1883 / 282 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger, Fri, 30 Nov 1883 18:00:01 GMT) scan diff

_ Der Schlußbericht über die gestrige Siering Flßauses der Abgeordneten befindetfich in der Ersten age.

_ _Nach Mittheilungen aus Oesterreich sind folgende Submissionen ausxzeschrieben worden:

1) von der Direktion der a. p. Kaiser Ferdinands- Nordbahn für den 14. Dezember 11. I. bis 12 Uhr Mittags, 2 Snbmissionen auf Lieferung von hartem und weicheijau- und Zeugholz, sowie eines größeren Postens St_ahlschtenen und apptetirter Wechsel-, Haupt- und Spißblock- schienen. Die näheren Bedingungen sind im Büreau des Material-Jnspektors am Nordbahnhofe in Wien einzusehen;

2) von der K. K. priv. Lemberg-Czernowiß-Jassy Eisenbahngesellschaft für den 20. Dezember d. I., bis 11 Uhr Vormittags, eine Submission auf Lieferung von ca. 2620 t Stahlschienen.

Die Lieferungsbedingniffe können bei der Material- verwaltung in Wien eingesehen werden.

«- N:“); Mittheilungen aus dem Auslande sind folgende Submissionen ausgeschrieben worden:

1) von der K. K. priv. Lemberg-Czernowiß-Jassy Eisenbahn-Gesellschafi zu Wien für den 12. Dezem- ber d. I. bis Vormittags 11 Uhr eine Submission auf Lieferung von 100000 Metercentner Steinkohle, 5800 Meter- centner Schmiedekohle und 1000 Metercentner Koks;

2) von derselben Eisenbahn fiir den 17. Dezember d. Z. bis Vormittags 11 Uhr eine Submission auf Lieferung von fertigen Dienstkleidern fiir das Jahr 1884;

3) von der Königlich italienischen Schiffsbau-Direktion des 1. Seedepartements zu Spezia fiir den 27. Dezember bis Mittags 12 Uhr eine Submission auf Lieferung von 800 bis 1000 cbm Teak-Moulmeinholz im Taxwerth von 295 000 Lire. Die zu hinterlegende Kaution beträgt 29 500 Lire;

4) von der Artillerie-Direktion der Gießerei zu Genua fiir den 14. Dezember 1). I. bis Nachmittags 3 Uhr eine Submission auf Lieferung von 34 000 1chZ kupferner, gekehiter Stäbe im Taxwerth von 88 400 Lire. Die Kaution beträgt 8900 Lire, die Lieferungsfrist 120 Tage.

Die näheren Bedingungen zu 3 und 4 liegen bei den genannten Behörden zu Spezia und Genua aus; die Be: dingungen zu 1 und 2 liegen in unserem Expeditionsbureau zur Einsicht aus.

_ Der von einem Angeklagten als Vertheidiger ge- wählte Rechtsanwalt ist, nach einem Urtheil des Reichs- erichts, 111. Strafsenats, vom 11. Oktober d. J., stil!- chweigend (auch wenn die Volbnacht die Substitutionsklausel nicht enthält)befugt zurSubstitution eines anderen Rechts- anwalts, wenn nicht besondere Momente dafiir sprechen, daß dem Mandanten an der Geschäftsführung durch den von ihm gewählten Vertheidiger in eigener Person gelegen sei.

_ Der General-Quartiermeister, GeneraL-Lieutenant Graf von Walders e 2, General Zi 13 Juin? Sr. Majestät des Kaisers und Königs, hat sich auf einige Tage in dienstlichen Angelegenheiten nach Kiel begeben.

_ Der Archiv-Asfistent 1)1'. pdi]. Heinrich Fin k e in Schles- wig ist aus dem Staatsarchivdienst ausgeschieden.

Bayern. München, 29. November. (Allg. Ztg.) Die Abgeordnetenkammer setzte heute die Berathung des Etats des Staats-Ministeriums des Innern fort. Auf die Anregung des Abg. Herrmann, daß die Staatsregie- rung ein einheitliches Backsteinmaß für ganz Bayern herbei- führen möge, erwiderte der Minister des Innern, daß in der allgemeinen Bauordnung von 1881 bereits für alle Re- gierungsbezirke fiir die Dicke der Mauern ein einheitliches Maß der Backsteine bestimmt sei. Zu dem Etat der Berg- behörden richtete der Abg. Heffert an die Staatsregierung die Anfrage: ob sie nicht zu einer Revision des Berg'gcseßes von 1869 dahin gewilit sei, daß den Grubenbesißern für größere, den Bergbau fördernde Unternehmuugen event. das Expropriations= recht bezüglich hierzu erforderlicher Grunderwerbung (anstatt des bisherigen Rechtes der Grundbenußung) eing€räumt werde. Der Minister_Frl)r. von Feilißsch erklärte: cs sei ein Bedürf- niß fiir eine 101che Revision der Staatsregierung bisher nicht geäußert worden, auch sei das Expropriationsrecht im Bergbau anderen Geseßaebitngen fremd. Ter Abg. Wolf sprach den Wunsch nach größerer Ausdehnung der geogiwsiischen Unter- suchung des Königreiches aus. _ Zu dem Etat der Sicherheit hatte der Finanzausschuß die Vsrmehruna der Zahl der Gensd'armerie um 10 iibsr das Mehrposiulat der Regie- rung selbst (20) und hiernach die Eihöhiltig des Postulats fiir Löhnungen und Bezüge von 2251572 „46 auf 2 262 996 «16 beantragt. Die Abgg. Ackermann, Maus und Wagner be- zeichneten diese Vermehrung als nicht nothwendig, da sie durch die Sichrrheitszusiände nicht bedingt sei. Der Mg. Lerzcr bestritt dies entschieden. Der Staats-Minisier Frhr. von Fei- litzsch befürwortete den Antrag des Finanzausschusses und theilte hierbei mit, daß sich die Zahl der Antibettelvereine in Bayern von 127 im Jahre 1880 und 909 im Jahre 1881 auf 1603 im Jahre 1882 erhöht habe. Es sei hier- durch allerdings das Landsireicherthum in den lebten Jahrén zurückgegangen. Trosdem reiche abcr der dermalige Bestand der Gensd'armerie nicht aus. Die Abgg. Jegel und Frißsche verbreiteten sich über die wohlthiitigen Erfolge der Antibeitelvereme “ihrer Gegenden und bezeichneten dieselben als wirksames Mittel zur Bekämpfung des Landstreicherthums. Nach weiterer Debatte erklärte der Staats-Minister unter dem Beifall des Hauses: es sei der Wil1e der Staaesregierung, daß die Gensd'armerie dem Schuhe und nicht der Chicano diene und daß sie auf die Beobachtung dieser ihrer Intention stets bedacht sei. Schließlich wurde die höhere Ziffer des Antrages dcs Finanzausschiiffes mit großer Mehrheit ange- nommen und der übrige Theil des Etats der Sicherheit gleichfalls nach den Vorschlägen des Ausschusses erledigt.

_ 30. November. (W. T. W.) Die Abgeordneten- kammer erledigte heute den Etat des Ministeriums des In- nern mit geringen Modifikationen nach dem Antrags des Aus: schusses, nahm hierauf den Etat des Königlichen Hauses fasi unverändert nach dem Vorschlage der Regierung an und ge- nehmiZte schließlich den Etat des Ministeriums des Aeufzeren ohne ebatte, unter Sireichung des DisPosiiionsfonds.

, Baden. Karlsruhe, 28. November. (Schwäb. M.) Die Erste Kammer hält ihre nächste Sißung, deren Gegen- stand die Adresse an den Großherzo ist, am nächsten Sonnabend; Berixhterstatter ist Geheim-Raih Schulze; fiir die Adresse der Zweiten Kammer der Abg. Kiefer. _ Die Vorlage über die neue Orkmmg der Verwaltungsrechtspftege regelt in

sachliche Zußändigkeit der Ver- waltungSgerichte, die allgemeinen Vorschriften des Ver- fahrens, sodann das spezielle Verfahren vor den Be- zirksräthen, die Voerristen über Berufung und Beschwerde, das spezielle erfahren vor dem Verwaltun s- erichtshof als erste Jnßanz, endlich die Vorschriften ii er ichtigkeitsbeschwerde, Wiederaufnahme des Verfahrens, Lwangsvousireckung, Anträge auf Vorentscheidung. Der ntwurf hält an den Grundlagen des Geseses vom I. 1863 fest und ordnet die Zuständigkeit nach einzelnen bestimmt benannten Kategorien von Streitfällen (also ohne die sogenannte (:]-21151113 Zaneraljs). Die so lange ge- wünschte Erweiterung der Zuständigkeit erstreckt fich haupt- sächlich nach drei Richtungen: nämlich auf die Beschreitung des Rechtsweges: 1) gegen polzeilicbe Verfii ungen, welche bestimmte Rechte verletzen und 2) gegen Anor nungen, durch welche die Organe der Selbstverwaltung durch die Staats- behörden zu Leistungen angehalten werden; dazu kommt 3) die Möglichkeit, solche Ansprüche vor den Verwaltungsgerichten zur Entscheidung zu bringen, bei welchen keinerlei vermögensrechtliches Interesse, wohl aber eine öffentlich rechtliche Vesugniß, wie z. B. bei Wahlen, auf dem Spiele steht. Das Verfahren beruht in Anlehnung an' die Civilprozeßordnung auf dem Prinzip der Ummittelbarkeit und Y-ündlichkeit, jedoch mit den durch die Besonderheit des Rechtsgebiets gebotenen Einschränkungen, welche einen Ausschluß des sogenannten Informativgrundsaßes nicht gestatten.

_ 29. November. (Schw. M.) Bei Beantwortung der Interpellation des Abg. Schneider von Mannheim, wegen des sogenannten W a h l e r l a s f e s , vertheidigie der Staats-Minisier Turban den Erlaß als eine vöilig parteilose Pflichterfüllung; die Nennung des Großherzogs war geboten, weil nur er die Landespolitik bestimmte.

' Hamburg, 28. November. (H. Corr.) In der gestrigen Sißyng der Bürgerschaft wurde die Berathung iiber den Bericht des Ausschusses zur Prüfung von Anträgen, betreffend Revision der Geießgebung über die Ham burgische Staats- angehörigkeit und das Bürgerrecht, fortgesetzt. Die §§. 5_8 des vorgelegten Gescßes Wurden ohne Debaite ge- nehMigt, darauf aber das Geieß im Ganzen in namentlicher Abstimmung mit 77 gegen 37 Stimmen abgelehnt.

Elsaß-Lothringen. Straßburg, 28.November. Das Geseßblatt fiir Elsaß-Lothringen veröffentlicht heute die Verordnung, betreffend die Einberufung des Landes- auss chus s es fiir Elsaß-Lothringex: zum 10. Dezember 1). ?.

48 Paragraphen die

__ 29. November. (W. B.) Die „Elsa - Lothringische Ztg.“ meldet: Auf das gestern von dem Commandeur des hier garnisonirenden Ulanen-

Regiments, Nr. 15 ein Se. Majestät den König vo_n Spanien aus Anlaß des Geburtstages des Königs gerichtete Telegramm, welches lautete: „Ew. Majestät bringt Allerhöchftdero Ulanen-Regiment, den heutigen Tag festlich begehend, die alierunterthänigsien Glückwünsche dar“, ist noch gestern Abend 111/2 Uhr die folgende Antwort des Königs eingegangen: „.)S 70113 rsmxzrcis tréZ-Ziuaérsmsnk (18 Wirtz aimädle féücjtatjon. Ü][)b0l180.“

Oefterreich=Ungarn. Wien, 28. November. (Presse.) Das ungarische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich gestern eingehend mit ]enen Paragraphen des Geschenk- wurfs iiber die Ehen zwischen Christen und Juden, die von der Religion der Kinder, von der Scheidung, der Wiederverehelichung und den im Auslande ge- schlossenen Ehen handeln. Jm Al1gemeinen machte sich das Streben geltend, das Entschließunngcht der Eltern bezüglich der Religion der Kinder unter Wahrung der dem Staate eventuell zustehenden Einflußnahme unversehrt auf- recht zu erhalten und die Ehe thunlichst mit Garantien der Dauer auszustatten. Die Ausschußanträgs wurden zum Theil unverändßrt oder mit geringen Modifikationen angenommen, zum Theil an_den Ausschuß zurückgewiesen. Hsute wird die Debatte fortgcyeßt.

In Bezug auf die Beseßung des Banusposiens ging der „Agramer Zeitung“ gestern von ihrem Viidapester Korre- spondenten auf telegraphischem Wege die Nachricht zu, daß die Unterhandlunaen, welche der Minister-Präsident Tisza mit dem Raaber Obergespan, Grafen Khuen-Hedervary, betreffs der Uebernahme der Banuswiirde gepflogen, einem günstigen Abschlusse zugefiihrt worden isien. Graf Khuen h::be sich zur Annahme der Banuswürde bereit erklärt, und es diirfte seine Ernennung auch in kürzester Zeit erfolgen.

Großbritannien und Irland. L o n d 011,29. November. (W.T.B.) Der deutsche Sozialist Wolf, welcher kürzlich under dér Beschuldigung des Besides zu ungeseßlichem Gebrauche bestimmter Expkösivsiofse vor dem Polizeigericbt in Bow- street stand, erschien heute wiedeium daselbst mit einem Franzdsen, Namens Bondurand, dessen Bruder von Wolf beschuldigt wird, ,das Komplot gegen die deutschs Botschaft angestiftet zu haben. In der Verhand- lung erklärte der Staatsprokuraior: die beiden Ver- hafieien würden nicht beschuldigt, als Mandatare einer politischxn Geselischast die Herbeiführung einer Explosion gegen die deutsche Botschaft beabsichtigt zu Kuben, sondern vielmehr eines_Complots zu dem Zweck, die olizei von der angeblich beabsichtigten Explosion in Kenntnis; zu se en und für ihre diesbezüglichen Mittheilungen dann eine Be ohnung ixi Anspruch zu nehmen. _ Die Verhandlung wurde schließ- lich auf 8 Tage vertagt.

_ 30. November. (W. T. B.) Der Prozeß gegen O'Donnel, den Mörder Careys, begann heute Vormittta vor dem Old-Bailey-Gerichtshofe unter großer Thei - nahme des Publikums. Der Angeklagte erklärte sich für nichischuldig, während der öffentliche Ankläger nachwies, daß es 1ich um einen Akt vorbedachten Meuchelmordes handle.

Frankreich. Paris, 29. Novsmber. (W. T. V.) In der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer interpcl- lirte Clémenceau über die Tonqkingangelegenheit und führte dabei aus: die öffentliche Meinung sei erregt durch das Grriicht, daß das chinesische Memorandum aus dem Vor- marsch auf Bacninh einen «35115 69111 mache. Der Interpel- lant verlangte dariiber Seitens der Regierung bestimmte Aufklärungen. Der Conseils-Präsident Ferry ersuchte die Kammer, die Jnterpeilation bis zu dem Augenblick, wo die erathung der Kreditvorlage stattfinde, _zurückzustellen' dann seienkauch alle Dokumente durch das Gelbbuch veröfientlicht

und die Kammer werde bei Kenntnis; der Ursachen des Me- morandums zu einer eingehenden Priifung schreiten können. Das Memorandum, anstatt ein Zeichen des Abbruchs zu sein, stelle vielmehr den Ausgan Spunkt neuer Verhandlungen dar, die gegenwärtig noch fortge eßt würdcn. Die Antwort Chinas werke unverzüglich erwartet. Nach weiteren Erklärungen

Ribots und Clémenceau's über die Rolle der Tonaking-Kredit- kommission beschloß die Kammer mit 308 gegen 195 Stimmen„

die Interpellation bis zur Berathung der Kreditvorlage zurück- zustellen. _Jn der sodann fortgeseßten Berathung des Etats führte der Finanz-Minister Tirard aus, daß die finanzielle Lage. befriedigend sei und mittels Klugheit und Mäßigung es, leicht sein werde, die Prosperität der lesten Jahre Wiederzngewinnen. (Beifall.) Baron Soubeyran bezeich- nete die Konversion als eine unzeitige Maßregel; der Staatsschutz habe zwar 34 Millionen gewonnen, das Publikum jedoch 1500 Millionen verloren. Er vermöge nicht die_ Nothwendigkeit einzusehen, daß man auf der einen Sxite 100 oder 60 Millionen zu Amortisationen verwcnde, wahrend man auf der anderen Seite Anleihen mache. Soube_yran verlangte die Streichung des Extraordinariums und die Verringerung der AuSgaben; er fand auch, daß die Arbeiter JU MLl Politik machen. Wilson beharrte bei der Nothwendigkeit, die außerordentlichen Arbeiten fortzuführen und hielt die Forderung der Kommission, die Amortisirung aus „60 Millionen zu beschränken, aufrecht, während der Minister auf einen Ymortisationsbetrag von 100 Millionen besteht. Die Debatte wird morgen fortgeseßt.

„Spanien. Madrid, 29. November. (W. T. V.) Die Zeitungen veröffentlichxn den Wortlaut des Glückwunsch- telegramms Sr. Majestät des Deutschen Kaisers" an Se. Majestät den König Alfons. In dem Glück.- wunschtelegramm heißt es:

„Als Andenken an den Aufenthalt Ew. Majestät in Preußen habe Ich Meinen Sohn, den Kronprinzen, beauftragt, daß er Ihnen heute das Reitsrstandbild des Großen Kurfürsten von Brandeiqburg überreiche, jenes Helden, der die Grund- lagen der Wohlfahrt Meines Hauses und Meiner Familie“ gelegt hat. Ich erlanbe Mir gleichzeitig, Meinen ganzen tiefgekühlten Dank für die Art und Weise aUSzudrücken, wie Ew. quesiät Meinen Sohn aufzunehmen geruht haben, der Mick) bei Ew. Majestät vertritt, da Meine vorgerückten Jahre Mit: nicht erlauben, persönlich den angenehmen Besuch zu er- widern, dessen Andenken sich immer unter Uns erhalten wird. Dix Nachrichten, welche Ich täglich von Madrid erhalte, be- weisen, bis zu welchem Grade Sie dem Kronprinzen Ihre- Sympathien zu widmen geruht haben, denen die Freundfchaft glxichkomntt, welche Jch Ihnen für Meine Lebensdauer ge- Widmet habe.“

_Der „Imparcial“ sagt: Kaiser Wilhelm drücke sich sehr herzlich und ohne die Formalitäten aus, an die man in ähn- lichen Fälien gewöhnt sei. Es sei nicht möglich, in wiir- digerer und klarerer Weise seine Wünsche kundzugeben, als es durch den erhabenen Begründer der deutschen Einheit für das Wohlergehen des Königs Alfons und der spanischen Nation geschehen sei. Leßtere sei sehr dankbar für den Beweis einer so besonderen Auszeichnung, die ihr durch den Kaiser Wilhelm zu Thsil geworden.

_ 29. November, Abends. (W. T. V.) Heute Mittag stattete, Se.KaissrlicheundKöniglicheHoheitderKronprinz. den spanischen Majestäten zu Alierhöchstihrem Hoch:. zeitstage “einen Gratulationsbefuch ab und übcrreichte JhrerMaiestät der Königin dreiprachtooüe Vasen, Er- zeugmße der Königlichen Porzellanmanufaktur zu Berlin.

An dem Diner, welches der deutsche Gesandte Graf Salm 25 heute Abend zu Ehren dss Königs und des Kronprinzen. gab, nahmen Mitglieder des diplomatischen Corps, der Mi- nister-Präsident, die Minister dss Auswärtigen, des Krieges und der Marinß, die spani1chen Generäle Novaliches, Campos, Echague, Blanco, (“:heste, ferner die Generale von Blumenthal und von LOS und der ObersdLieutenant von Sommerfeld Theil. Jm_Ganzen nahmen 24 Personen an dem Diner Theil; nach demielben fand ein Besuch des spanischen Theaters statt.

Vormittags hatte Se. Kaiserliche Hoheit der Kronprinz abermals dis Biliergalerie im Museum besucht und besonders eingehend die Werke der spanischen Schule besichtigt. Von da begab Sich der Kronprinz sodann in das Artiilerie: und- Jngenieurhaus und in dis Kirche und das Kloster Mocha, wo ali»: spanischen KönigsPaare getraut wsrden und wo sich das Grabmal des Generals Prim befindet.

. _ 30. November, früh. (W. T. V.) qute Mittag Wird der Kroziprinz eine Deputation der hiesigen deutschen Kol'ome empfangen, welchc eine Adresse Überreicht. An der Spiße der Deputation stehen: der Vorsitzende des deutschen Hülfsmreins, Hermann Becker, der Vertreter der deutschen Abtheilung der metallurgifchen Ausstellung und des Central- vereiiis fiir Handelsgeographie, Karl Dames, und der deutsche Gesandtschaftsarzt, 1)r. KisPert. Hierauf wird dir Kronprinz der Enthüllung des Denkmals JsabeÜas der Katholischsn bei- wohnen. Abends findet Hofbal] statt.

, Italien. Rom, 29. November. (W. T. V.) Gestern hielt diemministerielle Mehrheit der Kammer unter dem Vorjiß des Minister-Präsidenten Depretis eine Ver- s ammlung ab, an welcher 200 Depulirte mit Ein- schluß sämmtlicher Minister theilnahmen. Depretis redete unter großem Beifall und gab seiner Freude Ausdruck„ daß das Kabinet sich seiner Freunde erhalten habe. Er empfehle den Mitgliedern, sich za [reich an der heutigen Wahl von fünf Mitgliedern des udget-Ausschuffcs und zwei Sekretären der Kammer zu belheiligen. Der Redner thte sodann die hauptsächlichsten Fragen auf, welche zur * erhandlung gelangen werden, und sprach die Ueberzeugung aus, daß„ wenn er die Frage an die Kammer richtete, ob das Land eine ruhige und gute Administration wünsche und ob es dem Auslande gegeniiber an Ansehen gewonnen hätte, eine außerordentlich große Mehrheit der Vertreter diese Frage bejahen wiirde.

_ 29. November. (W. T. B.) Bei der gestrigen in der Deputirtenkammer erfolgten Wahl zweier Sekretäre und eines Mitgliedes der Zolltarifkommisfion siegten die ministerieüen Kandidaten Sangiuseppe, Ungaro und Zeppa mit 204, 181 und 193 Stimmen gegen die Kandidaten der Dissidenten, welche 124, 107 resp. 103 Stimmen erhielten.

An SlkUe Balans ist Tosti zum Subarchivar der geheimen Archive des Vatikans ernannt worden.

Rußland und Polen. S t. P e t e rs b u r g , 30. November. (W. T. V.) General:Lieutenant_ W a n n ow s ki hat die Leitung des Kriegs-Ministeriums Meder übernommen.

Ufrika. Egypten. Kgiro, 29. November, (W. T. B.) Von den 600 Matin egypttscher Gensd'armerie, welche geßern nach Suakim abgesandt_ worden, sind 268 auf der Fahrt von Kairo nach Suez deiertirt.

Zeitungsftimmen.

Der „Kölnrschen Zeitung“ wird, unter dem 22. d. M. iiber die gegenwartige Lage der rheinischen Industrie be- ri tet:

ck Während die Bericbxe aus den Rheingegenden über die Lage der Roheisenindustrte nicbdgunsiig [guten, wird über die dortigen Ma- schinenfabriken und EisengießZrexen mitgetheilt, daß dieselben fast ohne Außnahnie flott beschaftigt, sind. Das Gleiche gilt von den Keffelschwieden. Die Ma_scbmenbau-Akiiengesellsckzast „Hum- boldt' in Kalk, bat gegenwartig uber tausend Arbeiter in Thätigkeit. Die dorjige ' chemische Industrie erfreut sich im Allgemeinen fortdauernd „einer giinstigen Geschäftslage. Erweite- rungen und Neuanlagen in diesem Indixstriezwcige sind auch im vcr- floffenen Quartal wieder i_nehrfacb r*kixxanden. Die Schwarzpulver- fabriken baben voUe Beiwasttgung, ebenso die Bleickyfarbenfabriken. Die Tucbindustrie ar'bz-ixet nach wie vor unter günstigen Verbältniffen. Die bkdeutenden Militartu_chlieferizngcx1, welche in diesemJabre in Auftrag gegeben sind, gewahrexi fur diz iiacbste Zeit ausreichende Be- ishäftigung. Tro * des gkgenwartig' sehr niedrigen Preises der deutschen Lumpen bat die unstwoll-Industrie sich nicht günstiger gestaltet, was hauptsächlich dcr musrléch aufgetretenen Konkurrenz aus dem König-

- reich Sächsen zugeschrieben wird. Die günstige Lage der Jute-In-

dustrie im Kreise Bonn hat keine Axnderung erfahren. Ein? bedeu- tende Betriebserweiterung ist in einer der Jutefabriken iür die nächste Zeit in Aussicht genommen.

_ Die „Mecklenburgische_Zeitung“ enthält einen längeren, das Geseß, „betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter, vom 15. Juni 1883, behandelnden Artikel, der qus der Feder des Reichstggs-Abgedrdneten Hrn. Otto Büsing stammt. Der Schluß dieses Artikels lautet wie folgt:

Fiir die Arbeiter, i_im die es fich in erster Linie handelt, _kommt zu Gunsten der freien Hülfskaffen in Betracht, daß diese Kaiien aus ihrer freien Vereinigung hervorgehen und ausschließlich von ihnen selbst, ohne jede Bethciiixzung der Arbiiigeber verwaiist werden. Im Gegensatze zu den Orts-Krankenkaffen haben die freicn Hülsskaffen für die Arbeiter abkr dcn Nachtbeil, daß sie die Verficbcrungsbeiträge ganz, ohne Zuschüffe_ der Arbeitgeber zu leisten, _den zur Deckung der Aus- gaben der Kas]? erforderlichen Aufwand (1110 allein zu tragen haben. Dazu kommt als fernerer Nachtbeil, daß die freien Hülfskaffsn that- iäcblick; fast iwwer bestimmie Altersgrenzen für die Mitgliedschaft feststehen, so daß Arbeiter, die in einem niedrigeren oder höhcrsn als dem statutenmäßiq f(stgeseßten Lebensalter stehen, keine Ausnahme in die Kassen finden. Endlich ist noch als u_n- günstiges Moment zu erwähnen, daß die freien HMI: kassen ihre Mitglieder häufig zur “Uebernahme mancberlei lästiger und zeitraubender Dienste und Léiiiquen im Interesse der Kassen verpflichten. Ob diese Nachtheile der freien Hülfskaffen gegen- über den von dem neuen Gesetze geplanten Orts-Krankenkgsseq durch das wickotixie Moment der eigénen, von aller fremden Einmischung freien Kaffénverwaltung aufgewogen werden, mussen die Ar- beiter selbst entscheiden. Erst die Erfahrung kann lehren, ob unter der Herticbaft des neuen Geseßes der Schxrxr- punkt der Arbeiter - Krankenbersicberizng m den freien Hults- kaffen oder in den Orts-Krankenkasien , in denen dgs Geseh die Träger der ganzen Vsrsicberung sieht, liegen wnd. Aber auch wknn das erstere der Fal] sein sollte, wird man das Resuliat nur mit Freuden begrüßen können. Die Neigung, sich, ans freier Entschließung zu Krankcnkaffen zu vereinigen, war, wie die Erfahrung seit 1876 gezeigt hat, bisher bei den Arbeitern'nur in geringem Maße yorbanden. WEnn dies in der Folge anders wird und m Zykunfdfrenie Hülfskaffen in größerer Anzahl entstehen, so gebührt das Verdienst hiefur dem neuen Géscye, welchcs die Arbeiter vor die Alternative gestellt hat: entireder freie Hülfskaffen oder die Krankenkassen dcs'Gcseßes. Das Ziel, worauf es aUein ankommt und wclcbes durch die Gesetz- gebung von 1876 nickxt errcicht wurde: die allgemeine Kcankrnberfiche- rung der Arbeiter, ist dann erreicht; welcher Weg zu diesem Ziele ge- führt hat, ob freie Hülfskaffen, ob Orts-Krankenkaffen, ist am lebten Ende gleichgültig.

_ In der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“

lesen wir: _

Dem forischritilicbén Gebraucb cniwrccbend, benutzt der Abg. Bückytemann jede sich darbietende Gelegenheit, um die vom Reich- konzler vertretenen wirthsébaftlichcn Tendenzen durch Entsteilungsn der Aeußerungen di's Reichskanzlers zu diskreditirkn. Dem stenographisäyen Bericht zufolge hat der genannte Abgeordnete in der STYUUZ vom “27. d. MW., unter Berufung auf die Zunahme der Geitetdcemfuhr aus dem Auslande, die Behauptung aufgestellt: _

.Es geht daraus klar hervor, daß die Meinung, mxt weläzer seiner Zeit der Herr Reichskanzler die Eelrcidezölle vertreten bgt, “daß die inländische Landwirthschaft in der Lage sei, für die inlandiscbe Konsumtion auskeickzend zu produziren, unrichtig ist. Es ist daraus klar erkrnntlicb, daß, wsil Deutschland als Käufer von nothwendtgen LebenGmitieln auf VSU Markt tritt, nicht das Ausland den Zoll auf Getreide trägt, sondern das Inland, Damit ist die Erhöhung des Getreidepreifes durch die Zöüe erwiesen.“

Der Reichskanzler bat“ niemals behauptet, daß wir so viel Ge- ireide bauten als wir brauchten, er hat nur seiner Zeit nachchicsen, daß wir sehr visl mehr Getreide im Inland? produzirtcn als zur menschlichen Nahrung der Dcutsckxen erforderlich wäre. In seiner Rede über die Getreidezölle vom 21. Mai 1879 hat der Reichskanzler auf Grund von statistischen Daten dargetbanUdaß die deutsche Be- völkerung, wenn fie recbi hungrig sci, 140 Millionen'C-entncr Weizen und Roggen im Jahre essen könne; rechne man die Neugeborenen hinzu, so komme man auf einen Verbrauch von 146 bis 150 Mil- lionen Centner Weizen und Roggen. In der bezeichneten Rede heißt es dann weiter: _ ' , , _

.Wir bebauen, auf eine berhaltmßmaßtg geringe Ackerfigcbe voii den 54 Millionen Hektaren, die das Deutsche Reick) enthalt, mtt Winterkorn, Weizen und Roggen nur etwa 8200000 113. .D'avon befinden fich in Preußen 1 Million Hikiare Weizen _und, 44? Millionen Hektare Roggen. In Süddeutschland ist das Verhaltmß anders; es smd 1 200 000 da, die mit Weizen bestelit werden, und 1500000, die mix Roggen bksteUt werden. Die Weizen- und 'Roggenbestellung m PreuJen liefert nun nach den Tabellen des statistischen Bureaizs einen rlicben Ernteertrag, im Durchschnitt dcs gayzrn Staates in Roggen und Weizen ziemlich genau von derselben Millionenzahl, wie das deutsche Volk bei ZF Ctr. Konsum pro Kopf verzehren kann, das heißt, von 146 Millionen.“

Sodann wird nachgewiesen, das; die m 'S'uddeuischland bebauten 2700000 ba zusammen mindestens 70 Millionen Centner Roggen und Weizen aufbringen, so daß das Gesamwiyrodukt der eigenen Ernte sich auf 220 Millionen Scheffel derjenigen Korngattungen be- lauft, ivelcbe zur menschlichen Nahrung verwe'ndet werden". Der Reichskanzler schließt seine Ausführungen damrt, daß zunacbsx die Verwendung der nach der obigen Rechnung „dexn Nahrungsbcdczrf uber- steigenden 100 Millionen Centner nachgew1e1en werden muffe, ehe bkbauptet werden dürfe: „daß wir Hunger leiden würden, Wenn heute die fremde Einfuhr ganz gestrichen würde.“ . '

, Unser Bedürfniß, behufs industrieller oder landwirtbscbaftlicher Verwertbung mehr als das zur Ernährung nytbwendige ontkorn zu haben, ist minder zwingend als das Bedurfmß der Lander des Schwarzcn Meeres und Nordamerikas, den Ueberschuß. den sie an- bguen, in baares (Geld umzusetzen. Das Absaßbedurfmß der Korn- lander, die das 10- und 20facbe ihres Bedarfs (m_ Gleeide uiid weiter nichts hervorbringen, ist dringeuder als das Kausbedurfmß einer Be-

völkerung, die selbst mehr Brotkorn, als Lie zur Ernährung von Menschen und Vieh bedarf produzirf. Deshalb muß der _geldbedürf- tige Kornproduzent den Zoll bezahlen, nicht aber der Deuncbe, der es ihm abkauft, wenn er will und__wxnn er Verwendung dazu hat ohne durch das Ernährungsbedürfniyz dgzu geszn„ßen_ zu sein, Agck) bei einer wesenilichen Erhöhung derxeßtgen Getreidezolie wurde dicies Verhältniß dasselbe bleiben.

Statistik the Nachrichten.

Naa; Mittheilung des Statistischen Amts der Stadt Berlin sind bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 18. November bis inkl. 24. November cr. zur Anmeldung gekommen: YZ b(Efbensibließungem 867 Lebendgeborene, 37 Todtgeborene, 556

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Kunst, Wissenschaft und Literatur.

.Die Naiionalgefahr,'_ vori Raoui Frary, preis- gskrbnt von der Académie francxaiie mrt deiii km;; Yoytbygn.___Aus dem Französischen von Scheller, Lieutenant im Konxglicb sacbmcben 1. Husaren-Regiment Nr. 18. Hannover 1884. "elwingsckße Verlags- Bucbhandlung (Tk). Mietzinsky, Königl. Hofbucb andler) Pr;4.46, _ Das Vorliegende, nicht ohne Grund preisgekronte_erk bietet mit seiner angenehm berührenden Mäßigun9,„ seiner objektiven Beurthei- lung dér gegenwärtigen Lage Frankreichskemen bemerkenswerthen Gegensaiz zu der Haltung, we_lche die Pariier, Bonlevard- Preffe bei der Behandlung dieser Fragen belic_bt_._ Scbqn in dem Vorwort weist der, Verfaffer_ dic Chauvmtiten nut bestimmten Worten von sich, indem er 1agi: „„Der Leser,we1chcr möchte, daß man sicb über unser Vgterland nur in Lobeserhebungsn crgehe, der nicht zuciiebt, daß em Frayzose das Unrecht, die Schwächen und die Fehler seiner Generation xrkennt uind _gesteht, kann dieses Buch wieder dci Seite lcgßn; er Wurde zu bwl in dem- selben finden, was ihm als Entwürdiguxig erscheinc_n_ mußte.“: Und an einer anderen Stelle erklärt er: _selr; Buch 121 an dieiesnigen Männer gerichtet, die Frankreich aufrichtig ur-d stark genug [i_eben, um männlich eincr Zukunft entgegenzublixken, die man nicht beseitige. indem man die Augen schließe. Nicht alio vyn der Revanche, sondern von der Sicherheit der Existenz Frankreichs wlle das Buch bandeiii; er wolle nur die Mitiel suchen, um em 116UL§U11J1UckÜZU verbxn_- dern und zuerst die Gründe angeben, weshalb daiielbs zu, f'uxchtcn iel. Das; dem Verf. in dem Werke selbst trotz al1er Objekttmtai manche Bitterkeit geg-In den deniscben Nachbar, matxébß durckaoreingcnom- menbeit und Trübung dcs Urtbcils sehr erilarliche Harti; wir unter- läufi, ist wohl cntschuldbar; ja sein'Patrthmus m'uß zins sogar mit hoher Achtung crfülTen, rvenn wir bcobachten,_ wie, ein Mann, der im Uebrigen die Dinge so richtig ansieht und 10 gsistvoü denkx, mir zu schnell die Klarheit verliert, iobald 'der Feind und die von ihm Vermeintlich drohenden Gefahren in Frgge komwen, gegen die er sein geliebies Vaterland „Vertheidtgen iziocbte Das erste Buch, welches von den Nationalkrregen, dir Utopie des ewigen Friedens, dem Einsatz bei dem mod_ernewKrieae und der nothWendiJen Kriegsbereitsibaft handelt, en_thalt Vieles Wahre und Lesenswe-rtbe, aber schon das zweite, „betitelt: „Di? Jnvanon der Germanen“, enthält neben richtigen, gsijivoücn Urthetlen manchkrici auffällig Sckziefes, namentlich, Was die dem NacYbar uniergelegten Absichicn anbetrifft. Gleichwohk wird der_Verfaner unserem Herr- scherhause und seinen Verdiensten um Deutjcbland ebenso ,gerecbt wie der Bedeutung des Staatsmannes, der bei der Wiederaufrichtung des Reiches so Mächtig mitgewirkt hat, und der, wie er sagt„ kdurch seine Staatskunst der SchiedSricbter Europas geworden, sei. Nur Wenn er ihm sogar in seinen .Träumen“ nachgeht, verlreri er den festen Boden und gcfälltx sich in WUUÖLkllÖL'n Konjekturen. Von unserem Herrscherhause ]agt er wörtlich: ,Die Hohenzoliern haben den Nationalcharakter verändert; indem sie ihre Ve- fiizungen erweiterten, begannen „fie die Erziehung ihrer Unter- thanen von Neuem. Die Könialichen Intendanten bcrstandcn wie kein Anderer die Kunst, große Pläne mit geri_ngen,Mijteln z_u vcr- wirklicben. Sie besaßen ein arnics, raumlich beschranktcs, spärlich bevölkertes Reich, doch dabei_cin zahlreiches, tapferes, immsr schlagfertiges Heer, einen „gefullien Staatsschutz. Sic Waren bart, sparsam und beharrlicko; fie prablten nicbt init ihren ritterlichen, zéigten aber mehr als alle Menschen ihre nützlichen Tugenden; sie Verstanden es, die Gelegenheit abzu- warten und dann zu ergreifen. In dem Gcnusse ihrer Macht wiirden fie nicht träge, berauschten sich nicht an l'eerem Prunk und brgnugten sich nicht mit Vcrsprechungcn, wenn die Stbnde „des Sieges ge- kommen. Sie führten keine Kriege fur. 6111611 Gedanke:), für irgeid welchen Glauben, noch aus Eigenliebe, so wie Ludwig 11117. . .. Die Könige von Preußen smd klare und be- stimmte Männer, fie sagxn nichti_ der Staat bin ich! aber sie denken ununterbrochen an die Größe dieies Siaatks, . . Der Adel lehnt fick,) nicht auf, die Geistlichkeit überhebt fick) nicht, die absolute G2-

walt ist nicht selbstsüchtig. Die 'Untert'banen veredeln ihren Gehorsam, indem sie ihn „freudig leisten. Die Verwal- tung ist mächtig, nicht wie anderwarts besorgt, trage, korrumpirt. Im Siege keine Verblendung und Ueberhebung .....

keine Spaltung im Unglück: der bei Jenq geschlagene. in Tilsit ge- demüthigie König büßt nichts an seiner Autoriiat em.“ _ chbdem Fran) dann die Ausfichien im Kriegsfalle erörtert urid die Bilanz einer möglichen Niederlage gezogen, wendet er friih 111 dem Z.,Buch der inneren Lage Frankreichs zu. Dieser AbsÖant ist der wcttans be- deutsamste und als wirklich beherzigenswertb von den Einsich- tigen unter seinen Landsleuten Mit Recht eines Ehrcnprciscs fiir würdig befundcn worden. Der Verfasier , mmmf darm zur Grundlage der Beurtheilung das Frankreich" v'om Jahre 1881, rekapitulirt die Lehre, welche das, Unglucksjahr 1870 darsteÜe und bezeichnet die Fehler, Welche die Katastrophe herbei- efiihrt, nicht als solche des Verstandes, sondern des" Charakters. sZlber er läßt es auch nicht an Trostgrunden fehlqn fur solche, die dieser bedürfen, denn eigentlich babr fich Fraiikreicb mcht_ ,nur zu schneil getröstet, sondern auch zu schnell durch myere Streittgxeiten zersircuen lassen. Die Heftigkeit, imt der sich die Parteien taglich mehr bcfehden, sei nur geeignet, drm Lande zu schaden. Man böte nicht selten die Behauptung, daß sich Franreick) im Ver- fall befinde, und man könne einer Beantwvrtung dieser Fracze nicht mehr ausweichen. Da sei dknn nicht_ zu vxrl)ehlcn, daß die Auf- lösung der konservativen Kräfte der Gesel11chgftm der Thatd Fse Gefahr näher rücken lasse, weil der religiö1eGlaube immer mehr „erlosche,'ohne durch feste unumgängliOeMoralg-xseße ersetzt zu werden. Einen Theil der Schuld mi t der Verfasser der Demo'kratie zu," der_ er jedoch in dem folgenden apitel wieder mancherlei Zuqeftandznffe macht. Ohne Zweifel seien wirkliche Gründe zur Bssorgmß borhandxn _und Symptome der Verschlimmerung (ils Vorboten eines wirklichen Verfalls nicht zu verkennen; dahin rccbn'et der Verfasser dre_Ab- nahme der Fruchtbarkeit, die häufige Wiedarkehr der Revoiiittonen und den Fortschritt des religiösen und moralischen Skeptictsinus. Zur Ablenkung dieser inneren Erfahren sei, die Vervdilkoninzniing der Jugend-Erziehung das beste Mittel, obgleich ficb freilich, wre der Verfasser meint, die Tugend nicbt lehrenqlaffe; zur Ablenkung der äußeren sei eine Verstärkung der Sirettkrafte des LWdes nothwendig. Diese „nothwendige Anstrengung“ bildet auch den Utel des leßten,

4. Buches, in welchem der Verfasser besonders "energisch für die militärische Erziehung „_der axsaznmtcn mannlichen Jugend und für die obligatorUcbe Einfuhrung dieser Cr-

ziehung eintritt, ein Gedanke, der „übrigens inzwischen bon Paul Vert aufgenommen und durch die Bildung der „Schulbataiilozie zur Ausführung gekommen ist. Wie sich darin 10 Igbrx ipäter die Lage verbessert haben Werde, stellt Frari) im iiacbsten Kapitel dar," In den folgenden beantwortet er noch einige Einwendung'cn und erortert die Bevölkerungsfragc, für deren Lösung er u. a. einerseits ein; Besteu_erung der Ehelosigkeit und andererseits die staatliche Unterstuéung kinder- reicher Familien in Vorschlag bringt. Mit der Ma nung, alies

daran zu ießen, um im Falle der Gefahr bereit und Fertig zu Hein, schließt das aedankenreicbe, mit hohem sittlichen Ernst gescbrie ene, für jeden Politiker sebr lesenswcttbe Buch.

Land: und Forstwirthsthaft.

Jm Vsrlage von M.Heinfius in Bremen erschien soeben: and- bucb der Käserei-Tecbnik von 131". von Klenze, mit 1 4Holz- schnitten und 33 autoibriscben Tafeln. (Preis broscb. 16 „M., geb. c. 18 „ja). _ Tse großartige Aus1chWUng, welchen die Milckpwirtbscbaft innerhalb der letzten fünfzehn Jahre genommen hat, erstreckt fick,), wie der Verfaffer ausführt, weitaus zum größiewaeile auf die Aus- bildung der Technik und die wiiienickzaftiickoe Fundirung der Aufrabmung und der Buttergewinnung. Dieie Vorgänge sind, wenn auch weitere Forschungen und Verbefferungen noch statt- finden werden, doch bis zu einem gcwiffen Grade bekannt, so daß in der Praxis rationelle Methoden als solche bestätigt werden konnten, nach denen nun gearbeitet wird und die fich immer mehr verbreiten. Anders sieb? es mit der Käserei. Diese befindet 1ich in einem _Zu- stande vokikrmmener (Empirie; die Kästr (Sennen) kennen haufig kaum dgs Handwerksmäßige ihressebrscbwierigen Gewerbes, von Vor- krnntniiicn, die dazu eigentlich nöthig smd, wissen sie in der Regel nichts mid die Praris kann dicse auch nicht nach langer ZM, erseßcn. , Diejes Handbuch, welches berufen sein dürfte, einrmerkltcbe Lücke in der Literatur der Käserei, die bis jeyt höchst stisimüitcrlrcb be- handelt ist, auÉ-iufüllen, kann aUcn Landnirtben bestcns embfohlen werden. Der Autor, als Fachmann wohl bekanxit, giebt als Zweck_ _ BUMI an, daß daffele dir Kcnntniffe der Eigenicbaiten drs Urmaicrials, der Milcb, untsr normalen und anormnlrn Einflüffen vermittsln, dann die ailgemeine Technik als Fundamentalwiffen für die gesammte Käserei enthalten, imd endlich verlässige und kritisch brleuchtete Fabrikationsmethode'n für die_ ver- schicdenen Käsksorten angeben, [(Zweit fie “zu erlangen waren, irwie auch die Nebenfabrikation dsr Kaiefczbrikaiion behandeln soll. _

Von dcm lehrreichen Inhalt ieicn hier die wichtigsten Kapitel angeführt: 1. Die zur Käserei VSTWLUÖZTC Milch; Zusammensetzung imd Bestandtbcile der Milch, Einflüffe auf die Lua1ität der Milch vor dcr Sekretion, Einflüsse aui die Qualität der Milch nach der Sekretion; Milchfel)!er. 11. Allgemcine chbnik. Die Prüfung der Milch, das Vorwärmcn der Milch, das_Färbcn der Milch, das LZH, dié Bcarbcitung dss Bruchs, das Preiien, das Salzsn, _die Ka]?- rcifung. 111. Spcziells Tecbnik. Die Fabrikgiion dcr bericbiedexixn Käsesorten: 1) Labkäss, &. Weicbkäse, 11.Haxtkäxe. 2) Sauernnlcbkaie, Z) Käse aus Molkénbesiandtbeilen, 4) Pflanzenkajc. 17, Neben- produkte dcr Käierei. (Die Molke.)

Geiverbe und Handel.

London, "29. Norembcr. (W. T._B.) Bci dcr gestsrn ab- gshaltencn Wollauk'tion waren Preise isst.

New-York, 29. November. (W. T. B.) Dkk Wirth der Waareneinfubc und Ausfuhr dcr Vereinigten Staaten während dcs [Lyicn Ncchnnnqßjahrcö betrug 1547 Millionen Dol]., die höchste bisher erreichte Ziffer.

Verkehrs-Anftalteu.

Triest, "29. NOVLmbék. (W. T. B.) Der Lbovd'damvier „Eiiorc ist aus Konstantinopel heute Vormittag hier eingetroffen.

seines

Berlin, 30. November 1883.

Das „Journal des débats“ enthält in seiner Nummer vom 29. November einen längéren Aufsatz iibsr die Versuche, welchein Frankreich auf den unterirdischenTelegraphen- linien gemacht worden sind. „Aus der Darstelluxig geht hsrvqr, daß die unterirdischen Kabél sich auch M Frankreich, miedies 111 Deutschland bereits feitJahren festgesteÜt ist, durchaus gut be- währen und daß alleBefiirchtimgen (Störung durch Induktion 2c.), welche bezüglich dieser Anlagen jriiher' gehegt wurden, fich auch in Frankreich als unbegründet crwwsen haben. Bekgnnt- [ich hat Deutschland zuerst mit Herstellung eines unterirdischen Telegraphsnncßes begonnen. In dem Zsitraun) vdn 1875 biszum Jahre 1880 sind im Reichspostgebiet, die Wichtigsten Waffen:, See: und HandelsPläHe durch unterirdische Telegraphen buer- bunden worden. Die Gcsammtliinqe der Kabel betragt 5616 km, dis Länge der Leitungsn 87 933 ](m. Das under- irdische französische Telegraphenneß, mit dessen Herstellung im Jahre 1879 begonnen wurde, umfaßt gegenwartig 2500 km Linien und 18 000 km Leitungen.

Ein neuss Lustspiel Glück bei Francn pon Gustav von Moser ging gestern im Königlichen Schauspielhause zum ersten Male in Scene und fand bei dem sehr zahlreich versammelten Publikum einc recht beifäilige Aufnahme. Die Wahl drs Titels steht mit dem Inhalt des Stückes nur in leichtem Zuiaxmnenbinge und_wrrd nur sehr oberflächlich in Bezug auf das Swickjal zweier Manner motivirt. Alfred Bona hat bei der r? ien Frau crst Giuck,_ als er sich zum Aufgebm seines berufßmäßigcn .Rtchtbthuens“ eytjchlixßt, und Max bon (Güsen gewinnt trotz seiner bescheidenen Ansickyt uber die ihm von dcn Fraucn gewidmete Tbeilnahme schneli das begehrte Mädchrnbcrz durch sein edles und willcnsjtarkes Auftreten. Neben diesen zwei Paaren nimmt im Rahmen des Stückes iind'm der Thril- nahme des Publikum?; ein junges schindUendxs und schliefilich sicb bersoh- nendcs Ehepaar cinen großcnRaum ein.Mitder1chonhierdurcheigrgcr- maßen gekennzeichneten Führung der Hcindlunxz tritt die schwacbcre Scife dés Stückes soiort hervor. An die Stelle der zu erwartenden (Einheitlichkeit der Handlung treten eine Reihe komi1chcr und lebcns- vvlier Scencn und Figuren, welcbe mit der ganicn munteren Behag- lichkeit und anmuihigcn Leichtigkeit gezeichnet find, weiche die Mo- serscbe Schaffenskraft auszeichnen. Bei einem Publikum, welches vorzugsweise Lilikn hsitcren Abend als 1em Recht beansprucht, Werden solche dramatische Leistungen ihres Erfolges, immer _fichcr sein. _ Die Darstellunz war in aÜen Thcikcn " sowie im Ensemble eine durchaus gelungene. Alien voran glanzic wieder Fr. Frieb-Blumaucr (Frau von Gitscn) m der Rolle der vornehm denkenden und aucb vornehm sicb gebenden adligen, altxn Dame; ihre Leistung, besonders im zweiten Akte, in welcbern ihr em größerer Raum zur Entfaltung ihrer unvergleichlicben schauspielertscbcn Begabung zu Gebote stand, riß das Publikum wiederholt Zu lautem Beifall hin. Im Gegensahe zu der alten Da_mc von Geblut h_racbfe Hr. Krause als einfacher und nüchtern vcrstandixier. Getreidehandler .Holzmann“ seine Meisterschaft in der Charakteristik zur Geltung. Eine köstliche Scene gab es, als diese bcidcn grundberscbtedcnen und doch im Innern gleich herzenöguten Menschen fich ndhcrtcn und fich verstanden. Eine besondere Anerkennu'ng verdient noch das Spiel des Hrn. Licdtckc (von Sensenbcim); er gab den alten Cavalier, der sich nur für Stammbäume, und die geicllscbaft- lichen Formen altmodischer Höflichkxit iiitcrxsfixt„ tn Maske und Spiel vorzüglich wiedcr. Auch die ubrigen mttwrrkendcn Kunstler füllten ihre Rollen mit Geschick und Gclscbmack aus zind halfcn'das schöne Enirmble bilden, welches wicderwlt den rauichcnkcn Beifall des Publikums herausfordertc, Auch der Vcrfaffer nahm an den Ehren des Abends Theil und mus;te__nach dcm chilen, dritten und vierten Akte dem Hervorrufe Folge lcizten.

Im Concerthause wird Hr. „Hof-Mufikbirektoc Bilse morgen wicdcr eine interessante Novitadzux Auffuhrung bringen, nämlich vier Nummern aus der „Oper „Heinrich WUK von Samt- Saäns, welche eine Art Suite fur großes,Orchester bilden und,wie folgt betitelt sind: Einleitung und Auftritt der „Clans“, schottixcbe Idylle, Zigeuncrtanz, Giaue und inale. Den symphonischen T eil des Concerts bildet Beethchns he tere O-äur-Sympbonie.