Friedrich der Große nach Catt's „Memoirenk. (Fortsetzung.)
Der König weiß alle seine Generale vortrefflich nach ihrem Werthe abzuwägen: „Mein tapfrer Zieten ist kernig und" kübn; Erfolge können ibn ebenso wenig stolz machen, wie Unalucksfälle entmutbigen: er ist zufrieden, wenn es zum Schlagen kommt. Aber er hat eine merkwürdige Eigenheit: unfähig, eine nur einigermaßen erträgliche Diéposnion zu treffen, „bevor er _das Terrain gesehen bat, trifft er, sobald er es gesehen, dte auSgezetcbneteste,_ und das mit einer Schnelligkeit, mit einer Klarheit, mit einer S1cherbeit, welche in Erstaunen seßen! Er braucht nur einen Augenblick, um zu sehen und fich zu entscheiden.“, „ ,
.I" Seydliß sab [ch, als'er' noch Fabnrtch mar, den großen General Und den Marschall, jrte ich den General in dem Landmann CzeüriNDragoner-Cbef) gesehen habe ..... Seydlitz bat Kenntnisse, welcbe nie versagen, eine lebhafte Axtion: er versteht es, wie kein Anderer, überall Rail) zu schaffen, dre g(siörte Ordnung wicderberzu- stellen, seine Vortheile 9u§zunutzen', und ich habe nok!) Niemanden ge- sehen, der von seinex Kava_[1crie einen so voÜkommenen Gebrauch zu machen verstanken batte, ww er! Schade für ilm und für den Staat, daß er dem Vergnügen„und den'Frauen zu sehr ergeben ist! _ Czettriß bat ni_cbt so glanzende_Etgenschaften; was ihn auszeichnet, ist seine Zuverlasfigkeit und fem gesunder Verstand, der sicher das Ziel trifft _ aber er is? langsam.“
Schweriq ist „ebe'nw'tapfcr wie klug, aber zu lebhaft“, sonst
nach dcs Könxgs Urjbxtl'emer dkr größten Generale aUer Zeiten.
' VMI Yxtn'zeanetnncb sagt der König: ,ein Prinz von großer Liebensnzurdtgkett, uhetreich an Talenten und an Tapferkeit, edel wie ein Köntg', und spater (November 1759): „Mein Bruder hat seine Barke meisterhaft geführt; das ist cin PiloU'
' szxh dte L_]rtbxile des Königs über die feindlichen Generäle, über dte K*aUerin-Konigm urxd Kaunitz smd Belege für seine Gerechtigkeit.
Daun. so oft er"1bn auch mit seinem Spojte heizt, war doch
nach unbefanaen_er Wurdigung .thätig, von äußerster Bravour, ein ge'sckpworener Femd der Ruffen, die er unterjochen Wollte; konnte die fetndlichen KavaUerieYosten nicbt leiden und verjagte fie, Wo er fie fand; er war wobltbatig und gut, weinte über die Generäle, die er vexlorks _ Jn Rückficbt auf seine negative Taktik, Welche die Schlacht prrnziptel] vermeidet, vergleicht er ihn gern mit dem römischen Fa- bius cunz:tat0r._ Aber auch Hierin will er ihm ein Paroli bieten; e_r sagt (tm Marz 1759): ,Die Herren Oesterreicbcr, welche denken, 1ch konnte nichts anderes thun, als nur immer vom erer ziehen, w_erdcn fich rieEMal irren, und ich werde ihnen in diescr Campagne zeigen, Haß, Wenn der große Fabius Ein Pfund Blei im Leibe hat, mb auf jeder Seite zwei babe.“ _ ' Von Loxrdon heißt es: „Chemo brav wie intelligent, soll er fich UU Gefecht uber ach Maß fortrcißen laffen“, _ aber anläßlich der Plünderung von Landshut sagt der König: „London und Konsorten haben ficb aufaefübrt wie Barbaren.“
, Mczria Therefia und Kauniß beschäftigen den König begreif- ltcherwetse sshr oft._ Einmal Entwirft er ein Gemälde von ,den Talenten der Kaiserin, von ihrem Muth, ihrer Wohltbätigkeit, 1brem Edelsmn und ihrer unantastbaren Tugcnd: Es ist uzahr, fie _1st meirze Feindin und hat mir viel Böses zuge- fugt; (1er tcb muß tbr die Gerechtigkeit widerfahren laffen, welche fie Verdient; man Hebt selten Fürstinnen wie sie!" _ Ein andermal ulrtheiltneryber die „Kaiserin und Kauni?! „Ick muß gestehen, daß diese Furstm wegen threr Sittenr'einheit ie höchste Achtung verdient: wezxxg Frauen gleichen ihr in diesem“ Punkte! . . . . Sie ist sehr tbattg tznd hat Talente in mehr als einem Fach: ich kann ihr diese Gerechtigkeit nicht Versagen, eben so wenig Kauniß, daß er cmerx guten, Kopf hat und ein sehr großer Staats- mgnn rst: kexner von unsLren jetzt lebenden Staats- nxannern" komxnt th ncxbe. Wer diesen Kauniß bei seiner Toilette sabe, wurdc Pcb nicht traumen laffen, daß er so gewandt ist, und so außerordentlich gewandt!“
Ueber das Verhältniß, zwischcn Vater und Sohn giebt eine Reihe vyn Aeyßexunge'n des Kö'mgs nähercn Aufschluß, die den .Memoiren' etgenthutpltch smd. Mtt welcher Vorficbt derartige Berichte und Urjheilegr) dcr Rege1 aufzunehmen find, hat Ranke an den Memoiren der Marxgrafm vorx Batxezxtl), die ja eben auch den Vater betreffen, gezeigt.*) Gewahrsma'un tst frexljcb nacb Catt auch für diese Berichte der König s lest.
_! „Welch „schrecklnber Mann!“ so läßt Catt den König über seinen chfer urjkxexlen; ,aber auch, welcb' gerechter, kluger und für die (Ge- schafte aeborencr Mann! Sie kaben keine Vorstellung von der großen_Ordnuya, _Wc!che er_ in aÜe Zweige der Regierung aebracbt bat; „niemals 1st cm Furst fabigsr geWLsen als er, auf die kkeinsten Delmls einzugehkn, [znd er that dies nur, wie er sagte, dem Staat in MW semen Tbetlen dxn höcksstcn Grad der Vonommenbeit zu ehen; aycb danke ich Es setnkr Some, feiner unermüdlichen Thätig- ett, 7,21an Polttxk, w21che beständig mit der heimlicbsten (Herecbttgkext Hand m Hand gina, seiner großen Und wunderbaren Schrsgmkcxt Un?) der strsngen Diöziplin, Welche 21: unter seinem Mtlttar, samer etgensten Schöpfung, bandbabte, daß ick) im Stande gewesen bm, ,alles das zu leisten, was ich bis jetzt geleistet habe. Er WZ erstaun_ltch raub in seinen Sitten, aber auch von einer fast un- erborten Harte gegen die' Sitten anderer; mit ihm war nicht zu spaßsn: sem Rohr und sct'pe Fußtritte verfolgten nur zu sÖneÜ Die- jenigen„ Welche das Ungluck [Wien, in gewissen Augenblicken übler Laune 1bm urxter die Augen zu jreten.“ _ .Es bleibt ewig Schade, daß mem Vater, bei seinem seltenen Verstande und den red- lxchsfen Abs'zcbten, ßch durch (102 die Vorurtheile, die man ihm einzuflößen Wußte, besttmxnen [!!,-J, und daß er einen so ct11schiedenen WiderWiUen gcgen Yües zcngte, was Philosophie und Literatur heißt: diese Dinge
Waren 1th geradezu antwatbtscl) . . . Ich habe niemals bcgreifm konxxen, WW meirz Vater bei so viel Vustand und Einficht kein (Gefühl dafur hatte, Wie sebr cinem Fürsten daran aeleaen sein müsse, Unterthanen zu_ haben, Welche duréb die Wiffenféhaften und etrxe gute Pbrchsopbie aufaeklärt smd, und daß es ein gr-Écres Ungluck fur einen König nicht geben könne, als über un- wi ende und cben deshalb gewöhnlich abergläubische Unter1banen zu bexxschen!“ _ „Glauben Sie nicht, daß mein Vater uns böse Bexsprele_ gegxlzen habe! nur gute hat er uns gegeben, und die Fehler, welcbe seme Kmder „begeben konnten, waren ihre eigenen Fehler; mein Vater war daran nicht Schuld. Er War gewiß in jeder Hinficht ein braver Mgnn, ynd er war buchstäblich ein philosophischer König in des Wortes etgentltchster Bedkutung: vielleicht ist er darin zu Weitgegangen, daß er zu viel von der mcUschlichen Natur verlangte, indem er wollte, Ygß seine Unterthanen und seine ganze Umgebung ebenso s_t_renge (?Uten Haben soüten, wie er fie haxtc.“ _ „Trotz allsr Au- ]affe zur Bxschwkrde babe ich nicht aufgehört, meinen Vater zu ver- ebrkn, und :ck habe sexnen gxzten Eigenschaften die Gerechtigkeit wider- fgbren lassen„Welcbe ße verdrcnten. Er hatte manchmal Augenblicke cxnxr erstaunlxchen Gute. Sie würden gefaßt haben, das sei die ge- fublvoüste Seele, Hören Sie einen Zug, Welcher Sie überraschen wird. Mein "Vater hatte Grund_ zur Klage über einen seiner Adjutanten und zurnje ibzt schon wabrmd einer Woche. Eines Tasks ließ er seinen Rath Etcbel rufen und befahl ibm, fich in ein Zimmer zu be- geben, in welches auch der Adjutant eintreten mußte. Der König kommt und gßbt auf den Adjutanten zu. _ .Sie haben gefehlt“, sthe er zu thm; ,ich habe gerechte Ursache, über Sie Klaqe zu fuhren, r§ch1fer1igen 'Sie fich nicht! Es ist schon eine ganze Woche ber. daß zch Sie meinen, Unwillen fühlen lass' ich kann nun nicht mebr'_Wetter, ich verzxthe Ihnen, machen Sie es ein andermal besser. _ und er gab 1bm einen Schlag auf die Schulter, wandte sich dann zu [einem Rath und sagte: ,Ich habe Sie bisher befohlen, um Zeuge meines Verhaltens zu sein.“ _ Der Adjutant weinte sehr und gestan'd ein, daß er gefehlt habe: von diesem Augenblicke an hat ex nie wteder Veranlqffung Kur Klage gegeben.“ _ „Eines Tages streß mein Vater auf seinem Spaziergange ein junges Mädchen; es
*) „Zur Kritik preußischer Memoiren“, 1848. S. 15 ff., besonders S. 27 Und 28 Vergl. aucb Droysen, „Geschichte 5er preußischen
. Zuerst )voUte er lachen; dann aber sagte er, ärgerlich auf sich selbst, zu emem von seiner Begleitung: „Ick babe zur Unzeit gelacht; dieses Mädchen hat ficb vtcl1e1cht Schaden gethan: man gebe ihm 30 Thaler!" - „Oft gestand er sein Unrecht ein; das begegnete ihm bei einer außerordentlicbey Gelegenheit. Mein Vater ließ seinen Sekretären nnd Rätben Etcbek und Schumacher anbefeblen, unverzüglich auf das Schloß zu kommen. "- .ch babe Euch wegen Ziner wichtigen Angelegenheit rufen lassen“, sagte er, „welcbe das ttefste Gebeimniß fordert; nehmt Euch wohl in Acht! Wenn die Sache bekannt wird, so muß einer von uns dreien darüber gesprochen haben, u_nd der Teufel soll ihn holen!“ _ Und er entließ fie. Drei Tage spater kommt Eichel auf das Schloß und hört, wie zwei Grenadiere von der bewußten Sach sprechen. Sein Schmerz und f eine Ueberraschung waren groß! Er erzählt :den Vorfall Schumacher; diescr, ebenso in'Angst wie Eichel, entschlteßt sich, dem Könige zu berichten. _ „Wie Teufel ist es möglich, daß dre Geschichte ruchbar geworden!" anjwortete der König in einem Tone, der die armen Räthe in Schrecken setzte. _ „Wir wissen es nicht, Majestät, aber es ist dre Frage: erinnern Sich Ew. Majestät nicbt, über diese Sache noch sonst gespxocben' zu haben? Wir versichern bei Allem, was uns herltg tft, und bei dem Eibe, den wir ae- scbworen haben, daß nichts von Allem, was geschieht, dyrch unß lcxutbar Werden kann.“ _ Der König geht in fich, denkt etxte Wßtle uber den Voxfall uach und ruft aus: „Meine Freunde, sejd ruhig! Ich bin der Thor und der Schwäßer! Ich habe darüber zu_Grumbkow gesprochen. ohne zu bechrken, daß diese Grenadiere mzch hörten., Hole der Teufel meine Schwachheit! So etwas soll m1r mcbt wreder vorkommen! Ihr habt gewiß recht Angst gehabt? Gestebt es um!" _ Anderes möge man auf S. 34, 35, 36, 75, 96 nachlesen. _ Wtr erfahren beiläufig, daß der Prinz Heinrich alTein von der Strenge des Vaters verschont wurde, ja s1ch forjdauernd seiner besonderen Liebe erfreute.
Merkwurdig in_„vielem Bejracht ist das Verhältniß des Königs zu Yoltairx. Es nzurde zu weit führen, hier auf das, was Catt daruber bcxbringt, naher einzugehen, aber e_r bietet eine wahre Fund- grube „des Nexen und Interessanten: Der König, wslchcr die Perfidie Voltaxre's furchtet', ficv fkiner dennoch nicht entscblagen kann, weil Voxtmre_der cinztge Mensch ist, der seinem geistigen Bedürfnis; genugt, laßtficb zu Vertraulichkeitcn verlciten, obwohl er fast voraus- fiebt, daß sie dieser Meysel) (oe äröls preisgeben werde.
_ .Die Welt hat Yem schöneres enie Hervorgcbracht, als Vol- taire, aber er untgrltegt meiner tiefsten Verachtung, Weil er nicht rechtschaffen ist. Ware er es gewesen: wie sehr würde er Ach über- ragen, was existirt!“
Der König legte großen Werth darauf, daß Voltaire seine Verse und fpnstigen Produktionen gut fand. (vergl. S. 27): „Der Patriarch der Lrteratyr hat mir pft gesagt, _was ich thun müsse, um gut zu schretben, m Versep wre in Prom; wie ich die strengste Kritik an memen _Arbejtey üben müsse. Er ließ mir nichts duxchgehen: tcb verftcbere Sie , wenn ich ihm eine Sache scptckte, so sethe er darunter: „Pfui (pouk), das taugt den Teufel zu nichts und muß ganz 11er gar verniébtet werden!“ _ „Das kann pasfiren“ _ .Das ist ertraglick)“ _ .DieseVerse sind gut“ _ und ich mußte oft zwanzig Mal ein Thema umarbeiten, so lange bis es gut War. Damn schrteb er noch: „Wte ist es nur möglich, daß Ihnen diese pier Verse so wunderbar gelungen find und daß der Rest so gar ntchjs taugt! Machen Sie fich doch ein Reimlexikon!" _ Ich habe sctnen Rall) befolgt und mein Lexikon vor der Schlacht bei Lowosiß angefangen; i_c1_) scße es in den Augenblicken fort, Welche mir tm Tumqlt der (Geschafte übrig bleiben.“
Es "ist_ hekannt, daß Voltaire durcb Erschlcicbung des Impri- matur fur mne gegen Maupertuis gerichtete Schmäbscbrift „Akakia' (vergl. S. 18) fich des Königlichen Vertrauens unwürdig gemacht hatte und durch sem Weiteres Gkbahrenxen König so vvrleßte, daß Yer darauf crYolgte Bruch unbyilbar schren (1753). Der König nannte 1bn damals m seinen Privatbricfen „]6 13015 grauä soéléraß (111 11101166.“ Aber Voltaire wußte wieder anzuknüpfen. Mit dem Jahre 1757 entspann fich von Neuem ein brieflicher Verkehr, welcher _ forthauerte. _, Jm Generalquartier zu Grüßau (21. Marz W 19. Apnl 1758) erhielt der König einen Brief voy Voltaire, der ihn so entzückte, daß er beschloß, ihm seine helden neuesten Oden: „Hu: Kravsais“ und ..qu Germajug“ zu üYersenden. (Hatt warnt wegen dkr in diesen Oden enthaltenen Aus- faÜe gegen dre Franzosetx und ihren König: Voltaire könnte Miß- brquch trxibesn. Der Kömg ist uxgläubig, korrigirt seine Oden und bletbt bet fernem Eutschluß. Spater verspricht er, auf Catjs erneute VorsteÜungen,tvon seinem Vorsaye abzustehen. Aber er hielt nicbt Wort: Voltcztre empfmg troydem die Ode „An die Franzosen“ _ Anfqngs Aprtß 1759 schricb er ihm: „Ick vsrzeibe Jlmen, Ihrem (Genre zu Ltebe, allen Vexdruß, _ den Sie mir in Berlin gemacbk haben, aUe Schmabschristen von Leipzig aus und aUe Digge, Welche Sie gegen mich aesproäzen oder drucken haben Zonen, so überaus hart und zahlreich fie find, obne fie Ihnen xm gertngsjsn nachzufragen..“ Und doch machke ihm die Ode „„An die Fratzzosxn“ Unruhe! Er [test Catt diesen Brief vor, kann fich aber dabei mcht enthalxen, die Befürchtung außzusprechen, Voltaire werde am, Enixe doch dre verwünscbten Verse, die er ihm geschickt _ er mcmt dle Ode „An die Franzosen“ _ druckenlaffcn. chügtdarum dem Bricf yoch die Nachschri1t hinzu: „Wenn die Verse, welche ich Ihnen geschjckt habe, an das Tageslicht kommen, so find Sie der Schuldige.“ *)
Jm 'Wint'erqua'rtier zu Freiberg (Ende Januar 1760) legteCatt dem Kkzmge emen thm anonym zxxgegangenen Nachdruck der „Possio dxs Philosophen von Sanssouci“ vor, als dcffen Veranstalter Voltaire grit. _ So, groß die Aufregung des Königs War, gegen Voltaire Verfmg aucb'dteser Vyrfakl nicbt (S. 295 u. 296).
Im. thterqnarttcr zu Breslau (Januar bis März 1759) erhält dxr Köprgxurcb Voltaire eine Flugschrift, in Welcher behauptet wird, dre „151181301r8 äs Zrauäabourß“ sei nicht vom Könige, sondern von Voltat're'verfaßt, dxr König babe Voltaire nur die archivaliscben Materralten'dazu geltcfert. Voltgire protestirt in scinem die Flug- chrift begleitenden Briefe energrjcb gegen diese Frechheit und ver- chert noch energjscher, daß er es den ihm Wohlbe- kannten “Url)cbern dieser Unverschämtheit gehörig eingetränkt babe: „jeh habe . diesc Züge von mir gewiesen und Werde sie" „emtg von mtr Wetjen1“, _ „Sie sehen“, sagte der Komg zu Catt, ,was Voltaire mtr mitfbeilt, wie erseine Entrüstung uber dgs BulLeünPezeugT und sein'e Sorge, die Verleumdung zum Schwelgen zg brmgen. Gelt! mem Lieber, nehmen fie das Alles fur baare Munze? Sie irrcn'sebr! Seien Sie überzeugt, dieser Mensch ((Yrkzla) hat das Bulletm. Welches er mir schickt, selbst ge- macht! Kem'Anderer nxar im Stande, eine solkhe Jnfamie zu bc- ba_up1en! Sze kennen ntcbt Joie ganzeBosbeit seines Charakters: er spielt den Dtenstfertigen, wrll, daß :ck aÜe Klagen gegen ihn ver- geffe, und" e'rfindet zu diesem Zweck eine Geschichte, um er anzukundzgen, daß er fie widerlege'n werde, besorgt, wle Niemand tn der_Welt, um das, was er mxinen literarischen Ruhnx nerznt! Schlreßlich rechnet er auf meinen Dank und eine Er- kenntltchkett ohne Ende . . . Aber ich [affe ihn von meinem Ver- dacht nichts„m'erkcn, ich begnüg'e mich damit, ihm zu sagen, daß ich sehr gleichgultzg gegen Alles bm, was man in Frankreich und aller Orten chu tmr" spxechen mag . . . So kommt er um den Triumph seineZINtedeFtraYtgkeiF lt s
xnn_er “nig o aire Wegen eines Genies so Hoch ä te, fx") erscbten tbm Gottsched, den _ er ix_n Oktober 1757 zu LeivzsiY Fer- sonlich gesproche_n hatte, als Wetter nichts, als ,ein Pedant, ein Igno- rant, der nur dte Grammatik versteht."
*),Preuß, „Friedrich der Große“, 1]. S. 134, bemerkt: Voltaire babe dre Ode, wie er snagte, aus Angst, sein Unglück zu machen, dem Herzogc von Cboiseul ubergeben, der durch Paliffot in einer Ode antjvorten ließ. Voltaire schrieb dann an den König, Madame Denis (seine Nichje) habe die Ode verbrannt, aus Sorge, fie möge Voltaire
Soxitik', Th, 4, Ab1h. 4, S. 33 ff. und S. 76, a. E..
zugeschrieben werden !
' Ein Freund des Königs im wahren Sinne des Wortes ist der englische Gesandte am preußischen Hofe, Andrew Mitchell. Er folgte dem Könige ins Feld. Gleich nqcb Cgtt's Ankunft im General. quartier zu Breslau sagte der Kömg zu tbm: .Wenn dér Chevalier Mitchell wieder zu uns kommt, besuchen Sie ibn so _oft wie möglich; er ist mir aufrichtig ergeben. Dieser Mann hat grundlicbe und sebr au6gebreitete Kenntnisse, sein Herz ist dk: Rechtschaffenbeit selbst: mitunter ist er elwas lebhaft und aufbrausend, das ist wahr; aber er beruhigt fich wieder leicht.“ _ Bei dieser Gelegenheit führte er einen Zug von Mitchell an, welcher mcbt wemg dazu beige- tragen hat, die Ackxtung dcs Königs, gegen ihn zu erhöhen Bei einem Diner, welches der König m" Breslau gab, ergingen fick) die Generale in Lobeßerbebungen uber den soeben beendigten Feldzug von 1757. _ „Welche rubmvolle Carypagne)" sagte der Eine; „nichts in den Annalen der Welt kommt rk),: aletch!“ meinte Anderez ,wie viel Bände könnte man wobl über dre Regterung Ew. Majeftat schreiben !" tief ein Dritter. Der Chevalier Mitchell, welchem- dies (Gerede und diese ins Gestcbt gesagten SÖMeichelc-ten langweilten, sagte: .Ich sollte meinen, meine Herren, die beste Lobscbrßft auf die Regierung eines Fürsten wäre diejenige, welche nur eimge Zeilen umfaßte!“ _ Die Generale sahen einander an und schienen xu, denken: „Wie kann man so vermessen reden.“ _ „Herr Mitchell, Sie haben Recht!" sagte der König . . . . .und ich möchte hinzufügen, daß nach meiner Meinung der Fürst der größte ist, welcher die Wahrheit liebt und sie s ucht ; an 7 eine Seite stelle ich den achtungswertbez! Unterthan, der es wagt, fie ihm zu sagen!“ _ Ein andermal außert der König: ._Er ist ein vortrefflicber Mknsch, dicser Mitchell. Von allen Eng- landern, die ich bisher gesehen, hat er mich am meisten angezogen. Er befißt große Kenntnisse in dcr Literatur und Geschichte ..... ibm fehlt nur Eins: dic Biegsamkeit und die Anmutb, Welche, wie er selbst erzählt, Milord Chesterfield unaufhörlich seinem Sohn Stanbope predigte, ihm, der von aUen Wesen, die mir zu Gesicht Nekommen find, gerade am Wenigsten das besaß, was sein tbcurer Papa verlangte. _ Vor der Schlacht bei Lkutben bot mir Mitchel]. Subfidikn von seinem Hofe an: _ „,Ich brauche keine“, gab ich zur Antwort, ,denn ick) weiß nicht, was aus mir werden wird!“ _ ;Nebmen Sie nur“, sagte er mit Herzensgüte, ,nebmen Sie nur tmmer, 'Sie werden schon ejwas Werden. ich bin es, der es Ihnen prophezett!“ _ Indem er so spraéb, standen ihm die Thränen in den Aggxn. Ich War gerührt.“ _ Bei der Tafel unlerbielt sich der Koptg vorwiegend mit Mitchell; der Verkehr mit ihm War ein mttmer, wie die während des Kriegs an Mitchell gerichtcte Epistel
bezeugt. (Schluß folgt.)
' Der CbristliÖC Verein junger Männer feierte gestern m"der Dreifaltigkeitskircbe sein zweitks Jahresfest. Die Fesjpredigt knuxfte Hofprediger [), Frommel an Phil. 4, 4_13. Was die Thatiszkklt des Vereins betrifft, so ist diese eine höchst außgcbteitete unh gesegnexe gewesen. Das Vereinshaus ist in der That eine Hermatb fur viele junge Männer gewesen, die sonst in d_er Großsxadt obne Halt geblieben wären. Das Lese- ztmmer _entbalt einige 60 Zeitungen und bietet zu Gkchscbafts- und Bxextsptelen Gelegenheit. Die 700 Bände umfassende Bibliothek ist flerßtg benutzt worden. Unterricht wurde in englischer und franzöfi- scher Sprache, tn Stcnograpbie und in kaufmännischer BUÖfÜbrung dargeboten. Jm Turnsaal wurde unter Leitung eines geprüften Turnlebrers wöchentlich 4 Mal geturnt. Für Soldaten Wurde jeden Sonntag eine besondere, der Unterhaltung gewind-te Versammlung veranstaltet. Die Knaben-Abtbeilung, die z. Z. aus 90 Knaben besteht, Welche keine Sonntagsfcbule besuckyen, trat jeden Donnerstaajzusammen. Um Wlitlr auch für das Haus und die Fa- rpilie der Ktndex zu „sorgen, ist ein Lesc-zirkel christlicher Jugendscbriften el_ngericbtet. Dre Gksangs-Abtheilung batte wiederholt Gelegenheit, die Feste des „Vereins zu verschönen. Die Zahl der Sonntagsschulen rst quf 4 angewachsen, denen 25 bis 30 _Helfer zur Sette stehen. Für Sonntagsschulbelfer ist" em besonderer Lebrkursus eingerichtet. Die geseüiaen und reli- grosen ersammlungen erfreuten fick) stets eines regen Besuches. Der „Monatliche Anzeiger“, das Organ des Vereins. wird bereits in vrelen Taysend Exemplaren Vertheilt. Um den Verein nach Kräften zu'unterstutxev, ist auch ein Damencomité thätig. _ Die geseüige Fsm des Jahresfestes wird heute Abend stattfinden.
Das „Journal für Buchdruckerkunst“ brinqtfokgende inter- xffante' postalische'Entsckyeidung. Die Hinstorffsche Buchdruckerei m Wißmar wollte emen Korrekturbogen und Manuskript zu ermaßigtem Porto versenden und hatte auf den Abzug die Be- merkung aemacbt: „Rücksendung erbitte möglichst noch heute Abend, damit der Druck zwcb Donnerstag erfolgen kann." Das Postamt in WiStnar „wres dtcje Sendung zurück. weil eine solche Bkmerkung zu den schriftlichen Mtttbeilungnen zu rechnen sei, für Welches ein höheres Porto gezahlt wgrden_ muffe. Die Obcr-Postdirektion in Schwert? „entscbred 1Ld0ch, daß eine solche Bemerkung, als zum Druck gebortak, erlaubt und die Sendung gegen ermäßigtes Porto zu besördern sei.
Die festliche Cimveibuna Eines neu erbauten Konzertsaales des Hof-Jnstrumenjenmachers Duysen fand am Sonnabend, in Gegen- wart einer großen Zahl btefiger Künstler, der Kapellmeister Dorn und, Radecké, der Professoren, Jähns, Commer, Alsleben und Pfetffer, Mttgliedxr der Könialtcben Kapelle, Lehrer der Hochschule und'anderer Institute, der Direktoren verschiedener GesangNreine, s-Zwte her Vertrexer der Presse statt. Der Saal, den Hr. Duyscn fur klemere Auffahruztgen dcn Künstlern zur freien Verfügung stellen will, ist vom Baumetster Osten ausgeführt, bildet ein großes Ob- lanum und faßt gegen 200 Personen. Klaviervvrträge der .Herren S a u e r ,und“ S'cb (: rw e rz ka , ahmecbselnd mit gesanglicben Leistungen, zeigten dra gunstige Akusttk des Saales,
,Die Maul- und Klauenseuche bei den Küßen des Mol- keretbeßßers Pleesch hier, Schönhauser Aüee Nr. 44, ist erlos chen.
Das Rege Friedricb-WilbelmstädtisÖebeeater ver- anstaltet am nachsten Sonnabend, den 31., eine Wohltbätigkeit s- Yßrste'llung zUm Besten der Opfer des Erdbebens in
anten.
Jm Vicxoria-Tbeater debütirte geskern in der Titelrolle des Ausstat'tungsstucks; .Sulfurina“ von dem Direktor Gustav Scheren- bexg d1e anmxttbtge Tochter deffelben, Frl. Gustl Sckoerenberg, nnt gxxtem Erfolge. Ihr natürliches und gewandtcs Spiel, der Wohl- klang tbrer Stimme und die deu1liche Aussprache steUten es bald außer ZWei'fxl, daß das Victoria-Tbeater in der jugendlichen Künstlern! eme vorzügliche Kraft und vol1en Ersaß für die bis- herige Tragerin"dec Titelrolle, Frl. Hermine Meyerhoff gefunden hat, sodaß dem Stuck noch eine lange Reihe von Wiederholungen in “[Jede-re Außsicht gestellx werden kann. Die Debütantkn, welche die uhrtgen Mttspielenden m wirksamster Weise unterstützten, wurde durch retchen„ allgemeinen Beifakl des gut beseßten Hauses und durch Hervor- rufe bei offener Scene geehrt.
Redacteur: R i e d e [.
Verlag der Expedition (Scholz). Druck: W. ElSner. Sechs Beilagen
Berlin':
(einschließlich Börsen-Beilage). (119)
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M 22.
Er'fte Beilage . zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Staats-Anzmger.
Berlin, Montag, den 26. Januar
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1Z8§_.
Jichtamtliches.
Preußen. Berlin, 26. Januar. In der vor- geftrigen (ZZ.) Sitzung des Reichstages, we_lcher,mel)rere Bevollmächtigte zum Bundeßrath, und Komnnffarten. des- selben beiwohnten, wurde die zwette Verathung des Retchs- haushalts-Etats pro 1885/86 mit der D1Skusfion Über Zölle, Verbrauchssteuern und Aversen fortgese'ßt.
Die Budgetkommission beantragte durch 1hren Referenten Abg. von Wedeü-Malchow die unveränderte Annahme__ des Titels.
Der Abg. Dr. Moeüer bemerkte, er möchte sich die Frage erlauben, ob die verbündeten Regierungen m der That, wxe es in der Preffe verlaUte, beabsichtigten, die Versteuerung des Petroleums in der Weise zu verändern, daß die Fässer künftig als Böttcherwaare verzoÜt werden sollten. Man habe nun zwar in den leßten Jabrsn aÜerlei merkwürd1ge Interpretationen auf dcm Gebiete des Zollnxesens erlebt. Doch glaube er nicht annehmen zu dürfen, daß du», verbündeten Re- gierungen eine Veränderung, wie dis angedeutete, a,uf dem Wege einer bloßen Verordnung oder Anweisung an d1e Zoll- behördxn einführen würden, und zwar weil §. 26 dss Zoll- tarifgeseßes ausdrücklich bsftimme, daß bei einem ZoÜsaße von nicht mehr als 6 «76 pro 100 kg _ wie es für Vetrokeum bestehe _ die Veronung nach dem Bruttogewicht stattfinde'n soUe. Aber auch wenn auf dem Wegß der Geseßgsbuna 519 Einführung einer solchen Neuerung geplant würde, müsse er sie nicht Nur als eine neue Bélastnng der Konsumenten, son- dern auch als eine für unseren Handel und namentlich für dis Schiffahrt höchst nachtheilige bezeichnen. Das Gexmcht eines Fasses Petroleum betrage in dsr Regel 180 kg, wovyn ungefähr 30 ch an daS leere Faß kämen, Bei der 1113- berigen Verzollung nach Bruttogewicht trage al1o das Faß Petroleum 10,8 „76 Zoll, Böttcherwaars ÜÖW werde mit 10 „45 versteuert. Der Zokl würde also künftig 12 9/6 betragsn, d. 1). um 1,20 «76 für das Faß und um 0,8 43 (xder 1 4-3 pro Kilo sich erhöhen. Nun mache schon ]Lßt _ _das ohne Fässer in Cisternenwagen eingehende rmsrsche Petroleum dsm amerikanischsn, wenigstens im Ostßn, eine sehr starke Konkurrenz, und diese wsrdc ,stck) wahrscheinlich noch steigern, da einerseits die russischen ELsEU- bahnen noch weitere Tarifoergünstiguugen in AuSsicku gesteUt hätten, andererseits auf den Grenzstationen Eydtkuhnen und Soldan sehr großartige und zweckmäßige Vorkehrungen Zetroffen seien, um die weitere Verfrachtung des Petroleum?- auf dcntschen CisternenwaggonH zu Erleichtern. Unter solchen Umständen würde eine Verth€u9rnng des amerikanischen Vetroleums die Wirkung haben, daß die Einfuhr dsffslben auf- börte lohnend zu sein, und ' daS würde sowohl dxn Handel der Seestädte, als auch die Seeschiffahrt erheblxck) schädigen. Der größte Theil des amerikanischen Petroleums werde auf dentsckzen Segelschiffen eingeführt, dis dann als Rückfracht theils leere Fässer, theils altes Eisen, LUMPLU und andßre geringwerthige Gegenstände mitnähmen. Würde nun diesss (Geschäft vernichtet, so wär?" damit ersten-Z je_nen gering- werthigen Waaren, wechye dic. thsurere Dampfsrxrackzt nicht tragen könnten, die Möglichkeit dxr Ausfuhr gsnommen, ankxererseits den Segelschiffsn wieder eine neue Schmälsrung ihrer Thätigkeit zngefüqt. Es sei aber bekannt, daß gérade die Segelschiffahrt ohnehin in sehr bedrängtsr _Lags sich befinde. Zugleich müffe hervorgehoben werden, daß ste da§3 tücht_igste Material für die deutsche Marine liefere, so das; 16738 zve1t_ere Einschränkung derselbsn indirekt auch ein Nachtheck Für die deutsche Kriegsflotte sein würde. ES sei aber nicht daran zu denken, daß die deutschen Segelschiffe etwa einen Ersatz für das amerikanische VStroleum durch Abholen des rnssxscben auß
dem Schwarzen Mesre finden könnten. Denn erstkns ssi man dort nicht auf die AUSfuhr in Fässern eingerichtet, deren HGr- steüung ihre Schwierigkeiten habe, zweitens würde es an Rückfrackzt nach dort fehlsn. WOÜL man aber behaupten, Haß die Bedeutuna der geplanten Aendernng nicht sowohl eme finanzielle, als vielmehr Ein dem Böttchergewerbs gewährter Schuß sein soUé, so sei dagegen einzuwenden, daß der größßre Theil der lecken Fäffsr ohnehin wisder ' nach Amerxka zuxückgelze, um dort neu gefüUt zu werdxn. Die 1m Landezurück- bleibenden Fässer aber hätten der einheimischen Böttcherwaare wenigKonkurrenx gemacht, denn sie seien nur zu wenigen Zweckey verMndbar, weil ihr Holz von Petrolenm durchdrungen set. Jn Ostpreußen benuße man sie z.B., nachdem man die Böden herausgonommen, zu Brummen oder Duxchläffen unter Grabenbrücken, weil 71-3 in der Nässe „gut hielten. DLUTsthS Fässer würde man doch dazu sicher mcht verwenden., Wu; man also auch eine solch? Maßregel ansehen möge, „xmmer würden ihre Nachtbeile Übßrwiegend groß gegen “(ne sehr zweifelhaften Vortheile erschemen. „
Mr VevoUmächtigts zum BundWrath, Staatssekretäx des ReichsSchatzamts von Burchard entgegnete, er [er völlig außer Stande, über die Absxcht _der verb_Ünde_ten Regte- rungen eher etwas zu sagen, als 1113 131658 Abstcht maerkem'r- barer Weise geäußert sei. Er könne deshglb aUck) uber die Anfrage, wie sie gestelLt sei, hier eine Erklarurzg Namens der verbündeten Regierungen nicht abgebkn. „Dre Abs1cht, den Petroleumzou zu erhöhen, könne, wie er meme, _dem Brzndes- rats) als solchem nicht zugemuthet werden. Denn eme Erhohung des Petroleumzolles würde nur im Wege der Geseßgebung erfolgen können, und er nehme an, daß fich dex Bmzdeßrgth auch dieser Sachlage durchaus erinnere uxtd semerseus mehr eine Erhöhung des Petroleumszolles beschlxe߀n werde, ohne daß der (Heseßgebungsweg beschritten sei. DLL Anfrage des Vorredners beziehe sich anscheinend auf eine Vorl'age, du: dem Bundesrath zugegangen sei und in der, die_bezetchnete"Frqge einer näheren Erörterung unterzogen set, dje Frage yamlxch, ob die Gebinde, in denen das Petroleum eingehe, e1ner„b_e= sonderen Verzoüung unterworfen werden fonte oder mcht. Er könne nicht sagen, nach welcher Richtung hin der Bunde?- rath seine Entscheidungen treffen werde. Er glaube aber, _dre Bedenken, w-lche der Vorredner hinsichtlich _der Befugmffe des BundeSrathes geäußert habe, seien, mcht zgtreffan. Der Vorredner fasse den §. 2 des ZoUtamfgeseßes tn emer Weise auf, wie er nicht aufgefaßt werden dürfe. Es heiße
dort, die Gewichtözölle würden von dem Bruttogewicht in einigen Fäüen und von dem Nettogewicht in andere_n Fäklen erhoben. Es sei also nur der,Gegensas gemacht, 111 welchen Fällen die Umfchließungen mtt' dem Waqrenzou ge- troffen würden. Er glaube aber, über dxe Fragx, nne Yie Taxa als solche zu behandeln sei, und oh m gewxffen Fallen dte Tara eene besondere Verzollung zu btlden habe, besttmme ,das ZoUtarifzxeseß nichts. Es sei bisher uybeanftandet von „SMM des Bundesraths die BefugnißvaUSgekat, daß derselbe m em- zelnen Fällen, wenn die Umschlteßung emen he'sonderen Werth gehabt habe, auch diese nach ihrer Beschaffe-phett zur besondexen VerzoÜung herangezogen habe.. Er; heschranke „steh auf dtese Bemerkung und glaube, daß xm ]eßtgen Stgdmxn der Sache nicht übersehen werden könne, m welcher Wetse dtese Entschex- dung des BundeSraths ausfallen werde. ' , Der Abg. Grad erklärte, die exfreulxche Mehremnahnxe von 3370 000 „45 aus den Zöüen, eme Wirkung der Turi)- reform von 1879, erscheine bcdwht, wenn den Crefeldern die zollfreie Einfuhr von Baumwoügarnen gewährt werden so11e. Die franzöfische Maßregel vom Septembsr 1883, welche germffe Garne unter beßimmten Bedingungen'zollfret lasse., habe gar keinen Einfluß auf die Crefelder Industrte gehabt, wetl der „8011, welchen die Garne dort bezahlen mßßten, höher stehe als das Maximum, das der deutsche Tartf feststeÜe. Dex deutsche Maximalsaß sei 36 «16. für einfache und 39 M für doppelxe (Harne, der französische im Generaltarrf 50 «FH für Nr. 50, resp. 60 9/6 Die Maßregel, die Crefßld nge-hre, würde eine sehr bedenkliche RückMxkung quf d1e elsafslsche Vaumwollenindustrie haben, die metsten elsässtschen und „deut- schen Spinnereien würden still stehen müssen, und der d1chten Bevölkerung würde nur das Mittel dxr Maffenauswanderung bleiben. Wenn die Crefelder Industrie stck) nach _dem großen Aufschwung seit 1879 jeßt in einer gewissen Krtsts befinde, liege das nur daran, daß in anderen Staaten der Bedarf zum Theil durck) eig€ne Fadrikation fiel) 'zu decken anfapge. Die französische- Maßregel sei Übrigens mcht vqn erhebl1cher Wirkung. Paris und Lyon hätten „von_ femen Garnen aus dem Auslande nicht über 2000 kg 1ährltch„b,ezogen, also fast nichts, weil wegen der komplxzirten Formalrtäten na'ck) den Vorschriften der Verwaltung die Importeure auf die_ Etnfuhr der Garne verzichtet hätten, müßten fie dock) erklären, für welche Gewebe die Garne bestimmt seien uxxd auf Kosten Her Handelskammer, d. l). der Interessenten, set ein Bureau Lm- gerichtet, wo Chemiker die Identität der Nummern und der Garne nack) Mustern, die von den eingeführten Stücken gßnommen séien, festgestellt hätten. Er bitte um so mehr um eme Ant- wort, da Elsaß-Lothringsn keinen Vertreter im BundeSratl) abe. h Der Abg. Dr. _,Möller bedauerte, daß d_er “Staatssekretär geglaubt habe, sick) in strenges Amtsgehetmmß hüUen zu müssen, und deshalb die Beantwortzmg semer Anfrage um- gangen habe. Er habe geglaubt, d1e ange heute schon an- regen zu MÜffM, weil natürlich den, betm Petroleumhandel Betheiligten daran liege, baldmöglichst zu erfahren, xvas fie zu erwcxrten hätten. Er wolle hoffen, daß das Schwergezt des Staatéosekretärs "nicht bedeute: (Jui 128081; (3005011012. Auf dxe Be: stimmnngen des Zolltarifgeseßes müsse er ab_er 2106) noch emyzal zurückkommen. Dsr §. 2 [) sage ganz deutl1ch, dte Gew1cht§zoüe würdsn nach dem Bruttog91vicht bei Waaren erhoben, für welche ver ZoU 6 (76. von 100 [(g ni_ck)t Übersteige._ Und weiter, bei der Ermittelung des Nottogermchts von Flüsstgkeutxen wsrde das Gewicht der unmittelbaren Umschließungen (Faxser 11. s, m.) nicht in Abzug gebracht. Wie gegenüber dressm klaren Wortlaute des Gesetzes dcr Staathsekretär dem VundeS- rath die Bsfugniß vindiziren wolle, die Tarq naxh deffén Er- messen gesondert JU behandeln, sei 1l)m unerftndltch.
DLr Staatssekrotär dcs NeichS-Schqßamts, von Burchard entgegnete, er möchte zunächst, was, 1316 Anfrage. d'es L_lbg. Grad betreffe, erklären, daß, sowsu er augenhltcklrch xyxffe, Anträge in dieser Beziehung dem Bundsssrath mcht vorlagen, nämlich in Bezug auf die äclmiZZion tczmyorairkz, daß er daher anch aus diesem Grunde völlig außer Stande set, zu den Aus- führungen des Abg. Grad Stellung zu nehmen. Wenn der- selbe sage, Eksaß habe keine Vertretung, im BundeSrath, so sei das dsck) nur von einem GestxhtSpunkYe aus _zu- treffend, es habe nämlich keine Sttmme tm Bunges- ratk), wohl aber eine Vertretutzg durch Komtmffaxxen, und er könne versichern, daß zu 12de Zext _und_ be11§der Frnge diesen Kommiffarien ausgiebig dte Mögltchkett gewahrt werde, ihre Auffassung zur Sachs auZZzusprechen, und daß dress Auslassungen auch stets die gehönge Beachtung, gefunden hätten. Er brauche nicht hinzuzufüchn, daß dex Re1chskanzler selbst es gewiß als eine wichtige Aurgabe'für sxch anerkennep werde, den elsässischen Bedürfnissen, sowert es 1rge'ndw1e unt den allgemeinen Interessen vereinbar sei, Rechnung zutragen; Was die Ausführung des Abg. Dr. Moxller betreffe, sq set Über die Frage, ob eine Waarknumschheßung _ er_ wreder- hole das _ der Verzoüung zu unterltegen habe, xm Zoll- tarifgeseß nichts ausdrückliches bestimmt; aber es quge aus_der Natur der Sache, daß nicht unter aÜen Umstandep 1ede Umschließung deswe en frei eingehen könnß, we1l fie die an- ,schließung für eine lüssigkeit bilde. (Hs würde zr; den grob- sten Mißständen führen, wenn man jede Umsxhltßßung des- w-den mit dem geringeren Zollsaße der Flüsftgkett belegen wolle, weil sie mit der Flüssigkeit eingehe, a_uch dann, wenn sie einen selbständigen Gebrauch3gegenftqnd btlde. Der Grund- saß des Tarifs sei, jede Waare unterltege dem ZoÜsaß ,nach Maßgabe ihrer Beschaffenheit; und aus dxesem Grunye se) der BundeSrath verpflichtet, in Fällen, wo derselbe es für nöthig erachte, auch die Umschließung zur selbständtgen Verzollung zu brin en.
gDer Abg. Broemel bemerkte, er lege großen Wert]; darauf, in Anknüpfung an den vorliegenden Etat_d1e finanztellen Er- gebnisse des bestehenden Systems und d1e ?qndhabung des Tarifs zu untersuchen. Mit besonderer Be xted1gung dürfe man auf die finan iellen Resultate des Tanks nicht sehen. AUerdings sei die innahme aus den Zöllen für 1885/86 um 3 370 000 „46 höher veranschlagt worden als für 1884/85, aber
na der beigefügten Berechnung solle allein der ZoU auf x_mver- arlYiteten Tabac! 5 100000 “jk mehr einbringen. Thatsächlich
würde sich also, abgesehen von diesem Tabackzoll, für dre Gesammtveit des Tarifes eine Mindereinnahme vox! c_a. 13/4 Millionen Mark ergeben. In ähnlicher Wetse set 'm den vorhergehenden beiden Etats die veranschlagte Mehremnabme ausschließlich auf die Steigerung des Tabackzolles zurückzuZ führen. Das sei ficherlich nicht das Resultat, welches bet Einführung des neuen Tarifes erwartet worden set. Nach dem vorliegenden Etat könne man aÜerdings diese Frage mcht in vollem Umfange beurtheilen. Die Rsichsregierung werde dem Hause deshalb in Zukunft eine genaue Uebersicht wenigstens über die Solleinnahme aus den einzslnen ZöÜen während des Etat):- jahres geben müssen. Man würde dadurch auch Einblick m die Wirkung des ganzen Systems der Verbrauchsbesteuerung gewinnen. Aus den jeßigen Vorgängen müsse man die Lehre schöpfen, daß die Gesammtheit der Verbrauchssteuern eine Steuerbelastung des Volkes bilde, welche nicht wiUkürlich nach der einen Seite hin, z. B. betreffs der nothwendigsten Lebens- bedürfniffe, erhöht werden könne, ohne daß auf anderer Stelle, 3. B. bei Luxußartikeln, für breite Maffendes Volkes sich der Er- trag vermindere. Nun seien allerdinaés in dem deutschen ZoÜtarif durck) die Verträge mit Italien und Spanien die Zölle aufSüd- früchte erheblich herabgeseßt worden ; in Folge dessen sei aber auch die Einfuhr dieser Artikel beträchxlich gestiegM, so daß der Ausfall in den Einnahmen bei Weitem nicht so bedeutend sei, als man angenommen habe. Höhsre Einnahmen aus dem Tarif wüden sichimmer nur erzielen lassen, wenn man aus dem Tabac! vermehrte Mittel gewinne. Das Ergebniß gus der Verbrauchsstettßr soÜte die Erkenntniß geben, daß diese Art der .Bestéuexnng nicht die richtige sei. _Wenn der Abg. von Köller gestern Gymnasiafien als Zeugen 1ür d_ie Vortrefflicbkeit der nationalen WirthschaftSpolitik aufgermen habe, so soUZe derselbe noch einen Schritt weiter thun und M Kinder auffordern, sie möchten dieser Politix dadurch nüßen , daß sie sick) dem Gßnuffe von Rostnen und Cormthen in noch erhöhtyrem Maße hingäben. _ Die „8011- erhöhungen hätten tief schädigend auf die Geschäfte und den Handel gewirkt, weil sie, ebenso wie das Waarenverzeichniß überhaupt, ohne Vorbsreitung der Interessenten p[ößlich ein- geführt worden seien, ohne daß die Interessenten um Rath gefragt seien. In Bezug auf die VerzoÜung der Petroleum- fäffer scheine auch im Bundesrat!) keine Uebereinstimmung zu herrschen, sonst hätte derselbe doch schon einen Beschluß gefaßt. _ Es sei vielleicht zu wenig bekannt, daß jähr- lich etwa 21/2 Miklionen Centner Roheisen in Deutschland eingeführt und in verarbeitetsm Zusiande wieder außge- führt würden. Ruck) sechs Millionen Centner ausländisches Getreide gingen jährlich als Mehl wieder ins Ausland. Ebenso sei es mit den Garnen, von, denen Deutschland den größten Theil aus dem Auslande beziehe und fie hier ver- arbeite. Die Beeinflussung, welche die Düsseldorfer Regie- rnng auf die in ihrem Bezirke wohnenden Fabrikanten ausübe, ihre ArbeitLr den staatlichsn Versicherungskaffen zuzu- führen, halte er entschieden für verwerflick), es werde dadurch gleichsam die Reich3regierung verdächtigt, als stkckte sie dahinter. Jm ngemeinen seien die Erträge der deutschen Zölle und Steuern zurückgegangen, nur dis Tabackfteuer nicbt. Er möchte auch wünschen, daß dem Hause über die Ergebnisse des Zolltarifes häufigere statistische Publikationen ge- macht würden. Richtigxzr als der Veredlungsverkehr, bei welchem stets biUig an das Ausland, aber theuer an das Inland verkauft wsrden solle, würde eine Herabseßung der Garnzöüe selbst sein. An die Frage der gäijZion tSmpGrQirS knüpf? sich nun noch ein auffäÜiges Reskript der Königlich preußischen R2gierung in Düsseldorf, welches einige Fabrikanten 'die nur freien Krankcsnkaffen bei- getretene Arbeiter hätTEn beschäftigen wollen, offen mit der Ver- sagung dor 110110851011 071110010ij bedWHL' solchss kurz- sichtige Verhalten könne in der Garnzollérage nur. das Entgegenkommen der Reichsrsgi€r1mg hindern. B1sher habe man es immer für Aumabe der Beamtsn ge- halten, die Anträge dsutscher Gßwerbtrsibender sachlich zu prüfen, und je nach dem Ausfall der Prüfung zu berücksichtigen oder abzulehnsn.„ Es „würde sLhr behauer- l1ch seiU, wenn eine solche pft1chtmäßige Berückfichttgung künftig nur als Ein Geschenk bchörd1ichen Wohlwollens ge- währt werden solle. Möge dis Düsseldorfer Regierung des- halb vom preußischen Ministerium zur Rechenschaft gezogen werden: die ReichSregisrung könne doch die_ gegen ste aus- gesprochene Verächtigung nicht unwiper1prochen lassen. Die Halbseiden:J11dustrie, um welche es steh hande_le, ernähre Hunderttausende; was gehe es (1112 diese an, ob Unzelne Fa- brikanten in der Krankenkaffsnfrage nicht so gehandelt hätten, wie die Regierung wolle. Auch der Reichstag sei an dex Austragung dieser Sache interessirt. Hätten doch hte Gutachten der lokalen Behörden vielfach das Matertal zur Entscheidung der ReichUegierung und 5925 Bundes- rathes geliefert. Werde also in dieser Instanz, ]e nach per- sönlichem" Vérhalten in anderen Dingen, Lob und Tadel" ver: theilt, so würden aÜe aus dieser Queue fltßßepden Erwagun: gen sehr an Gewicht verlieren. Freilich ser dtßses Vorkomm- niß nur ein Zeichen jenes Syftsms der Schäd1gu11g und Be- günstigung, in welches Deutschland durch emen hoch aUSgelYl- deten Zolltarif und seine Konsequenzen gerathen sex,; es waxe deShalb wenigstens zu wünschen, daß dre Rexchsregtermxg d1e in dem citirten Reskript liegende schwere Beletkngung mtt der nöthigen Energie zurückwiese. Hierauf nahm der Bevoümächtigte zum Bundenath, Staatssekretär des Reichs-Schaßamts von Burchard das Wort: . Meine Herren, es kann nicht in meiner Absicht liegen, auf die finanzpolitischen und steUerpolitisckden Gestehtspunkte bier näher einzu- geben, die rückfichtlick) des Zolltarifs und der etwaigen Umgestaltung desselben Seitens des Herrn Vorredners geltend gemacht sind. Ich nehme an, daß sich in nächster Zeit Gelegenheit bieten wird, über den Zolltarif und über seine Reformbedürftigkeit hier im Hause noch einge endet fich zu unterhalten, und möchte deshalb glauben, daß es dem Wunsche des Hauses entspricht, wenn ich es vermeide, auf diese aUgemeinen Gesichtspunkte, Welche der Herr Vorredner allerdings auch nur berührt hat, hier näher einzugeben. Zunächst darf ich einer Behauptung entgegentreten, die der Herr
Vorredner jeßt aufgestellt hat und die auch schon bei der erst“:
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