nach fortbesteht oder schon wieder aufgehoben ist, waren folgende: Alle Schiffe aus saͤmmtlichen Laͤndern Europa's duͤrfen 80 Tage lang, von Veroͤffentlichung des vom 14. Juli datirten Dekrets an, unbelaͤstigt in den Hafen einlaufen, welche Waaren sie auch bringen moͤgen; den Schiffen aus den Vereinigten Staaten wer⸗ den 40, denen aus Westindien 20 Tage bewilligt. Auch nach Ablauf der obgedachten Termine sollte fremden Schiffen das Ein⸗ laufen in den Hafen gestattet seyn, wenn der Chef des Blokade⸗ Geschwaders sich zuvor uͤberzeugt haͤtte, daß sie keine Mundvor⸗ raͤthe oder Kriegsmunition an Bord haben, welche die Uebergabe der Stadt zu verzoͤgern geeignet waͤren. Im Gegentheil aber sollten solche Schiffe genoͤthigt werden, sich vom Hafen zu ent⸗ fernen, und wenn sie darauf bestaͤnden, das Einlaufen zu erzwin⸗ gen, so sollte ihre Versenkung durch die Schiffe des Blokade⸗Ge⸗ schwaders erfolgen.
Die Ausfuͤhrung der Entwuͤrfe zur Colonisation von Neu⸗ Seeland wird jetzt thaͤtig betrieben. Dieser Tage gaben die Di⸗ rektoren der Gesellschaft fuͤr diese Kolonie ein großes Dejeuner in einer Taverne an der Themse zu Ehren der bevorstehenden Ab⸗ fahrt der ersten Kolonisten, etwa 1000 an der Zahl, welche das Etablissement Nelson auf Neu⸗Seeland begruͤnden sollen. Drei Schiffe der Expedition lagen elegant verziert der Taverne gegen⸗ uͤber vor Anker. Fuͤr die Ueberfahrt sind den Auswanderern alle moͤglichen Bequemlichkeiten gesichert. Mehrere junge Leute von guter Familie gehen mit der Expedition ab, die von Capitain Bolton befehligt wird. Dem oben erwaͤhnten Dejeuner wohnte auch der Herzog von Susser bei.
Die Berichte aus Manchester, Leeds, Halifar und Bradsord melden im Allgemeinen, daß jetzt mehr Geschaͤfte gemacht werden, daß aber die Preise noch sehr niedrig sind und die Auslage und Arbeit nicht genuͤgend lohnen. Zu Leicester sind die Geschaͤfte be⸗ schraͤnkt, und zu Bolton ist nicht die mindeste Besserung eingetre⸗ ten. Die Zahl der unbewohnten Haͤuser waͤchst mit jedem Tage.
Vom 1. bis 20. September sind 60 mit Getraide beladene Schiffe, meist aus Frankreich kommend, zu Plymouth eingetroffen.
Die Geistlichen und Aeltesten der verschiedenen protestantischen Sekten in Glasgow und der Umgegend haben neulich beschlossen, gegen die beabsichtigte Befahrung der Edinburg⸗Glasgower Eisen⸗ bahn an Sonntagen in einer Denkschrift an die Direction zu pro⸗ testiren.
H London, 30. Sept. Ein Gegenstand von der hoͤchsten politischen Wichtigkeit im gegenwaͤrtigen Augenblicke ist die in den Manufaktur⸗Distrikten herrschende Noth, die, aller Wahrscheinlich⸗ jeit nach, fuͤr die naͤchste Zeit noch immer zunehmen wird. Die im Unterhause und bei den öoͤffentlichen Versammlungen abgestat⸗ teten Berichte sind beunruhigender Art, vornehmlich weil der Win⸗ ter vor der Thuͤr ist und der Arme doppelt durch Hunger und Kaͤlte zu leiden hat. Herr Steward, Schottisches Parlaments⸗ Mitglied, sagte aus, daß in einer Stadt in Schottland, welche 16 Baumwollen⸗Fabriken besitzt, nur 4 im Gange seyen. In einer Petition von Paisley heißt es, daß daselbst Bankerotte bis zum Belaufe von 700,000 Pfd. ausgebrochen, daß 650 Familien⸗ Vaͤter ohne Arbeit seyen und 1200 Webestuͤhle stille staͤnden. Herr Gibson, Parlaments⸗Mitglied fuͤr Manchester, bemerkte, daß die dortigen Magazine mit Waaren uͤberfuͤllt seyen, die keine Kaͤu⸗ fer faͤnden, Insolvent⸗Erklaͤrungen und Bankeroͤtte kaͤmen taͤglich vor, und Tausenden fehlte es an Unterhalt; im Distrikt von Man⸗ chester, fuͤgte er hinzu, lebten 8000 Personen, welche die Woche hindurch nicht mehr als 15 Pence fuͤr ihren Unterhalt haͤtten.
Sir Robert Peel erwiederte, daß er sehr gut wisse, wie groß die Noth sey, daß es aber vor Allem noͤthig sey, die Ursachen derselben in Erwaͤgung zu ziehen, um den Grund zur Abhuͤlfe le⸗ gen zu koͤnnen. Er schrieb die Noth einem System der Ueber⸗ treibung der Fabrication und dem uͤbermaͤßigen Ausgeben von Banknoten zu. Durch die den Fabrikanten gegebenen bedeuten⸗ den Vorschuͤsse habe man dem Gewerbe einen uͤbermaͤßigen An⸗
trieb gegeben: es waͤren Fabriken errichtet und Maschinen ange⸗ schafft und dieselben dann als Sicherheit fuͤr das vorgeschossene Geld angewiesen worden.
Dies sind unstreitig die wahren Ursachen des gegenwaͤrtigen betruͤbenden Zustandes der Dinge und es ist vernuͤnftiger Weise nicht zu erwarten, daß eine neue Regierung sogleich Abhuͤlfe schaffen oder nur ein Mittel dazu vorschlagen koͤnne. Selbst wenn Sir Robert Peel den Getraide⸗Handel frel gaͤbe und unsere Haͤ⸗ sen zu dem festen Zoll von 8 Sh. den Quarter unverzuͤglich oͤff⸗ nete, so wuͤrde die unmittelbare Folge nachtheilig fuͤr die Armen seyn, denn jetzt kann das Getraide bei der fluktuirenden Skala zu einem Zoll von 1 Sh. eingefuͤhrt werden.
Sir Robert Peel sagte, er sehe nicht ein, welchen praktischen Nutzen es haben koͤnne, wenn er partielle Aufschluͤsse gebe uͤber die von ihm zu ergreifenden Maßregeln; er forderte das Haus auf, ihm hinreichende Zeit zu lassen, sich mit dem Zustande des Landes bekannt zu machen und die Plaͤne, welche er vorzulegen beabsichtige, reiflich zu uͤberlegen.
Der Hof befindet sich noch immer in Windsor; in der letzten Woche war Sir Robert Peel und seine Gemaͤhlin mehrere Tage zum Besuche dort. Prinz Albrecht beschaͤftigt sich mit der Jagd, ꝛe oft das Wetter es erlaubt, und die junge Kronprinzessin macht taͤgliche Spazierfahrten in ihrem Phaecton. Der Herzog von Susser, der Graf von Aberdeen, der Tuͤrkische Botschafter und der Baron Stockmar haben in Windsor Besuche abgestattet.
Gestern gab der alte Lord-Mayor dem neugewaͤhlten Lord⸗ Mayor und den Sheriffs ein Diner in Mansion House. Der Admiral Stopsord und der Commodore Napier beruͤhrten in den von ihnen gehaltenen Reden mehrere Ereignisse in den Kaͤmpfen an der Syrischen Kuͤste und der Erstere erwaͤhnte ruͤhmend der Dienste des Oesterreichischen Admirals Bandiera.
Vor einigen Tagen zeigte der Direktor der Southampton⸗ Eisenbahn an, daß eine besondere Fahrt nach Southampton, 60 Englische Meilen von London, stattsinden solle, wo ein Dampfboot die Reisenden aufnehmen, eine Fahrt um die Insel Wight machen und sie nach Southampton zuruͤckbringen werde, von wo sie dann
auf der Eisenbahn nach London zurüͤckkehren koͤnnten. Mehr als 100 Personen nahmen an dieser Fahrt Theil. Der Zug verließ London um 7 Uhr Morgens, traf um 9 Uhr in Southampton ein, und um 9 Uhr Abends waren die Reisenden wieder in Lon⸗ don. Solche Fahrten duͤrften in der naͤchsten Saison haͤufig ge⸗ macht werden. qq6E “
Aus dem Haag, 2. Okt. Bei Untersuchung des neuen Instructions⸗Entwurfes fuͤr die allgemeine Rechnungs⸗Kammer ist in einer Section der zweiten Kammer der Generalstaaten der Einwand erhoben worden, daß, da derselben gaͤnzlich unbekannt sey, aus welchen Gruͤnden die erste Kammer den fruͤheren Ent⸗ wurf abgelehnt, sie auch unmöͤglich beurtheilen koͤnne, ob die neue Instruction sich besser zur Annahme eigene. Es ergebe sich aus
diesem Verhaͤltniß ein Uebelstand, dem durch die Landes⸗Verfassung nicht vorgesehen sey, und es verdiene dies die ernstliche Erwaͤgung der Regierung.
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Se. Majestaͤt der Herr Graf von Nassau wird, nachdem Hoͤchstderselbe einige Wochen im Loo und im Haag verweilt, als⸗ dann wieder nach Berlin zuruͤckkehren, um dort den Winter zu⸗ zubringen.
Der Praͤsident der Handelsmaatschappy hat seine Entlassung verlangt. Als Grund wird das hohe Alter desselben angegeben, Viele versichern jedoch, daß man den Grund in der Unmöͤglichkeit suchen muͤsse, worin sich dieses große Handels⸗Institut befinde, nach den letzten mit dem Minister der Kolonieen eingegangenen Vertraͤgen dasselbe Verfahren gegen die Regierung fortzusetzen, an das Herr van der Houden seit so langer Zeit gewoͤhnt gewesen, und das fuͤr diese Gesellschaft eben so gewinnbringend als fuͤr den Schatz verderblich war.
Belgien
Brüssel, 1. Okt. Ein Sturm, welcher gestern waͤhrend fast des ganzen Tages herrschte, hat die Frau Herzogin von Kent genoͤthigt, ihre Abreise von Ostende nach England um 24 Stunden zu verschieben. Diesen Morgen um 9 Uhr sollte Ihre Koͤnigl. Hoheit sich einschiffen.
In der Emancipation liest man: „Man versichert uns, daß die beiden dieser Tage zu Bruͤssel verhafteten Franzoͤsischen Arbeiter Frankreich vor dem gegen die Prinzen veruͤbten Atten⸗ tat verlassen haͤtten. Sie waren Anfangs zu Luͤttich angekommen und arbeiteten seit 14 Tagen bei einem Tischler zu Bruͤssel.“
Brüssel, 2. Okt. Der Koͤnig, die Koͤnigin und die Koͤnigl. Familie sind gestern Nachmittags von Ostende abgereist und Abends zu Laeken eingetroöoffen. Diesen Morgen sind Ihre Majestaͤten in Begleitung einiger Personen ihres Gefolges mit einem beson⸗ deren Eisenbahn⸗Convoi nach Antwerpen gereist, wo st boot „British Queen“ besichtigen werden.
Deutsche Bundesstaaten.
München, 1. Okt. Se. Majestaͤt der Koͤnig haben den bisherigen Ober⸗Baurath bei der obersten Bau⸗Behoͤrde, Professor der Baukunst an der Koͤniglichen Akademie der bildenden Kuͤnste, Friedrich von Gaͤrtner, zum Direktor besagter Akademie, an Cor⸗ nelius Stelle ernannt, und die dadurch in Erledigung gekommene Professur an genannter Anstalt dem dermaligen Bau⸗Inspektor bei der Regierung der Pfalz, August Voit, verliehen.
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Nünchen, 2. Okt. Ihre Majestaͤten der Koͤnig und die Koͤnigin sind gestern Abends um 10 Uhr von Berchtesgaden ein⸗ getroffen. Sowohl Ihre Majestaͤten als die Koͤniglichen Prinzen und Prinzessinnen werden dem morgenden Fest beiwohnen. Ge. Koͤnigliche Hoheit der Kronprinz ist ebenfalls gestern Abend von seiner Reise nach Nord⸗Deutschland angekommen, und wird dem⸗ naͤchst einen Besuch zu Tegernsee abstatten, von da aber sich nach Hohenschwangau begeben.
Der unermuͤdet thaͤtige Vorstand unseres Eisenbahn⸗Direc⸗ toriums, Herr Jos. von Maffei, hat sich ein neues Verdienst um die Foͤrderung inlaͤndischer Industrie und Technik erworben, indem er in seinem Eisenwerke eine Lokomotive — die erste in Bayern — erbauen ließ, die bereits so weit vollendet ist, daß sie, wie man vernimmt, schon in kommender Woche auf die hiesige Bahn gebracht wird, um eine Probefahrt zu bestehen. Nach dem Urtheile der Sachverstaͤndigen soll diese Maschine den Bel⸗ gischen und Englischen an Kraft und Soliditaͤt gleichkommen. Ueber ihre weitere Bestimmung verlautet noch nichts Sicheres. Der naͤchste Zweck ihrer Erbauung ging auf die Realisirung des patriotischen Wunsches, die einheimische Technik auch in diesem wichtigen Zweige mehr und mehr vom Auslande zu emanzipiren. Diese Absicht ist nun erreicht und verbirgt die Gewißheit eines immer rascheren Fortschrittes bei groͤßerer Ausdehnung und Ver— vielfaͤltigung des Dampfmaschinenbaues in Bayern. Se. Maje⸗ staͤt der Koͤnig, von diesem gelungenen Unternehmen durch den Erbauer der Maschine in Kenntniß gesetzt, haben in bezeichnender Weise derselben den Namen „der Muͤnchener“ beizulegen geruht.
Stuttgart, 1. Okt. Erst gestern Abend ist Fuͤrst Metter⸗ nich von Heidelberg, wo er nach einem Ausfluge bis Karlsruhe seine rekonvaleszente Gemahlin abgeholt hatte, hier eingetroffen und bei dem Gesandten seines Hofes, dem Grafen Buol⸗Schauen⸗ stein, abgestiegen. Der Koͤnig hat ihn heute empfangen und zur Tafel geladen. Fein Aufenthalt wird nicht uͤber morgen dauern, da fuͤr Muͤnchen noch einige Tage bestimmt sind.
Stuttgart, 3. Okt. Die Bausteine, welche durch die Be⸗ muͤhungen eines Stuttgarter⸗-Vereins und durch Beitraͤge aus allen Theilen Wuͤrttembergs und Schwabens fuͤr den Dombau zu Koͤln herbeigeschafft worden sind, haben vor 8—10 Tagen auf 5 Wuͤrttembergischen Schiffen Heilbronn verlassen und schwim⸗ men gegenwaͤrtig, in ein großes Schiff uͤbergeladen, den Rhein hinab. Sie werden uͤbermorgen, den 5. Oktober, an ihrem Be— stimmungsorte eintreffen, und einige Mitglieder des Stuttgarter Vereins sind gestern von hier abgegangen, um der Ablieferung an die betreffende Stelle zu Koͤln beizuwohnen. Durch Ueberein⸗ kunft mit dem Baufuͤhrer daselbst sind die Steine schon so zu⸗ behauen, daß eines der großen gothischen Fenster daraus gebaut werden kann, und ihre Zahl reicht eben fuͤr dasselbe hin. So wird ein sichtbares Denkmal des Geschenkes bleiben, das vor zwei Monaten in Koͤln angekuͤndigt wurde und als ein Zeichen bruͤderlicher Theilnahme zum voraus freundlichen Dank erhielt.
Hannover, 4. Okt. Se. Durchlaucht der Herzog von Braunschweig sind heute von Braunschweig hier eingetroffen und . e. . . : 2 — . „ in dem Koͤniglichen Palais an der Adolphs⸗Straße abgestiegen.
Kassel, 3. Okt. Heute hielt Se. Hoheit, der Kurprinz und Mitregent, in Begleitung eines zahlreichen Generalstabs, Muste⸗ rung uͤber das Kurhessische Armee⸗LCorps. Dasselbe war auf der place d'armes des Lagers bei Wahlershausen vor den Zeltreihen in einem einzigen langen Treffen aufgestellt. Das Cen⸗ trum bildete die Infanterie, welche bataillonsweise in Brigaden aufgestellt war, den rechten Fluͤgel nahm die Kaval⸗ lerie, den linken die Artillerie ein. Ein weittoͤnendes Hurrah der Truppen begruͤßte Se. Hoheit. Hoͤchstdieselben ließen sofort die Truppen desiliren und zwar erst im Geschwindschritt, die Kavallerie im Schritte; dann in geschlossenen Bataillonen, die Kavallerie im Trabe und Gallopp. Nach beendigter Parade verließ das Regi⸗ ment Leibgarde das Lager und bezog wieder seine Kasernen in der Residenz. Auch die uͤbrigen im Lager und in Kantonnirungen stehenden Truppen werden morgen in ihre Garnisonen zuruͤckkehren.
— — Weimar, 3. Okt. Gestern nach Beendigung eines kleinen Feld⸗Manovers am Ettersberge beschloß der Koͤniglich Preußische General-Lieutenant von Ditfurth die Inspection der ersten Abtheilung unseres Kontingentes und sprach sich eben so uͤber die Ausruͤstung des Militairs, als auch uͤber dessen taktische
ie das Dampf⸗
Ausbildung in der geschlossenen und zerstreuten Fechtart, gegen das Offizier⸗Corps und die Soldaten sehr vortheilhaft aus.
Spanien.
Madrid, 25. Sept. Schon seit mehreren Monaten wandte sich der Infant Don Francisco de Paula von Bordeaur aus an die hiesige Regierung mit dem Ansuchen, die nothwendi⸗ gen Paͤsse fuͤr sich und seine Familie zugeschickt zu erhalten, um sich hierher zuruͤckbegeben zu koͤnnen. Der Regent wollte aus Gruͤn⸗ den, die verschieden angegeben werden, auf dieses Ansuchen anfangs nicht eingehen. Wenn es auf der einen Seite seinem Selbstge⸗ fuͤhle schmeicheln konnte, einen Koͤniglichen Infanten mit zahlreicher Familie hier als seinen Unterthan zu empfan⸗ gen und sich uͤber ihn gestellt zu sehen, so scheint er doch auf der anderen besorgt zu haben, daß die Zahl der ihm bereits feindlich gegenuͤberstehenden Parteien noch durch eine neue, an den Infanten sich anschließende vermehrt wer⸗ den koͤnnte. Ploͤtzlich aber wurde in einer Versammlung der Mi⸗ nister, und zwar auf Antrieb des Vormundes der Koͤnigin, ent⸗ schieden, daß dem Infanten die Erlaubniß zur Ruͤckkehr nach Spa⸗ nien zu ertheilen sey. Dieser Entscheidung trat, mit nicht gerin⸗ gem Widerstreben, der Regent endlich bei, und es erhellt hieraus aufs neue, daß die Zuͤgel des Staates nicht allein von seinen Haͤnden, sondern vorzuͤglich auch von denen des Herrn Arguölles gefuͤhrt werden. Dieser soll darauf rechnen, in dem leicht zu lenkenden Infanten einen in mehr als einer Hinsicht einflußreichen Verbuͤndeten gegen den dermaligen Regenten gewinnen zu koͤnnen. Beide — der Vormund wie der Regent — stimmtenuͤbrigens in einem Punkte uͤberein. Sie gingen beide von dem Gesichtspunkte aus, daß die Anherkunft des Infanten und dessen Verweilen in der Naͤhe sei⸗ ner erlauchten Nichten der entfernten Königin Marie Christine zu nicht geringem Verdrusse gereichen wuͤrde. Auf diese Weise aber der Er⸗Regentin das Gewicht ihrer Macht und ihres Grol⸗ les zugleich fuͤhlen zu lassen, konnten sie sich nicht ver— sagen. Allein auch der Infant sollte erkennen, daß ihm die Erlaubniß, in sein Vaterland zuruͤckzukehren, nur als eine Gnade und gegen einzugehende Verpflichtungen zugestanden wuͤrde.
Die Regierung fertigte demnach den ersten Beamten des Ministeriums der auswaͤrtigen Angelegenheiten, Herrn Hoyos, mit den gehoͤrigen Vollmachten versehen, nach Bordeaux ab, um dem Infanten muͤndlich die Bedingungen vorzulegen, unter wel⸗ chen ihm die Ruͤckkehr nach Spanien gestattet seyn soll. Geht der Infant sie ein, so hat er sie schriftlich zu unterzeichnen. Zu⸗ gleich uͤberbringt ihm, der sich vor seinen Glaͤubigern kaum zu retten weiß, Herr Hoyos die Summe von 30,000 Piastern zur Bestrei⸗ tung der Reisekosten. Sie werden nicht erwarten, daß ich Ihnen den naͤheren Inhalt der dem Infanten vorgelegten Bedingungen, die ihrer Natur nach ein Staats⸗Geheimniß sind, angebe. In Bezug darauf sind hier die abenteuerlichsten Geruͤchte in Umlauf. Es genuͤge, Ihnen zu melden, daß Personen, die in nahen und amtlichen Ver⸗ haͤltnissen zu dem Ministerium stehen, mit anscheinender Unbefan⸗ genheit versichern, Herr Hoyos habe den Auftrag, sich mit dem Infanten uͤber die zwischen seinem aͤltesten Sohn und Ihrer Ma⸗ jestaͤt der Koͤnigin Isabella kuͤnftighin einzugehende Vermaͤhlung zu besprechen, damit alsdann die Einwilligung der Cortes zu die— sem Projekt eingeholt werden koͤnnte. Man behauptet sogar, der Sohn des Infanten werde noch eher, als er selbst hier eintreffen. Diese Angabe will man durch die Nothwendigkeit, das kuͤnftige Schicksal der Koͤnigin Isabella schon jetzt fest— zustellen und ihre Hand vor zudringlicheren Bewerbern zu sichern, rechtfertigen. Allein es ist wohl darin nur ebenfalls der Wunsch zu erblicken, der vertriebenen Koͤnigin Marie Chri⸗ stine, welche nie in eine solche Vermaͤhlung einwilligen wuͤrde, wehe zu thun. Offenbar liegt es in dem Interesse des Regenten und der ganzen regierenden Partei, sich die Befugniß, uͤber die Hand der jungen Koͤnigin zu verfuͤgen und aus der Menge der zu erwartenden Freier den Schicklichsten aus⸗ zuwaͤhlen, so lange als moͤglich vorzubehalten. Und wie sollte man glauben, daß dieselbe Partei, welche den Infanten Den Francisco von der Vormundschaft wie von der Regentschaft aus⸗ schloß, jetzt geneigt seyn koͤnnte, einem seiner Soͤhne die Hand der Koͤnigin anzubieten? 8
Die Ernennung des Herrn von 0 schafter bei Ihrer Majestaͤt der Koͤnigin von Spanien i nunmehr dem hiesigen Franzoͤsischen Geschaͤftstraͤger amtlich angezeigt worden. Herr von Salvandy denkt zu Ende naͤch⸗ sten Monates hier einzutreffen, und wie verlautet, hat sich der bisherige Geschaͤftstraͤger, Herr Pageot, auf seinen desfallsigen Wunsch, entschlossen, noch einige Monate als erster Se— cretair neben ihm hier zu verweilen. Einige wollen be⸗ zweifeln, daß dieser verlaͤngerte Aufenthalt des Herrn Pageot, der hier Beweise von großer Umsicht und Festigkeit abgelegt hat, dem Spanischen Ministerium willkommen seyn duͤrfte. Herr von Salvandy wird seine Familie in Frankreich zuruͤcklassen. Was uͤbrigens der eigentliche Zweck seiner Sendung auch seyn
Salvandy zum Bot⸗ st
WWago moͤge, so wird er hier auf Schwierigkeiten stoßen, die leicht zu neuen und ernsteren Verwickelungen fuͤhren koͤnnten. Die hiesige ministerielle Presse droht ihm laut damit, und erst gestern ließ Herr Arguölles einen Aufsatz in das Eco del Comercio ein⸗ ruͤcken, der von unversoͤhnlichem Hasse gegen Frankreich zeugt. Dabei befolgt er die hergebrachte Politik der Propaganda, die Nation von der Regierung zu trennen; der Juli-Thron ist Gegenstand seines Zornes und Argwohns, waͤhrend die Emeutiers auf das Mitgefuͤhl der Spanischen Progressisten zaͤhlen duͤrfen. Herr Pageot hat, in Folge eines ihm von seiner Regierung er— theilten Befehls, die bei ihm zur Befoͤrderung eingetroffenen, von der Koͤnigin Christine an ihre erlauchten Toͤchter gerichteten Briefe dem Minister⸗Praͤsidenten zur Uebergabe zugestellt. Auf dieselbe Weise werden auch fernerhin die Briefe der Koͤnigin Mutter durch die Fran⸗ zoͤsische Botschaft, die der Toͤchter dagegen durch das Spanische Mini⸗ sterium und die Gesandtschaft in Paris besorgt werden. Es heißt, Herr von Salvandy werde auf die Berechtigung bestehen, als Familien⸗ Botschafter ungehindert, und so oft es ihm gut duͤnke, bei der Koͤnigin Zutritt zu haben. Wenn sich nun gleich nicht leugnen laͤßt, daß allen Botschaftern das Recht zusteht, von dem Souve⸗ rain des Staates in Privat⸗Audienzen empfangen zu werden, so fraͤgt sich doch, ob hier nicht besondere Beschraͤnkungen eintre⸗ ten koͤnnen, da der Souverain noch minderjaͤhrig ist.“
Herr Olozaga, der nur mit dem Rang eines bevollmaͤchtigten Ministers nach Paris abgegangen ist, hat nun, wie ich hoͤre, die Ermaͤchtigung erhalten, dort als Botschafter aufzutreten, falls ihm dies als angemessen erschiene. Herr Onis, der vertraute Freund des Ministers Gonzalez und eifriger Anhaͤnger der progressistischen Partei, ist zum bevollmaͤchtigten Minister in London ernannt wor⸗ den und wird naͤchstens dorthin abgehen. Allem Anschein nach, denkt Herr Aston auf seinem hiesigen Posten zu bleiben. Der Marschall Saldanha wird, auf der Durchreise nach Wien, hier stuͤndlich erwartet. Das suͤdliche Portugal wird von Miguelistischen Ban⸗ den heimgesucht, die bisweilen die Spanische Graͤnze uͤberschrei⸗
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ten, jedoch sogleich zuruͤckgetrieben werden. Sie sind beritten und mit Lanzen bewaffnet. 1“
Das Ayuntamiento von Nhela. hat die Regierung um Er⸗ laubniß gebeten, eine Kapelle, die bisher der heil. Jungfrau ge⸗ widmet war, nunmehr dem Torrijos und seinen Leidensgenossen weihen zu duͤrfen. Also auch Heiligsprechungen liegen in den Be— fugnissen Spanischer Gemeinde⸗Raͤthe.
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— — Glogau, 5. Okt. Unserer Stadt wurde das Gluͤck zu Theil, Se. Majestaͤt den Koͤnig, auf der Ruͤckreise von Erd⸗ mannsdorf nach Berlin, gestern in ihren Mauern zu begruͤßen und bis heute fruͤh hier verweilen zu sehen. Die Straßen, durch welche Se. Majestaͤt einzogen, waren zu beiden Seiten mit Laub⸗ Gewinden geschmuͤckt, die von zehn zu zehn Schritt durch beflaggte Stangen getragen wurden, welche abwechselnd die National⸗Farben (schwarz und weiß) und die Farben der Stadt (blau, gelb und roth) zeigten. Auf dem Schloß⸗Platze war eine 60 Fuß hohe Saͤule errich⸗ tet, welche die Form einer Roͤmischen Triumph⸗Saͤule hatte, oben einen Lbwen trug und von Preußischen Adlern und Flaggen umgeben war, die dem Ganzen einen imposanten Anblick gewaͤhrten. Die festlich geschmuͤckten Buͤrger bildeten Abtheilungen nach den staͤdti⸗ schen Bezirken und versammelten sich geger Mittag auf ihren Standplaͤtzen, die vom Thore durch die Preußische Straße, uͤber den Markt, durch die Kupferschmiede⸗«, Lange⸗ und Oder⸗ Straße bis zum Koͤniglichen Schlosse fuͤhrten. Se. Ma⸗ jestaͤt der Koͤnig trafen gegen 5½ Uhr Nachmittags an der er⸗ sten Ehrenpforte ein, wo die hoͤchsten Militair⸗ und Civil⸗ Behöͤrden der Stadt versammelt waren. An der zweiten Ehren⸗ pforte geruheten Se. Majestaͤt die freudige Bewillkommnung des Magistrates, an dessen Spitze sich der Buͤrgermeister Lauterbach befand, und den Stadt⸗Verordneten entgegen zu nehmen und durch einige huldreiche Worte an Ihr vor 22 Jahren stattgehab⸗ tes Verweilen in Glogau zu erinnern. Nachdem Se. Majestaͤt unter dem Jubel der aus der Stadt und Umgegend zahl⸗ reich versammelten Volksmenge auf das Schloß gefahren waren, ertheilten Allerhoͤchstdieselben hier viele huͤldreiche Audienzen und fuhren sodann vor das Oder-⸗Thor, um die hier befindlichen großartigen Fortificationen zu besichtigen. Demnaͤchst begaben Sich Se. Majestaͤt wieder nach der Staͤdt, und zwar nach dem Rathhause, besahen die dortige Bildergalerie der alten Fuͤrsten und geruhten, auf den Balkon hinauszutreten, wo Allerhoͤchstdieselben die Gnade hatten, die Huldigungen der auf dem Markt aufgestellten Schuͤtzengilde und der uͤbrigen Buͤrger⸗ Jompagnieen entgegen zu nehmen und dieselben sodann vor dem Rathhause voruͤber ziehen zu lassen. Demnaͤchst fand auf dem Schlosse ein großes Souper statt, zu welchem Se. Majestaͤt außer den hoͤchsten Militair⸗ und Civil⸗Beamten auch den Buͤrgermeister, den staͤdtischen Syndikus und den Stadtverordneten⸗Vorsteher be⸗ sohlen hatten. Gleichzeitig hatte die Stadt auf dem geschmackvoll dekorirten „Neuen Saale“ einen Buͤrgerball veranstaltet, waͤhrend alle Straßen glaͤnzend illuminirt waren und sich auch hierbei die Liebe und die Anhaͤnglichkeit der Einwohner in vielfacher Weise kundgab. 1 1 G
Heute fruͤh um 6 Uhr haben Se. Majestaͤt der Koͤnig unter Segenswuͤnschen der Bevoͤlkerung unsere Stadt verlassen, um sich uͤber Gruͤnberg und Frankfurt a. d. O. nach Berlin zu begeben.
— — Grünberg, 5. Okt. Heut Vormittag gegen 10 Uhr trafen Se. Majestaͤt, von Glogau kommend, im erwuͤnschten Wohlseyn, unter dem Zurufe der freudigsten Begruͤßung Seitens der versammelten Einwohnerschaft und unter dem Gelaͤute aller Glocken hier ein. Allerhoͤchstdieselben wurden im Rathsherr Gremp⸗ lerschen Hause von dem hierher vorausgeeilten Koͤnigl. Wirklichen Geheimen Rath und Ober⸗Praͤsidenten der Provinz Schlesien, Herrn Dr. von Merckel Excellenz, von der Geistlichkeit und den Koͤniglichen und städtischen Behoͤrden ehrfurchtsvoll empfangen, und geruhten, ein von der Stadt in Bereitschaft gehaltenes De⸗ jeuner anzunehmen, zu welchem auch der Herr Ober⸗Praͤsident, so wie mehrere Geistliche, staͤdtische und Kreis⸗Beamten Allergnaͤdigst befohlen wurden. Se. Majestaͤt erfreuten die Stadt durch an⸗ derthalbstuͤndigen Aufenthalt und geruhten, nachdem Allerhoͤchstsie einen vom Buͤrgermeister auf Sr. Majestaͤt und das Wohlseyn der allverehrten Koͤnigin Majestaͤt ehrfurchtsvoll ausgebrachten Toast huldvoll anzunehmen geruht hatten, auf das Wohlergehen Schlesiens und insonderheit der Stadt Gruͤnberg, das Glas zu leeren.
Des Koͤnigs Majestaͤt setzten um halb 12 Uhr die Reise uͤber Crossen und Neuzelle nach Frankfurt a. d. O. unter dem Jubel⸗ rufe und den Segenswuͤnschen der Einwohnerschaft und unter dem Gelaͤute aller Glocken fort.
Das Koͤnigliche Absteige⸗-Quartier und die Ausgaͤnge der Stadt an der Poststraße waren einfach, indeß geschmackvoll mit Blumen⸗ und Laubgewinden und so wie der Rathsthurm mit National⸗Flaggen dekorirt.
Breslau, 5. Okt. stehende Bekanntmachung:
Se. Majestaͤt der Koͤnig, mein Allergnaͤdigster Herr, haben zu Erdmannsdorf unterm 25. September d. J. die woͤrtlich nachfolgende, mein geliebtes Vaterland Schlesten hoch erhebende Allerhuldreichste Kabinets- Ordre an mich zu erlassen und Allergnaͤdigst mir zu befehlen geruht, solche zur oͤffentlichen Kenntniß zu bringen.
„Meine bisherige Anwesenheit in Schlesien hat Mir die deutlichsten Beweise der treuesten Anhaͤnglichkeit gegeben. Nie hatte Ich daran gezweifelt, aber sie in diesem Maße zu erkennen und sie als Augenzeuge wahrzunehmen, ist Meinem Herzen unendlich theuer gewesen. Diese Freude wurde erhoͤht durch den Geist der Ordnung, welcher uͤberall herrschte ohne Besehle und beschraͤnkende Maßregeln der Behoͤrden, der die
Einzuͤge in Liegnitz und Breslau auszeichnete und deutlich zu erkennen gab, daß mit dem biedern Sinne der Theilnehmer auch der verbunden war, welcher die Aeußerungen der Freude veredelt und es an den Tag legte, daß Allen, welche Mir ihre Anhaͤnglichkeit bezeigten, daran lag, Mich ohne Stoͤrung des wohlthuenden Eindrucks der letzteren uͤberlassen zu koͤnnen.
Ich erblicke darin mit besonderem Wohlgefallen einen ho⸗ hen Grad sittlicher Volksbildung und indem Ich den Instituten, aus welchen sie unstreitig hervorgegangen ist und der Provinz 8 -en Meine hoͤchste Zufriedenheit zu erkennen gebe und Meinen Dank dafuͤr ausspreche, ermaͤchtige Ich Sie, dies Anerkenntniß unter Versicherung Meines der Prodinz Schlesien ferner gewidmeten Wohlwollens zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. 1ö16“*“
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Die hiesigen Zeitungen enthalten nach—
Erdmannsdorf, den 25. September 1841. (gez.) An
den Wirklichen Geheimen Rath und Ober⸗ Praͤsidenten von Merckel,“
Friedrich Wil elm.
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Indem diesem Allergnaͤdigsten, mich hochbegluͤckenden Befehle ich, wie hiermit geschehen, ehrfurchtsvoll Folge leiste, durchdringen mich alle die heiligen Empfindungen von Ruͤhrung, Freude, Dank⸗ barkeit und Bewunderung, welche, bei Durchlesung dieses unver⸗ gaͤnglichen Dokumentes Allerhoͤchster Huld, Zufriedenheit, Anerken⸗ nung und fortdauernden Koͤniglichen Wohlwollens, alle, in so schoͤn und herzlich dargelegten Thatbeweisen treuer Ehrfurcht, Liebe und Hingebung wetteifernden Staͤdte und Gauen der Provinz erfuͤllen, und in Aller Herzen und fuͤr alle Zukunft begeisternd fortleben wer⸗ den zu treu vereinter Mithuͤlfe in Allem, was die allbegluͤckende Zufriedenheit unseres erhabenen, tief verehrten, hochgeliebten Mo⸗ narchen und unter Allerhoͤchstseiner weisen und vaͤterlichen Leitung und Obhut des Vaterlandes Gluͤck, Ehre und Bluͤthe vermehren kann.
Gott erhalte Se. Majestaͤt den Koͤnig bis in die spätesten Jahre und vergelte Allerhoͤchstihrem erhabenen Geiste und großem Heczen voll bewundernswuͤrdiger Kraft und unerschoͤpflicher Milde, alle rast⸗ losen Muͤhen und landesvaͤterlichen Sorgen fuͤr dauerndes Voͤlker⸗ gluͤck, durch den belohnenden Anblick der, unter Seinem vaͤterlichen Walten, in fortschreitender Verallgemeinerung sittlicher Bildung und wahrer Humanitaͤt sich immer weiter verbreitenden Segnungen, in welchen die allgemeine Wohlfahrt und die Zufriedenheit des Einzel⸗ nen in Harmonie zusammenfließt.
Breslau, den 1. Oktober 1841.
Der Koͤnigl. Wirkliche Geheime Rath und Obe Praͤsident der Provinz Schlesien. von Merckel.“
Breslau, 1. Okt. Nach dem Indlex lectionum werden im Winter⸗Semester 184 an der hiesigen Universitaͤt uͤberhaupt 210 Vorlesungen ꝛc. gehalten werden, und zwar in der evangelisch⸗theo⸗ logischen Fakultaͤt 32, in der katholisch⸗theologischen Fakultaͤt 14, in der juristischen 32, in der medizinischen 46, in der philosophi⸗ schen 8b. Hierzu kommen noch 14 Vorlesungen der 5 Lektoren, so wie der Unterricht in der Musik, dem Zeichnen, der Taxider⸗ mie, dem Reiten, Fechten und Tanzen. Die oben genannten Vor⸗ lesungen sind von 36 ordentlichen, 10 außerordentlichen Professo⸗ ren und 20 Privat⸗Dozenten angekuͤndigt.
Stettin, 5. Okt. (St. Z.) Gestern Morgen um 8 Uhr ereignete sich der traurige Ungluͤcksfall, daß bei Steinort ein Boot mit dreizehn Personen bei heftigem Sturmwinde voll Wasser schlug und zehn Personen ertranken. Folgendes ist das daruͤber uns bekannt gewordene Naͤhere. Der hiesige Bootsfahrer Gla⸗ ser fuhr am verflossenenen Sonntage mit seinem Gehuͤlfen und 11 Personen, welche mit Waaren den Ueckermuͤnder Markt be⸗ suchen wollten, von hier ab, sie uͤbernachteten im Oderkruge, und nachdem sie gestern Morgen ihre Weiterreise angetreten hatten, saß das Boot auf der Fahrt unerwartet nnter dem Steuer fest, so daß dieses unwirksam gemacht war; bei dem hef⸗ tigen Sturmwinde, welcher den ganzen Tag anhielt, und bei der schweren Ladung des Bootes, schlugen die Wellen von vorn und von den Seiten sogleich uͤber dasselbe, und Passagiere und Effekten wurden ins Wasser geschleudert. Von den Verun— gluͤckten gelang es nur einem, dem Kuͤrschner Wolff von hier, schwimmend und mit Huͤlfe eines Brettes, das Ufer zu erreichen. Durch die herbeigeschaffte Huͤlfe wurden die Verungluͤckten fast saͤmmtlich schleunigst ans Land gebracht und es gelang auch, den hiesigen Zinngießer Richter und den Gehuͤlfen des Bootsfahrers wieder ins Leben zuruͤckzurufen, obgleich letzterer wenig Hoffnung zur Wiedergenesung giebt, die uͤbrigen zehn Personen aber, groͤß⸗ tentheils hier ansaͤßige Buͤrger und Familien-Vaͤter, hatten ihren Tod in den Wellen gefunden. “
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Wissenschatt, Auntt und Literatur.
Miemer über Göthe. 8 . Vergl. Staats⸗Zeitung Nr. 278.)
Aristokratismus. — Mangel an Deutschheit. — Produc⸗ tion. — Eigenheiten. — Haͤuslichkeit.
Außer dem religidsen giebt es noch zwei Gebiete, auf denen Goͤthe vielfach angefochten worden ist: sein aristokratisches Wesen und sein Mangel an Deutschheit.
Nach Riemer haͤngt Gothe's Aristokratismus mit seiner poetischen Natur zusammen; „er nahm den Adel und die Vornehmen, wie sie der Idee nach seyn sollen; er fand sie vor „sie waren ein Element menschlicher Zustaͤnde, und er ehrt Alles, dem eine Idee zum Grunde liegt, und da nichts Dauerndes in der Welt ohne diese Grundlage ist und seyn kann, so wird er Jedes nach seinem Maße zu schaͤtzen und zurechtzulegen wissen.”“ Sein Verstehen aller Dinge, alles natuͤrlich Gewordenen, laͤßt ihn Vielem das Wortreden, was Andere, Einseitigere unter der Herrschaft der Zu⸗- oder Abneigung Stehende, hassen. Soll er nicht auch der mittleren Stimmung des realen Menschen, dem die Welt wie sie ist gefaͤllt, hier und da Sprache verleihen? Indem er sie darstellend ausspricht, steht er schon durch die Reflexion uͤber ihr, auf einer Stufe, welche die fruͤheren gelten lassen muß, weil ohne sie auch die seinige nicht waͤre.
Vergessen wir auch nicht die Zeit, welche Goͤthe gebar und wiegte — damals war fuͤr alle Menschen noch ein Nimbus um die hoͤchsten Herrscher und ihre Umgebungen verbreitet — seine versoͤnlichen Ver⸗ haͤltnisse von Kindheit und Jugend an bis in das Greisenalter (Ari⸗ stokratie der freien Stadt, Guͤnstling, Freund eines Fuͤrsten, aristo⸗ kratische Stellung des Ministers), vergessen wir nicht wie er von der Natur aristokratisch ausgestattet war mit dem Privilegium des Genies, des Talents, der Gluͤcksumstaͤnde; mit der Vornehmheit eines edlen Sinnes: er haͤtte abermals mehr als ein Mensch seyn muͤssen, um nicht in etwas durch so maͤchtig einwirkende Einftuͤsse geformt zu werden. ,
Nicht einzureißen, sondern etwas aufzurichten, das durch sein all maͤliges Wachsthum, wie die Pflanze die Mauern und Felsen leise trennt und sie ohne Explosion sprengt, die mannigfachen Vorutheile beseitigt und das Bessere gleich in zunehmender Breite aufstellt: darin suchte er sein Verdienst. Wir finden ihn auch nicht einseitig eingenommen im Urtheil, er wendet sich nur mit seiner persoͤnlichen Neigung dem Bestebenden zu, bei Anderen andere Richtung gelten lassend. Denjenigen, welche ihn deshalb taͤdeln, sollte man sein eige nes Wort entgegenstellen: „dem Genie traut man Alles zu, da es doch nur ein Gewisses vermag.“
Dies thut die uͤberspannte Verehrung der Jugend oder der Un⸗ verstand der Beschraͤnktheit. Goͤthe war auch in seiner Anhaͤnglich⸗ keit an seinen Fuͤrsten wahr und einfach, so daß sie als ein reiner, nirgend verstimmter Klang sich durch sein Leben zieht und seine Aecu⸗ ßerungen, wie sein Verhalten, mit seinem Empfinden voͤllig uͤberein⸗ stimmten, welche zarte Einheit wir nicht genugsam anerkennen.
Wenn man Goͤthe Mangel an Deutschheit vorwirft und unter diesem Wort eine Aufopferung fuͤr die Deutsche Freiheit, wie sie in den letzten Jahrzehenden verstanden wurde, begreift, so hat er freilich dem Anspruch nicht genuͤgt; in Sinn und Gemuͤth war er aber ein Deutscher wie nur Einer, und besaß die meisten Dugenden, die wenigsten Fehler seines Volkes. Hat er Jenes nicht geleistet, so wuͤrden wir doch kaum einen Zweiten finden, der seinen Zeitgenossen und seiner Nation durch so Mannigfaches und Angemessenes gedient, sie belehrt hat durch sein Verfehltes so gut wie sein Gelungenes, und ihr Gefuͤhl und Urtheil zu einer Hohe gesteigert, an welche vor ihm nicht zu denken war. Aber: „Man soll Alles koͤnnen, was sie
Wie ein alter Aegyptier den Griechen vorwarf, sie blieben ewig Kinder, haben Goͤthe’s Freunde ihm nachgesagt: er sey ewig ein gro⸗ ßes Kind. Und er war es in der Freude und Lust an den sinnlichen Er⸗ scheinungen in Natur und Menschenleben. Wie das Kind von Al⸗ lem angezogen, Alles umfassen, einsammeln und gebrauchen mochte; so ward er jeden Augenblick angezogen von den verschiedensten Ge⸗ genstaͤnden und hatte sich zu wahren gegen diesen Andrang des Mannigfaltigen, um nur Eines nach dem Anderen, wiedergestaltet und mit seinem Gepraͤge gestempelt, der Welt zuruüͤckzugeben. Die Welt drang auf ihn ein, wie die Sonne im Fruͤhjahr auf die Erde; Leben weckend, Gestalten hervorrufend — er sog ste ein. Seine Schriften indirekt, so wie seine Briefe und Lebens⸗Bekenntnisse sprechen dies tausendfaͤltig aus; und zwar mit einer Unmittelbarkeit, welche uns einen reizenden Einblick in die innere Werkstaͤtte seines Geistes er⸗ laubt. Er gesteht selbst „seine Existenz wachse wie ein Schneeball, es sey ihm manchmal, als koͤnne sein Kopf es nicht fassen und ertra⸗ gen; und doch entwickele es sich von Innen heraus und er koͤnne ohne dieses nicht leben.“ Einen Mangel an Thaͤtigkeit konnte man ihm also schwerlich vorwerfen; aber er schuf mehr aus Instinkt als nach Willkuͤr — wie die Natur schafft. Es wuchs in ihm und aus ihm heraus — er brauchte Zeit zur Bildung und Reife. Es waren die Gegenstaͤnde selbst, an denen er zum Bewußtseyn kommen mußte, nicht das Wort, die Erzaͤhlung, die Beschreibung.
Wie ist er gluͤcklich, wie dankt er Golt, wenn er etwas felbst ge⸗ sehen hat; wenn der Gegenstand nicht mehr ein bloßes Wort, ein leerer Schall nur ist; wenn ein Obiekt sichtlich und handgrkeiflich vor ihm steht, und er alle Sinne daran uͤben, es von allen Seiten um⸗ fassen und im eigentlichen Wortverstande begreifen kann. „Nur was Einer erlebt, das kann er auch darstellen.“ Wie Bluͤthe und Frucht zu dem Baume, verhielt der Dichter und Schriftsteller sich zu dem Menschen in Goͤthe.
Wie es keinen selbstkraͤftig ausgebildeten Menschen ohne Eigen⸗
heiten giebt, begegnen wir diesen auch bei Goͤthe. Sie sind oft irr⸗ thuͤmlich nach außen, wahrhaft nach innen und, recht betrachtet, psychologisch hoͤchst bedeutsam. Von dieser Art war diejenige, die Goͤthe seinen „realistischen Takt“ nannte; es ist dies weder Liebe zum Geheimniß, noch zum Inkognito allein, es ist eine Scheu vor sto⸗ renden Beruͤhrungen, vor unzeitigen Eingriffen Anderer, auch Gut⸗ meinender in unser inneres Leben und Schaffen, eine Keuschheit der Seele, welche es vermeidet, sich in Stimmungen und Lagen zu zei⸗ gen, wo sie leicht mißverstanden werden koͤnnte, auch ein Instinkt der in geheimnißvoller Stille bildenden Natur, der nach und nach auch zur aͤußerlich herrschenden und mehr als noͤthig in ihren Kreis ziehenden Gewohnheit wird. Goͤthe sprach ungern von seinen eben stattfindenden Beschaͤftigungen und Plaͤnen, von seinen literarischen Vorsaͤtzen, und wenn er sich dazu verleiten ließ, hatte er oft Ursache⸗ es zu bereuen. Es lag fuͤr ein Gemuͤth, wie das seinige, eine Art von Verwegenheit darin, zu sagen: das und das will ich hervorbrin gen — so will ich dabei zu Werke gehen; schien es ihm doch oft, als koͤnne er in dem Zustande, den er „Dumpfheit“ nannte, am besten schaffen“; auch konnte er, sagt Riemer, nichts fertig machen, sobald er den Plan zu einer Arbeit irgend Jemand vertraut hatte.
Den Sinn seiner Gedichte ließ er haͤufig absichtlich raͤthselhaft oder gab sich nicht als Verfasser derselben künd; er liebte es nicht,
sein persoͤnliches Empfinden unverhuͤllt hinzustellen; denn wußte er, daß seiner Persoͤnlichkeit und seinem Namen Huldigungen gebracht wurden — er wollte erfahren, was seine Gedichte an sich fuͤr ein Urtheil hervorlockten. Und im Allgemeinen — „kannte er die Men schen zu gut, um sein Herz in der Hand zu tragen“; er verschwieg,
was sie nicht zu wissen brauchten, was, von ihnen gewußt, doch
nicht richtig beurtheilt worden waͤre.
Wir begegnen in Hoͤthe einer eigenthuͤmlichen Art von Laune, die an Schelmerei graͤnzte und ihm gut stand; ohne Andere zu ver letzen, wenn er sie auch zuweilen quaͤlte. Er hatte eine seltene Be⸗ harrlichkeit, Gespraͤchen oder Beruͤhrungen auszuweichen, die ihm unbequem waren, oder Andere harmlos in der Befriedigung ihrer Eigenheiten zu stöoren. Sein Witz war mehr Sach⸗ als Wortwitz; auch der Humor war nicht hervorstechend unter seinen uͤbrigen Ga⸗ ben, und wo er sich findet, mehr jene hohe, wohlwollende Jronie, welche er selbst darstellt als „die Gesinnung, die sich uͤber die Ge⸗ genstaͤnde, uͤber Gluͤck und Ungluͤck, Gutes und Boͤses, Tod und Leben erhebt, und so zum Besitz einer wahrhaft poetischen Welt ge⸗ langt.“ Diese Billigkeit bei aller Uebersicht, diese Sanftmuth bei aller Widerwartigkeit, diese Gleichheit bei allem Wechsel, zu der er sich durch Goldsmith und Sterne erzogen eingesteht, und sie das jenige findet, was uns von allen Irrschritten des Lebens endlich wieder zuruͤckfuͤhre. — Und dies Alles hat Goͤthe durch ein langes Leben hindurch in steigendem Verhaͤltniß bewiesen; er hat zuletzt, als er aufhoͤrte, poetisch zu schafeen, den Poeten gelebt, ihn in That verwandelt. 8 Suchen wir nach der natuͤrlichen Zuthat von Maͤngeln und Fehlern, ohne welche Goͤthe kein vollkommener Mensch — wofuͤr ihn doch Riemer vorzuͤglich gehalten haben will — gewesen waͤre so sagt uns sein Fuͤnger zuerst, „wenn Goͤthe Fehler besaß, so rüͤy⸗ ren sie von der Unvollkommenheit des ganzen Geschlechtes hel; wenn er aber Tugenden besaß, so gehoͤren sie ihm als Individuum an und unterscheiden ihn von Anderen.“ Diese Behaudtung klingt allerdings mehr nach Liebe, als nach Logik. Da Riemer aber fuͤr diesmal unser einziger Gewährsmann ist, haben wir nichts aufzu⸗ zaͤhlen als Ungeduld, Laune, Uebereilung, Versaͤumniß — nur 2 nannt, nicht dargestellt und saͤmmtlich Begleiter der Jugend, im Alter sich mehr und mehr verlierend und einer wohlwollenden K2 duldigen, nachsichtigen, huͤlfreichen Stimmung Platz machend. Auch von dem Vorwurf der Eitelkeit, der hier und da gegen Gothe laut geworden, will der Verfasser nichts hoͤren. Was sich von dieser Em⸗ pfindung in ihm fand, war Freude an seinem Talent, als ( 7 8 erkannt. Er kehrte unbedenklich dasienige hervor, was ihm an sich selbst gut und schoͤn schien; die Wahrheit und Natuͤrlichkeit sei⸗ nes Wesens machen dies gewissermaßen nothwendig. Wenn er Al⸗ les dem eigensten Wesen nach erkennt, warum nur sich selbst nicht? Wenn 5b “ uͤberall rege und empfindlich war, — warum sollte er nicht auch fuͤr die Schoͤnheit seiner Fnßerg ⸗ 1“ f Schoͤnheit seiner aͤußeren Er⸗
Im Wesentlichen war sein Urtheil uͤber sich und seine Werke ein einfach wahres; die Eitelkeit hatte nur in A.rne wäsr ziehungen Macht uͤber ihn. (Vielleicht aus demselben Grunde weshalb bedeutende Menschen das Groͤßere so viel lieber und leich ter leisten, als das Kleine? Es ist ein Tribut, den der staubgehorene
(jetzt) wuͤnschen; nach dem, was man kann, fragt kein Mensch.“
Mensch dem Staube zahlt; und freilich von dem Ungewoͤhnlichen wuͤnschen wir Ungewoͤhnliches!) Auf seine Werke legte er nicht zu viel Gewicht, beendet, stelen sie von ihm ab — so daß er zuweilen sogar vergaß, was er geschrieben hatte — er ging leicht zu einem neuen uͤber. Es waren nach seinem Vergleich eben so viel abge⸗ legte Schlangenhaͤute, Stuͤcke seiner ehemaligen Garderobe, denn ihm ward, was nur Wenige vermoͤgen, sich historisch anzusehen
Auch stand er voͤllig uͤber dem Urtheil der Menge; Billigung, der Freunde zumal, freute ihn; Tadel ließ ihn nicht gleichguͤltig; aber bestimmen konnte ihn weder die Eine noch das Andere:; er brachte dem Publikum nicht, was er wohte, sondern was er mußte und lebte; seine Empfindung gegen dasselbe war in fruͤheren Jah⸗ ren Geringschaͤtzung, in spaͤteren Gleichguͤltigkeit. Wenn er selbst Schriften oder Handlungen Anderer beurtheilte, hob er mehr ihre Vorzuͤge als ihre Maͤngel hervor; denn er pflegte zu sagen „Tugen⸗ den muͤsse man aufsuchen — Maͤngel verstaͤnden sich von selbst.“
*) „Dumpfheit haben blos gescheute Menschen, sonst ist’s Dumm⸗ heit. Es ist die Innalitaͤt aller Kuͤnstler und aller Liebenden, der schoͤne zauberische Schleier der RNatur und Wahrheit in ein heimlicheres Licht stellt.”
8 „Ja, das ist das rechte Gleis,
Daͤß man nicht weiß,
Was man denkt, b Wenn man denkt; 8 Alles ist als wie geschenkt.”
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