Grossbritanien und Irland.
. aus. Sitzung vom 6. März. Lord Broug ham . Abend 8. g. würde nächstens die Aufmerksamkeit des Hauses auf den Zustand der Gesetze über die Verbrechen von angeblich an partiellem Wahnsinn leidenden Personen lenken, wenn nicht der Ober⸗Richter der Queens Beuch selbst eine darauf bezüg⸗ liche Reform⸗Maßregel einbringen wolle. Letzterer (LCord Denman) erklärte hierauf, es sey ihm auch mit Hinsicht auf neuere Vorfälle angemessen erschienen, jene Gesetze in reifliche Erwägung zu
ziehen, aber er halte es für zweckmäßiger, wenn ein solcher Vorschlag
von dem Ministerium ausginge, dem die Richter dabei gern mit ihrem Rath zur Hand gehen würden. Der Lord⸗Kanzler fand eben
alls eine solche Maßregel sehr nöthig und war bereit, 5 darüber mit Lord Brougham und den Richtern in Berathung zu setzen. Lord Campbell, ehemaliger General⸗Prokurator, gab seine Freude über die⸗ sen Entschluß der Regierung zu erkennen und machte nur bemerklich, daß die Worte Lord Brougham's zu einem Mißverständniß veranlassen könnten; man könnte nämlich denken, daß Personen, die an partiellem Wahnsinn litten, jetzt als von aller Verantwortlichkeit frei betrachtet würden; das sey aber nicht die Meinung des Gesetzes, sondern, wenn nicht bewiesen sey, daß zur Zeit der Verübung eines Verbrechens der Thäter am Wahnsinn gelitten, oder daß solcher Wahnsinn mit Grund als die unmittelbare Ursache der verbrecherischen Handlung angesehen werden könne, sinde auch jetzt nicht Straflosigkeit statt. Lord Brougham bemerkte darauf, er habe unter partiellem Wahn⸗
sinn eigentlich Monomanie gemeint, nämlich solchen partiellen Wahnsinn,
verliere und wiederkehre, unter dessen Einfluß jedoch das Gemüth sich stets befinde; er habe je nen Ausdruck gebraucht, um den gänzlichen Verlust des Ver⸗ standes davon zu unterscheiden. Lord Campbell erklärte es schließ⸗ lich noch für wünschenswerth, daß Maßregeln getroffen würden, um diejenigen Individuen, welche sich in einem so gefährlichen, abwech⸗
der abwechselnd sich
selnd wahnsinnigen Gemüthszustande befänden, in welchem es sehr
schwierig sey, ste für ihre Handlungen verantwortlich zu machen und zu verurtheilen, für die menschliche Gesellschaft unschädlich zu machen. Diese ganze Diskussion hatte natürlich Bezug auf die (unten gemel⸗ dete) Entscheidung des Macnaughtenschen Prozesses.
Unterhaus. Sitzung vom 6. März. In dieser Sitzung kam nichts von allgemeinerem Interesse vor, außer daß Sir R. Peel auf eine an ihn gerichtete Frage erklärte, es söollten dem Hause alle nöthigen Aufschlüsse über den Kostenpreis des in China konsiszirten
Opiums vorgelegt werden, ehe die Entschädigungs⸗Frage von der
Regierung entschieden würde, und daß im fortgesetzten Subsidien⸗
Ausschuß über die Marine⸗Veranschlagungen ein von Herrn Hume
aus solchen Individuen,
beantragtes Amendement, wonach der Posten für die Werfte um 10,000 Pfd. reduzirt werden sollte, mit 71 gegen 22 Stimmen ver worfen und jeder der übrigen Posten ohne Abstimmung genehmigt wurde.
London, 6. März. Die Vermählung des Erbgroßherzogs von Mecklenburg⸗Strelitz mit der Prinzessin Auguste von Cambridge wird, ministeriellen Blättern zufolge, zwar erst um die Mitte Mai's stattfinden, aber schon zu Ende der nächsten Woche wird der erlauchte Bräutigam vom Kontinent in Cambridge House erwartet.
Es ist schon erwähnt worden, daß die Aussagen der Belastungs Zeugen in dem Prozeß gegen Macnaughten nichts Neues von Be⸗ deutung, was nicht schon früher durch die Zeitungen zur öffentlichen Kenntniß gekommen, über das frühere Leben des Angeklagten, über sein Attentat und über sein nachheriges Benehmen an den Tag gebracht haben. Das Einzige, was von Erheblichkeit in Bezug auf seine frü⸗ here politische Denkungsweise sich aus diesen Aussagen herausstellte, und was bisher noch nicht bekannt war, ist eine Aussage des Gelb⸗ gießers Robert Gordon aus Glasgow, der mit Macnaughten im letz⸗ ten November in London zusammengetroffen und von ihm in einigen Gegenden der Stadt umhergeführt worden war, bei welcher Gelegenheit dieser ihm auch das Ministerial⸗Gebäude in Dow⸗ ning Street zeigte, wo Sir Robert Peel zu arbeiten pflegt, mit den Worten: „Da geht Sir Robert Peel aus und ein, hol ihn der — —, hinunter mit ihm!“ Diese Aeußerung mußte den Verdacht verstärken, daß Macnaughten mit einem vorgefaßten Plan gegen das Leben Sir R. Peel's umgegangen sey, um so mehr, als er nach dem Attentat, als ein Polizeibeamter ihn fragte, ob er wisse, auf wen er geschossen, gleich selbst versetzte: „War es Sir R. Peel oder nicht?“ Zwar sprach er dann unsinniges Zeug durch einander über Verfolgungen, denen er von Seiten der Tories ausge⸗ setzt sey, dies wurde indeß fast allgemein für Verstellung gehalten. Die Belastungs⸗Zeugen bestanden zum Theil aus den Polizeibeamten, Aerzten und anderen Personen, die in Bezug auf das Attentat selbst und die darauf folgenden Umstände, den Tod des Herrn Drummond und Macnaughten's Benehmen, Aussagen zu machen hatten, theils welche ihn früher in London und Glasgow gekannt, darunter auch die Wittwe, bei welcher er in Lon⸗ don gewohnt, und Mitglieder des Gewerb⸗Instituts zu Glasgow, an welchem er Vorlesungen besucht hatte. Aus allen diesen Aussagen ging nichts hervor, was auf Wahnsinn Macnaughten's bis zur Ver⸗ übung seines Attentats konnte schließen lassen, sondern nur so viel, daß er allerdings seit ein paar Jahren seinen früheren Fleiß aufge⸗ geben, sein Geschäft niedergelegt, vielerlei gelesen, auch zuweilen po litisirt und zuletzt, allem Anschein nach, ganz müßig gegangen, sich hier und da herumgetrieben und von seinen früheren Erspar⸗ nissen gelebt hatte. In politischen Verbindungen mit ande⸗ ren Individuen oder mit Vereinen scheint er, so viel aus diesen Zeugen⸗Aussagen sich ermitteln ließ, nicht gestanden zu haben. Als dies Verhör am Freitag beendigt war, erklärte der Anwalt des Gefangenen, Herr Cockburn, er fühle sich so unwohl, daß es ihm unmöglich seyn würde, seine Vertheidigungs⸗Rede an diesem Tage gehörig zu halten und zu beendigen, und er wolle daher das Gericht ersuchen, die Verhandlungen bis zum nächsten Tage zu verschieben. Man willigte hierein, und die Jury wurde daher, um dieselbe inzwischen mit Niemand in Verbindung kommen zu lassen, von einem Gerichts⸗Beamten begleitet, nach dem London Coffee⸗House gebracht, wo sie unter amtlicher Bewachung die Nacht zubringen mußte. Am Sonnabend früh um 9 Uhr begannen die Verhandlun⸗ gen von neuem. Der Vertheidiger des Gefangenen, Herr Cockburn, hielt eine fast vier Stunden dauernde Anrede an die Geschworenen. Er sagte darin im Wesentlichen:
„Es kann mir natuürlich nicht einfallen, das begangene Verbrechen zu
leugnen; in meiner Vertheidigung wird es sich also nicht um die Frage der
That, sondern um den Gemüthszustand des Gefangenen handeln, in wel⸗ chem derselbe sich im Augenblicke der That befand. Im Namen der ewi⸗ gen Gerechtigkeit fordere ich Sie auf, sich in dieser uͤber das Leben eines Unglücklichen entscheidenden Untersuchung von jeder vorgefaßten Meinung frei zu halten. Unser Gesetz stellt fest, daß ein des Gebrauchs seiner Ver⸗ nunft beraubter Mensch nicht länger Herr seiner eigenen Handlungen und also unzurechnungsfähig ist. Ich werde Ihnen Zeugnisse vorlegen, deren schlagende und unumstößliche Beweiskraft in Ihren Gemüthern, wie ich hoffe, über die Geistesverwirrung des Gefangenen keinen Zweifel übrig lassen wird. Diese Zeugnisse rühren theils von den Behörden seiner Vaterstadt Glasgow her, an welche er sich wiederholt um Schutz gegen eingebildete Komplotte wandte. die er gegen sich ges “
8 “ “ 1 v11 2 * 5* . theils von Aerzten, welche sich dahin aussprechen, daß Macnaughten durch
seinen zerrütteten Geistes⸗Zustand zu dem Verbrechen gebracht worden sey. Mehrere dieser Aerzte sind hier anwesend und werden Ihnen sagen, daß der Gefangene während der letzten zwei Jahre die unleugbarsten Beweise von Wahnsinn durch sein ganzes Thun und Treiben geliefert hat. Eben die Verübung des Verbrechens, wegen dessen mein Klient hier vor Ihnen steht, spricht am überzeugendsten für seine Verrücktheit. Er hatte durchaus keinen vernünftigen Grund, einen Mann zu ermorden, mit dem er persönlich nie in der mindesten Berührung stand. Nichts spricht dafür, daß politischer Fanatismus das Motiv der That war, und eben so wenig liegt für die aufgestellte Behauptung, daß die Kugel, welche Herrn Drummond iraf, Sir R. Peel zugedacht gewesen, irgend ein Beweis vor.“
Der Anwalt führte diese Argumente dann weitläufig aus und schloß mit der Aufforderung an die Jury, ein gerechtes und unbe⸗ fangenes Urtheil zu fällen. Seine Rede schien einen tiefen Eindruck auf die Geschworenen und auf sämmtliche Anwesende zu machen. Der erste Entlastungszeuge, welcher hierauf vorgefordert wurde, war der Vater des Angeklagten. Er erklärte, daß es ihm unmöglich ge⸗ wesen sey, seinen Sohn von der fixen Idee abzubringen, daß er von den Tories überall verfolgt werde. Mehrere Aerzte und andere Ent⸗ lastungszeugen, darunter auch der Lord⸗Provost oder Mayor von Glasgow, Sir James Campbell, und das Parlaments⸗Mitglied Alexander Johnston, bei welchen sich der Angeklagte im Mai 1842 schon über angebliche Verfolgungen von Seiten der Tories beklagt hatte, sprachen in demselben Sinne. Die Aerzte, welche den Gefan⸗ fangenen in Newgate besucht hatten, waren sämmtlich der Meinung, daß er das Attentat in einem gestörten Gemüths⸗Zustande verübt habe, an welchem er schon längere Zeit zu leiden scheine. Diese Gut achten wirkten entscheidend auf das Urtheil ein. Die Richter erklär⸗ ten sogleich, solchen Aussagen zufolge scheine ihnen die Auklage gesetzlich nicht hinreichend motivirt, wenn der öffentliche Anwalt nicht noch andere Beweise vorbringen könne. Letzterer erwiederte, sein Streben sey nur, der Gerechtigkeit ihr Recht zu verschaffen, und der Jury gezieme es, zu entscheiden, ob der Angeklagte mit Bewußtseyn gehandelt habe. Der Ober⸗Richter wendete sich darauf an die Jury, wiederholte seine Ansicht von dem Geisteszustande des Angeklagten und forderte sie auf, nach ihrem Gewissen zu entscheiden. Der An⸗ geklagte schien in dieser Gerichtssitzung anfangs sehr gefaßt, bald je⸗ doch wurde ihm so unwohl, daß man ihm einen Stuhl bringen mußte. Die Jury berieth sich nur eine Minute und kam mit dem Verdikt zurück: „Nicht schuldig, wegen Wahnsinns.“ Es wurde darauf befohlen, den Gefangenen in Gewahrsam zu halten, bis die Königin das Weitere bestimmt habe.
Die Minister haben dem Parlament einen Gesetz⸗Entwurf vor⸗ gelegt, welcher die Bedingungen feststellt, unter denen die Ausländer, wenn sie sich naturalisiren lassen, die Rechte und Privilegien Britischer Unterthanen empfangen. Eine Bestimmung dieses Gesetz-⸗Euntwurfs über den Eid, welchen der naturalisirte Ausländer zu leisten hat, lautete folgendermaßen: „Ich verspreche aufrichtig und schwöre, der Königin Victoria treu und ergeben zu seyn und sie mit meiner ganzen Kraft gegen alle Verschwörungen und Attentate wider ihre Person, ihre Würde oder Krone zu vertheidigen. Ich werde alle Anstrengungen aufbieten, um der Königin, ihren Erben und Nachfolgern jeden Ver⸗ rath und jede Verschwörung gegen sie aufzudecken. Ich entsage hier⸗ mit allem Gehorsam gegen jede sonstige Person, welche etwa Rechte auf die Krone dieses Königreiches zu besitzen vorgeben möchte.“
Unter den 60 wegen der Ruhestörungen, welche im vorigen August zu Manchester vorfielen, in Lancaster vor die Assisen gestellten Angeklagten befinden sich die Chartistenführer Feargus O'Connor, Maedonall, Scholefield und Maccartney. Sie sind beschuldigt, ein von Erfolg begleitetes Komplott angestiftet zu haben, um unter den Fabrik⸗ und sonstigen Arbeitern Unruhen zu erregen und friedliche Unterthanen zur Aufgebung ihrer Arbeit zu veranlassen. Feargus O'Connor hatte den Minister des Innern, Sir J. Graham, als Zeuge vor die Assisen laden lassen und derselbe sich daher im Gerichts⸗ saale zu Lancaster eingefunden. Der Chartisten⸗Chef erklärte jedoch, daß er darauf verzichte, den Minister zu befragen, und dieser wurde der weiteren Anwesenheit entbunden. Die Verhandlungen dauern noch fort.
Die Fregatte „Colombine“ ist mit einer weiteren Abschlagszah⸗- lung von 750,000 Dollars auf die Chinesische Entschädigung aus China zu Portsmouth eingetroffen. v““
Es hat sich hier eine katholische Auswanderungs⸗Gesellschaft ge⸗ bildet, welche auf ein Kapital von 200,000 Pfd. St. in Actien von Pfd. St. gegründet ist. Nach der Morning Chroniecle be⸗ zweckt dieser Verein Erleichterung des auf dem Handel und den arbei⸗ tenden Volksklassen lastenden Druckes. Bekanntlich wenden alljährlich Tausende von fleißigen armen Irländern, durchgängig Katholiken, ihr letzt’es Geld auf Bezahlung der Ueberfahrtskosten nach Nord⸗Amerika und kämpfen unterweges mit schweren Entbehrungen. Sind sie dort angekommen, so kann die Mehrzahl keine Arbeit finden und muß sich zu Fuß nach dem fernen Westen durchbetteln. Die Gesellschaft be⸗ zweckt nun, Auswanderern, übrigens ohne Ansehen der Konfession, freie Ueberfahrt nach den Vereinigten Staaten zu verschaffen, wo zugleich für ihre Wohnung und ersten Bedürfnisse vorgesehen seyn wird. Die Gesellschaft hofft, in diesen Auswanderern mit der Zeit bedeutende Verbraucher Britischer Fabrikate zu gewinnen, so daß dem⸗ nach dem Mutterlande die auf ihre Uebersiedelung verwendeten Kosten wieder würden eingebracht werden.
In Antigua und den benachbarten Westindischen Inseln hat am 8ten v. M. des Morgens ein furchtbares Erdbeben stattgefunden. Die Stöße dauerten 3 Minuten. Nähere Nachrichten fehlen noch, doch sollen die angerichteten Verwüstungen sehr groß seyn. Zugleich erfährt man aus Port⸗au⸗Prince, daß dort eine Feuersbrunst 400 Häuser und Niederlagen verzehrt hat. Der Schaden wird auf 10 Millionen Dollars angeschlagen.
Aus Dover wird gemeldet, daß am Donnerstag bei den Werken der südöstlichen Eisenbahn, etwas oberhalb der Rounddown Klippe, eine neue Felsensprengung vorgenommen worden ist, wozu mang 7000 Pfund Pulver verwendete. Der Erfolg siel eben so gelungen aus, als bei Sprengung der eben genannten Klippe, und die Entzündung der Minen geschah wieder mittelst der Voltaischen Batterie. .
Die ganze Familie Bonaparte will angeblich zum 5. Mai, dem Todestage Napoleon's, in London zusammentreffen.
Dr. Hope, der über 50 Jahre lang in Edinburg Professor der Chemie war, wird jetzt abtreten und, wie es heißt, den D ’b Gelehrten, Dr. Liebig, zum Nachfolger haben, welchen hiesige Blät⸗ ter als den größten jetzt lebenden Chemiker bezeichnen.
Die Bank von England hat nach ihrem gestern ausgegebenen Monatsbericht 10,945,000 Pfd. St. an baarem Gelde in ihren Koffern und ihr Noten⸗Umlauf beträgt 19,739,000 Pfd. St.
g London, 7. März. Macnaughten ist als Wahnsinni⸗ ger freigesprochen worden. Leute, welche es für human halten, jeden Mörder vom Galgen zu retten, haben sich die Mühe gegeben, eine solche Masse von Zeugen — Verwandte und Freunde, Beamte und Aerzte — zusammen zu bringen, daß jeder anerkennen mußte, der Mensch leide schon seit mehreren Jahren unter dem Wahne, man ver⸗ folge ihn und suche ihn zu verderben. Zuerst waren es die Tories allein, die sich zu seinem Untergang verschworen; dann vereinigten sich die Katholiken, besonders Jesuiten, mit ihnen. Er floh selbst nach
Frankreich vor dieser vermeintlichen Verfolgung und schien Drummond in dem Wahn ermordet zu haben, er würde sich hierdurch wenigstens vor ihm, der ihn, wie er sich einbildete, mit scheelen Augen angesehen hatte, Ruhe verschaffen. Da die Kronbeamten dieser Masse von Zeugnissen nichts entgegenzusetzen hatten, so erklärte der Richter den Geschworenen, es bliebe ihnen, seiner Ansicht nach, nichts übrig, als den Mörder freizusprechen. Indessen ist man in hohen und niederen Kreisen, wenn auch nicht mit dem Ausspruch, doch mit dem Gesetz, das diesen Ausspruch befahl, unzufrieden. Man giebt wohl zu, daß der Mann unter einer Monomanie litt, man will aber darum nicht einsehen, daß er nicht einen Mord als was Böses angesehen habe, daß er nicht durch Furcht hätte davon abgehalten werden können, und folglich zurechnungsfähig sey. Auf jeden Fall fühlt man, daß der Ausspruch das Leben der höchsten Personen schutzlos lasse, indem in diesen aufgeregten und überspannten Zeiten sich leicht Fanatiker finden dürf ten, die in der Erwartung, aller Strafe zu entgehen, ihrem Haß oder ihrem Wahn andere Opfer suchen könnten. Freilich wird der unter diesen Umständen für wahnsinnig Erklärte für immer im Tollhaus eingesperrt; aber man weiß, er findet dort ein bequemes Zimmer, reichliche Nahrung, Raum zur Bewegung, Gesellschaft und fast jede beliebige Beschäftigung; er wird von den Vornehmsten besucht, man spricht mit ihm mit Antheil, erkundigt sich angelegentlich nach seinem Thun und Treiben, und so lange er sich friedfertig verhält, hat er keinen anderen Zwang zu befahren, als daß er das Haus nicht ver⸗ lassen darf.
Wie gar manche, besonders die ein solches Leben nicht versucht haben, dürften es gegen die Schwierigkeiten und Schicksalswechsel im Leben für wünschenswerth halten; und wer wenn man sich darum Mühe giebt — könnte nicht als wahnsinnig bewiesen werden! Auch hat bereits Lord Brougham im Oberhause angekündigt, er werde den Gegenstand zur näheren Bestimmung des Gesetzes vor diese Versammlung bringen. Und der Großkanzler, der Oberrichter Denman und der neuliche Kanzler von Irland, Campbell, erboten sich Alle aufs eifrigste, an diesem unerläßlichen Werke mitzuhel fen. Vor das Unterhaus soll die Sache durch Herrn V. Blake gebracht werden. Man ist für Sir Robert Peel etwas be⸗ unruhigt; zumal da man davon gesprochen, ein Schottländer habe an Bord eines Dampfbootes zwischen Glasgow und Liver⸗ pool, nach manchen sonderbaren Reden, welche die Reisenden aufmerksam gemacht, erklärt, er gehe nach London, um mit Peel ein gewisses Geschäft abzumachen. Er nahm es übel, daß ein Weib auf dem Throne sitze, sprach von Tyrannenmord, als in der heiligen Schrift geboten, u. s. w. Auch sieht man die Polizei zwischen des Ministers Haus und dem Parlaments⸗-Gebäude, so wie innerhalb desselben, zahlreicher und aufmerksamer wie sonst; und es sollen sich Polizeidiener in Bürgerkleidung beständig unter die des Nachmittags und Abends umherstehenden Gruppen mischen und an jede verdächtig scheinende Person anschließen. Dies ist eine traurige Erscheinung in einem Lande, wie dieses, wo Hohe und Niedere in ahnungsloser Sicherheit zu allen Zeiten an alle Orte zu gehen pflegen, wo weder die Gerichtshöfe, noch die Parlaments Versammlungen eine militairische Bedeckung haben, und man selbst die Posten an den Königlichen Pa lästen und Gärten nur als eine Ehrenwache anzusehen pflegt. Aber gerade dieser Gegensatz, diese Unruhe nach einer langen ununter- brochenen Ruhe schreckt die Gemüther um so mehr auf.
—— I1“
Wien, 7. März. Das gestrige Bülletin über das Befinden des Erzherzogs Franz Karl lautet:
„Am 6. März um 9 Uhr früh.
Se. Kaiserl. Hoheit der Darchlauchtigste Erzherzog Franz Karl fühlten sich gestern, ungeachtet des mäßigen Fiebers, etwas mehr aufgeregt; in der Nacht schliefen Dieselben mit Unterbrechung ein paar Stunden, und klagen heute über Mattigkeit. Die übrigen Krankheits⸗Erscheinungen haben sich nicht verändert.
8 Freiherr von Türkheim. Dr. Zangerl.“
Wien, 4. März. Nach den gemachten Erfahrungen entstehen die meisten Unglücksfälle der Berg⸗Arbeiter durch Explosion der Bohrlöcher bei der Sprengarbeit, indem entweder durch die Raum⸗ nadel oder durch den Ladestock eine zu frühzeitige Entzündung herbei⸗ geführt und es dadurch dem Arbeiter unmöglich gemacht wird, vor Entladung des Bohrloches den Fliehort zu erreichen. T iese zu frühe Entzündung kann erstlich dadurch herbeigeführt werden, daß die Raum⸗ nadel, vermittelst welcher in der Bohrmasse ein Zündkanal offen ge⸗ halten wird, wenn sie durch das Pulver hindurch gestoßen oder wäh⸗ rend des Besetzens an die Bohrlochwände gepreßt, oder nach gesche⸗ hener Besetzung aus der Bohröffnung gezogen wird und das Neben⸗ gestein oder das zur Besetzung verwendete Material quarzige Theile enthält, Funken reißt und dadurch eine Explosion bewirkt. Auf gleiche Weise können durch den Ladestock, durch welchen die Besetzungsmasse eingestoßen wird, Funken erzeugt und dadurch in zu frühzeitige Entladung, Explosionen veranlaßt werden. Wenn nun auch nicht alle Momente, als: Elektrizität, Luft⸗Kompression und das Verhalten des Schießpulvers als Knallkonglomerat ermit lelt sind, welche bei der Erplosion ebenfalls mitwirken können, und eine vollständige Sicherheit dagegen nur auf genauer Kenntniß der Entstehungs Ursache beruhen kann, so hat sich doch in dieser Bezie⸗ hung der Gebrauch von kupfernen Raumnadeln und Ladstöcken als sehr ersprießlich bewährt, und deren allgemeine Einführung anstatt der eisernen bei allen ärarischen Montanwerken zur Folge gehabt. Dem⸗ ungeachtet hat das Berg⸗Oberamt zu Klagenfurt sich überzeugt, daß bei den Privat⸗Gewerkschaften, theils aus Vorliebe für den hergebrach ten Schlendrian, theils der wohlfeileren Anschaffungskosten und der seltener eintretenden Fehlschüsse wegen, noch immer eiserne Raum nadeln im Gebrauche sind; in Berücksichtigung der hierdurch drohen⸗ den Gefahren für das Leben der Bergleute hat daher diese Behörde den Antrag gestellt, den Gebrauch der genannten eisernen Spreng⸗ werkzeuge beim Bergbau allgemein zu untersagen, und die tung dieses Verbotes nach den Vorschriften des S über die Sicherheit der Personen zu bestrafen. 1—“ nun diesen Antrag in Verhandlung genommen und darüber ein Gutachten
n allen Provinzial Regierungen abverlangt.
68 Harlsbad, 5. März. Die Noth in unserem Erze ebirge fst eee groß, und die reichlichen Beisteuern der Privat⸗ Mildthätigkeit aus allen Gegenden der Monarchie, sind kaum hinrei⸗ chend, um die großen Bedürfnisse des Augenblicks zu decken. Große nachhaltige Hülfe gewähren daher nur für die lange. Zeit bis zur nächsten Aerndte die von Sr. Majestät dem Kaiser bewilligten Straßen und Wasserbauten. Da dieselben jedoch meistens mehr im Innern des Landes ausgeführt werden, so würde doch für viele der unglücklichen Gebirgs⸗Bewohner, die sich nicht weit von Hause entfernen können, jene Hülfe schwer zu erlangen seyn, wenn nicht zufolge einer so eben bekannt gewordenen ferneren Anordnung eine große neue Straßen⸗ strecke in unserer Nähe ausgeführt würde. Es ist dies die Anlegung einer neuen Straßenstrecke von Falkenau an der Eger nach der ge⸗ werbreichen Gebirgsstadt Graslitz, für welche das große Opfer der Grundentschädigung und der Bau der großen Brücke über den Eger⸗
sluß aus öffentlichen Fonds gleichzeitig bewilligt wurde. Außer den beträchtlichen Summen an Arbeitslohn in der Nähe der jetzt durch Mangel an Verdienst so sehr leidenden Gegend, gewährt dieser Straßenzug der Stadt Graslitz und den höher liegenden Gebirgsge⸗ genden auch für die Zukunft den großen Vortheil eines wohlfeilen Bezuges von Lebensmitteln, Brenn⸗ und Arbeits⸗Materialien, wodurch der Industrie⸗Betrieb eine große Erleichterung erhalten muß. e“ — — “ G“ . ö““ .. Hla4 E11116.1““ Wallis. (A. Z.) Seit Monaten ist die Aufregung im Wal⸗ liser Lande ziemlich groß, wie die Scenen im Großen Rathe schon letzten Herbst gezeigt haben. Wie in Genf die konservativen Zeitun⸗ gen viel weiter gingen als die konservative Regierung, so in Wallis die liberale Presse im Kampf gegen die geistlichen Prärogativen. Die Aufreizung nahm so zu, daß die Regierung sich veranlaßt fand, eine eigene wohl eben so sehr zur Abwehr gegen ihre leidenschaftlichen Freunde als gegen ihre offenen Widersacher bestimmte Zeitung zu gründen, so daß seit einigen Monaten dieses Ländchen von 80,000 Einwohnern, worunter mehr als ein Drittel Deutsch spricht, wäh⸗ rend etwa eben so viel nicht lesen können, drei Französische Zeitungen besitzt das Organ der Regierung, Courrier du Valais, das radikale Blatt, Echo des Alpes, und die Zeitung der ultramon⸗ tanen Partei, Gazette du Simplon. Letztere, von zwei Fran⸗ zosen geleitet, den Herren Rupert und de Meyeri, schien der Regie⸗ rung so gefährlich, daß sie diesen Herren den Aufenthalt im Lande versagte, und da sie der Ausweisung nicht gehorchten, sie momentan verhaften ließ. Dies scheint die nächste Ursache der Unruhen, welche am 28. Februar in Saint Maurice stattfanden, wo beide Parteien überdies durch die zweifelhaften Ergebnisse der Gemeinde-Wahlen sehr erbittert waren. Die Leidenschaft der Bewegungs⸗Partei war beson⸗ ders gegen die alte einfluß⸗ und güterreiche Königl. Abtei von Saint⸗ Maurice gerichtet, welche sich ihrerseits bedroht glaubte, Bergbewohner zur Vertheidigung kommen ließ, und ihnen, wie man sagt, Waffen austheilte. So kam es vor einigen Tagen zu Gewalt⸗Auftritten, welche durch die Dazwischenkunft des Regierungs⸗Präsidenten Herrn Barmann ohne bedeutende Folgen beschwichtigt wurden. Die Bewe⸗ gung scheint sich nicht weiter verbreitet zu haben, und es würde wohl Alles dabei bleiben, bis zu den Wahlen für den Großrath, welche nach Ostern statthaben. Dann aber wären wohl Aenderungen in der Lage dieses Kantons möglich. Ein Wechsel der Regierung wäre nicht zu wünschen, denn die jetzige zeigte sich bis jetzt thätig, mäßig und besonnen. b
CL1
Mom, 27. Febr. (A. Z.) Vor einigen Tagen starb hier nach kurzem Krankenlager der Kardinal Principe G. Giustiniani (geboren in Rom 1769 den 29. Dezember), Camerlengo des Papstes, Erz⸗ priester der vatikanischen Basilika und Bischof von Albano. Sein Verlust wird besonders von den Römischen Literaten schmerzlich em⸗ pfunden, deren freundlicher Beschützer er in seinem Amt als oberster Studien⸗-Direktor war. Kardinal Giustiniani wurde bekanntlich im letzten Conclave zum Papst erwählt, auf sein dringendes Bitten jedoch durch Spanische Vermittelung er war lange Zeit apostolischer Nuntius in Madrid — von der Würde erkludirt.
Das Buch „Laocoon sive Hermesius et Perronius, Bonn 1842“, das hier in mehreren Exemplaren bekannt geworden, erregt allgemeine Aufmerksamkeit. Es ist eine Uebertragung von Georg Hermes' philosophisch-religiösem Dogmatismus aus dem Deutschen ins Lateinische. Professor Perrone, seit vielen Jahren der eifrigste Bekämpfer des Hermesianismus, bereitet eine ausführliche Widerlegung des Buches vor.
Die Intendantur und oberste Leitung der akademischen Kunst Studien, der zeither der anerkannt ausgezeichnetste der jetzt lebenden Italienischen Maler, Baron Vincenzo Camuceini (Davids Schule) vorstand, ist dem ersten Professor der Akademie von S. Luca F. Agri⸗ cola, einem Künstler von Ruf, übertragen worden. Camucceini hat aus Rücksichten für seine sehr geschwächte Gesundheit aus freiem Antrieb auf den wichtigen und ehrenvollen Posten resignirt.
Neapel, 18. Febr. Das Giornale delle due Sieillie meldet, Se. Königl. Hoheit der Prinz Albrecht von Preußen hat, nachdem er von der Königlichen Familie Abschied genommen, am 15ten d. M., in Begleitung von zwei Gesellschafts⸗Kavalieren, einem Secretair und vier Dienern, sich an Bord des Dampfbootes „Euro tas“ eingeschifft, um über Malta und Syra Alerxandrien zu erreichen und dann der Reihe nach Ober⸗Aegypten, Palästina und andere Län⸗ der des Morgenlandes zu besuchen. Se. Königl. Hoheit gedenkt nach Beendigung dieser Reisen, und vor seiner Rückkehr nach Berlin, unsere Hauptstadt nochmals zu besuchen und sich einige Zeit in ihren Umgebungen aufzuhalten.
Vorgestern haben die zwei Holländischen Fregatten „Jason“ und „de Ryn“, von dem Grafen Fanteplat befehligt und von Malta kom⸗ mend, in dem hiesigen Hafen Anker geworfen.
Von der Türkischen Gränze, 28. Febr. (A. Z.) Nach⸗ richten aus Konstantinopel zufolge, die eben auf außerordentlichem Wege einlangen, hat Herr Butenieff Anstand genommen, die nun auf das eigenhändige Schreiben des Kaisers Nikolaus an den Sultan erfolgte Antwort nach St. Petersburg zu expediren, da der Rus⸗ sische Botschafter besorgen soll, daß letztere die zwischen der Pforte und Rußland bestehende Freundschaft bis auf den Grund erschüttern müßte. Ein Russischer Courier, der vor einigen Tagen von Kon⸗ stantinopel abging, soll blos einen kurzen Auszug des Antwortschrei bens mit der Angabe seines wesentlichen Inhalts nach St. Peters burg überbringen. Man glaubt hier, daß das von Herrn von Bute⸗ nieff hierbei befolgte Verfahren allerdings geeignet sey, die Pforte über ihre Haltung hinsichtlich Serbiens bedenklich zu machen, obwohl bestimmte Nachrichten besagen, daß die Pforte auf ihrem Entschlusse, die gegenwärtige Regierung Serbiens aufrecht zu halten, noch immer beharre. Es ist zu wünschen, daß der Sache einmal ein Ende ge⸗ nacht werde.
vereinigte Staaten von Nord -Amerihka.
“ London, 7. März. Mit Berichten aus New⸗York vom 7. Februar ist so eben die Nachricht hier eingegangen, daß das See Kriegsgericht an Bord des Schiffes „North Carolina“ unterm 20. Januar den Capitain Mackenzie und seine Mitangeklagten, wegen der an Bord des „Somers“ an Philipp Spencer und Samuel Cromwell vollzogenen Execution, von aller Schuld freigesprochen und erklärt hat, sie hätten ganz nach Erforderniß der Umstände gehandelt und seyen zu solchem Verfahren vollkommen berechtigt 1cnn
O New⸗York, 4. Febr. Die Finanzlage der Vereinigten Staaten bietet in diesem Augenblicke zwei entgegengesetzte Phänomene dar, welche hervorzuheben sicherlich nicht ohne Interesse seyn dürfte.
Vielleicht zu keiner Epoche war der Umlauf des baaren Geldes solider gewesen als eben jetzt; nie war dasselbe in den Koffern der Kapitalisten und in den Kassen der Banken in größerer Masse vor⸗ handen gewesen, als es in diesem Augenblicke der Fall ist. Als Bei⸗ spiel davon will ich nur die Banken von New⸗York anführen. Die von den 131 Banken dieses Staates zur Oeffentlichkeit gebrachten Rechnungen thun dar, daß ihre Fe iße Circulation, abgerechnet die Handels⸗Effekten, welche das Aequivalent ihrer Eskomptirungen darstellen, sich auf 7,142,884 Dollars beläuft, und daß sie für 8,477,076 Dollars baar Geld in Kasse haben, was einen Ueberschuß von 1,334,192 Dollars des Baargeldes über das in Umlauf befind⸗ liche Papiergeld ergiebt. Die 24 Banken der Stadt New⸗NYork selbst haben eine eigene Circulation von 1,082,672 Dollars, und in ihren Gewölben haben sie 7,279,560 Dollars in baarem Gelde, so daß die Summe dieses das Papier um 6,196,888 Dollars übersteigt.
Die Lage der Banken von New⸗Orleans, welche nicht in Liqui⸗ dation begriffen sind, bietet einen nicht minderen Ueberfluß an Kapi⸗ talien dar. Und doch in demselben Augenblicke, wo die finanziellen Etablissements mehr als je Reichthum an Geldvorräthen haben, ist die Lage des Handels, der Grundeigenthümer, der Gewerbsleute mehr als je gedrückt. Durch eine scheinbare Bizarrerie haben die Ameri⸗ kaner keinen Heller mehr, seit sie Geld haben, und ein wirklicher Geldumlauf an die Stelle eines scheinbaren getreten ist. Diese Ano⸗ malie ist aber, wie gesagt, nur scheinbar, nichts kann normaler seyn, als der jetzige Zustand. Der Amerikanische Reichthum war übertrie⸗ ben worden durch das Zeichen, das ihm zur Repräsentation diente, und dieses Zeichen, das nach allgemein angenommener Uebereinkunft Geltung erlangt hatte, hatte, indem es von dem getäuschten öffent⸗
lichen Glauben angenommen wurde, das baare Geld verdrängt. Aber wie groß auch der Ueberfluß an baarem Gelde werden mag, der des in Umlauf gesetzten Papieres war doch noch weit größer. Die Wiederherstellung des Baargeldes in seine ihm gebührenden Rechte bringt daher eine verhältnißmäßige und wohl er⸗ klärliche Unbehaglichkeit, wie sie allen Uebergangskrisen eigenthümlich ist, mit sich, und diese Unbehaglichkeit, dieses Gefühl eines noch un⸗ gewissen, erst im Werden begriffenen, wenn auch besseren Zustandes, diese Geburtswehen, möchte ich beinahe sagen, werden natürlich noch durch die Behutsamkeit und Vorsicht vermehrt, welche an der Stelle der früheren Tollkühnheit sich jetzt überall bemerklich macht. Die ein
getretene Reaction ist die logische Folge, die unausbleibliche Konse
quenz des früheren Zustandes. Es bleibt deswegen nicht weniger ge⸗
wiß, daß eine Aera der Wiederherstellung und Genesung für das
Land zu beginnen scheint. Eine wahre Umwälzung ist in seinen kom merziellen Sitten und Gebräuchen vorgegangen; der Boden ist noch allerseits von Ruinen und Schutt bedeckt, aber diese werden allmälig weggeräumt werden und der Bau einer besseren Zukunft auf neuen und soliden Grundlagen erfolgen.
Der Wechselkurs zwischen den großen Städten des Nordens, des Südens und des Westens hat ein Gleichgewicht erlangt, von dem man seit langer Zeit kein Beispiel mehr gesehen hat. Er wech⸗ selt für New⸗-York von , auf Boston oder Philadelphia, zu ½ auf New⸗Orleans und 2 auf St. Louis in Missouri. So war etwa der Stand desselben in den besten Zeiten der Bank der Vereinigten Staaten, und dieser Stand der Dinge, der von selbst sich hergestellt hat, dient als mächtiges Argument denen, welche gegen das Unnütze, wo nicht gegen die Gefahr jeder National⸗Bank, oder eines sonstigen angeblichen Regulators der finanziellen Welt, plaidiren. Es ist da⸗ her wahrscheinlich, daß von allen diesen Regulatoren, der Plan des Herrn van Buren, zur Errichtung eines Unter⸗Schatzamtes, der gar nichts regelt, allein von dem nächsten Kongresse angenommen werden wird, wenn Herr Tyler, der Präsident, nicht sein Veto dagegen ein⸗ legt. Briefliche Mittheilungen aus Washington wollen behaupten, der Präsident gehe wirklich mit dem Gedanken um, der demokratischen Partei einen solchen Streich zu spielen, um an ihr Rache zu nehmen für die Geringschätzung, mit der sie seinen Plan zur Errichtung eines Exechequer aufgenommen hat. Auf solche Weise könnte sich die dro hende Erklärung des Herrn Cushing verwirklichen, daß die beiden politischen Fractionen des Kongresses wohl nacheinander eine gleiche Lection von der Unabhängigkeit der vollziehenden Gewalt erhalten könnten.
Nach der Verwerfung des Planes des Präsidenten für Errich⸗ tung eines Exechequer ging zu Washington das Gerücht, Herr Tyler habe beschlossen, an den Kongreß eine Botschaft zu erlassen, in wel— cher er erklären würde, alle seine Bemühungen, den finanziellen Ver⸗ legenheiten des Landes und der dadurch für alle seine Verhältnisse erzeugten Krise ein Ende zu machen, Hülfe zu bringen, wo solche noth thue, seyen an der Weigerung des gesetzgebenden Körpers, ihm seine Mitwirkung dazu zu gewähren, gescheitert; er wasche daher seine Hände in Unschuld und müsse dem Kongresse die Verantwortlichkeit für die Folgen und Ereignisse überlassen, welche daraus hervorgehen könnten. Bis jetzt hat sich dieses Gerücht, das mit vieler Bestimmt⸗ heit in Umlauf gesetzt worden war, jedoch nicht bestätigt.
Auf der anderen Seite hat sich eine sehr bestrittene Frage er⸗ hoben, nämlich ob es der Präsident für angemessen und rathsam er⸗ achten wird, eine außerordentliche Session des künftigen Kongresses zusammenzuberufen, um von demselben die Sanction der von dem gegenwärtigen Kongresse verworfenen Maßregeln zu erlangen. Es ist wahrscheinlich, daß die vollziehende Gewalt sich genöthigt gesehen haben würde, zu dieser Maßregel ihre Zuflucht zu nehmen, um den leeren Schatz zu füllen, aber da der Kongreß nichts für diesen thun wollte, so sind demselben jetzt die Kapitalisten zu Hülfe gekommen. Eine von den Herren Ward und Buckner repräsentirte Gesellschaft hat ganz neuerlich die fünf bis sechs Millionen Dollars übernommen, welche noch von dem Anlehen unterzubringen waren, das die Regie⸗ rung eröffnet hatte, welches aber im Auslande unterzubringen alle ihre Bemühungen vergeblich gewesen waren. Diese Hülfsquelle, die sich nun für die Union eröffnet hat, ist für die Union eben so erfreu⸗ lich als unerwartet, und es liegt darin zugleich ein Symptom mehr jenes Ueberflusses an Kapitalien, auf die ich am Eingange dieses Schreibens hingewiesen habe, und die ein bedeutendes Pfand für die wiederkehrende Prosperität dieses Landes ist.
„Ddie Nachricht von der Verwerfung einer Maßregel, welche an die Kapitalien im In⸗- und Auslande einen weit durchgreifenderen Aufruf hatte ergehen lassen, des Finanzplanes des Herrn W. Cost Johnson nämlich, ist Ihnen wahrscheinlich bereits zugekommen. Die⸗ sem Plane konnte wohl Niemand eine gewisse Großartigkeit des Ge⸗ dankens absprechen; allein es dürfte schwer seyn, ihn unter dem Ge⸗ sichtspunkte strenger Gesetzlichkeit, gegenüber den als unabhängig von einander anerkannten Staaten zu vertheidigen. Daraus erklärt sich uns, wie ihn die Kommission der Mittel und Wege im Kongresse als unausführbar und verfassungswidrig zugleich zurückweisen mußte. Es kam dabei die Frage des Centralismus mit der des Föderalismus in Konflikt, und wie der Erfolg gelehrt hat, ist dem letzteren der Sieg geworden: ob auch zum Vortheil der Gläubiger der verschie⸗ denen Staaten, ist freilich eine andere Frage.
8
S enan Hihas „ . ün iaeb4 “ — Nachricht für Seefahrer.
Von den zwei stehenden Leuchtfeuern am Hafen von Danzig zu Neufahrwasser wird das kleinere, welches bisher in einer dem großen Leuchtthurm ganz nahe stehenden Baake unterhalten wurde, am 15ten (funfzehnten) April d. J. zum letztenmale brennen und dagegen vom 16ten (sechzehnten) April d. J. ab, in einem, auf der Spitze der östlichen Hafen⸗ Moole neu errichteten kleinen eisernen Leuchtthurme ein stehendes Licht nach Fresnelscher Erfindung angezündet werden, und mit dem großen stehenden Leuchtfeuer zugleich allnächtlich von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang brennen. Das neue Leuchtfeuer steht Nord per Compaß 4800 Rheinländi⸗ sche Fuß von dem großen Leuchtthurm entfernt. Es ist 43 Fuß über der Meeresfläche bei mittlerem Wasserstande erhaben, in allen Richtungen des Kompasses von WSW. bis SO. und seewärts in der Entfernung von mehr als 2 ½⅞ Deutsche Meilen, wenn das Auge des Beobachters etwa 10 Fuß über dem Wasserspiegel ist, bei klarem Wetter zu sehen.
Diejenigen Schiffe, welche die Danziger Rhede zur Nachtzeit ansegeln oder anlaviren, müssen, wenn sie die Höhe der alten Weichselmündung er⸗ reicht haben, das höhere oder südliche Feuer nicht westlicher als SW. und das Feuer auf der östlichen Moole nicht nördlich von West von sich brin⸗ gen, um den weit ausliegenden Untiefen vor dem alten Weichsel⸗Ausfluß nicht zu nahe zu kommen.
Das Feuer auf der östlichen Moole in S. zu O. oder SSO. und 5 Faden Wassertiefe giebt gute Ankerstellen auf der Rhede. Die beiden Leuchtfeuer, welche, wenn man sie Süd von sich hat, in eins kommen, zei⸗ gen sich dann beträchtlich aus einander, das des großen Leuchtthurms oder des höheren, westlich von dem auf der Moole. —
Die vorstehend angegebenen Peilungen sind sämmtlich nach dem miß⸗ weisenden Kompaß. Danzig, den 21. Februar 1843. Königlich Preußische Regierung.
Wissenschaft, Kunst und Literatur.
Zur Architektur des Alterthums.
Das Altgriechische Theater⸗Gebäude. Nach sämmtlichen belkannten Ueberresten dargestellt auf neun Tafeln von J. H. Strack, Baumeister. Potsdam, 1843. Verlag von Ferdinand Riegel. Fol.
—
Die Wiedererweckung der Sophokleischen Antigone, nach zweitausend⸗ jährigem Schlafe, war ein Ereigniß, welches nach den verschiedensten Sei⸗ ten hin die Gemüther lebhaft bewegen und aunregen mußte. So groß auch die Anerkennung war, die Jedermann von der Schule her pflichtmäßig den Meisterwerken Hellenischer Dichtung zollte, oder welche die Gelehrten ex professo zu ergründen und zu Tage zu fördern sich bemühten, so mußte man doch zugeben, daß durch die sinnliche Vorführung des alten Dra⸗ ma's dasselbe erst sein inneres Leben entfalten konnte; denn ein wesentliches Kennzeichen der alten Kunst ist es gerade, daß sie, fern von jeder Abstrae⸗ tion, überall mit dem Leben selbst zusammenhängt und in dasselbe eingreift.
Sophokles schrieb seine Antigone nicht, um sie dem Publikum gedruckt zur Beurtheilung vorzulegen; obschon sie auch dieses Kriterion seitdem längst bestanden hat. Die Handlung selbst sollte in ihrer ganzen inneren Größe den Griechen lebhaft vor Augen treten, in ihrer ganzen etischen und religiösen Bedeutsamkeit. Ja, das Drama selbst war ein Theil des Got⸗ tesdienstes, es war eine Handlung, an der die Darstellenden nicht weniger wie die Schauenden Antheil nahmen. Neben dem Heiligthume des Dio⸗ nysos gelegen, stand der Altar dieses Gottes inmitten der Bühne und des Zuschauerraums, das ganze Theater⸗Gebände als einen Theil jenes Heilig⸗
thums bezeichnend.
Ist die antike Tragödie daher ohne Darstellung so wenig zu begreifen, wie die Statuen des Parthenon aus den bloßen Nachbildungen im Kupfer⸗ stich, so, um das Bild weiter fortzuführen, kann die Darstellung der Grie⸗ chischen Tragödie nur im Einklange mit dem richtigen Verständnisse des Bühnen⸗Gebäudes selbst genügen, wie die Statuen des Giebelfeldes ohne die Kenntnißnahme des letzteren und des ganzen Tempel⸗Gebäudes unver⸗
ständlich bleiben. Wenn aber Vitruv's Vorschriften für die Anordnungen Hellenischer Tempel⸗Architektur durch die Wiederentdeckung dieser Tempel nicht nur als ungenügend, sondern zum großen Theile als grundfalsch sich erwiesen haben, so hätte man gleichmäßig seinen Angaben über die Anlage des Griechischen Theater⸗Gebäudes, deren er selbst, ein sonst ganz achtbarer Kriegs⸗Baumeister, vielleicht in der Wirllichkeit keins zu sehen Gelegenheit hatte, billig mißtrauen sollen. Leider begnügte man sich aber nicht, seine Angaben einfach aufzufassen und mit Vergleichung der Reste zu beurtheilen, sondern schob willkürlich Römisches und Griechisches durch einander, wodurch denn ein Griechisches Theater entstand, das dieser Nationalität etwa in eben dem Maße entspricht, wie die dorische Ordnung vom Theater des Marcellus in Rom.
Verzeihlich war der Irrthum, so lange wir von dem wesentlichsten Theile des Griechischen Theater⸗Gebäudes, der Scene, eine so unvollkom⸗ mene Anschauung hatten; denn hier gerade hatte die Zeit und Mode fast überall radikal zerstört. Aber auch jene allen Schicksalen trotzenden, in den Felsen gehauenen Halblkreise der Sitzstufenreihen, welche in zahlreichen Bei⸗ spielen aufgefunden und gezeichnet waren, hätten die Gelehrten belehren sollen, daß die vitruvischen Quadrate sich ihnen nicht einzwängen lassen, daß daher seine Tangenten üu. s. w. nur zu müßigen Phantasiespielen Ver⸗ anlassung geben, ohne auch nur in einem Beispiele die Wirklichkeit zu treffen.
Wir halten daher das vorliegende Werk für eine der dan⸗ kenswerthesten Erscheinungen im Gebiete der Archäologie, weil der Verfasser nicht mit anerzogenen Vormeinungen an das Werk ging, sondern die Thatsachen selbst reden läßt. Durch die neuesten Ent⸗ deckungen begünstigt, ward es ihm möglich, fünf und zwanzig ächt Griechische Theater⸗Anlagen in gleichem Maßstabe nebeneinander zu stellen, deren zehn dem eigentlichen Griechenlande und dessen Inseln, zehn andere den Klein⸗Asiatischen Städten und Inseln, fünf aber den Griechischen Kolonieen Siciliens angehören. Zwar sind dieselben keinesweges in einem wünschenswerthen Zustande der Erhaltung auf uns gekommen, manche so⸗ gar durch Römische Umbauten verändert worden, aber gerade durch eine solche Nebeneinanderstellung ergänzt eins das andere, und läßt sich die lo⸗ kale Abweichung von der herrschenden Sitte unterscheiden.
Wenn in Bezug auf die wesentlichsten Einrichtungen des Zuschauer⸗ raumes bei der Menge wohlerhaltener Beispiele gerade dieses Theiles, schon früher eine feste Ansicht gewonnen werden konnte, so war dagegen die Ein⸗ richtung des Scenen⸗Gebäudes und seine Verbindung mit jenem, so wie die Anordnung der zwischen liegenden Theile ein Gegenstand der verschiedenartigsten Hypothesen. Die vorgelegten Beispiele erge⸗ ben nun unwidersprechlich — natürlich mit Ausnahme der roma⸗ nisirten Theater — daß eine mechanisch architektonische Verbindung zwischen dem Bühnen ⸗Gebäude und dem Zuschauerraum nicht stattfand, sondern daß jedes vom anderen völlig isolirt war. Die unmit⸗ telbare Verbindung der Hörner des Halbkreises mit den Paraskenien sehen wir erst in den mitgetheilten Römischen Beispielen, so wie in denjenigen Griechischen Theatern, wo dieser Theil der Architektur der Sitte des herr⸗ schenden Volkes zu Liebe umgeändert wurde. In allen Altgriechischen Thea⸗ tern dagegen, selbst mit denen, welche nicht mehr der Zeit der Autonomie angehören, findet eine völlige Trennung beider Theile statt, so daß die halbkreisförmige Orchestra gewissermaßen beiden Theilen zugleich angehört und zur Rechten wie zur Linken durch den offenen Zwischenraum zwischen den beiden Haupttheilen des Theaters einen freien Zugang gewährt. Wie man durch letztere wirklich vom Hafen oder von der Stadt her zur Orchestra gelangte, so übertrug man auch diese Eigenschaft der Zugänge auf das Drama, wo der Chor in der Orchestra gewissermaßen das auf dem Marlte versammelte Volk vorstellte, dem sich der Kreis der Zuschauer bis zu den obersten Reihen hinauf anschloß. Die andere Seite der Orchestra aber nimmt das Bühnen⸗Gebäude ein, im höheren Drama meistentheils die Vorhalle des Königlichen Palastes oder eines Tempels darstellend, und schon der Würde wegen auf höherer Basis stehend, welche zur nothwendigen Verbindung derer, welche von der Fremde wie von der Stadt zur Wohnung des Koͤnigs oder des Gottes hinzutreten wollen, noth⸗ wendig auch durch eine Treppe zugänglich gemacht werden mußte. Dieses Mithandeln des Volkes, dieses unmittelbare Eingehen auf die vorhandenen,