1885 / 24 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger, Wed, 28 Jan 1885 18:00:01 GMT) scan diff

Arme, aber mit großer Sor salt würde ich die einfältige und tbö- richte Neugier fern halten. eine Mittagsxafel sollte sehr einfach sein _ 12000 Thaler jährlich mußten fur den Tisch auöreieben, WM Thaler würde ich auf Liebhabereien wenden; der Rest bliebe meinen Gefährten: icb ließe ihnen etwas nach meinem Tode, damit sie sch zuweilen meiner erinnern könnten. , So, mein_Freund, würde ich die kurze Strecke des Wegcs, welche _tch"noch zuxuckzulegen babe, mit einigen Blumen bestreuen.“ Der Konig zitnte Verst aus Cboulieu. , _ Zeichnung eines Hauses, wie er es fur sie!; und _secbs Freunde bauen wollte. Er hatte auch einen kleinen Fluges ;fur Fremde_von Yer- dicnst projektitt, die etwa einige Tage bei ihm verweilen wurden .-

Die Erkläruna für diese Sehnsucht nach einer endxichen Ruhe liegt nicht fern. Das Naturel des Königs wkes ihn auf em_e beschau- liche LebensWeise bin: seine Liebe zu den Wtffenscbaften, sem Talent fürdie Mufik bezeugen dies; Regent uxd General war Zr gegen seine Neigung. .Memoiren' und Tagebuchr lief_ern biefur spre- chcnde Beweise Und ein offeneres Bekenntnts: hieruber vom Könige selbst können wir kaum böten, als jene Stelle in dem Briefe an seine Schwester von Bayreuth, vom 21._Novcmber 1756: „Geschaffen für das Privatleben, gexwungcn zu reprasemiren, Philosoph aus Nei- aung, Politiker aus Schuldigkeit, endlich ein Mensch. der Alles sein muß, was er nicht ist, und der Um anderes Verdnyst hat als eine gewissenhafte Hingabe an seine Pflichten." _ Aklerdtngs konnte der König fich der gewissenhaften Hingabe an seine PFTicbten rühmen wie kein anderer. Der preußische Gesandte am fxanzofiscben Hofe, Baron von Knyphausen, berichtet unter dem 2. Jul: 1756 aus Paris, man Habe dort gesagt, „daß zwei Drittel der Mach,t deZKomas von Preußen in seinen Persönlicben Eigensäzaftcn beständen: m jxmcm Muth. seiner Thätigkeit, seiner Liebe zur Arbeit, der Hingabe, mtt welcher er seinKönigreicb regiere.“ -- Das Bekenntniß an die Schwester und dxr Bericht des Gesandten faUen in den Anfang des Krieges und _m dxe Zeit vor demselben; wie sehr der König aber fich s(lbst rznd die Er- wartungen Anécrc'r zu übertryffen im Stande sein wurde, soUte der fiebenjäbrige Kriag zeigen, dieser Krieg, weleher dsr" steteg und wachsenden Bedrängniß durch Weit übetlkgexxe femdltche Machxe Krank- heit und die Qual schMrer Seelenleiden zuge'sc-Ute. ,

Psychologisch von bobem Interesse ist dre Haltung des Korygs bei dem Zusammenbruch des Unalücks über ibn in den Jahrm 1c58 und 1759: der Tod des Prinzkn Wilhclm, dcr UeberfaY bei Hochkirä), der Tod der Markxzrafin von Bayreuth, dre Niederlage Wedeüö bei Kay, dxe Schlacht ron. Kuncrs- dorf, die Gefangennahme des Finckscbey Corps [Zet Maxen, des Dietickescben bei Meißen _Waren Schlagx, bintec cmandcr und wuchtig genug, um die stärkste Najux zy fallen. Man kann, die Scenen der Bewegung und Unruhe, wrc ste (3)th inm Gefolge du-ser Begebenheiten schildert, nicht ohne tiefes Margefubl lesen. Man erstaunt über die Fassunkt, deren des Königs große Seele mttjenjm Uebumaß des Unglücks fähig war, umsomehr als er gerade um diese Zeit durch scOWeke körperlich? Leiden bkimaesucbt wurde. , '

Am 9. Januar 1758 marscbirte der König nach Schmetdtxtlz; _es herrschte eine grimmige Kälte, die ihn so angriff, daß er mj), tm Quartier angekommen, sogleich zu_ Bett [MSU mußte. Calf findet ihn am Nachmittag „im Fieber; !cin Geficht feuerxotl), al? Mm] ck sich entzünden soüte. _ „Mir ist gar nicht gut; fublen Sie 711€on Puls!“ _ Sein Puls aaloppixtk, und stin Kopf wax, wte er mrr sagte, ganz wüst. _ .Diese Fieberkrankheit kommt m1cs_ehr ungelegen, aber ich will dieser Svißbübin tüchtig zu Leibe gehen, 1ch werde fie aushungern: ick) wil] nichts effen und mich mit Thee überschryxmmen, das ist mein Universalmiktel. Da ick) michziemlicb auf die Medtzm vcrstxhe, so kurire ich mich selbst; ich war schon gestern Abend, als 1chfchlaf2n gmg, nicht ganz wohl: die Kälte von heute, auf dem Marsch, boxt mcin Unwohlsein gesteigert.“ _ Der König macht noch einiae Scherze und besteüt Cat! auf den folgenden Tag, Nachmittags 3 Uhr. „Als Cutt zur festgesexztc-n Stunde bei dem Könige eintrat, fand er sem, Gekächt noch sehr gerötbet; ihm war offenbar nicht wohl, aber „er lteß Catt keine Zeit zur Nachfrage, sondern unterhielt ihn "sogleich in einer längeren Außeinanderseßung über den prophetenglgubigen Komma):- danten von Schweidniß, von Zastrow. _ Der König hatte zu Nel gesprochen; Cats merkte an feinktn Aussehen und an dem Ton seiner Stimme das Steigen des Fiebers; dem Könige selbst ent- ging dies nicbt, und Catt mußte wieder seinen PUZS fühlen: er schlug sehr stark und schnell. _ ,Ich Werde mich auf „mem Bett legen und ein Pulver nehmen“. _ Um 6 Uhr soll Cajt wreder- kommen. _ Zu dieser Stunde findet er den König ruhiger, seiye Hände waren ganz mit rothen Flecken bedeckt. Gait s1eht dies fur ein gutes Zeichen an und empßcblt Bektwärme und Thee, welcher den Krankheitsstoff heraustreiben soÜ. _ „(Es muß alles auch ohne das Herauskommcn, mein Lieber; ich habe keine Zeit, mich _zu vez:- bätsckoeln: morgen muß meine alte'Figur, ob fie will oder'mcbt, 'm aUer Frühe zu Pferde sein; [ck darf keine Zeit verljeren, ich muß laufen wie Don-Quichokte, um die Anschläge zu pariren , wylckoe man in Sachsen gegen den_ irrendcn Ritter schmixdet.“ _ Cart räth: der König 10112 dann Wenigstens eincn Wagkn nehmen. _ ,Einen Wagen, mein Freund? ich glaube gar, Sie scherzen! Halten Sie mich denn für ein altes Weib? Und was würde meine Armee sagen, chn fis dm guten Monfieur vergraben und eiwarvackt in seinem Wagkn sähe? Ein schönes Beispiel für so vie1e Offiziere, die man ohnehin [chou wdr bösen Beispixlen in Acht nkbmen mus?! Auf mein Veäpi-Zl hm würden fie fich bei der geringsten Unpäßlicbkeit Verbätschc[n!' _ ,Abcr wenn die Armee Ew. Majestät krank wüßte, so würde fie DEW Sorge für Ihre Gesundheit nu: Beifaü gebkn!“ _ ,Sie find im Jrrtbum, mein Herr! Erstens muß sie gar nicht wissen, daß ich krank bin; und zweitens würde man mick) mit ähnlichen Spottreden überfähüttcn, wie in der Fabel den armen Müll'er, der mit seinem Sohne den Esel auf den Markt führte . . . NEU*], nein„mein Lieber, Sie überreden mich nicht! Ick) [affe mich nicht lenkcn; nem, mein Herr, ich [affe mich durch Niemand lcnke_n!' _ . . . Obwohl krank, war der König mit Tages- anbruch zu Pferde und an der Täle der Avantgarde._ Die Kälte war grimmig; der Markgraf _Karl . . . beklagte sich 1ehr über den Frof-t, und noch mehr den Kömg, Welcher in dem gegenwärtigen Zu- stande Gefahr liLf, sich eine s(bwere Krankheit zuzuzieben. Se. Ma- jestät mußte Sich bei Jdrec Ankunft in Robnftock zu Bett legen; das Fieber war stark, dex Ausschlag war zurückgetreten, Ihr Kopf so wüst, daß Sie_ke1nen Gedanken fassen konnte. Ick be- schwvr Sie von Neuem. emen Wagen zu nehmen, Wenn Sie morgen marschiren würde. - ,Marschiren werde ich, aber ich werde nicht im Wagen filzen, auf keinen Fal]! Ick babe Thee befohlen, werde schwißen, und moraken werden Sie mich so sehen, wie jeden Andern; es ist Wahr, die Kalte War heute Morgen recht strenge, ich habe fie so stark noch nicht empfunden. _Aber in diesem Augenblick handelt es sich nichj darum, Mb zu verzarteln: ich muß Aljes 1hun, um den Verlust vom 14. (Oktober, Hochkirch) wieder einzubringkn. Bis jetzk gebt er ja ganz gut damit, und Wenn das, mas mir zu thun übrig bleibt, gelingt, so wirdfdas die beste Kur für meinen Ausschlag und mein Fieber_ sein!“ _ (12. November.) ,Obwvhl der König nicbt, wxe er gesagt bajte, so war wie jeder Andere, so mar ihm doch besser als gestern: der Aus- schlag zeigte fich wieder.“ In Schönau angekommen, legte er fick) zu Bette, scbwißte stark und marschirte am 13. nach Löwenberg, wv er einen Tag blieb. Am 14. November las der König in Lauban Catt bereits Flékhiers Rede auf Turenne vor und sagte ihm ganze Seiten aus- wendig ber.

Ein anderer Fall: Am 28. Dezember 1759 findet Catt in Frei- berg den König auf seinem großen Sjubl in seinen Pelz gehüllt. _ .Mekn Freund, es geht mir schlecht, ich habe Gichtschmerzen und muß morgxn unter 'al1en Umständen, weiter marscbiren.“ _ Catt be'scbwört tkm, fich zu schonen; der König will nichts davon wrffen, und auf seine besorgte Frage, was er wobl in einem Doxfe anfangen wollte, wenn er ernstlich die Gicht „bekame, antwortet er: „Dasselbe, was in einer Stadt: tcb wexde fiebern, leiden, bisweilen schreien“ meine Hände (p-attss) werden auffchjvelien,' und nachher werde ick) e enso wie Sie sem; ich Mrd? schlafen, schimßen und, wenn mir das Schicksal keinen

Dann zeigte er Catt die am Vormittage entworfenk

Streich s elf, morgen früh um 5 Uhr schon weit_weg von hier sein. Guten A nd! Merken Sie Sick): wer sicb verbatscbelx, flxblt den Schmerz um so mehr! und wenn Sie an den Marqms (d Argxnö) schreiben, sagen Sie ihm nur diese schöne Regel und geben Sie ihm von meinem Be nden Nachricht!“ - (29. Dezember.) „Ick verließ den König sebr eunrubigt wegen seixnr Gesundheit; aber als ich in aller Frühe mich erkundigen ließ, wre es ihm ache, erhielt ich zur Antwort: er blase die Flöte und erwarte Jeinen'Wagzn; er babe in der Nacht erstaunlich Fescbwivt und klage uber nichts. _

Der Nachdruck se ner ,Poesten“ (Ende Januar 1760) hatte den König in die äußerste Aufregung verseyt _ enthielt er. doch seine Tiraden auf England, Rußland u. a.! Er mußte um jeden Preis, da er nun einmal nicht mehr aus der Welt geschafft werden konnte, wenigstens unschädlich gemacht werden. Upd dtes sollte nach des Königs schnell gefaßtem Entschluß durcb emen korrigirten Neudruck der ,Poefien' geschehen, welckoer die qravirenden Stellen nicht ,en't- hielte. In einer Vorrede zu diesem sollte der Nachdruck a'ls böswtütg enjstellt beJeicbnet Werden. _ .Der KöniK verbrachte eme sebr un- ruhige Nacht, Als er aufstand, _waren ovf und Gesicht ganz an- geschwollen; schon beim Schlafengehen hatte er uber _einen lebhaften Schmerz, den ihm ein angestockter Zahn vexuyachte,

eklagt. Als ich mich am folgenden Tage zur festgeseßten Zett em- and, hatte Se. Ykajestät den Kopf dermaßen verbunden, daß nur die Nasenspiße und die beinahe halb „geschlossenen Augen fickotbar waren. In diesem Zustande . . . . arbeitete Ste an den Korrekturen, wovon Sie gestern gesprochen batte ..... Ueber 150 Verse waren bereits umgearbeitet. . . . . Diese mühevoüe und unangenebuxe Forxextu? beschäftigte den König dann bis zum 19. Februar“, wre at ag.

An einer andern Stelle erzäblk Catt, der König habe sich. vom Huffchlage eines Pferdes am Schenkel getroffen, zu Bette legen müssen, sei aber gegen die Mahnung der Aßrztc aufaesxanden und, Schwetz und Anstrengung nicht achtend, semcn Geschaffen nach- gegangen.

Einer solchen Widerstandsfähiqkeit gegen körperliche Leiden entsprach die Faffung, mit Welcher der König Ungluck n9chrichxen an- hört. Als ihm die Niederlage von Kay gemeidßt wjrd, .zft dxr König ruhig, kein Zeichen der Crrcgung auf semem „Antltß,„dte Sprache ruhig“. _“ .Der König ist nicmals größer als 1m Ungluck,“ bemerkt Calf.

Dsr Stbrcck und der Zorn des Königs über die Gefangennahme Fincks bei Maxen waren ohne Gleichen (S. 262-264), aber er tyeiß sich sofort nach der ersten Aufregung zu fassen: „Ick will Meme" guten Bruder (Heinrich) bitten, zu mir zu kommen, und wir oncn .Beidde zusehcn, wie wir uns aus dieser teuflischen Geschichte ziehen Wer en“.

Am 24. Juni 1760 wurde der Göneral Fouqué mit seinem Corps bei Landshut durch Landon (“fangen genommen: „Der König war bei dieser Nachricht wie vom Blitz getroffen und so erschutterr, daß er einige Minuten [x:ng regunasws und xnit einem Blicke der Verivunderung, in melchkm sicb zugleiä) die tikfste Trauer ausprägte, dcn rapporxirenden Adjutanten a::ftarrte: _ ,Fouqué gefangen? sein Corps gsfangen? ist das möglich?“ _ Weiter kcin Wort zum Offi- zier. _ ,Schon gut.“ _ _ _

Wenn der König, seinem Heldcncharaktér gemaß, das Leben mcbt zu hoch anschlag, um es der Erreichung des edelsten Ziels, dem Wohle des Staajs, zu opfern, so gab „es für ihn Eine LWL, in welcher er cs verachtete. Hören wir ihn !elbst:

Am Abend nach der Schlacht von Hochkirch war (Satt bei dem Könige. Friedrich war unter dem Eindruck des Unglücks der ver- lorenen Sä,)[acbt und der Nachricht vom Tode de; Marschalls Keith in tiefe Trauer versunken: „Ach, wie viel brave Leute Verlicre ich, mein Freund, und wie verwünscbe ich dieses Handrverk, zu welchem mich das blinde Ungefähr meiner Geburt verdammt hat! Aber ich trage etwas bei mir, wvdurä) ich das Stück enden lassen kann, wenn es mir unerträglich werden sollte.“ _ „Ohne ZMifel nahm ich bei solcher Sprache eine Miene an, Welche dem König auffiel. Ersagte2“ _ ,Herr, Sie wechseln die Farbe!“ _ „Dann machte er seinen Kragen los und zog unter seinem Hemde ein Band hervor, an Welchem eine kleine ovale goldene Kapsel befestigt War, die auf seiner Brust ruhte,“ _ ,Hier mein Freund, ist Alles, was not!) thut, um dem Trauerspiel ein Ende zu machen.“ _ .Er öffnete die kleine Kapsel: fie enthielt 18 Pillen, Welche wir zählten.“ _, .Diese Pillen sind von Opium, die Dofis ist vöÜig auSreicbend für dteReise nach jenen düsteren Gestaden, von welchen man nicht mehr zurück- kehrt.“ _ „Nachdem er mir die Kapscl gezeigt, befestigte er fie wie- der an seinem Kragen und ließ fie auf die Brust berabfaklen.“ _ ,?cßt, mein Lieber, sein Sie so gut und helfen Sie mir meinen Kragen wiedsr zumachen; denn ick) bin zu ungeschickt, um es selbst zu verstehen, und ich möchte nicht, daß jemand anders um mein kleines NußkunftSmittel wisse.“ _ „Ich machte den Kragen fest.“ _ ,AÜes dieses“, sagTe er, ,scheint nicht sehr oxthodox,auch nicht im Eknklanae mit Jhxcn calvinistischen Grundsäxzen; aber Sie sind nicht an meinem Plaße, also können Sie auch über die Notbwetxdigkeit meiner kleinen Kapsel nicht zutreffend urtheilen. Sie werden jedock) zu;;cben. daß, seitdem Sie mich kcnncn, in der Laxxe, in rvklchcr ich micky befinde, mehr als Festigkeit und Beharrlichkeit nötbig ist, um mich zu behaupten _ und dieses Msbc darf ich kühn genug sein, mein Liebxr, um (“S zu hoffen? Ick sag? es Ihnen rund béraus: Wenn mir ein neues Un- qlück begegncf, so überlebe ich ficherlich nicht den Fall und die Trübsal meines Vaterlandes. _ Das ist meine Denkungsart! Glauben Sie nicht, daß ich mir einen Sartorius oder Cato zum Muster nehme: der Staat, und nicht der Ruhm , bestimmt meinen Entschluß; und dann , mein Lieber, wenn ich das grausame Schickjal haben soUte, in einer Schlacht ge- fangen zu Werden, würden Sie wollen, das; ich diese absckxeulicbe Er- niedrigung überlebte? Nein, nein, mein Freund, dann würde ich die Bürde eines Lebens, das mir zur Last ist, abschütteln. Und Sie, mein Lieber, Sie, so orthodox Sie auch sind, Werden mir zu- geben, daß: " '

.Wenn alles uns verlaßt, dre Hoffnung selbst gsbricbt, „Dann ist das Leben Schimpf, und Sterben wird uns Pflicht!“ _ *) '

Tags darauf kommt der Könjg nzreder auf dieses Thema zurück: „Ehemals jrug ich diese Kapsel m ernLr Tasche meines Beinklcides; aber ich stellte die Betrachtung an, daß diejenigcn, Welche mich gefangen Haben möchten, vieUeicht schurkiscb genuZ sein könnten, mich zu durchsuckyen, und ließ an meiner Kapsel einen kleinen * Ring machen, durch welckzen ich die Schnur zog, die von meinem Hals auf die Brust berabgebt, wie Sie gejeben haben. Das müßte mit dem Teufel zugehen, wenn man fie da entdeckte; ich will doch nicht hoffen, daß man mich ganz nackt auszixbkn würde. Ick kann Ihnen nicht sagen, mein Freund, wie sehr dtese Kapsel mich beruhigt! SteJen Sie fich vor, ich wäre von diesen Menschen gefangen und ihrex Wia- kür preisgegeben! Sckzauderhaft! Nein, meine Seele ist nicht für die Unebre und den Schimpf qeschaffen!"'*) _

Ueberblicken wir schließlich den Inhalt der „Memoiren' und „Tagebüchec“ de Cutts, um zu einem allgemeinen Ergebniß für den Charakter des Königs zu gelangen, so können wir hier nur das Ur- theil Heinrich von Sybels wkederholen: „Es zeigt sich ux.§ eine äußerst merkwürdige Thatsache. Wie die Sjandbaftigksit obne (Gleichen ist, mit Welcher Friedrich sechs Jahre lang der pxrmanenten Todesgefahr unbeugsam in das Auge blickte, als ebenso beispiellos wird man es erkennen müssen, daß er einer der genéalsten Feldherrn aller Zeiten war, ohne innere Freude an der militärischen Aktion, ohne Freude an Krieg und Sieg. Eine reiche und starke Natur, deren angeborne Neigung ganz und gar den Aufgaben der Kultur, der Pflege des Wohlstandes und des Rechtes, der Entwickelung des Ackerbaues und Gewerbes und Vor

*) Vsrse aus Voltaire's .Merope'. ") Die Thatsache, daß der König Giftpillen bei sich Trug, ist F1 Öchßaöucb sonst bekannt. Vergl. Preuß, „Friedrkch der Große“,

Allem der Blütbe der Kunst und „Wissenszbaft zugewandt war, ein Fürst, der fich mit Krieg und Dtplomane „nur aus Ebrxjefühl, Pflichtbewußtsein und Vaterlandsliebe befaßte, wer! er als Kön q fich damit befassen mußte, und der dann sofoxt trotz der inneren Gleich. Zülügxeit fich zur größten Meisterschaft m betden Fächern empor- ob." )

Im weiteren Verlauf der gestrigen Sky:"mg de? De_uxschen Handelsta ges referirte Hr. Ruffell-Berlm uber „dre bezugltch der Besteuerung der mobilen Handelswertbe gemachten Vorschlage“. Der. selbe legte seinem Referat folgende, von dem _bletbenden Ausschuß _vor. geschlagene Resolutionen zu Grunde: 1) Cine sogenannte Gescbgfjs. steuer, d. b. eine Besteuerung der einzelnen Akte der Erwexbktbatig. keit, kann an fich als eine richtige Axt der Besteuerung mcht1ange- sehen werden. Abgesehen von vrtnzipteblen Bedenken, bietet dreselbe große Schwierigkeijen in der Verqnlagung und kann sehr lexchx zu einer Schädigung des Erwerbslezßes x_md der Konkurrenzfahtgkeit DeuTseblands dem Auslande gegenuber fahren. 2) Troß dieser Be- denken wird der deutsche Handels- und Gewerbestand gegen solche Vorschläge fich nicbt ablehnend verhalten köynen, welcbe. _ vor- behaltlich bestimmter Befreiungen __ durcb enxe angemessene, 'nicht prozentuale Besteuxrung der geschaftlichen Umsaße einen finanzjellen Ertrag für das Reich zu erzielen geeianet find, und“ welche damit die unawaisbare Reform des, Geseßes vom 1. Juli 1881 über die Erhebung von Retchs-Stemvelabgaben ver- binden. Der von dem Hrn. von Wedell-Malchow vorgelegte Gesetzentrvurf ist, wegen der prozentualen Besteuerung der Umfave und Wegen der in Vorschlag gebrachten Kontrol- und Straxbestim- mungen. völlig unannebmbar, 3) Eine Besteuerung der emzelnen Geschäftsabscblüffe oder Umsäße ist für den Handels- und Gewerbe- stand nur dann annehmbar, rvenn dieselbe cinfacb und klar'bemeffen und mit inquifitorischen Kontrolmaßregelrx nicht verbunden :st. Dex Rechtsweg ist in vollem Umfange für zulaffig zu erklaren. 4) Vor endgültiger Feststellung eines nach diesen Grundsäycn außzuarbeztenden Gefeßentwmfs find Sackwerständige aus den verschiedenen Krexsen des Handels und der Industrie gutachtlich über die einzelnen Bestim- mungcn zu hören. ,

Der Korreferent ])r, Landgraf-Mannbeim empfablauck) seinerseits die vorgeschlagenen Resolutionen. Kempff-Berlin zeigte im Auftrage der Berliner Kaufmannschaft an zahlreishen Beispéelen aus dem Berliner Börsenverkebr, wie oft sich eine prozentuale Börsenfteger vervielfältigen würde, und plaidirte für die Notbwendigkeit der Hm- zuziebung von Sachverständigen bei der Feststellung eines Geseß- entWUrfes. Letzteres ha!te er für der Schwerpunkt. _ 1)r. Steglich- Dresden hatte gegen die Resolution manche Bedenken und fand in dieser selbst manche Widersprüche. Die Dresdener GeWerbe- und Handelskammer stehe, Wenn fie auch keine Kontrolmaßregeln one, durchaus auf dem Standpunkte der prozentualen Besteuerung der Börsensckolußnoten, und er sei:)erseits halte die Zeitgescbäfte durchaus für besteuerungsfäbig. Er sn daher in dcr Lage, die Anträge sub 1 und 2 des bleibenden Ausschuffes ablshnen zu müsse» _ Hinrichscn-Hamburg protestirte gegen die Aus- führungen des Vorredncrs und betont nochmals, daß eine prozentuale Börsensteuer ohne die bekämpften Kontrolmaßregeln nicht möglich sei. Die Hamburgkr Handelskammer stehe ganz auf dem Boden der vor- geschlagenen Resolution. Dasselbe erklärte Huber-Stujtgart Namens seiner Handelskammer. _ Sedlmayr (München und Würzburg)“ hielt eine prozentuale Steuer von dem Gcschäfts-Mindestbetrag von 50000 «FH für nicht durchaus verwerflicb. _ Goepke-Duisburg erklärte im Cinverständniß mit Dr. Landgraf, daß es Aufgabe der SaÖerständigen sein müsse, den Modus zur Vermeidung einer mehr- maligen Besteuerung eines und desselben Geschäfts zu finden. _ ])r, Sttuck-Meiningen steUte zur Resolution ml 4 das Amendement, daß die Sachverständigen sowohl aus den größeren Börsenpläßen wie aus den Provinzialstädten entnommen würden. _ Bei der Abstimmung Wurden die Anträge des bleibenden Ausschusses mit dem Amendement Skruck fast einstimmig angenommen, nachdem die anderweitigen An- träge dcs Korreferentcn ])r. Landgraf mit 49 gegen 34 Stimmen ab- gelehnt worden Waren.

Auf der Tageßordnung stand noch die Frage der „Erhöhung der Getreidezöüe“, wofür als Referenten Regierungs-Ratk) Seebold- Dortmund und ])r. Siemens-Berlin aufgeführt sind. Wegen Behinderung beider Referenten und sonstiger OvportunitätSrückfichten beantragte der Vorszßende die Abseßung des Gegenstandes von der Tagesordnung, um 10 mehr, als fich für einen Theil der Mitglieder des Handelstages zur Zeit noch Bedenken gegen die Behandlung dieser Frage ergäben. _ Soldan Nürnberg bedauerte aufs Lebhaftefte die Ab- sexZung dies es überaus wichtigen Gegenstandes,glaubte, daß man unfébwer einen anderen Referenjen hätte smden können und fand es nicht für richtig, daß der Handelstag keine Courage haben soUte, in diese:: Frage ein bestimmtes Votum abzugeben. Er wünsche mindestens, daß von den einzelnen Handelskammern ein Votum über diese Frage schriftlich abgegeben werde. _ Nachdem fick) der Geh. Kommerzieno Rath Delbrück gegen den VorWUrf mangelnder Courage verwahrt Und darauf hingewiesen hatte, daß Gründe delikater Natur dazu be- wogen hätten, den Gegenstand dieSmal nicht zu verhandeln, wurde de'r 13. deutsche Handelstag um 5 Uhr geschlossen.

_ Jm Bclle-Alliance-Tbeatcr geht am Sonntaa das Lust- 1piel ,Hökel Blancmignon“, das im vorigen Jahre im Wallner- Theater einen so außerordentlicbcn Erfolg hatte, mit den Gästen vom Wallner-Theater zum ersten Mal in Scene.

Der Liederabend, welcben Frl. Tberese Zerbst, ein?. sehr begabte Schülerin des Hrn. OEcar Eichberg, gestern im Saale der Sing-Akademie veranstaltete, braäxie cim: sehr große Anzabk von Liedern und Duetten zu Gehör, und zwar eine AUIWaHl älterer klassischer, neuerer und neuester Werke. Da es nicht möglich ist, jeder einzelnen Leistung gerecht zu Werden , so bezeichnen wir als besonders gelungen ' den Vortrag von Mendelssohns .Veilcben“ und ,Wanderlrcd', „Ihr lieben Aeuglein“, von Jensen, und vor allen „Der arme Peter“ von Schumann. In den leßten Nummern des Programms lernten wir, neben einer wenig ansprechenden Komposition des Goethe'scben ,Wanderers Nachtlied“ von MM, schöne Lieder neuer Komponisten kennen, unter welchen die von Eichberg, Leßmann und Otto Dorn ganz besonders zusagten. Die Sängeriy verfügt über ein in der Höhe sebr onlklingendes, Wenn auch mcht sehr kräftiges Stimmmaterial. Während Reinheit der Intonzxtion und deutliche Aussprache vvliständig befriedigen, vcrmißten wu: ,oft volle Wärme des Ausdrucks und hätten besonders für die Leidenschaftltchkeit des Mignon- liedss eine empfindungSvolLere Ausführung gewünscht. Fr. Johanna Wegner, deren tiefer, voller Altstimmx es leider an der nöthigen technischen VoÜendung fehlt, sang zWet herrliche Lieder von Rob. Franz und übernahm in einigen Duetten Schumanns und Braßms' die zweite Stimme. An Sjelle des erkrankten Fru. Friedländer er- freute Hr. Emil Sauer die Zybörer durch die ekannte Toccata von Schumann und zwei Klavierstucke von,G'rreg und ScharWenka, denen der liebenswürdige Künstéer„ noch frerwtüia cine schwierige Concert- picce von Rubinstein binzufugte. Seine Leistungen, über die wir schon früher berichtet haben, waren auch a_n diesem Abend unübertref ich zu nennen. Der Saal rvar ansehnltcb gefüllt, und das Publi um spendete reichen Beifal].

*) Sißungsberichte der K. Preuß. Akademie der Wissenschaften, 1884, S. 39.

Redacteur: Nied el.

Verlag der Expedition (Scholz). Druck: W. ElSner.

Vier Beilagen (einschließlich Börsen-Beilage).

Berlin:

** , Aber

Erste Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzciger und Königlich Preußischen Staats-Llnzeiger. _ M 24.

Berlin, Mittwach, den 28. Januar

__ 1885.

Yiehtamtliah es.

Preußen. Berlin, 28. Januar. In der gesirigen (35.) Sisung dez! Reichstages wurde die dritte Berathung des Entwurfs emes Geseßes, betreffend die FeststeÜung des Reichshaushalts-Etats für das Etatsjahr 1885/86: Zölle und Verbrauchssteuern, Kap. 1 der Einnahme, auf Grund mündlichen Berichts der Budgetkommisfion, fort-

eseßt. g Die Berathung begann bei Kap. 1 Tit. 5 (Branntwein- steuer und Uebergangsabgabe vom Branntwein).

Hierzu lagen zwei Anträge vor:

1) von dem Abg. Dr. Buhl:

Der Reichstag woÜe beschließen:

die verbündeten Rczierungcn zu ersuchen, dem Reichstage mit möglichster Beschleunigung einen Gesetzentwurf über Erhöhung der BranntWeinsteuer vorzulegen, in Welchem die Interessen besonders der kleinen landwirtbschafflichen Brennereien eine entsprechende Berückfichtigung finden. 2) von dem Abg. Ubden: Dkk Reichstag woÜe beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dahin wirken zu wollen, daß für das vom 1. September 1884 begonnene Betriebsjahr bis dahin 1885 die Frist für die Entrichtung der Branntweinsteuer von 12:63 auf neun Monate verlängert Werde. Der Referent Abg. von WedeÜ-Machom erklärte, die

. Vudgetkommisfion empfehle dem Hause die Bewilligung der

Position (36 527 000 «ff- Einnahme), gegen die rechnungs- mäßig nichtß zu _ermnern sei. Zugleich bringe er im Auf: trage der Kommission zur Kenntnis; des Hauses, daß der Ver-

" treter der vexbündeten Regierungen die an denselvcn in der

Kommission gerichtete Frage, ob die Regierung sich mit dem

_; _ Gedanken einer Refoxm der Branntweinsteuer beschäftige,

Die beiden Resolutionen hätten der Kom:

Der Abg. Dr. Buhl befürwortete seinen Antrag. Die bedeutende Steigerung der Matrikulnrbeiträge, welche die Einzelstaaten, anstatt ihnen Steuererlasse zu ermöglichen, zu

verneint habe.

** mission nicbt vorgelkgen.

"'-***- Steuererhöhungen zwinge, lege mehr ,als je die Erwägung nahk, ob es nicht endlich an der Zett set, ausdem Branntwein * höhere Erträge als bisher für das New!; zu

erzielen. Aljgemeiu sei anerkannt, daß der Branntwein ein sehr geeignetes Steuerobjekt sei. Frankreich habe aus der Besteuerung des Alkohols jährlich 246 MiÜionen Mark Einnahmen; England 520 MiÜionen ; Rußland gar 900 Millionen; die kleinen Nieder: lande 47 Millionen, also mehr als die ganze norddeutsche Branntweinsteuergßnoffenfchast mit ihren 36 Miüionen; die Vereinigten Staaten 331 Millionen. Wenn er nicht einzelne bestimmte Detailworschläge gemacht habe, wie zu verfahren sei, so sei es darum geschehen, weil selbstverständltch bei der Besteuerung eines wichttgen Konsumartikels, der gleich- zeitig mit seiner Produktion eine so bedeutende Rolle in den Erwerbsverhältnissen großer Distrikte spiele, nur mit dem sachverständigsten Urtlwil geprüft werden dürfe, ob und in welcher Weise eine Erhöhung durchführbar sei. Er erksnne durchaus die Bedeutung des Brsnnereibetriebes für Nord- deutschland an; ebenso erheblich seien die Brennereien aber auch für die wirthschaftlichen Verhältnisse des Südens, nament- lich für die Erhaltung der dortigen Viehzucht. Also der Wunsch,

diesen landwirthschaftlichen Erwerbözweig zu schonen, sei gleich: berechtigt für den Norden undfür den Süden. Frage man nun, wie mit dieser Schonung ein9 Erhöhung der Branntweinsteuer- Erbträge vereinbar sei, so seien hier verschiedene Wege ge- ge en. denklich. Es würde dadurch der kleinere und mittlere Bren-

' nereibetricb noch mehr, als es schon der Fall sei, an Kon-

Die jeßige Steuer wesentlich zu erhöhen, erscheine be-

furrenzfähigkeit gegenüber dem Großbetrieb einbüßen. Man habe ferner vorgeschlagen, die Maisckgraumsteuer, gleichzeitig aber auch die Exportprämie, zu erhöhen, in der Weise, daß ein Theil des Ertrages der höheren Maischraumsteuer zur „Zahlung der erhöhten Prämie verwendet würde. Hiervor warne er aber auf?- Dringendste. Wohin die großen

Exlpldrtprämien geführt hätten, das habe man beim Zucker er e t. weinexport gehend

Ueberproduktion _ _ Reichsfinanzen, m zwexter aber auch der Industrie schädlich

Eine Steigerung der Prämien für den Brannt- würde zwar der Spiritusindustrie vorüber: aushelfen, demnächst aber eine verderbliche großziehen, die in erster Linie den

sein würde. Schon die jeßt gezahlte Prämie sei zu hoch. auch einen Wechsel ' des ganzen Steuersystems, etwa den Uebergang zur Fabrtkatsteuer, halte er unter den

* .“ jeßigen schwierigen ProduktionSverhältnisfen: für nicht ange-

bracht. Man müsse wenigstens mit ihr noch so lange warten,

' daß sie für Branntwän' und Zucker zuglsich eingeführt wer-

den könne. Dann könnten namentlich den östlichen Landes-

*' ,. theilen die Nachtheile, die ihnen durch die Aenderung des

Systems der Branntweinsteuer erwachsen würden, durch Vor- theile beim Zucker wieder ersetzt werden. Diese Frage könne man ja für die folgenden Jahre erwägen; gegenwärtig aber habe man nur die Möglichkeit, die jeßtge Maischraum- steuer beizubehalten und eine Zusaßsteuer dazu einzuführen, und zwar so, daß auch diesüddeutschen Staaten auf demselben Wege würden folgen können, und das Mißverhältmß in den Einnahmen aus dem Branntwein zwischen Süd: und Nord- deutschland möglichst aUSgeglichen werde. Eine nleichartige Regelung dieser Steuer in Nord- und Süddeutschland'wäre füx unsere ganzen Verkehrsverhältniffe von höchsteertchtig- keit. Es werde Sache der Regierung sein, die nöthxgen C'r- hebungen, wie am zweckmäßigstcn zu verfahren se1, anzu- stellen. Was die Frage betreffe, wie sich die Interessen der Konsumenten zur Steuererhöhung stelLen würden, so gebe er dem Reichskanzler gern zu, daß der „nord- dextxfche Arbeiter zur Erhaltung seiner Leistungsfähigkett exn aetmffes Quantum Alkohol nöthig habe; aber es seien m England auf den Kopf jährlich 3, in Frankreich 5, in Ruß- land 5-6, in Norddeutschland aber 9 ] Branntwein gekom- mdn, so daß der norddeutsche Konsum relativ bei Weitem der größte in ganz Europa sei. Würde derselbe durch eine höhere Besteuerung auch, etwas hexabgedrückt, so wäre das kein großes Unglück. Nack) emer statistrschen Erhebung in England ver- ursache der übermäßige Genuß geistigyr Getränke 9/10 al1er

anerkenne und Hülfe zu bringen bereit sei.

Armuth, 3/4 aller Verbrechen und 3/4 der Verwahrlosung der Kinder. Man müsse daher keine Mühe scheuen, wenn es fich

irgend durchführen lasse, aus dem Alkqhol höhere Steuer-

Ftr'träge zu erzielen. Darum bitte er, semem Anfrage zuzu- tmmen.

Der Abg. Uhden bemerkte, die Landwirthschaft sei in den letzten Jahren noch wesentlich ungünsitger fttuirt, als sie es schon vorher gewesen sei, in Folge des Rückgangs der Spiritus- industcie. Die Kartoffelpreife seien exorbitant gesunken, der Centner werde in den Brennereien nur noch für 60-70 „3 verwerthet. Sein Nnirag auf Verlängerung der Kreditfriften für die Branntweinindustrie sei daher noch viel gerechtfertigter, als es der gleiche Antrag des Grafen Hacke für die Zucker- industrie sei. Während von der Branntweinindustrie die armen Gegenden lebten, sei die Zuckerindustrie mehr in den wohl- habenden Landestheilen vertreten. Auch in der Thron- rede seien ja die Verhältnisse der Zucker: und Brannt- weinindustrie gewissermaßen in einem Athem erwähnt. Er entnehme hieraus, daß die Regierung die Noth- lage beider landwirthschaftlicher Betriebe gleichzeitig . Das ermuthigte ihn um so mehr zu seinem Antrage. Er bitte, denselben der Budgetkommission JU Überweisen, wie das gestern mit dem Anfrage Hacke geschehen sei. In dem Antrage Buhlxvermiffe er jeden positiven Vorschlag; der Abg. Buhl habe mit keinem Wort gesagt, wie derselbe die kleineren Brennereien schonen wolle, wenn die Branntweinsteuer erhöht werde. Die Einfüh- rung einer Fabrikatsteuer beim Zucker beruhe auf ganz an- deren Gesichtspunkten als beim Branntwein, zwischen beiden gebe es keine Analogie. Ganz unrichtig sei es endlich, wenn der Abg. Buhl behaupte, daß dem Branntwein eine Export- prämie gezahlt werde.

Hierauf ergriff der Staatssékretär de-Z Reichs-Schaßamts von Burchard das Wort:

Meine Herren! Ick) möchte zunächst an die Erklärung des Herrn Referenten anYnüpfen. Derselbe bat die Aeußerunßen, die meinerseits in der Kommi1fion zu de'r Steuerfragx ixn Allgemeinen gemacht find, „dahin rcferirt, daß die Regrerungen fick) W 1th mit der Branntweinsteuer nicht beschäftigt hätten. Ick glaube, der Herr Referent hat es woblauch nicht so gemeint; ich entfinne mich wenigstens, und das wird auch wiel- [cicht die Bestätigung Seitens des Herrn Referenten finden, daß ich erklärt babe, wenigstens habe erklären woÜen, die Regicrungen hätten fick) früher mij der BrannWeinstkuer eingehend beschäftigt, aber in jünaster Zeit nicht. ,Ich darfannehmen, daß der Herr Referent dieser Auffaffung zustimmt. _

Wenn ich dänn xu der Rewlution übergebe, die der Hr. Abg. 131“. Buhl beantragt bat:

die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Neich§tage mit möglicbstcr Beschleunigung einen Geseßentwurf über Erhöhung der Branntweinsteuer vorzulegen, in welchem die Interessen besonders der kleinen landwirtbschaftlichen Brennereien eine entsprechende Be- rücksichtigung finden, . so ist es ja gewiß eine, zvte ixb meine, allseitig getbeilte Auffaffung, daf; aus dem BranntjvemkonWm ein Höherer Beitrag zu den finan- ziellen Bedürfntfsen des Reiches zu erbringcn ist. Ich glaube auch, daß hierin die verbündeten Regierungen mit der Majorität des Hauses voüstandig einverstanden smd. Die Sckpwierigkcit bildet nur der Weg, wie zu diesem Ziele zu gelangen sei,

„Dcr Herr AntragsteUer und auch der Herr Vorrc-dner haben fich in d1eser Beziehung schon des Näheren Verbreitet und ich bin außer Stande, zu sagen, welchen Weg die wsrbündeten Regierungen zur Zeitxinschlagen werden, aber jedenfalls Werden fie, wenn die Re- jolbutton ihnen überwiesen wird, dieselbe gebührend in Berückfichjigung ne men.

Was" den Antrag des Hrn. Abg. Uhden betrifft, daß die Kredit- frist verlanaert Wsrde, so schließt fich derselbe an den Antrag, der gsstern binficbtlich der Zuckersteuer gestellt ist, an, wenn auch nicht genau in der Form, und der Herr Antragsteller hat selbst beanjraqt, daß de_rselbe an die Budgetkommisfion verwiesen wird, er wird also dort naher zu beratben sein. Ich möchte nur, ohne auf das Meri- toriscbe des Antrages selber einzugehen, hervorheben, daß er, glaube ich, doch in der Fassung nicht vaständig zutreffend ist. Entweder ist davon außzugeben, daß über die Frage der Bundesrat!) die Ent- scheidung zu treffen hat, dann würde der Antrag an den BundeSratb zu richten sein, oder es muß im Wege der Gesetzgebung darüber entschieden werden, dann ist, glaube rev, auch der Antrag nicht an den Herrn Reichskanzler zu richten, sondern dann wäre es nach meiner Meinung Sache des Antragstellers resp. dec Kommisfion, einen Gesetzentwurf als Jnijianvantrag auSzuarbeiten, der diese Frage zu regeln hätte; die verdßndeten Regierungen würden dann, wenn der Jnitiativantrag die Zusttmmung des Hauses findet, Gelegenheit haben, ihrerseits Stellung zu demselben_zu nehmen. Ich glaube, diese Frageswird aber in der Vudqetkommfffion nähere Erörterung zu finden haben; schon mit Rückficht darauf, daß eZ auch hier nothwendig sein wird, eine Ver- stärkung der vorübergehenden BetriebSmittel vorzunehmen, ist der Weg der Gesengebung nicht zu umgehen.

Dann mochte ich noch mit einem Wort auf die auch heute wiederholte Behauptung des Hrn. Abg. Dr. Buhl zurückkommen, daß wir Exportbonifikationen für Spiritus zahlten. Ick) habe 1chon gestern die Hoffnung außgesprocben, daß jeZt diese Ansicht nicht mehr bestände. Ick habe nun heute gehört, daß das nißht zutrifft und möchte denn doch meinerseits einen GefichtIpunkt hervorheben, der, glaube ich, voÜständig überzeugend dafür spricht, daß keine Export- bonifikationen gezahltwetden. Das ist nämliä) einfach die Vergleichung der Einnahmen an Spiritussteuer gegenübcrgestellt den Exporten. Es kann ja von keiner Seite bestritten Werden, daß, wennvvir Exportbonifikationen zahlten, dieselben fich steigern würden mit de_r gcsteigerten Menge des Exportes, das ist eine Wahrheit, die, glaube ich, kaum zu beanstanden ist. Man wird also zu prüfen haben, ob dieje_Regel irgendwie er- _kennbar bervortritt in unseren NacbWeisunaen uber die Einnahmen an Spiritussteuer und Über die gezahlten Exportbonifikajionen. In dem statistischen Jahrbuchs, das den Herren au_ch volLständig zur Ver- fügung steht, sind die Einnahmen an Brannttvemsteuer genau für eine Reihe von Jahren verzeichnet und zwar unter 5leicbzeiti,ger Angabe auch der gezahlten Ausfubrvergütungen und unser gleixhzeittger Angabe des Bejrages, der auf den Kopf fäUt, denn lexzterer tft, der entscheidende Gesichtspunkt. Was ergiebt sich nun hieraus? Dre SteuereinnaHMc nach Abzug der Ausfubrvergütungea haben im Jahre 1881 betragen 48 510000 „44, das macht auf den Kopf der Bevölkerung 1.35 „zs.; nn Jahre 1883/84 _ das steht in diesem Buche zwar nich. kann ich aber hinzufügen _ find ße noch etwas höher „gewesen, fie haben M) auf 48900000 „M beziffert, das entsprxcbt ungefähr einem Kopfbetrage von 1,35 .,“ Sehen wir nun in der Reihe we1ter zurück, so finden wir nur ganz _vereinzelte Fahre, wo ein höherer Ertrag erzielt worden isx, namlisc'h die abre 1876 und 1875, dage en find im Uebrigen dtese Betrage nke erreicht worden. Glenbwobl lZW) aber die Ausfuhrvergutun en im Jahre 1881/82 böber gewesen als in irgend einem andern Ja re. Es kommt

ferner hinzu, das; ja hier seit einigen Jahren _- seit 1880. wenn ich ni_cht irre _ außer der Ausfubrvergütung auch dann die Steuer ver- gutet worden ist, wem: der Spiritus zu gewerblichen Zwecken benuxzk wird, ,und diese Vergütungen bezifferten sicb im Jahre 1883/84, wie dre EtatSvorlage_ ergiebt, auf nahezu 2 Millionen, nämlich auf 1867000 „46; trotzdem, daß außer den Ausfubrverqütungm auch noch diese Vergütungen gewährt worden sind, ist doch der Nettyertrag der Spiritussteuer ein größen: im Jahre 1883/84, wie fast tn allen Jabxen zuvor. Nun, meine Herren, wie man solchen Tbatsacben gegenube_r immer noch die Behauptung aufstellen kann, wir zahlen Exportpraxnjen, ist Wir in der That nicht recht verständlich.

Der Ll-hg. D1r1chlket erklärte, die Beweisführung des- Staatssekretars „bezüglich der Exporwrämien habe seiner Ansicht nach eme Lücke. Derselbe habe gesagt, wenn de; Export zupehme und zugleich auch die Steuer wachse, so set. der Beweis erbracht, daß Exportprämien nicht gezahlt würden. Aber es komme doch vorher in erster Linie darauf an, ob der Export in demselben Maße zrmehme, wie du in- n_ere Konsum. Dieser Nachweis sei nicht geführt worden. Das e1_nfache Nichtzurückgehen der Nettoeinnaßmen beweise gar- mchts. O_em Buhlschen Antrage ftehe er in mancher Beziehung sympathtjch gegenüber. Nur glaube er, daß man die Vortheile, we,lche die Branntweinbrennekci der Landwirthfchaft brmge, nicht Überschäßen fonte. Rechne man nur zusam- men, was durch Vormehrung der Armenlast in Folge über- mebenen Vranntweingenuffes, durch schlecht geleistete Arbeit und schlechte Behandlung des Viehes der Landwirthschaft an Schaden entstehe. Man könne übe: die Frage, wie diesem unmäßigey Branntweingenusse zu ßeuern sei, vxrschiedener An_ftcht sxm. Er glaube, daß sich als das einzige wirksame Mutel dre Erzeugung biÜigen Bieres erweisen werde. Eine Aeyderung der Zollgeseßgebung in diesem Sinne dürfte am me1stcn zu empfehlen sein. Was nun die Foxm des Buhl- schen Antrages anbetreffe, so müsse er sich gegen dieselbe er- klären. Das Hane; habe weder aus ethischen noch irgend welchen anderen Gründen Veranlassung Steuervo-rfchläge zu machen , namentlich wenn man dieselben nicht bestimmr formuliren könne. Solche Resokutionen würden für die Gegenwart nur wenig helfen, aber sie könnten für die Zukunft unangenehm werden, indem sie das Haus bezüglich seinßr Zustimmung allen Vorschlägexx gégenüber vinkulirten, d1e srch in dieser Richtung bewegten. Er bitte darum, die Yesolution abzulehnen. Was den Uhdenschen Antrag betreffe, so habe er gestern bereixs klar gelegt, daß derselbe habe kommen müssen. Wenn die Rübenbauer in Be- wegung geseßt seten, so habe fich diese Bewegung auch auf andere Jntereffentenkreise übertragen mUffen. Auf dieser Kon- kurrenz- dex einzelnen Interessentengruppen unter einander baue stch 16 das ganze wirtyschaftliche System auf. Sollte dieser Antrag angenommen werden, so wäre damit nur er- wiesen, daß die Nolhlage der Spiritusintereffentex noch viel größer sei als d1e allgemein behavoptete Nothlage der Land- wirthschaft. Schon gestern habe er angeführt, daß die mit Rüden bebaute Fläche nur minimal sei im Vergleich der sonst von der Landwirthschaft benußten Fläche, Fi? mache nur 1 Proz. derselben aus. Wenn auch für die Brennereien die Sache nicht so klar liege wie dort, weil aus* der Kartoffellandfläche nicht 6771 Schluß auf die Zahl der Brennereibetriebe gezogerx werden könne, so halte er tros- dem auch hier sine Identtfizirung der Branntweinbrenner m1t der Gesammtlandwirthschaft nicht für angezeigt. Wenn sonst von einer Nothlage der Landwirthfchafk und von der Unter: ftüßung derselben die Rede gewesen sei, da beiße es, man müsse helfen, weil die landwirthschaftliche Bevölkerung fich in d€r Mehrzahl befinde. Hier aber rufe man das aus sz Schuße der Vranntweinbrenner auf, weil ihrer 0 wenige seien. Nun lasse steh ein solcher Schuß wohl am ersten durchführen, denn die Unterhaltung eimer Majorität auf Kosten der Minorität gehöre seiner Ansicht nach zu den steuerpolitischen Kunststücken. Der Abg. Uhden habe zur Begründung seines Antrags auf ganz exxeptioneüe Zusüinde in den Brennereibetrieben hingewiesen. Er glaube mdeffen, daß dem Abg. Uhden die Beweisführung für seine Vakzmxp: tungen nicht gelungen sei. Wenn wirklich die Lag»: der Branntweinbrenner so schrecklich sei, daß sie die Kaytoffeln nur mit 60 „H pro Centner verwerthen könnten, warnan ver: fütterten sie dieselben nicht direkt, wie das die kleinsven Be: sitzer thun müßten? Ein bikligkres Futter als den Gentner“ Kartoffeln zu 60 „Z könnten sie doch wirklich nicht bekommem Freilich habe der Abg. Uhden bei seiner Berechnung die Frage„ wie hoch der Werth der Schlempe angesetzt werden Mane, außer Betracht gelassen. Wie gewöhnlich seiaucb von demselben Brennerei. und Kartoffelbau als ein identischer Begriff behandelä: worden.. Dem gegenüber möchte er nochmals darauf hinweißxn, daß diw überwiegend große Masse von Landwirjhen ga: nuch! in der- Lage sei, ihr Futter zuvor noch technisch zu vermerdden. .IN seiner Eigenschaft als Landwirth mänchte_ er gLrade auf dtefß Seite noch die Aufmerksamkeit des Hauses benxen. Es [er. sodann noch gesagt worden, daß d'de Zuckerindustyte durch'dte Beibehaltung der Steuergefeßaebung, welche in- den sechzxger Jahren für dieselbe wohl am Blase gewesen Hei; zu der Wer: produktion gelangt sei. Das sei genau dgß gewesen, was er gestern außgeführt habe und wogegen 1312 Herren von 'der“ Rechten und auch am BundeSrathstische sw lebhaft pokkmjsxrt: hätten. Die Frage, ob man es bxxk der Ausiuhxven gütung mit Exportprämien zu thun. habe WOU'e er hier nicht erörtern; es ließen steh eben so vtele Gxünds dafür wie dage en anführen. Aber wenn der Beweis ge: scheitert sei, da die Branntweinbrennevei sich in einer weit schwereren Nothlage befunden haben,a.1§ die übrigen bandwirth: schaftlichen Betriebe, so [aße fich mit. gleichem Rechte, wie hier von dem Abg. Uhden eine weitere Steuerkreditimngssrisi für Branntweinbrenner verlangt werde, auch die Forderun' auf: stellen, den sämm1lichen Landwixihen Grund- und Ver anal- steuer u. s. 1:1. auf neun Mona'te zu kreditiren. Freilich würde man dann zu finanzwirthschastk4chen uftänden gelangen, dre. nicht haltbar seien. Gemäß seiner getrigen Stellungnahme zu dem Antrags Hacke werde M auch beantragen, den Uhdenschen Antrag an die Budgetkommission zu verweisen. Für ihn alloer- dings ließe die Sache. so klar, daß er denselben chon & [imma zurückwexsen könne.