1848 / 61 p. 2 (Allgemeine Preußische Zeitung) scan diff

wollten und deshalb in der Mittagsstunde ein solcher Andrang war, daß die Thore des Kassen Lokals gesperrt werden mußten. Dieses wohl nicht durch Böswilligkeit sondern aus Besorgniß von Unver⸗ ständigen, die ohne die statutenmäßige Kündigung von 24 Stunden sogleich ihre Einlage zurückverlangten und daher ganz ordnungsmãäßig zurückgewiesen wurden, verbreitete, durchaus unbegründete Gerücht hat indessen um so weniger Fuß gefaßt, als die Sparkasse mehr denn nöthig mit baaren Fonds und sogleich zu reali⸗ sirenden Effekten versehen ist und die größte Sicherheit gewährt. lieberhaupt ist in allen Verhältnissen ein Geldmangel nirgend vor handen, nur die Furcht vor dem Kommenden hat sich der Geister be⸗ mächtigt und stiftet weit mehr Schaden, als die Wirklichkeit sonst ver- möchte. Der Mangel an offiziellen bestimmten Nachrichten über den Gang der Ereignisse in Italien ist der Grund, weshalb auch den tollsten und schamlosesten Nachrichten von dort Glauben geschenkt und eine Unbehaglichkeit im Verkehr herbeigeführt wird, der bei ausgedehnterer Publizität wohl vorgebeugt werden könnte. r

Frankreich.

Paris, 23. Febr. Unter diesem Datum theilt der Ham b. Corr'esp. folgende Gerüchte mit, welche im Laufe des Mittwochs neben anderen durch den Mund der Journalisten und der Deputirten in die Kammer gelangt sein sollen: „Man hat Feuer an das Schloß von Neuilly gelegt. Die Linie soll im Weichbilde das Bajonett ge⸗ gen die Muntzipalgarde gefällt haben. Gestern Abend 9 Uhr wurde don der Regierung eine Compagnie der Linie entwaffnet und in der Kaserne konsignirt, weil sie sich weigerte, zu marschiren. Die Indig⸗ nation gegen die Linke, und namentlich gegen Odilon Barrot, steigt von Stunde zu Stunde. Um ihr zu begegnen, läßt Herr Odilon

Barrot erklären, er und 16 andere Deputirte hätten zum Bankett ö wollen, doch seien sie überstimmt worden.

. Eben so erklären ast alle Anderen, wenn man sie einzeln befragt, sie seien dazu ent⸗ chlossen gewesen, doch hätten sie der Majorität weichen müssen. Herr Guizot, um nicht unangenehmen Kollisionen auf dem Wege von der Kam⸗ mer nach seinem Hotel zu begegnen, hat diese Nacht im Palaste des Kammer- Präsidenten zugebracht.“

Paris, 24. Febr. Das heute Morgen erschienene Fournal des Deäbats berichtet die Vorgänge von gestern Vormittags bis um Mitternacht in folgender Weise: „Das Ministerium vom 29. Ok⸗ tober 1840 besteht nicht mehr. Herr Guizot, Präsident des Conseils, hat gestern auf der Tribüne der Deputirten Kammer angekündigt, daß der König den Grafen Molé berufen und ihn beauftragt hatte, ein neues Kabinet zu bilden. Wir glauben, daß Herr Graf Mols diesen Auftrag angenommen hat. Die von Herrn Guizot abgegebene Erklärung wurde von der Opposition mit Freudenbezeugungen und von der ungeheuren Majorität der Kammer mit Kundgebungen ganz anderer Art aufgenommen. In allen Reihen der konservativen Par⸗ tei sahen wir Gefühle der schmerzlichsten Ueberraschung sich au drücken. Inmitten einer Aufregung, auf deren Schilderung wir ver⸗ zichten müssen, drängten die Deputirten der Majorität sich um die Minister und umgaben sie mit den hervortretendsten Beweisen von Theilnahme. Das Ministerium hat seine Pflicht gethan; die Majo= rität wird die ihrige thun; alle guten Bürger müssen ebenfalls die ihrige thun. Wie das Haupt, des Kabinets, welches abge⸗ treten ist, es gesagt hat, muß die Prärogative der Krone vollkommen geachtet werden. Wir wollen in diesem Augenblicke das tiefe Bedauern schweigen lassen, welches uns der Sturz des Ministe⸗ riums einflößt, das länger als sieben Jahre so edel und so muthig die Politik der konservativen Partei vertreten hatte. Unser aufrich⸗ tigster Wunsch geht dahin, daß dasjenige Kabinet, welches zu seinem Nachfolger berufen werden wird, den Bedürfnissen unseres Landes mögen entsprechen können. Nach der gestern in der Deputirten⸗Kam— mer durch Herrn Guizot gegebenen Erklärung wollte die Opposition den Antrag auf Versetzung des Ministeriums in Anklagestand zurück nehmen, den sie vorgestern auf die Tafel niedergelegt hatte. Die Minister forderten inmitten des Beifallsrufens der Majorität, daß die Tagesordnung aufrecht erhalten und der Vorschlag, welcher sie in Anklagestand versetzte, den Büreaus zur Prüfung überwiesen werden solle. Die Ueberweisung an die, Büregus wurde mit sehr großer Majorität ausgesprochen; alle Minister erhoben sich zuerst für dieselbe.

Man versichert, daß der vom Könige mit Bildung eines neuen Kabinets beauftragte Graf Molé bereits die Hauptbestandtheile des⸗ selben vereinigt habe. Graf Mols würde demgemäß nebst der Con⸗ seils Präsidentschaft das Ministerium der auswärtigen Angelegenhei⸗ ten, Herr von Remusat das Ministerium des Innern, Herr Dufaure das der Justiz und des Kultus, Herr Passy das der Finanzen, Herr St. Marc Girardin das des öffentlichen Unterrichts, der Marquis von La Place das Portefeuille des Krieges und Herr Billault das der öffentlichen Arbeiten übernehmen.

Die Unruhen, welche in der vorhergehenden Nacht an allen Punkten der Stadt unterdrückt worden waren, brachen gestern früh (Mittwoch, 23. Februar) in den Vierteln St. Denis, St. Martin und im Marais wieder logs. Die Truppen, welche theilweise in die Kasernen zurückgekehrt waren, nahmen ihre Stellungen von gestern Abend wieder ein. Der Generalmarsch für die Nationalgarde wurde in allen Vier⸗ teln geschlagen. Die Legionen ergriffen die Waffen und ordneten sich vor den Mairieen ihrer Bezirke, um die verschiedenen Posten zu besetzen, welche man ihnen angewiesen hatte. In diesem Augenblicke war es, wo in den Reihen der Nationalgarde zahlreiche Kundgebungen zu Gunsten der Wahlreform stattfanden. Ein Bataillon der zweiten Legion begab sich unter dem Rufe: „Es lebe die Reform!“ durch die Straße Laffitte nach den Boulevards. Dieser Ruf wurde von der Masse junger Leute wiederholt, welche die Nationalgarde begleitete, indem sie sich unter ihren Schutz stellte. Aehnliche Auftritte erneuerten sich in mehreren anderen Legionen; überall gab die Menge, welche das Geschrei: „Es lebe die Reform!“ ausstieß, der Nationalgarde das Geleite. Gegen 35 Uhr zog eine, größtentheils aus Offszieren der vierten Legion beben de Deputation der Nationalgarde, ungefähr hundert Personen zählend, nach der Deputirten⸗-Kammer. Ein Bataillon der J0ten Legion, welches bei der Kammer den Dienst hatte, rückte ihr entgegen und versperrte ihr auf der, Mitte der Konkordienbrücke den Weg, indem es der Deputation erklärte, daß es Befehl habe, keiner Deputation zu gestatten, daß sie sich in die Kammer begebe. In dem Augenblicke, wo dieser Auftritt sich zutrug, verfügten sich Odilon Barrot ünd Garnier Pages, denen kurz darauf eine große Anzahl von Oppositions Deputirten folgte, zu der Deputation, welche sich entfernte, nachdem sie ihre, Petition Herrn Cremieur eingehändigt hatte. Die Massen haben ihre Anstrengungen auf der einen Seite zwischen den Straßen St. Antoine und Montmartre, auf der anderen zwischen der Rue Vieille du Temple und der Straße St. Mar⸗ tin konzentrirt. An mehreren Punkten sind vermittelst Diligencen und Kutschen, die mit Pflastersteinen angefüllt wurden, Bartikaden errichtet worden. Die meisten hat man jedoch ohne Widerstand auf⸗ gegeben. Die Gruppen flüchteten sich bei Annäherung der bewaffne⸗ ten Macht, um sich an anderen Orten wieder zu sammeln. Gegen 3 Uhr Nachmittags wurde eine Barrikade in der Straße Vieille du Temple errichtet, wo die Straßen l' Oseille und Poitou beginnen, mit einer rothen Fahne geschmückt und von einem Dutzend bewaffneter In⸗

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surgenten vertheidigt. Einige Minuten nach 3 Uhr griff eine Abtheilung Navallerie, an deren Spitze sich ein General befand, die erste Barrikade an und nahm sie nach zehn Minuten, aber nicht ohne schmerzlichen Verlust. Der Offizier war von einer Kugel getroffen. Die Insur⸗ genten zogen sich hinter eine andere Barrikade zurück, die unweit der Straße Perche errichtet war. Ein Geschütz ward herbeigefahren und damit diese zweite Barrikade zerstört. Bei dem Angriffe einer Barrikade auf dem Place Chatelet ward Herr von St. Hilaire, Bataillons - Chef im 34sten Linien⸗Regiment, getödtet. Mehrere Kolonnen junger Leute in der Blouse breiteten sich im Quartier St. Honoré und auf den Boulevards aus, indem sie die Mar⸗ seillaise sangen und das Geschrei ausstießen: „Es lebe die Re⸗ form!“ Eine dieser Kolonnen, an deren Spitze ein Mann in der Blouse marschirte, der eine dreifarbige Fahne am Ende eines Stockes schwenkte, zog über den Vendome⸗Platz, durch die Rue de la Paix und rückte gegen 4 Uhr vor das Hotel des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten. Der Polizei-Kommissar erschien vor der Menge, und nachdem die gesetzlichen Aufforderungen an sie ergangen waren griff die Munizipal-Garde die Gruppen an, welche sie zerstreute. Sie bemächtigte sich der Fahne und verhaftete den Menschen, welcher dieselbe trug. Gestern Abend herrschte fortwährend eine große Auf⸗ regung in den Quartieren St. Martin und du Temple. Banden von Menschen, welche größtentheils in der Blouse waren, liefen mit Fackeln durch die Straßen und zwangen die Bewohner, die Häuser zu erleuchten. Diese Banden verbreiteten sich in mehrere Quartiere. Andere Banden schlugen an die Läden und verlangten Waffen. Einige von ihnen, welche schon Waf—⸗ fen hatten, zwangen die, welche in ihrer Nähe waren, zu den Ein⸗ wohnern zu gehen, um sich die Flinten der National⸗Garde ausliefern zu lassen. Die Aufregung war auch im Faubourg St. Germain groß; nichtsdestoweniger haben die Demonstrationen der Menge kein Einschreiten der bewaffneten Macht nöthig gemacht; in diesem so bevölkerten Stadtviertel ward keine Flinte abgeschossen; erst um 1 Uhr, als die Neuigkeit, das Ministerium sei geändert, bereits unter den Gruppen umlief, sing man an, etwas unterhalb der Straße Le— noir das Pflaster aufzureißen. Vier oder fünf Reihen Pflastersteine wurden in der ganzen Breite der Straße aufgeschichtet, aber keine einzige Barrikade errichtet. Gestern Abend gegen 8 Uhr sind zwei Versuche gegen die Kaserne Reuilly gemacht, um zwei Arbeiter zu befreien, die am Morgen verhaftet worden. Zahlreiche Gruppen mit dreifarbigen Fahnen, vor denen junge Leute mit Fackeln gingen, wurden von einem Capitain, einem Lieutenant und einem UÜnteroffizier der National-Garde geführt und von einigen National⸗ Gardisten begleitet. Sie marschirten vor die Pforte der Kaserne und zogen sich fast auf der Stelle zurück, als man ihnen die feierliche Versicherung gab, daß die Gefangenen entlassen wären. Aehnliche Unruhen fanden auf verschiedenen Punkten von Paris statt. In der Unmöglichkeit, worin wir uns befinden, die tausend Gerüchte zu sich— ten, welche uns zukommen, und aus Besorgniß, falsche Nachrichten mitzutheilen, enthalten wir uns fernerer Mittheilungen. Wir wissen indeß, daß gegen 19 Uhr ein wichtiges Ereigniß sich vor dem Mi— nisterium der auswärtigen Angelegenheiten zugetragen hat. Eine ziemlich zahlreiche Bande kam von den Boulevards, die beim Lichte der Fackeln marschirte; eine dreifarbige Fahne ward vorausgetragen. Sie wandte sich gegen das Hotel, dessen Zugänge sie von Truppen besetzt fand. Sie wollte mit Gewalt durchdringen, und es scheint, daß auf diesem Punkte ein blutiges JZusammentreffen stattfand. Das Hotel de la Chancellerie wurde ebenfalls angegriffen; man zertrümmerte die Fen⸗ ster durch Steinwürfe und erzwang mit Gewalt eine Illumination. Dies war, wie es scheint, die Losüng, welche von den Anleitern des Aufstandes gegeben war; überall wurden die Einwohner von Leuten, die sich ins Haus begaben, aufgefordert, zu illuminiren.

Mitternacht. Die Sturmglocke, welche seit einigen Augenblicken von der Kirche St. Germain⸗des⸗Prés stürmte, hat aufgehört, sich vernehmen zu lassen. Man schlägt in mehreren Quartieren den Ge—⸗ neralmarsch.“

In einer Nachschrift von heute Vormittag 10 Uhr fügt das

Journal des Débats den obigen Berichten noch Folgendes hinzu (wovon das Wesentlichste, so wie auch von den in dem Vorhergehen⸗ den berichteten Vorgängen, bereits in dem Extrablatt zur Allg. Preuß. Ztg. vom 28. Februar Abends mitgetheilt ist): „Gestern Nachmittags und Abends hatte sich, nachdem das Abtreten des Mi⸗ nisteriums in allen Stadtvierteln bekannt geworden war, die Ruhe wieder hergestellt. Als die Nacht kam, bewegte sich das Volk in Masse mit Fackeln in den Straßen und auf den Boulevards. Gegen 10 Uhr langte die Menge beim Ministerium der auswärtigen Ange— legenheiten in. Die Soldaten, welche dieses Hotel bewachten, glaub⸗ ten, daß man gekommen sei, um sie anzugreifen, und, durch ein un⸗ glückliches Mißverständniß gaben dieselben Feuer. Einige zwanzig In— dividuen wurden getroffen, und die Menge flüchtete sich, Geschrei der Rache und der Wuth ausstoßend. Ditses unglückliche Ereigniß, welches bald in allen Stadttheilen von Paris erzählt, vergrößert, verunstaltet und als ein Verrath der Regierung an dem Volke dargestellt wurde, fachte gleich von neuem den Aufstand an. Die ganze Nacht wurden an zahlreichen Punkten Barrikaden errichtet. Das Gewehrfeuer hat seit heute Morgens im Stadtviertel von St. Martin begonnen. Man hat so eben eine Proclamation an die Einwohner von Paris ange⸗ schlagen, welche ankündigt, daß der König den Herrn Thiers zum Piä⸗ sidenten des Minister-Conseils ernannt habe, und daß er auf Ver⸗ langen des Herrn Thiers in den Eintritt des Herrn Odilon Barrot in das Ministerium eingewilligt habe, Die Nationalgarde vereinigt sich in diesem Augenblicke; und man sagt, daß sie sich in allen Legio⸗ nen vollständig einfinden werde. Da nun denjenigen, welche gestern den Stur; des Ministeriums verlangten, Genugthunng gegeben ist, so ist man veranlaßt, zu glauben, daß die Nationalgarde sich jetzt fest ent⸗ schlossen zeigen wird, eine zwecklos gewordene Volksbewegung zu un⸗— terdrücken. Die Linientruppen und die Reiterei versammeln sich ver⸗ einigt mit der Nationalgarde.“ „Unter den zerstreuten Notizen, welche der Courrier frangais über die Ereignisse am 23sten bringt (und die bereits aus verschie⸗ denen anderen Quellen in ihrem Verlauf mitgetheilt worden), befindet sich auch folgende: „Um 10 Uhr ritt der Marschall Bugeaud, be⸗ leitet von zwei Adjutanten und mehreren Ordonnanzen, durch einen Theil der Boulevards-Linie. Der Marschall grüßte rechts und linke, aber Niemand erwiederte seinen Gruß.“

Der Courrier frangais (das einzige Blatt, welches uns außer dem Journal des Bébats aus Paris vom 24sten zugegan— gen ist) enthält folgendes von Wählern und National⸗Gardisten un⸗ , ,, okument:

„Das Ministerium ist gestürzt: das ist gut. Aber die letzten Ereignisse, i die Hauptstadt in Bewegung gesetzt . erheischen Maßregeln, die . Dir,, genen sind, erheischen die Aufmerksamkeit aller guten . Eine seit langer Zeit angekündigte gesetzliche Kundgebung ist plötz 1 6. einer freiheitsmörderischen Drohung, welche ein Minister von der ribüne herab ausstieß, zu Boden gefallen. Man hat unermeßliche Kriegs- rüstungen entfaltet, als ob Paris das Ausland nicht vor seinen Thoren, sondern in seinem Innern gesehen hätte. Das Volk, in allgemeiner Be—= wegung und ohne Waffen, 961 seine Reihen durch Soldaten zeriheilen sehen, heldenmüthiges Blut ist geflofen. Unier diesen Umständen machen wir. Mitglieder des demolratischen Wahl- Comité's der Seine - Bezirke, es uns zur Pflicht, laut daran zu erinnern, daß auf dem Patriotismus aller zur

j Nationalgarde organisirten Bürger nach dem Wortlaute der Charte selbst

die Bürg chaften der Freiheit beruhen. Wir haben auf mehreren Punkten die Soldaten mit edler Betrübniß, mit brüderlicher Bewegung vor dem ent waffneten Volke innehalten sehen. Und in der That, wie schmerzlich ist nicht für Männer von Ehre die Wahl, entweder gegen die Gesetze der Disziplin zu verstoßen, oder Mitbürger zu tödten. Die Stadt der Wissenschast, der Künste, der Gewerbe, der Civilisation, kurz Paris war wohl nicht das Schlachtfeld, von dem der Muth der französischen Soldaten träumte. Ihre Haltung hat dies bewiesen, sie verwirft die Rolle, die man ihnen auferlegt. Andererseits hat die Nationalgarde, wie sie es mußten, sich energisch zu Gunsten der Re—⸗ sormbewegung ausgesprochen, und es ist sicher, daß das erreichte Nesultat ohne Blutvergießen wäre erlangt worden, wenn nicht von Seiten des Mi— nisteriums eine direkte Herausforderung, eine aus brutaler Truppen -Ent— wickelung entspringende Herausforderung stattgefunden hätte. Die Mitglie⸗ der des demokrgtischen Wahlcomite's schlagen daher allen Bürgern folgende Petition zur Unterzeichnung von: In Betracht, daß die Verwendung der Armee zur Unterdrückung bürgerlicher Unruhen, eine Verletzung der Würde eines sreien Volkes und der Moralität der Armee selbst ist, daß darin der Umsturz der wahren Ordnung und daucrnde Verweigerung der Freiheit liegt, daß die Zufluchtnahme zur bloßen Gewalt ein Verb echen gegen das Necht ist, daß es ungerecht und barbarisch ist, brave Männer zur Wahl zwischen den Pflich—= ten des Kriegers und des Bürgers zu nörhigen; daß die Nationalgarde gerade dazu eingeführt ist, die Ruhe der Stadt zu sichern und die Freiheit der Nation zu schützen, daß es ihr allein zustehe, eine Revolution von einer Emeute zu unterscheiden, in Betracht alles dessen verlangen die unterzeich— neten Bürger, daß das ganze Volk in die Nationalgarde einverleibt werde; sie verlangen die Auflösung der Munizipalgarde; sie verlangen eine legis—= lative Entscheidung, daß in Zukunft die Armee nicht mehr zur Unter— drückung bürgerlicher Unruhen berufen werden könne.“ ö.

(Folgen die Unterschriften von Wählern und Offizieren der Na— tionalgarde, die sich als Bevollmächtigte des J., 2., 3., . 9., 16. und 11. Bezirks von Paris bezeichnen; unter ihnen besinden sich die Capitaine Greinheisser, Vasnier, Reiart, Louveau, Dauphin, Des lourbét und Cerfrnile von der 3ten, Aten, 7ten und Sten Legion, der Unter⸗ Bataillons-Chef Hovvn von der 3ten Legion; die Uebrigen haben sich blos als Wähler unterzeichnet, es sind die Namen Guinard, Louis Blanc, Da⸗ vid (Mitglied des Instituts), Martin (von Straßburg, ehemaliger Depu⸗ tirter, Felix Pyat, Huguette, Gellée, Chaumier, Monduit, Barbier, Jules Bastide, Victor Masson und de la Chatre.)

Ob dies revolutionaire Aktenstück die Petition ist, welche (wie erwähnt) von der National-Karde nach der Deputirten⸗-Kammer ge bracht wurde, wird nicht gesagt, jedenfalls läßt dasselbe einen Blick in die Entwickelung der Dinge thun.

Außerdem befindet sich im Courrier frangais auch folgende Erklärung der National-Garden der 4ten Legion: J

„Wir Unterzeichnete, sämmtlich der Nationalgarde angehörend, erklären, daß, nachdem inmitten der Unruhen der Hauptstadt der Appell geschlagen und unsere Versammlung verlangt worden ist, wir als Beschützer der Ord⸗ nung uns überall hin begeben werden, wohin man uns dirigirt, um die Ordnung herzustellen, um Blutvergießen zu verhindern oder zu hemmen; gleichzeinig erklären wir aber als Beschützer der Freiheit, daß unsere Ver⸗ sammlung keinesweges zum Zweck hat, die ministerielle Politik im Innern oder nach Außen zu billigen, oder einem Ministerim, welches wir im Gegen⸗ theil mit aller Energie guter Bürger für tadelnswerth erklären, irgend einen Veistand zu leihen. Wir berathschlagen nicht unter den Waffen, wir geben nur, ehe wir uns auf unseren Posten verfügen, unsere Gedanken vollständig kund. Paris, 23. Februar 1848.“

Ferner nachstehende Erklärung von Bürgern des 4ten Stadt— Bezirks:

„Wir unterzeichneten Bürger des Aten Bezirks erklären, um der Wahrheit und unseren persönlichen Ueberzeugungen zu huldigen, daß wir bereit sind, in den Reihen der Nationalgarde deren Wahlspruch: Fieiheit

und öffentliche Ordnung! zu vertheidigen und deshalb unter den Befehlen

unserer Vorgesetzten die Waffen zu ergreifen, um die Ruhe und Ordnung in dem Bezirke aufrecht zu erhalten; wir geben jevoch mittelst vieser Ma⸗ nifestation förmlich zu wissen, daß wir nicht als die Stützen eines verderb— ten und Andere verderbenden Ministeriums auftreten wollen, dessen Politik und Handlungen wir vielmehr mit aller Kraft unserer Ueberzeugungen ver⸗ werfen, indem es unser eifrigstes Begehren ist, daß dasselbe in Anklagestand versetzt und soort entlassen werde. Paris, den 23. Febr. 1848.“ .

Am 19ten Abends hat eine Versammlung der bedeutendsten Rechtsgelehrten von Frankreich, aus Professoren der Rechts-Fakultät, Räthen des Cassationshofes, Advokaten u. s. w. bestehend, auf be⸗ sondere Einladung des Kanzlers Pasquier und bei demselben statt—⸗ gefunden. Es würde die Frage des Rechts, sich zu versammeln, er öitert, und nach einer mehr als vierstündigen Berathung soll ein stimmig das Gutachten gefaßt worden sein, daß die vom Justiz minister Hebert aufgestellten Grundsätze sich nicht legal begründen ließen und der Cassationshof als letzte Instanz in dieser Frage gegen die Ansichten und Grundsätze des Ministeriums entscheiden würde.

Der Bischof von Bayonne ist von dem Papste zum Grafen des

römischen Reiches und Assistenten bei dem päbstlichen Stuhle ernannt worden. Das Dampfboot, der „Neptun“, hatte das Unglück, auf der Rhone auf ein anderes Dampfboot zu stoßen und unterzugehen. Glücklicherweise waren wenig Passagiere an Bord, von denen nur einer ertrank; 100,000 Kilogramm Waaren sind in die Fluthen gesunken.

Köln, 26. Februar. (Kölnische Zeitung.) Gleichzeitig mit dem Journal des Débats sind uns folgende vier Briefe aus Paris vom 24. Febr., Abends, zugegangen, die nur zu sehr die Nachricht der Independancc (f. das Extrablatt der Allg. Preuß. Ztg. vom 28. Febr. Abends) bestätigen:

1) Paris, 24. Febr., 1 Uhr. Der Krawall und die Emeute sind vorüber die Revolution hat begonnen. Wie das gekommen, werde ich Ihnen in so vieler Ordnung mittheilen, als man mitten unter solchen Zuständen noch im Geiste bewahren kann. Gestern um 5 Uhr ward die Nachricht von der Entlassung Guizot's allgemein bekannt und allen Truppen Befehl gegeben, sich zurückzuziehen. Diese sowohl, als die Nationalgarde, traten ihren Rückzug an unter Begleitung der Volksmassen und unter dem Rufe derselben: „Es lebe die Reform! Es lebe die Linie! Es lebe die Nationalgarde! Nieder mit der Munizipal⸗ garde!“ Der Haß gegen die letztere machte es nothwendig, daß alle Corps de Garde derselben durch ein Detaschentent Linientruppen oder Kavallerie beschützt wurden. Ehe jedoch diese Vorsichtsmaßregel ins Werk gesetzt wurde, hat das Volk mehrere Wachthäuser gestürmt, entwaffnet, zum Theile auch in Brand gesteckt; gegen? Uhr Abends hatte dieser Unfug ein

Ende, und man sah auf dem Boulevard, wo das Volk die Truppen oder die Nationalgarde unter fortwährendem Geschrei der angeführten Rufe und dem Absingen der Marseillaise nach Hause geleitete, mehrere Häuser be⸗ leuchtet, worüber die Masse in neuen Jubel ausbrach, sodann aber überall anhielt und alle Häuser durch ihre energischen Forderungen zu beleuchten zwang, so daß nach 8S Uhr ganz Paris beleuchtet warz das Volk durch⸗ zog nach allen Richtungen die Stadt, welche einen reizenden Anblick darbot. In diesem Augenblick glaubte man allgemein, die Emeute sei zu Ende, denn nirgends zeigten sich Symptome zu weiterem Auf⸗ ruhr, man müßte denn einigen Barrikaden, die aus bloßem Muth⸗ willen in der Rue St. Denis aufgeführt und verlassen wurden, einen rebellischen Charakter beimessen. Um 9 Uhr hieß es jedoch, eine Masse Volk sei mit mehreren. Nationalgardisten vor die Polizei = Präfektur gezogen und habe die Auslieferung der Verhafteten verlangt, die Muntzipalgarde habe Widerstand geleistet, und es sei zwischen bei⸗ den Parteien zu einem lebhaften Gefechte gekommen, worin das Volk zurückgeschlagen worden. Dieser Vorfall setzte die Masse in neue Aufregung, die sich jedoch bald beschwichtigte. Um 97 Uhr ver⸗

breitete sich das Gerücht, das Ministerium one d , r. ten, man habe das Voll nur genarrt, als man j w neuen Kabinets verkündigte; sofort zogen die . Infanterie⸗ karel Gutzets, das mit einkm BSetaschenen zee, we htte es Jiegiments umgeben war, und schrieen. „Nie krfr her nn w keedrhsen hicsother Viele Neugiehige waren Con; a ner gas mg tens deten nun dir Vorderreihen der Massen. Die e ng 1 a, wen. nach dem Hotel zu werfen, worau dar . 6 2 an gene Warnung, zwei Ladungen hinter 22 giesen ee. dig leren, iz meisten sode itabinsan erg e eiten sng dle ann? man bie Revolution datiren. ! 4 294 aufs höchste, und wäre es bewaffnet gewesen n . 6 9 2 nie dergeriffen. Eine schnell herbeigezogen e6n * e, n,, del ühld' den Platz und sperrte einen Theil des Boulevards so e ö Lotel kes Ministers führenden Straßen ab. um di Gefallenen kümmerte sich die öffentliche Gewalt nicht; das Polt brachte sie in nahe gelegene Apotheken und Hänser und führte 1 = ee, auf einem einspännigen Karren unter wüthendem dia ni fort. Eine Abtheilung Kavallerie folgte diesem verhängnißvollen Trauerzuge, um den sich das Volk immer dich⸗ ö. sammelte und zum neuen Kampfe sich entschloß. Die Nachricht von diesem Vorfalle verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und um Mit⸗ ternacht war von der Niue Montmartre bis zu der Nue St. Antoine, vom Boulevard des Italiens bis zum Boulevard St. Antoine eine fortlaufende Reihe von Barrikaden aufgerichtet. Das Volk drang mit Gewalt in alle Häuser und verlangte die Gewehre der Nationalgarde, welche Niemand ihm zu verweigern wagte. Nach 12 Uhr wurde Generalmarsch geschlagen, und die Truppen, die kaum von den Strapazen des Tages ausgeruht hatten, mußten wieder hin⸗ aus in den Kampf. Von 1 Uhr des Nachts bis 9 Uhr Morgens schlug man sich fast ununterbrochen. Todte nnd Verwundete zählt man jetzt nach Hunderten. Heute um 93 Uhr erschienen mehrere

Adjutanten an verschiedenen Punkten des Kampfes, schwangen ein welßes Tuch und verlangten vom Volke Gehör, das man ihnen nicht leicht gewährte. „Ich bin“, sagte jeder von ihnen, „Adjutant bes Marschalls Bugegud; der Marschall ist zum Statthalter von Paris und zum obersten Befehlshaber, der Nationalgarde er⸗ nannt. Der Marschall mag aber den Antritt seines Amtes nicht mit Blut bezeichnen; er hat daher den Truppen Befehl gegeben, sich zu⸗ rückzuziehen, und fordert das Volk auf, ein Gleiches zu thun.“ An einigen Orten wurde diese Meldung mit dem Rufe: „Es lebe die Linfe, es lebe die National Garde!“ aufgenommen; in den revo— lutionairen Quartieren St. Martin, St. Denis und St. Antoine aber antwortete man: „Wir wollen den Marschall Bugeaud nicht!“ Die Truppen hatten sich indessen zurückgezogen, der Kampf hörte auf, und die Sache nahm ungefähr die Gestalt von gestern Abends 5 Uhr an, mit dem wesentlichen Unterschiede jedoch, daß die Linie und die National-Garde die Straßen durchziehen, begleitet von bewaffnetem Volke unter dem neuen Lofungswort: „Nieder mit Ludwig Philipp, nieder mit den Ministern!“ Um 115 Uhr sah ich diesen drohenden Zug vom Boulevard St. Antoine herab, wie es hieß, nach den Tui⸗ lericen, sich bewegen. Es war bereits aus diesen eine Proclamation erlassen, die ungefähr so lautete: „Der König hat Befehl gegeben, das Feuer einzustellen, und die Unterzeichneten zu Ministern ernannt; General Lamoriciere ist zum Kommandanten der National⸗ Garde ernannt. Möge sich das Volk beruhigen! (Unterz.) Thiers. Odi⸗ lon Barrok. Du vergier d' Hauranne. Lamoriciere.. Von 1 bis 25 Uhr. In dieser kurzen Zeit begann der Kampf von neuem; das Palais Royal ward gestürmt und in Brand gesteckt, Ludwig Philipp dankte ab, zu Gunsten des Grafen von Paris, unter der Regentschaft der Herzogin von Orleans. Dieser Akt, der um 2 Uhr bekannt ward, besänftigte das Volk nicht; es drang in die Tullerieen ein, nachdem die Königliche Familie ich weiß nicht, wohin sich bereits geflüchtet hatte. Die Linie verweigerte aber⸗ mals, sich zu schlagen; die National-Garde schloß sich dem Volke an, das in diesem Augenblicke in den Tuilerieen ist und aus Muthwillen aus den Fenstern schießt. Alle Wagen des Königs wurden ver— brannt, die Büste Ludwig Philipp's in den Koth geschleift, die In tendanz geplündert und deren Papiere zum Fenster hinaus geworfen. Wie das Ende wird, weiß Gott! Ich schließe mein Schreiben um 3 Uhr, weil ich wenigstens zwei Stunden brauche, um sicher zur Post zu gelangen. Man läutet setzt Sturm. 34. Uhr. Folgende Mi⸗ , zirkulirt jetzt: Lamartine, Odilon Barrot, Marie, Marrast, Vavin.

2) Paris, 24. Febr. Gestern Abend war Alles in Ordnung. Alle Welt spazierte auf den Boulevards wie zu einem Feste. Da wollten Gamins die Besatzung des Hotels des Ministers des Aus—= wärtigen zwingen, zu beleuchten. Die Linie schoß dang unters Volk, 20— 30 Todte, das war der Wendepunkt. Alle Welt sagte sich: On nous trahit! In der Nacht überall Barrikaden. Diesen Mor—⸗ gen waren vielleicht 20900 Mann Soldaten, Kanonen zc. auf den Boulevards. Ueberall wurde Rappell geschlagen. Gegen 8 Uhr versammelte sich die National⸗Garde. Aber sie war entrüstet über das gestrige Ereigniß vor dem Hause Guizot's. Sie verlangte, daß die Linie versprechen solle, nicht ohne sie zu schießen. Die National Garde und die Linie fraternisiren überall. Alle Welt rief: Vive la Ligne! Die Linie antwortete: Vive le Peuple! So schien zum zweiten Male Alles sich halbweges zu ordnen. Thiers und Odilon Barrot wurden als Minister proklamirt. Odilon Barrot, der Gene⸗ ral Lamoriciere, Lasteyrie ritten auf den Boulevards herum, um zu beruhigen. Aber gegen 10 Uhr schaarten sich viele Arbeiter, und der Ruf: Aux Tuileries! wurde vielfach laut. Bald zogen Kolonnen von 1000 Mann durch die Straßen, welche zu den Tuilerieen führen. Gegen 12 Uhr begann der Kampf. Die Nationalgarde in Massen stürmte mit. Die ersten Legionen wurden zurückgeschlagen. Ich denke, die dritte drang zuerst in den Palast. Es war eine Geschichte von zwei Stunden nicht mehr, nicht weniger. Jetzt wird Alles in den Tuilerieen zerstört, aber dafür gesorgt, daß nichts gestohlen wird. Ich wollte einen Kupferstich zum Andenken mitnehmen, mußte ihn aber an der Thür des Gartens wieder heraus geben. „Das kann doch etwas werth sein!“ sagte der wachthäbende Blou— sen-⸗-Mann. Es geht bunt in dem Schlosse zu. Wohin die Königliche Familie sich geflüchtet, weiß Niemand. Gegenüber dem Palais Royal brennt das Wachthaus der Munizipalgarde, die sehr viel Unheil angerichtet hat durch überflüssigen Eifer. Es wur⸗ den zwei Proclamationen angeschlagen. Nie, erste fordert das Volk auf, bewaffnet zu bleiben, die zweite proklamirt die provisorische Re⸗ Das Blatt, auf dem ich Ihnen schreibe, flog aus den Tuilerieen.

3) Paris, 24. Febr. Paris ist in solchem Aufruhrzustande, daß alle Verbindungen unterbrochen sind. Ich zweifle sogar, ob diese Zeilen Sie erreichen werden. Die Juli⸗-Revolution war nur eine Meuterei im Vergleiche mit der Bewegung des heu⸗ tigen Tages. Die Tuilerieen werden unter dem Geschrei „Nieder . Ludwig Philipp!“ belagert. Man hatte dem Könige bis 9 Zeit zur Abdankung gegeben. 1 Uhr. Man ver⸗ J hert mir, daß Ludwig Philipp zu Gunsten des Grafen von Paris abgedankt habe, und daß ein Regentschaftsrath eingesetzt wor=

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den sei, zu welchem auch die Herzogin von Orleans gehört. Das Kleingewehrfeuer dauert lebhafter als zuvor fort. 2 Uhr. Das Volk ist in die Tuilericen eingedrungen; der Palast ist verwüstet; Ludwig Philipp und seine Familie sind abgereist. Das Gewehrfeuer hat aufgehört, und das Volk hat sich in Massen gegen Neuilly gewendet. Man sspricht von keiner einzigen Regierungeform mehr. Ich bin noch ohne Nachrichten von der Kammer. ;

c Paris, 21. Febr. Abends. Ueber die Vorgänge in der heutigen Sitzung der Deputirten Kammer kann ich Ihnen folgende Mittheilung machen: Um 125 Uhr ist der König, nachdem er seine Abdankung zu Gunsten seines Enkels in den Händen der Herzogin von Olleans zurückgelassen hatte, aus den Tuilerieen abgereist. Tie Herzogin von Orleans begab sich darauf zu Fuße mit dem Grafen von Paris und ihrem zweiten Sohne, dem Herzoge von Chartres, unter der Eskorte von Ordonnanz-Offizieren, einfachen National-Gar⸗ disten und Oppositions-Deputirten, worunter man Dupin und Lacrosse bemerkte, nach der Deputirten⸗Kammer. Herr Lacrosse ritt in den Hof des Palastes Bourbon und rief ganz laut: „Benachrichtigen Sie den Herrn Präsidenten! 1.

Es ist kein Augenblick zu verlieren! Die Herzogin von Orleans mit ihren zwei Söhnen trat nun in den Saal, wo etwa 300 Deputirte anwesend waren. Sie ließ sich in einen großen Sessel nieder, den man unten an die Tribüne hinge⸗ stellt hatte. Herr Dupin bestieg hinter ihr die Tribüne und kündigte der Kammer an, daß König Ludwig Philipp J. abge⸗ dankt habe ꝛc.6, und daß er seine Gewalt auf den Grafen von Pa⸗ ris, seinen Enkel, und auf dessen Mutter, die Herzogin von Orleans, in der Eigenschaft einer Regentin übertrage. Dreihnndert Deputirte riefen: „Es lebe Ludwig Philipp! Es lebe die Regentin!“ Einige Deputirte der Linken jedoch, so wie die Legitimisten Herren von La

rochejacquelin und von Genonde, riefen: „Sie haben dazu nicht das Recht!“ Mehrere Stimmen von den Tribünen eirschollen: „Ee ist zu spät! Es ist eine Komödie!“ Herr Cremieur bestieg die Tribüne, um die Einsetzung einer provisorischen Regierung zu verlangen. Seine Worle wurden von den Tribünen mit Bravorufen begrüßt. Herr Odilon Barrot, der in diesem Augenblicke eintrat, bestieg die Tribüne, um zu sagen, daß gegenwärtig nur die Regierung der Herzogin von Or leans und des Grafen von Paris dem Blutvergießen Einhalt thun könne. Diesen Worten klatschten alle Deputirten Beifall, in dem nämlichen Augenblicke aber steckten Frauen aus dem Volke auf der Tribüne die dreifarbige Fahne auf. Der ganze Halbkreis füllte sich plötzlich mit Männern in Blousen, die mit Säbeln und Flinten bewaffnet waren. Unter dem Schutze dieser Männer aus dem Volke und unter ihrer Eskorte betrat Herr Ledru-Rollin die Tribüne und begehrten die Einsetzung einer provisorischen Regierung unter lautem Geschrei der Tribünen. Lamartine bestieg ebenfalis die Tribüne und stellte einen Antrag in gleichem Sinne, als die mit Flinten bewaff⸗ neten Männer auf die Volksvertreter anschlugen. Herr Sauzet ver

ließ den Präsidentenstuhl, wo er sofort durch Herrn Dupont (de l'Eure) ersetzt wurde. Ich verlasse in diesem Augenblicke die Kam⸗ mer, um nicht Zeuge oder Opfer der gewaltthätigen Auftritte zu sein, welche sich vorzuberriten scheinen. Rachschrift. Ich vernehme, daß man so eben auf dem Stadthause eine provisorische Regierung ein⸗ gesetzt hat.

Frankfurt a. M., 27. Febr. (Ob. P. A. 3tg.) S eben erhalten wir nachstehende telegraphische Depeschen: 1) aus Pa⸗ ris vom 24. Febr. 10 Uhr Abends. Der Beauftragte der proviso rischen Regierung an die Herren Präfekten: Die provisorische Regie⸗ unng besteht aus solgenden Herren: Dupont Gon der Eure), Prä⸗ sident; Arago, Marine⸗Minister; Lamartine, auswärtigen Angele⸗ genheiten; Crémienx, Justiz; Subervic, Krieg; Ledr u⸗Rol⸗ kin, Inneres; Marie, Handel; Garnier-Pages, Maire von Paris. 2 Paris, 25. Febr. 2 Uhr Nachmittags. Der Kriegs Minister an die General- Lieutenants im Namen der provisorischen Regierung: Der General Lieutenant Subervic ist Kriegs- Minister; er befiehlt den Militair⸗ Divisionen und Unter-Divisionen lommandi⸗ renden General-Lieutenants, auf ihren Posten zu bleiben, die Trup⸗ pen zu mustern, die Disziplin und die Ordnung in allen Armee-Corps aufrecht zu erhalten.

Berlin, 29. Febr. Wir sehen uns veranlaßt, zu erklären, daß beim Schlusse unseres heutigen Blattes, bis Nachmittag 353 Uhr, der Regierung neuere Nachrichten über die Ereignisse in Paris nicht zugegangen sind.

Ueber Hamburg geht uns die Nachricht zu, daß König Ludwig Philipp mit seiner Familie am 25. Februar Nachmittags in Folkestone an der englischen Küste gelandet ist, von wo er sich nach London be— geben haben soll.

Großbritanien und Irland.

London, 24. Febr. In der gestrigen Unter haus⸗Sitzung nahm Herr An stey seinen vor acht Tagen verunglückten Angriff ge⸗ gen Lord Palmerston wieder auf. Die Rede, welche derselbe hielt, holte wieder eben so weit aus, wie damals, und fand gleich geringen Antheil. Er begann mit dem wiener Kongreß und endigte mit dem Jahre 1848, um den Beweis zu führen, daß England sich in einem höchst beklagenswerthen Zustande befinde und Lord Palmerston der Einzige sei, der das unermeßliche Unglück verschuldet. In der poli tischen Revue, die der Redner giebt, sagt er, Polen sei von Lord Palmerston in Rußland aufgeopfert, Italien, an Hand und Fuß ge⸗ fesselt, Oesterreich überliefert worden, die Türkei wäre 1829 Rußland preisgegeben, Mehmed Ali ebenfalls betrogen worden u. s. w. Wie im Uebrigen, so war die Rede des Herrn Anstey auch darin einzig, daß er Herrn Urquhart zum Himmel erhob, der sonst in der Mei nung aller Menschen bekanntlich ziemlich tief gesunken ist. Lord Pal⸗ merston hörte geduldig zu; nur einmal sagte er: „Ich bitte um Entschuldigung, das ist nicht wahr!“ Herr Anstey: „Dem ist nie wid ersprochen?“ Lord Palmerston: „Ich widerspreche jetzt.“ Herr Anstey: „Es steht gedruckt.“ Lord Palmerst on: „Die Unwahr⸗ heit ist also im Drucke erschienen!“ Dann fuhr Herr Anstey unge⸗ stört fort, aus einander zu setzen, daß Lord Palmerston fortwährend das Parlament und seinen Souverain mit falschen Angaben hinter⸗ gangen habe. Er vertheidigte unter Anderem selbst König Ludwig Philipp und das französische Ministerium in Sachen der spanischen Heirath. Lord Palmerston habe sich bei dieser Gelegenheit auf den Frieden von Utrecht berufen, wissend, daß jedes Wort, welches er äußere, eine Falschheit sei. Dies Alles bezog sich blos auf Europa. Herr Anstey ging hierauf nach Amerika und enthüllte die Ursachen des Krieges der Vereinigten Staaten mit Mexiko. Dieser sei auch ein Werk Lord Palmerston's. Er be⸗ wirkte nämlich, daß Texas, ein neuer Sklavenstaat, in den Verein aufge⸗ nommen ward, damit ganz Nord-Amerika dadurch geneigter würde, die Pläne der nördlichen Staaten auf Kanada zu unterstützen. Asien ward ebenfalls durchgenommen, und den Schluß machte Afrika. Hier hätte Lord Palmerston durch seine Verträge über den Skla⸗ venhandel England mit allen gebildeten Völkern verfeindet. Dies wären aber nicht alle Anklagen, welche er gegen den edlen Lord vor— zubringen habe; er habe manche derselben verschwiegen, aus Achtung vor dem Sprecher, der Herrn Anstey ein paar Mal zur Ordnung verwies. Herr Shiel unternahm es, Lord Palmerston oder vielmehr das

Parlament gegen Reden dieser Art in Schutz zu nehmen. Es wäre seine Absicht gewesen, für Lord Palmerston zu sprechen, zu sagen: daß er in seiner Person wändig die sittlichen Eigenschaften darstelle, welche die große Nation aus zeichneten, deren Sache er vertrete; zu sagen: daß er stets hochgesinnt, ge⸗ rade aus und wahrhaft gewesen, daß er stets ein Vertheidiger der enschlich⸗ keit und der Bildung gewesen, stets hier und in jedem Lande der Welt eine geordnete Verfassung und die Freiheit befördert habe. Aber er stehe davon ab; denn Herrn Anstey's Rede sei ein Angriff nicht sowohl auf Lord Palmerston, als auf allen Anstand und die Würde des Par⸗ laments. Herr Urquhart, der einzige Freund des Herrn Anstey, warf Lord Palmerston aufs neue vor, dem bittersten Feinde Englands, Rußland, in die Hände zu arbeiten. Er füllte das Haus mit schal⸗ lendem Gelächter, als er sagte, Lord Palmerston werde nie wieder die Stelle einnehmen können, welche er vor der heutigen Verhand⸗ lung inge gehabt. Lord Palm erston hatte lange ruhig zugehört, doch als Herr Urquhart geendet, sagte er: „Ich hoffe, in dem, was sch zu fagen habe, so viel Selbstüberwindung zu zeigen, daß ich die Achtung dor dem Hause nicht verletze und eine Sprache, die nur den beschimpft, der sie gebraucht, nicht nachahme, sondern vermeide; eine Sprache, die eben so gegen die Gesetze des Hauses, als gegen die gesellschaftliche Höflichkeit und die Sitte gebildeter Männer verstößt. Ich weise die Anklage, welche die beiden Reduer heute gegen mich vor⸗ gebracht, auf das entschiedenste und unzweideutigste zurück. Wäre is nicht aus Achtung vor dem Hause und aus Rücksicht für das, was ein Staatsmann seinem Lande schuldig ist, so zweifle ich, ob ich mich herablassen würde, Notiz davon zu nehmen; ich zweifle, ob ich mich herablassen würde, ihren Beschuldigungen auch nur zu widersprechen. Ich weise diese falschen und grundlosen Anklagen mit dem Unwillen und der Verachtung, die einem Manne in meiner Lage, falschen An⸗ klagen gegenüber, erlaubt ist, nicht blos zurück, sondern ich erkläre auch dem Haufe, daß, wenn es ihm gefällt, über meine ganze öffentliche Thätigkeit seit dem ersten Tage, an dem ich in den Staatsdienst trat, bis zu der Minute, in der ich jetzt spreche, eine Untersuchung anzustellen, s fein Tokument, kein amtliches Blatt im Foreign Office, nicht ein⸗ mal einen Privat- Brief in meinem eigenen Besitze giebt, den ich nicht bercitwillig und stolz der Prüfung unterwerfen will. Ich will das Ganze einem Comité des Hauses unterwerfen und dasselbe in Stand setzen, die umfassendste Untersuchung über meine politischen Ungehö⸗ rigkeiten anzustellen. Nachdem ich so viel in Allgemeinen gesagt, wird es mir, bei dem konfusen Kataloge der verschiedenartigsten Ge⸗ in der That schwer, meine Antwort in die Gränzen zu⸗

die mir die Regeln des Hauses bei dieser Gelegen⸗ heit gewähren.“ Der Minister geht nun auf die einzelnen Angriffe über, die das arkadische Paar gegen ihn gerichtet hatte, als ihn der Sprecher mit der Erklärung unterbrach, daß, weil es bereits 6 Uhr sei, die Fortsetzung der Debatte auf die morgende Tagesordnung ge⸗ setzt und die Sitzung vertagt werden müsse. .

Die pariser Ereignisse sind hier erst bis zur Entlassung des Guizotschen Ministeriums bekannt, und man glaubt noch nicht an eine ernstliche Revolution. Die Times sagt: „Es müßte eine außeror⸗ dentliche und unvorhergesehene Reihe von Umständen eintreten, ehe eine Regierung, die von einer Armee von 100,000 Mann gedeckt ist, welch? unter dem Kommando des Marschalls Bugeagud steht und mit greßem Geschick in die Umgebungen von Paris einquartiert ist, wenn eine Regierung, geschützt ferner durch 18 Forts, gezwungen werden sollte, einer Insurrection des Volkshaufens nachzugeben. Wir glauben indeß gar nicht, daß selbst eine ernstliche Volks⸗-Insurrection ausbrechen wird.“ Die Börfe ist deshalb unter solchen Hoffnungen nicht sehr

gestört. Die Course schwanken nur sehr gering. Konsols 884 a 89, zum Schluß für 13. April 3891. 3.

In Liverpool, Manchester und vielen anderen Orten werden von den Behörden auf Requisition der Bürger Versammlungen angeord⸗ net, in' denen Petitionen gegen die Erhöhung der Einkommensteuer berathen werden sollen. ( w ;

lieber die Aufhebung des Baumwollen-Zolles in Ostindien, die setzte bedeutende Regierungshandlung Lord Hardinge's als General⸗ Gouverneurs jenes Landes, bemerkt der hiesige Expreß Folgendes: „Die Aufhebung des Ausfuhrzolles wird den europäischen Baumwollen⸗ handel Ostindiens nicht berühren, wohl aber einen entschiedenen Ein⸗ fluß äußern auf den bedeutenden Handel mit China, besonders in Canton.“ Die Ausfuhr nach Europa ist seit langer Zeit sowohl für britische als fremde Flaggen frei, aber bis auf diese neueste Abände⸗ rung hat ein Zoll von 9 Annas per Maund von allen Verladungen von? Baumwolle in britischen Schiffen nach Ländern ostwärts von Ceylon bezahlt werden müssen und ein Zoll von 18 Annas, also der doppelte Betrag, wenn die Waare in fremden Fahrzeugen verladen wird. Dieser Zoll gestaltete sich zu einer ad valorem Abgabe, die, je nach dem Preise der Waare, mehr oder minder drückend, in der letzten Zeit nicht weniger als 6 bis 7 pCt. betragen hat. Wie wich⸗ tig aber die Maßregel ist, geht aus einer Zusammenstellung der Toͤtal-Ausfuhr mit der Ausfuhr nach China in dem Jahre 1843 bis 1814 hervor. Kalkutta führt aus: im Ganzen 16,522,000 Pfd., nach Ehing 16,347,000 Pfd.; Madras: im Ganzen 38,292,900 Pfd., nach China 11, 895,000 Pfd.; Bombay (der Hauptmarkt für diesen Zweig des Handels nach China): im Ganzen 171,367, 000 Pfd., nach China 77,551, 000 Pfd. Spätere Berichte aus Bombay ent⸗ halten Angaben, welche die Bedeutsamkeit der jetzt getroffenen Maß⸗ regel in noch viel hellerem Lichte erscheinen lassen.“

genstände, sammenzuziehen,

X Lon don, 25. Febr. Die Ereignisse in Paris haben hier jeden anderen Gegenstand von politischem Interesse in den Hintergrund gedrängt. Man spricht von nichts Anderem, als von ihnen, und seit Jahren hat kein Ereigniß des Kontinents hier so viel Aufregung ver⸗ ürsacht. Die Entfremdung, welche die spanischen Heirathen bewirk⸗ ten, so wie das vollständige Mißtrauen gegen die Wahrhaftigkeit und Klugheit des Herrn Guizot, das jetzt in England herrscht, haben eine gänzliche Unempfindlichkeit gegen die Erniedrigung des Königs und den Fall seines Ministers erzeugt. Persönlich erregen sie kein Mit- leid; aber zu gleicher Zeit werden die englischen Staatsmänner aller Parteien mit Besorgniß und Bedauern über den revolutiongiren Cha⸗ rakter dieser Bewegung erfüllt; es herrscht nicht jene Sympathie mit der Volkssache, welche 1830 so warm hervortrat⸗ alè das Volt von Paris sich damals gegen den Angriff den Krone . Im ge genwärtigen Falle ist der Angriff allein vom Volke an,, Die Masse des Volks ist allmälig und höchst ggshhict 4 r 1. den, eine Demonstration zu machen, die Alles, a . a , . war; die National- Garde wurde im Stru 9 mit fort⸗ gerissen, die Linientruphen folgten der National. 6 n 9 as! Ergebniß sst eine Revolution. ne fingese ftz⸗ Behörden des Reichs beugten sich vor der grande bopulace et la Sainte ca nailse“ und die Gesetze der Gefellschaft sind noch einmal zerstört . Frankreich ist ein solches Resultat unheilvoll genug, denn es zeigt, auf wie unsicherer Grundlage der Thron eines Kindes stehen vird, wenn der Ludwig Philipp's so plötzlich bis auf das Jundament eischüttert ist. Doch es liegt mehr in der Aufgabe dieser Korrespon⸗ denz, auf die Folgen dieser Erschütterung andere wo hinzuweisen. In vielen Theilen Europa's, besonders in Italien, in der Schweiz und vielleicht auch in Spanien werden die Folgen bedeutend sein. Der

Untergang der konservativen Partei in Frankreich ist der Untergang

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