1835 / 157 p. 1 (Allgemeine Preußische Staats-Zeitung) scan diff

5 8 8 zu ihrem Ehren⸗Mitglied erwaͤhlte, so wie aller wissenschaftlichen und Kunst⸗Institute. Es kann nicht die Absicht seyn, uͤber die Verdienste und die weitgreifende Thaͤtigkeit eines so hoch gestell⸗ ten Staatsmannes hier Bericht zu geben. Wohl aber ist die Akademie ihm die Anerkennung schuldig, daß er in den schwie⸗ rigsten Zeiten ihre Interessen muthvoll vertreten, und, als die Unabhaͤngigkeit siegreich wieder gewonnen war, durch Herbei⸗ schaffung vermehrter Mittel ihr eine ausgedehntere Wirksamkeit gesichert hat. Treu, zuverlaͤssig, furchtlos und ohne Ruͤckhalt, durfte man auf ihn bauen, sobald er von der Zweckmaͤßigkeit einer Anordnung uͤberzeugt war. Auch war er es, der die Ruͤck⸗ gabe der nach Paris entfuͤhrten Kunstwerke durchsetzte, den An⸗ kauf neuer betrieb, z. B. der Derschauschen Sammlung, und die Vorkehrungen zur Errichtung eines Kunst⸗Museums treffen ließ, zu welchem Ende auf seine Verfuͤgung alle in den Koͤnig⸗ lichen Schloͤssern vorhandene Sammlungen und Kunstschaͤtze ver⸗ zeichnet und beschrieben wurden. Die nachher zu erwaͤhnende wichtige Anordnung, die Aufnahme der Musik in den Kreis der akademischen Lehrgegenstaͤnde, obwohl nicht von ihm ausgegan⸗ gen, fand durch ihn ihre Ausfuͤhrung. Selbst als die Akademie, nach der noͤthig gewordenen Vereinigung der Angelegenheiten des Kultus, der Kunst und des oͤffentlichen Unterrichts unter einem besonderen Ministerium, nicht mehr seiner Leitung unter⸗ geben blieb, entzog er ihr nicht seine Theilnahme. Am 22. Mai 1829, am Schlusse der oͤffentlichen Praͤmiirung der Schuͤler der Kunst⸗ und Gewerk⸗Schule, welche damals zum erstenmal statt⸗ fand, erhob sich der ehrwuͤrdige Greis, um in einer herzlichen

nrede und in den huldvollsten Ausdruͤcken seine Anerkennung der Bemuͤhungen und Verdienste der Akademie um die Vered⸗ lung des Geschmacks und des Kunstfleißes in der Hauptstadt wie in den Provinzen auszusprechen. Und mit vollster Ueber⸗ zeugung brachte ihm die Akademie in demselben Jahre zu seiner Jubelfeier ihren Gluͤckwunsch dar. Am 21. Januar d. J. verlor die Akademie ein anderes um ihren Flor verdientes Ehren⸗ Mitglied, den Geheimen Ober⸗Regierungs⸗Rath Wilhelm Uhden. Geboren zu Berlin den 23. August 1763 und zum Humanisten gebildet, fuͤhrte die Liebe zur Kunst ihn nach Rom, wo er waͤhrend mehrerer Jahre bis 1802 die Functionen eines Minister⸗Residenten versah, in welcher Eigenschaft der Freiherr W. von Humboldt sein Nachfolger wurde. Nach Berlin zuruͤck⸗ gekehrt, und 1804 den 20. November zum Ehren⸗Mitglied der Akademie und Assessor des Senats erwaͤhlt, uͤbernahm er am 26. Juli 1805 das Sekretariat der Akademie der Kuͤnste, welches bis dahin der jetzige Direktor derselben interimistisch verwaltet hatte. 1809 aber wurde er als Staatsrath und vortragendes Mitglied in die neu gebildete Section fuͤr den Kultus und oͤf⸗ fentlichen Unterricht im Ministerium des Innern berufen, wo besonders die Kunst⸗Angelegenheiten ihm anvertraut blieben. Die Akademie verehrt in ihm einen hochgebildeten, kenntniß⸗ reichen, wohlwollenden Kunstfreund, der gewiß niemals seine Mitwirkung versagte, wenn es galt, ihr durch Rath und Fuͤr⸗ sprache huͤlfreich zu seyn. Der herbeste Verlust, den die Aka⸗

demie erlitt, ist zu erwaͤhnen noch uͤbrig. Am 8. April 1835 starb, auf seinem Landsitz in der Naͤhe Berlins, der Geheime Staats⸗Minister Freiherr Karl Wilhelm von Humboldt, welcher vom Mai 1809 bis eben dahin 1810 als Chef der Sec⸗ tion fuͤr den Kultus und oͤffentlichen Unterricht im Ministerium des Innern das Kuratorium der Akademie verwaltete, die in

dankbarem Angedenken dieses Verhaͤltnisses 1820 den 16. De⸗ zember ihn zum Ehren⸗Mitgliede erwaͤhlt hat. Was dieser hoch⸗ begabte Staatsmann, durch eine Vereinigung der seltensten Ei⸗ genschaften, in den verschiedensten Kreisen des Wissens, der

Kunst und der praktischen Geschaͤftsfuͤhrung geleistet hat, lebt in

zu frischem Andenken, um es hier von neuem zu wuͤrdigen.

Sein amtliches Verhaͤltniß zur Akademie der Kuͤnste dauerte

uͤsberdies zu kurze Zeit, um den ganzen Umfang seiner fuͤr die⸗

selbe entworfenen Plaͤne zu uͤbersehen. Erwaͤhnung aber ver⸗ dient es, daß Humboldt es war, welcher bald nach seinem Amts⸗

Antritt im Mai 1809 die Aufnahme der Musik unter die

obere Leitung und in den Lehrkreis der Akademie herbei⸗

fuͤhrte, so daß auf einen, von ihm erstatteten meister⸗ haften Bericht uͤber die Wichtigkeit der Musik als Bildungs⸗ Mittels des Volkes die Errichtung einer Professur der Musik bei der Akademie der Kuͤnste und die Ernennung Zelter's zu der⸗ selben von des Koͤnigs Majestaͤt Allerhoͤchst genehmigt wurde; welche neue Schoͤpfung erst nach Zelter's Ableben ihre fernere Entwickelung erhielt. Auch die Reiß⸗Klasse der Kunst⸗ und Gewerk⸗Schule, fuͤr das Zeichnen mit Zirkel und Lineal, wurde von Humboldt mittelst Reskriptes vom 2. Maͤrz 1810 ins Leben

388 . gerufen, in welcher seitdem erweiterten Klasse bisher nicht we⸗ niger als 1360 Gewerbtreibende einen unschaͤtzbaren Kunst⸗Un⸗ terricht fanden. Aus einem bald nach dem Antritt seines Ku⸗ ratoriums der Akademie noch aus Koͤnigsberg im Mai 1809 an dieselbe erlassenen Schreiben, so wie aus dem spaͤter bei Errich⸗ tung des Museums und der Leitung des Kunst⸗Vereins von Humboldt befolgten Verfahren laͤßt sich schließen, daß er der Ansicht war, alle Angelegenheiten der Kunst durch Kommissio⸗ nen von Kuͤnstlern, unter Vorbehalt seiner eigenen obersten Ent⸗ scheidung, bearbeiten zu lassen. Von seinen ersten schriftstelleri⸗ schen Werken (Uebersetzungen Pindarischer Oden, „Aesthetische Versuche“ u. a.) bis zu den reizenden Kunstschoͤpfungen und Resten des Alterthums, zwischen denen er die Muße sei⸗ ner letzten Jahre genoß, giebt Alles Beweis, daß die Be⸗ schaͤftigung mit der Kunst ihm unentbehrlich war, und die Mitglieder der Akademie nahmen herzlichen Antheil an dem Schmerz, der bei der Nachricht von seinem Tode alle Ge⸗ muͤther durchdrang. (Humboldt war geboren zu Potsdam den 22. Juni 1767.)“ Die in der Plenar⸗Versammlung der Akademie am 28. Maͤrz d. J. stattgefundenen Wahlen neuer Mitglieder sind bereits bei einem anderen Anlaß in diesen Bläͤt⸗ tern publizirt worden.

In der Provinz Schlesien sind in diesem Jahre an selbstgezogenen Pferden auf den 21 angesetzt gewesenen Maͤrkten als Remonte fuͤr die Koͤnigl. Armee 220 Stuͤck (28 Stuͤck mehr als im vorigen Jahre), zusammen fuͤr 19,276 Rthlr. durch die Remonte⸗Kommission angekauft worden, ein Beweis, daß dieser Zweig der oͤkonomischen Gewerbsamkeit in den meisten Kreisen mit Ernst und Eifer betrieben wird, und daß die Pferdezucht im Allgemeinen im Steigen ist.

Man schreibt aus Breslau unterm 2ten d. M.: „Un⸗ ser Wollmarkt soll heut beginnen, er ist aber als halb beendigt zu betrachten. Kaͤufer stroͤmten seit acht Tagen reichlich zu und begannen den 27. Mai einen lebhaften Verkehr. Von circa 50,000 Ctr., welche auf dem Platze seyn duͤrften, sind wohl be⸗ reits an 30,000 Ctr. verkauft. Ueber die Preise haben wir zu bemerken, daß sie diejenigen von 1833 fast vollstaͤndig erreichen und demnach wohl befriedigend sind. Dieselben scheinen sich fuͤr hochfeine Wolle von 110 bis 140 Rthlr., fuͤr Mittelwolle von 80 bis 100 Rthlr., fuͤr ordinaire Wolle von 70 bis 75 Rthlr. zu stellen. Der lebhafteste Begehr zeigt sich fuͤr Mittelwollen, deren Absatz reißend ist. Elektoralen scheinen weniger gesucht, obschon die beruͤhmtesten Schaͤfereien großentheils zur Zufrieden⸗ heit ihrer Besitzer rasch verkauften. Es ist fast außer Zweifel, daß binnen wenigen Tägen Alles geraͤumt seyn wird, da die Nach⸗ frage ununterbrochen lebendig bleibt. Allgemein ist die Aner⸗ kennung auch in diesem Jahre, daß der Breslauer Markt Un⸗ uͤbertreffliches liefert, und daß Schlesische Elektoralen die gestei⸗ gertsten Anspruͤche der Fabrication vollstaͤndig befriedigen.“

Neteorologische Beobachtung.

Morgens Nachmitt. Abends Nach einmaliger 6 Uhr. 2 Uhr. 10 Uhr. I. Beobachtung.

Luftdruck. 1337,1 7 „Par. 336,8 7“ Par. 336,8 0“ Par. Quellwärme 7,2 °R. Luftwaͤrme 11,2 °R. 20, z °R. 13,2 ° R. [Flußwärme 13,8 °R. Thaupunkt 9,0° R. 6,9 °R. 8,b 0ꝗ R. Bodenwärme 11,9 °R. Dunstsaͤttg 84 „Ct. 39 pCt. 70 pCt. Wetter.. heiter. heiter. heiter. Wolkenzug O. Tagesmittel: 336,942 Par... 14 R..

1835. A. Juni.

veff.„.—

Niederschlag 0. Nachtkälte 10, 1 °R. 8,2 0R. 64 pCt.

Berliner Börse. Den 5. Juni 1835.

Amtl. Fonds- und Geld-Cours-Zettel. (Preus. Coaur.) y————Bö, Zf. lüriefdoeld.] [Zf. ErieflGeld. —— St.-Schuld-Sch. 100 ¾ [100 ¼ [Ostpr. Pfandbr.] 4 101 ¾ m —-- Pr. Engl. Obl. 30. 98 sbomm. do. [4à4 1106 106 ½ Präm. Sch. d. Seech. 63 ½ [Kur- u. Neum. do. 4 103 Kurm. Obl. m. I. C. Schlesische do. 4 106 Neum. Int. Sch. do. Berl. Stadt-Obl. Königsb. do. Elbing. do. Danz. do. in Th. Westpr. Pfandbr. Grosshz. Pos. do.

-— RKkst. C. u. Z.-Sch. 100 ¾ d. K.- u. N. (Gold al marco Neue Duk. 101½ stfriedrichsd'or.. isconto

8

2160¾ 18 ¾ 914

9 % 2

22*2 önöönn

19 25 B.

Ausdünst. 0,095 Rh.

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Auswürtige Börsen.

16“ Amsterdam, 31. Mai. Niederl. wirkl. Schuld 55, ⁄12⁄.. Kanz-Bill. 25 ½. Span. 59 3 3 26 ⅛. Zinsl. 177. 1 Antwerpen, 30. Mai Span. 5 3 44 ½ 3 ½8 —. Zinsl. 18 ½. Coͤrtes 40 . Neue Span. Anl. 54 ½. Belg. 100. Darmst. 25 ¼. Frankfurt a. M., 2. Juni. Oesterr. 5 8 Metall. 101 ½. 101 ½ 4 % 961 ¾ 96 ¾. 2 ½ 8 58. Bank-Actien 1585. 1583. Part.-Oblig. 140⁄. Loose zu 100 G. 213 Br. Preuss. Prüm.-Sch. 63 ¼ 63. do. Anl. 98 ½. B. Holl. 5 % Oblig. v. 1832 100 ¾ Br. Br. 59 Span. Rente 42. 41 ¼. 38 do. perp. 25 ¼ 2¼. Paris, 30. Mai. 8 59 Rente 106. 95. 33 do. 78. 90. 589 Neap. 97. 5. A1. 3 27 ½. Ausg. Span. Schuld 17 ¾. Cortes 41. 1

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Koͤnigliche Schauspiele. Sonnabend, 6. Juni. Im Schauspielhause: Koͤng ia. Trauerspiel in 5 Abth., von Shakespeare, fuͤr die Buͤhn len⸗ beitet von Kaufmann. 1 Sonntag, 7. Juni. Im Opernhause: Joseph in Arex

Coup.

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musikalisches Drama in 3 Abth. Musik von Mehul. Hltu.

Der Polterabend, komisches Ballet in 1 Akt, von Hoguctt. Im Schauspielhause: 1) Arwed, au: Les représaild drame-vaudeville en 2 actes. 2) Les deux Ménages, conaa en 3 acles et en prose. In Charlottenburg: Nicht vom Posten, Lustspiel in 1 von L. Angely. Hierauf: Onkel Brand, Lustspiel in 3 von L. Angely. BB Montag, 8. Juni. Im Opernhause: Die gefaͤhrliche I. komische Oper in 2 Abth., nach einer neuen Bearbeitung Oper: Cosi fan tutte, zur beibehaltenen Musik von M (Dlle. Gruͤnbaum: Constanze.) 8 4 Im Schauspielhause: Franzoͤsische Vorstellung. Koͤniastaͤdtisches Theater. 8 Sonnabend, 6. Juni. Der Gloͤckner von Notre⸗Dame, mantisches Drama in 6 Tableaux, nach dem Roman des I. Hugo frei bearbeitet von Charlotte Birch⸗Pfeiffer. Sonntag, 7. Juni. Die weiße Dame, komische Oper Akten. Musik von Boieldieu. (Dlle. Vial, vom Koͤnigl. 6 dinischen Hof⸗Theater zu Turin: Anna, als Gastrolle.) Preise der Plaͤtze: Ein Platz in den Logen und im Aa des ersten Ranges 1 Rthlr. ꝛc. Montag, 8. Juni. Zum erstenmale: Gastwirths⸗Pne oder: Unrechte Wege, Posse in 5 Akten, von Adolph Rolan, Dienstag, 9. Juni. Julerl, die Putzmacherin, parodm Posse mit Gesang in 2 Akten, von Meisl. Musik von A. I. ler. Vorher: Die Ehrendame, Lustspiel in 1 Akt, von A. Cosm⸗

Markt⸗Preise vom Getraide.

8 Berlin, den 4. Juni 1835. 8

Zu Lande: Große Gerste 1 Rthlr. 6 Sgr. 3 Pf.; kleine Ge 1 Rthlr. 10 Sgr; Hafer 1 Rthlr. 3 Sgr. 9 Pr., auch 1 M. 1 Sgr. 3 Pf. Eingegangen sind 94 Wispel 20 Scheffel.

Zu Wasser: Wetzen (weißer) 1 Rthlr. 28 Sgr. 9 Pf., 1 1 Rthlr. 20 Sgr. und 1 Rthlr. 15 Sgr.; Roggen 1 Rthlr. 15 G9 auch 1 Rthlr. 12 Sgr. 6 Pf.; große Gerste 1 Rthlr. 3 Sgr. 9 Hafer 1 Rthlr. 1 Sgr. 3 Pf., auch 27 Sgr. 6 Pf.; Erbsen (schlet Sorte) 1 Rthlr. 22 Sgr. 6 Pf. Eingegangen sind 1100 Wh

13 Scheffel. b 8 b Mittwoch, den 3. Juni 1835. 1 Das Schock Stroh 8 Rthlr. 10 Sgr., auch 6 Rthlr.;; Centner Heu 1 Rthlr. 2 Sgr. 6 Pf., auch 15 Sgr. 8 Branntwein⸗Preise vom 29. Mai bis 4. Juni 1835. 88 Das Faß von 200 Quart nach Tralles 54 pCt. oder 40 % Richter gegen baare Zahlung und sofortige Ablieferung: gn Branntwein 22 Rthlr., auch 21 Rthlr.; Kartoffel⸗Branpwa⸗ 21 Rthlr., auch 19 Rthlr. 15 Sgr Kartoffel⸗Preise vom 28. Mai bis 3. Juni 1835. Der Scheffel 28 Sgr. 9 Pf., auch 20 Sar.

Redacteur Cottel. Gedruckt bei 2 Hahyr.

arw. F.sR EI gA xdu dTatae enrvewn gnac; Cri axvnnewer nnrakramimewvmnmmmammmmem. wen

Allgemeiner Anzeiger fuͤr di

Beruͤcksichtigung mehrerer, bei dem Nachlasse angemeldeter, wiewohl bis jetzt noch unbeschei⸗ nigt gebliebener Passiven bettaͤgt:

2) Carl Friedrich Schreibers, eines ehelichen Soh⸗ nes des am 14. Febr. 1814 allhier verstorbenen hiesigen Einwohners Friedrich Wilhelm Schrei⸗ en 1 Ve d S--.

Juni 1834 verstorbenen Marie sich gehoͤrig legitimirenden Erben und uͤbrigemn

Bekanntmachungen. Kriegsschife Obrigkeitliche Bekanntmachung. Der von uns mittelst Steckbriefes vom 16. April

d. J. verfolgte, ehemalige Kanzlist Adolph Otto

Alexander Plahn, der Genosse des Handlungsdieners

Fritze, ist am 11. Mai d. J. in Koͤnigsberg in Pr.

unter dem falschen Namen Kaufmann Walter aus

Braunsderg mit mehreren falschen Koͤnigl Baierschen

General⸗Consulats⸗Passen und Paß⸗Formularen er⸗

griffen, und an unsere Gefaͤngniß⸗Expedition abgelie⸗

fert worden. 1

Berrlin, den 2. Juny 1835.

Die Criminal⸗Deputation des Koͤniglichen Stadtgerichts.

EWbeem.

Bei dem unterzeichneten Gerichte befendet sich seit dem 26. April d. J., als eines veruͤbten Diebstahls verdaͤchtig, ein Mensch verhaftet, welcher keine Paͤsse oder sonstige, zu seiner Legittmatzon dienende, Papiere besitzt, aber sich Johann Henrich Martin Schleet nennt, aus Borkholt, ohnweit Perleberg, in der Pricge nitz gebuͤrtig und 40 Jahr alt sein will, 6 Fuß groß allhi und starker kraͤftiger Statur ist, Matrose zu sein an⸗ giebt, und als solcher seit etwa 20 Jahren Reisen, groͤßtentheils von Hamburg aus, zur Sec auf den Schiffen: „Helena“, gehabef von den Capitainen Schmidt und Burchard nach St Petersburg und mehreren Oftsee Haͤfen, ferner nach London, Havanna, Archangel, Amsterdam und Westindien, und auf der Elbe, groͤßtentheils auf einem vom Capitain Stef⸗ fens gefuͤhrten Schiffe, nach Magdeburg und Dres⸗ den gemacht baben, am 28. Maͤrz d J., in Amster⸗ dam vom ife: „Helena“, Capitain Burchard, entlassen, dann fuͤr den Koͤnigl. Niederlaͤndischen See⸗ dienst geworben, in Leuwarden von einem Koͤniglichen

ber

gsse „Marianna“, desertirt und nun auf der Reise in seine Heimath ins hiesige Herzogthum gekommen sein will. Da indessen das unterzeichnete Gericht uͤber dieses ebengedachte Individunum und dessen fruͤheren Lebenswandel sichere Auskunft zu er⸗ halten wuͤnscht, besonders in soferne, ob derselbe be⸗ reits wegen Diebstahls oder wegen anderer Verbre⸗ chen zur Strafe gezogen ist; so ersucht, unter Ver⸗ sicherung seiner Bereitwilligkeit zu aͤhnlichen Gegen⸗ diensten, das unterzeichnete Gericht alle einheimische und auswaͤrtige Behoͤrden, welche die gewuͤnschten Nachrichten zu ertheilen vermogen, hiermit dienster⸗ gebenst, zur Huͤlfe Rechtens, solche Nachrichten moͤg⸗ lichst bald geneigst anhero gelangen zu lassen. Cloppenburg 1835, May 30. Großherzoglich⸗Oldenburgisches Landge⸗ richt des Kreises Cloppenburg.

Edictal⸗Ladung.

Nachdem von dem Leben und dem Aufenthalte nachbenannter Abwesenden: 1) des unehelichen Sohnes der am 7. Febr. 1834 er verstorbenen Susanne Rosine, ler, der Wittwe des hiesigen Markthelfers und Hausbesitzers Johann Heinrich Jonas Noack, welcher Ersterer, wie aus einem aufgefundenen STdaufzeugnisse nicht ohne Grund zu vermuthen. am 1. Mäarz 1800 allhier wahrscheinlich auf den Namen der Schwester seiner Mutter, Marie Rosine Doͤhler, und eines Studenten der Rechte, Namens Richter, getauft und in der Taufe Carl Eduard benannt worden ist, zu Ende des ahres 1813 oder zu Anfang des Jahres 1814 1 Leipzig mit einem fremden Offizier ver⸗ lassen haben soll, und dessen muͤtterliches Ver⸗ möͤgen 1164 Thlr. 16 gr. 11 pf., jedoch ohne

ber und der im

Gemuͤsehaͤndlerin, welcher

J. C. v. Oeder.

geb. Zed⸗

und geladen, daß sie den 30.

Regine, verw. Schreiber, gebv. Krauße, einer zuerst dann Jurisprudenz allhier studirt, im October des Jahres 1795 aber in Folge einer von der r er 1 Russischen Regierung erlassenen Aufforderung auch nach Besinden unter Erorterung der ip sich nach Rußland, in der Hoffnung, daselbst eine Anstellung zu erlangen, vegeben haben soll, und dessen muͤtterliches und großmuͤtterliches sche b Erbtheil, so weit dasselbe bis jetzt zu ermitteln bringen unter der Verwarnung, daß gewesen, in 435 Thlr. besteht, seit 20 und mehr Jahren keine Nachricht erlangt, und daher wegen des Erstern von dem Bruder der verstorbenen Mutter des Abwesenden, wegen des Letz⸗ tern aber von dem bestellten Abwesenheits⸗Vormunde und einem praͤsumtiven Erben des Abwesenden öoͤffent⸗ liche Vorladung in Antrag gebracht worden, so wer⸗ den die genannten Verschollenen, so wie alle diejeni⸗ gen, welche an dieselben als Erben, Glaͤubiger, oder aus irgend einem andern Rechtsgrunde Ansvruͤche zu haben vermeinen, hierdurch bei Vermeidung der Ausschließung und unter der Verwarnung, daß sie widrigenfalls ihrer Anspruͤche, so wie der Rechts⸗ wohlthat der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand fuͤr verlustig werden geachtet werden, aufgefordert

O etober 1 6 Vormittags zu gewoͤhnlicher Gerichtszeit an hiesiger Stadtgerichtsstelle in dem Local der Section fuͤr Vormundschaftssachen in Person oder durch gehoͤrig legitimirte und instruirte Bevollmäaͤchtigte, welche von Auswaͤrtigen bei 5 Thlr. Strafe an hiesigem

Orte zu bestellen und mit gerichtlicher Vollmacht zu

1 Preußischen Staaten.

versehen sind, auch, so weit noͤthig, gehoͤrig! mundet, erscheinen, die genannten Aowesenda Vermoͤgen gegen die ihrem Curator und dem richte zu leistende Quittung in Empfang nat im Falle ihres Ausvbleibens aber, daß sie füf erklaͤrt und ihr Vermoͤgen den sich meldenden

tendenten werde verabfolgt werden, gewaͤrtigel, Erben und Glaͤubiger dagegen ihre Anspruͤche! Beibringung der erforderlichen Bescheintgung, besondere unter Production der bezuͤglichen Uetn

Theologie,

binnen 6 Tagen, vom Tage des Termins en 00 net, liquidiren, mit dem bestellten Contradictan, cher binnen der naͤchstfolgenden 6 Tage rurrag er desselcc, gestaͤndig und uͤverfuͤhrt zu achten, sich eingul auch die producirten Urkunden bei Vermeidulg solche fuͤr anerkannt geachtet werden, anzuet hat, sowohl, da noͤthig, der Prioritaͤt haldet⸗ sich von 6 zu 6 Tagen bis zur Quadruplik vine dann beschließen und

den 10. December der Inrotulation der Acten zu Abfassung ei kenntnisses, so wie

den 26. Januar der Bekanntmachung desselben, womit de Außenbleiben gedachten Tages, Mittags 1ara contumaciam verfahren werden wird, gew

sollen. Leipzig, den 18. Mai 1835.

Das Stadtgericht zu Leiyzlt J. F. Weber, Stadtgericht

18³⁵

1836

1835,

L 8 1 I. Loose 69

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Berlin, Sonnaben

Morgen wird kein Blatt der Staats⸗Zeitung ausgegeben.

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ud den 6ten Juni Abends

FranrnmUR

b 4

Amtliche Nachrichten. Kronik des Tages.

Se. Majestaͤt der Koͤnig haben folgenden Kaiserl. Russischen hfftzieren und Beamten, dem Jaͤgermeister, General⸗Major Was⸗ lleschikoff, den Rothen Adler⸗Orden erster Klasse; dem Gene⸗

(Masor Bibikow den Rothen Adler⸗Orden zweiter Klasse mit em Stern; dem Obersten Filosofo ff den St. Johanniter⸗Or⸗ en; dem Stgatsrath Wylie den Rothen Adler⸗DOrden zweiter dlasse; dem Kollegienrath Lobstein, dem Hofrath von Seid⸗ zund dem Hofrath von Hahn den Rothen Adler⸗Orden drit⸗ „Kasse zu verleihen geruht.

Se. Majestoͤt der Koͤnig haben dem Englischen Capitain Sir ohn Roß den Rothen Adler⸗Orden dritter Klasse zu verleihen eruht.

Ihre Koͤnigl. Hoheit die Erbgroßherzogin von Meck⸗ enburg⸗Schwerin ist von Ludwigslust hier eingetroffen.

Der bisherige Ober⸗Landesgerichts⸗Referendarius Paasch üum Justiz⸗Kommissarius bei dem Land⸗ und Stadtgerichte Rawicz und der Gerichts⸗Kommission zu Gostyn, mit Anwei⸗ 1g seines Wohnortes in Gostyn, ernannt.

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ö1ö6ö6“ Rußland. AAA“ St. Petersburg, 30. Mai. Ueber den ferneren Auf⸗ nthalt Ihrer Majestaͤten in Moskau wird Folgendes von dort serihtet: „Am 14. Mai, vor 2 Uhr Nachmittags, besichtigte e. Maj. der Kaiser das Moskausche Kadetten⸗Corps und das Nerandrinische Waisen⸗Institut. Um dieselbe Zeit geruhten Ihre Maj. die Kaiserin, begleitet von Ihrer Kaiserl. Hoh. der Großfuͤr⸗ sin Alerandra Nikolajewna, die Schule des St. Katharinen⸗Or⸗ dens und die Alexandrowsche Schule in Augenschein zu nehmen. Um 4 Uhr wehte die Kaiserliche Fahne zum ersten Male uͤber dem schoͤn eingerichteten Alexandrinischen Sommer⸗Palais, in wweiches ISJ. MM. der Kaiser und die Kaiserin und JIJ. KK. HH. die Großfuͤrsten und die Großfuͤrstin sich begeben hatten; Abends beehrten die hohen Gaͤste das Theater mit ihrem Besuche. Am 15. Mai, nach 2 Uhr Nachmittags, besichtigte der Kaiser das Marien⸗Hospital und alle dazu gehoͤrigen Anstalten. Am 16. Mai, vor 2 Uhr Nachmittags, begaben sich der Kaiser und die Kaiserin in das Erziehungshaus und verweilten daselbst bis 3 Uhr, um alle Anstalten desselben in Augenschein zu nehmen. Am 17. Mai hielt das außerordentlich schlechte Wetter das

1 8

I hohe Herrscherpaar davon ab, dem Volks⸗Feste im Nowinskischen

tadttheile beizuwohnen. Trotz dem heftigen Regen blieb die Volksmenge bis spaͤt am Abend versammelt, immer noch hoffend, den Kaiser und die Kaiserin zu sehen. Abends besuchten JJ. MM. das große Theater. Am 18. Mai, um 3 Uhr Nach⸗ mittags, besichtigte der Kaiser das Militair⸗Hospital, Tags darauf das Petri⸗Pauli⸗, so wie auch das Katharinen⸗Hospi⸗ tal. Abends beehrten IJJ. MM. den vom Moskauschen Militair⸗ General⸗Gouverneur gegebenen Ball mit Ihrer hohen Gegen⸗ aart und verweilten daselbst bis gegen 2 Uhr nach Mitternacht. Obgleich, wegen des herannahenden Sommers, schon viele Edel⸗ leute auf ihre Guͤter gezogen sind, so nahmen doch noch uͤber 10) Personen an diesem Ball Theil. Freude und ungezwungene roͤhlichkeit sprach aus jedem Gesichte, und alle Anwesenden be⸗ eiferten sich, zugleich mit dem Wirthe, den Ball so angenehm als moͤglich zu machen. Am 20. Mai, vor 3 Uhr Nachmit⸗ rags, besichtigten der Kaiser und die Kaiserin zugleich mit den Großfuͤrsten und der Großfuͤrstin das Alexandrinische Waisen⸗In⸗ stitut. In allen von Sr. Maj. dem Kaiser in Augenschein genommenen Anstalten geruhte der Monarch wegen der daselbst angetroffenen Ordnung Seine Allergnaͤdigste Zufriedenheit zu er⸗ ennen zu geben,“

Se. fecscsge der Kaiser haben dem Koͤnigl. Preuß. Kam⸗ mnerherrn und Legations⸗Secretair bei der Koͤnigl. Gesandtschaft am hiesigen Hofe, v. Buch, den St. Annen⸗Orden zweiter

lasse verliehen. Der Plan der Russisch⸗Amerikanischen Compagnie, Russische Ansiedelungen auf den Besitzungen Rußlands in Amerika zu ver— keiten, hat die Genehmigung Sr. Majestaͤt des Kaisers, und zwar mit folgenden Bestimmungen, erhalten: 1) Wenn die in den Amerikanischen Kolonieen besindlichen, von der Compagnie in Dienst genommenen Russischen Buͤrger und Bauern, welche Kreo⸗ innen oder Amerikanerinnen geheirathet haben, den Wunsch aͤu⸗ bern, wegen Kraͤnklichkeit, hohen Alters, und ihres dortigen viel⸗ gährigen Aufenthalts oder weil sie sich waͤhrend desselben an das lima und die Lebensweise in den Kolonieen gewoͤhnt haben und der groͤßte Theil ihrer nahen Verwandten in Rußland unterdes⸗ en gestorben ist, sich fuͤr immer in den Kolonieen niederzu⸗ zulassen und deshalb Bittschriften einreichen, so sollen sie am enajschen Ufer von Amerika, oder im Innern der Russischen esittzungen, wo die Ober⸗Verwaltung der Compagnie es fuͤr gut findet, angesiedelt werden; wobei es der Compagnie zur flicht gemacht wird, fuͤr sie zu diesem Zwecke bequeme Wohn⸗ elen einzurichten, sie mit den zu ihren Gewerben und zur Andwirthschaft noͤthigen Werkzeugen, mit Vieh, Gefluͤgel und Fasein zu versehen, sie auf ein Jahr mit Lebensmitteln zu 88 1 und darguf zu achten, daß sie in Zukunft keinem Man— nachvern esn Anetehe 2) Dergleichen Individuen werden, Kenntnis e Compagnie die respektiven Behoͤrden davon in

gesetzt hat, aus den Gemeinden, zu denen sie in Ruß⸗

land gehoͤrten, ausgeschlossen. 3) Indem solche Ansiedler in dem Stande, zu welchem sie fruͤher gehoͤrten, verblieben, sollen fuͤr sie durch die Verwaltung der Compagnie, gemaͤß der Listen, welche vom Ober⸗Dirigirenden der Kolonieen eingesandt werden, nur die Kopfsteuer und keine andern fruͤher von ihnen bezahlten Abgaben erhoben werden. 4¼) Die erwaͤhnten Listen der auf diese Weise angesiedelten Buͤrger und Bauern sind durch die Ober⸗Verwaltung der Compagnie mit ihren 11 ten dem Finanz⸗Ministerium vorzulegen. 5) Die Kinder dieser Angesiedelten werden, wenn sie es wuͤnschen, mit einem bestimm⸗ ten Gehalt von der Compagnie in Dienst genommen. 6) Es wird den Angesiedelten erlaubt, die fuͤr sie uͤberfluͤssigen Gegen⸗ staͤnde zu von ihnen selbst zu bestimmendem Pelzwerk, aber zu festgesetzten Preisen, zu verkaufen. 7) Unter denselben Bedin⸗ gungen werden auch diejenigen Kreolen angesiedelt, die nach Ent⸗ lassung aus dem Dienst der Compagnie den Wunsch aͤußern, feste Wohnsitze zu beziehen, um sich der Landwirthschaft zu wid⸗ men.

Frankreich. 3 8

Deputirten⸗Kammer. Sitzung vom 29. Mai. (Nach⸗ trag.) Im Laufe der in dieser Sitzung eroͤffneten Debatte uͤber das Budget des Ministeriums des oͤffentlichen Unter⸗ richts traten zuerst die Herren Muret de Bort und Sal⸗ verte dawider auf, indem Beide ar den Absichten und der Wirksamkeit des Ministers Guizot Gerechtigkeit widerfahren lie⸗ ßen, auch die verlangten Summen nicht geradezu verweigern zu wollen erklaͤrten, jedoch die Anwendung derselben und die bis⸗ herigen Schulplaͤne der Universitaͤt und der Gymnasien in Frank⸗ reich angriffen. Herr de Bort verlangte eine weit groͤßere Be⸗ schraͤnkung des Unterrichts der klassischen Sprachen, und schilderte die gelehrten Schulen als eine fuͤr viele Aeltern bequeme Anstalt, sich der Sorge fuͤr ihre Kinder auf 7—8 Jahre zu entschlagen, bis sie fuͤr das Leben unbrauchbar geworden waͤren. Er verlangte einen mit den gesellschaftlichen Be⸗ duͤrfnissen unserer Zeit uͤbereinstimmenderen Lehrgang. Herr Salverte forderte dagegen eine Vermehrung der medi⸗ zinischen Fakultaͤten und erhob sich gegen die theologischen Lehrstuͤhle. Herr von Tracy reklamirte mit Eifer eine Ver⸗ besserung des Elementar⸗Unterrichts und Herr dve la Boulie die Freiheit des Unterrichts uͤberhaupt. Gegen alle diese Ein⸗ wuͤrfe und Reclamationen ließ sich darauf der Professor Herr Saint⸗Marc⸗Girardin in einem ausfuͤhrlichen Vortrage vernehmen. Er suchte sich zu rechtfertigen, daß er, obgleich er sich die bestehenden Gebrechen, die er bei seiner Stel⸗ lung am besten kennen muͤsse, keinesweges verberge, dennoch die Vertheidigung des alten Systems uͤbernehme. Er be—⸗ gann darauf, die Ansicht der Opposition zu bekaͤmpfen, als ob die Universitaͤt die erste Quelle des gesellschaftlichen Uebelbe⸗ sindens sey, weil sie allen politischen Sinn in den Zoͤglingen ersticke, und diese melancholisch und pedantisch in das Leben ent⸗ ließe. Zur Untersuchung der eigentlichen Wurzel jenes Uebelbe⸗ findens uͤbergehend, wies er auf die haͤusliche Erziehung hin, welche, wenn auch nicht allein, doch hauptsaͤchlich fuͤr die moralische und intellektuelle Richtung der Jugend verantwort⸗ lich sey. Die Schule duͤrfe aus der allgemeinen Norm und Re— gel nicht herausgehen, wie mannigfaltig auch die Talente, Charak⸗ tere und Temperamente derjenigen seyen, auf welche man sie an— zuwenden habe. Hier muͤsse die Familie ergaͤnzend eintreten, und zum Unterrichte die Erziehung beitragen, vornehmlich, was die Pflanzung und Ausbildung des religioͤsen Sinnes betreffe. Mit Unrecht mißbillige man den Gymnasial⸗Unterricht im Lateini⸗ schen und Griechischen; auch hier falle der Tadel auf diejenigen Aeltern zuruͤck, welche wie aufs Gerathewohl, ohne an den einstigen Beruf ihrer Soͤhne zu denken, sie in diese Anstalten lieferten, um sie, vor erlangter Reife, wieder abgehen zu lassen. Es waͤre, als wenn man von der rohen Anlage, von einem Umrisse auf das fertige Gemaͤlde schließen wollte. Der Vorwurf gegen den Un⸗ terricht in den alten Sprachen sey eben so alt als abgenutzt. Man schildere gewoͤhnlich die Professoren des Griechischen und Lateinischen als Don Quigote ihrer alten Autoren, in die sie wie naͤrrisch verliebt waͤren, und sich jeder Veraͤnderung hartnaͤckig widersetzten. Die. Frage sey diese, ob jene Sprachen das beste Mittel zur Entwickelung der geistigen Faͤhigkeiten der Jugend waͤren. Wenn dieser Zweck durch das Deutsche oder andere moderne Sprachen erreichbar waͤre, so waͤre es ihm (dem Redner) gleichguͤltig, welcher man den Vorzug gaͤbe. Denn daß das Studium einer Sprache zur Entwickelung der Intelligenz bei den Kindern unumgaͤnglich noͤ⸗ thig sey, stellte er als Prinzip auf. „Man wirft oft die Frage auf“, fuhr der Redner fort, „weshalb wir denn nicht bei der Muttersprache stehen blieben? Ich antworte hierauf, daß man alsdann das Gegentheil des Beabsichtigten erzielen wuͤrde. Denn die Routine wuͤrde statt der Arbeit eintreten, welche allein jede Entwickelung des Geistes bedingt und beguͤnstigt. Von zu analogen Sprachen gilt das Naͤmliche. In allen diesen Faͤllen fuͤhrt der Mangel an Schwierigkeiten Stumpfheit und Gleich— guͤltigkeit herbei. In der That sind die meisten neuen Systeme, die so pomphaft verkuͤndigt werden, nichts als reine Gedaͤcht⸗ nißkunst (mnémotechnie); das Gedaͤchtniß hat hier die Stelle der Arbeit eingenommen, und mit dem Gedaͤchtnisse lassen sich allerdings glaͤnzende Resultate erreichen. Ich habe selbst Kinder examinirt, und erstaunte oft uͤber ihre Antworten. Bei den schwersten Fragen aus der vergleichenden Geographie irrten sie auch nicht mit einem Worte. Allein da ihr Gedaͤchtniß allein geuͤbt, ihr Verstand aber nicht entwickelt war, so vergaßen sie bald Alles, was sie gelernt hatten. Man spricht uns so viel von Civilisation und Fortschritten, und diejenigen thun es am meisten, denen sie am meisten abgehen! Glaubt man denn wirklich, daß der Geist eines Kindes ein elastischer Sack sey, in den man ohne Gefahr die unermeßlichsten Kenntnisse hineinstopfen koͤnne? Der

Geist der Kinder besitzt eine bestimmte und gemessene Empfaͤnglich⸗ keit: er fließt uͤber, wenn Sie ihn uͤber seine natuͤrliche Graͤnzen hin⸗ auf schrauben wollen. Das System, zu dem ich mich bekenne, m. H.⸗ ist das der speziellen Kenntnisse; in der Spezialitaͤt liegt die Kraft; eine gruͤndlich begriffene Sache bildet den Verstand bei weitem besser aus, als eine Unsumme von Dingen, wozu das Ge⸗ daͤchtniß und die Lippen sich hergeben muͤssen. Ich spreche aus Erfahrung. Ich war zu wiederholten Malen in Deutschland; als Professor lag es mir ob, mich zu belehren, welche Methode in diesem, durch die große Ausbildung seiner Lehrer so berühm⸗ ten Lande befolgt wuͤrde. So habe ich denn im April 1830 (ich war damals Professor der Rhetorik) Zoͤglinge auf Deutschen Gymnasien examinirt, wobei ich in die groͤßten Einzelnheiten ein⸗ ging und gleichsam die Stelle des Lehrers einnahm, und ge⸗ wann bald die Ueberzeugung, daß diese Zoͤglinge in weit mehr Dingen unterrichtet werden, als bei uns, und daß sie weit mehr Geschichte, Geographie und Griechisch verstehen, als unsere Schuͤler, daß aber auch ihr Geist nicht so geschmeidig, so hell und so empfaͤnglich ist, als es bei unsern Schuͤlern der Fall ist. Ich gebe es zu, die Rhetoriker in unseren Gymnasien sind zuweilen Ignoranten; aber diejenigen, die fleißig arbeiten, sind vielleicht zum Lernen geschickter, als die Schuͤler auf den deutschen Gymnasien. Ihr Geist ist zum Lernen empfaͤnglich; sie haben ein Instrument an ihm, das sie ganz nach ihrer Nei⸗ gung gebrauchen koͤnnen. Dies ist das Verdienst der Franzoͤsi⸗ schen Erziehung; darauf koͤmmt es also an, die Koͤpfe der Kin⸗ der nichk mit zu viel Lehrstunden zu uͤberhaͤufen und Encyklopaͤ⸗ disten aus ihnen zu machen. Denn welcher Mensch hat wohl universelle Kenntnisse, welcher Mensch koͤnnte uͤber alle Budgets Reden halten?“ (Man lacht.) Nachdem der Redner seine An⸗ sichten noch einmal zusammengefaßt hatte, trat er ab und ihm folgte der Minister des oͤffentlichen Unterrichts auf der Rednerbuͤhne, welcher also begann:

„Meine Herren! koͤnnten wirklich uͤber die Zukunft des oͤffent⸗ lichen Unterrichts in Frankreich und uͤber die Fortschritte, denen er entgegengeht, ernstliche Besorgnisse stattsinden, so reichte die heute hier erhoͤbene Verhandlung allein hin, um sie zu zerstreuen. Was gaͤbe es wohl Bedeutsameres, als daß die Kammer, mitten unter ihren Arbeiten, gegen den Schluß ihrer Sitzung, nach allen Beschwer⸗ den und Ermuͤdungen, jetzt eine beinahe unerwartete, unvorhergese⸗ hene und so ernste und gruͤndliche Aufmerksamkeit dem Budget des Departements zuwendet, welchem ich vorzustehen die Ehre habe! Es liegt in einer solchen Stimmung der Gemuͤther ein Unterpfand des Fortschritts und eine weit zuverlaͤssigere Zukunft, als in allen prak⸗ tischen Versuchen, denen man sich hingeben moͤchte. Gleichwohl werde ich mich wohl huͤten, in eine allgemeine Eroͤrterung dieser wichtigen Frage vor der Zeit und vor einer besonderen Pruͤfung der einzelnen Ge⸗ genstaͤnde einzugehen. Die Regierung muß alle Binge weit ernstli⸗ cher, gruͤndlicher und mit gereiftern und praktischern Begriffen be⸗ handeln, als die Opposition. Ich erwarte von der Kammer, daß sie eben so gern auf jede Ungeduld, Uebereilung und, verzeihen Sie das Wort, auf jeden Leichtsinn bei allen einzelnen Zweigen des öffentli⸗ chen Unterrichts verzichten werde, als sh es bei dem Zweige des Ele⸗ mentar⸗Unterrichts gethan hat. Der gluͤckliche Erfolg, den diese, ob⸗ schon noch so junge Pflanzung uns ankuͤndigt, ist allein diesem gruͤndlichen und leidenschaftslosen Verfahren zuzumessen, worin die Opposition mit der Behoͤrde zusammentraf. Um jedoch den Vorwurf des Zau⸗ derns und der Langsamkeit von uns abzulehnen, gestatten Sie mir, Sie wiederum an ein schon erwaͤhntes allgemeines Faktum zu erin⸗ nern: Seit à Jahren haben wir, sollten Sie es glauben, nicht wenl⸗ ger als fuͤnfundzwanzig der wichtigsten Fundemental⸗ und politi⸗ schen Gesetze gegeben! Ist das nicht bedenklich? Wenn die Dinge dauerhaft seyn sollen, so duͤrfen sie nicht so uͤbereilt werden. Wir muͤssen uns durchaus, meine Herren, von dem Uebel der Ungeduld heilen; es ist vielleicht das groͤßte, wesches seit den letzten 40 Jahren unter uns haften geblieben ist! so viele Dinge haben wir beginnen und endigen, gehen und vergehen sehen, daß wir uns dieser Gewohnheit nicht gern entschlagen moͤchten. Meine Herren, auf diese Weise jedoch zerstoͤrt man, aber baut nicht. Wenn man bauen, wenn man etwas stiften will, muß man sich Zeit zum Nachdenken nehmen, und dies gilt gleich sehr fuͤr die Kammer wie fuͤr den Einzelnen, fuͤr die Opposition wie fuͤr die Verwaltung. Ich habe absichtlich gezoͤgert, mit dem Gesetze uͤber den secun⸗ dairen Unterricht fruͤher vor Ihnen aufzutreten. Ich hbin noch nicht Fifla h weder uͤber die Thatsachen, noch uͤber die an⸗ gemessenste Loͤsung aller Schwierigkeiten aufgeklaͤrt, und ich achte die Kammer viel zu sehr, um mit Gesetzes⸗Artikeln und Ideen vor sie zu treten, von deren Guͤte ich nicht selbst voll kommen uͤberzeugt bin. Hierzu kommt, daß Sie in dem Gesetze uͤber den Primair⸗Unterricht ein System von Schulen unter dem Namen: hoͤhere Primair⸗Schulen gruͤndeten, welche gleich⸗ sam einen Uebergang der Secundair⸗ zu den Primair⸗Schulen bil⸗ den, und einige fuͤhlbare Luͤcken in der Einrichtung der ersteren aus⸗ fuͤllen sollten. Man mußte also erst die Fruͤchte derselben abwar⸗ ten. Aber noch ein dritter Grund veranlaßt mich, mit dem Ge⸗ setze uͤber die Secundair⸗Schulen noch zu warten. Mit diesen hat es offenbar eine ganz andere Bewandtniß, als mit den Primair⸗ Schulen. Wenn diese erst geschaffen werden mußten, so haben Sie hier ein vollstaͤndiges und regelmaͤßiges System des Unterrichts, ich gebe zu, mit vielen Maͤngeln! vielen Luͤcken! welches aber eine Haupt⸗Bedingung besitzt: es lebt und leht seit langer Zeit, ist durch die Erfahrung bewaͤhrt und mit den Beduͤrfnissen unserer Ge⸗ sellschaft im besten Einklang befunden worden. Man spricht immer so, m. H., als waͤre unsere Gesellschaft von gestern! als gaͤbe es gar keine als neue Beduͤrfnisse der Gesellschaft, denen die alten Institutio⸗ nen nicht mehr entsprechen sollen. Glauben Sie das ja nicht; Unsere Gesellschaft ist eine verjuͤngte, aber nichtsdestoweniger eine alte: unabhaͤngig von den neuen Beduͤrfnissen, die in ihrem Schoße sich entwickeln, von den großen Veraͤnderungen, die sie durchlebt, sind ihre Sitten die alten, sind die Meinungen die naͤmlichen. Ein großer Theil ihrer Institutionen, die sie hatte, unter denen sie Groͤße und Gedeihen fand, sind ihr noch immer von Nutzen und nnveraußer⸗ lich. Im Allgemeinen, meine Herren, ist das System des Secun⸗ dair⸗Unterrichts gut, volksthuͤmlich und faͤhig aller derjenigen Ver⸗ besserungen und Aenderungen, welche die neuen Beduͤrfnisse erhei⸗ schen moͤchten; nur daß diese sich den Prinzipien anschließen muͤssen, welche bisher seine Kraft und seinen Glanz gesichert haben.“

Hier verbreitete sich der Minister uͤber die Unterrichts⸗Me⸗