1 . 2. tangen und uͤbernachten wolle, bestaͤtigt sich. Wie man hört, wird Se. Majestaͤt im Koͤniglichen Schlosse, beim General, Frei⸗ herrn von Luͤtzow, absteigen, und am 5. Oktober Vormittags
uͤber Gruͤnberg, Frankfurt u. s. w. nach Berlin zuruͤckkehren. Der Magistrat von Glogau hat durch ein staͤdtisches Fest⸗Comité
beschlossen, am Fuße des Glacis vor dem Preußischen u eine Ehrenpforte, eine zweite vor dem Eingange nach der Preußischen Straße, und auf dem Schloßplatze eine Triumphsaͤule errichten, guch die Straßen, welche Se. Majestaͤt beim Einzuge beruͤhrt, zu beiden Seiten mit Fahnen in den National⸗ und Stadt⸗ Farben schmuͤcken zu lassen. Zum Empfange Sr. Majestaͤt wer⸗ den sich bei der ersten Ehrenpforte die Militair⸗Behoͤrden, bei der zweiten der Magistrat, die Stadtverordneten, deren Stellvertre⸗ zer, die Stadtaͤltesten, der staͤdtische Landtags⸗Deputirte, die Schiedsmaͤnner, die Stadtpfarr⸗Geistlichkeit beider Konfessionen und die Vorsteher der juͤdischen Gemeinde einfinden. Diesseits der zweiten Ehrenpforte wird ein Musikchor aufgestellt. Laͤngs der Preußischen Straße u. s. w. bis zum Schloß bilden die Vuͤr⸗ ger, Handlungsdiener u. s. w. ein Spalier, an das sich in der Naͤhe des Schlosses die Buͤrgerschuͤtzen anschließen. Jeder Buͤrger traͤgt um den linken Arm eine Festbinde in den National⸗ und Stadtfarben; jeder nicht im Gewerke stehende Buͤrgerssohn eine Binde in den National⸗ und Schlesischen Farben. Bei Ankunft des Koͤ⸗ nigs wird, nach eingeholter Erlaubniß, mit allen Glocken gelaͤutet. Der Buͤrgermeister Lauterbach begruͤßt Se. Majestaͤt bei der zwei⸗ ten Ehrenpforte durch eine ehrfurchtsvolle, kurze Anrede. Dann wird Se. Majestaͤt gebeten werden, bei einer Aufstellung der ge⸗ sammten Buͤrgerschaft vor dem Rathhause die Huldigung dersel⸗ ben, die ehrfurchtsvollsten Bezeugungen unerschuͤtterlichster Unter⸗ thanen⸗Treue und Liebe allergnaͤdigst entgegennehmen zu wollen. Mit dem Eintritt der Dunkelheit wird die Stadt allgemein illu⸗ minirt.
Erdmannsdorf, 1. Okt. Am 30. September Nachmit⸗ tags 5 Uhr, ist Se. Koͤnigl. Hoheit der Prinz Albrecht, von Ka⸗ menz kommend, hier eingetroffen.
Berlin, 6. Okt. Die Gesetz⸗Sammlung (Nr. 18) ent⸗ haͤlt nachstehende Allerhoͤchste Kabinets⸗Ordre, die Belegung der Sparkassen⸗Bestaͤnde betreffend: “
„Auf den Bericht des Staats⸗Ministeriums vom 9ten d. M. will Ich die Ober⸗Praͤsidenten ermaͤchtigen, da, wo die Ortsverbaͤlt⸗ nisse es nothwendig machen, die Ausleihung der Sparkassen⸗Be⸗ stände auch auf eine andere, als die in §. 5 des Reglements uͤber die Einrichtung des Sparkassenwesens vom 12. Dezember 1838 vor⸗ geschriebene erste Hypothek zu gestatten, wenn nur die zu bestellende Hypothek die eeste Haͤlfte des Werthes des zu verpfaͤndenden Grund⸗ stuͤckes nicht uͤberschreitet. Das Staats⸗Ministerium hat diese Be⸗ stimmung durch die Gesetz⸗Sammlung zur oͤffentlichen Kenntniß zu bringen.
Sanssouci, den 26. Juli 1841. Friedrich Wilhelm. An das Staats⸗Ministerium.“ 8
In demselben Blatte der Gesetz⸗Sam mlung befindet sich folgende Allerhoͤchste Kabinets⸗Ordre, betreffend die Sportel⸗ und Stempel⸗Freiheit der Gutsherrschaften, so wie der Stadt⸗ und Landgemeinden, in Armen⸗Angelegenheiten:
„Einverstanden mit der in dem Berichte des Staats⸗Ministeriums vom 7ten d. M. vorgetragenen Ansicht will Ich die nach §. 146 des An- hangs zur Allgemeinen Gerichts Ordnung, §. 2 r. 5 der Einleitung zur Gebuͤhren Tare vom 23. August 1815 §. 4 Nr. 2 der Declaration vom 27. Juni 1811 und 8§. 3 lit. 7 des Stempel⸗Gesetzes vom 7. Maͤrz 1822 saͤmmtlichen Armen-Anstalten in Prozessen und sonstigen An gelegenheiten zustehende Sportel⸗- und Stempel⸗Freiheit hiermit auch den Gutsherrschaften, so wie den Stadt⸗ und den Landgemeinden in der ganzen Monarchie, fuͤr alle Armen⸗Angelegenheiten bewilligen; gedoch mit der Einschraͤnkung, daß sie diese Befreiung durch Ueber⸗ nahme von Kosten und Stempeln, welche nach den bestehenden Vor⸗ schriften den Privat⸗Personen, mit welchen sie Vertraͤge schließen, zur Last fallen wuͤrden, auf die letzteren zu uͤbertragen, nicht befugt seyn sollen. Diese Bestimmung ist durch die Gesetz Sammlung zur oͤffent⸗ lichen Kenntniß zu bringen.
Sanssouci, den 18. August 1841.
Friedrich Wilhelm. An das Staats⸗Ministerium.“
2. Okt. Die beiden Sitzungen der Deutschen Phi— lologen und Schulmaͤnner vom 30. September und 1. Oktober sind nunmehr abgehalten. In der Sitzung vom 1. Oktober fand auch noch die Vorlesung eines Aufsatzes von dem (abwesenden) Praͤses, Herrn Professor Welcker, uͤber die Bedeutung der Philo⸗ logie statt. — Mancherlei Diskussionen kamen uͤber die Wahl des kuͤnftigjaͤhrigen Versammlungsortes vor. Eine entschiedene Ma⸗ joritaͤt erklaͤrte sich fuͤr Ulm, und die Wahl dieser Stadt wurde proklamirt.
Bonn,
Wicsenschaft, Kuntt und Literatur. Niemer über Göthe.
Goͤthe's Persoͤnlichkeit. — Sitten. — Religidsitaͤt und Christenthum.
Es ist etwas Charakteristisches der gegenwaͤrtigen Zeit, daß sie ins so viele Schriften bringt, deren Inhalt kein eigentlich fuͤr sich bestehender ist; nicht einmal Biographie, sondern nur Rai⸗ sonnement uͤber menschliche Erscheinungen. Ist es, weil des Raumes zu Thaten weniger geworden ist, und nun das Seyn an die Stelle tritt? oder weil die Sohne dieser Zeit eine so starke Neigung haben,
ich selbst zu erhdhen? Hoͤrt man sie reden, so haͤngt von dieser oder jener Gestalt, welche ein Traͤger goͤttlichen Lichtes seyn soll, das Heil der Welt ab; aus dem Abglanz eines Allgemeinen machen sie sich ei⸗ nen Abgott. Dann verschwindet natuͤrlich uͤber den vielen einzelnen Erscheinungen dem Auge Zusammenhang und Einheit Aller, und das verleitet dann aufs neue, von Personen und Personlichkeiten solch uͤbermaͤßig Wesen zu machen. 1 Nicht leicht moͤchte uͤber einen hedeutenden Menschen mehr ge⸗ schrieben seyn in Fuͤr und Wider, als uͤber Goͤthe, und wenn die oben erwaͤhnte Weise, Menschenseyn zu betrachten, uͤberhaupt eine richtige ist, auch mit Fug und Recht. Die kuͤrzlich erschienenen Mittheilungen uͤber Goͤthe von Hofrath Riemer enthalten einen reichen Beitrag zur Erkenntniß und zum Verstaͤndniß seines Wesens. Das Buch beschäf⸗ tigt sich weniger mit dem Dichter und dessen Schoͤpfungen im Beson⸗ deren, als mit dem Menschen Goͤthe im Allgemeinen, dessen tiefste Ei⸗ 8 enthuͤmlichkeit, mannigfaltige und reiche Ausbildung, wie vielseitige Thatigkeit und Stellung gegen die Außenwelt es schildern will. Es giebt durch die Art der Mittheilungen, das in Rubriken gefaßte, halb olemische, immer auf fremde Ansicht Bezuͤgliche, nicht etwas, das durch Schoͤnheit der Form den Eindruck eines harmonischen Ganzen nacht, und als Gestalt vor die Seele tritt; das Buch giebt vielmehr den Eindruck, als staͤnde man vor einem Schrank, einem Repositorium mit Faͤchern und Ueberschriften: man sucht nach und zieht heraus, vas man braucht. Ist diese Form fuͤr eine Persoͤnlichkeit wie Goͤthe’'s usreichend? Kann sie uͤberhaupt bei irgend einer lebenvollen, ent⸗ wicklungsreichen Gestalt genuͤgen? Ist es moͤglich, eine solche Gestalt u charakteristren, ohne die Zeiten und Perioden zu Gruͤnde zu suchen, warum dieses hervorgebildet,
1
I V
unterscheiden, die enes zuruͤckgehal⸗
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ten ward, mit einem Wort, ohne eine innere Geschichte zu schreiben? Wirft man diese Dinge in Eins, so laͤuft man Gefahr die historische Wahrheit schwer zu verletzen. Aber es liegt viel aktenmaͤßiges Mate⸗ rial mit dem Klang und inneren Zusammenhang der Wahrheit hier vor uns, und Anderes hat der Verfasser vielleicht kaum gewollt.
Erwartet man keine Grazie des Styles, keine Zartheit und Un⸗ mittelbarkeit der Darstellung, kein feinfuͤhliges Versetzen in fremde Auffassung, uͤberhaupt keine Feinheit; halten wir dem Verfasser die staͤrkste Parteilichkeit zu gut, und sehen daruͤber fort, daß er es nicht wohl ertragen kann, auch nur eine Gabe, welche die Natur dem Menschengeschlechte verliehen, seinem Lieblinge fehlend zu denken; “ wir es ihm, daß die Maͤngel oder Fehler, welche er nicht
inweg leugnen kann, ihm nur als Bedingungen anderer, jene voͤllig aufwiegenden Vorzuͤge erscheinen: so bleibt uns immer noch genug zur reinen Freude an einem so beguͤnstigten Daseyn, als seine Dar⸗ stellung uns zeigt, und eine wohlthuende Aufhellung mancher Schat⸗ tenstriche, welche Klaͤtscherei oder flache Auffassung durch das Bild eines schoͤnen und großen Menschen zog. b
Wir wollen jedoch die Kritik nicht weiter verfolgen, sondern das Bild des Mannes selbst, wiees sich nach Riemer's Buchedarstellt, aufzufassen suchen.
Goͤthe war ein vollstaͤndiger Mensch: das ist die Summag der Riemerschen Mittheilungen; nicht mehr und nicht weniger. Darin liegt zugleich der Grund, warum er theils uͤberschaͤtzt, theils thdricht getadelt wurde. Denn es ist die vollste Wahrheit, was Riemer (S. 320) sagt: „„Kaum, daß man anfaͤngt, einen Mann fuͤr groß, fuͤr außerordentlich zu ahnen, gleich soll er auch ein Gott seyn und gar nichts Menschliches an sich haben.““ Man gestattet ihm nicht, daß er in den Graͤnzen seiner Eigenthuͤmlichkeit Ausgezeichnetes leiste; nein, jedes Einzelnen individuellen Anspruch an Groͤße, Schoͤnheit, Tuͤchtigkeit soll er genuͤgen, gleichviel, ob ihm die Faͤhigkeit dazu verliehen, und wenig bedenkend, wie in der begraͤnzten Menschennatur Dieses koͤnnen, gemeinhin Jenes nicht vermoͤgen bedeutet.
Gleich auf den ersten Anblick ahnete man in Goͤthe’'s Persoͤn⸗ lichkeit die maͤchtige oder zusammengefaßte, sich selbst beherrschende Natur, die einen so unerschoͤpflichen Reichthum von Gedanken und Gefuͤhlen, Wahrnehmungen und Lebenserfahrungen bescheiden und anspruchlos verwahrte. Die Anziehungskraft lag nicht allein in der Ahnung seines geistigen Vermoͤgens, lag auch nicht allein in der Anmuth und Liebenswuͤrdigkeit seiner Sitten, sondern darin, daß man einen nach allen Seiten hin selbstbewußten und gebildeten Men⸗ schen sah, dem man vertrauensvoll sich hingeben mochte, weil ihm kein menschliches Gefuͤhl und Geschick fremd seyn konnte, und dessen Uebergewicht Niemand beschaͤmte noch kraͤnkte, weil es, mit Milde und Menschenfreundlichkeit gepaart, sich zum Gleichgewicht neigte.
Wir erkennen in ihm ein eigenes Herz, einen sittlichen Charak⸗ ter, durchweg auf das Wahre, Rechte, Gute, d. h. auf das Schoͤne gestellt. Sein eignes Gestaͤndniß, daß er berufen sey
„Welt⸗Verwirrung zu betrachten
Herzens-Irrung zu beachten“ zeigt, wie er, die Zustaͤnde der Menschheit zu seiner Aufgabe machend, aus der Krankheit zur Gesundheit, aus dem Irrthum zur Wahrheit, aus dem Haͤßlichen zum Schoͤnen zu fuͤhren trachtete. Dies Ziel konnte er nicht anders erreichen, als indem er uns die Mannigfaltigkeit leidenschaftlicher Zustaͤnde, d. h. des Irrthums, aus dem der Mensch sich zu entwirren hat, um zur Uebereinstimmung mit sich, der Na⸗ tur und Gott zu gelangen, darstellt.
Nicht allein in seinen Schriften, auch im persoͤnlichen und oͤffentlichen Leben, erscheint Goͤthe als ein vollkommen sittlicher Mensch. Er ist in seinen Schriften nicht immer decent und mora⸗
lisch, aber durchweg wahr, und ohne jemals die Graͤnze der Natur⸗
gemaͤßheit zu uͤberschreiten.
Er liebt Reinlichkeit, Ordnung, Zucht, Anstand, aͤußerlich wie innerlich; ihm ist Fuͤgung gegen Gesetz und Sitte, Maͤßigung, Fassung, Ruhe, Geduld, Friedfertigkeit, besonders in spaͤteren Jah⸗ ren, Natur. Er haßt alles Unreine, Ungeordnete, was nur unter dem Namen Anarchie sich begreifen laͤßt; letztere in dem Grade, daß er erklaͤrte, er wolle lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als Un⸗
ordnung ertragen, und schon in den fruͤhesten Zeiten das Beduͤrf
niß hatte, weil „„die Gestalt dieser Welt vergeht, sich nur mit dem zu beschaͤftigen, was bleibende Verhaͤltnisse sind, um seinem Geiste erst die Ewigkeit zu verschaffen.““ 1 G
Wie er sich selbst treu war und von seiner Ansicht der Kunst und des Lebens nicht abwich, so war er es auch in seiner Gesinnung; in Treue und Dankbarkeit gegen Freunde und Lebensgenossen; ein allge⸗
meines Wohlwollen, eine unbefangene Menschenliebe machte die Grund⸗
lage seiner Gesinnungen aus. Auch wußte er sie durch unausgesetztes Streben „den Menschen etwas zu Liebe zu thun“, „ihnen die Welt zu gute zu machen“, „sie leben zu lehren“, so durch Kunstgebilde wie durch Weisheitsspruͤche, bis in sein spaͤtestes Alter zu vermehren.
Von Gothe'’s Zartgefuͤhl, seiner leichten Erregbarkeit, gab seine ruhige Außenseite keinen Begriff: dies Zahrtgefuͤhl offenbart sich in der innigen Theilnahme an den Leiden seiner Freunde, sowohl in fruͤ⸗ heren Jahren als in den spaͤtesten Zeiten, wie dieses seine bereits ver⸗ dffentlichten Briefe genugsam kund thun. Wenn sich diese Theil⸗ nahme nicht blos als weichliche Nachempfindung aͤußert, sondern auch als Hinweisung auf jenes erprobte Heilmittel, „daß wir bei dem groͤß⸗ ten Verluste uns sogleich umherschauen muͤssen, was zu erhalten und zu leisten uͤbrig bleibe“, so bringen die Meisten diese Auffassung mit seiner eigenen bekannten Weise, sich bei tief eingreifenden ÜUngluͤcks faͤllen zu verhalten, in Verbindung und deuten sie als ein egoisti⸗ sches Abschließen, welches, aus Furcht der Leidens⸗Empfindung, den Schmerz fern halten mag, waͤhrend er doch so gut eine Lebensform und Kraft ist, als das Gluͤck. Aber sie moͤchten wohl nur auf der Oberflaͤche bleiben mit ihrer Verurtheilung. Das Abthun eines Schmerzes ist nicht allein Entfernung der Unbehaglichkeit, es ist Trieb der Lebenskraft, welche das Genommene zu ergaͤnzen strebt, um im⸗ mer harmonisch und ruͤstig schaffend zu bleihen.
Ein aͤtherischer Lethestrom durchdrang mit jedem Athemzuge Goͤthe's ganzes Wesen, so daß er sich der Freuden maͤßig, der Leiden kaum erinnerte, er nahm Gutes und Schlimmes mit heidnischer Ge⸗ lassenheit hin und ließ es uͤber sich ergehen, wie Tag und Nacht.
„Alles gaben Goͤtter, die unendlichen, Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen ganz.“
in rastloser Thaͤtigkeit, in schneller Anwendung seines heilkraͤftigen Talents etwas, das ihm durch alle Zustaͤnde, uͤber Schmerz und Verlust hindurch half, und wofuͤr er Gott nicht genug danken konnte: „Denn wo der Mensch in seinem Gram verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide.“
Er wußte es, daß etwas im Menschen ist, das alle irdischen Be⸗ gebnisse uͤberschwebt und also uͤberschweben kann, wenn er sich nicht selbst aufgiebt; darum vermochte er, der so Viele uͤberlebt hatte — seinen Freunden, seinem Fuͤrsten, zuletzt noch seinem einzigen Sohn — das energische Wort der Zeit gefaßt und muthig zuzurufen: „Und vuͤber Graͤber, vorwaͤrts!“ 1 8 Zu dieser Fassung hatte Goͤthe sich aber erst hingearbeitet, denn der Ruhe heiliges unerschdpftes Gut lag urspruͤnglich nicht in sei⸗ nem ungeduldigen, lebhaften, fuͤr Alles empfaͤnglichen „leidenschaft⸗ lichen Wesen: aber das dunkel gefuͤhlte Beduͤrfniß nach ihr stand wie
Er fand
so ging sie aus seinem Herzen
. — ein letztes Ziel all' dieser Bewegungen in seiner Seele; er suchte die
goͤttliche Ruhe in sich herzustellen — sie in 19. in die Schoͤpfungen seines Geistes uͤber. Wir sehen Goͤthe ferner uneigennuͤtzig, dankbar, wohlthaͤtig, und die Ausstellungen oder Vor⸗ wuͤrfe Einzelner fallen, vor dem Eindruck seines Wesens und Ver⸗ haͤltens, wie es uns der Verfasser in allgemeinen Umrissen giebt, in
Nichts zusammen. I Viel mangelhafter ist Riemer’s Beweisfuͤhrung in Beziehung auf Göthe's Religidsitaͤt; insofern er sie naͤmlich als eine christliche bezeichnet, oder doch sie von dem Vorwurf reinigen will, als sey sie Hier bewegt sich die Darstellung in bestaͤndigen Wider⸗
dieses nicht. 2 spruͤchen, indem er einerseits beweist, wie thoͤricht der Anspruch,
2
Gothe soll ein Christ seyn, ist; und andererseits doch Jeden schilt, .. ihn nicht dafuͤr gelten laͤßt.
Man hat gerade in diesem Punkt durch unkritische Manier uͤber Goͤthe sehr viel Unhaltbares geschrieben. Um ihn zu einem Christen zu machen, haben viele das Christenthum zu der Goͤthischen Sphaͤre herabgezogen, andere ihn auf den waͤchsernen Schwingen einer ver⸗ fehlten Exegese seiner Schriften zu demselben aufsteigen lassen wol⸗ len. Hier sind seltsame Kuͤnsteleien zu Tage gekommen. War Goͤthe ein Christ? welcher Goͤthe? der jugendliche Freund Stilling's, Lava⸗ ter's, der Stolberge und des Klettenberg? oder der Reisende in Ve⸗ nedig und Rom? oder endlich der, welcher den 2ten Theil des Faust mit einer so seltsamen Erloͤsungs⸗Theorie beschloß? Will man Frag⸗ mente aus diesen sehr verschiedenen Perioden zusammenwerfen, so hat man endlich einen gemachten Goͤthe in der Hand, eine Fiction ohne Wesen. Ferner: wer ist uͤberhaupt ein Christ? schon der, welcher zwar Einiges aus der heiligen Geschichte fuͤr historisch haͤlt, Ande⸗ res gleich stark Verbuͤrgtes nicht; der das Christenthum als etwa Objiektives faßt, mit dem man sich gern befreundet, wenn seine Er scheinung schoͤn ist — oder nur der, welcher ergriffen von Glanz und Wahrheit der Erscheinung, wie die Psyche des Plato von den himm lischen Urbildern, es sich hier unten nicht mehr wohnlich machen kann, sondern befluͤgelt durch alle Sphaͤren auffahren moͤchte, dem Urbild nach? Diese letzte Ansicht meint nicht, daß das Christen thum eine Erscheinung sey wie die anderen, um objektiv daran vor uͤberzugehen, sondern wahrlich um dem Menschen unter allem Sub jektiven das Subiektivste zu werden. So lange man aber nicht fest stellt, was ein Christ sey, und wann Goͤthe es gewesen seyn solle laͤßt sich im Spiele der schwankenden Begriffe nichts klar erkennen
Goͤthe war, sagt unser Verfasser, kein Atheist; er glaubte arn einen Gott, es war aber sein Gott, wie ein Jeder seinen eige⸗ nen hat; und er war ihm nicht außer der Natur, sondern der Kern der Natur. Gott war ihm keine Person, wie er ihm auch keine Ge⸗ stalt verleihen konnte. Er war nicht nur religioͤs, er war auch romm: „In unßres Busens Reine wogt ein Strehen Sich einem Hoͤhern, Reinern, Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Entraͤthselnd sich den ewig Ungenannten:
Wir heißen's Frommseyn.“
Die Froͤmmigkeit aber ist ihm nicht Zweck und Mittel, um durch die reinste Gemuͤthsruhe zur hoͤchsten Kultur zu gelangen. Di hoͤchste Kultur ist ihm Weisheit, die Weisheit ist nur in der Wahr⸗ heit, die Wahrheit ist Gott!“
Riemer sagt ferner: „Goͤthe war demnach auch Christ, wenn auch kein kirchlicher“ dies Christenthum (selbst nach Riemer's Schil derung) besteht aber nur in dem Glauben an das historisch Wahre, in dem Wohlgefallen an dem asthetisch Schoͤnen der geistigen Ge⸗ stalt Christi; seine Liebe fuͤr die erste christliche Kirche in der Freude an dem „Reizenden was jede Religion in ihrem Werden fuͤr ihn hat.“ Er ist der Meinung, die Verbreitung der Bibel sey schaͤdlich in dogmatischen Sinne; es giebt fuͤr ihn nur zwei wahre Religio⸗ nen, die eine, die das Heilige, das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schoͤnsten Form anerkennt und anbetet; und Alles, was dazwischen liegt, ist Goͤtzendienst. — Er ist unendlich gluͤcklich, am Ende seiner Tage von einer Sekte, der Hyp⸗ sistarier, zu erfahren, daß diese das Beste, Vollkommenste was zu ih⸗ rer Kenntniß gelangte, zu schaͤtzen, zu bewundern, zu verehren und, insofern es mit der (Gottheit in nahem Verhaͤltnisse stehen muͤsse, anzubeten sich erklaͤrten. Er fuͤhlte, daß er Zeitlebens getrachtet habe, zum Hypsistarier sich zu eignen. 1
Wir verweilen bei dem Kapitel der Religidsitaͤt nicht laͤnger: es ist das schwaͤchste des ganzen Buchs. Der Verfasser haͤtte fuͤhlen sollen, daß sich in unserer Zeit dergleichen Dinge nicht mehr mit so grobem Pinsel behandeln lassen. b
Meteorologische Beobachtungen.
' Nachmittags 2 Uhr
1841. 5. Oktober.
Luftqdruck .... 329,01“ Par. 329,21“ Par. 329,75 Par. + 11,4 R. + 16,30 R. + 9,70 n. + 8,30 R. + 9,1° K. +† 9,00 k. Dunstsättigung 79 pCt. 61 pCt. 91 pCt. Wetter balbheiter. heiter. neblig. eh“ SSW. SSW. I SW. Ferrehren hann,ug Wolkonzug. .. — SSW. — + 6,80. Tagesmittel: 329,32 Par. + 12,1° K.. † 8/8° R... 79 pct. sw.
Morgens
6 Uhr.
Abends V Nach einmaliger
10 Uhe.
Beobachtung.
Quellwärme 8,20 R.
Flusswärme 12,90 R. 13,30 R. Ausdünstung 0,04 1 Rh. Niederschlag 0,070“ Rh.
Luftwärme . ..
Thaupunkt ... V Bodenwärme
Auswärtige Börsen.
Amsterdam, 2. Okt. Niederl. wirkl. Schuld 5I. Kanz. Bill. 25 ¾20. 5 % Span. 19 ½. Passive. 5 7†2. Präm. Sch. Pol. —. Oesterr. —.
Antwerpen, 1. 0Okt. Zinsl. Neue Anl. 19 ¼ (
Hamburg, 4. Okt. Bank-Actien 1605 Br. Eugl. Russ. 108 ½.
ET15. Rente fu cour. 114. 80. 3 % Rente 86 79. 40. S5 Neapl. fin cour. 105. 20. 5 ½ Span. Rente 23 ½. Passive 5³ 8 3 9 Port. —.
Petersb Durg, 28. Sept. Lond. 3 Met. 39. Poln. à Par. 300 PFl. 69 ¼. do. 500 Fl. —. do. 200 Fl. 25 ½.
Wien, 1. 0kt. 5 ½ Met. 106 %⁄2. 4 ½ 98 ½. G 19 —. Bank-Actien 1565. Anl. de 1834 —. de 1839 273
5 % do. 100 ½½
16 .„ Ansg. —. Linel Preuss,
Hamb. 34 22 . Paris 412.
Königliche Schauspiele.
Donnerstag, 7. Okt. Im Opernhause: Auf Begehren:— helm Tell, Schauspiel in 5 Abth., von Schiller. 3
Im Schauspielhause: Pour Pouverture du théatre francais et la première représentation de labonnement. 1) Heuri Ha melin, comédie en 3 actes, du théâtre da Gymnase, par M. Souvestre. 2) Le tyran d'une femme, vaudeville nouveau en 1 acte, par M. Bayard.
Freitag, 8. Okt. Im Opernhause: Die Nachtwandlerin, Oper in 3 Abth., mit Solotanz. Musik von Bellini. (Dlle. Tuczek, vom K. K. Hof⸗Operntheater zu Wien: Amine.) Dlle. Wagon wird hierin in einem Pas de deus mit Herrn Reichner wieder auftreten.
Sonnabend, 9. Okt. Im Schauspielhause: Zum erstenmale: Die beiden Aerzte, Lustspiel in 3 Abtheilungen, von A. Baumann. Hierauf: Der Empfindiiche. 9
Königsstädtisches Theater. Donnerstag, 7. Okt. Wibourg. Lustspiel in 4 Akten, von Clauren. (Neu einstudirt.) (Herr Rode, vom Theater zu Breslau: Fuͤrst von Wibourg, als Gast.) Hierauf: List und Phlegma. Lustspiel in 1 Akt, frei nach Patrat, von L. Angely. Freitag, 8. Okt. Eulenspiegel, oder Schabernack uͤber Scha⸗ bernack. Wiener Lokal-Posse mit Gesang in 4 Akten, von . Nestroy. Sonnabend, 9. Okt. (talienische Opern-Vorstellung.) II Turco in Italia. (Der Tuͤrke in Italien.) Opera buffa in 2 Atti. Musica del Maestro Rossini.
Verantwortlicher Redacteur Dr. J. W. Zinkeisen. Gedruckt in der Deckerschen Geheimen Ober⸗Hofbuchdruckerei.
Der Wollmarkt, oder: Das Hotel de
Fiti 8 8
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Oktober
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No. 279.
Amtliche Nachrichten. 1 1 Frankreich. Paris. Die Belgischen Unterhandlungen nicht ab gebrochen, sondern blos aufgeschoben. — Die Vorstellung des Engli⸗ schen Kabinets wegen Tunis ungegruͤndet. — Noch Einiges zur Ent⸗ scheidung der Frage uͤber die Gesetzlichkeit der Registrirung. — LCord Cowley. — Vermischtes. 8 G0nd Efenmken und Irland. London. Ruͤckkehr der Herzogin von Kent. — Pairs⸗Kreirungen der Whigs. — Personalitaͤten des neuen Ministeriums. — Ausruͤstung von Schiffen. — Bau⸗Projekte und Finanz⸗Vorschlaͤge fuͤr Kanada. — Bestimmungen der Blokade von Cartagena. — Fortschritte der Kolonisicung Neu⸗Seelands. — — Vermischtes. — Schreiben aus London. (Fabriknoth und Stocken im Handel; Vermischtes.) 1 Niederlande. Haag. Generalstaaten. — Entlassungs⸗-Gesuch des Praͤsidenten der Handels⸗Maatschappy. Belgien. Bruͤssel. Die Koͤnigl. Familie nach Antwerpen gereist. Dentsche Bundesstaaten. Muͤnchen. Ruͤckkunft der Koͤnigl. Familie. — Ernennung des Ober⸗Bauraths von Gaͤrtner zum Di⸗ rektor der Kunst Akademie. — Bayerische Lokomotive. — Stutt⸗ gart. Fuͤrst Metternich. — Steine zum Koͤlner Dombau. — Hannover. Ankunft des Herzogs von Braunschweig. — Kassel. Truppen-Musterung. — Weimar. Inspection des Bundes⸗Kon Spanzen. Schreiben aus Madrid. (Einige Aufklaͤrungen uͤber die Ruͤckkehr des Infanten Don Francisco de Paula; Herr von Salvandy als Französischer Botschafter; Vermischtes.) Inland. Glogau. Verweilen Sr. Majestaͤt am 4. Oktober. — Gruͤnberg. Durchreise Sr. Majestaͤt. — Breslau. Bekannt⸗ machung des Ober⸗Praäsidenten, ein huldreiches Schreiben Sr. Ma jestaͤt enihaltend. — B reslau. Vorlesungen an der Universitaͤt. — Stettin. Ungluͤcksfall auf der Oder. 8 Wissenschaft, Kunst u. Literatur. Riemer uͤber Goͤthe. (Schluß.) 1
1
Amtliche Nachrichten. Kronik des Tages.
Se. Majestaͤt der Koͤnig haben Allergnaͤdigst geruht: Den Appellationsgerichts⸗Assessor Dr. Heimsoeth zum Staats⸗Prokurator in Trier; Den bisherigen Regierungs⸗Assessor Valentin Salkowski in Bromberg zum Regierungs⸗Rath zu ernennen; und Der Saͤngerin Amalie Haͤhnel den Titel einer Kammer⸗ saͤngerin zu verleihen.
Ihre Koͤnigl. Hoheiten die Prinzen Wilhelm Adalbert und Waldemar sind von Schloß Fischbach in Schlesien hier eingetroffen.
Dem Kaufmann Ferdinand Gropius in Berlin ist un— ter dem 4. Oktober 1841 ein Patent auf eine neue Construction von Polster⸗-Waaren nach der davon deponirten Zeichnung 1 auf Fuͤnf Jahre, von jenem Tage an gerechnet und fuͤr den Um— fang der Monarchie, ertheilt worden.
Dem Maschinenbauer Martin Hirtz zu Berlin ist unter 1. Oktober 1841 ein Patent auf die durch Zeichnung und Beschreibung dargelegten an den Streckwerken und Drathziehmaschinen angebrach— ten Vorrichtungen zum Erwaͤrmen des Zinks waͤhrend der Verarbeitung desselben zu runden Stangen und Draht 88 fuͤr den Zetrraum von Fuͤnf Jahren, von jenem Tage an gerech⸗ net und den Umfang der Monarchie, ertheilt worden.
dem
Angekommen: Se. Excellenz der Wirkliche Geheime Rath, General⸗Major, Graf zu Stolberg-Wernigerode, aus Schlesien. 1“ “ 1
Der Hof⸗Jaͤgermeister, Major Graf von Kleist vom Loß, von Neuzelle. h- 3 b
Der Kaiserl. Russische Geheime Rath, außerordentliche Ge⸗ sandte und bevollmaͤchtigte Minister am Kaiserl. Tuͤrkischen Hofe, von Butenieff, von Frankfurt a. M.
Zeitungs-Nachrichten. Ausland.
Frankreich.
Paris, 2. Okt. Der Moniteur pa risi en enthaͤlt fol⸗ gende Erklaͤrung: „Mit Unrecht haben einige Journale gemeldet, daß die Unterhandlungen mit Belgien in Betreff eines Handels⸗ Traktates abgebrochen worden waͤren. Man ist nur von beiden Seiten zu der Ueberzeugung gelangt, daß eine umfassendere Präͤ⸗ fung nothwendig sey.“ 1I resse bemerkt hierzu: „Der Moniteur parisien hat recht: die Belgischen und Franzoͤsischen Kommissarien haben nicht mit einander gebrochen; aber die Loͤ⸗ sung aller ihrer Pruͤfung anvertrauten Fragen ist verschoben wor— den. Die Reclamationen Belgiens bezogen sich auf die drei wich⸗ tigsten Artikel unserer Tarife: auf Eisen, Kohlen und Leinenzeuge. Es sehlen nun aber genaue Angaben, um auf eine bestimmte Weise die gegenwaͤrfige Lage der verschied nen Industrieen fest⸗ zusetzen, welche bei jener dreifachen Frage betheiligt sind. So sind z. B. die Fabrications⸗Preise des Eisens in beiden Laͤndern noch proble⸗ matisch. Die Einen behaupten, daß Belgien uns sein Eisen sehr billig liefern koͤnne; die Anderen hestreiten diese Behauptung und versichern, daß die Franzöͤsischen Huͤttenbesitzer noch hinlaͤnglichen Vortheil haben wuͤrden, selbst wenn sie die Preise herabsetzten. Wie soll man bei so widersprechenden Behauptungen das Wahre ermit⸗ teln? Es bleibt nichts uͤbrig, als genaue Untersuchungen anzu⸗ stellen. Es scheint daher, daß die beiden Regierungen jetzt vor⸗
—
nicht ab⸗
laͤufig kompetente Maͤnner zu Rathe ziehen wollen; die öͤffentliche Eroͤrterung wird eroͤffnet, Dokumente werden gesammelt werden, und man wird sich von beiden Seiten bemuͤhen, die gegenseitige Lage der gegenuͤberstehenden Interessen auf eine bestimmte Weise festzusetzen. Zu diesem Ende sind die Unterhaͤndler uͤbereingekom⸗ men, ihre Konferenzen einstweilen einzustellen. Was die Besorg⸗ niß betrifft, daß die Belgische Regierung dasjenige, worauf Frank⸗ reich warten laͤßt, von Deutschland verlangen werde, so halten wir dieselbe fuͤr grundlos. Wir haben dazu meh⸗ rere Gruͤnde. Zuerst hat Belgien selbst durch seine Kommissarien die Nothwendigkeit einer Vertagung anerkannt; dann ist es zwei⸗ felhaft, ob Deutschland die Vorschlaͤge Belgiens annehmen wuͤrde,
muͤssen. Drittens begreift Belgien sehr wohl, daß es bei einem solchen Arrangement, wenn es zu Stande kaͤme, mehr verlieren als gewinnen wuͤrde. In dem gegenwaͤrtigen Zustande der Dinge belaͤuft sich der Handels-Verkehr zwischen Frankreich und Belgien
nur auf 50 Millionen. An dem Tage, wo sich Belgien von uns entfernen und sich Deutschland naͤher anschlißen wuͤrde, duͤrften wir ihm durch die Erhoͤhung unserer Tarife einen Schaden zu⸗ fuͤgen, der seine Finanzen auf das empfindlichste treffen wuͤrde. Belgien wuͤrde daher einen wichtigen Abzugsweg verlieren, ohne dafuͤr in Deutschland eine ernste Enschaͤdigung zu finden.“
Der Moniteur parisien widerspricht der (gestern mitge— theilten) Angabe einer Londoner Korrespondenz, wonach Lord Aberdeen sich mißbilligend uͤber die Einmischung Frankreichs in die Tunesischen Angelegenheiten geaͤußert habe. Es sey, bemerkt der Moniteur parisien, an der ganzen Mittheilung des Lon⸗ doner Korrespondenten nichts Wahres.
Der Koͤnigliche Gerichtshof von Riom hat die „Gazette d'Au⸗ vergne“ unter der Anklage, zum Ungehorsam gegen die Gesetze aufgereizt zu haben, vor den Assisenhof gewiesen. Diese Entschei⸗ dung wird von mehreren Oppositions⸗Journalen lebhaft ange⸗ griffen, indem sie behaupten, daß die Aufforderung zum Wider⸗ stande gegen die Registrirung keine Aufreizung zum Ungehorsam gegen die Gesetze sey, die Presse sagt in dieser Beziehung: „Es kommt darauf an, ob die Registrirung gesetzlich oder ungesetzlich ist? Wenn sie gesetzlich ist, so leidet es keinen Zweifel, daß, wenn man zum Widerstande gegen die Registrirung auffordert, man zum Ungehorsam gegen die Gesetze reizt und man wegen dieser That⸗ sache bestraft werden kann. Nun hat aber der Gerichts⸗ hof von Rouen sich fuͤr die Gesetzmaͤßigkeit der Regi⸗ strirung ausgesprochen, er mußte daher diejenigen vor verweifen, welche den Widerstand gegen dieselben gepredigt hatten. Chikane entgegen. Die „Gazette d'nluvergne“, sagt man, hat eben jene Gesetzlichkeit der Registrirung bestritten und zum Widerstande gegen dieselbe aufgefordert, weil sie sie fuͤr ungesetzlich hielt. Das ist in der That eine wunderbare Logik, mit Huͤlfe welcher es im⸗ mer moͤglich seyn wuͤrde, zum Ungehorsam gegen die Gesetze zu reizen, wenn man die Vorsicht gebrauchte, ihre Existenz und ihre Anwendung zu bestreiten. Uebrigens kann dieser Zwischenfall eine neue Phase in jener großen Angelegenheit der Registrirung wer⸗ den. Nach den General-Conseils nehmen jetzt die Koͤniglichen Gerichtshoͤfe Partei fuͤr die Gesetzlichkeit jener Maßregel, — die Koͤniglichen Gerichtshoͤfe, welche sicherlich in Sachen der Gesetz⸗ lichkeit die kompetenteste Autoritaͤt sind. Jetzt haben sich nur noch die Kammern auszusprechen, deren Entscheidung, wie wir nicht zweifeln, in demselben Sinne ausfallen wird. Möge nun die Jury freisprechen oder urtheilen, die Erklaͤrung des Koͤniglichen Gerichtshofes von Riom uͤber die Frage wegen der Gesetzlichkeit kann nicht mehr umgestoßen werden. Sie ist eine schlagende Ant⸗ wort auf so viele und verderbliche Declamationen. Die ministeriellen Blaͤtter bestaͤtigen heute die zuerst von dem
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Man setzt seiner Entscheidung eine seltsame
denn es hat seinerseits auch Interessen, die beruͤcksichtigt werden
auf 120 — 125 Millionen und zwischen Belgien und Deutschland
5b stuͤtzen, selbst wenn der Marschall Soult im Besitz des Kriegs⸗ Ministeriums bliebe.“ Dem Herrn Serrurier, Pair von titel verliehen worden. ¶Nio „fprosf 9 G 1 7 D te Akten in Betreff des Cassations⸗Gesuches, welches Ma⸗ dame Laffarge gegen das Urtheil des Tribunals von Tulle ein⸗ gereicht hat, sind bei dem Greffier des Cassationshofes eingetrof⸗ sen. Herr Saint⸗Laurent, Rath am Cassationshofe, ist zum Be⸗ richterstatter ernannt worden. 1
Frankreich, ist der Grafen⸗
3 Großbritanien und Irland.
London, 2. Okt. Die Herzogin von Kent ist gestern fruͤh von Ostende in England eingetroffen; Ihre Koͤnigl. Hoheit hielt sich in London nur kurze Zeit auf und begab sich dann sogleich nach Schloß Windsor. 1
Der Courier wirft den Whigs vor, daß sie seit zehn Jah⸗ ren nicht weniger als 89 neue Pairs (38 unter Lord Grey's und 51 unter Lord Melbourne's Verwaltung) kreirt haͤtten, waͤhrend aus dieser großen Zahl nur zwei, die Lords Brougham und Cot tenham, auf eine solche Auszeichnung wirkliche Anspruͤche gehabt haͤtten.
Der Globe greift neuerdings zwei untergeordnete Mitglie⸗ der des neuen Ministeriums heraus, Herrn William Eward Glad⸗ stone, Vice⸗Praͤsidenten der Handels⸗Kammer und Muͤnzmeister, und Herrn Manners Sutton, Unter-Staats-Secretair des In— nern, um an ihnen zu zeigen, daß Sir R. Peel in der Zusam⸗ mensetzung seiner Verwaltung weder die ihm nachgeruͤhmte große Menschenkenntniß, noch die zarte Ruͤcksicht auf gute Sitten be⸗ wiesen habe, mit welcher die Tory-Partei prunke. „Herr Glad- stone“, sagt das genannte Blatt, „der Sohn eines reichen, in Wahlumtrieben wohlerfahrenen Westindien⸗Kaufmanns in Li⸗ verpool und einer von den Ernennlingen des Herzogs von Neweastle fuͤr seinen Familien⸗Wahlflecken Newark, hat sich sehr beruͤhmt gemacht durch seine theologischen Schriften, in de⸗ nen er die Lehrsaͤtze der Puseyschen Schule und die verkehrtesten Thesen zu Gunsten der hochkirchlichen Geistlichkeit verficht. Nach Herrn Gladstone's voluminosem Buch uͤber diese vielbesprochene Frage ist die apostolische Nachfolge der Kirche von England ganz klar nachweisbar, und der Klerus dieser Kirche besitzt sofort ein ausschließliches Recht, Gottes Wort zu predigen, die Sakra⸗ mente zu spenden und Geistliche zu ordiniren. Die Geistlichen aller anderen Bekenntnisse sind bloße Praͤtendenten, sie und ihre Heerden sind Betruͤger und Betrogene, schuldig der Suͤnde des Schisma, und die wahre und einzige Kirche, die Anglikanische, darf dieselben jederzeit strafen als Abtruͤnnige vom Geist. Bei diesen Ueberzeugungen ist Herr Gladstone nur konsequent, wenn er eine der ganzen Bevoͤlkerung des Reiches angemessen
Courrier français gegebene Nachricht von der Ernennung
des Lord Cowley“*) zum Englischen Botschafter in Paris. „Lord Cowley“, sagt die Presse, „hat schon einmal unter dem ersten Ministerium des Sir Robert Peel im Jahre 1835 als Englischer Botschafter in Paris fungirt. Es ist ein verstaͤndiger, gemaͤßigter hund loyaler Mann, dessen Haltung, waͤhrend der 6 Wochen, wo zer sich an der Spitze der Britischen Botschaft befand, nicht pas⸗ sender seyn konnte. Es boten sich dem Londoner Kabinette zur Besetzung jenes Postens viele Kandidaten dar, Lord Cowley ver— dankt der wohlbekannten Neigung der Franzoͤsischen Regierung fuͤr ihn den Vorzug, den er vor allen anderen erlangt hat.“
Der Koͤnig ist aus dem Lager von Compiègne wieder in Paris eingetroffen.
Der Temps versichert, daß der Minister der auswaͤrtigen Angelegenheiten vom Spanischen Kabinette einige Mittheilungen
rhalten habe, welche zu einer ziemlich heftigen Korrespondenz An⸗ zlaß gegeben haͤtte, in Folge welcher beschlossen worden sey, daß Herr von Salvandy sich nicht eher auf seinen Posten nach Ma⸗ drid begeben solle, bis diese Schwierigkeiten beseitigt waͤren. (Vergl. unten Schreiben aus Madrid.) “
Es zeigen sich wieder Symptome von Handwerker-Coalitio⸗ nen. Gestern sollen sich gegen 2000 Arbeiter aus verschiedenen Tapeten⸗Fabriken entfernt und sich in Menilmontant versammelt haben, um uͤber eine Erhoͤhung ihres Arbeitslohnes zu berathen.
Ein hiesiges Journal will wissen, daß Herr Thiers sich gleich nach seiner Ruͤckkehr folgendermaßen gegen seine Freunde geaͤußert haͤtte: „Wir werden aus der Anarchie im Innern und
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aus dem Mißkredit im Auslande nur durch eine neue parlamen⸗ tarische Coalition herauskommen. Wenn die Herren Dufaure und Passy, unabhaͤngig von dem Kabinet vom 29. Oktober, ein Mini⸗ sterium bilden wollen, so muß man die Hand dazu bieten; ein sol⸗ ches Ministerium wird immer besser seyn, als das jetzige. Ich werde gern im Hintergrunde bleiben und jene Combination unter⸗
8 *) Lord Cowley ist der juͤngere Bruder des Herzogs von Wel⸗ lington. Der Marquis von Wellesley, aälterer Bruder des Herzogs, ist jetzt 81 Jahr, der Herzog selbst 72 Jahr und der Lord Cowley 68 Jahr alt. Der Letzte ist ebenfalls Pair von Großbritanien, wie seine Bruͤder; er hat den Baron⸗Ditel.
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Kirchen⸗Ausdehnung als gebieterische Staatspflicht dem Parla⸗ mente ans Herz legt. Aber was wird der Premier⸗Minister mit dieser in Verlegenheit setzenden Frage und ihren laͤstigen Wort fuͤhrern anfangen? Dieser Herr Gladstone nun ist einer von den Heiligen der neuen Administration, aber wie nach dem Spruͤchwort der Teufel sich gern hinter das Kreuz versteckt, so steht dicht ne— ben ihm der ehrenwerthe Junker C. M. Sutton, des Viscount Canterbury wohlgerathener Sohn, der nichts weniger als ein Hei⸗ liger ist und ganz und gar der fuͤr sein Amt erforderlichen per⸗ sonlichen Achtung ermangelt, und Sir R. Peel haͤtte ihn um so weniger anstellen sollen, als Lord Melbourne ihm mit einem gu⸗ ten Beispiel fuͤr solche Faͤlle vorausgegangen war. Da naͤmlich ein untergeordnetes Mitglied des Melbourneschen Ministeriums sich so tief in Schulden steckte, daß die Sache allgemein bekannt wurde, bedeutete ihm Lord Melbourne, daß er seine Entlassung zu nehmen habe.“
Auf den Englischen Werften wird fortwaͤhrend eine betraͤcht⸗ liche Anzahl Schiffe fuͤr auswaͤrtige Stationen ausgeruͤstet, dar⸗ unter viele Kriegs⸗-Dampfboote. In Woolwich liegt die Dampf⸗ Fregatte „Devastation“ segelfertig. In Portsmouth landete dieser Tage das Transportschiff „Apollo“ das von Quebek zuruͤckkehrende 32ste Infanterie⸗-Regiment.
Einer der letzten Verwaltungs-Akte Lord Sydenham's in Kanada war, daßz er in einer Botschaft an die vereinigte Legis⸗ latur einige bedeutende Verbesserungs⸗Maßregeln fuͤr die Provin⸗ zen anempfahl, denen selbst Tory⸗Blaͤtter das Lob ertheilen, daß dieselben, wenn sie zur Ausfuͤhrung kaͤmen, die Wohlfayhrt der Kolonie sehr heben wuͤrden. Die vorzaͤglichsten derselben sind: die Vervollstaͤndigung des Welland⸗Kanals; die Herstellung einer Verbindung zwischen Kingston und Montreal durch Schooner und Dampfboͤte auf dem St. Lorenzstrom; Verbesserung der Schifffahrt zwischen Quebek und Montreal, desgleichen auf dem St. Peter⸗See und dem Richelieu-Flusse; Errichtung von Gleit⸗ bahnen fuͤr Zimmerholz und andere Strombauten am Ottawa; Erbauung eines Hafens und mehverer Leuchtthuͤrme am Erie⸗See und Verbesserung des Hafens der Burlington⸗Bay; Anlegung großer Straßenlinien von Quebek nach Amhurstburgh und Port Sarnia von Toronto nach dem Huron⸗See. Die große Schwierigkeit der Ausfuͤhrung dieser riesenhaften Plaͤne liegt nur in der Aufbrin⸗ gung der noͤthigen Fonds. „In dieser Hinsicht“, sagt die Mor⸗ ning Post, „macht der Gouverneur sehr kluge Vorschlaͤge; nament⸗ lich um fuͤr die Zinsen der Kolonialschuld zu sorgen, welche jetzt sehr hart auf die Kolonisten druͤcken und den ganzen Ueberschuß des Einkommens verschlingen, empsiehlt er die Konversion der Schuld, dazu Regelung der Zöͤlle und die Errichtung einer Bank. Die Vortheile der letzten Maßregel wuͤrden darin bestehen, daß die Geschaͤfte der jetzigen Privatbanken in Einem großen Natio⸗ nal⸗Institut ausgingen und das Recht der Emittirung von Pa⸗ piergeld, welches jetzt Individuen und Privatbanken ausuͤben, auf eine Quelle beschraͤnkt wuͤrde. Der Grundsatz, nur Eine Emitti⸗ rungs⸗Bank zu haben, der in England so oft debattirt worden, scheint nun in Kanada auf dem Punkt der Anerkennung zu ste⸗ hen, und die in den Vereinigten Staaten gemachte Erfahrung moͤchte allerdings dafuͤr sprechen.“ 33
Die Hauptbestimmungen der von der insurrectionellen Regi⸗ rung des Neu⸗Granadischen Staates Manzanares gegen Cartagena angeordneten Blokade, von der man uͤbrigens nicht weiß, ob sie