liberale Partei, die diesen Minister durch ihren Einfluß vor zwei Jahren in der Provinz Luxemburg, wo derselbe bedeutende Eisen⸗ Fabriken besitzt, zum Senator ernennen ließ, indem sie ihn als einen tuͤchtigen und mit den industriellen Interessen wohl ver— trauten Kandidaten ruͤhmte. Mit einiger Konsequenz haͤtte man
doch jetzt wenigstens einraͤumen muͤssen, daß Herr de Briey besser
den auswärtigen Angelegenheiten als den Finanzen vorstehen wird, da der Minister der auswaͤrtigen Angelegenheiten auch den Han— del in seinem Departement hat, und die Handels-Angelegenheiten vorlaͤusig wenigstens die Hauptbeschaͤftigung fuͤr dieses Ministe— rium bilden werden. Was den Austritt des Herrn de Muele— naere betrifft, so hat man freilich nicht unterlassen, densel— ben mit der an der Tagesordnung stehenden Frage in Verbindung zu bringen, indem man behauptet, daß die— ser Minister, personlich einer Zollvereinigung mit Frankreich zugeneigt, wegen des Widerstan des, den diese Idee hei seinen Kollegen gefunden, das Kabinet verlassen habe. Franzbͤsische Blaͤtter, wahrscheinlich um uns glauben zu machen, daß die Regierung selbst einer solchen Vereinigung zugethan sey, haben, wie häufig, die Sache wieder auf den Kopf gestellt, indem sie Herrn de Mue— lenaere als Gegner dieser Verbindung auftreten lassen. Die er— stere Vermuthung schreibt sich vielleicht daher, daß der austre— tende Minister Gouverneur von West⸗Flandern ist, einer Provinz, die, wenn gleich ihre Provinzial⸗Stände kein Gesuch um einen Handels- Vertrag mit Frankreich an das Ministerium gestellt haben, doch dabei bedeutend wegen des Leinwand-Handels gewinnen wuͤrde. Sollte aber wirklich auch im Kabinette einige Meinungs-⸗-Verschie— denheit uͤber diesen Punkt obgewaltet haben, so ist sie doch jeden— falls nicht der Art gewesen, daß sie den Austritt eines Mitgliedes motivirt hatte. Der Hauptbeweggrund ist der, welchen wir an— gegeben haben. Denn man bemerke wohl, daß Herr Graf de Muelenagere berathendes Mitglied des Kabinets bleibt, an allen Beschließungen, und also auch an der Verantwortlichkeit Theil nimmt, nur aber, seiner Gesundheit wegen, der Last der wirklich exekutiven Functionen uͤberhoben ist.
Die Handelsfrage beschaͤftigt noch immer die oͤffentliche Auf— merksamkeit und ist wenigstens in der Hinsicht um einen Schritt weiter gebracht, daß man ziemlich allgemein von einer Zoll-Ver— einigung mit Frankreich zuruͤckgekommen ist. Daß wir uns in den die Franzoͤsischen Blaͤtter bei dieser Angelegenheit leitenden Motiven nicht geirrt haben, beweist der letzte Artikel des Jour— nal des Däbäts, welcher manches fuͤr Frankreich sehr zu be— herzigende enthaͤlt, aber unumwunden die politische Seite der Handels-Verbindungs-Frage in den Vordergrund stellt und offen erklart, daß eine Zoll-Vereinigung mit Belgien eine auf fried— lichem Wege unternommene Reaction der Friedens-Vertraͤge von 1815, d. h. mit andern Worten eine unter der Zoll-Vereinigung maskirte politische Vereinigung Belgiens mit Frankreich sey. Was soll man aber einem Journale antworten, welches immer wieder von neuem das Beispiel des Eintritts von Bayern, Württemberg, Ba— den u. s. w. in den Preußischen oder besser Deutschen Zollverein anfuͤhrt, um ein gleiches von Seiten Frankreichs in Bezug auf Belgien geltend zu machen? Das Verhaͤltniß ist doch gerade das umgekehrte. Denn, wie wir schon fruͤher bemerkten, dort bildet eine schon bestehende politische Bundesvereinigung das Prinzip und den Ausgangspunkt zu einer Handelsvereinigung als einer der natuͤrlichen weiteren Konsequenzen, hier hingegen will man bei einer Handelsvereinigung die politische in Kauf obendrein er— halten. J .
Unsere Artikel sind hier theilweise Gegenstand der. Diskussion in densenigen Blaͤttern geworden, welche eine vollstaͤndige Zoll— Vereinigung mit Frankreich verfechten. Man hat diese Artikel sogar aus offizieller Quelle ableiten und mit, vorgegebenen diplo— matischen Verhandlungen und Vorstellungen in Verbindung brin— gen wollen; daß diese Vermuthungen ganz grundlos sind, brauchen wir nicht weiter zu bemerken. Wir haben diese Lage aus einem ganz unabhangigen und das wahrhafte politische wie kommerzielle Interesse Belgiens vor Augen behaltenden Gesichtspunkt betrach— fet. Unser naͤchster Artikel wird sich etwas ausfuͤhrlicher mit den Mitteln beschaͤftigen, die Belgien, nach unserer Ansicht, zu ergrei⸗ fen oder auszudehnen hat, um seine industrielle Lage zu verbessern.
Deutsche Bundesstaaten.
Hannover, 16. Aug. Die vom Verein fuͤr inlaͤndische Pferdezucht eingefuͤhrten jahrlichen Wettrennen begannen auf der Rennhahn bei Celle am vorigen Mittwoch, Mittags 12 Uhr, nach⸗— dem in den Vormittags-Stunden die jährliche Thierschau nebst der Vertheilung der Praͤmien stattgefunden hat.
Kassel, 17. Aug. (Kass. 3.5 Ver sammlung der Stände. Sitzung vom 11. Aug. Es erfolgte die Berathung des von Herrn Nebelthau erstatteten Berichts des Rechtspflege— Ausschusses uͤber den Antrag des Herrn Schantz, das Ersuchen um Vorlegung eines Amnestie-Gesetzes betreffend. Im Berichte wird aus der Begruͤndung des Antrags hervorgehoben, daß, waͤh— rend in den Nachbarstaaten die polischen Umtriebe der Vergessen— heit übergeben seyen, noch ein rechtlicher und ausgezeichneter Mann CProf. Jordan) aus bloßem Verdachte einer Mitwissenschaft bei jenen Umtrieben bei uns im Untersuchungs-Gefaͤngnisse schmachte; mit ihm theilten noch manche andere ein gleiches Schicksal, und mehrere seyen bereits verurtheilt worden. (Das Resultat dieses Antrags wird in der Kass. Z. noch nicht mitgetheilt)
Frankfurt a. M., 8. August. Die hier als Extrabeilage zum Frankfurter Journal erscheinenden „Mittheilungen aus den Protokollen der gesetzgebenden Versammlung der freien Stadt Frankfurt enthalten in ihren beiden letzten Nümmern einige in—⸗ teressante Vortrage. So liefert Nr. 13 uns die Ansichten uͤber Pbnitentiarsysteme, welche Hr. Geh. Hofrath Hr. Stiebel aus dem reichen Vorrath seiner Belesenheit in der Commission über das Gefaͤngnißwesen mitgetheilt hat. Nach ausführlicher Erbrterung des Gegenstandes faßt derselbe die Resultate zusammen, unter denendie nachfolgenden uns die erheblichsten scheinen: Hr. Stiebel „haͤlt nur ein solches System, fuͤr zweckmaͤßig, welches die Besserung nicht bloß durch Unterdrückung und Einschüͤchterung, sondern durch Ent— wicklung, Hoffnung und Staͤrkung erreicht. Es muß ein Huͤlfs— Verein bestehen, ohne welchen die Besserung nicht möglich ist.
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elohnung oder Strafe stattfinden, und dem Gefangenen ein heil des Erwerbes zur Disposition stehen und ein Theil dem
ilfsverein zur Aufbewahrung gegeben werden. Durch die Ge— setze soll zum voraus bestimmt werden, unter welchen Umständen Begnadigung und theilweiser Erlaß der Strafe stattsinden kann. Der Bau soll nach dem panoptischen Plane stattsinden, allein so, . die Aufsicht mehr auf die Arbeitssaͤle gerichtet sey als auf die Zellen.“
Hamburg, 19. Aug. (Böoͤrsen-Halle.) Heute ist ein Mann beerdigt worden, der unter den musikalischen Kuüͤnstlern Europa's schon seit langer Zeit einen der ersten Platze eingenommen hatte und dem in Bezug auf das Instrument seiner Wahl, das Violoncell, allgemein der Vorrang vor Allen zuerkannt worden ist. Es ist Bernhard Romberg, der am 13ten d. M. im 73sten Jahre seines Alters hier an der Brustwassersucht starb. Sein Tod wird
in allen Europäischen Laͤndern viele Theilnahme finden, denn fast alle bedeutenden Städte unseres Welttheils hat er auf seinen Kunstreisen besucht und durch sein Spiel begeistert.
Oesterreich.
Prag, 15. Aug. Die Normal-Verordnung fuͤr die Israeli— ten in Böhmen vom Jahre 1797 hat durch eine neuerliche Ent— schließung Sr. Majestaͤt des Kaisers mehrere Aenderungen erfah— ren, die ein neuer Beweis der Humanitaͤt unserer Regierung sind. Zuvorderst die Kultur der Israliten beruͤcksichtigend, wird angeord— net, daß die Jugend da, wo keine vorschriftsmaͤßig organisirten juͤdischen Schulen bestehen, zum Besuche der christlichen Schulen anzuhalten sey. In Absicht auf den Religions-Unterricht sey es vor Allem noöͤthig, zu diesem Behufe vollkommen geeignete Rab— biner zu bilden, und es ist daruͤber ein genau motwirter Bericht der Landes-Behoͤrde verlangt, ob nicht eine ähnliche mosaisch-theo— logische Lehr-Anstalt, wie sie in Padua besteht, auch fuͤr Boͤhmen zu errichten ware, woruͤber die Vorsteher der juͤdischen Ge— meinden zu vernehmen seyen. Der Gehalt fuͤr die Rab— biner sey von nun an nach Maßgabe der Seelen, die jeder in seinem Sprengel hat, und nach den Orts-Verhaͤltnissen des Rabbinats zu bemessen, und der hoöͤchsten Hof-Behoͤrde zur Bestaͤtigung vorzulegen. Unbeschraͤnkt durch die fruͤhere Verord— nung, welche die Heiraths-Bewilligung fuͤr Israeliten an den Besitz einer sogenannten Familien-Mattrik, oder an den Betrieb der Landwirthschaft oder eines zuͤnftigen Gewerbes band, ist nun— mehr den Rabbinern oder geprüften Schullehrern sich zu verehe— lichen gestattet, mit dem Beisatze jedoch, daß durch eine solche Heirath keine bleibende Familienstelle gegruͤndet werde, somit ihre Soͤhne nur dann auf eine gleiche Beguͤnstigung Anspruch machen koͤnnen, wenn sie dem Berxufe ihres Vaters im Rabbinat folgen, oder gepruͤfte Schullehrer sind. Die buͤrgerlichen Verhäͤltnisse der Israeliten betressend, ist fuͤr jene, die nicht als Erstgeborene oder Aelteste in die Familienstelle, die ihr Vater besessen, eintreten koͤn— nen, die Heiraths-Bewilligung auf Grundlage eines Gewerbe— betriebs nur auf solche Beschaͤftigungen beschraͤnkt, die bereits im Jahre 1797 zünftig waren, und sindet die Ausdehnung dieser Be— guͤnstigung auf jene Israeliten, welche damals schon frei gewesene Beschaͤftigungen betreiben, nicht statt. Das bestehende Verbot, welches fuͤr Israeliten den Ankauf von Christen-Häusern unter— sagt, hat zwar als Regel zu gelten, jedoch geruhten Se. Majestaͤt der Kaiser Ihre Bereitwilligkeit zu erklaren, denjenigen Israeliten, welche sich im Gebiete der Industrie, der Gewerbe und der Wis— senschaften auszeichnen, oder sonst Verdienste um den Staat er— werben, den Ankauf und Besitz von ChristenHaͤusern ausnahms— weise, gegen von Fall zu Fall einzuholende Allerhoͤchste Bewilli— gung, zu gestatten. Als aufgehoben wird dagegen die fruͤhere Beschraͤnkung erklart, welche bisher selbst den israelitischen Groß— häaͤndlern und Fabrikanten in Prag das Wohnen in gewissen Straßen und auf einigen Plaͤtzen untersagte. Bom Ankaufe und der Pachtung unterthäniger Gruͤnde bleiben die Israeliten zwar noch ferner ausgeschlossen, jedoch wird ihnen von nun an der An— kauf und Besitz von obrigkeitlichen und staͤdtischen Kommunal— Grundstuͤcken, mit dem Befugnisse, sich die noͤthigen Haͤuser da— selbst aufzufuͤhren, gegen die Verpflichtung erlaubt, daß sie die Grundstuͤcke mit eigenen Haͤnden oder durch andere Israeliten bearbeiten; nur in der Saat- und Aerndtezeit ist ihnen gestattet, sich hierbei christlicher Huͤlfs-Arbeiter zu bedienen. Von der Pach— tung der Mahlmuͤhlen und dem Betrlebe des Apotheker-Gewerbes bleiben sie jedoch wie bisher ausgeschlossen. Ob uͤbrigens die in Prag bestehende Israliten-Gemeinde als besondere Corporation aufzulbsen und die sogenannte Judenstadt als ein integrirender Theil der Stadt Prag zu behandeln, die Domestikal-Kasse der ersteren einzuziehen und der Kosten-Aufwand fuͤr die offentlichen Straßen-Anstalten aus der staͤdtischen Kasse zu
bestreiten, und an selbe die von den Israeliten bisher zu diesem Behufe geleisteten Beitraͤge einzuzahlen seyen, daruͤber wurde die
Aeußerung des Prager Magistrats verlangt. Die bisherige Taxe von 50 Fl. fuͤr die Aufstellung der Thora in neuerbauten Syna gogen wird nachgesehen, und auch die in der Juden-Ordnung vom Jahre 1797 ausgesprochene Außerlandschaffung aufgehoben, welche fuͤr gewisse Vergehungen gegen jenes Patent ausgesprochen war, und sollen fuͤr die dort bezeichneten Uebertretungsfaäͤlle andere Strafen eingefuhrt werden. Eben so hat die fruͤhere Bestimmung eines von den Israeliten zu entrichtenden Abfahrtsgeldes von 20 pCt. aufzuhören und sind die Isrgeliten in Auswanderungs— Faͤllen auf gleichem Fuße mit den chrisilichen Unterthanen zu be— handeln.
Tyrol. Der Bote für Tyrol meldet aus Innsbruck vom 11. August: „Als eine meteorologische Merkwuͤrdigkeit ver— dient angefuͤhrt zu werden, daß wir gestern hier ein Gewitter, oder vielmehr eine Reihenfolge von Gewittern hatten, welche ohne Unterbrechung durch beinahe eilf Stunden, von 4 Uhr Morgens bis nahe an 3 Uhr Namittags, andauerten. Dabei regnete es die ganze Zeit hindurch sehr heftig, während auf den Hochgebirgen Schnee siel, der die Temperatur bis zur Empfindlichkeit herab— drückte, obwohl dieselbe am vorher gegangenen Tage durch den anhaltend wehenden Sirocco auf 24 Grade im Schatten, Nach— mittags um 4 Uhr, gehoben worden war. Das Gewitter war in manchen Momenten sehr heftig, so daß der Blitz an zwei oder
Die Untersuchungs-Gefangenen muͤssen getrennt seyn und die moͤg- drei kirchlichen Gebäͤuden herabgefahren feyn soll, jedoch ohne auf—
lichste Freiheit haben. Die einsame Einsperrung ist trotz ihrer Nachtheile (in mehreren naher bestimmten Faͤllen) nothwendig. Trennung der Geschlechter, der Jungen und Alten, ist zur Ver—
häͤtuug der Ansteckung nothwendig. Nachts soll in jeder Zelle
nur Einer seyn. Die eigentlich dem Besserungs-System unter— worfenen Gefangenen sollen am Tage gemeinschaftlich arbeiten, gemeinschaftlichen moralisch-religibsen und indusiriellen Unter— richt genießen, waͤhrend der dogmatisch-confessionelle in der, Zelle gegeben wird. Es sollen verschledene Klassen-Abtheilungen fuͤr die Gefangenen seyn. Der Gefangene kann, je nach seiner Auffuͤh⸗ rung, feiner Fügung unter die Gesetze, von einer niederen zu einen höheren steigen oder zur Strafe zuruͤckversetzt werden. Es soll
fallende Spuren zu hinterlassen.“ (Eine ähnliche Erscheinung zeigte sich am naͤmlichen Tage in Wien von 5 Uhr Nachmittags bis gegen 9 Uhr Abends)
Spanien.
SG Madrid, 8. Aug. Die Besorgniß, daß in Folge der dekretirten Reduzirung des Garde-Corps unruhige Auftritte statt— finden möchten, ist bisher nicht in Erfuͤllung gegangen, obgleich man aus verschiedenen in der Stille getroffenen Maßregeln schlie— ßen kann, daß jene Besorgnisse höheren Orts getheilt wurden. Die Zäͤnzliche Auflbsung der Garde du Corps, die seit Philipp V. den Dienst zunaͤchst der Person des Sonverains verrichtete, hat na—
mentlich bei dem schoͤnen Geschlechte, dessen Urtheil hier mehr als irgendwo von Gewicht ist, großes Mißfallen erregt, und zwar, um jeder falschen Auslegung meiner Worte vorzubeugen, weil auch der Souverain dem schoͤnen Geschlecht angehört, und dieses es in der Ordnung sindet, daß eine Königin durch wohlerzogene junge Edel— leute von Offiziers-Rang und nicht durch schmutzige, grobe undsteinalte Sergeanten umgeben und begleitet sey. Der Regent denkt ver— muthlich, daß die Koͤnigin doch etwas vor ihm voraus haben muͤsse, und da er selbst, wenn er oͤffentlich erscheint, stets von 50 Mann glaͤnzender Kavallerie eskortirt wird, so kann es aller— dings fuͤr eine Auszeichnung gelten, daß die Königin fortan von keinem anderen Geleite, als der Treue ihres Volkes umgeben, die Mauern ihres Palastes verlassen soll. Vorgestern Abend hieß es, die Garde du Corps wuͤrde den Palast Herlassen, und eine Menge Volks, meist dem schwachen Geschlecht angehörend, hatte sich vor demselben versammelt, um abzuwarten, ob dieses ange— kuͤndigte Ereigniß wirklich stattfinden werde. Allein man wurde getauscht; bis heute hat die Garde du Corps die Königin auf ihren Spazierfahrten nach wie vor begleitet. ;
Ein ganz neues Schauspiel fuͤr die Bewohner der Hauptstadt ist aber das Wegfallen der Hofdamen, welche sonst die der Kö— niglichen Kutsche folgende Karosse einnahmen. Da saͤmmtliche Ehrendamen der Königin ihre Entlassung eingereicht haben und Herr Arguülles bei der neuen Organisation des Hofstaates sich bisher in dem Kreise seiner Freunde, die in der That fast alle dem ehrenwerthen Junggesellenstande angehören, vergeblich nach Da— men umsah, durch welche er die entstandenen Luͤcken hätte aus— fuͤllen können, so befahl er, daß jedesmal zwei Kammerherren in einem offenen Wagen der Kutsche, in welcher die Koͤnigin faͤhrt, folgen sollen. Herr Argunlles, sonst von constitutionellen Grund— saͤtzen begeistert, hat doch fuͤr gut befunden, im Innern des Pa— lastes als unumschräͤnkter Herrscher aufzutreten. Als er sich neulich zu der Königin begeben wollte, bat ihn der im Vorzimmer verweilende dienstthuende Kammerherr, einen Augenblick zu ver— ziehen, damit er ihn anmelden koͤnne; allein Herr Arguälles er— klaͤrte ihm, er beduͤrfe keiner Anmeldung und trat ungemeldet vor die Köoͤnigin, die, ihn nicht sogleich erkennend, eine Art von Ueber— raschung gehabt haben soll. Der vorlaute Kammerherr erhielt am folgende Tage seine Entlassung zugeschickt. Auch der Ehef der Koͤniglichen Garderobe, ein alter treuer Diener Ferdinand's * . ist durch den neuen Vormund seiner Stelle entsetzt worden.
Uebrigens sorgt dieser mit dem loöͤblichsten Eifer dafuͤr, daß das Privat-Vermbgen seiner erlauchten Muͤndel keine Einbuße erleide. Seiner Anordnung gemaͤß, werden der Köoͤnigin monat lich 25 Piaster Taschengeld gereicht, uͤber deren Verwendung sie ihrem Lehrer schriftlich Rechnung abzulegen hat. Da die Koni gin bei ihren Spazierfahrten haufig um Almosen angesprochen wird, so erhaͤlt sie durch diese ihr bewilligten Geldmittel naturlich die Gelegenheit, ihre Freigebigkeit auf eine wahrhaft Koͤnigliche Weise an den Tag zu legen. Auch die bisherigen Leibärzte der Koͤnigin haben ihre Verabschiedung erhalten, und der Privat⸗Arzt des Regenten soll an ihre Stelle treten. Wuͤrden Sie glauben,
daß der Parteigeist so weit geht, dieses anstoͤßig zu finden, als ob es bedenklich wäre, die Pflege der Gesundheit der Königin einem Manne anzuvertrauen, der in den engsten Verhaͤltnissen zu dem Regenten des Reichs steht?
Herr Arguälles hat seinen Busenfreund, den Senateur He— ros, zum Intendanten des Koͤniglichen Palastes ernannt, und ihm dadurch das höͤchste Amt des Koͤniglichen Haushaltes uͤbertragen. Der Art. 43 der Constitution verfuͤgt ausdruͤcklich, daß ein Se— nateur, der eine Stelle im Königlichen Haushalt annimmt, sich einer neuen Wahl zu unterziehen habe, und der Art. 97? des Wahl-Gesetzes schreibt vor, daß die hoͤchsten Beamten des ; niglichen Haußhaltes weder Senatoren noch Deputirte seyn nen. Dennoch hat der Senat entschieden, Herr Heros solle Se— nateur bleiben, selbst ohne einer neuen Wahl unterworfen zu seyn
„Der General und Senateur Don Francisco Narvacz (frů⸗⸗ herhin Kriegs⸗Minister) hat von Paris aus an den Senat eine Schrift eingeschickt, in der er auf etwas derbe Weise gegen den Beschluß protestirt, durch welchen die Königin Christine der Vor— mundschaft entsetzt wird. Hieruͤber geriethen die progressistischen Senatoren in solche Erbitterung, daß sie foͤrmlich darauf antru— gen, jenen General vom Senat auszuschließen, „weil er Theil an den Plaͤnen habe, die jenseits der Pyrenaͤen gegen die Spanische Freiheit geschmiedet wurden.“ Das Gegenstuͤck zu diesen Be schluͤssen liesert der Kongreß. Der durchgepruͤgelte Frai Gerun dio hatte den Deputirten Prim bei dem Gerichte vertlagt, und dieses vom Kengresse die Erlaubniß verlangt, den Schuldsgen ver— haften zu fen. Die Mehrheit des Kongresses ist aber der An— sicht, diese Erlgubniß sey nicht zu ertheilen, da dem gepruͤgelten Satiriker nur sein Recht widerfahren sey. „Was wurde“, rief der Graf de las Navas gestern aus, „der Cid, was wurde Gon salvo de Cordova sagen, wenn sie horten, daß die 3
uͤber die Stockschlaͤge berathschlagen nes elenden Feiglings gefallen sind?“
Auch der Regent selbst hat sein Recht nicht finden koöͤnnen. Ein hiesiges Blatt hatte den biographischen Artikel „Espartero“ aus dem Französischen Journal „la Presse“ uͤbersetzt aufgenom men, und mit boshaften Anmerkungen begleitet. Der Regent ließ den Artikel als Injurie denunziren, allein die Geschwornen erklaͤrten das Blatt einstimmig fuͤr unschuldig. Welche Folge— rung fuͤr den Regenten? 66
Spanischen Cortes
die auf den Rücken ei—
Türkei.
Smyrna, 30. Juli. (Smyrn. Bl.) Ein entsetzliches Ungluͤck hat die Stadt Smyrna betroffen und 20,9000 ihrer. Be— wohner in Trauer und Noth versetzt. Eine furchtbare Feuers— brunst, wie sich Niemand hier einer solchen zu erinnern weiß, hat in dem Zeitraume von etwa 18 Stunden die Hälfte der Stadt in Asche gelegt und mehr als 20,900 Personen völlig zu Grunde gerichtet. Das Feuer brach am 28. Juli gegen Mitternacht in einem Kaffeehause des Basars der Goldschmiede aus. Zwei Stun— den darauf nahm die Feuersbrunst eine Strecke von einer halben Meile ein und ergriff Hunderte von Haͤusern gleichzeitig. Der heftige Wind trieb die Flammen mit unglaublicher Wuth gegen zerschiedene Quartiere der aberen Stadt und machte alle mensch— liche Huͤlfe unnütz. Das Feuer drang wie ein wuͤthender Berg⸗ strom, dem kein Hinderniß, kein Damm entgegensteht, vorwaͤrts Die Lage, das Alter und die fehlerhafte Bauart der Haͤuser die dort dicht zusammengedraͤngt sind, die unertraͤgliche Hitze der Wassermangel an mehreren Punkten, der Wind, kurz Alles schien sich zu vereinigen, um das Ungluͤck vollständig zu machen. . Ein Drittel der Tuͤrken⸗Stadt, das Juden-Viertel, mehrere Basars, wie der des Getrgides, der Goldschmiede, Schuhmacher Saltler, Zuckerbaͤcker, Trödler, Droguisten u. s. w., eine große Anzahl. Moscheen, sieben Synagogen und 9000 bis 10,00 Häu— ser sind in Asche verwandelt und bilden nur furchtbare Haufen von noch rauchenden Truͤmmern. ʒ
Mehrere Personen sind bei dieser entsezlichen Katastrophe ums Leben gekommen; man kennt zwar die Anzahl derselben
rier zu fordern.
noch nicht genau, doch schaͤtßt man sie auf 30 bis 149. Der er littene Berlust laͤßt sich noch nicht berechnen, betragt indeß gewiß ehrere Millionen.
. 2 ersten Nachricht von dem Ungluͤcke sandte der Oe— sterreichische Admiral, Baron von Bandiera, sogleich ein Detasche⸗ ment von 200 bis 300 Mann von der Fregatte „Venere“, der Korvette „Lipsia“ und der Goelette „Aurora“ ans Land, wo es, so lange die Gefahr waͤhrte, beständig abgelbst wurde. Es ist. un— moglich sich einen Begriff zu machen von dem bewundernswuͤrdi— gen, bis zum Heroisimus gesteigerten Benehmen der Oesterreichi⸗ schen Seeleute. Commandeure, Offiziere, Unteroffiziere, Matrosen und Soldaten, Alle haben sich ausgezeichnet, Alle ihr Leben stun⸗ denlang muthig aufs Spiel gesetzt, Alle haben sich gleiche Anspruͤche auf die Dankbarkeit unserer Stadt erworben, denn ihnen allein ist die Rettung des noch uͤbrig gebliebenen Theiles zuzuschreiben. Der Admiral selbst gab das Beispiel der Hingebung, indem er sich mehrmals auf den Schauplatz der Feuersbrust ver— fuͤgte. Die Franzoͤsische Brigg „Alcibiades,? die am Mittwoch unter Segel gehen mußte, um einem Franzoͤsischen Handels-Fahr— zeuge, welches sich am Nord-⸗Ende der großen Insel Vurla in gro⸗ Fer Gefahr befand, Beistand zu leisten, beeilt sich, nach Smyrna zuruͤckzukehren, wo sie noch bei Zeiten ankam, um ihre Sxritze und einen Theil ihrer Mannschaft ans Land zu schicken. Diese Hälfe war nicht ohne Nutzen, denn da das Feuer gestern Abend mit einer gewissen Heftigkeit wieder ausbrach, so trugen die Fran⸗ z6sischen Seeleute sehr viel dazu bei, dasselbe zu daͤmpfen. Auch dies Franzoͤsische Detaschement wurde alle vier Stunden abge— söͤst, bis alle Gefahr voruͤber war.“
Aegypten.
Alexandrien, 27. Juli. (L. A. Z.) Oberst Napier's Auf— trag beschäftigt jetzt alle Gemuüͤther. Wie ich schon früher mit— theilte, sandte dieser Offizier, als er keine Antwort mehr von Meh— med Ali erhalten konnte und einsah, daß alle guͤtlichen Verhand— lungen erfolglos seyn würden, ein Dampfschiff nach Malta ab, um neue Befehle einzuholen. Diese Befehle ließen nicht auf sich warten; gestern gingen zwei Englische Linienschiffe auf der hiesigen Rhede vor Anker; zwei andere werden ihnen folgen; der Commo— dore begiebt sich heute in das Palais, um die Losgebung der Sy— Noch kennt man den Erfolg nicht, glaubt aber, daß er guͤnstig seyn werde, da der Commodore Befehl haben soll, im Weigerungsfalle zu handeln. — Nachschrift. Der Englische Commodore ist aus dem Palais zuruͤckgekehrt und soll eine ab— schlaͤgige Antwort erhalten haben. Mehmed Ali weigert sich, wie man sagt, die Syrier loszugeben, weil er jetzt, nach dem Abschlusse des Friedens, nür vom Sultan Befehle zu empfangen habe und nur einem Ferman aus Konstantinopel gehorchen werde. So eben wird die Ankunft der beiden noch erwarteten Englischen Li— nienschiffe signalisirt.
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Magdeburg, 19. Aug. Das Direktorium der Magde⸗ burg? Leipziger Eisenbahn hat nachstehende Bekanntmachung uͤber einen gestern eingetretenen Unfall erlassen: 4. j
„Ein schweres Ungluͤck hat uns betroffen! Gestern Abend gegen 9 Uhr sind 3 Lokomotiven, wovon die eine den von Schönebeck kom menden Abendzug fuͤhrte, die andere, eine Huͤlfs-Maschine, demselben von dem Bahnhofe bei Buckau her entgegengefahren war, in der Nähe von Fermersleben auf einander gestoßen. Durch diesen zusam menstoß sind — außer dem Vorsitzenden des unterzeichneten Direkto riums, Herrn Stadtrath Cuny, welcher auf der Maschine des Abend zuges stand, — fuͤnf von unseren Beamten schwer beschaͤdigt und da von drei, ein Lokomotiven Fuhrer, ein Feucrmann und ein Schaffner, in Folge der erhaltenen Verletzungen mit Tode abgegangen. Außer dem sind einige Paffagiere, jedoch zum Gluͤck nicht gefährlich, beschaͤd igt. Die Veranlassung dieses traurigen Ereignisses liegt, so weit sich bis jetzt hat ermitteln lassesn, dacin, daß ein Bahnwaͤrt er aus einem, vielleicht durch den dichten Nebel des gestrigen Abends herbeigefuͤhrten Verseh en das zum Herbeirufen einer Huͤlfs-Maschine bestimmte Signal in der Richtung hierher gegeben haf, worauf die auf dem Bahnhofe von Buckau be reit stehende Huͤlfs Maschine dem Zuge, welcher einer Huͤlfe gar nicht bedurfte und dieselbe daher auch nicht erwarten konnte, entgegenge fahren ist.“
— — Naumburg, 17. Aug. Nachtraͤglich zu dem in Nr. 225 enthaltenen Berichte über den Hagelschaden in den be— nachbarten Ortschaften des Querfurter Kreises muß noch bemerkt werden, daß nach den von den Behoͤrden angestellten Besichtigun— gen in zwoͤlf Ortschaften und in der Flur der Stadt Freiburg dieser Hagelschaden kein partieller, sondern ein totaler gewesen ist. Die Feldfruͤchte sind durchaus vernichtet, der Verlust fur die Land— leute ist außerordentlich.
Die Insel Kandia unter der Herrschaft der Venetianer.
5 st or e a nee.
(Velgl, St, Ztg. RR TD, ö D 6.
6. Ohnmacht und fortdauernde Gaͤhrung. Einfälle Os manischer Freibeuter. — Barbarossa greift die Insel an. — Handel mit der Pforte. — Giacomo Foscarini. — Schluß.
Wir haben nicht noͤthig, den Zustand der Insel Kandia nach den zwei zuletzt erzaͤhlten Aufstaͤnden näher zu schildern. Mit etwas Phantasie kann sich leicht Jeder selbst das traurige Bild eines Landes entwerfen, welches, eins der reichsten und von der Natur begluͤcktesten der Erde, damals der Sammelplatz alles menschlichen Elenbs, ein furchtbéares Denkmal des im Kampfe seiner eigenen Leidenschaften untergehenden Menschengeschlechts geworden war. Wuͤst liegende Felder, verbdete Thaͤler, zerstorte Städte und Burgen, ausgestorbene Dörfer und Weiler, uͤberall noch die blutige Mahnung an das Ungluͤck der letzten Jahre, Pest und Hungersnoth, eine nur spaͤrlich zerstreute Bevoͤlkerung voll Mißtrauen, Entmuthigung, Verzweifelung, und uͤber ihr das eiserne Schwerdt der bis zum Ingrimm gerelzten Signorie, wel— ches jeden Augenblick herabzustuͤrzen drohete, um dieses verhaßte Geschlecht lieber bis zu den letzten Spuren seines Daseyns aus⸗ zutilgen; das sind die Hauptsuͤge jenes Bildes, dessen Ausfuͤh— rung wir dem Wohlgefallen und der Geschicklichkeit des denken— den Beschauers uͤberlassen.
Wir treten jetzt in die Periode der Ruh, einer furchtbaren Ruhe, ein. Venedig sing an, die spärlichen Früchte eines Werkes zu genicßen, woran es zwei Jahrhunderte gearbeitet hatte. Um nur erst die ausgestorbenen ünd herrenlosen Guͤter wieder nach und nach durch eine der Republik ergebene Bevblkerung zu be—
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leben und nutzbar zu machen, ließ die Signorie, die ihr durch den Untergang ihrer ehemaligen Besitzer zugefallenen Ritterlehen zu Venedig selbst öffentlich an die Meistbietenden versteigern. Diese Versteigerung, welche wenig Theilnahme gefunden zu ha— ben scheint, begann im Jahre 1367 und zog sich mehrere Jahre hindurch bis zum Jahre 1371. Ein neuer Eidschwur, weicher, nach Aufhebung der alten von dem Dogen Pietro Ziani (1211) gegebenen Capitulation, die gesammte Ritterschaft von Kandia zur Treue und zum Gehorsam gegen die Republik verpflichtete, war schon vorher, im März 1366 verordnet worden. Zehn Jahre nach der Ankunft der neuen Ritter erhielt Kandia einen aber—
maligen Zuwachs der Bevölkerung durch die Bewohner des auf
Befehl des Senats geschleiften Kaslels von Tenedos, welche saͤmmt— lich nach Kandia verpflanzt und in einem eigenen Quartiere vor den Thoren der Hauptstadt angesiedelt wurden. Auch zogen von anderen Seiten her, bei dauernder Ruhe, bald neue Koloni— sten ein, welche zur Belebung des Landes durch Anbau, Handel und Verkehr nicht wenig beitrugen.
Es waͤre vielleicht selbst ein gewisser Wehlstand moͤglich ge— wesen, wenn man sich von den Schlaͤgen der fruheren Jahre schnel— ler hätte wieder erholen koͤnnen, und das Mißtrauen der Repu— blik überhaupt menschlicher Thaͤtigkeit, im Genusse unendlicher Mittel, eine freiere Entwickelung gestattet haͤtte. Die Signorie wußte aber wohl, daß sie sich den Besitz der Insel nicht hier— durch, sondern nur durch jenes auf unerschuͤtterliche Grundsaͤtze gestuͤtzte und in seinen Formen streng ausgebildete System der Verwaltung sichern koͤnne, welches, bei scheinbarer äußerer Frei— heit, die Geister in Fesseln schlug, und in seiner Unbeweglichkeit den Stuͤrmen aller Zeiten trotz bieten wollte. Venedig taͤuschte sich nicht. Es kannte sein unnatuͤrliches Verhältniß zu Kandia, aber es war ein Verhaͤltniß der Nothwendigkeit, jener eisernen Nothwendigkeit welche, wie eine undurchdringliche Scheidewand, die Herrscher fuͤr immer von den Beherrschten trennte, und folg— lich die Bedingungen der unvermeidlichen Aufloͤsung vom An— fange an in sich selbst trug. Schon im Laufe des funfzehnten Jahrhunderts trat in Kandia jener merkwürdige Zustand ein, welcher spaͤter das Erbtheil der Republik Venedig uͤberhaupt ge— worden ist, und welchen Soranzo so treffend mit dem sterbenden Loͤwen verglichen hat, in dessen Maͤhne noch die Maͤuse spielen, Denn waͤhrend die Herrschaft Venedigs auf Kandia offenbar schon jetzt der Ohnmacht und der Erschoͤpfung entgegen ging, fehlte es fast zu keiner Zeit an wiederholten Versuchen der Eingebornen, sich von diesem Joche frei zu machen. Sie beschraͤnkten sich aber meistens auf verfehlte Plane ohne festen Zweck und hinlaͤngliche Mittel, nichtige Vorbereitungen, und oft selbst blos eitele Wünsche.
Von Volks-Aufstaͤnden, wie in fruͤherer Zeit, war jetzt frei— lich nicht die Rede; der Unmuth äußerte sich aber in vereinzelten ohnmaͤchtigen Volks-Bewegungen und, was die Kandiotischen Zu— staͤnde um damalige Zeit am besten zu charakterisiren scheint, in Verschwbrungen unter ihrer gehaͤssigsten Gestalt. So hatte z. B. ein angesehener Grieche in Rethimo, Vlasto mit Namen, im Jahre 1453 den teuflischen Plan entworfen, alle Venetianischen Beam— ten und die angesehensten Ritter auf der ganzen Insel an einem Tage und zu derselben Stunde zu ermorden, und dann einen aus— heimischen Fuͤrsten, wahrscheinlich aus der schon vertriebenen Fa— milie der Palaͤologen, herbeizurusen, der die Herrschaft von Kan— dia ubernehmen sollte. Der Plan fand Beifall, die Verschwore— nen mehrten sich mit jedem Tage, und schon dachte man an die Ausfuhrung des verwegenen Schlages, als zwei der Mitverschwo— renen, ein Priester und ein Jude, den Herzog, damals Bernardo Victurio, davon in Kenntniß setzten. Die Verschworenen wur— den, auf diese Anzeige hin, mit leichter Muͤhe aufgehoben, in Fes— seln geschlagen und ohne Weiteres hingerichtet. Die Verraͤther belohnte der Senat mit Ehren und einträglichen Guͤtern.
Schon diese einzige Thatsache beweist zur Genuͤge, auf wel—
chem Grunde damals die Herrschaft der Venetianer auf Kandia beruhte. Sollte sie uberhaupt noch dauern, so war ihr vielleicht eben von Außen ein heftiger Anstoß noͤthig, der ihr dann auch von innen heraus neue Kraft und Festigkeit geben mußte. Und dieser Anstoß blieb nicht aus. Schon mit dem Anfange des funfzehnten Jahrhunderts erstreckten sich die Raubzuͤge Tuͤrkischer Freibeuter bis in die Kretischen Gewaͤsser und nahmen bald einen gefaͤhrli— chen Charakter an. Cypern und Kandia wurden die Vormauern der Christenheit, und Venedig mußte an ernstlicher Abwehr denken. Auch wurden die ersten verwegenen Einfälle Osmanischer See— raäͤuber, welche sich meistens auf die Auspluͤnderung einzelner Kuͤ— stenstriche beschraͤnkten, wie z. B. einer im Jahre 1427, immer mit Gluck zuruͤckgeschlagen. Schwieriger und bedenklicher ward die Stellung der Insel schon nach dem Falle von Konstantinopel im Jahre 1153. Das gute Vernehmen, in welches sich die Re— publik gleich vom Anfange herein zu der Pforte zu stellen wußte, blieb ohne Einfluß auf die Unternehmungen einzelner Freibeuter. Ueberdles war Kandig natuͤrlich bei jedem Bruche der Republik den ersten Angriffen der Osmanischen Flotten am meisten ausge— setzt. So wurde im Jahre 1469 die Insel auf mehreren Punk— ten zugleich von den Osmanischen Schiffen angegriffen, verheert, gebrandschatzt und entvolkert. ; Doch fehlte es damals noch, wie es scheint, an einem durch— greifenden Systeme der Vertheidigung. Im Jahre 1471 schickte deshalb die Ritterschaft selbst eine Deputation nach Venedig, um Verstaͤrkungen und namentlich Waffen, wahrscheinlich zur Be— waffnung des Landvolkes, zu verlangen. Der Senat hatte aber damals, außer Kandia, auch den Peloponnes und Albanien zu schuͤtzin. Erst nachdem Negroponte und ein großer Theil von Albanien in dem Frieden von 1479 hatten aufgegeben werden muͤssen, konnten die Kraͤfte der Republik den Besitzungen im mittellaͤndischen Meere zugewendet werden. Gleichwohl beschraͤnkte man sich auch jetzt noch zunäͤchst nur auf das Nothwendigste und voruͤbergehende Maßregeln, wie sie das Beduͤrfniß des Augenblicks verlangte. Es bedurfte erst noch mehrerer dringender Vorstellun⸗ gen von Seiten der Ritterschaft, ehe sich die Signorie endlich im Jahre 1501 entschloß, die laͤngst verfallenen Festungswerke von Kandia wieder herzustellen und die gewöhnliche Besatzung der In— sel durch eine betraͤchtliche Vermehrung der Reiterei zu verstaͤrken. Indessen konnten auch im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts die Grundfehler des einmal eingefuͤhrten Systems der Vertheidigung und Verwaltung nicht mehr gehoben werden. So lange die Re— publik noch Cypern besaß, schlen Kandia uͤberhaupt von unter— geordneter Wichtigkeit zu seyn. Den augenblicklichen Aufregungen drohender Gefahren folgten in der Regel die Jahre der Erschiaf— fung und traͤger Ruhe. Zu den Tuͤrkischen Seeräͤubern, welche die Insel fortwährend von Zeit zu Zeit heimsuchten, gesellten sich bald inlaͤndische Raͤuberbanden, welche das Land noch mehr beun— ruhigten, als jene. Eine solche hatte sich z. B. um das Jahr 1525 bei dem Flecken Alicambi, in der Gegend des alten Phala⸗ xarna, festgesetzt und konnte nur mit Huͤlfe einer bedeutenden Heeresmacht auͤsgetilgt werden, welche der Senat ausdrücklich zu diesem Zwecke nach Kandia abschickte.
Von den Tuͤrkischen . hatte Kandia am meisten waͤh— rend des Krieges zwischen der Republik und Solyman dem Praͤch—
tigen im Jahre 1538 zu leiden. Im Juni dieses Jahres erschien naͤmlich Barbarossa mit der ganzen Tuͤrkischen Seemacht, nachdem er bereits die Cycladen gebrandschatzt hatte, auch vor Kandig, setzte bei Mylopotomo Truppen ans Land, welche die Umgegend verheerten, machte einen vergeblichen Angriff auf Rethimo, lief dann in den Hafen von Suda ein, schisfte hier abermals einen
großen Theil seiner Truppen aus, verheerte weit und breit das
Land, legte den von den Einwohnern verlassenen Burgflecken Am⸗ picorna in Asche und schleppte Menschen, Vieh und bewegliches Eigenthum nach seinen Schiffen. Gleiches Schicksal traf die Um⸗ gegend von Kanea, welches nur durch die Entschlossenheit des Pro⸗ veditoren Andreas Gritti gerettet wurde. Zuletzt versuchte Bar ba⸗ rossa auch einen Angriff auf Kandia, welches, schwach vertheidigt, wahrscheinlich schon damals in die Haͤnde der Osmanen gefallen wäre, wenn es nicht der Herzog Antonio Amulio und der Be⸗ fehlshaber der Truppen, Marco Antonio Trevisant, verstanden hatten, ihre geringen Streitkräfte so zu disponiren, daß Barba⸗ rossa uber ihre wahre Staͤrke getäͤuscht, den beabsichtigten Sturm nicht wagte, sich waͤhrend der Nacht wieder einschiffte und die In⸗ sel ohne weiteren Aufenthalt verließ. Gegen das Ende des Jah⸗ res kehrte zwar eine kleine Abtheilung seiner Flotte zuruͤck da aber die beiden Kuͤstenschloͤsser, gegen welche sie sich versuchte,
Kissamo und Mirabella, ernstlichen Widerstand zeigten, so be⸗
schraͤnkte sich fuͤr dieses Mal ihre ganze Unternehmung auf einige Raͤubereien in der Umgegend.
Nach diesem Sturme trat wieder eine laäͤngere Periode der Sicherheit und Abspannung ein, welche der Aufrechthaltung eines tuͤchtigen Vertheidigungs-Systems nicht eben guͤnstig war. Erst im Jahre 1560 wurden, auf die Vorstellungen der Ritter, die Ar⸗ beiten an den Befestigungs werken von Kandia, unter der Leitung des Herzogs Antonio Calbo, wieder mit Ernst betrieben. Zwei Jahre späͤter ward endlich, auf dringendes Bitten des Herzogs Marco Grimani, zum ersten Male ein Geschwader zur Vertheidi⸗
gung der Gewaͤsser und Kuͤsten von Kandia ausgeruͤstet, welches
unter einem eigenen Präfekten, fortwaͤhrend seine Station in der
MNaäͤhe oder in einem der Haupthaäͤfen der Insel haben sollte. Der
erste Befehlshaber dieses Geschwaders war Pietro Throno. Al⸗ lein sein Erscheinen veranlaßte auch sogleich neue Händel mit der
Pforte. Denn als Throno kurz nach seiner Ankunft bei der Insel
einen Tuͤrkischen Seeraͤuber, welcher sich fuͤr einen Gefaͤhrten Solymans ausgab, in dem Augenblicke aufheben und niedermachen ließ, wo er mit Kandiotischer Beute beladen zu entkommen suchte; da verlangte Solyman Genugthuung von der Republik, und gab dabei deutlich zu verstehen, er werde sie mit den Waffen erzwin⸗ gen, wenn man sie ihm nicht gutwillig zu gewaͤhren gedachte. Die Schwache der Signorie belohnte hierauf den Diensteifer des armen Throno mit der Verbannung, und schickte den gewandten Daniel Barbaro als außerordentlichen Botschafter nach Konstan⸗ tinopel, dem es, wie die Chronisten melden, gelang, den Zorn So⸗— lymans durch die Geschicklichkeit seiner Reden zu besaänftigen.
Dech war diese schimpflich erkaufte Ruhe nur von kurzer Dauer. Der Tod Solymans zerriß das schlaffe Freundschafts⸗
band, welches Venedig an die Pforte knuͤpfte, und sein Nachfol⸗
ger, Selim II., nahm gleich nach seiner Thronbesteigung (1566) gegen die Signorie eine feindliche Stellung ein. Der erste Sturm brach jedoch nur uͤber Cypern aus, und die Republik mußte daher ihre Kraͤfte vorzuͤglich auf diesen Punkt konzentriren. In Kandia geschah unterdessen, was die Nothwendigkeit gebot und was die Mittel erlaubten. Der Eifer, welchen der Herzog Pasquali Ci— conia seit dem Jahre 1567 in der Verproviantirung und Verthei⸗ digung der Insel entwickelte, wird allgemein gerlihmt. Er war der Erste, welcher daran dachte, der von Zeit zu Zeit einreißenden Hungersnoth durch die Anlage regelmäßig zu unterhaltender Ma⸗ gazine vorzubeugen. Auch bot er alles auf, die großeren und
kleineren Kusten-Festungen in guten Vertheidigungs⸗Zustand zu setzen,
und die einheimischen Truppen, damals fast die einzigen auf der ganzen Insel, an einen geordneten Dienst zu gewöhnen. Allein
seine Bemühungen wurden weder von der Signsrie, noch von den
Eingebornen gehbrig unterstuͤtzt. Er fand unsaͤgliche Schwierig⸗ keiten, und erreichte seinen Zweck doch nicht. Schon 1567 wurde Suda bei einem naͤchtlichen Ueberfalle von den Osmanen einge⸗ nommen, ausgepluͤndert und in einen Aschenhaufen verwandelt. Kanga und die Umgegend wurde damals nur durch den Muth und die Entschlossenheit des dortigen Rettoren, Luca Michleli, geret⸗ tet, welcher die Tuͤrken mit einer kleinen Schaar Korsischen Fuß— volkes und einigen Abtheilungen der einheimischen Milizen nach den Schiffen zuruͤckwarf. Fast um dieselbe Zeit legte ein Huͤlfs— geschwader aus Algier, welches, 569 Schiffe stark, zu der Türki— schen Flotte stoßen sollte, in der Gegend von Rethimo an, ver— heerte zuerst die näͤchsten Kuͤstenstriche mit Feuer und Schwerdt,
siel dann in die von ihren Bewohnern in aller Eile verlassene Stadt ein, pluͤnderte sie aus, und steckte sie gleichfalls in Brand.
Kaum war dieses Ungluͤck voruͤber, als Unter dem Landvolke, vorzuͤglich in der Umgegend von Rethimo und unter den Spha— kioten, ein Aufstand ausbrach, weil man die Bauern waͤhrend des Cyprischen Krieges zum Galeerendienst zwingen wollte. Die Meu— terei um Rethimo herum, wo man schon Schritte gethan hatte die Herrschaft der Insel den Tuͤrken anzutragen, unterdrückte Ma⸗ rino de' Cavalli, damals General-Capitain der gesammten Land- macht auf Kandia, und die Sphakioten brachte Lucg Michieli noch als Rettore von Kanea zur Ruhe. Aber die Gaährung im Innern dauerte fort, die unaufhoͤrlichen Ruͤstungen erschöͤpften das Land, und die Gefahren von außen minderten sich nicht. Im Jahre 1571 hob zwar der Sieg der christlichen Flotten bei den Kurzolarischen Inseln den Stolz der Republik; allein er änderte wenig in ihrer mißlichen Stellung zur Pforte, verminderte den allgemeinen Nothstand nicht, und brachte am Ende keinen Vor— theil. Schon 1572 ging Cypern verloren; und der unsichere Friede des naͤchsten Jahres (den 7. Maͤrz 1573) setzte fortan das nothduͤrftig erhaltene Kandia den ersten Angriffen der Osmanischen Waffen aus.
Dies war der Zeitpunkt, wo die Signorie die Nothwendigkeit erkannte, sich den Besitz der Insel Kandia durch tief eingreifende Reformen in der Verwaltung und der Vertheidigung dieser Kolonie
fuͤr die Zukunft zu sichern. Sollten sie Wurzel fassen und Fruͤchte tragen diese Reformen, so durften sie nicht, wie bisher, aus den
geheimnißvollen Gemaͤchern der Pregadi oder des Rathes der Zehn hervorgehen, sendern sie mußten der Weisheit und Gewissenhaf⸗ tigkeit eines Mannes uͤberlassen werden, welcher mit dem Ver⸗
trauen der Signorie zugleich die Fähigkeit verband, die Dinge an
Ort und Stelle richtig aufzufassen, schnell zu helfen, wo es Noth that, die Strenge der Gesetze durch Tuͤchtigkeit und Milde der ei⸗ genen Gesinnung zu lindern, und neben den Interessen der Repu⸗ blik auch die Beduͤrfnisse der eingebornen Bevölkerung wa Hi. men. Die Wahl eines solchen Mannes war schwer. Die Signo⸗ 5 entschied sich fuͤr den Prokurator von San Marco, Giacomo o scarini. e ,, .
Giacomo Foscarini stammte aus einer der ältesten und angesehensten Familien der Republik, welche, wie wir beil ufig aus einer hanbschriftlichen Notiz Kber die Geschlechter der Venetiani—
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