1841 / 276 p. 2 (Allgemeine Preußische Staats-Zeitung) scan diff

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gerade Herr Goulbourn sich in der letzten Session gegen Erhal⸗ tung des status quo in finanzieller Beziehung ausgesprochen habe. Herr Baring legte entschiedenen Protest gegen das ministerielle System ein, bemerkte indeß schließlich, daß, wenn es auch dem Kanzler der Schatzkammer nicht gelingen sollte, den ganzen Be⸗ trag seiner Anleihe zusammenzubringen, daraus doch keine unguͤn⸗ stigen Folgerungen in Bezug auf die finanzielle Lage des Landes wuͤrden abgeleitet werden koͤnnen.

Im weiteren Verlaufe der Diskussion bemerkte Herr Wil⸗ liams, Mitglied fuͤr Coventry und Radikaler, daß die Art und Weise, in welcher man das Defizit zu decken suchte, den Inter⸗ essen des Landes durchaus widerstreite, daß man von Anleihe zu Anleihe immer tiefer in Schulden gerathe; seit 1837 habe sich die Nationatschuld, die schon damals uͤber 800 Millionen betragen, um 33,900,000 Pfd. vermehrt, darunter freilich 20 Millionen fuͤr die Sklaven⸗Emancipation; das einzige richtige Mittel seyen Er⸗ sparnisse, und diese wuͤrde man schon jetzt eintreten lassen koͤnnen, wenn man in Bezug auf China und Kanada eine andere Politik einschlage. Auf die Laͤnge koͤnne man eine solche Last nicht tra⸗ gen, und die Ausgaben muͤßten herabgesetzt werden. Seit 1830 haben sich die Ausgaben fuͤr Heer und Flotte um mehr als drei⸗ Millionen vermehrt, und doch seyen die Verhaͤltnisse damals weit bedenklicher gewesen, als jetzt. Das Englische Volk habe zwar viel zu leiden, aber es ertrage seine Leiden in Geduld und Ruhe; mit Frank⸗ reich sey das Einvernehmen hergestellt; Kanada sey wieder an England geknuͤpft worden, und auch die Verhaͤltnisse mit den Vereinigten Staaten ließen sich bei einiger Umsicht auf befriedi⸗ gende Weise ausgleichen. Ferner beschwerte er sich uͤber die un⸗ geheuren Erhebungskosten, die im Jahre 1800 nur 43 pCt. be⸗ tragen haͤtten, im vorigen Jahre aber 8 pCt. Er wuͤnschte da⸗ her, daß alle Summen direkt in den Staatsschatz gezahlt und die verschiedenen Beamten aus diesem besoldet werden sollten. Schließ⸗ lich wollte er als Amendement beantragen, daß es nach 25 Frie⸗ densjahren nicht passend sey, zu einer Vermehrung der Staats⸗ schuld zu schreiten, vielmehr das Defizit durch die strengste Spar⸗ samkeit gedeckt werden muͤsse; er nahm indessen dieses Amende⸗ ment wegen eines Formfehlers wieder zuruͤck.

Mehrere andere Mitglieder von der Oppositions⸗Partei dran⸗

gen nun von neuem in Sir Robert Peecl, von den Plaͤnen der

Regierung etwas kund zu geben; besonders die Repraͤsentanten von Manufaktur⸗Distrikten, wie die Herren Hawes, Ewart und Seott, bestanden auf die Nothwendigkeit, die Korngesetze zu aͤndern, und suchten dem Premier⸗Minister einige Aufschluͤsse über seine Absichten zu entlocken. V Sir R. Peel aber erklaͤrte, wie schon erwaͤhnt, daß er sich von seinem Entschluß durch nichts werde abbringen lassen; nur soviel wollte er schon jetzt sagen, daß an die Ersparnisse, welche Herr Williams fordere, nicht zu denken sey, denn die Regierung habe die Pflicht, den von dem fruͤheren Ministerium eingeschlage⸗ nen Weg wenigstens in China, wo die National⸗Ehre kompromit⸗ tirt sey, kraͤftig zu verfolgen, und da einmal die von jenem Mi⸗ nisterium in Betreff China's angenommene Politik, so sehr die jetzige ministerielle Partei dieselbe auch damals getadelt, ins Werk gesetzt worden, so duͤrfe man jetzt keine Reductionen in der dort beschaͤftigten Streitmacht eintreten lassen. Lord Palmerston setzte nun noch einmal aus einander, wie wenig es den Interessen des durch Versammlungen gegen die Korngesetze aufgeregten und in gespannten Erwartungen lebenden kandes, wie wenig es der Gewohnheit Sir Robert Peel's selbst, der stets der oͤffentlichen Meinung Gehoͤr gegeben habe, gemaͤß sey, das Parlament vom Oktober bis zum Februar zu prorogiren, ohne daß zuvor etwas uͤber die Absichten des Ministeriums in Betreff der obschwebenden finanziellen und kommerziellen Fragen zur Kunde gekommen sey; er nahm an, daß die Zuruͤckhaltung des Premier⸗Ministers nur in dem Zwiespalt ihren Grund habe, welcher in Betreff der Korngesetze in dem Kabinet herrsche, meinte aber, Sir Robert Peel muͤsse Kraft und Entschlossenheit genug besitzen, unter den gegenwaͤrtigen drohenden Verhaͤltnissen diesem Zwiespalt ein Ende zu machen. 6 „Ich raͤume ein“, sagte der ehemalige Minister der gauswaͤrti⸗

gen Angelegenheiten unter Anderem, „daß, wenn die von dem vori⸗ gen Milni erium beantragten Maßregeln wirklich durchaus verwor⸗ fen werden sollen, der gegenwaͤrtige Plan noch immer besser ist, als unverzuͤgliche Besteuerung. Aber man bedenke, die erste Frucht da- von, daß es dem Lande beliebt hat, durch die Wahl einer konser⸗ vativen Majoritaͤt die gegenwaͤrtige Verwaltung ans Ruder zu bringen, ist eine Vermehrung der National⸗Schuld um Millionen. Ich will hoffen, daß das neue Ministerium um diesen Preis nicht zu theuer erfunden werden moͤge. Wie ich glaube, hat das Haus ein Recht, von diesen Ministern, wenn auch nicht die Details ihres Plans, doch das Prinzip desselben zu vernehmen. Wenn sie hinsicht⸗ lich dieses letzteren nicht im Reinen sind, so haͤtten sie nicht das Bud get als Werkzeug benutzen sollen, um das vorige Ministerium zu entfernen. Sie haben auch kein Recht dazu, die Aus⸗ gaben fuͤr die Armee und die Flotte zu tadeln; denn als sie in der Opposition waren, drangen sie jederzeit auf Ver⸗ V mehrung statt auf Verminderung unserer Ruͤstungen. Uebri⸗ gens moͤchte ich ihnen rathen, wenn sie deabsichtigen, die Seestreitkraͤfte zu beschraͤnken, diese Beschraͤnkung in keinem Fall von einer Verabredung mit anderen Maͤchten abhaͤngig zu machen. Nie mand kennt die Absichten der neuen Minister in Betreff der Korn⸗ gesetze. Es findet nach den Reden an ihre Konstituenten eine augen scheinliche Meinungs⸗Verschiedenheit zwischen ihnen in dieser Hinsicht statt, und wenn es auch billig seyn moͤchte, ihnen Zeit zu lassen, um sich daruͤber vereinbaren zu koͤnnen, so muß doch ein Ende damit ge⸗ macht werden und das Parlament im Laufe des Herbstes wieder zu sammenkommen, damit das Land nicht in Ungewißheit dem Winter ntgegengehe. Man kann den angegebenen Grad, den das bestehende allgemeine Elend erreicht hat, bestreiten und leugnen, daß es allein den Korngesetzen zuzuschreiben sey; aber die Schicklichkeit erfordert es schon, diese lauten Stimmen im Lande nicht ganz zu uͤberhoͤren. Ich kann es daher auch nicht glauben, bis ich es wirklich sehe, daß Sir Robert Peel, dessen allgemeiner Grundsatz es ist, die oͤffentliche Mei⸗ nung zu Rathe zu ziehen, die Absicht haben sollte, das Parlament in den ersten Tagen des Oktobers zu prorogiren, ohne hinsichtlich dieser wichtigen Frage zu einem Beschlusse gelangt zu seyn, und das Land indessen einer fieberhaften Aufregung preiszugeben. Die Mini ster wuͤrden dadurch eine bedenkliche Verantwortlichkeit auf sich la⸗ den, wenn in dieser Zeit der Ungewißheit irgend etwas Unangeneh⸗ mes sich begeben sollte. Deswegen beschwoͤre ich, ohne die geringste Opposition gegen den vorliegenden Antrag oder irgend eine unbillige Zumuthung an die Regierung, den sehr ehrenwerthen Baronet, alle seine ihm zu Gebote stehende Macht und seine so großen Mittel der eberredung anzuwenden, um das Kabinet zu einer Entscheidung ir⸗ gend einer Art im Laufe des Herbstes zu bringen: sey es nun, daß es bei der bestehenden Korngesetzgebung beharren, oder irgend eine Beraͤnderung in der veraͤnderlichen Skala vornehmen moͤge, damit das Land, die Agrikulturisten wie die Konsumenten, wissen, woran sie sind. Ich glaube, daß nie eine groͤßere Taͤuschung, nie ein groͤßeres Mißverstaͤnd riß stattgefunden, als die Einbildung, welche die Landbesitzer sich in den Kopf gesetzt, daß die Korngesetze fuͤr sie eine Wohlthat seyen. Aber wie dem auch sey, der genmartige Zustand der Ungewißheit ist schlimm für alle Theile. Er macht alle Geschaͤfte, bei denen Ge⸗ traide, Land oder Handel im Spiel sind, unsicher. Ich glaube da⸗ her nicht nur meine Hoffnung, sondern in diesem Falle auch mein Vertrauen zu meinen Gegnern ausdruͤcken zu koͤnnen, daß, wenn

6 A die Zeit der Prorogation koͤmmt, sie die Parlaments⸗Mitglieder nicht bis zum Februar entlassen werden, ohne sich uͤber ihre Absichten zu erklaͤren, oder daß sie wenigstens versprechen werden, das Parlament anfangs November wieder einzuberufen, um dann die Maßregeln zu beantragen, welche die Beduͤrfnisse des Landes dringend er⸗ heischen.” 6 Auch Herr Wood, der Schwiegersohn des Grafen Grey, außerte sich in diesem Sinne, aber die Minister ließen sich, wie gesagt, von ihrem Schweigen auch dieses Mal nicht abbringen.

Unterhaus. Sitzung vom 28. September. Es war heute zuerst die dritte Lesung der Bill uͤber die Rechtspflege an der Tagesordnung, die auch nach einigen, die inneren Einrichtun⸗ gen des Kanzleihofes betreffenden Diskussionen genehmigt wurde.

Am Schluß der Debatte bemerkte Sir Ch. Napier, daß die dem Vice-Kanzler ausgesetzte Pension von 3500 Pfd. gerade so viel betrage, als die Pension eines Vice⸗Admirals nach funfzig⸗

jaͤhrigem aktiven Dienste. Hierauf wurde im Ausschuß des ganzen

Hauses die Diskussion uͤber die Bill wegen Verlaͤngerung der Voll⸗

machten der Armen⸗Commissaire fortgesetzt. Herr Sharman Crawford, der bekannte Radikale, beantragte zwei Amendements, denen zufolge die Armen⸗Commissaire nach dem Datum der

Annahme der Bill nicht bexechtigt seyn sollen, neue Distrikte der

Armen⸗Verwaltung einzufuͤhren, wo diese bisher nicht bestanden,

noch die von den betreffenden Lokal-Behoͤrden an einzelne Arme verabreichte Unterstuͤtzung außerhalb der Armenhaͤuser aufzuheben. Diese Amendements veranlaßten eine laͤngere Debatte, an der je⸗ doch außer dem Minister des Innern, Sir James Graham, kein Mitglied des Hauses von Bedeutung Theil nahm. Sir Ja⸗ mes vertroͤstete, wie in der Sitzung des vorigen Abends, auf die Erwaͤgung des Armengesetzes im Großen und Ganzen, welche im naͤchsten Jahre stattfinden solle. Nach einer ziemlich langen De⸗ batte, in deren Verlauf sich wieder mehrere Tories gegen das Armengesetz aussprachen und den radikalen Gegnern desselben An⸗ laß gaben, auf den Zwiespalt in der ministeriellen Partei hinzu⸗ weisen, Herr Wakley drohte den Ministern sogar, daß dies ihre letzte Majoritaͤt seyn wuͤrde, wenn sie in dieser Frage nicht

V nachgeben und das Armengesetz nicht aͤndern wollten, wurden beiden Theile des Crawfordschen Amendements, der erste mit 131

gegen 49, der andere mit 146 gegen 32 Stimmen verworfen, und die Bill ging durch den Ausschuß.

London, 29. Sept. Die neueste Nummer der Hofzei⸗ tung meldet die Ernennung Sir Charles Bagoͤt's zum General⸗

Capitain und General -Gouverneur aller Britischen Provinzen auf

dem Kontinent von Nord⸗Amerika (Kanada's, Neu⸗Braun⸗ schweig's und Neu⸗Schottland's) und der Prinz Eduard's Insel, des Herzogs von Argyll zum Siegelbewahrer von Schottland, des Marine⸗Capitains Duncombe zum Kammerjunker und der Viscounteß Jocelyn zur Kammerdame der Koͤnigin.

Dasselbe Blatt enthaͤlt auch die Anzeige von der gegen die Insurgenten in Neu⸗Granada durch die Regierung dieser Repu⸗ blik angeordneten Blokade des Hafens von Cartagena.

Der Schleichhandel mit Englischen Baumwollen⸗Waaren von Gibraltar aus, hat auf dem Guadiana in solchem Grade uͤber⸗ handgenommen, daß die Portugiesischen Zoll⸗Beamten und ihre militairische Eskorte sich nicht mehr zu zeigen wagten. Die Schmuggler haben sich durch bewaffnete Boͤte foͤrmlich zu Her⸗

V ren des Flusses gemacht.

Nach den neuesten Berichten aus verschiedenen Gegenden des

Landes scheint die Agitation des Vereins gegen die Korngesetze

bisher ohne sonderlichen Erfolg geblieben zu seyn.

Die Bemerkungen Sir Charles Napier's im Unterhause uͤber die Mangelhaftigkeit der Waffen⸗Depots haben die Folge gehabt, daß der neue General⸗Inspektor des Feldzeug⸗Amtes, Oberst Peel, vorigen Sonnabend einen Besuch im Tower abgestattet und na⸗ mentlich das Gewehr⸗Magazin aufs schaͤrfste untersucht hat.

Das Parlament wird, wie man glaubt, nur noch etwas uͤber acht Tage versammelt bleiben.

Im Senat der Vereinigten Staaten ist ein Vorschlag, die

Abgabe von eingefuͤhrten Eisenbahnschienen auf 20 pCt. zu erhoͤ⸗

hen, nicht durchgegangen. ““

Belgien.

Brüssel, 28. Sept. In Bezug auf die vorgestern erwaͤhn⸗ ten Geruͤchte wegen beabsichtigter Unruhen erfaͤhrt man jetzt, daß am letzten Tage der September⸗Feste, am Sonntage, uüͤberall, und sogar in den benachbarten Staͤdten und Doͤrfern, das Geruͤcht verbreitet war, die Feierlichkeiten wuͤrden nicht ohne Unruhen und aufruͤhrerische Bewegungen zu Ende gehen. Man sprach von Brand, Mord und Pluͤnderung, und gab als Grund dazu an die Unzufriedenheit des gemeinen Volkes wegen der Sperrung des Parks und anderer sonst fuͤr das Publikum ohne Bezahlung eines Ein⸗ trittsgeldes geoͤffneten Orte. Aber außerdem, daß die abgeforderte Steuer sehr gering (30 Cent. jede Person fuͤr den ganzen Tag) war und wenige Leute von der Theilnahme abhalten konnte, uͤberdies auch der Ertrag fuͤr die Hospitaͤler bestimmt war, denen es auch wirk⸗ lich den einen Tag am Freitage, 5000 Fr. eingebracht hat, so war dies nicht das erste Mal so eingerichtet. Wahrscheinlicher ist es, daß das Geruͤcht verbreitet war, um Unruhe zu stiften und, in der Erwartung neuer Tumulte in Paris, die Regierung in Verlegen⸗ heit zu setzen. Jedenfalls hielten die Behoͤrden es fuͤr rathsam, sich auf einen Handstreich bereit zu halten; es wurden Truppen aus der Nachbarschaft hierher berufen und Alles mußte bereit bleiben. Gluͤcklicher Weise waren alle diese Maßregeln unnöthig; die Pariser Post brachte keine schlechte Nachrichten und hier blieb Alles uͤberaus ruhig; der Park war waͤhrend der ganzen Nacht wegen der Beleuchtung mit Schaulustigen angefuͤllt, die National⸗ lieder wurden gespielt und gesungen, Alles war froͤhlich und es war an keinen Aufruhr zu denken.

Brüssel, 29. Sept. Die Koͤnigliche Familie ist heute mit der Herzogin von Kent auf der Eisenbahn von hier nach Ostende gereist, wo sich die Herzogin auf einem Dampfboot der Briti⸗

schen Marine nach London einschiffen wird. 6 Mehrere Franzosen, obwohl mit ordnungsmaͤßigen Paͤssen versehen, sind gestern und heute hier gefaͤnglich eingezogen wor⸗ den. Die Belgische Polizei steht mit der Franzoͤsischen in bestaͤn⸗ diger Verbindung, und es heißt, diese Verhaftungen sollen mit

dem Attentate Quenisset's in Verbindung stehen.

Deutsche Bundesstagaten.

München, 29. Sept. Ihre Konigl. Hoheit die Herzogin von Leuchtenberg hat sich diesen Morgen nach Tegernsee begeben und wird etwa 14 Tage daselbst verweilen. Nachrichten von da⸗ her lauten uͤber das Befinden Ihrer Majestaͤt der Koͤnigin⸗ Wittwe und Ihrer Majestaͤt der Koͤnigin von Preußen sehr er⸗

freulich; ob uͤbrigens diese Allerdurchlauchtigsten Personen dem Feste am 3. Oktober beiwohnen werden, scheint zweifelhaft zu seyn. Auf der Theresienwiese herrscht schon seit mehreren Tagen ein sehr reges Leben.

Stuttgart, 28. Sept. (N ürnb. K.) Beim herrlichsten Sonnenschein, der, trotz der schlimmen Regendrohungen der voraus gegangenen Tage, den heutigen Tag begruͤßte, ist so eben der

große Festzug voruͤbergegangen. Er war nach dem Programm

in allen seinen Theilen gelungen zu nennen, eben so sinnreich, als geschmackvoll und elegant geordnet. Der Theilnehmer daran moch⸗ ten gegen zehntausend seyn, wenigstens dauerte der Zug zwei Stunden. Ein mittelalterliches Gepraͤge war das charakterische Merkmal, und man sah reiche Kostuͤme der Herolde und Fahnen⸗ traͤger. Besondere Auszeichnung verdient die Abtheilung der Ve⸗ teranen in ihren Uniformen aus den Jahren 1814 und 1815. Ihnen voran schritten Traͤger mit Roͤmischen Legionszeichen, worauf die vierundsechzig gedienten Krieger aus saͤmmtlichen Ober amts⸗Bezirken des Landes folgten, gruppirt um die Standarten und Fahnen, mit welchen sie unter dem Befehl des Koͤnigs gegen Frankreich gekaͤmpft hatten. Zweihundert Jungfrauen, weiß ge⸗ kleidet, mit Schaͤrpen in den Landesfarben, streuten Blumen. Vor den staͤdtischen Behoͤrden schritten acht Liktoren; wovon der eine eine Fahne trug mit der auf die bewilligte Amnestie bezuͤglichen

Heil ihm, die Kerker oͤffnet er,

Und giebt dem Fluͤchtling Ehr' und Wiederkehr!

Die fuͤnfte Abtheilung bildete die Land⸗ und Forstwirthchaft,

unstreitig die glaͤnzendste Partie des Zuges. Hier war das Land so recht in seiner eigenthuͤmlichen Vertretung und im Besitz der besten Mittel zu seiner Verherrlichung. Der Herbst mit seinen Fruͤchten kam der Decoration vortrefflich zu Statten. Die ein—⸗ zelnen Zweige der Oekonomie waren durch sinnreiche Allegorieen wiedergegeben. Da sah man Aerndtewagen mit allen laͤndlichen Em blemen umgeben, obenauf und rings herum jubelnde Schnitter, dann folgte ein Wagen, worauf der Bau und die Bereitung des Hanfes, ein anderer, woraͤuf die Kultur des Tabacks dargestellt war. Auch der Weinbau fand ein huͤbsches Tableau in dem Fest einer Weinlese, selbst der Hopfen wurde nicht vergessen. Die Schafzucht zeigte sich in einem Wollwagen von Kirchheim. Aus dem Schoͤn⸗ bucher Wald kam eine große Buche, von sechs Pferden gezogen. Das Ende der Abtheilung machte ein froͤhlicher Jaͤgerzug. Bei den Gewerben hob sich der Aufzug der Berg⸗, Huͤtten- und Salinen-Arbeiter besonders heraus. Dem Handel war eine allegorische Darstellung zu Pferde gewidmet durch Ban⸗ nertraͤger mit den Emblemen des Welthandels, des Deutschen Zoll⸗Vereins, der Schifffahrt, des Frachtfuhrwesens, der Eisenbahn u. s. w. Von Ulm kam ein ganzes Schiff. In der achten Abthei lung waren Kuͤnste und Wissenschaften vertreten, die zehnte ent— hielt die Landes⸗Repraͤsentation, in deren Mitte das Original der Verfassungs⸗Urkunde getragen wurde. Darauf folgten die Hof und Staatsdiener, und den Schluß machten die zahlreichen Lieder⸗ Kraͤnze. Glocken und die Geschuͤtze donnerten.

Alles defilirte bei dem

Koͤnig, der, zu seiner Seite den Kronprinzen, unter dem Balkon,

wo die uͤbrige Koͤnigliche Familie versammelt war, zu Pferde hielt, vorbei und stellte sich dann um die große Festsaͤule auf. Die Lieder⸗Kraͤnze stimmten das fuͤr diesen Tag bestimmte Festlied an, nach dessen Beendigung ein dreimaliges Hoch ertoͤnte. Um halb 2 Uhr war die Feierlichkeit voruͤber. Ueberall herrschte die groͤßte

Ordnung und Ruhe, und noch hoͤrt man von keinem Ungluͤck.

Die Haltung des Volkes ist vortrefflich. Heute Abend wird das Feuerwerk abgebrannt, und morgen ist das landwirthschaftliche Fest in Kannstadt.

Stuttgart, 28. Sept. (A. Z.) Schon seit einigen Tagen bewegte sich ein ungewoͤhnliches Leben durch die Straßen, uUnd nie ist wohl so viel vom Wetter gesprochen worden, als seit dem 25sten, wo ein fuͤr die Jahreszeit beispielloses Gewitter uͤber der Stadt sich entlud und in einen Blitzableiter einschlug. Die Ver zierung der Haͤuser war allgemein und geschmackvoller als man bei der sonstigen architektonischen Beschaffenheit der Stadt hatte hoffen duͤrfen. Auf eigenthuͤmliche Weise zeichneten sich eine Brauerei durch ihre Verzierung mit Hopfenranken, ein Schwert feger durch Anbringung alter Waffen, ein Fabrikant durch Aushaͤngung seiner Jacquard⸗Fabrikate und die Kaserne durch Waffenschmuck aus. Sogar ein Krautschneider hatte recht schoͤne Ornamente aus Kohlkoͤpfen, ein Weingaͤrtner aus Mais kolben geschaffen. Ueberall zeigt sich auch bei dem Aermsten der beste Wille und Liebe zur Sache. So brach der Morgen des heutigen Tages an, in freundlichem Sonnenschein. Die dichtbe voͤlkerte Umgegend Stuttgarts sendete mit dem fruͤhesten Tage ihre Bewohner in die Stadt, und gegen 11 Uhr begann der Fest⸗ zug. Nie ist wohl eine aͤhnliche Menschenmenge hier zusammen geslossen, und wohl nirgends konnte ein schoͤneres Fest, und zwar auf eine vollkommen zwanglose Weise, in schoͤnerer Ordnung, in herzlicherer Freude und in gemuͤthlicherer Ruhe begangen wer den. Die dem Zuge angefuͤgten Wagen boten den freundlichsten Anblick, sowohl die, welche Produkte der Landwirthschaft, als die, welche Erzeugnisse des Gewerbefleißes brachten. Es war sehr viel natuͤrlicher Geschmack und zweckmaͤßige Verwendung bedeutender Summen sichtbar. Daß die Geistlichkeit beider Be kenntnisse gemischt und in wahrhaft christlicher Eintracht im Zuge erschien, daß die Ordnung nirgends gestoͤrt wurde, ohne Waͤchen und Zwang, und daß nach dem Feste der Koͤnig, nur von einem Reitknecht begleitet, durch die Stadt ritt und sich hier, wie im Schloßhofe, des begeistertsten Zurufs erfreute, dieses und das Schicklichkeitsgefuͤhl des Volkes haͤtte verdient, von denen be⸗ obachtet zu werden, welche sonst ein Volk, das wie unsere E chwa ben sich freier zu bewegen gewoͤhnt ist, anders zu beurtheilen pflegen. Daß der Jubelruf zum Himmel schallte, daß gestern im Schauspielhause der Empfang der Koͤnigl. Familie der herzlichste und feierlichste war, brauche ich kaum hinzuzufuͤgen. Kein Un gluͤcksfall, auch nicht die kleinste Unordnung, truͤbte den schoͤnen Tag. Viel gereiste Maͤnner gestehen mit Ruͤhrung, nie etwas Aehnliches erlebt zu haben. Jede der Jungfrauen, welche den Zug zierten, hat von Ihrer Majestaͤt der Koͤnigin eine goldene Broche erhalten. Das Fest⸗Comité ist fuͤr heute und fuͤr morgen zur Koͤniglichen Tafel geladen.

*Weimar, 1. Okt. Zur Feier des Geburtsfestes Ihrer Koͤnigl. Hoheit der Prinzessin von Preußen, Hoͤchstwelche seit dem 23. September auf Schloß Belvedere verweilt, traf gestern Mit tag Se. Koͤnigl. Hoheit der Großherzog nach laͤngerer Abwesenheit aus Karlsbad hier ein.

Heute hat die Inspection unseres Militairs hiesiger Abthei⸗ lung durch den Koͤnigl. Preußischen General⸗Lieutenant von Ditt furt begonnen und wird morgen beendigt werden, wonaͤchst sich

Se. Excellenz nach Eisenach verfuͤgt, um die dortige Abtheilung

zu inspiziren.

Kassel, 30. Sept. Nachdem unser in Kassel und in der Umgegend zusammengezogenes Armee⸗Corps bis zum 19ten d. M.

brigadenweise auf seinen Uebungs⸗Plaͤtzen exerzirt hatte, war am

20sten zuerst die ganze Infanterie⸗Divison, in Abwesenheit des

Als der Zug in den Schloßhof eintrat, erklangen alle

Divisions⸗Commandeurs, Herrn General⸗Lieutenants von Sohnau⸗ unter dem Kommando des Herrn General⸗Majors 52 ater zum Exerziren auf dem Felde bei Harleshausen vereinigt. Am Llsten und den folgenden Tagen fanden Corps⸗Manoͤver mit

1 2 8 . 8 1711, 3 5 markirtem Feinde statt, wobei die Bevollmaͤchtigten des Deutschen

Bundes anwesend waren.

Leipzig, 3. Okt. (L. A. 3.) Die sehr Keiptchsseg Erwartungen, welche wir bei Beginn unserer Messe hegten, sind in deren erster Woche leider nicht uͤbertroffen set⸗Sen die Deutschen und Griechischen Einkaͤufer haben sich sehr schwach ge⸗ zeigt. Wie die uͤbrigen aus dem Osten sich benehmen werden, wird die naͤchste Woche lehren. Tuche unter 40 Gr. die Elle sind sehr rasch aufgeraͤumt, uͤber diesen Preis aber weniger gesucht worden. Die meiste Frage war nach Leder, das selbst zu erhoͤhten Preisen bald die Eigner wechselte.

Hamburg, 241. Sept. (A. Z.) Der Erfolg der Unterzeich⸗ nungen fuͤr die Hanseatische Dampfschifffahrts Gesellschaft ist außer⸗ ordentlich. Wer die Schwierigkeiten kennt, die sich hier einem Actien⸗Unternehmen entgegenstellen, und die der Stifter des in Rede stehenden bei dessen Gruͤndung nur durch seine außerordent⸗ liche Thaͤtigkeit, seine großen Sachkenntnisse und bedeutenden pecuniairen Mittel hat uͤberwinden koͤnnen, wird den Wetteifer zu beurtheilen verstehen, welcher durch die Herausforderung des Huller Schisss⸗Rheders erregt wurde; jetzt wurden in einer hal⸗ ben Stunde mehr Actien gezeichnet, als damals in mehreren Monaten mit den groͤßten Anstrengungen bewirkt werden konnte. Wir wollen diesen Streit nicht, wie Andere gethan, als eine National⸗Frage bezeichnen. Es handelt sich hier nur darum, ob Hull diese Frachten monopolisiren oder Hamburg Theil daran nehmen soll. Gewiß wird Deutschland mit Hamburg sym⸗ pathisiren; der Wohlstand der Hanse-Staͤdte muß nothwendig eine Ruͤckwirkung auf das Gesammt⸗Vaterland uͤben. Noch ist der Schiffsbau in Betracht zu ziehen, da hier das Holz nicht wie in England mit hohen Zoͤllen beschwert ist, sondern frei eingeht, und so ließen sich noch manche Vortheile, welche das Innere durch die Rheder der Hansen genießt, hervorheben. Die Fracht⸗ faͤtze sind durch die Koͤnkurrenz so niedrig, daß bei den meisten Koͤlli der Stader Zoll viel mehr betraͤgt, ja, in manchen Faͤllen das Fuͤnf⸗ bis Siebenfache; koͤnnten daher unsere Dampfschiffe das Privilegium der Flagge geltend machen, so waͤren die Englischen schon daͤdurch geschlagen; dies koͤnnen sie aber nicht, bis die Israe⸗ liten das Buͤrgerrecht erlangen.

Hesterreich.

* Wien, 28. Sept. Der Staats⸗Minister und praͤsidi⸗ vende Gesandte der Deutschen Bundes⸗Versammlung, Graf von Muͤnch⸗Bellinghausen, ist vorgestern aus Frankfurt a. M. hier eingetroffen.

Se. Durchlaucht der Fuͤrst von Metternich wird am Rten oder 10ten k. M. hier erwartet.

Morgen werden Ihre Koͤnigl. Hoheiten der Prinz von Preu⸗ ßen und der Prinz Johann von Sachsen, nebst dem Koöniglich Hannoverschen General der Infanterie, von dem Busche, hier Lin⸗ treffen, die mit der Inspection der zur Deutschen Bundesmacht gehdri⸗ gen Kaiserl. Armee⸗Corps beauftragt sind, und in deren Gegenwart ver⸗ schiedene große Manoͤver ausgefuͤhrt werden sollen. Das Haupt⸗ Mandver soll, dem Vernehmen nach, Montags den 4. Oktober ausgefuͤhrt werden.

Spanien.

Madrid, 22. Sept. Ein außerordentlicher Courier aus Paris hat die Nachricht von der Ernennung des Herrn von Salvandy zum Franzoͤsischen Botschafter am hiesigen Hofe uͤber⸗ bracht.

Herr Mauricio Carlos Onis, der bis zur Ruͤckkehr des Herrn Perez de Castro aus Lissabon interimistisch das Portefeuille des Ministeriums der auswaͤrtigen Angelegenheiten uͤbernommen hatte, ist, dem Vernehmen nach, zum diesseitigen Botschafter in London bestimmt. 1 8

Es haben sich beunruhigende Geruͤchte uͤber angeblich in Valencia ausgebrochene Unruhen verbreitet.

Türkei.

Konstantinopel, 15. Sept. (Wiener Ztg.) Der Sohn des Vice⸗Koͤnigs von Aegypten, Saĩd Bey und Sami Bey ha⸗ ben ihre Abreise nach Alexandrien verschoben, und das Dampfschiff „Nil“ ist abgesegelt, um Berichte uͤber den Gang der neuesten Verhandlungen zwischen Mehmed Ali's Abgesandten und der Pforte dorthin zu bringen. Reschid Pascha's definitive Abreise nach Paris ist auf den 28. September festgesetzt. Er geht uͤber Wien.

Tahir Pascha ist von seiner Expedition aus Kandia zuruͤck mit großer Auszeichnung empfangen worden. Der Sultan hat ihm sein eigenes Dampfschiff „Meßeri Bahri“ nach Smyrna, wo Tahir Pascha 20,000 Piaster fuͤr die Abgebrannten schenkte, ent⸗ gegen geschickt.

Nach Berichten aus Beirut herrscht in Aleppo, Damaskus, St. Jean d'Acre und in den meisten Staͤdten Syriens Ruhe. Tayar Pascha, der neue Gouverneur von Jerusalem, war am 13. in Jaffa und am 21. August in Jerusalem eingetroffen. Hier herrscht Ruhe, und der Gesundheits-Zustand ist befriedigend.

Der Oesterr. Beob. meldet den gestern von uns mit⸗ getheilten Vorfall auf einem Oesterreichischen Schiffe in nachste⸗ hender Weise: „Die neuesten Berichte aus Konstantinopel vom 15. September melden: „„Ein unangenehmer Vorfall hat sich am 9ten d. M., gegen Abend, auf dem nahe an der Scala von Tophana geankerten Oesterreichischen Handelsschiffe „Constantino“, Capitain Giovanni Voinovich, ereignet. Ein Tuͤrke ging naͤmlich aus Reugierde uͤber eine zur Ausschiffung der Ziegel, mit welchen jenes Fahrzeug beladen war, geschlagene Bruͤcke, um sich an Bord desselben zu begeben. Ein Matrose des Schiffes verwehrte ihm den Eintritt und hieruͤber entspann sich ein Streit, welcher eine große Anzahl Kaiktschis (Schiffer), Kaffeewirthe, Lasttraͤger, auch einige Kawassen und ⸗Tuͤrkische Soldaten herbeilockte, die augen⸗ blicklich fuͤr ihren Landsmann Partei nahmen. Es entstand eine Schlaͤgerei, wobei einige Matrosen des Oesterreichischen Kauffahrers leicht verwundet wurden. Der Kaiserl. Königl. In⸗ ternuntius saͤumte nicht, sobald er Kenntniß von diesem Vorfall erhalten hatte, von der Pforte strenge Bestrafung der Schuldigen, Genugthuung fuͤr die der Kaiserl. Koͤnial Flagge zugefuͤgte Be⸗ leidigung und volle Entschaͤdigung fuͤr die Verwundeten oder el 1 gung fuͤr die Verwundeten oder zu Schaden gekommenen zu verlangen, welchem Begehren auch von der Pforte gaufs Vollständigste Genuͤge geleistet wurde Gestern Morgen verfuͤgte sich zu diesem Ende, auf Befehl der Pforte der Ferik von Tophana, Mehmed Ali Pascha, als derjenige, in dessen Amts⸗Bezirke der Exceß peruͤbt worden war, zu dem Kaiserl Koͤnigl. Internuntius, drüͤckte ihm das Bedauern und die Miß⸗ billigung der Pforte uͤber diesem Vorfall aus, und versicherte ihn, daß die Raͤdelsfuͤhrer eingekerkert seyen und einer strengen Strafe

unterzogen, auch den Verwundeten oder sonst Beschaͤdigten volle Schadloshaltungen geleistet werden wuͤrden. Heute wuͤrde vor Tophana, in Gegenwart des Kaiserl. Koͤnigl. Internuntius, des Internuntiaturs⸗Personals und einiger Offiziere des in Bu⸗ jukdere stationirten Kaiserl. Koͤnigl. Kriegsbriggs „Montecuccoli,“ dann einer großen Anzahl der hiesigen Oesterreichischen Nationa⸗ len und Handels⸗Capitaine, so wie Mehmed Ali Pascha's, meh⸗ rerer Tuͤrkischer Stabs⸗ und andere Offiziere, die auf dem gro⸗ ßen Platze, wo sich die Batterie befindet, versammelt waren, un⸗ ter klingendem Spiele und dreimal wiederholtem Hurrahrufe der Anwesenden, die Kaiserl. Koͤnigl. Flagge auf dem „Constantino“ aufgehißt. Hiermit hat die Ottomannische Regierung die ver⸗ langte Genugthuung auf die vollstaͤndigste Weise gegeben, und da⸗ durch einen neuen Beweis ihrer hohen Achtung und freundnach⸗ barlichen Ruͤcksicht fuͤr den Oesterreichischen Kaiserhof geliefert.“

Syrien.

Beirut, 25. August. (Journ. de Smyrne.) Die Ruhe ist jetzt auf allen Punkten Syrien's vollkommen wieder hergestellt. Es fanden zwar in der letzten Zeit einige kleine Bewegungen im Gebirge statt, die aber mit der Politik nichts zu thun haben. Die Drusen verlangten naͤmlich von den Maroniten ein Dorf zu⸗ ruͤck, daß ihnen fruͤher gehoͤrt hatte; da die Letzteren aber die Ab⸗ tretung, so wie jede guͤtliche Ausgleichung verweigerten, so kam es zum Kampfe, wobei von beiden Seiten Blut floß. Durch Ein⸗ schreiten der Behoͤrde wurde indeß die Ordnung wieder hergestellt. Der Haß zwischen diesen beiden Voͤlkerschaften besteht jedoch noch immer fort und es ist zu fuͤrchten, daß diejenigen, in deren In⸗ teresse es liegt, die Pacificirung dieser Laͤnder zu verhindern, die⸗ sen beklagenswerthen Umstand dazu benutzen werden, um die Spaltung und Zwietracht unter den Bergbewohnern zu naͤhren. Auch gab sich schon eine unangenehme Meinungs⸗Verschiedenheit in Bezug auf den Fuͤrsten des Gebirges kund, indem die Drusen erklaͤrten, daß sie nur dem Emir Sulman gehorchen wuͤrden, die Maroniten dagegen, daß sie mit dem von der Pforte anerkann⸗ ten Fuͤrsten Kaͤssim Beschir sehr zufrieden seyen.

An einigen Orten hat das Benehmen der Behoͤrden zu Be⸗ schwerden von Seiten der Einwohner Anlaß gegeben und die Art, wie dieselben von dem General-Gouverneur aufgenommen wor⸗ den, laͤßt die baldige Abhuͤlfe aller Uebelstaͤnde nicht bezweifeln. So hatten die Juden in Palaͤstina dem erwaͤhnten hohen Beam— ten vorgestellt, daß man Abgaben von ihnen verlange, die von der Pforte nicht sanktionirt worden seyen. Auf diese Beschwerde wurde ihnen sofort Abhuͤlfe zu Theil und der Gouverneur sandte einen Bericht uͤber diese Angelegenheit nach Konstantinopel.

Die Englaͤnder betreiben jetzt bei den hiesigen Behoͤrden eine Angelegenheit, auf deren Ausgang man sehr gespannt ist. Es han⸗ delt sich naͤmlich um zwei mit Reis beladene Schiffe, die zur Zeit der Blokade genommen und unter Englischen Schutz gestellt wur⸗ den. Jetzt ist nun weder von den Schiffen, noch von der Ladung etwas aufzusinden und die Englaͤnder verlangen zu wissen, was aus Beiden geworden. Mehrere Subaltern-Beamte sollen bei dieser Angelegenheit kompromittirt seyn. 1.

Die Aufstellung von 20 Kanonen, etwa eine halbe Stunde

von Beirut, zu den taͤglichen Uebungen der Artilleristen hat zu vielfachen Geruͤchten Anlaß gegeben, die sich indeß natuͤrlich bald genug als ungegruͤndet erwiesen. Der ewige Krieg zwischen den Griechen der beiden Konfessio— nen wegen der Kopftracht, deren Gebrauch man den katholischen Griechen untersagen will, hat sich wieder erneuert, so daß der Franzoͤsische Konsul einzuschreiten genoͤthigt war und ein katholi⸗ scher Priester, den man gezwungen hatte, die Muͤtze abzulegen, schiffte sich heute auf dem Dampfboote nach Konstantinopel ein, um seine Beschwerden dort vorzubringen. Die Nord-Amerikaner benutzen dieses Schisma, um ihren Einfluß im Lande zu vermehren. Sie haben im Gebirge unter Leitung des Herrn Thomson eine Schule angelegt, die von mehr als 300 Drusen⸗ Kindern unentgeltlich besucht wird. Der Maronitische Patriarch, welcher den Anstalten dieser Art nicht hold ist, hat den Drusen untersagt, ihre Kinder in diese Schule zu schicken. Allein sie ge— horchen diesem Verbot nicht, indem sie dem Patriarchen das Recht dazu absprechen, dagegen haben die Maroniten sich ohne Wider⸗ stand dem Verlangen des Patriarchen gefuͤgt.

Die Herrschaft der Karthager und Nömer im nörd⸗ lichen Afrika, in Vergleich zu den gegenwärtigen Eroberungen der Franzosen daselbst.

Vergl. St. Ztg. Nr. 274.)

Afrika als Roͤmische Provinz. Das Christenthum und die Afrikanische Kirche. Die Araber. Frankreich und Rom.

Die dritte Umwandlung jenes Roͤmischen Einflusses beginnt erst mit Caͤsar; nachdem ihm in Afrika die Partei des Pompejus sammt der Macht des Juba erlegen, wird Numidien Roͤmische Provinz. Rom ließ jetzt im Innern zwar die Numidische und Mauretanische Eigenthuͤmlichkeit ihrer Staͤmme, aber die Kuͤsten⸗Landschaft und einzelne dominirende Punkte des Innern wurden ganz Römisch umgewandelt; Roͤmische Sprache, Roͤmische Sitte, Roͤmisches Recht, Roͤmisch⸗Italienischer Handels⸗Verkehr, Roͤmische Kriegs⸗ und Handels⸗Kolonieen breiten sich uͤber diese Landschaften aus und bilden unter den folgenden Kaisern sich in ihrer Entwickelung noch weiter aus; Roͤmische Straßen, Roͤmische Staͤdte, Tempel, Saͤulenhallen und Wasserleitungen schmuͤcken nun selbst bis zur groͤßten Pracht jene Gegenden, und auch das alte Karthago ersteht wieder aus seinen Truͤmmern, zwar nicht ganz an der Stelle des alten, obgleich nahegenug. Denn vor Karthago's Untergange hatte Rom mit feierlichem Weihespruch dessen Schutzgoöt⸗ ter nach Rom zur Einkehr in seine eigene Tempel gerufen, und die Stadt Karthago den unterirdischen Maͤchten geweiht; wohin aber Rom so seinen Fluch sandte, da blieb auch sein Fluch. Das neue Kar⸗ thago, welches vorherrschend aus den Ueberresten der alten Pu⸗ nier der Landschaft bevoͤlkert ward, erhob sich allmaͤlig wieder zu großem Glanze, und vor allem zeichnete es sich spaͤter eben so sehr durch Christen-Verfolgung wie durch Ausbreitung des Christen⸗ thums aus, und diese Entwickelung greift damals weit ein in die Gesittung von Afrika selbst.

Da wo die Roͤmer laͤngere Zeit an die Stelle der Kartha⸗ ger getreten, ward alles Roͤmisch, Gesetz, Sitte und Sprache, und als spaͤter der heilige Augustinus die Bewohner der dortigen Afrikanischen Seestaͤdte mit seinen Reden besuchte, mußte er seine Punischen Spruͤchwoͤrter, die er einstreute, ihnen in das Lateinische uͤbersetzen, weil nur wenige dort noch das Punische verstanden. Um diese Staͤdte und in den eigentlichen Kolonieen war Alles Roͤmisches Besitzthum; hier dehnten sich die großen Domai⸗ nen des Staates und der Roͤmischen Aristokratie aus, ja letztere waren so unermeßlich, daß zur Zeit des Nero sechs vornehme Roͤ⸗ mer, die Haͤlfte von ganz Afrika besaßen; diese Guͤter wurden

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durch ihre alten Bewohner und durch Sklavpen bebaut. Den zweiten Guͤrtel nach dem Innern zu bildeten durch die Landschaft hin die ansaͤssigen Staͤmme, unter ihren eingebornen Oberhaͤup⸗ tern, von denen der eine Theil sich ganz Roͤmisch umbildete und unter den Fahnen der Kaiser diente, ein anderer Theil sich mehr abgesondert und unabhaͤngig erhielt. Am ußersten Rande aber waren die Roͤmischen Militair⸗Kolonteen errichtet, deren Krieger im Ge⸗ gensatz der Legionen, die die Staͤdte besetzt hielten, die Graͤnzen bewachten, sich daselbst anbauten, mit den Toͤchtern des Landes und mit den Staͤmmen selbst sich enger verbanden, und so eine gemischte Bevoͤlkerung darstellten, in der aber Roͤmische Sitte und Roͤmische Denkart bei weitem das Herrschende blieb. Dann folgte weiter nach Innen der Guͤrtel der unabhaͤngigen Bevölkerung, Bergvoͤlker und Nomaden, aber immer noch an das Interesse Roms gefesselt, in⸗ dem dies ihre Haͤuptlinge ernannte und bestaͤtigte.

Das Christenthum in Nord⸗Afrika knuͤpfte sich zunaͤchst, so wie auch auf anderen Punkten seiner Verbreitung an die Staͤdte, und gelangte hier zu einer hohen Bluͤthe. Tertullian, Cyprian und Augu⸗ stinus, sie gaben alle so den christlichen Verhaͤltnissen Afrika's, wie selbst des Abendlandes, neue, mehr gesicherte Gestaltung. Tertullian war es, der besonders die Idee der Gemeinde in dem Sinne der Heiligung tiefer faßte und auf deren lebendige Gestaltung hinlei⸗ tete; wie einflußreich aber schon damals diese Gemeinden seyn muß⸗ ten, sehen wir aus den eigenen Worten seiner Vertheidigung des Christenthums. „Wir sind nur von gestern her“, so sagt er, „und doch haben wir eure Staͤdte, Inseln, Raths⸗Versammluüngen und Gerichtshoͤfe durchdrungen. Wir lassen nichts uͤbrig als eure Tempel. Zu welchem Kriege waͤren wir, die wir so gern ster⸗ ben, nicht vorbereitet, ob auch an Zahl euch nicht gleichkommend, wenn uns nicht unsere Religion vorschriebe, lieber den Tod zu leiden, als zu toͤdten. Wenn wir aber alle mit einander euer Gebiet verlassen wollten, ihr wuͤrdet uͤber eure Einsamkeit stau⸗ nen.“ Cyprianus wirkte umfassend fuͤr die Ur⸗Idee der allgemeinen, wahrhaft katholischen Kirche, als einer Vereini⸗ gung der christlichen Gemeinden jeglicher Art in der Einheit des Glaubens und der Liebe; daher hob er die bischoͤflichen Ver⸗ haͤltnisse uͤber die Macht der Presbyterien, daher stellte er die Synode der Bischoͤfe als die hoͤchste Norm christlicher Kirchen⸗ Ordnung auf, daher entzog er sich fruͤher dem Maͤrtyrerthum, um sein Werk zu vollenden, nicht aber der echtchristlichen That; denn so brachte er z. B. mit seinen Gemeindegliedern in der grauenvol⸗ len Pest, die Karthago verheerte, uͤberall hin unter Heiden und Christen, Huͤlfe, Trost und Bestattung, und sammelte fuͤr die von wilden Staͤmmen der Numidier Geraubten unermuͤdet und un⸗ verweilt Beisteuer, ihre schleunigste Loͤsung zu bewirken. Daher eilte er auch spaͤter zu seiner Gemeinde zuruͤck, als es galt, den Maͤrtyrertod wuͤrdig zu leiden, und das ihn begleitende Volk rief als die hoͤchste Weihe seines Todes: „Wir wollen sterben mit unserm Bischof.“ Und endlich der heilige Augustinus, der Numi⸗ dische Bischof von Hippo, einst Zoͤgling Karthago's, bildete die Idee von dem Reiche Gottes wie seiner Gnade gegenuͤber dem weltlichen Regiment, mit begeisterter Kuͤhnheit und Klarheit in das Wissen und Leben heruͤber, und gern und am liebsten draͤngte man sich zu ihm, um auch die Rechtshaͤndel seinem Schiedsrich⸗ terthum vorzulegen. So war, wie Wissenschaft, Macht und Ge⸗ lehrsamkeit, zugleich ein reges christliches Leben durch Afrika ver⸗ breitet, und in den Zeiten der Christen-Verfolgung gingen dort Knaben, Frauen und Maͤnner so froͤhlichen Muthes dem Maͤr⸗ tyrertode entgegen, daß es nicht an solchen fehlte, die mit ihnen freiwillig in den Tod sich draͤngten, ein Uebermaß christlicher To⸗ des⸗Verachtung, was seine Bischoͤfe nie gebilligt haben.

Der Verfall der Afrikanischen Kirche begann schon mit den

fanatischen Donatistischen Streitigkeiten: der Einfall und die Herr⸗ schaft der anfangs rohen, spaͤter ganz in Ueppigkeit versunkenen Vandalen vollendete ihn. 8 Als endlich die Araͤbische Eroberung die Religion des Islam uͤber Afrika verbreitete, vertrug sich neue phantastereiche und sinnliche Glaubetrefflich mit jenem Fanatismus und jener Vernichtung des echt⸗ christlichen Geistes, der dort heimisch geworden. Allein sener Fanatismus wandte sich nun gegen das Christenthum selbst. Die Arabische Bildung mit ihren gelehrten Schulen und wissenschaftlichen Leistungen, mit ihrer gesetzlichen Ordnung und großartigen Baukunst, welche auch hier eine neue Zeit der Gesittung heraufrief, ist laͤngst wieder un⸗ tergegangen, und der Despotismus des Tuͤrkischen Krummsaͤbels ist zerbrochen, allein der Fanatismus ist ein unvergaͤngliches Erbe jener Voͤlker Afrika's geblieben, welches seitdem das Christliche haßt. Von diesem Gesichtspunkt aus hat auch Frankreich in sei⸗ nem dortigen Besitzthum einen Gegensatz zu uͤberwinden, der bei allen fruͤheren Occupationen daselbst nicht seines Gleichen findet.

Die Franzoöͤsische Herrschaft, im Allgemeinen betrachtet, laͤßt sich geschichtlich am meisten mit der Roͤmischen vergleichen, und doch wie ganz anders bietet sie sich dar. Durch die Be⸗ sitznahme von Algier hat Frankreich der civilisirten Welt den großen Dienst gethan, ein Raubsystem gaͤnzlich zu vernich⸗ ten, was, trotz Lord Exmouths kuͤhnem Besuch, doch im⸗ mer noch fortfuhr die Staaten Italiens und die Flagge der kleineren Seevoͤlker Europa's auszubeuten. Es hat zugleich da⸗ durch einen starken Kriegshafen gewonnen, der ihm, den Be⸗ strebungen anderer Seemaͤchte im Mittelmeer gegenuͤber, ein nuͤtz⸗ liches Gleichgewicht bietet. Allein seine militairischen Kraͤfte sind in einem Lande aufgestellt, welches nach dem Innern, wie nach der See zu nur eine flatternde Linie der Vertheidigung dar⸗ bietet. Im Centrum Algier; auf dem linken Fluͤgel, gegen Tunis hin, Bona; auf dem rechten gegen Marocco hin Oran; beide Flanken in einer Ausbreitung von mehr als 70 geographischen Meilen von Algier, und von mehr als 140 Meilen von einander selbst entfernt; dabei betraͤgt die ganze Tiefe des Besitz⸗ thums kaum zehn bis funfzehn Meilen gerader Richtung. Auf diesen weit hingestreckten Raͤumen nun eine jaͤhrliche Mili⸗ tair⸗Promenade von Osten nach Westen und von Westen nach Osten, einige Blockhaͤuser und leichte Befestigungen nach Innen: einige jaͤhrliche echt militairische Operationen nach der Tiefe des Landes: einzelne Kopfabschneidereien und Ueberfaͤlle Seitens der Beduinen und zuͤchtigende Razzias der Franzosen: dabei große Gefahren der klimatischen Krankheiten, nachlaͤssige und gewinn⸗ suͤchtige Lazareth⸗ und Kommissariats⸗Verwaltung, ein unentschie⸗ denes Schwanken der Prinzipien und stetes Wechseln der Ober⸗ Anfuͤhrer; diesen gegenuͤber nur ein einziger Maurischer Chef, der in echt Numidischer Konsequenz und im heiligen Kriege nach der Ober⸗Herrschaft der Staͤmme strebt, dies ist das Bild der Occupation des Algerien, welches Partelische und Unparteissche in Frankreich selbst mit so großem Mißtrauen betrachten. allen diesen Beziehungen weicht dasselbe durchaus von der Roͤ mischen Besitznahme ab. 8 82 1“

Die Roͤmer waren bestimmt in ihren Prinzipien, wie in ih⸗ rer Verwaltung, und aͤnderten nicht beliebig ab; die Roͤmer wech⸗ selten auch ihre Ober⸗Befehlshaber, aber auf eine vorausbestimmte 1 Weise, wie dies zugleich in dem gesetzlichen Wechsel dir 41.6989 Magistraturen von selbst lag. Die Roͤmer gingen in e eru⸗ pation von einer gedraͤngten, tiefen, dominirenden Landstellung