1896 / 19 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger, Tue, 21 Jan 1896 18:00:01 GMT) scan diff

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»; dee MWM, der Schneider, . berechtigt. daSselbe' zu verlangen. (Widerspruch darüber kann gar kein Zweifel

Meine Herren, Nun werdén Sie mir vielleicht entgegnen: ja, das jeßkae Gesetz der Preisbildung , Angebot und Nachfrage, bat bedenklixhe Folgen gezeitkgt, sodaß es beseitigt werden muß. MMW. das bestreite icb. An jede menschliche Einrichtung, an jedes mmschliche und wirtbschaftlicbe Geses ;knüpfen fich bin und wieder Auswüchse, und die Auswüchse muß man beseitigen, Es be- zweckt dies beispielsweise das Vörsengeseß und eine Reihe anderer Maßnabmen. Man muß aber nicht das Kind mit dem Bade aus- fchütten und die ganze Privatwirtbscbaft beseitigen wollen. Man bereitet den sozialen Staat vor, wenn man von Staatswesen die Preisbildung für die wichtigsten menschlichen Nabrungßmittel einführt. Nun, meine Herren, lege ich mir folgende Frage vor: der Zweck des Antrags ist also: Hebung der Getreidepreise und dadurch Er- reichung der Beseitigung der landwirthscbaftlichen Kriss. Meine Herren, ist denn die Krisis in der Landwirtbscbaft Folge der gesunkenen Preise? Das besireite ich ganz entschieden. (Hört! hört! links.) Die Krisis hat bereits zu einer Zeit begonnen, wo wir günstigere Preise für die LandwirtbsÖaftbatten, günstiger, als sie der Antrag Kaniß schaffen wil]. Schon vor Jahren, meine Herren, hat sich der Deutsche Land- wirtbschaftsratb, als wir noch eine durchaus günstige Preisbildung hatten, damit beschäftigt, die Ursachen der landwirtbsckyaftlicben Krisis zu finden. Ich bestreite die Einwirkung der sinkenden Preise auf die Landwirt!)- schaft, auf die kritische Lage der Landwirthschaft, keineswegs; aber ich bestreite, daß Sie dadurch, daß Sie die Preise steigern, die Krifis heilen. Die Krists ist dadurch, daß neben den latenten Ursachen nun auch das Sinken der Preise einirat, zu einer akuten geworden; die Ursache der Krisis liegt aber nicht in der Preisbildung. '

Und nun wende ich mich zu einer Aeußerung, ki? Herr Graf von Kaniß gestern gethan hat. Wenn ich recht gehört habe, hat der Herr Graf gesagt: ich glaube, daß wir die gégenwärtigen sinkenden Preise noch lange bkbalten werden. Aber den Beweis für diese Behauptung hat der Herr Graf nicht angetrkten. Dem gegenüber sage ich: ich glaube nicht, daß der Niedergang der gegenwärtigen Preise Lin dauxrnder ist, und ich will wknigstens versuchen, für diese meine An- schauung Beweis zu erbringen. *

Meine Herren, aus den vielen bei der landwirtbscbaftlicben Ver- waltung einlaufenden Nachrichten über die Anbaustatisiik im In- und Ausland gebt hervor, daß, weil der Preisniedsrgang überall in der ganzen Welt sich geltend macht, der Anbau von Getreide in der ganzen Welt Rückschritte macht. Bestimmt behaupte ich das be- züglich des Getreideanbaues in Amerika. (Hört! hört! links.) Auth in Argentinien so!] ein Rückgang stattfinden. Daß in Deutsch- land die Anbauflächkn für Getreide wesentlich zurückgégangen sind, ist

* ziveifellos, Weil die Landwirtbsckyafi sich so viel wie möglich auf eine

andere Produktion als gerade die des Körnerbaues legt. Daraus, meine Herren, folgt, daß das threideangebot abnimmt.

Dann, meine Herren, kommt ein fernerer Umstand in Betracbt. Es ist eine bekannte Thatsache“, daß wir seit einer Reihe von Jahren in der bei weitem größeren Mehrzahl der Länder sébr günstige Ernten gkbabt haben. Der Ueberschuß ist nach d€n mir Vorliegenden Nach- richten beseitigt; wir haben nicht mit großen Usberschüffen an Ge- treide mehr zu rechnen. Auch das bewirkt eine Verminderung des Angebots. Noch ein anderer Umstand kommt in Betracht. Es steht fest, daß jedes neue Jahr für binzukommende 4 Millionen Menschen auf der ganzen Welt die erforderlichen Nahrungsmittkl mehr schaffen muß und daß dies auf die Konsumtion einen erbeblichen Einfluß äußert, und da ist Deutschland mit einer halben Million betbeiligt; dies ist dock) auch unbestreitbar. Dann kommen auch die Natur- verbältniffe in Betracht. Ich erinnere an das Jabr1892, in wclchm wir aus den niedrigsten Preisen mit einmal, alierdings nur auf kurze Zeit, auf abnorme Preise gekommen sind.

Meine Herren, ganz unwiderlegbar erscheint mir, daß, wenn die Ursache der landwirtbschaftlickyen Krisis nicht aÜein die niedrige Prkis- bildung ist, Sie die laudwirtbscksaftliibe Krisis auch nicht allein durch Hebung der Preise heilen könnkn. (Zuruf bei den Antisemiten.) Meine Hsrrkn, ich bin dsr Anfiébt, daß die niedrige Preisbildung nicht allein der Grund der landwirtbscbaftlichen Notbiage ist, daß daher durch Antiabme des Antrags Kunitz ablein die? Nothlage also auch nicht gehoben wird.

Nun, meine Hkrren, mcm bklikbk _ und anscheinend will Herr Graf Mirbach etwas Aebnlicbes sagst: _, mir, so oft ich genötbigt bin, über agrarische Fragen micky zu äußcrn, was in der Regel gerade nicht angenehm ist (Heiterkeit), _ man beliebt mir vorzuhalten: du weißt nur kleine Mittel zur Hiife für die Landwirtbschaft vorzuschlagen, und die helfen nicht. Meine Herren, mit den sogenannten leinen Mitteln kann man sehr wohl auf die Preisbildung des Getreides einen erheblichen Einßuß üben. Ich erinnere an die Auf- hebung des JdentitätSnachMises, durch welche eine wesentliche Ver- schiebung der bisher ungünstigen Preisbildung im Osten zu Gunsten der östlichen Landwir15schaft eingstreten ist. (Scbr richtig! aus der Mitte.) Die Beseitigung der Tranfi'tläger wird voraussichtlich die Preisbildung ebenfaüs günstig besinfluffen. Durch Eisenbahntarife, durch Verbesserung der Verkehrsmittel, durch den Bau der Kleinbabnen u. s. w. kann man die Preisbildung günstiger gestalten. Wenn man die Produktions- kosten vermindert und man steigert die Produktion, so erwirkt auch das Erhöhung des landwirtbschaftlicben Reinertrags. Denn nicht auf die Höhe des Preises kommt es an, sondern darauf, mit welchen Pro- duktionskoften man bestimmte Quantitäten Getreide Hervorbringt. Zweiféllos ist es, daß Jahre mit schlechten Ernten die höchsten Preise bringen; dann pflegt es aber der Landwirtbsäyaft am schlechtesten zu geben. Das beWeist auch, daß die Preisbildung nicht allein für die Lage der Landwirtbschaft entscheidend ist. Nun, meine Hsrrkn, zu den von mir berührten Maßnahmen zur Beseitigung der lcmdwirtb- schaftlichen Notblage werden eine Reihe anderer Maßnahmen hinzu- treten, welche theilweise bereits in der Diskussion gestreift find, die aber vorzutragen Ihre Zeit zu sehr in Anspruch nehmen würde, und ihre Darlegung gehört auch kaum vor den Reichstag. Sie liegen zum tbeil auf dem Gebiete der Verwaltung, zum theil auf dem Gebiete der Reichsgeseßgebung, wie beispielSweise das Börsengesey, das Zucker- steuergeseß, das Branntweinsteuergesetz; zum tbeil gehören sie zum Gebiet der preußischen Gesetzgebung. Es erscheint mir nicht richtig, einem Minister, welcher den besten WiÜen hat, der Landwirtbschaft zu helfen, der glaubt, redlich seine Pflicht getban zu haben, der meint, daß er in kurzer Zeit schon manches Wertbvolle für die Land- wirtbschast mehr erreicht hat, seine Arbeit dadurch zu erschweren,

daß man seine Maßnahmen fortwßbvend aiv“ kleine, unwirksame Mittrl darstellt und in weitesien Kreisen den Glauben verbreitet, nur durch den Antrag Kunitz und durch die Wäbmngsfrage

begegnet man in den Organen des Bundes aber täglich. Meine Herren, damit ist der Landwirtbscbaft wenigstens zur Zeit nicht zu helfen, da beide Mittel nicht durchzuführen sind, und wenn dies der Fall wäre, auch die schnelle Hilfe nicht gewähren könnten. Wynn die Währungsfrage im Sinne des Herrn Grafen Mirbach zur Zeit zu lösen wäre, jd könnte das doch von beute zu morgen nicht gescheben. Wenn Sie den Antrag Kaniß beute annehmen, wird dann, wie es» der Bund der Landwirtbe darsteüt, sofortige Hebung der Preise er- folgen? Der Antrag muß doch erst Geseß werden, das ergangene Geseß muß außgefübrt werden. ,

Die Einrichtung einer großen Monopolverwaltung nach Maßgabe eines Ihrem Anfrage entsprechenden Geseßes, wenn auch der' gkgen- wärtige Reichstag alle dafür erforderlichen Unterlagen feststellte, würde doch nicht von beute zu morgen aussefübrt werden. Mit der Währungsfrage liegt die Sache ähnlich. Schnelle Hilfe kann man mit beiden Mitteln nicbt bringen. .

Meine Herren, ich "erkenné den unermüdlichen Fleiß, die stets objektive Behandlung, die Ueberzeugungstreue, den treuen Wunsch des Grafen Kaniß, der Landwirtbschaft zu helfen, im vollsten Umfange an. Aber, meine Herren, einen Vorwurf kann ich dem Herrn Grafen Kaniß nicbt ersparen: ich bin gestern wie stets seinen Darlegungen mit großer Aufmerksamkeit gefolgt, weil ich bei jeder neuen Darlegung mich der Hoffnung bingab, es sei der Herr Graf Kaniß endlich in der Lage, genau darzulegen, wie er sich die Ausführung seiner Pläne bis ins Detail hinein vorsteUt, mit welchen Ein- richtungen und welchen Mitteln er den Zweck und Erfolg seines Antrags erxeichcn und sichern zu können glaubt. Ich habe die Stenogramme über die Kommissionsverbandlungen mit Fleiß und Eifer studiert, ich habe aUe früheren Reden im Reichstag studiert, die gestrige Rede habe ich sorgsam verfolgt, _ zur Klarheit über die Wege, welche Graf Kaniß selbst für die Durchführung seines Vorschlags betreten würde, bin ich nicht gelangt. Vielleichtliegt das am Mangelan Verständniß des gegenwärtigen Landwirtk)schafts-Ministexs. (Heiterkeif.) Den redlichen Willen babe ich jedenfalls gehabt, mit den mir zu Gebote stebendsy Verstandkskräften mir ein klares Bikd darüber zu verschaffen; absr das ist mir, offen gestanden, nicht gelungen. Ich bestreits auch, daß die gkpflogenen Verhandlungen nach der Richtung hin erschöpfend find. In den Kommissionsverbandlungen ist von einer Seite darzulegen Versucht wordsn, die Kosten der Monopolvcrwaltung würden jährlich 30 Millionen und mehr betragen. Näher auf diesen Punkt ist man nicht eingegangen. *

Ein sehr wesentlicher Punkt ist bisher noch garnicht berührt und das ist folgender. Glauben Sie, meine Hkrren, wenn Sie mit einem Schlage einem großen Theil unseres Handelsstandks den Erwerb nehmen oder schmälern, daß das ohne Entschädigung geschehen kann und darf? Ich erinner? daran, daß vielfach für das (Héwsrbe doch kostspielige An- lagen, Speicher u. s. w. gemacht find. Als man daran dachte, das Taback'monopol einzuführen, ist doch zweifellos in der Monopolyyrlage eins Entschädigung des Kaufmanns- und des Fabrikantenftandes in Aussichi genommen. Ich vermisse in den bisherigen Verhand- lungen über den Antrag Kaniß auch nur Berührung der Frage. Der Graf don Kaniß meint, einen Theil der Getreidebändler bei der Monopolberwaltung Wikdkr vsrwcnden zu können, oder einm; Theil zu Staatsbeamtkn machkn zb! können. Alis wird er doch nicht über- nehmen, allen doch nicht ihre Lagerräume abnehmen können! Aber damit ist doch die gestreifte Frage noch nicht gelöst. Ich will nicht unbedingt behaupten, daß der Handel einkn Anspruch aquntfchädigung haben würde; aber es ist doch eine Lücke, daß disse Frage nicht einmal berührt ist.

Méine HErren, ich bin vielleicht schon viel zu weit in die Frage eingetreten, _ ich wiU noch auf einen Ausspruch des Herrn Bebel hinweisen, den (*r in der Kommission machte; er sagte: aus taktischen Gründen sind wir gkgen dc'n Antrag, aber daß der Antrag in den sbziaiistiscben Staat binüberführen wird, ist ziveifellos. Ich möchte darauf biniveisen, daß in der .Kreuz-Zcitung“, dem konskrvativsten Blatt in Preußen, Vor kurzem ein Artikkl stand, der damit schließt, daß er ausführt: zum sozialistischen Staat gekangkn wir doch, dann ist es um so besser, je rascher fick) die Sache vollzieht. Es ist das etwa der Sinn des Schlußrefrains, mit welchem der von der ,Kreuz-Zeitung“ 'aufgenommene Artikel schließt. Auch in dir gestrigen Debatte ist ein? ähnliche Aeußerung auf der r€chten Seite dks Hauses gcfaUen, indem ausgeführt wurde, daß, wenn man das Ziel der Beseitigung der landwirthschaftlicben Notblage erreiche, es doch nicht so gefährlich ski, wenn dann auch geg€n den Besckpkußsozialistische Bedenkc'n *crboben Werden können. Zu diesem Punkt gestatte ich mir noch Line kurze Bémerkung, die fich auf eine Aeußerung des Herrn Grafen Bisinarck bezieht. Der HEN" Graf bat _ ich glaube nicht zu irren _ den Antrag Kunitz als einen Notbbebclf be- zeichnet. Wenn ich darlegte, welche Schwierigkeiten der Antrag in der Ausführung hat, und Welche prinzipicllen Bedenken dagegen Vorliegen, mit welcben Schwierigkeiten, Kosten u. s. w. die Ausführung ver- bunden sein würde, so halte ich es doch für bedenklich, einen Beschluß aUSzufübren, welchen man als Notbbebelf bezeichnet, der aber so ein- schneidend wirken würde. (Sehr richtig! links.) .

Nun, meine Herren, ich will damit schließen; aber ick) halte mich doch verpflichtet, noch eine allgemeine Bemerkung hinzuzufügen. Meine Herren, die Frage, mit der wir uns bier b€schäftigen, die Frage der Preisbildung, ist eine der schwierigsten volkswirtbschaftlichen Fragen, die es giebt; ich glaube, mit Fug und Recht kann man sie als ein Problem bezeichnen. Dieses Problem, meine Herren, trägt man in die breiten unteren Schichten des Volks hinein, regt damit die weitesten Kreise der Bevölkerung auf. Und, meine Herren, das geschiebt nicht in objektiver Weise, indem man auch die Schwic'rigksitcn der Lösung dieses Problems, dessen Konsequenzen darlegt; nein, meineHerren, derBund der Landwirtbe bebaudslt nicht so die Frage, cr sagt vielmehr: wollt ihr höhere Preise haben, wir sind in der nge sie ?Uch zu verschaffen (hört! hört! links); wir werden schon die Regikrung zwingen, euch die höheren Preise zu gewähren. Meine Hkrrkn, ich kenne auch Land und Leute in Preußen. Wenn Sie mit solch einem goldenen Regen in die Kreise der Landwirtbschaft hineingeben, so sagt jeder: der Mann, der mir das gewähren kann, das ist mein Mann! (Sehr richtig! in der Mitte und links.) Aber was denkt jeder im StiÜen ? Gott seiLob und Dank,

haben wir doch in Preußen und in Deutschland noch verständige

Regierungen, die prüfen, ob denn unser Wunsch auch ausführbar

sei der Landwirtbschaft überall noch zu helfen. Solchen Darstellungen -

ist, ob er uns nicht von Haus und Hof “vertreibt, ob er

den sozialen Staat bineinfübrt ; das zu verbüten, ist Aufgabe der Regierung, wir haben das Vertrauen: wenn wir auch beschließen, W Herr von Plock vötschlägt, so wird die Regierung schon“ prüfen, „3 wir damit etqu Tböricbtes und uns selbst Schaden Zufügendeg („_ anfragen. So liegt, meine Hauen, die Sache einstweilen noch in Weiten Kreisen der Bevölkerung. Aber, meine Herren, da der Glaube immér mehr um sub greift, die Regierung könne helfen, sie wolle aber nicht helfen, woran die Agitajion des Bundes die Schuld trägt, meine Herren, so liegt darin eine große Gefahr für unsere bestehende Wirtbschafts- und Geseüfcbaftsordnung. (Unruhe rechts. Sehr richtig! links und in der Mitte.)

Meine Herren, das Sprichwort sagt: wer Wind säet, der erntet

Sturm, unddie Geister, die man ruft, die bannt man nicht so leicht wieder. Lernen Sie doch aus der Geschichte der Bauernkriege: die Bewegung nahm einen ähnlichen Anfang, man trug auch Vkrkebrte Ideen ins Volk hinein, und es thut meinem preußischen und deutschen Herzen weh, daß so verfahren wird, und ich gebe mich der Hoffnung hin _ ähnlich bat fich heute auch Herr von Bennigsen ausgesprochen _, daß, wenn der Reichstag sich zu der großen That entschließt, nach zwei-, dreijährigen Beratbungen den Antrag Kaniß mit großer Mebrhei! abzulshnen, daß dann so viel Patriotismus besteht, daß die Agitation für Lösung dieses Problems, die geradezu gemeingefäbrlich ist (sehr wahr! links und in der Mitte, _ große Unruhe rechts), aufgegeben werde“, daß wieder ruhiger und objektiver geprüft wird, wie der Notblage der Landwirtbschaft zu begegnen ist, Das ist die Pflicht jedes loyal denkenden Untertbanen und zwar be- s onders in der jeßigen Zeit, wo wir wahrlich schon genug Zündstoff haben, dsr nicht noch von sogenannter konservativer Seite vermehrt werden sollte. (Sehr gut! links und in der Mitte. Lebbafter Wider. spruch rechts.)

Meine Herren, mit dieser Mahnung glaube ich meine Pflicht als guter Patriot erfüllt zu haben. Sollte ich durch dieses oder jénes Wort verlc-Zend gsworden sein (Zuruf rechts), "so lag das nicht in meiner Absicht, aber es lag in der Sache, und als preußischer Minister babe ich mich für verpiiichtet gehalten, unter den gegenwärtig bedenk- lichen Verhältnissen mich offen bier auszusprechen, wie die prsußiscbe

Regierung zu der Sache steht. (sthafter Beifall links und in der '

Mitte. Zischen rechts.)

Auf die Rede des Abg. „Herbert bemerkte der Staats: Minister Freiherr von Hammerstein:

Meine Herren! (Es ist mir Von meinen KoÜegen und ver- schiedenen anderen Herren gesagt, daß eine Aeußerung von mir so aufgefaßt rvorden ssi, als habe ich der kbnservativen Partei als solcher den Vorrvurf gemacht, daß sie staatsgefährlicb und ge- meinge'fäbrlich in diésßr Frage dorgxaavgen sei. Ich bin, weil mir das Stenogramm nock) nicht borlikgt, noch nicht in der Lage, festzustelimi, ob das, richtig, ob wirklich der ganze Zu- sammenhang meim-r Aeußerung diese Annahme rscbtfertigt. Jedenfalls isi die Aéußerung so nicht gkmxini akwesen. Ick) babe fie nicht gegen die konservative Parisi als soiche ,xcrickor-“t, sondern gegen die agitatoriscbe Partki im Lande. (Sibi richtig! links. Widerspruch und Zuruf rechts.) _ Ich halte das nicht für zutreffend; ich habe im Gegenibcii aus dkn Erklärunzxen dcs Bundks der Land- wirtbe Entnehmen müssen, daß er sich nicht mit der konserdativen Partei deckt. Jedenfalis, Wine Herren, ftxlle ich fsst, daß ich die konserdative Partei im preußischen Landtag und die konservative Partei im Deutschen Reichstag als solche mit meinen Aeuße'rungkn nicht habe treffen wwÜen.

Dem Nbg. Freiherrn von

_ _ _ Mantcxtffcl cntgegnstc der Staats-thster Freiherr von Hammerstein:

Meine Herren! Ich bestreits entschicden, daß ich gksagt babe, was Herr don Manteuffel eben behauptet; das Stcrwgramm wird das beweisen. Ich Habe die Agitation mit dem ?lntnganiß gcmeint, und das wird das Stenogramm auSrvkiscn. Jedenfalls ist das me'ine Absicht geWLsen.

Nack) Schluß der chattc sagte der Staats=Minister Frei: hkrr voU Hammerstein:

Ick bkdaure, das Wort nebmcn und die Diskitssion noch Einmal eröffnen zu müssen; aber ich bin dazu genötbigt, um eine Be- hauptimg, die? schon in dir „Deutschen TageSzeitung“ stand, und dic beute bier Unter Zeugnis; des Herrn Abg. Hahn aufgestkllt ist, als unwabr zu widerlegen. Ick) habe ailkrdings an der konstituierendkn Vkrsammlung des Bundks der Landwirtbe in Hannover tbeilgenommen, habe in der Versammlung aber ausdrücklich erklärt, daß ich Es ab- lehnen tnüffk, dem Bund der Landwirthe beizutreten, Weil weder meine Sthung als Landes - Direktor der Provinz HÜUUOVEr noch als damaliger Vorsitzender des Landwirtbschaftsraihs mir erlaubte, in den Bund einzutreten. Ich wiki zugleich mittbeilen, daß ich damals ber- vorbob: dm spontanen Zusammenschluß der Landwirtbe zur Ver- tretung ihrer Interessen halte ich an fick) und so lange für berechtigt, wie die Landwirtbschaft eine loyale Vertretung nicht erlangt babe:- Mcine Herrkn, das ist auch [)xuie noch meine Ansicht: gewarnt babe ick) der Zeit schon davor, über das bkrcchtigte Ziki hinauszugcben.

Deutscher Reichstag. 19, Sißung vom 20. Januar, 1 Uhr.

Tagesordnung : Zweite BeratÉung des Re ich sh a u s h a 1 ts : Etats für 1896/97, und zwar tat der Reichs-Post- und Telegraphenverwaliung.

Die einleitende Rede des Staatssekretärs dcs Reichs-Postamts ])1'. von Stephan hatte folgenden Wortlaut:

Gechrte Herren! Es ist ein harter Uebergang, nach den er- hebendcn Gedknktagen, die wir soeben in feierlicher Weise begangen haben, an die trockene Arbeit der Prüfupg und Veratbung des Haushaltsanscblags ein?.r technischen Verwaltung zu gehen. Um diesen Ukbkrgang in etwas zu glättén, möchte ich Sie um die Erlaubnis; bitten, Ihnen in wenigen schmalen Umrissen ein Bild von dsr Entwicklung zu gsben, die seit der Entstehung des Reich die größte Zivilverwaltung desselben und das auschehnteste nationale Verkehrs“ und Kulturinstifut, welches ihr Objekt bildet, 6?“ nommen hat.

Ich nehme dabei zum Ausgangspunkt selbstverständlich das Jahr 1870 _ im aÜgkmeinen also 1870, mitunter jedoch ein etwas späteres Jahr, weil die Zahlen nicht von früherer Zeit vorliegen “- und als Endpunkt das Jahr 1895 und wende mich zunächsk dei" Gebiet der Ausbreitung der VerkehrSanlagen zu. Da ergiebt dle

;:szzust

W Folgendes: Im Iabre vb: zde'r Begründung des Deutschen

, also 1870, batten wir 4520 Postanfialten, gegenwärtig fich die Anzahl derselben auf 28263; es hat also ihre Zabl mehr als versecbsfachk. Noch größer (| die Vermehrung gewesen bei den Telegrapbenanftalten. Wir besaßen im Jahre 1870, 1078 Telegrapbenanstalten und gegen- „Mig 17800. (Bravo !) Es find also die Telegrapbenanstalten „m das Siebenzebnfxacbe vermehrt worden. Die Unfall- mexdestellen, welche dem platten Lande bei Feuersbrünsten, unge- wöhnlichen Krankheiten u.s.w. große Dienste leisten, existierten damals noch gar nicht; wir haben anfangs 1880 angefangen und. ihre Anzahl beläuft sicb gegenwärtig auf 8441, welche täglich fünfzigmal bcnußt werden- Die Ausdehnung der Telegrapbenleitungen, welche im Jahre 1870 81 800 kw betrug, beläuft sich gegenwärtig auf 600 000 )(m, und die Anzahl der Telegrapbenapparate, welcbe damals 2530 war, ist gegenwärtig 138 000, wobei allerdings die vielen Fernsprech- apparate des inzwischen eingefübrxen Telephonrvesens in Betracht kommen.

Meine Herren, in keinem Lande Europas ist die Ausbreitung der Postanstalten und Tklegrapbenanftalten in demselben Maße borge- schritten, wie in Deutschland; auch in England nicht, was weit hinter uns zurücksteht. Nur in der Anzahl d€r Postanstaltsn über- trifft das Gebiet der Vereinigtkn Staaten von Amerika die deutsche Postverwaltung, was selbstberständlich ist durch dis um so viel ,iößere Ausdehnung des Gébietes der Vereinigten Staaten und durch den Umstand, daß man die Postanstalten in sebr viel einfacherer Form hält; man hat keine Packetbeförderung, keine Geldbeförderuug; es werden überhaupt keine Brikfsachen besteilt, jxder muß sie fich auf dcm nächsten Postamt abholen und es folgt daraus, daß auf jeder einzelnen kléinen Station, in den einzelnen Wirtbsbäusern der Prairie bis Alaska und Oregon, Post- stellen errichtet werden, wslche wir Eigentlich nicht zu den Postämtern zählen würden. Dieses Ney von Postanstalten breiiet fich, wie Sie wissen, über das ganze Reick) aus: von der Königßaue bis nach Hohenzollern, von den Schluchten der Vogesen bis binauf in die Sümpfe der Masuren; ja, Sie finden noch auf den Höchsten Bergspißen Post- Und Telegrapbenanstalten bkrtreten: Von der Schnee- koppe bis zum Feldberg im Schwarzwald und vom Belchen im Elsaß bis zum Brocken im Harz. Die Vsrbindungen reichen von der russischen Grenze bis unmittelbar Vor die Thore von Basti, sowohl die postalischen als die tclkgrapbiscbsn, Sie finden Postanftalikn im Auslande, in Konstantinopel, in Sbangbai und selbstverständiich in unserkn sämmtlichen Kolonien, Wo bereits eine große Anzahl von Postanstalten, und ein großer Tbkil davon mit Telegrapben vérseben, eingerichtet worden ist. Die Leitungen, wslchx diese Anstalicn Verbinden, gebkn durch die Luft, liegkn unte'r der Erde, geben durch dasWasssr, durch Flüsse, Landseen, Sümpfe, durch die Ostsce und die Nordsee; fie geben bis zu unsern Einzelnen Inseln. Ja, als in diksem Jahre die feierliche EinwLibung dss NordostseL-Kanais stati- fand, von der ja die Mkhrzahl dsr Herren ZLUJL gswesen isi, da hoben sick) in dem Augenblick, wo die fremden Flotten in die Kieler Vucht einfubrcn und die Anker in die Tiefe sanken, die schlankcn Leiber der Tklegrapbcnkabel wie Najaden und Nsrs'i'dsn aus den Flutbsn empor, und im xxäcbftc'n Augenblick konnti'n sehon die Admirkiie der Floitkn mit ihren Souveränen und Staatsobx'rbäieptsrn in Petersburg, London, Paris, Rom 11. s. w. sprechen. Die damals gkmacbten Erfahrungen werden boffsntlich noch zu jveitersn Ausgestaltimgi'n fübrkn im VL?- kebr der Schiffe mit dem Festlande; cs schwebkn darüber schon Erwägungen zwischen der Kaiserlichsn Mari:;Mrwaliung und dEr Kaiserlichen PostVSrwaltung.

Nun War uns aber Vor allen Dixigkn un: Folgend€s zu tban. Wie ich die Ehre hatte?, anen zu sagsn, besaße'n wir im Jahre 1870 etwa 4000 Postanstalten. Damit war für alle Städte, sklbst für die aÜerkleinsten, dorfartigen, dkren Ss in Polen z. B. mit 7- bis 800 Einwohnern giebt, gesorgt, auch für die großen Dörfer. Abc": das flache Land ließ dock) skb]: viel? Verkc'brsanstalten vermisst", und es sind die 23 000 Postämtir, die seit der Zsit cingerichtet wordén find, vorzUJSweise vorgeschoben Worden in das piatic Land, um deffe'n Bedürfnisse zu befriedig-Zn. Wir find damit jetzt sowÜt Zédieben, daß aaf jc sieben Dörfer im ganzén Gebiete der Rsichspoft eine Post- anstalt bereits entfällt, und wcnn wir mit dkr Zustimmung dss Reichstags unter Bewiliigung dx'r etatsmäßigcn Mittel in de'rselben Weise fortfahren können _ im jetzisen Etat gesckpiebt es ja, wie Sie sehen: es find bier einige hundert nsue Postanstalten ausgebracht _, so denke ich, es wird mit dor ini dahin kommen, daß jcdes Dorf im Deutschen Rsicb seins ligktlé Post- und Womöglich auch seine eigene Telegrapbenanstait bat, und damii' wäre", man kann wirklich sagen, der ideale Zustand herbeigeführt.

Wir fanden damals auf dem platten Lande 8300 Landbrikfträger vor; heutzutage beträgt die Zahl dcr Landbriefiräger iti! Deutschen Reich über 28 000. (Hört! böri!) Es sind, wie" Sie alle wissen, sebr erhebliche Mittkl darauf verwendc't worden, gérade die Verkehrsbedürfniffe des platten Landes zu befriedigen. Es ist die ziveimal tägliche Landbriesbestcilung, auch die drei- bis virrmalige schon eingerichtet, ebenso haben wir fahrende Landbriesträger. Es sind eine Menge Posibilsbstelic'n auf dem blattkn Lande hergestellt Wurden, und ich kann mich dem anschließen _ ich habe Hier eine der angesehensten Provinzialzeiiungcn, dic ,Magdsburgcr Zcitung' _was “bie darüber sagt:

Enorme Anstrengungen und Gsldopfer werdi'n von der Post- VerWaltung nicht gescheut, im Interesse der Landbeförderung Ver- besserungen an dem im einzelnem so unscheinbaren, in der Ge- sammtheit aber so riesigen Betriebsapparatc: „der Landbriesträger- tasche“, vorzunehmen. Die vor mebreren Jahren bcgonnenk Ne- formation des Landpostdicnstes schlägt mehr und mehr feste Wurzeln in dem Boden des prakxischen Libens. Bcdkutcndss ist schon gclsistet worden_noch einige Jahre:, und das in der (Geschichte der Post einzig dastehende große Werk ist voÜendet.

Meine Herren, diese 28 000 Landbriefirägér machen täglich einen Kreislauf von 560 000 km, das ist 14 mal dsr Umfang der Erde. (Hört! Hört!) Es ist in de'r That schade, daß man mit dem physi-

n Auge nicht von einem einzelnen Punkte aus die ungebeureKrsis-

Manns, die diese Leute machen, übersehen kann, wie fie gewiffkr- Maßen wie die Bienen oder Myrmidonen des Postverkehrs' durch die , [Wien der Vogesen, über die beschncitcn Gipfsl dsr Eifei, durch die Moore Ostfrieslands unkrmüdst gehen; das muß einen mit hoher

'wesens, soweit in ibren Kräften stand, möglichst Vorschub geleistet

Freude erfüllen, und inan wird stolz darauf sein, solches Institut zu leiten.

Nun ist auf der anderen Seite aber auch das Land uns sebr entyyaongekommen. Namentli-b den Besitzern der Güter muß ich nachrübmen, daß sie den Einrichtungen des Post- und Telegrapben-

haben. Allerdings kann ich auch manche Fälle vom Gegentbeil mit- tbeilkn. Ick möchte da auf einen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland hinweisen. In Frankreich hat die Postverwaltung allgemein die Praxis, daß die Gemeinden zu den Kosten der Post- anstalten herangezogen werden. Sie müffen die Lokale unentgeltlich hergeben und sogar einen Theil des Holzes für die Telegraphen- stangen, außerdem noch einen Zuschuß zur Besoldung der Beamten. Das ist bei uns nicht der Fall, die Kosten werden lediglich aus den Einnahmen der Postverwaltung bestritten. Nichtsdeftoweniger find wir auf manche Schwierigkeiten gestoßen. Ich babe bier den Bericht der Ober-Postdirektion Minden, wonach vor einigen Jahren gelegentlich der Hérsteliung einer Post- und Tele- graphenanstalt in einem Dorf der Gemeinderatb und Gemeindeausschuß die Genehmigung, die Telegrapbenlinie durch das Dorf zu ziehen, einfach beringt hatte, und zwar mit der Begründung, daß das Zug- viek) vor den aufgestellten Stangen scheuen werde, Was leicht sebr üble Folgsn nach sich ziehen könne. Nun ersuchten wir den Landratb, bier die Vermittlung zu übernehmen. Es gelang ibm aber nicht, und es mußte sogar die Vsrmittelung des Ober-Präsidenten ein- treten, der endlich das Hinderniß aus dem Wege räumte. Seitdem besteht die Postanstait dort, und der Telegraph geht durch das Dorf, obne daß fich die Pferde und Ochsen irgendwie darum kümmern.

Einen anderen Protest battkn * wir aus Ladenberg; nicht Laden- berg am Odenwald, sondern ein anderes. Der Protest lautet:

.Wir protestiertsn früber gegen Durchführung elektrischer Drähte durch unser Gebiet, WEU dieselben für unser Leben und Eigentbum gefährlich und für unsere Felder schäd1ich find. Jeßt aber, wo überall gedrucktk Blätter berumgescbickt find, in welchen jene Sache auf eim? faiscbe entstellende Art beleuchtet wird, in welchen der Skribent die Flachbeit seines Verstandes zur Schau stellt und sich dann exdreistet, uns Landlsuts, die wir von den Gesetzen “oer Natur durch tägliche? Anschauung einen klarkn gesunden Begriff baben, dumm und abergläubisch zu nennen, und eine Lebensfrage dés Landmanns Verspottct und bewiselt, jeßt ist selbst der rubigste aufs cmpörendste gereizt. Desbaib Werden wir unsere R€chte aufs äußerste wahrnebmxn, und nimmer zugeben, daß man élsktriscbk Dräbte durch unsere Felder zieht.“

Ja, meins Herrén, es nötbigt uns das beute ein gewisses Lächeln *ab; aber was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen mittbeile, daß ich ganz ähnlichks erst vor 15 Jahren in unserer aufgkxklärten Zeit erlebt habe, nämlich bei der Einrichtung der Fernsprechlinien in unseren großen Städten? Das stieß von voxnberein auf großes Mißtrauen. Cs bikß, es sei amerikanischer Hambug, ein neuer Schwindel und der- gleichen. Dann kam der Einwand, damit wäre eine äußerst große Blixxgefabr verbunden für die Häuser, und wir haben große Schwierig- keiten gebabt, der Ueberzeugung Eingang zu“? Verschaffen, daß im Gkgentbeil die Telephonneßk und Telephongéstängs den BUZ ableiten und eine bessere Isolation als der Bliyabléiter bieten. Damals war aber jene Ansicht ganz allgemein Verbreitet. Natürlich die Zeitungen, die man in die Hand nabm, protastierien gegen die Anlegung von Telephonlsiiungen; es standkn vielfach auch die Herren Blißableiter- fabrikantsn im Hintsrgrundk, und Es fand auch hier das bLkannte Wort aus MoUSke Platz: 70118 SWI OkkSskS, 111011816111".

Da ich beim Fernsprecbbetrieb bin, möchte ich diesen hier auch "gleich einschalten. Er hat einen allgemeinen Aufschwung vor allen Dingén in Dsutschland JLLWMMSU. Kein Land der Erde ist so weit Wii? wir. Wir haben bereits Fernsprcchanstalten an 434 Orten; Sie können denken, daß da schon ganz kleine Städte mit einbegriffen sind. Wir Haben an interurbanen Vcrbindungsn, also zwischen den einzeim'n Städtén, schon 550. Berlin allein hat 25 430 Fernsprech- abonnenten; im ganzkn Reich beläuft fich di? Anzahl auf 110 000. Gegsnwärtig kann von BMU" mit 250 Orten direkt gksprocben wsrden, Von Memel bis nach Mülhausen im Elsaß. Es finden in Berlin täglich fast eine halbe MiÜion Géspräche statt.

Nun denken SiS, meine Hkrren, zurück auf “20, 15 Jahre, wo das alles durch Boten odLr Stadtbriefe besorgt wurde, wobei es im günstigsten Falle immer 9 Stunden dauerte, ebe manLiniwort crbiklt, untc'r ungünstigén Umständen 6 bis 8 Stundm. We'lcbe kolosfale Vermsbrung in der kaegung des großén Schwungrades dss Verkehrs und der wirtbschaftlicbcn Kräfte und Mächte zeigt fich aÜein in dieser Thatsache! Aehnlich ist es an anderen Orten. Himburg bat bxreits 10780 Fernspreibstellen, Drestn 4300, Breslau, Magde- burg, Frankßxrt «. M., Köln zwiskhen 1000 und 4000. Es werden tagtäglich eine sebr große Masse von Gesprächen im Deutschen Reich geführt; ich glaube, es find MiUionsn.

Außerdem sind Linien zum Gespräch auf lange Entfernungen eingerichtet wordsn. Wir haben Berlin und Wien in Verbindung gesetzt. Bekanntlich wird die österreichiscbchrwaltmxg mit gewohnten: Entgkgenkommen eine zweite Leitung 555 an die Grenze bausn. Wir haben die entsprcchxndc Leitung auf unsérem Gcbixie bkrsits fertig, so daß auch die Zwiscbknstationcn Dresden, Präg und die rücklia'genden Stationen Hamburg und Triest Ebenso Pest in die Linie werden eingeschaltet werdkn, und man wird im nächsten Sommer von der Nordsee bis zum Adriatischen Meer, von Hamburg bis Triest sprechen können. Ebenso ist bereits fertig und seit Oktober im Betriebe die Linie mit Kopmxbagen; es sprecben Hamburg und Berlin mit Kopenhagen durch die bliden Belts hindurch, und dEr Dienst gkbt durchaus pünktlich und zudxriässig. Ferner haben wir die Linie von Köln und Aachen nach Brüssel bergesieat, die weil?: nach Berlin ausgedékmt werden kann. Das ist Sache der Beobachtung, wie der Verkehr fich Lntwickeln wird; die Drähte haben wir bereits angslcgt. ENdlich schWebt das interessante ProjEkt, die Verbindung mit Amsterdam; diese soll von Berlin, Hamburg und Bremen zunäbst bergestslit werden. Wir haben uns mit der niederländischen Regierung in Verbindung gesetzt, und es ist auch der niederländischen Postverwaltung gelungen, von der Volksvertretung dort die Mittel bewilligt zu bekommen. Gleichzeitig hat die niederländisckpe Verwaltung den guten Gedanken gehabt, ein Kabel direkt durch das Meer zu legen nach England, nach Dover, sodaß also die Möglichkeit in Aus- sicht steht, bereits im nächsten Herbst eine direkte Sprecbverbindung

zwischen London und Berlin zu haben. (Bravo !) Die Niederlande

sahen wir bereits nngestcheri, usw die diesbezugti-heqa'bkmxea !!“-k _ alle getroffen. ' '

Nun möchte ich am Schluß dieses Kapitels von den WHM“

einrichtungen Jbre gütige Aufmerksamkeit noch darauf lenken, wie die

anderen Staaten sich im Licht gestanden haben, daß sie diesen ungebeuer

wichtigen Faktor des VeckebrWesens, das Fernsprechwefen, anfangs, den Privatgesellschaften überließen, während wir in Deutschland die

schärfste Front dagegen machten und sofort die Hand darauf legten,. das als Monopol zu behandeln, obwohl uns damals das Geseß nicht'

zur Seite stand ; aber wir erlangten das faktische Monopol, und den- Gesellschaften wurde keine Konzession ertbeilt. Nun haben diese Länder: :: Frankreich, Oesterreich, Italien, mit den allerschwersten Opfern, mit

Millionen, die Privatgesellscbaften, welche Jahre lang bestanden

batten, verstaatlichen müssen. Das haben wir in Deutschland gespart,

dank unserem energischen Vorgaben und der festen Haltung gegenüber

sebr vielen Einflüssen, welcbe sick) auf unsere Verwaltung geltend

machten. Ich fühle mich gerade hier verpflichtet, meinen warmen

Dank der hohen Vertretung des deutschen Volks auszusprechen, welche uns das Telegrapbengeseß bewiUigte, für alle Zeiten die feste Schanze

gegkn alle Angriffe von jener Seite. durch diese bedeutende Ausdehnung des Fernspcechwesens im Volke entstanden.

Es ist ein größerer Wohlstand

Endlich haben wir in der neueren Technik die Rohrpost, ein-

gerichtet seit 1877 in Berlin, zum theil in Frankfurt a. M. und in Hamburg. Im ersten Jahre wurden in Beriin 1324000 Stück durcb Rohrpost, also unter den Straßen, befördert, jeßt 5335123, also eine sebr erfreuliche Entwicklung troß Telephon und Ermäßigung der Stadttelegrapbengebübr.

Me Erfindungen werden bei uns ganz genau geprüft auf

jeglichem Gebiet des Transports, dem postalischen, telegraphischen _ der Gedankeneisenbahn, wie ich die Telegrapben nennen möchte. Fast jede

bejreffs der apparate, Fernsprecbappacate, Batterien, ob sie in dynamischer oder chemischer Weise gespeist werden, ob Sammlerbajterien u. s. w. Das sind groß?? Projekte. Die NEUEN Erfindungen sind eine ungeheure Last für die Verivaltung; ich glaube, es ist eine etwas übertriebene Span- nung in den Köpfen, die fich mit Telegrapbie und Elektrizität be- schäftigen: die sogenannten Erfindungen reißsn nicht ab. Mit der größten Raidetät wird gesagt, das sei etwas ganz Originelles _ auch wenn es eine ganz alte, fav" da wirklich mit Einem bekannten Wort aus Faust sagen:

beran Schreib-

Erfindungen an uns Apparate:

Woche treten neue Leitungen und auch der

abgedroschene Idee ist- Man Fahr bin, du Original, in deincsr Pracht, Wie würde dich die Einsicht kränken, Wer kann was Kluges, wer was Dummes denken, Was vor ibm nicht Ein Andwr schon gedacht! Ich wiil Ihnen nur ein Beispiel anführen. Vor kurzem fiel es

einem müßigen Kopf ein, in die Zeitungen zu seßen, die Post be- schäftige sich mit dim Problem, wie sie im Jahre 1900 die Marken stempeln werde. (Heiterksit) _ Sie werden es gelessu haben; es stand in allen Zeitungen, eine schreibt es von der andccen ab. Ve- kannilicb ftempeln wir bloß mit dkn Zehnern und Einem, also jetzt mit 96, was wird die Post

um Raum zu sparen. Man grämt fich nun: 1900 machen, die beiden Nullen zum Stempeln Verwenden? Das ist eine furchtbar einfache Sache; aber es vergeht kein Tag, wo wir nicht mit Briefen förmlich über- schüttet werden; es liegen Hunderte und aber Hunderte vor. Die meisten Erfinder schick5n ihre Vorschläge eingeschrieben; das freut mich, denn das bringt mehr ein; ich wünschte nur, das ginge: so weiter. Dis Kostenfordsrungsn für die Erfindung schwanken zwischen 10000 und 20 «Fl; (Hört, Hört!) Das ist ein Uebereifer, dem ich nicht zu nahe treten will, aber es ist doch eine reine Bagatelle, welche uns eine Unmaffe Korrespondenzen verursacht. Wir haben wahrlich schon genug zu thun, jeder Tag hat seins eigene Sorge, wir brauchkn noch nicht an das Jahr 1900 zu denken.

Nun das Personal! Disselba hat natürlich entsprechend dieser ungeheuren AuZdebnung, von der ich vorhin sprach, verstärkt werden müssen. Wir haben im Jahre 1870 42 000 Post- und Telegraphem bsamte gehabt, gegenwärtig beträgt ihre Anzahl 155 000 Köpfe. Wir hatten damals 26 Ober- Postverwaltungsbehörden, Obcr- Postdirek- tionsn, jsyt deren 40, und ich werde möglicherweise in diesem Jahre nach Vkrständigung mit dem Kaiserlichen Reichs-Schaßamt noch mit einem Nacbirags-Etat an das hohe Haus herantreten müssen wegen einer Nachforderung von zwei Ober- Postdirektionen , eine im szirk der Ober-Postdirektion Leipzig _ diese ngend, das Vogtland, Cbemniß, Glauchau, Zwickau mit einer so groß- artigc-xn Verksbrséntwickluna , ist von Leipzig aus nicht mehr zu übersehen _ und eine zweite in Afrika. Wir werden da vielleicht nicht eine Ober-Postdirekfion einrichten, aber doch ein Posi- inspékwrat; jedenfaüs müffen wir eine Veertungsbebörde in Dar- es-Saiam haben. Dort besteht sin so großer Verkehr mit einer An- zahl Postanstaltkn und es giebt soviel Telegrapbenlinien, daß alles dieses von Bkriin aus nicht mehr zu überfében ist. Visbek bin ich selbst Ober-Postdirektor yon Ost-Afrika gewesen, abxr das geht nicht mehr so weiter. _ Also vielleicht werden wir noch mit einem Nachtrags-Etat von zweiOber-Postdirektioneu kommen müssen; _ ich Weiß zrvar nicht, wie mein Herr Kollege, der jasebr aufmerksam zuhört, darüber denkt. (Heiterkeit.)

Nun wollte ich noch mit einigen Worten erwähnen, was inzwischen für das Personal geschehen ist. Ich werde nur die Hauptsachen anführen: also einmal sind wiederbalt mit Be; willigung dc's boben Hauses erhebliche BesoldungSerhöhungen für alle Klassen durÖgefiibrt Worden. Die leste, die auerdings nicht auf alle Klassen sicb erstreckte, sondern bei den Ober-Sekretären Halt machte, betrug allein bei dem Etat der Postverwaltung Uk Millionen. Das ist eine bedeutende Summe, um die die Ueber- schüffo verringert worden sind, die ich absr den Beamten von Herzen gönne, wie i:!) mir in dieser Beziehung jede Verringerung der Ueber- scbüffe gern gefallen laffu. Es sind dann seit 1871 die WobnungSgeldzuscbüffe eingeführt worden, deren Summe beim Post-Etat UZ MiUionen beträgt. Das ist auch eine Besoldungszulage, an die früher kein Mensch ge- dacht bat. Sodann haben wir, was vielleicht noch ausschlaggebender wirkt _ zum tbeil auf Drängen des hohen Hauses _ eine sehr er- hebliche Vermehrung der ktatSmäßigen Stellen vorgenommen, ferner eine angiebige Abkürzung der diätariscben Verhältnisse. Namentlich die Etats der leßten Jahre werden Ihnen das beweisen; auch der vorliegende, über den der Herr Referent ja nachher berichten wird, zeigt, daß eine erhebliche Vermehrung der