1828 / 291 p. 2 (Allgemeine Preußische Staats-Zeitung) scan diff

1I v 1“ Angelegenheit in Morea gefuͤhlt, welche durch den allmaͤligen Abgang der Aegyptier und dadurch, daß man sich Tuͤrkischer Seits aller Feindseligkeiten enthalten hat, fast als enrschieden zu betrachten ist. Daher hat die innere Polemik seit einiger Zeit fast ausschließlich Schriftsteller und Leser beschaͤftigt, und da auch diese keine auffallende Neuigkeit darbot, so versuch⸗ ten die Blaͤtter, denen der gewoͤhnliche Gang der Dinge et⸗ was zu trocken vorkam, die Monotonie (die uͤbrigens ein Gluͤck ist, weil sie von Ruhe zeugt) durch lebendige Schilderungen der Vergangenheit und durch Streifzuͤge ins Gebiet der Zu⸗ kunft etwas zu beleben. Die einen, man erraͤth leicht, daß wir die Quotidienne und Gazette meinen, haben das Thema der fortschreitenden Revolution und der Verwandt⸗ schaft des Ministeriums mit der Hoͤlle wieder aufgenommen. Die anderen, und vornehmlich der Courrier, haben von der alten Verwaltung gesprochen, und das jetzige Ministerium als eine Fortsetzung des gefallenen Systems angefochten. Von einer Seite rief man den Ministern zu: „Ihr stuͤrzt Euch in den Abgrund der Neuerungen“, von der andern: „Ihr verirrt Euch in das Geleise der Vergangenheit’“. Diese beiden so verschiedenen Anklagen haben taglich zu mehr als vier Artikeln Stoff gegeben, und wenn das Ministerium nicht durch einen neuen Act das Repertoir etwas andern sollte, so sind wir in Gefahr, dieselben Sachen bis zur näͤch⸗ sten Sitzung zu hoͤren. Dennoch ist es gut, Klagen zu eroͤrtern, wiewohl sie sich widersprechen, oder eben darum, weil sie sich widersprechen. Die Geister, welche sich nicht durch Worte ein⸗ nehmen lassen, werden unser Ministerium eben so wenig fuͤr re⸗ volutionair halten, weil die Gazette es sagt, als fuͤr ruͤckschrei⸗ tend, weil der Courrier diese Versicherung giebt. Sie werden vielmehr geneigt seyn, dem Ministerium den Namen eines legalen zu bewahren, den es verdient hat, den ihm die vo⸗ . Sitzung der Kammern gegeben hat, und den es sich beemuüͤhen wird, durch Gesetze, die mit der Charte in Harmo⸗ nie stehen, zu rechtfertigen. Aber wer buͤrgt uns fuͤr diese Gesetze und wohlthaͤtigen Einrichtungen, werden ungeduldige Richter sagen, welche mehrere Commissionen mit solchen Ent⸗ wuͤrfen beschaͤftigt sehen, aber die Commissionen nicht lieben. Was uns für diese Gesetze buͤrgt, ist die Nothwendigkeit, sie

in dem zwiefaͤchen Interesse des Thrones und der oͤffentli⸗ chen Freiheiten abzufassen, und von den Commissionen weiß man, daß sie viel Licht in die Gegenstande bringen, und der Ausfuͤhrung des Guten keine Hindernisse in den Weg stellen.

as Ministerium hat in der Ausfuͤhrung der geistlichen Verordnungen gezeigt, was man von ihm erwarten darf, sobald es von der Gerechtigkeit einer Sache uͤberzeugt ist. Das Beste fuͤr gewisse etwas leidenschaftliche Forderungen, die sich in vergangener Woche hoͤren ließen, duͤrfte daher seyn, daß sie gerechter werden.“ 8 . un Eben dieses Blatt spricht sich uͤber die bisherigen Kesultate der Expedition nach Morea in folgender Art aus: „Die letzten Depeschen aus Morea lassen nicht 8 den mindesten Zweifel uͤber das Gelingen des Unternehmens. JIvbrahim und mehr als 20,000 seiner Aegyptier sind vor Frankreichs Frieden verkuͤndendem Paniere gewichen und der Hellenische Boden ist befreit. Die hochherzigen Gemuͤther werden jauchzen bei der Nachricht, daß Griechenland nach 3 sechs Jahren schwerer Kaͤmpfe endlich frei athmet, und die politischen Geister werden die Bemerkung machen, daß zwei⸗

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gemeinschaftlich bestandenen Gefahren auf dem Kampfplatze bei Navarin, zum zweiten Male auf dem Wege der Unter⸗ handlungen begegnet haben. Es ist ruhmwuͤrdig fuͤr Frank⸗ wie fuͤr England, daß ihr gutes Einverstaͤndniß sich solchergestalt von der Ausführung eines Vertrages und eines SEuropaischen Aectes des Patriotismus herschreibt. Der Ge⸗ neral Maison wird mit seinen Tapfern das geschickt begon⸗ nene Werk vollenden; er wird noͤthigenfalls von der Gewalt der Waffen erlangen, was durch die Unterhandlungen und Ibrahims Abzug noch nicht erledigt seyn moͤchte, und dadurch die Ruhe jenes Landes dauernd sichern, wo hinfuͤhro kein crristliches Blut mehr fließen wird. Man darf also behaup⸗ ten, daß unsere Expedition nach Morea, statt einer ritterlichen Unvorsichtigkeit, wie gewisse Zeitungen sie genannt haben, beald ein Pfand der Sicherheit und ein Lorbeerzweig mehr faͤr unser Land seyn wird. Wir setzen einigen Stolz darin, disse gluͤcklichen Resultate herauszuheben, und diese kleine Rache ist uns wohl erlaubt gegen die schmaͤhlichen Prophe⸗ eiungen der Gazette und der Quotidienne, welche sich schmei⸗ chelten, haß die Expedition unserm Lande und dem Panjere einige Erniedrigung bereiten wuͤrde. Diese die Bertande seesen jetzt, dem Himmel sey gedankt, Der Mes ager des Chambres äußert in einem

u.“.“

Auf satze

2 lange Zeit auf einander afeüchtige Vöͤlker sich, nach den

uͤber die gegenseitige Stellung der Russen und Turken Folgendes: „Die uͤber Berlin uns zugekommee nen Kriegs⸗Buͤlletins befriedigen nur unvollkommen die Neugierde fuͤr die Ereignisse im Orient. Dieselben be weisen jedoch, daß es uͤbertrieben ist, wenn man Ruß land als niedergebeugt und die Pforte als triumphiren betrachtet. Man kann es nicht oft genug wiederholen: di Nachrichten vom Kriegstheater muͤssen mit der groͤßten Be⸗ hutsamkeit aufgenommen werden. Zu viele Leidenschaften sind im Spiele, als daß man in Berichten, die sich uͤber Eu⸗ ropa verbreiten, voͤllige Unpartheilichkeit zu finden hoffen duͤrfte. Es ist uͤberdem so schwierig, Nachrichten von beiden kriegfuͤhrenden Theilen zu erhalten, daß nothwendig den Ver⸗ muthungen und irrigen Behauptungen das weiteste Feld of⸗ fen bleibt. In Ermangelung positiver Angaben uͤber die Ereignisse sey es uns daher vergoͤnnt, unsern Lesern einige Bemerkungen uͤber die Lage beider Maͤchte vorzulegen, deren Genauigkeit nicht in Zweifel gezogen werden darf. Erst seit sechs Monaten sind die Feindseligkeiten eroͤffnet worden, und schon hat der Sultan Alles unter die Waffen gestellt; Rußland dagegen ordnet in diesem Augenblicke seine ersten Aushebungen an, ohne daß sich gerade Noth dazu zeigt, und nur vier Menschen von 500 waffenfaͤhigen Unterthanen ruft es auf. Das Ösmannische Reich hat keine festen Einnahmen, die verwuͤsteten Laͤndereien bleiben unbebaut liegen, der Ertrag der Zoͤlle ist verstegt, und die Haͤlfte der Provinzen erkennt die Oberherrschaft des Sultans nicht an, oder fuͤhrt gar Krieg mit ihm; in Rußland dagegen geht Alles wie zur Zeit des tiefsten Friedens her. Mahmud hat die Quelle der Guͤter⸗Einzichungen erschoͤpft; Rußland benutzt die Kraͤfte der von ihm besetzten Provinzen zu seinem Vortheile. Man weiß, welche ungeheuren Natural⸗Lieferungen die Fuͤrstenthuͤ⸗ mer leisten. Der Weg des Staats⸗Credits hat der Tuͤrker nie offen gestanden, Rußland hingegen hat seine Anleihen an den verschiedenen Boͤrsen Europa’'s gemacht. Mahmud haͤlt nur durch die A seines Charakters die Muselmänner unter den Waffen, und ist in jedem Augenblick mit einer En⸗ poͤrung der Rajahs bedroht; in Rußland ist der Krieg na- tional, der Soldat marschirt mit Begeisterung in's Feld, keine Desertion ist zu befuͤrchten, und die Ruhe im Innern ist so sicher, daß man an die Aufrechthaltung derselben gar nicht zu denken braucht. Bei Annaherung des Winters kel⸗

ren die Tuͤrkischen Rekruten in ihre Heimath zuruͤck, es ist unmoͤglich, sie laͤnger unter den Fahnen zu erhalten; bei den Russen ist die Kriegszucht zu allen Jahreszeiten dieselbe. Die Lage der Tuͤrken im Norden des Balkans ist in Bezug auf das Klima fast dieselbe, wie die der Franze⸗ sen im Jahre 1812 auf dem Marsche nach Moskau; die Russen, wenn sie im Winter die Operationen fortsetzen, ge⸗ hen einer besseren Temperatur entgegen, und haben jenseits des Haͤmus kaum sechs Wochen Kalte zu uͤberstehen, und welche Kälte haben die Voͤlker des Nordens wohl am Bosporus zu befuͤrchten? Die Lager der Tuͤrken in Schumla und ihre Vertheidigungs⸗Linie koͤnnen ihre Vorraͤthe nur von den Ufern des Marmora⸗Meeres beziehen; diese muͤssen, um zu dem Heere zu gelangen, in der Regenzeit durch die Engpäͤsse des Valkans gebracht werden. Die Russen als Herren von

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Varna und demzufolge auch von Sisseboli, Burgas u. s. w. koͤnnen ihre Lebensmittel und andere Beduͤrfnisse aus der Krimm und Odessa erhalten. Vergebens wendet man ein, daß die Winter⸗Nebel auf dem Schwarzen Meere sechs Mo⸗ nate des Jahres hindurch dauern; es sind in dieser Zeit eben soviel helle Tage, und 40 Stunden reichen zur Ueberfahrt von der Russischen Kuͤste nach Varna hin. Eine einzige verlorene Schlacht zerruͤttet das Reich des Halbmondes, die Einnahme von Konstantinopel lahmt diesen großen Koͤrper, der dann jedes militairischen Punktes beraubt ist; denn in dieser Stadt ist das ganze Reich. Zwanzig erlittene Nach⸗ theile, und wenn sie noch so ernsthaft sind, bringen in die Operationen der Russen nichts als eine Verzoͤgerung. Diese Vergleichung der Stellung beider Maͤchte gegen einander, ließe sich bis in die kleinsten Details verfolgen, und wuͤrde in allen Puͤnkten dasselbe Resultat geben. Das von uns Gesagte reicht fuͤr den verstaͤndigen und unpartheütschen Leser hin, um sich ein Urtheil uͤber den Ausgang jenes Kampfes zu bilden, der die allgemeine Aufmerksamkeit be⸗ schaͤftigt. Unser Zweck ist nicht, durch diese Betrachtungen uͤber die eine Macht, guͤnstigere Ansichten auf Kosten der ar⸗ deren zu verbreiten, sondern nur gegen falsche Nachrichten und uͤbertriebene Geruͤchte diejenigen vorsichtig zu machen, welche, ohne Russen oder Tuͤrken zu seyn, genaue und unpartheiische Angaben verlangen, um entfernte Begebenhet⸗ ten zu beurtheilen.“ 2

Das bekannte Eüamsi omnes, ego non des Cardinal