Laubach bei Koblenz. Zu denselben ist im en, n6 89 8* Anstalt zu Rolandseck gekommen, welcher der 8 nepen sjept. sich längere Zeit in Gräfenberg aufgehalten hat, als Arzt vorsteht. Deutsche gundesstaaten. 1— Königreich Bayern. Der Staatsrath Dr. Berks ist zu Sr. Majestat dem Koönig nach Aschaffenburg abgereist. . bss Die bayerische Hypotheken⸗ und Wechselbauk hat mit Genehmi⸗ gung Sr. Majestät des Königs ihren Geschäftskreis abermals um zwei neue Abtheilungen vermehrt, indem sie eine „Leibrenten⸗Anstalt und eine „Kapital⸗Versicherungs⸗Gesellschaft für Kinder“ ins Le⸗ 9. 2 Nürnberger Korrespondenten wird aus Mün⸗ chen gemeldet: Oeffentliche Blätter enthalten mehrfache Nach⸗ richten von großen Sicherheits⸗Störungen, welche hier vorgefallen, Nachrichten, die jedoch der Berichtigung bedürfen. Allerdings war der Diebstahl bei dem preußischen Gesandten ein sehr bedeutender, denn es wurden Pretiosen und sonst werthvolle Gegenstände im Werth von 12,000 Fl. entwendet. Man ist jedoch den Dieben, einem Be⸗ dienten vom Haus und einem verdorbenen Mediziner, welche flüchtig sind, schon auf der Spur. Eben so wurde man bereits eines entwen⸗ deten Brillantschmucks zum großen Theil habhaft. Was ferner von einem Diebstahl im Betrag zu 2000 Fl. in Banknoten in einem hie⸗ sigen Gasthofe erzählt wird, ist übertrieben; es wurde wohl im „gold⸗ nen Bären“ durch ein schlecht verwahrtes Fenster zu ebener Erde ein⸗ estiegen, die Summe des Entwendeten, worunter keine Banknoten, beträgt jedoch nur 300 Fl. Daß überhaupt zur Dultzeit mehr Dicb⸗ stähle als sonst vorkommen, ist natürlich und die Ursache davon leicht zu ermessen.
Königreich Hannover. (Magd. Ztg.) Die längst er⸗ wartete Veröffentlichung der Rechenschaft über das bisherige Ge⸗ schäft der Tilgung der Landesschulden ist jetzt von dem Schatz⸗Kol⸗ legium erfolgt und zeigt kein ungünstiges Resultat. Die bisherigen Abzahlungen auf jene Schulden werden bis Ablauf dieses Jahres 6,200,000 Rthlr. betragen. In den letzten drei Jahren werden etwa 1 ½ Millionen abgeführt. In diesem Abtrage sind jedoch die ver⸗ wendbaren Fonds der Schulden⸗Tilgungs⸗Kasse zu etwa 650,000 Rthlr., welche einstweilen zinsbar belegt wurden, mitbegriffen. Auf die älteren 3 ½—⸗ und 4 proz. Obligationen sind etwa 5,300,000 Rthlr., dagegen auf die 3 ½⸗ und 5proz. Eisenbahn⸗Anleihe⸗Obligationen nicht mehr als höchstens 3 Millionen verwendet.
Königreich Württemberg. Am 6. Aug. wurde in Stuttgart ein Aerndte⸗Dankfest gefeiert. Ein schön verzierter, mit Inschriften versehener Garbenwagen wurde am Königsthore mit Ab⸗ singung des Liedes: Lobe den Herrn, den mächtigen König ꝛc., un⸗ ter Posaunenbegleitung abgeholt und bis vor die Stiftskirche gelei⸗ tet. Den Zug, der gegen 9 Uhr Vormittags begann, eröffnete das Stadtreitercorps (zu Fuß), Festordner, dann folgten die Mädchen aus den Stadtschulen, die Knaben mit den Lehrern unter Vor⸗ tragung eines Aehrenkranzes, der Eigenthümer des Aerndte⸗ wagens zu Pferde, der Wagen mit vier Pferden bespannt, junge Mädchen als Schnitterinnen gekleidet, mit Sichel und Fruchtgarben, Festordner, weitere Abtheilungen von Schulkin⸗ dern, die Kinder des Waisenhauses, die Schul⸗Inzipienten des Wai⸗ senhauses, die städtischen Geistlichen beider Konfessionen und der israe⸗ litische Geistliche, die städtischen Behörden, eine große Zahl Bürger, und den Schluß machte das bürgerliche Schützen⸗Corps. Bis zur Stiftskirche ging der sehr lange Zug, wo der Wagen aufgestellt wurde. Von hier aus begaben sich die katholischen Geistlichen mit den Kin⸗ dern der katholischen Schule und den Gliedern dieser Gemeinde nach der katholischen Kirche zu einem feierlichen Hochamte, während die evangelischen Glieder des Zuges sich zu einer feierlichen Dankpredigt in der Stiftskirche versammelten. Während des Zuges läuteten alle Glocken, und das schönste Wetter begünstigte denselben.
Großherzogthum Sachsen⸗Weimar. (L. Z.) Seit Ende Juni ist die Thüringische Eisenbahn bis Eisenach eröffnet, und steigert sich daselbst die Lebhaftigkeit des Verkehrs über alle Erwar⸗ tung, so daß man anfängt, die Residenzstadt Weimar weniger zu be⸗ neiden. Es ist eben eine alte Wahrheit, daß man auf Vorrechte viel mehr giebt, als auf Rechte, und so geschah es auch, daß Eisenach es bis jetzt nicht verwinden konnte, vor 100 Jahren eine Duodez⸗Resi⸗ denz gewesen zu sein, zumal da seit 1815 mehrere Beamtenstellen der Vereinfachung halber aufgehoben oder von da weg nach Weimar ver⸗ legt wurden. Was ist aber in unserer Zeit bedenklicher, als wenn der Bürgerstand bei seinen sonstigen Bestrebungen von dem Gelde leben will, was die Staatsdiener verzehren! Gerade die kleineren Staaten sind dabei freiwilligen und unfreiwilligen Einschränkungen immer mehr ausgesetzt, und es hat sich daher Eisenach uur Glück zu wünschen, wenn es künftig als Knotenpunkt von vier Eisenbahnen es versteht, seine Arbeitskräfte vielseitiger zu verwenden, als es seither der Fall gewesen ist.
Herzogthum Anhalt⸗Bernburg. (L. Z.) Die in an⸗ deren Ländern gemachten Erfahrungen, daß die Grund⸗Entschädigun⸗ gen, welche für Aufhebung der Hutungsrechte der Hausbesitzer bei den Separationen ausgewiesen worden, oft in kurzer Zeit durch Ver⸗ äußerung in die Hände der Wohlhabenden gekommen sind, wodurch dann der Werth der kleinen Häuser beträchtlich gesunken und der Wohlstand einer zahlreichen Klasse der Bevölkerung gefährdet wird, bilden die Veranlassung zu einer unterm 29. Juli erlassenen gesetzli⸗ chen Verordnung, wonach fernerhin den Hausbesitzern in unserem Lande bei solchen Separationen, wo nicht in Rücksicht auf die Lan⸗ deskultur wichtige Gründe entgegenstehen, eine Land⸗Entschädigung und zwar in einer zum Bau von Kartoffeln oder Gartenfrüchten passenden Lage ausgewiesen werden sollen. Diesen Land⸗Entschädi⸗ gungen wird im Allgemeinen Pertinenzqualität beigelegt, so daß die⸗ selben von jetzt an nicht mehr ohne die Häuser, zu welchen sie ge⸗ hören, veräußert werden dürfen. 8
Fürstenthum Schwarzburg⸗Sondershausen. Di Landstände sind am 31. Juli bis zum Herbste 29 wsen. 22
Oesterreichische Monarchie.
2 Wien, 8. Aug. (Bresl. Ztg.) Se. Majestät der Kaiser wird mit Ihrer Majestät der Kaiserin gegen Ende dieses Monats Feine kleine Reise nach Steyermark und Tyrol antreten, um die Arbei⸗ ten der Staats⸗Eisenbahn zu besichtigen. Ihre Mazjestäten werden gegen einen Monat abwesend sein. Fürst Metternich wird Ihre Ma⸗ jestäten begleiten. Erzherzog Sigismund hat das vakante Infanterie⸗Regiment Ba⸗ ron Herbert als Inhaber erhalten.
Die Getraidepreise sind hier noch immer hoch. Leider zeigt sich seit vierzehn Tagen in den Provinzen Ober⸗ und Innerösterreich, Steyermark und 1 in Böhmen die Kartoffelkrankheit in mehr oder minder stärkerer Kraft.
Pesth, 3. Aug. (Bresl. Ztg.) Ueber die Rundreise des Erzberzogs Stephan erfährt man jetzt, daß Se. Kaiserl. Hoheit am letzten d. M. in der Hofburg zu Ofen eintreffen soll, um von da
1610
unverzüglich die e durch das ganze Land anzutreten. Am 2. September wird der Erzherzog in Erlau sein, am 4ten in Kaschau, am 11ten in Debreczin, am 13ten in Arad, am 15ten in Temeswar, am 19ten in Essek, am 23sten in Fiume, am 26sten in Agram, am 5. Oktober in Raab, am 9ten in Neusohl, am 11ten in Schemnitz und am 13ten wieder zurück im Königlichen Schlosse zu Ofen. Dar⸗ auf soll Erzherzog Stephan abermals das Land verlassen und erst in Folge gemeinsamer Berathungen in Wien über die Königliche Pro⸗ positionen zur Eröffnung des Landtags im November hierher zurück⸗
2* kehren. 48
Frankreich. 8 Paris, 7. Aug. Die Pairs⸗Kammer hat in ihrer gestrigen Sitzung auch noch den Gesetz⸗Entwurf über die Eisenbahn von Mon⸗ tereau nach Troyes angenommen, und zwar mit 90 gegen 28 Stim⸗ men. Dagegen wurde der über die Bahn von Lyon nach Avignon mit 67 gegen 62 Stimmen verworfen. Hierbei ereignete sich wie⸗ der einmal der Fall, daß die einzelnen Artikel alle, und noch dazu ohne Opposition, durchgegangen waren, und daß sich doch nachher bei der Abstimmung über das Ganze eine Majorität, wenn auch nur von 5 Stimmen, gegen das Gesetz ergab. Bei der allgemeinen Diskussion hatten nur der Baron von Bussieres und Graf Daru, der Erstere die Bedingungen, welche bei der Konzession dieser Bahn von der Regierung gestellt worden, namentlich die Ausführung der Zweigbahn nach Grenoble, als zu lästig für jedwede Compagnie erklärt, der Andere den Entwurf als eine in der anderen Kammer übereilte und daher mit Argwohn zu betrachtende Maßregel bezeichnet, die um so mehr noch ganz ruhen könne, als sie doch nicht vor nächster Session in Kraft treten solle und die verschiedenen Compagnieen, welche sich für diese Linie gebildet, es nur auf Geldschneiderei durch Actien⸗Prämien abgesehen hätten. Dagegen vertheidigte der Minister der öffentlichen Arbeiten den Gesetz⸗Entwurf aus dem Grunde, weil die Linie von Lyon nach Avignon durchaus nöthig sei, um eine vollständige Eisen⸗ bahn⸗Verbindung zwischen dem Norden und Süden Frankreichs her⸗ zustellen.
Der König hat, auf Antrag des Unterrichts⸗Ministers, den Pro⸗ fessor Ehrenberg, beständigen Secretair der preußischen Akademie der Wissenschaften, zum Ritter des Ordens der Ehrenlegion ernannt.
Aus Tonlon wird vom 2. August geschrieben, daß der „Pa⸗ nama“ dem Prinzen von Joinville wichtige Depeschen zu überbringen habe; es ging in Toulon das Gerücht, der Prinz erhalte die Wei⸗ sung, nach Tunis abzugehen, da der Bey wiederum von dem Sultan bedroht und eine türkische Flotte vor Tunis mit Wahrscheinlichkeit er⸗ wartet sei. Als positiv wird mitgetheilt, daß der Prinz von seinem Geschwader zwei Schiffe und eine Dampf⸗Fregatte nach der tune⸗ sischen Küste habe abgehen lassen.
Der österreichische Gesandte soll vorgestern dem französischen Ka⸗ binet eine Note eingegeben haben, in welcher er den Entschluß sei⸗ ner Regierung anzeige, die Besatzung aus Ferrara zurückzuziehen.
Der Presse zufolge, soll es sich um Bildung eines neuen Ka⸗ binets handeln, an dessen Spitze entweder Herr Guizot als Präsi⸗ dent oder Herr Duchatel ohne Präsidentschaft stehen würde. In jedem dieser Fälle werde man einige Mitglieder der Majorität, z. B. Muret de Bort, Vitet, Sanzet und Flonrens, ins Kabinet aufneh⸗ men. Die Presse bemerit, daß obige Angabe zwar noch unzuver⸗ lässig sei, sie könne jedoch versichern, daß eine ministerielle Verände⸗ rung nahe sei, und daß man sich angelegentlich damit beschäftige; dieselbe werde aber erst erfolgen, wenn das Ergebniß der englischen Parlamentswahlen bekannt sei, weil man erst dann wissen werde, in welchem Geiste das neue Kabinet zusammengestellt werden müsse. Zugleich behauptet die Presse, daß vier Mitglieder des jetzigen Kabinets, nämlich Guizot, Duchatel, Dumon und Hebert, den festen Entschluß gefaßt hätten, sich unter keiner Bedingung zu verlassen; insbesondere gelte dies von Guizot und Duchatel, welche wohl ein⸗ sähen, daß sie fortan eng verbunden bleiben müßten, um die Folgen des Verdammungs⸗Urtheils abzuwenden, welches das Land über je⸗ den von ihnen ausgesprochen habe.
Das Central⸗Comité der Wähler von der Opposition im Seine⸗ Departement hat an die Comité's in der Provinz ein Rundschreiben ergehen lassen, sie zu ähnlichen Banketten, wie das in Chateau⸗Rouge abgehaltene, aufzufordern und Petitionen für die Wahlreform zu ver⸗ anlassen.
General Prim, aus Spanien verwiesen, ist in Port Vendres aus Land gesetzt worden und in Marseille eingetroffen.
Man schreibt aus Bugia unterm 24. Juli:. „Der letzte Feld⸗ zug der Franzosen in Kabylien hat einen so tiefen Eindruck auf die dortigen Gebirgs⸗Bewohner gemacht, daß sie sich ohne Rückhalt der französischen Autorität unterwarfen. Der Nahrungsmittel⸗Verkehr, durch die letzten Unruhen unterbrochen, ist mit verdoppelter Lebhaf⸗ tigkeit wieder aufgenommen worden. Die Ruhe ist so groß und die Sicherheit so allgemein, daß man die Reise von Algier nach Setif, hin und zurück, in sieben Tagen gemacht, was bisher unerhört war. Die Aerndte ist auf den Hochebenen Kabyliens und im Tell sehr er⸗ giebig ausgefallen. Die Bewohner der Sahara rüsten sich, um mit ihren Karawanen bei Zeiten auf die Märkte des Tell zu gelangen, und man glaubt, daß mehrere derselben bis nach Algier kommen würden.“
Ueber die zu Lisieur am 31. Juli vorgekommenen Tumulte er⸗ fährt man jetzt genauer, daß die nach erfolgtem Sinken der Ge⸗ traidepreise von der Orts⸗Behörde beschlossene Einstellung der Ver⸗ theilung von Brod⸗Anweisungen den Anlaß dazu gab. Der unzufrie⸗ dene Haufe plünderte das Haus eines unbeliebten Bäckers, trieb die Gendarmerie zurück, zog nach einer Mühle, die ebenfalls geleert wurde, und wollte sein gesetzloses Treiben noch anderweitig fortsetzen, als einige Hundert Mann National⸗Garde, mit den Gendarmen ver⸗ eint, demselben ein Ende machten.
In Nismes zogen am 28. und 29. Juli zahlreiche Volkshaufen mit einer dreifarbigen Fahne in den Straßen umher und sangen un⸗ aufhörlich die Marseillaisc. So lange es dabei blicb, ließ man sie wegen der Julifeste gewähren. Am 30. Juli Abends erneuten sich aber diese Auftritte, und der Ruf nach Brod und Arbeit sing an da⸗ bei laut zu werden. Das Einschreiten der Polizei verhütete jedoch alle Erzesse. 8
Die Democratie pacifique meldet nach Briefen aus Lyon, daß der dortige Kardinal⸗Erzbischof Bonald den Geistlichen seiner Diözese befohlen habe, Gebete für die Bekehrung und Sinnes⸗Aende⸗ rung des Papstes abhalten zu lassen, daß aber mehrere Geistliche sich geweigert hätten, diesem Befehle nachzukommen.
*α Paris, 7. Aug. Für die heutige Sitzung der Pairs⸗ Kammer war Wiederaufnahme der Abstimmung über den Gesetz⸗ Entwurf in Betreff der Eisenbahn von Versailles nach Chartres (der sogenannten Westbahn) an der Tagesordnung. Nachdem über einige Petitionen Bericht erstattet war, wurde jenes Gesetz mit 78 gegen 32 Stimmen angenommen. Die Gesetz⸗Entwürfe in Betreff der Zweigbahnen von Dieppe und Fecamp zu der Bahn von Rounen nach Havre kommen nun an die Reihe. b
Graf Alton Shee macht nur auf einige irrthümliche Ziffern im Kommifsions⸗Berichte aufmerksam, bekämpft Fedoch den Gesetz⸗Entwurf nicht. Nach Annahme det einzelnen Artikel wird der Entwurf mit 93 gegen 18 Stimmen angenvmmen; desgleichen dann der Gesetz⸗Entwurf in Betreff des
von der Stadt Marseille votirten Anlehns mit 103 gegen 6 Stimmen. der
Gesetz⸗Entwurf in Betreff Ermächtigung des Finanz⸗Ministers zur Auf⸗ nahme eines Anlehens von 350 Millionen kommt an die Reihe. Vicomte Dubouchage erinnert daran, daß in der Sitzung vom Mittwoch der Fi⸗
nanz⸗Minister gesagt habe, wenn er damals nicht auf die über die Finanz.
lage gemachten Bemerkungen geantworiet, so habe er dies nur deshalb nicht gethan, weil er geglaubt, die Diskussion des jeyt vorliegenden Ge⸗ setz⸗Entwurfes gebe dazu geeigneteren Anlaß, und er werde dann befriedigende Auftlärungen ertheilen. Der ehrenwerthe Pair bittet daher den Herrn Finanz⸗Minister, Aufklärung darüber zu geben, wel⸗ ches die Beweggründe des seit einigen Jahren bestehenden Kabinets (Ge⸗ lächter) waren, daß es auf die Bitten des Finanz⸗Comité's, d. i. der gan⸗ zen Kammer, keine Rücksicht nehme, welche verlangte, daß den ungemessenen Ausgaben und den stets wachsenden Defizits ein Ende gemacht werde. Nach der Angabe der Kommission werde die schwebende Schuld 1848 nicht weni⸗ ger als 800 Millionen betragen, was eine eingeschriebene Rente von 28 bis 30 Millionen mache. Von dieser Auflage scheine Frankreich noch nicht so bald befreit werden zu sollen. Der Redner bittet den Minister, derselbe möge die Tribüne besteigen, um daselbst seinen Finanzplan zu entwickeln. Es sei Zeit, daß das Land endlich der Post⸗Reform theilhaftig werde, der die meisten anderen Nationen Europg's schon genössen, und daß die Ge⸗ halte der Hülfs⸗Priester und der Elementar⸗Schullehrer erhöht wünden. (Die Sitzung dauert bei Post⸗Abgang noch fort.) 1
Dee bestimmte, entschiedene Weise, mit welcher neulich der Graf von Montalivet auftrat, um die von dem Marquis von Boissy, nach dem Beispiele der Herren Lherbette und Luneau in der Deputirten⸗ Kammer vorgebrachten Angriffe auf die Wirthschaft in den Waldun⸗ gen der Civilliste — deren Intendant bekanntlich Graf von Monta⸗ sivet ist, — durch eine auf Ziffern gestützte Widerlegung zurückzuwei⸗ sen, hat nicht verfehlt, einen günstigen Eindruck im Putliham hervor⸗ zubringen, wie wenig auch die Oppositionsblätter dies anzuerkennen geneigt sind. Die Minister, und mit ihnen die Majorität, beginnen überhaupt allmälig wieder sich zu orientiren nach den längeren Schwan⸗ kungen und Irrfahrten, in welche sie beide gerathen. Die gemachten Erfahrungen waren gewiß für beide Theile nicht angenehmer Art, aber wenigstens lehrreich, und wenn nicht Alles trügt, wird man in der näch⸗ sten Session nicht mehr in dieselben Fehler zurückfallen. Der Prozeß Teste-Cubieres und die verschiedenen anderen Fälle ähnlicher Art, welche nun seit mehreren Monaten schon den Hauptgegenstand aus⸗ machen, mit welchem ein beträchtlicher Theil der pariser und selbst der Provinzblätter täglich die Neugierde, zugleich aber auch die Leiden⸗ schaften ihrer Leser zu reizen und aufzustacheln bemüht sind, haben, unverkennbar wenigstens das Gute gehabt, daß unter die Beamten der Verwaltung in allen ihren Zweigen eine sehr heilsame Furcht und Scheu gekommen ist, einerseits vor der weit strengeren Aufsicht, unter welche sie sich jetzt in ihrer Amtsführung gestellt sehen, ande⸗ rerseits vor der Kontrolle des Publikums und der sie bedrohenden schweren gesetzlichen Folgen, wenn sie sich zu Mißbräuchen und Unter⸗ schleifen verleiten ließen, wie die, welche noch jeden Tag die allge⸗ meine Aufmerksamkeit und in mehreren Fällen selbst das Einschreiten der Gerichte nach sich ziehen. —
Das Zuchtpolizei⸗Gericht hat sich (wie schon gemeldet) in dem Prozesse Talabot's gegen den Courrier frangais für kompetent erklaärt. Vor dem Zuchtpolizei⸗Gerichte ist nun nach dem französischen Gesetze der Beweis der Wahrheit der Anschuldigungen, welche von dem dadurch Betroffenen als diffamirend bezeichnet werden, nicht zu⸗ lässig! es kömmt einzig darauf an, ob die Thatsachen, welche der eine Theil dem anderen zur Last legt, wirklich der Art sind und von dem Gerichte als solche betrachtet werden, daß sie den Charakter der Dif⸗ famation begründen. Dies also hat Herr Duvergier, als Advokat des Klägers, im vorliegenden Falle vor dem Gerichte darzuthun, und gelingt es dem Advokat des verklagten Journals, Herrn Jules Favre, nicht, den vom Courrier frangais vorgebrachten An⸗ schuldigungen den Charakter der Diffamation in den Augen der Richter zu benehmen, so ist die Verurtheilung des Courrier frangçais vor dem Zuchtpolizeigerichte gewiß. Daß es aber diesem Blatte gelingen werde, wirklich endlich vor die Assisen gestellt zu werden, wie es wenigstens zu wünschen vorgiebt, um seine Angaben dort beweisen und eine förmliche Untersuchung hervorrufen zu können, in welche nach seiner Versicherung auch der Marschall Soult selbst und andere hohe Verwaltungs⸗Beamte würden verwickelt werden, das ist wenigstens bis jetzt noch nicht abzusehen, es müßte denn in ganz anderer und viel bestimmterer Weise seine Anklagen formuliren. Ob es dies könne, wollen Viele, trotz der zuversichtlichen Sprache, die es führt, doch noch bezweifeln.
Paris, 9. Aug. (Tel. Dep.) Die Deputirten⸗Kammer ist heute um 2 Uhr Nachmittag geschlossen worden.
Großbritanien und Irland.
London, 6. Aug. Die Seereise Ihrer Majestät der Königin nach Schottland ist jetzt auf Donnerstag den 12ten früh festgesetzt und wird nicht über acht Tage dauern. “ Die Zahl der bekannten Wahlen beträgt jetzt 457, worunter nach dem Globe 245 auf Liberale, 81 auf Peeliten 131 auf Protectionisten gefallen sind. Von den Grasschafts⸗Wahlen kennt man 50, und unter diesen sind 36 auf Protectionisten, 5 auf Peeliten und 9 auf Liberale gefallen. Doch scheinen dier Protertionisten, trotz ihrer Erfolge in den Grafschaften, ziemlich kleinmüthig geworden zu sein und sich der Regierung anschließen zu wollen. Einer ihrer Füh⸗ rer, Herr d'Israeli, äußerte bei seiner Wahl für Buckinghamshire: „Ich werde“, sagte er, als Ihr Repräsentant in das Parlament ein⸗ treten, nicht in factiöser oder überhaupt nur eingeständiger Opposition gegen die Regierung. So lange ich finde, daß dieselbe auf ver⸗ fassungsmäßigem Wege einherschreitet, werde ich, in Erinnerung an die Umstände, unter denen die Mitglieder derselben ans Ruder tra⸗ ten, in Erinnerung an den Geist, in welchem sie die Regierung ge⸗ führt haben, in Erwägung, daß unter unseren Staatsmännern alle Spur politischen Charakters jetzt völlig vernichtet ist, und froh, daß dem Lande überhaupt noch die Möglichkeit geblieben ist, sich um eine kompakte Masse von Staatsmännern zu schaaren, — für meinen Theil der Regierung nicht nur unparteiisches Gehör, sondern auch, so weit ich nach der Tendenz ihres bisherigen Verhaltens darüber etwas bestimmen kann, nachdrückliche Unterstützung zu Theil werden lassen.“ Herr Hume hat sich wieder Falt Montrose (Schottland) gemeldet, und alle Aussicht, gewählt zu wer⸗ den, da sich, den letzten Berichten zufolge, bei 89 Hanberhung die Majorität so entschieden für ihn erklärt hat, daß. sen Mitbewerber, ein Herr Greenhill, kaum auf einige Stimmen beim Poll wird rech⸗ nen können. Die Wahlen in Irland haben einen günstigen Anfang für die Repealers genommen. Zwei Söhne O Connell's sind gewählt worden, John in Kilkenny und Maurice in Tralee, außerdem hat der Repealer Reynolds alle Aussicht, durch den Poll den Tory⸗Kandida⸗ ten für die Stadt Dublin, Gregory, zu verdrüngen, und sowohl in Cashel als in Ennis sind Repealers gewählt worden, dort Herr T. O”Brien und hier Herr O’' Gorman Mahon. Die Wahl in Dungarvon, wo Herr Sheil sich wieder gemeldet und unter den Repea⸗ lers große Erbitterung erregt hat, ist noch nicht beendet. Der neue Secretair für Irland, Sir W. Somerville, ist mit einer Majorität von nur drei Stimmen in Drogheda gewählt worden. Den Eifer der Re⸗ pealers aufzufrischen, trifft gerade mit den jetzigen Wahlen die Zeit eierlichen Beisetzung der Leiche O'Connell's zusammen, zu wel⸗
vrr fErremonie, die gestern santtgefunden hat, zwöif bis vietzehn
sein sollen. Die Wahl für Edinburgh, wo H
runz ist und
Hundert Würdenträger der katholischen Kirche in Dublin eingetroffen . ir Edinburgh, err Macaulay geschla⸗
gen worden, wird wahrscheinlich nicht als gültig anerkannt werden, da Herr Coman, das neuerwählte Mitglied, Lieferant für die Regie⸗ olche nach einem Gesetz aus dem 22sten Jahre der Regierung Georg's III. nicht befähigt sind, im Unterhause zu sitzen. Der Globe macht 59 größere und kleinere Städte Englands
und Schottlands namhaft, welche bereits durch den elektrischen Tele⸗ graphen mit London in Verbindung stehen, oder bis zum Januar
1848 mit der Hauptstadt verbunden sein werden. Die Verbindung
geht nordwärts bis Edinburg und Glasgow, westwärts bis Bristol und Liverpool. 5 Für den Ankauf des Geburtshauses von Shakespeare hat sich
jetzt ein Comité gebildet, an dessen Spitze Prinz Albert steht, welcher
ein Geschenk von 250 Pfd. St. beigesteuert hat. Vier an das Haus anstoßende und zu demselben gehörige Wohnungen hat das Comité bereits für 820 Pfd. St. gekauft. Der öffentliche Verkauf des Haupthauses geht am 16. September vor sich; man zweifelt nicht, daß das Comité bis dahin die zur Ansteigerung nöthigen Fonds bei⸗
sammen haben wird. 8
Die Erhöhung des Diskontosatzes der Bank von England hat auf den Geldmarkt einen schlimmen Eindruck gemacht und ein Wei⸗ chen der Fonds veranlaßt. Im Handel wird eine bedeutende Stok⸗ kung der Geschäfte die Folge sein. Auf dem Kornmarkte herrscht große Flauheit, da Niemand mehr kauft, als den augenblicklichen Be⸗ darf. Eines unserer bedeutendsten Korn⸗Einfuhr⸗Häufer hat banke⸗ ott gemacht; die Passiva sollen 200,000 Pfd. St. betragen.
Die Garn⸗Ausfuhr von England während der ersten sechs Mo⸗ nate dieses Jahres stellte sich nach Burn's Glance um 12,700,000 Pfd. geringer heraus, als vom 1. Januar bis Ende Juni 1846. Nur Ostindien und China bezogen beinahe 1 Million Pfd. mehr. Für Deutschland (mit Einschluß von Holland) beträgt der Ausfall unge⸗ fähr 8,400,000, für die Häfen des Mittelmeeres 3,000,000 und für Rußland 1 Mill. Pfd.
Das Evolutions⸗Geschwader unter den Befehlen des Admi⸗ rals Napier hat vorgestern die Rhede von Plymouth verlassen, wo der Dreidecker „Caledonia“ von 120 Kanonen zu ihm ge⸗ stoßen war.
Nach Briefen aus Hobart Town genießen die dorthin deportir⸗ ten Chartisten Frost, Williams und Jones beinahe völlige Freiheit; sie sind blos insoweit beschränkt, daß sie die Kolonie nicht verlassen dürfen. Jeder von ihnen treibt ein Geschäft, welches ihm ein an⸗ ständiges Auskommen sichert.
3“
Rom, 31. Juli. (N. K.) Die Gesellschaft Jesu in Rom zahlt als freiwillige Beisteuer zur Uniformirung der National⸗Garde die Summe von 5000 Scudi; die Nonnen des Klosters von S. Domenico 1000 Scudi zu demselben Zweck. Die Beiträge der übri⸗ gen Konvente sind noch nicht bekannt.
Der Sohn des Oberst⸗Lieutenants Nardoni, ein Komplice seines Vaters, ist in der Macchia della Fajola gefangen und ins Kastell S. Angelo gebracht worden. Nach beendigter Untersuchung wird ein Kriegsgericht niedergesetzt werden, dessen Sentenzen unverzüglich voll⸗ zogen werden sollen.
Der bisherige Nuntius in München, Monsignor Morichini, hat von Sr. Heiligkeit den ehrenvollen Auftrag erhalten, dem König der Franzosen, der Königin von England und dem Sultan die schuldigen Dank⸗Visiten abzustatten, worauf ihn nach seiner Rückkunft der Kar⸗
dinalshut erwartet. Monsignor Massoni ist zum päpstlichen Nuntius
in Brasilien ernannt worden; man zweifelt indeß, ob er diesen Posten annehmen wird.
8 Man versichert, Grassellini habe, um seine Handlungsweise zu rechtfertigen, von Neapel aus dem Governo berichtet, er sei bereit, alle vom früheren Kardinal⸗Staats⸗Secretair Gizzi erhaltenen, auf
die geheimen reactionairen Bewegungen bezüglichen Briefe unverzüg⸗
lich auszuliefern, aus denen man aufs klarste erkennen werde, daß jener und nicht er den Staat zu verrathen beabsichtigt habe. Erwägt man nun, daß verschiedene Umstände das Benehmen Gizzi's schon an sich in ein zweideutiges Licht stellen, so wie, daß nicht er (wie öffent⸗ lich erklärt ward, um jede Volksbewegung zu vermeiden) seine Ent⸗ lassung gefordert, sondern daß er vom Papste selbst entlassen worden ist, so gewinnt dies Gerücht einigermaßen an Glaubwürdigkeit.
Die sämmtlichen Deputirten, welche den 5. November ihre erste Sitzung haben werden, sind ernannt. Man rühmt sie, so weit sie bekannt, als höchst liberale, tüchtige Männer. Großentheils sind es Advokaten. Folgendes sind die Namen der gewählten Notabeln: Rom: Fürst Franc. Barberini und Advokat Gius. Van⸗ nutelli; Comarca: Adv. Gius. Lunati; Legation von Bologna: Adv. Ant. Silvani, Signor M. Minghelli; Ferrara: Gaetano Recchi; Forli: March. Luigi Paolucci de Calboli; Ravenna: Conte Gius. Pasolini; Urbino und Pesaro: Conte Carlo Ferriz Velletri: Adv. Luigi Santucci; Legation von Ancona: Principe Annib. Simonelli; Macerata: March. Amico Rieci; Camerino: Giambatt. Peda; Fermo: Cav. Antonio Felici; Ascoli: Cav. Ottavio Sgariglia dal Monte; Perugia: Conte Luigi Donnini; Spoleto: Conte Pompeo di Campello; Rieti: Adv. Gius. Piacentini; Viterbo: Adv. Luigi Ciosi; Orvieto: March. Ludov. Gualtiero; Civitavecchia: Adv. Franc. Benedetti; Frosinone: Adv. Pasquale de Rossi, Professor des Rechts in der Sapienza Romana; Benevento: Giac. de'Baroni Saleriani.
Die Ernennung der Abgeordneten für Rom, des Fürsten Bar⸗ berini und Advokaten Vannutelli, sind vom Papste selbst ausgegan⸗ gen, während er bei den Abgeordneten der Provinzen aus den Vor⸗ geschlagenen ausgewählt hat.
Spanien.
Von der spanischen Gränze, 5. Aug. (F. J.) Ein
Privatschreiben aus Barcelona, kurz vor Abgang der Post geschrieben,
enthält die Nachricht, daß etwa zwanzig britische Kriegsschiffe, worun⸗ ter sich mehrere große befänden, in die Bai von Barcelona eingelau⸗ fen, und daß das Erscheinen dieser Streitkräfte eine lebhafte Sensa⸗ tion in dieser Stadt gemacht.
Gerichts⸗Verhandlungen wegen der polnischen Verschwörung.
Berlin, 9. Aug. Die Sitzung begann kurz nach 8 Uhr mit
6.;
dem Namensaufruf. Ehe zur weiteren Verhandlung geschritten wurde, eröffnete der Präsident die Debatte zwischen der Staatsanwaltschaft und den Vertheidigern über den früheren Antrag der Letzteren, daß mit allen Angeklagten in polnischer Sprache verhandelt werde. Der Staatsanwalt setzte hierbei der Gesetzlichkeit dieses Antrags entgegen, einmal, daß es sich um eine Verhandlung vor einem Gerichte in Berlin handle, zum anderen, daß die Verordnung vom 9. Februar 1817 und das Gesetz vom 16. Juni 1834 noch nicht abgeändert seien und beantragte daher, daß jeder der Angeklagten, welcher deutsch verstehe, sich auch in deutscher Sprache müsse vernehmen lassen. Dem entgegen ward seitens der Vertheidiger ihr Antrag auf den
1611
Zuruf vom 15. Mai 1815 gegründet und behauptet, daß die Ver⸗ ordnung vom 9. Februar 1817 und 16. Inni 1834 cbenfalls nicht entgegen ständen, vielmehr für den Antrag sprächen, außerdem stehe ihm der §. 58 der Kriminal⸗Ordnung, so wie der Landtags⸗Abschied von 1811, zur Seite; das Recht, welches die Angeklagten im Posen⸗ schen hätten, könnten sie auch bei dem Spezialgerichtshofe hier in An⸗ spruch nehmen, da es sich um ein Geburtsrecht handle.
Nach einer Erwiederung von Seiten des Staatsanwalts spra⸗ chen noch die Justiz⸗Kommissarien Gall und Deycks, so wie der Ober⸗ Landesgerichts⸗Rath Martins, über die praktische Seite der Frage und den hinsichtlich der Sprachkunde zu führenden Beweis. Nachdem auch hierauf der Staatsanwalt entgegnet hatte, zog sich der Gerichtshof zurück.
2 Nach seinem Wiedereintritt eröffnete der Präsident den Beschluß des Hofes dahin:
daß der §. 156 der Verordnung vom 9. Februar 1817 und der
§. 58 der Kriminal⸗Ordnung nach dem Zuruf vem 15.
Mai zu interpretiren und hiernach der Antrag der Vertheidi⸗
gung für begründet zu erachten sei. Das Kammergericht sei nicht
als Gerichtshof für die einzelne Provinz Brandenburg, sondern als
Gerichtshof für die ganze Monarchie, also auch für die Provinz
Posen, anzusehen, und da in dieser Provinz die polnische Sprache
Landes⸗Sprache sei, so müßten dieser die Rechte zustehen, welche
die Kriminal⸗Ordnung der Landes⸗Sprache gewähre.
Es trat nunmehr der Angeklagte Stanislaus von Sadowski mit seinem Vertheidiger, Justiz⸗Kommissarius Gall, vor den Gerichtshof, und es erfolgte die Verlesung der Anklage⸗Akte.
Stanislaus Felix von Sadowski ist 25 Jahre alt, Sohn des verstorbenen Gutsbesitzers von Sadowski auf Slupi im schubiner Kreise und katholisch. Auf den Gymnasien zu Bromberg und Posen erzogen, begab er sich 1838—39 nach Berlin, woselbst er später einige philosophische und landwirthschaftliche Kollegien hörte, bis er zuletzt die Akadmie von Eldena besuchte. Im Dezember 1843 kehrte er nach Posen zurück und nahm seinen Aufenthalt zunächst in Bromberg. Dem Militair gehört der Angeklagte nicht an.
Da in der bromberger Gegend das polnische Element dem deut⸗ schen fast ganz gewichen ist, der Angeklagte auch lange unter Deut⸗ schen gelebt hatte, fühlte er sich lange nicht in seiner Nationalität gekränkt und mußte erst von seinem ältesten Bruder, dem Mitange⸗ klagten Nepomucen von Sadowski, für die polnische Sache empfäng⸗ lich gemacht werden. Dieser theilte ihm mit, daß sowohl der demo⸗ kratische Verein als das Haupt⸗Comité in Posen an der politischen Wiedergeburt Polens arbeite, übergab ihm, als er sich bereit erklärte, ein Eides⸗-Formular, worin er auch Andere für die Verschwörung zu gewinnen sich verpflichtete, und erhob einen an das Haupt⸗Comité zu zahlenden Beitrag von 30 Thalern.
Der Angeklagte suchte namentlich durch das Vereinswesen für die Revolution zu wirken und zu werben. Er stiftete deshalb den landwirthschaftlichen Verein zu Koronowo, das bromberger polnische Kasino, arbeitete auch an der Stiftung eines Handwerker⸗Unter⸗ stützungs⸗Vereins und einer polnischen Schule. Im Winter 1845 — 1846 theilte ihm sein Bruder Nepomucen mit, daß der Ausbruch nahe sei und wahrscheinlich im Februar erfolgen werde, ermahnte ihn zur Thätigkeit, ernannte ihn zum Commissair des bromberger Kreises und machte ihn aufmerksam, wie wichtig es sei, gleich zu Anfaug der Stadt Bromberg sich zu bemächtigen. Er trug ihm namentlich auf, die Stärke und Stellung der in Bromberg befindlichen Artillerie ge⸗ nau auskundschaften zu lassen, was auch durch den Mitangeklagten Böttchermeister Woyciechowski geschah.
Am 5. Februar kam Nepomuücen von Sadowski wieder zu seinem Bru⸗ der nach Bromberg, nannte ihm die Nacht vom 21.—22. Februar als Zeit des Ausbruchs, bestimmte ihn auch noch zum Commissair des schwetzer Krei⸗ ses, von wo die Verschwerenen mit zum Angriff auf Bromberg zu⸗ ziehen sollten, und trug ihm auf, die Mitangeklagten, Gutsbrsitzer von Radkiewicz und Mieczkowski, hiervon in Kenntniß zu setzen. Auch die Mitangeklagten, Vincent Chachulski und der Pfarrer Tu⸗ lodzieski in Siebsau, eröffnete er ihm, seien bereit, mit einigen Hun⸗ dert Mann aus der Gegend von Schwetz das Unternehmen mitzu⸗ machen. Stanislaus Sadowski trug nun dem Mitangeklagten Max Ogrodowicz auf, Radkiewicz und Mieczkowski von dem nahen Aus⸗ bruch in Kenntniß zu setzen, und wies ihn zugleich au, im bromberger Kreise, nördlich von der Brahe, die Landleute durch Versprechen von Ländereien und Erlaß der Grundabgaben zu gewinnen, für die Re⸗ volution zu vereidigen und namentlich durch die Bestellung von ehentmännern die Agitation zu verbreiten und ihm nach 6 bis 8 agen Bericht zu erstatten.
Auf der Versammlung von Srebna⸗Goöra, welche in unserer Einleitung des Näheren berührt ist, war auch das Unternehmen auf Bromberg ein Gegenstand der Berathung. Stanislaus von Sadowski berichtete zunächst über die Streitkräfte, über welche er gebieten zu können glaubte, und legte eine Karte von der Umgegend Brombergs vor, worauf er von Mieroslawski näher instruirt wurde. Von drei Seiten sollte zugleich am Tage des allgemeinen Aufstandes Brom⸗ berg angegriffen werden. Der Angriff sollte die Wegnahme der Ge⸗ schütze beim Zeughause bezwecken, und da der größte Theil der Gar⸗ nison auf dem anderen Ufer der Brahe und des Kanals einquartiert war, sollte man sich der Brücken bemächtigen und sie verbarrikadiren. Zugleich sollte mit den schubiner Insurgenten von Süden her ein Schein⸗Angriff gemacht werden, um die Besatzung zu theilen, während ein anderer Haufe aus dem südöstlich von der Stadt ge⸗ legenen Walde einen zweiten Schein⸗Angriff unternehmen würde. Alle drei Haufen sollten sich nach Wegnahme der Geschütze, der Mu⸗ nition und der Waffen über die bei Rynarzewo über die Netze füh⸗ rende Brücke nach Rogowo zum Haupt⸗Sammelplatz zurückziehen. Da der nördliche Hause zu dem Zwecke noch die Brahe zu passiren hatte, sollte Sadowski noch vorher außerhalb der Stadt eine feste Brücke auskundschaften, über welche dieser Haufe mit den Geschützen, Munitionen ꝛc. zu den übrigen Haufen zuziehen könnte. Als dies berathen war, schlug Sadowski die Anführer der Insurgenten vor und erhielt durch Mieroslawski oder Malczewski einen anscheinend unbeschriebenen Bogen Briespapier, auf dem mit chemischer Dinte die bekannte Instruction der Kreis⸗Kommissarien geschrieben war, und wozu er schon früher das Reagens von seinem Bruder bekommen hatte. Diese Instruction diente ihm zugleich als Bestallungs⸗Patent zum Commissair des bromberger Kreises. 8
Nach Bromberg zurückgekehrt, widmete Sadowski seine ganze Thätigkeit dem Unternehmen auf Bromberg und suchte vor Allem eine feste Brücke über die Brahe auszukundschaften, wozu ihm die Brücke bei der Smukalamühle als tauglich bezeichnet wurde. Am 13. Februar kam auch sein Emissair, Max Ogrodowicz, zurück und berichtete, daß da, wo er gewesen, nichts zu machen sei. Da sich der Angeklagte hiervon überzeugte, entsandte er den Ogrodowicz sogleich an die Mitverschworenen von Radkiewicz, von Mieczkowski u. s. w., damit diese Alles in Bereitschaft hielten und die Verschworenen aus der schwetzer Gegend möglichst schnell nach Bromberg geschafft werden könnten. Da aber am 14. Februar mehrere Verschworene zu Bromberg verhaftet wurden und Sadowski sah, daß Alles verrathen war, beschloß er nach Slupi zu flüchten, schickte den eben von der zweiten Mission zurückgekehrten Ogrodowicz von neuem in die schwetzer Gegend und verabredete sich mit ihm,
2 3 T
ihn, was auch geschah, am 19ten in Cchraplewo zu tressen. Hier ließ er sich abermals von Ogrodowicz berichten und theilte ihm wie⸗ derum mit, daß viele Kreis⸗Commissaire verhaftet und die Verbin⸗ dung mit Posen unterbrochen sei, weshalb vorläusig in der bromber⸗ ger Gegend nichts unternommen werden könne. Er wolle deshalb nach Witoslaw gehen und versuchen, von dort durch Kosinsli dis Verbindung mit Posen wiederherzustellen und den Ogrodowicz dann in Klein⸗Butzig wieder treffen. Auf der Reise nach Witoslaw aber, wobei ihn der Ogrodowicz begleitete, verirrten sich die beiden Ver⸗ schworenen im Schneegestöber und wurden in Mroczen aus Mangel an Legitimation verhaftet. ;x
Auf die Aufforderung des Präsidenten, sich über die Anklage zu erklären, bemerkte von Sadowski Folgendes: Er habe sich selbst an⸗ geklagt, sei jedoch unschuldig. Von früher Jugend au schwächlich, sei er durch die Verhaftung in einen völlig kranken Zustand versetzt wor⸗ den. Dazu habe ihn sein Inquirent täglich einem langen Verhör unterworfen und sich so benommen, daß er gegen denselben eine In⸗ jurien⸗Klage habe anbringen wollen. Sechs Monate habe man ihn hierauf nicht verhört, seine Gesundheit indeß habe sich nicht gebessert. Bei einer Brunnenkur sei ihm nicht einmal gestattet worden, sich freier zu bewegen, wie dies anderen Gefangenen erlaubt geweseun. Der Inquirent babe ihm vorgehalten, daß nur ein freies Geständniß ihm die Erlaubniß zu einer solchen Bewegung, wie sein Zu- stand sie erfordere, verschaffen könne. vorgelegt worden, die seine Schuld enthalten sollten, in denen er selbst bezüchtigt werde, an einem Unternehmen zur Befreiung Polens Theil genommen zu haben. Er habe Alles aufgeboten, seine Unschuld darzulegen; der Inquirent jedoch habe ihn ewig zugesetzt und ihn oft von 8 Uhr Morgens bis 10 Uhr Abends ohne Proto⸗ kollführer vernommen. Auf diese Weise sei er, geistig zerrüttet, zu einem fingirten Geständnisse gekommen. Als Belohnung für dieses Geständniß habe er reseren Kommission zu Posen ein gutes Gefängniß mit einem Garten erhalten. 1
fahe hengeibener, Justiz⸗Kommissarius Gall, unterstützte den Widerruf und stellte den Antrag, aus den Akten einen Bericht des Inquirenten vorzulesen, aus welchem sich ergebe, welche Grundsätze 1 dieser in seinem Verfahren befolgt habe. Dieser Bericht, so wie ein Schreiben des polizeilichen Inquirenten an die Untersuchungs Kom⸗ mission vom 4. November 1846, worin gesagt ist, Sadoweki sei durch sechstägiges Inquiriren zu erschöpft, als daß jetzt damit fortgefahren werden könne, werden verlesen. Sierl s.
Nach Verlesung des Einganges der ersten mit Stanislaus von Sadowski aufgenommenen gerichtliche Verhandlung gab der Angeklagte auf Befragen des Präsidenten zwar ausdrücklich an, daß er die in dem gerichtlichen Protokoll enthaltenen Geständnisse vor dem gericht⸗ lichen Inquirenten wirklich abgelegt habe; aber aus den angeführten Gründen, fügte er hinzu, müsse er dieselben widerrufen. Es sei falsch, daß er sich der polnischen Nationalität entfremdet gehabt habe; er hoffe noch jetzt auf die Wiederherstellung Polens. 4 1 Err habe nur nach den Elzanowkischen Akten nacherzählt, daß er die Existenz des demokratischen Vereines gekannt; eben so aus ande⸗ ren Akten, daß er der Verbindung beigetreten, Andere geworben und Beiträge gezahlt habe. d 1 1
Nachdem die gerichtlichen Geständnisse des Angeklagten hierauf ein⸗ zeln verlesen worden, widerruft der Angeklagte dieselben nach einander. Er habe eingeräumt, daß sein Bruder Nepomucen ihm als Tag des Ausbruches den 21. Februar 1846 bezeichnet, und daß er selbst den Woyciechowski geworben habe: Dies sei jedoch falsch. Der Mitan⸗ geklagte Woyciechowski erklärte, vorgerufen: er habe von Sadowski nie einen Auftrag erhalten und demselben nie Rapport erstattet. (Woyciechowski hatte, wie sich aus der Vorlesung der Akten ergab, bereits in der Voruntersuchung am 21. Juli 1846 seine früheren Angaben zurückgenommen.) b
Weiter bemerkte von Sadowski: Am 5. Februar 1846 sei er mit seinem Bruder nicht in Bromberg gewesen, obgleich der polizei⸗ liche Inquirent eine solche Erklärung von ihm erhalten habe. Zu Srebna⸗Göra sei er gewesen und habe dort Adolph und Alwin Malczewski, so wie Miekowslki getroffen; ob Mieroslawski da gewesen, wisse er nicht, Matheus Masßzcenski vorgerufen, sagte aus: von Sadowski sei einmal in Srebna⸗Göra gewesen; an demselben Tage sei auch Mieroslawski dort gewesen, wie er glaube.
Ferner erklärte Sadowski: auch die Angaben der Anklage über
die Anführer gegen Bromberg, über die Brahebrücke, über die Misston und den Bericht des Maximilian Ogrodowicz habe er zu Protokoll gegeben; es seien dies jedoch unrichtige Fakta, wie alle übrigen. Dann auch habe er den Schluß der Anklage in der Voruntersuchung zugegeben; richtig sei aber nur das Faktum, daß er sich mit Ogro⸗ dowicz verabredet, am 19. Februar mit demselben Chraplewo zusam⸗ menzutreffen, was mit der angeblichen Verschwörung nichts zu thun habe. Niachdem hierauf das ganze gerichtliche Geständniß des Ange⸗ klagten aus der Voruntersuchung verlesen und ihm vorgehalten wor⸗ den war, daß dies Geständniß mit den Angaben vieler Anderen über⸗ einstimme, erklärte er, ihm seien die Angaben Anderer vorgehalten und andere Akten vorgelegt worden, und aus diesen habe er seine Angaben entnommen; seine Geständnisse seien falsch.
Der Vertheidiger machte geltend, Sadowski habe um Weihnach⸗ ten 1845 und Neusahr 1846 aus den Fonds des Handwerkervereins an acht verschiedene Handwerker Geld gezahlt, ohne irgendwie der Revolution zu gedenken. Den Antrag, daß die Aussagen dieser acht Handwerker verlesen würden, weist der Präsident zurück, da von der Anklage nicht behauptet worden, daß Sadowski diesen Personen der⸗ gleichen Eröffnungen gemacht habe.
Die Verhandlung gegen Sadowski wurde hiermit geschlossen.
Vorgerufen trat der Angeklagte Maximilian Ogrodowicz vor den Gerichtshof. Auch er wird von dem Justiz⸗Kommissarius Gall ver⸗ theidigt.
Aus der Anklage⸗Akte entnehmen wir über ihn Folgendes:
Maximilian Ogrodowicz, 31 Jahr alt, katholischer Religion und dem Militairstande nicht angehörend, ist der Sohn des Justizraths Ogrodowicz in Posen. Im Jahre 1830 verließ er das dortige Gymnasium und nahm 1831 im 4ten Infanterie⸗Regiment an der polnischen Revolution Theil. Bei der Erstürmung von Warschau wurde er jedoch gefangen und erst nach zweijähriger Gefangenschaft kehrte er in das Großherzogthum Posen zurück. Hier widmete er sich der Landwirthschaft und hielt sich dann seit Anfang 1846 als Wirthschafter bei Matheus von Poleski in Klunkwitz auf. 1t
Schon im Jahre 1845 war Maximilian Ogrodvwicz durch die Stiftung der agronomischen Vereine und andere Tageserscheinungen auf die Vermuthung gebracht worden: „daß wieder etwas im Werke sei, um die polnische Nationalität zu heben und die Befreiung des polnischen Vaterlandes vorzubereiten.“ Auf diese Weise vorbereitet, bot er dem Mitangeklagten Stanislaus von Sadowski seine Dienste an. von Sadowski ging auf das Anerbieten ein und trug dem Angeklag⸗ ten die schon näher erwähnten Missionen auf. Nachdem die beiden Verschworenen hinter Mroczen angehalten worden waren, wurde der Angeklagte mittelst Zwangspasses nach Parlin geschickt. Auf dem Wege dorthin traf er jedoch bei dem Mitangeklagten von Moszczengki in Zolendowo den Förster Bösig. Diesen suchte er für den Aufstand zu gewinnen, welcher, wie er meinte, noch in der nächsten Woche aus⸗
Dann seien ihm Alten