1876 / 188 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Fri, 11 Aug 1876 18:00:01 GMT) scan diff

erscheint, nicht ernannt, oder ger eine erfolgte Ernennung rück⸗ ängig gemacht werde. Jenes echt stellt sich daher als eine aus er Amtsangehörigkeit hervorgehende Befugniß der einzelnen Amtseingesessenen dar, deren Ausübung die Wahrnehmung ihrer Interessen begründet oder doch begründen kann. Werden dem⸗ nach in einer solchen Versammlung gegen den designirten Amts⸗ vorsteher Aeußerungen laut, welche an sich geeignet sind, den Kandidaten herabzuwürdigen, so sind dieselben nur dann straf⸗ bar, wenn aus der Form der Aeußerungen, oder aus den Um⸗ ständen, unter welchen sie geschehen, die Absicht zu beleidigen hervorgeht.

Der Großherzoglich hessische Bevollmächtigte zum Bun⸗ desrath, Ministerial⸗Rath Dr. Neidhardt, ist nach Berlin zurück⸗ gekehrt und hat die Leitung der Großherzoglich hessischen Ge⸗ fandtschaft hierselbst wieder übernommen.

Der hiesige Gesandte der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Herr Bancroft Davis, hat sich mit Urlaub nach Amerika begeben. Während seiner Abwesenheit fungirt der Legations⸗Sekretär Herr Nicolas Fish als Geschäftsträger.

Bayern. München, 8. Angust. Ihre Majestäten der König und die Königin von Sachsen beehrten heute Vormittags die „Kunst⸗ und kunstgewerbliche Ausstellung“ mit einem längeren Besuch. .““

Wie die „Allg. Ztg.“ vernimmt, ist der Königliche Oberst⸗Stallmeister, Reichsrath Graf v. Holnstein, bestimmt, während des bevorstehenden Aufenthalts Sr. Majestät des Kaisers in Bayreuth im Allerhöchsten Auftrag die Honneurs zu machen. Das für die Königliche Hofhaltung in Bayreuth während der Anwesenheit des Kaisers daselbst erforderliche Hofdienstpersonal, sowie Hofequipagen und Pferde, werden übermorgen von hier nach der oberfränkischen Haupt⸗ stadt abgehen.

9. August. Ihre Majestäten der König und die Königin von Sachsen haben heute Morgens die Ausstellung mit einem wiederholten längeren Besuche beehrt. Heute Mittag fuhren Ihre Majestäten zum Besuch der Herzoglichen Familie nach Possenhofen; für morgen ist ein Ausflug nach Tegernsee peabsichtigt, und nach der Rückkehr von dort, morgen Abends soll die Weiterreise nach Dresden erfolgen.

Zu den vom 26. d. M. bis 9. k. Mts. bei Regens⸗ burg staktfindenden Manövern der kombinirten Kavallerie⸗ Division sind von außerbayerischen Armeen bereits mehrere Kö⸗ niglich württembergische Offiziere angemeldet. Divisions⸗ führer ist der General⸗Major v. Weinrich, unter welchem die drei Brigaden von den General⸗Mojoren Prinz Leopold von Bayern, Kiliani und Baumüller kommandirt werden.

10. August. Se. Majestät der König ist soeben, von Bayreuth kommend, hier eingetroffen und setzte die Reise nach Peissenberg fort.

Nürnberg, 8. August. Das Programm für die Sedanfeier ist nunmehr festgesetzt. Mittags 12 Uhr findet feierliches Geläute aller Glocken statt, nachdem vorher von den Thürmen der Stadt Musik die Feier des Tages verkündet hat. Dem um 3 Uhr Nachmittags stattfindenden Festgottesdienste schließt sich eine Schulfeier im Rathhaussaale an. Abends findet ein Volksfest in einer Gartenanlage statt. Für den darauf folgenden Tag (Sonntag, den 3. September) ist die Ent⸗ hüllung des Kriegerdenkmals festgesetztt und Sonntag Nachmittags bewegt sich der Festzug durch die, ohne Zweifel dekorirten, Hauptstraßen zum Festplatze, woselbst die Fortsetzung des Volksfestes sich entwickeln wird. Die Kosten der Sedan⸗ feier werden aus Kommunalmitteln bestritten.

Pirmasens, 10. August. (W. T. B.) Bei der heute stattgehabten Neuwahl für das Abgeordnetenhaus wurden die früher gewählten liberalen Kandidaten Schmidt, Schmitt und Höh mit 117 gegen 71 Stimmen wiedergewählt.

Baden. Karlsruhe, 8. August. Der Frohesog het nach einer Meldung des „Schw. M.“ folgende Mitglieder der Generalsynode ernannt: Professor Gaß und Decan Herbst in Heidelberg, Decan Helbing in Freiburg, Ober⸗Pfarrer Schmidt in Karlsruhe, Direktor Helm in Karlsruhe, Ober⸗Forstrath Roth in Donau⸗Eschingen und Bürgermeister Paravicini in Bretten. Die Gewählten gehören, Schmidt ausgenommen, der liberalen Richtung an. Die Synode wird Ende September zusammen⸗ treten, und die Mitglieder sind gegenwärtig mit dem Studium der oberkirchenräthlichen Vorlagen beschäftigt.

Hessen. Darmstadt, 8. August. Nach einer von dem Finanz⸗Ministerium erlassenen Bekanntmachung werden von heute an sämmtliche Beamte und Bedienstete der Oberhessi⸗ schen Eisenbahnen von der hessischen Staatsregierung über⸗ 8 und diese wird darauf bedacht sein, die Anwendung der für die verschiedenen Kategorien der Großherzoglichen Civil⸗ diener bestehenden Bestimmungen auf die übernommenen Be⸗ amten und Bediensteten zu ermöglichen. Vorläufig und bis zur definitiven Organisation der Großherzoglichen Verwaltungs⸗ behörden für die Oberhessischen Bahnen sind die Geschäfte der Direktion dem seitherigen Direktor Ober⸗Finanz⸗Rath Mohn und dem Betriebsdirektor Altvater übertragen, und alle Beamten und Bediensteten der Bahnen mit der Fortführung ihrer seitherigen Amtsverrichtungen beauftragt. v““

SDesterreich⸗Ungarn. Wien, 9. August. Ungarische Blätter hatten die Nachricht gebracht, sagt die „Presse“, Mi⸗ nister⸗Präsident Tisza habe seine jüngste Wiener Reise in Folge Berufung des Grafen Andrassy angetreten. Diese An⸗ gabe wird nun von Seite des ungarischen Preßbureaus entschie⸗ den und zwar mit dem bezeichnenden Zusatz dementirt, daß zu einer Einladung von Seite des Grafen Andrassy keinerlei Grund vorhanden war. Der ungarische Minister⸗Präsident habe sich zu dem Zweck nach Wien begeben, um Sr. Majestät in Regierungs⸗ Angelegenheiten Bericht zu erstatten. Nach der „Bud. Corr.“ hat der ungarische Minister⸗Präsident bei diesem Anlaß auch die auf die Ernennung einiger Ob ergespäne in Ungarn bezug⸗ nehmenden Vorschläge dem Monarchen unterbreitet. Die bevorstehenden großen Manöver auf dem March⸗ felde sind, wie ein hiesiger Korrespondent der „Bohemia“ hervor⸗ hebt, in Bezug auf die Anzahl der konzentrirten Truppen, die Danuer der Manöver, wie die Ausdehnung des Manöyr rgebiets unbedingt die bedeutendsten, und sieht man ihnen in militärischen Kreisen diesmal noch überdies mit um so größerem Interesse ent⸗ pegen, als die neue Organisation des Generalstabes zum ersten Male in Aktion tritt und die neue Bewaffnung unserer Artillerie ihre Manövrirfähigkeit zu erproben haben wird. Die Zahl der hohen Militärs und namentlich fremder Militärs, die sich an den Ma⸗ növern betheiligen wird, wird darum eine ganz bedeutende sein. Die fremden Militärs werden, wie immer, Gäste des Kaisers

sein, der mit den Erzherzogen vielleicht auch, daß Kronprinz Rudolph an den Manövern theilnimmt das Fürstlich Mens⸗ dorffsche Schloß in Nikolsburg zur Residenz nehmen wird. Olmütz, 9. August. Wie dem „Fremdenbl.“ von hier tele⸗ graphirt wird, begiebt sich Baron Königsbr. unn am 15. d. nach Wien und sodann gemeinsam mit Graf Lichnowsky nach Rom, Behufs Verwendung beim Papste wegen Aufrechthaltung des Adelsprivilegs beim hiesigen Domkapitel. Pest, 9. August. Das „Amtsblatt“ veröffentlicht einen Erlaß des Honved⸗Ministers, mit welchem die auf die Institution der Freiwilligen bezüglichen Verfügungen des Wehrgesetzes dahin modificirt werden, daß in Zukunft nur die Hörer der letzten zwei Jahrgänge des Ober⸗Gymnastums und der Ober⸗Realschule, nicht aber auch Zöglinge gleichberechtigter Anstalten der Vergünstigung des Freiwilligendienstes theilhaftig sein können. .““ 8 Gestern Nachts langte hier ein Hülfstrain aus Moskau mit der Bestimmung nach Belgrad an. Die Weiterfahrt erfolgt mit dem Lastschiff „Wien“, welches heute Vormittag abgeht. Das⸗ selbe führt 54 Personen, 26 Herren und 28 Damen, überdies 250 Ctr. Bandagen, Charpie und ärztliche Instrumente. Die Herren sind, mit Ausnahme von zweien, alle Aerzte, unter der Führung des Generals Takarjoff, fast sämmtlich Russen; die Damen (soeurs de charité de Moscou) stehen unter der Füh⸗ rung der Oberin, Fürstin Sachowskoi. Alle tragen das Kreuz der Genfer Konvention. 8 3 Unter Führung des Ober⸗Bürgermeisters Rath begiebt sich heute Abends eine Deputation nach Wien, um den Kaiser zur Theilnahme an der Palatin⸗Centennialfeier einzuladen. Die Deputation wird am 10. in Audienz em⸗ pfangen werden. b Agram, 9. August. Der Landtag erledigte die zwei Behufs Neustylisirung an den Ausschuß gewiesenen Paragraphen des Kreutzer Schulgesetzes. Morgen eerfolgt die Beant⸗ wortung der Interpellation Subotic'.

Schweiz. Bern, 10. August. (W. T. B.) (Telegramm der „Agence Havas“.) Auf den hiesigen russischen Ge⸗ fandten, Prinzen Gortschakoff, wurden gestern Abend von einer russischen Frau zwei Revolverschüsse abgeschossen. Der Prinz ist nicht getroffen, die Thäterin ist verhaftet worden.

Die christkatholische Synode ist, der „N. Zürch. Ztg.“ zufolge, auf den 10. August nach Solothurn einbe⸗ rufen. Als Haupttraktandum wird die Weihe des Bischofs

Herzog bezeichnet.

Großbritannien und Irland. Die Abreise der Königin von Osborne d. Mts. angesetzt worden. 8

Der Erbgroßherzog von Mecklenburg⸗Strelitz hat London am 8. d. Mts. verlassen und sich zunächst nach Schottland begeben.

Im Oberhause erläuterte gestern der Herzog von Richmond und Gordon die Bestimmungen der ministeriellen Elementarunterrichts⸗Vorlage, welche nach längerer Diskussion, an der sich Lord Granville, der Erzbischof von Canterbury, der Marquis von Ripon, der Marquis von Salisbury, Lord Aberdare, Lord Hampton, Earl Fortescue und Lord Stanley of Alderley betheiligten, die zweite Lesung passirte. Der Ent⸗ wurf zur wirksameren Verhütung der Verunreinigung von Flüssen wurde ebenfalls zum zweiten Male gelesen.

Unter den in der gestrigen Sitzung des Unterhauses gestellten Anfragen sind besonders hervorzuheben die Gurley'’s, ob die Regierung in diesem Herbste Marinereserven zur Ein⸗ übung auf Panzerschiffen und zur Küstenvertheidigung bestimm⸗ ten Fahrzeugen einzuziehen gedenke, und wie viele Torpedo⸗Boote die Regierung in den britischen Häfen zu Unterrichtszwecken aus⸗ zulegen beabsichtige. Der Marine⸗Minister entgegnete, er könne Marinereservisten nur dann an Bord auslaufender Schiffe einziehen, wenn sie freiwillig sich dazu melden sollten. In diesem Herbste könne er überhaupt keine Reservisten mehr einziehen, da die Panzerschiffe bereits zu ihren jährlichen Kreuzungsfahrten ausgelaufen seien. Die Vertheidigung der Handelshäfen sei in Händen der mililärischen, nicht der Marinebehörden. Die Admiralität sei bemüht, zum Torpedo⸗Legen geeignete Boote ausfindig zu machen. Mr. Torrens fragte ferner, ob die Aufmerksamkeit der Regierung auf die Maßregeln zur Unterdrückung des Gebrauchs der polnischen Sprache in den Gerichtshöfen des Großherzogthums Posen im Widerspruch gegen §§. 2 und 118 des Vertrages von Wien gelenkt sei. Der Unter⸗Staatssekretär des Auswärtigen, Mr. Bourke, sagte, er nehme an, daß die Frage sich auf die Vor⸗ gänge in der preußischen Kammer im vergangenen Juni beziehe. Die bezügliche Debatte habe in Erörterung einer der Kammer gemachten Vorlage stattgefunden, welche bezwecke, die polnische Sprache aus allen amtlichen Schriftstücken aus⸗ zuschließen, und es bestehe kein Zweifel, daß diese beabsichtigte Ausschließung eine sehr starke Sprache auf Seiten der polnischen Deputirten hervorgerufen habe. In den zwei herangezogenen Artikeln des Wiener Vertrages habe er nichts gefunden, was sich auf die polnische Sprache beziehe, oder was die anderen Mächte verpflichtete, darauf zu achten, daß die polnische Sprache fortdauernd in den amtlichen Schriftstücken des Großherzogthums Posen gebraucht werde.

10. August. (W. T. B.) In der heutigen Sitzung des Unterhauses erwiedrte der Kanzler der Schatzkammer, Northcote, auf eine Anfrage Erringtons, die Bank von England habe zur Begleichung der für die türkische An⸗ leihe von 1854 zu leistenden Zahlungen vom 1. Oktober v. J. ab bis zum heutigen Tage 130,536 Pfd. Sterl. von der ägyp⸗ tischen Regierung ausgezahlt erhalten, zur Deckung seien noch 61,150 Pfd. Sterl. erforderlich. Die für die türkische An⸗ leihe von 1871 an die Bank geleisteten Zahlungen betrügen 199,500 Pfd. Sterl., in Rest verblieben seien 116,922 Pfd. Sterl.

(W. T. B.) Dem Vernehmen nach wird Lord Granville morgen in der Sitzung des Oberhauses bean⸗ tragen, daß der Bericht des Registrators des Admiralitäts⸗ gerichts, Rothery, über das Verhalten der Offiziere des Bugfir⸗ dampfers „Palmerston“ bei dem Zusammenstoße der „Franconia“ mit dem Dampfer „Strathelyde“ dem Hause vorgelegt werde.

11. August. (W. T. B.) Dem Parlamente ist die diplomatische Korrespondenz wegen der von den Türken in Bulgarien begangenen Grausamkeiten mitgetheilt worden. Das erste Schriftstück datirt vom 14. v. Mts., das letzte vom 9. d. M. Das züuletzt gedachte ist eine Depesche Lord Derby's an den Botschafter Elliot, worin es heißt, daß die Pforte Grausam⸗ keiten, wie die in Bulgarien vorgekommenen, in Serbien nig geschehen lassen dürfe und daß der Botschafter darauf hin⸗ weisen

London, 9. August. ist jetzt auf den 15.

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üsse, daß jede Erneuerung solcher schimpflichen Arte für

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die Pforte unheilvoller sei, als eine verlorene Schlacht. Der Unwille Europas werde sich unwiderstehlich geltend machen und ganz unvermeidlich eine Intervention in einem für die Türkei feindlichen Sinne zur Folge haben.

(W. T. B.) In der gestrigen Sitzung des Ober⸗ hauses antwortete der Staatssekretär Derby auf eine An⸗ frage Lord Emly's, die englische Regierung habe von dem Khedive eine Mittheilung erhalten, worin sie zugleich er⸗ sucht worden sei, ihre Ansicht über die Berechtigung des Khedive, gewissen von den neuen internationalen Gerichtshöfen in Aegypten gefällten Urtheilen die Ausführung zu versagen, auszusprechen. Die englische Regierung habe diese Frage eng⸗ lischen Juristen zur Erledigung vorgelegt.

(W. T. B.) Im Unterhause erläuterte der Unter⸗Staatssekretär im Departement für Indien, Lord Ha⸗ milton, das Budget für Indien und erwähnte hierbei der gegenwärtigen Entwerthung des Silbers. Hamilton führte bezüglich der letzteren aus, daß die Regierung beschlossen habe, vorläufig keinerlei Schritte zu thun, weil die vorgeschlagenen Mittel eine Abhülfe des Uebels nicht erwarten ließen. Falls die Entwerthung des Silbers noch fortschreite, werde die Regie⸗ rung einige außerordentliche Staatsbauten in Indien fistiren. Die Regierung werde die Silberfrage nicht außer Acht lassen und sei bereit, annehmbare und nütliche Vorschläge zu berück⸗ sichtigen. 2.

Frankreich. Paris, 9. August. Der französische Bot⸗ schafter in Berlin, Vicomte de Gontaut⸗Biron, ist heute in Paris angelangt. Fürst Orlow, der russische Bot⸗ schafter, hat auf einmonatlichen Urlaub heute Paris verlassen d bb]

Der Senat begann heute die Berathung über das Ge⸗ meindegesetz. Die Dringlichkeit derselben wurde mit großer Stimmenmehrheit genehmigt. Da Niemand das Wort zur Generaldebatte verlangte, so schritt die Versammlung nach der „Köln. Ztg.“ sofort zur Berathung der einzelnen Artikel. Zu Art. 1 er⸗ öffnete Herzog v. Broglie die Debatte. Er wolle denselben weder befürworten, noch bekämpfen, denn er sei die natürliche Folge eines neuen Gesetzes, eines provisorischen Gesetzes, dem er ein wohlüberdachtes, definitives weit vorgezogen haben würde. Das Mairesgesetz von 1874 sei ebenfalls nur ein provisorisches ge⸗ wesen und sein Dasein sei durch den Umstand nothwendig ge⸗ macht worden, daß die 1871 gewählten Gemeinderäthe zu einer Zeit gewählt worden seien, wo die Insurrektion siegreich und alle Geister verwirrt gewesen wären. Seit jener Zeit seien aber neue Gemeinderäthe an die Stelle der früheren gekommen und er vergesse nicht, daß aus den letzteren die große Majorität des Senats hervorgegangen sei, die ihn jetzt anhöre. Er erkläre, daß diese große Majorität Vertrauen in die jetzigen Ge⸗ meinderäthe habe, und daß sie gerade deshalb den Artikel 3 der Vorlage (wonach innerhalb drei Monaten überall neue Gemeinde⸗ räthe gewählt werden sollen) verworfen werde. Was die bisher laut gewordene Kritik des Gesetzes von 1874 anbelange, so sei er bereit, die Debatte darüber aufzunehmen, die er jedoch nicht herausfordern wolle, denn sie könne höchft aufreizend für eine gewisse Partei werden. Was von diesem Gesetze erhalten werden müsse, das sei das der Regierung zustehende Recht, die Maires und Adjunkten in den Städten frei von äußeren Ein⸗ flüssen zu ernennen; der gesunde Menschenverstand fordere dies nicht weniger, als der Instinkt der Sicherheit der Gesell⸗ schaft. Auch theile er durchaus nicht die Ansicht mehrerer seiner politischen Freunde, die das Recht der Maires wohl deshalb aus den Händen der jetzigen Regierung genommen haben woll⸗ ten, weil sie den Vertretern der letzteren diese Wahl nicht an⸗ vertrauen wollten. Wenn sich eine Majorität für die Vorlage fände, so würde dieselbe also aus zwei einander feindlichen Ele⸗ menten zusammengesetzt sein: den Einen, die das Gesetz deshalb annähmen, weil sie Vertrauen in das Ministerium haben, und die Anderen umgekehrt, weil sie Mißtrauen zu demselben hegen. Er für sein Theil werde nur in Frankreich und in den Staat Vertrauen haben und diesen beiden allein werde er deshalb die Macht in die Hand geben. Redner geht nun zu Betrachtungen über das Grivardsche Amendement zum Mairesgesetz über, nach welchem die Maires und Adjunkten Seitens der Regierung aus dem Schooße der Gemeinderäthe genommen werden sollten, und erklärt, daß dieses Amendement alle Interessen versöhne und die Prinzipien der Ordnungspartei, das Interesse der Re⸗ gierung und die Achtung vor dem Wahlrecht wahre. Artikel 1 wurde angenommen. 1

Artikel 2 bestimmt den Modus der Maireswahl: in den kleinen Gemeinden durch den betreffenden Gemeinderath selbst und in den Kantonshauptorten und Städten durch die Regierung. Das Grivardsche Amendement hierzu wurde zur Debatte gestellt. Grivard vertheidigte dasselbe in einer längeren Rede, an deren Schlusse er bemerkte, man wolle die Centralregierung schwächen; es sei Gefahr für die franzöfische Einheit im Verzuge. „Wenn diese Frankreich auch nicht habe retten können, so sei sie doch das sicherste Bollwerk gegen Gefahren, über die sich Niemand täusche.“

Der Minister des Innern de

Maredre erklärte, Gri⸗

vard habe dem Senate zwar die ecim entwickelt, um die es

nicht auf dem wirk⸗ es handle sich nur Gesetzentwurfs dar⸗

sich hier handle, aber er habe si lichen Boden der Diskussion bewegt; darum, den wirklichen Sinn des zulegen und vor Allem gegen die eingebildeten Ge⸗ fahren, die Grivard vorgeführt habe, Protest zu erheben. Die Centralregierung sei keineswegs in Gefahr, von den Ge⸗ meinderäthen entwaffnet zu werden. Der Minister erörterte die Fragen, die sich auf das Verhältniß der Maires zu der Regie⸗ rung beziehen, wies auf die Waffen hin, die das Gesetz der Regierung in die Hand gebe, die gemeinderäthliche Willkür in Schranken zu halten, und fügte hinzu, es liege hier keine Gefahr vor; es sei aber zu bedauern, daß die Gemeinderäthe, die eine wichtige Aufgabe zu lösen hätten, mit Verdacht beladen wür⸗ den: se wirkten mit bei der Ernennung des Senats, jene Ver⸗ dächtigungen aber seien Angriffe auf das allgemeine Stimmrecht. Das jetzige Gesetz sei nicht aus einem politischen Interesse, sondern aus der Wahrheit und aus der Geschichte hervorgegangen. Der Minister wies sodann auf die Anstren⸗ gungen der Royalisten unter dem Kaiserthum hin, um ie Gemeindefreiheiten zu erweitern: Das Land habe sich mit unwiderstehlicher Gewalt den Gemeindefreiheiten zugewandt, weil es darin die Grundbedingung für seine Wahlfreiheiten halte. Der Minister schloß mit den Worten: „Wir haben das Mig⸗ liche gethan, und dennoch, während wir mit der größten Umsicht verfahren, klagt man uns an und macht sich über uns lustig. Das Land wird uns aber Dank wissen und der Senat unser patriotisches Verfahren anerkennen; er wird sich nicht zu einem Zwecke, der nicht zu begreifen ist, unter einem Vorwand, den man nicht eingesteht, von der Regierung trennen.“

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Bocher (Orleanist) erhielt nun das Wort. Seiner kann die Regierung die Ernennnng der Maires nicht aufgeben. Er verwirft das neue Gesetz, weil es die Unabhängigkeit der Maireb und in Folge dessen die der Gemeinden feststellt, denn er könne unmöglich diese Unabhängigkeit zugeben. Er begreift ein in 36,000 unabhängige Gemeinden eingetheiltes Frankreich nicht, da diese kein anderes Band haben als den Richter und den Gensd'armen. Der Redner sucht dadurch, daß er behauptet, es bestehe ein großer Unterschied zwischen 1869 und 1876, sich gegen den Vorwurf zu schützen, daß er seine Ansichten betreffs der Gemeindefreiheiten gründlich geändert hat; er findet, daß es heute genug Freiheit giebt, und will nicht weiter gehen: es sei genug. Auch will er nicht, daß man die alte französische Verwaltung schwäche, und er fordert die, welche Konservative sind, auf, zu beweisen, daß sie keine Parteimänner sind, indem sie in den Händen derer, die heute an der Gewalt sind, die Waffen lassen, die eine Re⸗ gierung unumgänglich nothwendig hat. Der Linken ruft er zu: „Handeln Sie nicht wie die Feinde der Republik! Wie? Sie sind die Regierung, und weil die Regierung einst in andere Hände übergehen kann, wollen Sie dieselbe nicht stärken, wenn sie sich in den ihrigen befindet! Sie laufen Gefahr, auf diese Weise die französische Einheit zu vernichten und die Bande zu lockern, welche die 36,000 Gemeinden an die Centralgewalt knüpfen. Und Sie, der Minister, warum geben Sie die Rechte des Staates auf? Weil das Land ge⸗ sprochen hat! sagen Sie. Sind Sie sicher, das Land gehört zu haben? Und wenn die Kammer und das Land sich geirrt haben? Richten Sie sich an diese Versammlung und sagen Sie ihr, daß die Mobilmachung der Armee ohne von der Regie⸗ rung ernannte Maires nicht möglich ist!“ Bernard: Die Gemeinderäthe bestehen aus guten Bürgern. Bocher: Deshalb will ich, daß die Regierung die Maires aus den Gemeinderäthen ernennt. Sagen Sie, meine Herren Minister, der Deputirtenkammer die Wahrheit, und ich habe das Vertrauen, daß Sie nicht vergeblich die Vernunft und den Patriotismus derselben anrufen werden. Die Berathung wurde alsdann auf den folgenden Tag vertagt.

Im Ministerium des Innern fand gestern ein par⸗ lamentarisches Diner statt, welchem außer einer Anzahl der Regierung nahe stehender Senatoren und Abgeordneten auch Gambetta in seiner Eigenschaft als Präsident des Budgetaus⸗ schusses beiwohnte.

Versailles, 10. August. (W. T. B.) Der Senat, der gestern die Berathung des Munizipalgesetzes begonnen und den ersten Artikel desselben angenommen hatte, hat nach einer längeren Rede Simons heute auch den zweiten Artikel genehmigt. Die Berathung wird morgen früh fortgesetzt.

Die Deputirtenkammer erledigte die Berathung des Armeebudgets und begann die Berathung des Etats für die schönen Künste. 2

Italien. Rom, 8. August. Am 7. d. Mts. fand in Turin ein Banket zu Ehren der Minister Depretis, Nico⸗ tera und Zanardelli statt. 461 Personen betheiligten sich daran. Der Präsident Villa gedachte der Rede, welche der Ab⸗ geordnete Nicotera vor seinen Wählern in Salerno gehalten, und des Programmes, das Herr Depretis vor seinen Wählern in Stradella entwickelt hat. Der Redner wies nach, daß alle libe⸗ ralen Italiener damit einverstanden seien. Als hierauf der Minister⸗ Präsident das Wort ergriff, gedachte er im Eingang seiner Rede des nahen Sitzungssaales des piemontesischen Parlaments, wo er mit Cavour für die Annektirung der Lombardei und Ve⸗ netiens, für das Prinzip des Freihandels, für die Trennung von Staat und Kirche, für die Erklärung Roms zur Hauptstadt von Italien gestimmt habe. Zweck der heutigen Vereinigung sei, sagte er, das Gleichgewicht der Parteien zu feiern und das Pro⸗ gramm von Stradella zu bestätigen, denn er habe ihm weder etwas neues hinzuzufuͤgen noch etwas davon zurückzunehmen, da er fest entschlossen sei, es konsequent durchzuführen. Wenn er von Neuem zu seinen Wählern sprechen werde, gedenke er das Programm der legislativen Vorschläge, die er dem nächsten Parlamente vorlegen wolle, zu entwickeln. Er rühmte die Mäßigung, womit die Linke bisher regiert habe und fort⸗ zuregieren gedenkt, da sie stark genug sei, ihre Gegner schonen zu können. Vom 18. Mai bis zum Schluß der diesjährigen Parlamentssitzung, sagte er, sind nicht weniger als 50 und darunter sehr wichtige Vorlagen berathen und ge⸗ nehmigt worden, eine Thätigkeit, wie sie legislative Versamm⸗ lungen selten entwickelt haben. Der bevorstehenden Sitzungs⸗ periode ist die Lösung von zwei schweren Aufgaben vor⸗ behalten. Abänderung der Eisenbahngesetzgebung hinsichtlich des Gütertransportes und Abschluß neuer Handelsver⸗ träge im Interesse der Landesindustrie. Der Redner verwahrte sich gegen die Zumuthung, die Steuern herabzusetzen und die Ausgaben für das Heer zu vermindern, denn dieses sei der Stolz und die Kraft des jungen Italiens, und nur der Wahn⸗ witz könne daran denken es zu schwächen. Er verspreche dagegen eine gerechtere Vertheilung der Steuern, eine wohlfeilere und für die Steuerpflichtigen weniger drückende Eintreibung derselben. Er hoffe, vom Vertrauen des italienischen Volks unterstützt, sein Versprechen halten zu können.

Der Kardinal Ledochowsky legt heute (8.) Nachmit⸗ tags den Grundstein zum neuen Altar und zum Monument zur Aufbewahrung der Ketten des Apostels Petrus in der Kirche San Pietro in Vincoli. Eingeweiht wird das Denkmal heute übers Jahr, wo in derselben Kirche das Jubiläum der Ernen⸗ nung des Papstes zum Bischof feierlich begangen werden soll.

Vorgestern, am Todestage des Präsidenten der Republik Ecuador, Garcia Moreno, empfing der Papst, den „Ital. Nachr.“ zufolge, eine Deputation des Pariser Univers, welche ihm den Ertrag der veüt egat zur Errichtung eines Denkmals für denselben überreichte. Das Denkmal wird in einer Marmorbüste mit den Zügen des Ermordeten bestehen, welche in dem zu erbauenden „Garcia Moreno⸗Seminars“ für die südamerikanischen in Rom Theologie Studirenden aufgestellt werden soll. Bisher wohnten dieselben in den kürzlich expro⸗ prürten Gebäuden der Kirche Santo Andrea auf dem Quirinale.

Türkei. Konstantinopel, 10. August. (W. T. B.) Der hiesige britische General⸗Konsul Francis ist gestorben.

Den uns vorliegenden Nummern der „Turquie“ vom 2.—4. August entnehmen wir folgende Mittheilungen:

Kiani Pascha hat an den Großvezier folgendes Telegramm

gerichtet: Philippopolis, 21. Juli (Alt. St.) Der Prozeß gegen die noch übrigen in die letzten Un⸗ ruhen verwickelten Individuen ist beendet. Von diesen Per⸗ sonen, 31 an der Zahl, sind 3 zu drei Jahren Zwangsarbeit, und einer su einjähriger Gefängnißstrafe verurtheilt; die anderen eigesprochen. 8

nichtnach

z sind 203 Individuen in Unter⸗ suchung gewesen; es sind zwei Todesurtheile gefällt worden; außerdem ist auf Zwangsarbeit erkannt: gegen einen auf 9 Jahre, gegen 3 auf 7 Jahre, gegen 5 auf 5 Jahre und gegen 43 auf 3 Jahre; zwanzig zu 1 Jahr Gefängniß verurtheilt. n;. Verurtheilungen sind bereits zur Vollstreckung ge⸗ racht.

9 Individuen, gemeinrechtlicher Vergehen angeklagt, sind Medjilifs Temyiz übergeben und 120 losgesprochen worden.

Somit ist meine Mission beendet, und ich beabsichtige, mor⸗ gen nach der Hauptstadt zurückzukehren.

Es ist bereits von der Lösung die Rede gewesen, welche die Hohe Pforte der Frage, betreffend die Befreiung der Christen von der Militärpflichtigkeit und über die Vertheilung der Militärsteuer unter den nicht⸗ muselmännischen Gemeinden gegeben. Das von dem Minister des Auswärtigen Savfet Pascha dem Oikumenischen Patriarchat übermachte desfallsige Teskéré lautet: ‚„In Folge des unter der letzten Regierung erlassenen Fir⸗ mans ist die Vertheilung und Erhebung der Militär⸗ steuer gewissen Veränderungen unterworfen worden. Da alle Individuen unter 20 und über 40 Jahren von dieser Abgabe ausgeschlossen worden, so ist der Kreis, in welchem dieselbe zu vertheilen bleibt, bei Weitem enger geworden. Es haben sich deshalb Klagen Seitens der Besteuerten erhoben und die Regierung hat ein der Billigkeit entsprechendes Mittel gesucht, alle Interessen zu versöhnen.

Die mir darüber von Ihnen und Patriarchen zugegangenen Bemerkungen sind in Erwägung genommen und im Ministerrathe geprüft worden. Der Rath hat folgende Entscheidung getroffen: Es wird für diese Steuertaxe dieselbe Analogie beobachtet wie für die Muselmänner, die einen Soldaten auf 180 männliche Unterthanen abgeben. Der Betrag (Bedel) dieser Steuer ist auf 5000 Piaster festgestellt, die unter je 180 männlichen, nicht muselmännischen Unterthanen vertheilt werden, von denen jedoch die unter 15 und über 75 Jahren ausgeschlossen bleiben, so wie die Priester, Mönche, Armen und Gebrechlichen, die von der Ge⸗ meinde selbst zu bezeichnen sind.

Die nach dieser Ausnahme übrig bleibenden Steuerpflich⸗ tigen werden in verschiedene Klassen getheilt, unter denen die Summe von 5000 Piastern derart vertheilt werden, daß jeder Einzelne nach Maßgabe seiner Einnahmen besteuert wird.

Dem Kaiserlichen Iradé gemäß ist beschlossen worden, das Patriarchat sowie die übrigen geistlichen Vorstände der nicht muselmännischen Gemeinden und geistlichen Orden mit der Ver⸗ theilung und Eintreibung der Steuern zu betrauen. Die nöthigen desfallsigen Befehle sind an die Regierungs⸗Präsidien des Reiches erlassen worden.

Ew. Heiligkeit wollen also, dem Kaiserlichen Iradé gemäß, baldthunlichst den Metropolitanen und sonst Befugten Mit⸗ theilung dieser Maßregel mit den bezüglichen Instruktionen zu⸗ gehen lassen.

Zu diesem Ende u. s. w.

Den 24. Djemadi⸗ul⸗Akhir 1293 (16. Juli 1876).

gezeichnet: Savfet.“

Nach Empfang dieses Erlasses hat der oikumenische Patriarch ein in diesem Sinne abgefaßtes Cirkular an alle unter der geistlichen Autorität des Phanar stehenden Metropolitane und Erzbischöfe gerichtet.

Eine Deputation von Armeniern hat den armenischen Patriarchen Narses befragt, ob die Gerüchte über einen in Russisch⸗Armenien ausgebrochenen Aufstand begründet seien. Die Antwort des Patriarchen lautete dahin, daß derselbe um so weniger darüber unterrichtet sei, als die von ihm diesen Gegen⸗ stand betreffenden, nach Rußland geschickten Depeschen unbeant⸗ wortet geblieben seien; es ist daher der Beschluß gefaßt worden, auf Kosten der armenischen Gemeinde Delegirte abzusenden, um sich an Ort und Stelle selbst von dem wahren Stande der Dinge zu überzeugen, und davon ihre Landsleute in Konstantinopel brieflich oder durch ein anderes Mittel zu unterrichten. Eine unter armenischen Patrioten veranstaltete Sammlung hat die Reisekosten für die drei Abgeordneten geliefert, die vor einigen Tagen mit dem Packetboot nach Trapezunt abge⸗ reist sind.

Nach dem vom Djeéridéi⸗Askérich veröffentlichten Rechnungs⸗ bericht belaufen sich die bis jetzt von der Subskriptions⸗ kommission dem Marine⸗Ministerium eingesandten Summen auf 600,000 Piaster.

Das Journal „Ittihad“ meldet, daß gegenwärtig in Tophana 110 Krupp⸗Kanonen, die in diesen Tagen aus Auvers hier angelangt sind, ausgeschifft werden.

Das fliegende, 100 Betten fassende Lazareth, welches der Oberst Dr. Vulkowitsch organisirt hat, ist gestern per Eisenbahn nach Nisch abgegangen. Wundärzte, Apotheker und Kranken⸗ wärter begleiten Dr. Vulkowitsch. Die Scharpie, das Leinenzeug und die übrigen von den verschiedenen Hülsscomités für die tür⸗ kischen Verwundeten dargebotenen Gegenstände sind vor wenigen Tagen vom Kriegsministerium an Ort und Stelle befördert worden. Diese Gegenstände bilden im Ganzen den Inhalt von 25 Ballen, und sind zwischen den Armee⸗Corps von Widdin, Nisch, Novibazar und Scutari in Albanien vertheilt.

Die Hohe Pforte hat Se. Excellenz Ahmed Vefik Effendi zu ihrem Vertreter am wissenschaftlichen Kongreß ernannt, wel⸗ cher in St. Petersburg zusammentreten wird. Ahmed Vefik Effendi wird in allernächster Zeit nach St. Petersburg abgehen.

Vom Kriegschauplatze liegen folgende telegraphische Meldungen vor:

Konstantinopel, 10. August. (W. T. B.) Nach hier vorliegenden Nachrichten haben die Serben die Stadt Javor geräumt, Osman Pascha hat sein Hauptquartier in Saitschar aufgeschlagen.

St. Petersburg, 10. August. (W. T. B.) Nach einer Meldung des „Golos“ aus Zimony kämpft Horvatovics in dem Engpasse von Banja und erwartet dort, sich vorläufig hattengz, Verstärkungen von Tschernajeff. Dr. Sandwirth

at sich im Auftrage der serbischen Regierung nach Widdin begeben, um mit den Türken wegen beiderseitigen Schutzes des rothen Kreuzes zu unterhandeln und Abmachungen zu treffen, damit der Krieg nicht in einer so verwüstenden und Alles dem Feuer und den Flammen übergebenden Weise ge⸗ führt werde. Gladowa und Negotin sind von den Tür⸗ ken besetzt worden.

London, 10. August. (W. T. B.) Dem „Reuterschen Bureau“ wird aus Semlin vom heutigen Tage gemeldet: Hier eingegangene Nachrichten über den letzten Kampf zwischen den Türken und Serben melden im Widerspruch mit anderen Be⸗ richten über denselben, daß die serbische Centrumsarmee

von den übrigen

ernstliche

unter dem Oberbefehl Tscholak Antitschs sich von Sienitza zurückgezogen habe, und daß General Tschernajeff gegen die Türken in der Ricchtung auf Banlo Coma zu vorrücke. Die türkischen Truppen rücken nicht in die von den Serben ver lassenen Plätze ein, da sie fürchten, daß dieselben unter⸗ minirt sind.

Belgrad, 10. August. (H. T. B.) Alle serbische Armeen (auch die Drina⸗ und die Ibar⸗Armee) sammeln sich im Morava⸗Thale. 1

Belgrad, 10. August. (H. T. B.) Der serbische Obrist Despotoviec hat am Montag das Kommando über die b osnischen Insurgenten übernommen. Der Aufstand ist dadurch organifirt. Despotovic hat bereits 50 Dörfer ge⸗ nommen.

Belgrad, 10. August. (H. T. B.) Die Drina Armee hat den Rückmarsch nach Kragujewatz angetreten. Horvatovie hat in zweitägigen Kämpfen den Durchmarsch der Türken durch den Toplaer Engpaß verhindert.

168* türkischen Armee stehen gegenwärtig zwei Linien zur Vorrückung gegen das Morawathal offen: die Straße Knjazewatz⸗Banja⸗Alexinatz⸗Deligrad und die Straße Saitschar⸗Lukowa⸗Cuprija⸗Paracin. Die „R. Fr. Pr.“ sagt: Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Türken in beiden Rich⸗ tungen vordringen werden, und es kann überhaupt nur in Frage kommen, auf welcher Straße die türkische Hauptmacht vor⸗ rücken wird. Die Straße Knjazewatz⸗Banja⸗Alexinatz Deligrad ist um etwa zwanzig Kilometer kürzer, als die Linie Saitschar⸗Lukowa⸗ Cuprija, sie fuͤhrt jedoch durch mehrere Defileen, einen 717 Meter hohen Sattel, und es finden sich an ihr mehrere der Vertheid gung günstige Positionen, so bei Banja und in der Mehana⸗ Klissura, einem wildromantischen Engpaß. Sie hat ferner bei⸗ nahe gar keine Parallelkommunikationen, so daß die ganze Armee meist auf einer Straße marschiren müßte, und debouchirt endlich angesichts der Deligrader und Alexinatzer Befestigungen, welche wohl nicht nur gegen Süden, sondern auch gegen Osten angelegt worden sind, in das Morawathal. Die Straße Saitschar⸗ Lukowa⸗Cuprifa dagegen, obwohl länger, führt meist durch offenes Manöverirterrain; die höchsten Punkte derselben sind nur 511 und 554 Meter über dem Meeresspiegel, und ziehen zu beiden Seiten der Chaussee zahlreiche Parallelstraßen, welche einer Armee die Vorrückung in breiter Front und daher den raschen Aufmarsch in Gefechts⸗Formation gestatten. Engpässe wie auf der Banjaer Straße finden sich nirgends, doch ist auch diese Linie reich an guten Defensiv⸗Stellungen. Die Straße von Saitschar führt endlich nördlich der befestigten Stellungen von Alexinatz und Deligrad in das Morawathal, umdeht sie daher, und es trifft der Offensivstoß, welcher auf ihr geführt wird, direkt auf die Hauptposition des Gegners, auf den Brückenkopf von Cuprija, welcher den letzten serbischen Vertheidigungs⸗Ab⸗ schnitt, die Morawa, deckt.

Die Stimmung in Belgrad wird im nachfolgenden Schreiben der „Pol. Korr.“ vom 7. d. charakterisirt. Dasselbe lautet wie folgt:

„Das Schlimmste, was Serbien passiren konnte, ist leider eingetroffen. Das gut befestigte Timokthal ist der türkischen Armee preisgegeben worden. Die Positionen bei Knjazewatz, Vratarnica und Saitschar sind zu den festesten des Landes gemacht worden. Viele Militärs behaupteten, das Timokthal sei durch jene Positionen geradezu uneinnehmbar. Die Erfahrung hat diese Behauptungen desavouirt. Der unglückliche Kampf bei Knjazewatz und ein türkisches Umgehungsmanöver genügten, um die Armee der bisherigen Operationsbasis und des schönsten und fruchtbarsten Theiles des Landes verlustig zu machen. Wiewohl bis zur Stunde jeder offizielle Bericht über den Rückzug Lje⸗ schanins fehlt, so unterliegt es doch keinem Zweifel mehr, daß Saitschar, auf welches das größte Gewicht gelegt wurde, in tür⸗ kischen Händen ist. In der verflossenen Nacht räumte Ljeschanin diese Stadt, wodurch auch das reiche Negotin den Türken preis⸗ gegeben erscheint Wohl heißt es, Ljeschanin habe alle Geschütze, die Waffen⸗ wie Mundvorräthe gerettet, allein der dreifache Gürtel von Schanzen, welcher bei Saitschar angelegt war, scheint nicht zer⸗ stört worden zu sein. Dazu fehlte die Zeit. Der Entschluß zur Räu⸗ mung Saitschars ist im Hauptquartier erst am 5 gefaßt worden, um sowohl Tschernajeff als auch Ljeschanin eine eventuelle Einschließung und Gefangennahme zu ersparen wie die ent⸗ sprechende Argumentation dieses Entschlusses in militärischen Kreisen lautet. Mit der Armee zog auch die Bevölkerung des Timokthales ab. Die Bevölkerung besann sich nicht lange und flüchtete, wohin sie nur konnte; viele Familien retteten sich nach Rumänien. Mit den genannten Städten gingen vorläufig 80 Dörfer verloren, welche meist von Rumänen bewohnt sind.

Die serbische Armee steht nun in den Zugängen zum Morawarhal, in dem eine Reihe befestigter Positionen sich be⸗ findet. Man glaubt, die Vertheidigung dieses Thales, welches Belgrad und Kragujewatz schützt, werde mit großer Zähigkeit geführt werden. Denn mit dem Verluste von Deligrad und Cuprija wäre der Krieg thatsächlich zu Ende.

Durch den fünfwöchentlichen Krieg ist die serbische Armee bereits arg reduzirt. An Todten, Verwundeten, Er⸗ krankten, invalid Gewordenen und Vermißten büßte das Heer mindestens 12,000 Mann ein. Man gesteht offiziell diese Ziffer nicht ein, sicherlich ist sie eher zu niedrig als zu hoch gegrifften. In den Defilsen nach Banja und Alexinatz⸗Deligrad stehen jetzt 70,000 Mann, von welchen vier Divifkonen bei Gramada, Dervent und Knjazewatz arg gelitten haben und sich nicht in der besten Verfassung mehr be⸗ finden. An der Drina stehen 10,000 und am Ibar gleichfalls 10,000 Mann. In der letzten Nacht traf von Oberst Czolak Antics die Nachricht ein, daß zwölf Bataillone anatolischer Redifs aus Trapezunt im Anzuge und bereits oberhalb Mitro⸗ vitza seien. Nun wird Anties sich wahrscheinlich auch zurück⸗ iehen.

8 Auch der in Betreff der Drina⸗Armee gefaßte Beschluß ist als aufgegeben zu betrachten. Es verlautete nämlich mit Bestimmtheit, daß sobald Fürst Nikita mit Moukhtar Pascha fertig geworden sein wird, er über Serajewo die Vereinigung mit Alimpies suchen werde. Daß in Folge der Ereignisse am Timok auch Alimpics über die Drina werde zurückgehen müssen, scheint ebenfalls aSees

Man hat Grund anzunehmen, daß Osman Pascha nur scheinbar seine Truppen längs der Donau vorgeschoben habe. In Wirklichkeit soll er sein aus 38 Bataillonen, 3 Regimentern Kavallerie und 5 Batterien bestehendes Corps auf der Straße Knjazewatz⸗Banja in Bewegung gesetzt haben und dürfte er sich heute mit Achmed Ejub Pascha im Thale vor den Banjaer Defiléen vereinigen. Tschernajeff hat sich gestern mit Horvatovics vereinigt. Beide Armee⸗Corps, etwa 4 Divi⸗ sionen (aus je 3 Brigaden) stark, haben 18 Aufstellung so ge⸗ nommen, daß sowohl die Defiléen, wie die außerhalb derselben liegen⸗ den bedeutenden Anhöhen von ihnen vollständig beherrscht werden.