebs werden zu einer Gemeinde- und Bezirk;- angeleßenbeit; von dsa: Betriebe warden Schulwesen, Steuerkraft, Bevöl erungszu- oder -abnadme, Wohlstand und Verarmung der ganzen Gegend, Art drr Siedlung und Grundsigentbum5vertbeiluna beeinflußt. Diese volkswirtbsckoafiliche Bedeutung kommt mehr oder minder allen größeren Unternehmungen zu, insonderheit aber den erwähnten Riesen- nrbmungea, bei ihnen tritt drr öffentlilbr, gemeindeäbnlickoe Charakter ganz besonders deutlich bervvr. Jdre grwaltige AuZdednung haben die Riesenunternxdmungen vornehmlich dadurch erhalten, daß Verschieden- artige Gewerbebetriebe zu einem Gcsammtbetried, zu einem wiribscbait- lichen Ganzen vereinigt wurden. Die Tendenz drr Vergrößerung hält aber noch an, si: zeigt sich grrade bei den ausgedehntesten Unter- nehmungen: Entweder wird der eigentliche Stammbetrieb erweitert, oder es werden mit ihm Theilbetriede mannig- faltigster Art kombiniert. Zweck dieser Kombinationen ist, dem quvtdetrieb die Tbeilfadrikaie anderer Gewerbe, die im ersteren viel und regelmäßig gebraucht w:rden_ (z. B. Tischler-. Böitch-“r-, Buchdinder-, Schiofferarbeiten), möglichst billig Ukid einfach zuzuführen oder die eigenen Produkte weiter zu verarbeiten (daher neben Verso und Hüttrnwerken Eisenaießereien und Maschinen- fabriken), oder man bezweckt eine rationelle Verwrrtbung der Neben- produkte (z. B._in der mit GasInitalten Verbundenen Kokerei und chemischen Werkstätte _, Ammoniakbereitung), oder man wiÜ sich vom Markt überhaupt unabhängiger machen (weébaib z. B. Eisenbüttenwerke in ihrer Nähe belegenr Koblengrubenrrwrrden). Ein anschauiiches Bild von der Großarügieid diexcr Unter- nehmungen läßt sich nur an der Hand konkreter Beixpielr gewinnen. Deshalb folien im Folqenden einige Rtesenunternebmungen einzeln vorgeführt werden; zugleich wird an ihnen auf Grund der im Laufe der Monate Sevtcmber und Oktober 1899 über ihren neuesten Stand erbqlßen Nachweise gezeigt, wie deutsche Riesenunternebmunßen jest ausw en.
Zu den Werken und Aula en der Firma Friedrich Krupp gehören die Gußftxblfabrik in ffenL), das Krupp'!che Stahlwerk vorm. F. Aiiböwer u. Co. in Annen (Weftfalep), das Grufonwerk in Burian bei Magdeburg. 4 Horbofenanlagen bet Rheinhausen, Duis- bur , Neuwied und Engers, 1 Hütte dei Sohn mit Maschinen- betr ed, 4 Koblrngruben (außerdem Beibeiligung an anderen Zechen), über 500 Eisensteingruben in Deutschlgud, darunter 11 Tiefbau- Anlagen mit voliftändiger maschineller Emricbiung, verschiedrne Eisen- steingruben bei Bilbao in Nordspanien,“ 1 ;«(hießplas bet Mevvm von 16,8 km Länge und mit der Möglichkeit, bis am 24 km Ent- fernung zu schießen, 3 Seedampfer, verschiedexie Steinbrüche, Thon- uud Sand rubrn re.; außrrdem ist der, Firma Friedrich Krupp vertraJSmä ig der Betrieb drr Schtffé- und Maschinenbau- Aktien-Geseusrbaft ,Germania' in Berl1_n und Kiel überlaffen. Die bauplsächlicbfien Fabrikationögraenstanie der Gußftablfabrik in Essen sind Geschü§e (bis Ende 1898 „uber 37000 Stück ge- lieferj), Geschosse, Zunder, fertige Munition 2c„ Gewehriäufe,
*) Vergl. Nr. 117 des .N- ck St.-A.' vom 16. Mai d. J.
1) Der Grundbefiß betrug am 1. Januar 1899 in Essen und umliegenden Gemeinden 360 da 64 a 89 qm, davon 59 ha 78 a 99 qm überbaut.