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Zuges rückte der für Se. Majestät den König von Sachsen be⸗ —— Train vor den Perron, und verließ, nachdem Se. Ma⸗ jestät mit Sr. Hoheit dem Herzog von Altenbur denselben nebst Gefolge bestiegen, unter dem ehrerbietigen Gru der zahlreichen Versammlung den Bahnhof.
— Der bereits erwähnte Toast, welchen der Landtags⸗ Marschall Graf Otto zu Stolberg⸗Wernigerode bei dem Seitens der Stände der Provinz Sachsen am 9. d. M. in Merseburg Sr. Majestät dem Kaiser und König veran⸗ stalteten Feste ausbrachte, lautete wörtlich, wie folgt:
Es sind gerade 11 Jahre verflossen, als es den Vertretern unserer Provinz vergönnt war, Ew. Majestät in diesen selben Räumen ihre Treue und Ergebenheit zu versichern. Und jetzt haben Ew. Majestät Merseburg wieder betreten, dieses Mal an der Seite Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin, der erhabenen Beförderin alles Guten und Edlen, dem allen Frauen voranleuchtenden Vorbild hingebungsvoller Pflichterfüllung; auch Zjetzt wieder haben Ew. Majestät gestattet, daß die Provinz Sachsen durch festliche Ver⸗ — von Bewohnern -2 Theile dem Allergnädigsten
iserpaar ihre Huldigung darbrin . Als Ew. veneag 8b Jahre 11865 in dieser Stadt verweilten, da waren es die alten Provinzialstände, welche die Ehre hatten, Allerhöchstsie ehrfurchtsvoll zu begrüßen, die Stände, welche in fünfzigjähriger Thätigkeit bemüht waren, ihre Pflichten gegen Staat und Provinz zu erfüllen. Die Zeiten haben sich geändert. An die Stelle der Stände ist eine Provinzialvertretung getreten, die auf andern Grundlagen aufgebaut, größere umfassendere Aufgaben zu lösen, die nicht allein die kommunalen Interessen der Provinz zu vertreten, sondern auch mitzuwirken hat an den Arbeiten, welche bisher den Organen des Staats allein oblagen.
Majestät! Die Zeit ist kurz, seitdem wir diese schwerwiegenden Pflichten übernommen haben, wir können noch nicht große greif⸗ bare Resultate aufweisen; aber die Versicherung können und wollen wir hier aussprechen, daß es unser ernsthaftes Be⸗ streben ist, zum Wohl des Königs, des Landes und der Provinz zu wirken. Allergnädigster Kaiser und König! Die Formen unserer Provinzialvertretung haben sich geändert, aber nicht ändern sollen und werden sich die tiefgewurzelten Gesinnungen der Treue und Ehrerbie⸗
tung gegen unsern geliebten König.. 88 8 Sehne Majestät der Kaiser und König, unser allergnädigster und vielgeliebter Herr lebe hoch! und nochmals hoch! und immer hoch!
— Seitens des III. Armee⸗Corps findet heute Abend vor dem Palais Sr. Majestät des Kaisers und Königs ein großer Zapfenstreich und morgen Vormittag auf dem Tempelhofer Felde östlich der Chaussee Parade vor Sr. Majestät dem Kaiser und Könige statt.
— Die in der heutigen Börsen⸗Beilage abgedruckte tabel⸗ larische Uebersicht der Wochenausweise der deutschen Zettelbanken ergiebt folgende summarischen Daten: Der Kassen⸗ bestand der 19 Institute der Tabelle betrug 728,979,000 ℳ, d. h. gegen die Vorwoche weniger 7,967,000 ℳ Der Wechselbestand von 682,113,000 ℳ zeigt der Vorwoche gegenüber eine Abnahme von 6,339,000 ℳ und die Lombardforderungen in Höhe von 91,038,000 ℳ zeigen eine solche von 4,223,000 ℳ; zugleich hat sich der Notenumlauf im Gesammtbetrage von 879,888,000 ℳ um 3,279,000 ℳ, es haben sich die täglich fälligen Verbind⸗ lichkeiten mit 240,947,000 ℳ um 17,882,000 ℳ, endlich die an eine Kündigungsfrist gebundenen Verbindlichkeiten im Betrage von 146,704,000 ℳ um 1,602,000 ℳ vermindert.
— Der Kaiserliche Botschafter in Wien, Graf zu Stol⸗ berg, ist von seinem Urlaube dorthin zurückgekehrt und hat die Geschäfte der Botschaft wieder übernommen.
— Der neuernannte Kaiserliche Geschäͤftsträger und General⸗ Konsul bei den Republiken von Central⸗Amerika, von Bergen, ist am 31. v. M. in Guatemala eingetroffen.
— Der General⸗Lieutenant z. D. von Bredow ist zur Beiwohnung der Manöver hier eingetroffen.
— Der Kaiserlich russische General⸗Lieutenant Baron Meller⸗Zakomelsky, General⸗Adjutant Sr. Majestät des Kaisers und Kommandant der 3. Garde⸗Infanterie⸗Division ist auf der Rückkehr von den Manövern in Oesterreich hier einge⸗ troffen.
— Die Amtslokalitäten des Kaiserlichen statistischen Amts befinden sich jetzt im neuen Dienstgebäude desselben, Lützower Ufer 7/8.
— S. M. Schiffe „Kaiser“ und „Deutschland“ sind am 13. d. Mts. in Plymouth eingetroffen. An Bord Alles wohl.
Sigmaringen, 10. September. (Schwäb. Merk.) Gestern ist der Landesausschuß hier zusammengetreten, um neben anderen laufenden Geschäften das mit dem 1. Januar k. J. in eigene Verwaltung zu übernehmende Straßenbauwesen zu regeln und die dazu nöthigen Instruktionen zu berathen. Mor⸗ gen wird der Minister des Innern, Graf Eulenburg,- hier erwartet.
Bayern. München, 12. September. Die Vermählung der Prinzessin Adelgunde, Schwester der Gemahlin des Her⸗ zogs Karl Theodor, mit dem Grafen Bardi, Bruder des Herzogs von Parma, findet am 3. Oktober d. J. auf Schloß Heu⸗ bach statt.
— Der Königliche Staats⸗Minister des Innern, v. Pfeufer, wird in der zweiten Hälfte dieses Monats eine achttägige In⸗ spektionsreise vornehmen und mit Beginn des Oktobers sein Portefeuille wieder übernehmen.
Sachsen. Dresden, 13. September. Se. Majestät der König traf heute Abend von Merseburg hier ein und begab sich ohne Aufenthalt hierselbst nach Pillnitz.
Württemberg. Friedrichshafen, 11. September. Das Geburtsfest der Königin ist heute durch Abhaltung eines russischen Gottesdienstes im Schlosse gefeiert worden, worauf Ihre Majestät die Glückwünsche der im Schlosse anwesenden Hofstaaten und Gäste entgegengenommen hat.
Baden. Karlsruhe, 11. September. (Schw. M.) Das Gesetz über die Ober⸗Rechnungskammer ist unter dem 8. September verkündigt. Die Ernennung des Präsidenten (der frühere Hauptstreitpunkt zwischen der 1. und 2. Kammer) ge⸗ schieht nach dem Gesetze durch den Großherzog auf Antrag des Staats⸗Ministeriums und unter Gegenzeichnung des Präsidenten des Staats Ministeriums. Ferner ist unter dem 9. September das Gesetz über einige Aenderungen der Wahlordnung ver⸗ kündigt.
Hessen. Darmstadt, 12. September. Der Finanz⸗ ausschuß der Zweiten Kammer hielt heute Nachmittag abermals eine Sitzung ab, um sich über die bezüglich des Haupt⸗ voranschlags der Staatsausgaben für die Finanzperiode 1876/78 gegenüber den Beschlüssen der Ersten Kammer noch bestehenden
Mainz, 8. September. Das „Mainz. J.“ schreibt: Wie
schon gemeldet, hat der römische Adel einen Aufruf an alle
Katholiken erlassen, um dieselben zur Theilnahme zu der im Mai —— 1 Feier des 50 jährigen Bis chofs⸗ Zubiläums des Heiligen Vaters einzuladen. In diesem Aufrufe wird der Gedanke angeregt, dem Heiligen Vater an jenem Tage Geschenke darzubringen, ferner ein kostbar ausge⸗ stattetes Album, in welchem die Namen der Geber eingetragen sind, dem Heiligen Vater zu Füßen zu legen und endlich Depu⸗ tationen aus allen Ländern an jenem Tage nach Rom zu senden.
Sachsen⸗Weimar⸗Eisenach. Weimar, 13. September. Der Großherzog ist heute von Wilhelmsthal mit der Prin⸗ zessin Elisabeth zum Gebrauch eines Seebades nach dem füdlichen Frankreich abgereis. Die Großherzogin hat sich nach ihren Besitzungen in Schlesien begeben.
Lippe⸗Detmold. Detmold, 13. September. Der
Fürst und die Fürstin haben sich am 11. d. Mts. auf einige Wochen nach Donnersbachwald in Steiermark begeben. 8
Oesterreich⸗Ungarn. Wien, 12. September. Aus Hermannstadt wird heute telegraphisch gemeldet: Das auf zwei Tage anberaumte Schlußmanöver hat heute in Gegenwart des Kaisers um 7 Uhr begonnen, dauerte 6 Stunden und ist vortrefflich ausgefallen. Morgen findet die Fortsetzung und der Schluß des Manövers statt.
8 2 Hiesige Blätter brachten letzter Tage die Nachricht, daß die Eröffnung der Reichsrathssession bis zum 15. Oktober ver⸗ schoben worden sei. Diese Meldung ist, wie dem „Prg. Abdbl. von hier geschrieben wird, bisher durch Nichts beglaubigt, zumal der Termin für den Zusammentritt der Reichsvertretung über⸗ haupt noch nicht endgültig festgestellt wurde, sondern erst in einem demnächst abzuhaltenden Ministerrathe fixirt werden wird. — Die für gestern signalisirte Ankunft des ungarischen Minister⸗ Präsidenten von Tisza und des Finanz⸗Ministers Szell hat sich verzögert, da Hr. von Tisza noch nicht aus Ostende zurückgekehrt war. Man glaubt nun, daß die beiden Minister am 15. d. M. hier eintreffen werden, an welchem Tage auch die Verhandlun⸗ gen mit den diesseitigen Ministern beginnen sollen.
— Ein Theil der bosnischen Flüchtlinge in Kroa⸗ tien hat sich bekanntlich mit einer Petition an den F3 M. Mollinary gewendet. Aus dem Wortlaute derselben theilt das „Fremdenbl.“ die nachfolgende Stelle mit:
„Wir kommen zu Ew. Exzellenz, auf den Knieen bittend, unser allerunterthänigstes Gesuch dem Allerhöchsten Throne Sr. K. und K ap. Majestät gnädigst zu unterbreiten, daß man sich unserer erbarme, daß man unseren Kindern, Weibern und Greisen ein Stück Brod und uns Erbarmungswürdigen Gelegenheit biete, daß wir doch etwas Geld verdienen können. An der Grenze ist für uns Tausende kein Ver⸗ dienst, dürfte es doch viele Häuser an der Grenze geben, in denen nicht einmal trockenes Brod vorhanden ist. Wir bitten nochmals Ew. Exzellenz, unsere Bitte vor dem Allerhöchsten Throne zu befür⸗ worten, daß man uns, wenn auch eine geringe Unterstützung, reiche, oder daß man uns die Sicherheit des Lebens garantire, um nach un⸗ serer armen Heimat zurückzukehren, sonst verfallen wir dem grimmi⸗ gen Hunger.“ “
Pest, 12. September. Se. Majestät wird, wie die „Pester Correspondenz“ meldet, am 14. September von Her⸗ mannstadt in Gödöllö eintreffen, am 16. d. M. in Pest eine Militärrevue abhalten und am selben Tage zwischen 12 und 3 Uhr die Ministen empfangen. Der Minister⸗Präsident Tisza ist heute hierher zurückgekehrt.
— Der „Hon“ erklärt auf Grund von Informationen aus kompetenter Quelle alle Nachrichten über bevorstehende Ver⸗ änderungen im Ministerium als tendenziöse Erfindungen.
Schweiz. Bern, 12. September. (Köln. Ztg.) Der italienische Minister⸗Präsident Depretis hat auf der Rückreise über Lugano nach Mailand auch die Gotthardbahn⸗ Zweiglinie Chiasso⸗Como besichtigt, welche demnächst in Betrieb gesetzt werden soll. Von Göschenen gaben ihm Bundes⸗ Präsident Welti und Bundes⸗Rath Anderwert das Geleit bis zum Gotthardhospiz. In dem Gotthardtunnel sind dieselben bis auf 2300 Meter vorgedrungen, theils mittels Lokomotive, theils zu Fuß. 1
St. Gallen. (N. Z. 3.) Der Regierungsrath hat vor Kurzem die Protestationen des Bischofs und des katholischen Kollegiums gegen die obligatorische Einführung eines neuen Lesebuches für die Ergänzungsschulen in Erwägung gezogen und auf Bericht und Antrag des Erziehungsdepartements be⸗ schlossen, es sei das genannte Lesebuch genehmigt und die vom Erziehungsrath beschlossene obligatorische Einführung desselben bestätigt.
8 Fenf. (N. Z. 3.) Der Große Rath hat am 9. in dritter und letzter Berathung das neue Gemeindegesetz an⸗ genommen. Am meisten Widerspruch fand die Bestimmung, betreffend die zeitweilige Nichtwählbarkeit der von der Regierung abgesetzten Maires, sowie die Vorschrift, wonach auch im Falle des Rekurses einer Gemeinde an den Großen Rath gegen einen Beschluß des Staatsrathes keine Suspension der staatsräthlichen Verfügung einzutreten hat.
Niederlande. Amsterdam, 13. September. (W. T. B.) Aus Veranlassung der Aufhebung des Jahrmarktes haben gestern und vorgestern Abend hier einige Unruhen stattge⸗ funden, doch gelang es den Kommunalsoldaten und der Polizei bald, die Ordnung wieder herzustellen. Zur Vermeidung wei⸗ terer Unruhen hat heute der Bürgermeister eine Proklamation erlassen, in welcher er zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf⸗ fordert und Zusammenrottungen von mehr als 5 Personen ver⸗ bietet.
Großbritannien und Irland. London, 12. Sep⸗ tember. Die Blätter fahren fort, die Brochüre und Rede Gladstone's zu besprechen, loben oder zu verwerfen; jetzt haben nun auch Lord Derby's Antworten an die beiden Deputationen ihren Stoff zur Besprechung geboten. Der „Standard“, „Mor⸗ ning Advertiser“ und „Morning Post“ beurtheilen die Ant⸗ worten Lord Derby's an die beiden Deputationen höchst bei⸗ fällig; ebenso ist die „Times“ sehr zufrieden mit der Er⸗ klärung Lord Derby's, daß die Bulgaren berechtigt seien, von England zu erwarten, daß es Schritte thue, um eine Wiederkehr der Excesse, deren Opfer sie jüngst gewesen, zu verhindern. Wenn die Regierung, bemerkt das Blatt, entschlossen auf wirk⸗ liche Garantien gegen die Wiederholung dieser Abscheulichkeiten dränge, würde sich Jedermann damit begnügen das Resultat ab⸗ zuwarten. Die Garantien müßten aber reell sein und mit un⸗ erschütterlicher Festigkeit gefordert werden. „Daily News“ nimmt ebenfalls dankend Notiz von dieser Erklärung; auch
Differenzpunkte schlüssig zu machen. 8 1
„Daily Telegraph“ unterzieht die ministeriellen Reden einer gün⸗ stigen Kritik. 8 “
— Don Carlos wurde heute früh hier erwartet. Gestern kam er in Liverpool an.
— Ueber — Resultat der Munizipalwahlen in Calcutta liegen jetzt die amtlichen Berichte vor. Es sind nur 3 Europäer gewählt worden, darunter 2 Staatsbeamte. Nur ein einziger Europäer erhielt über 20 Stimmen. Zwei Eurasier, 2 oder 3 Mohamedaner und ca. 40 Hindus waren erfolgreiche Kan⸗ didaten. Unter Letzteren befinden sich 13 Juristen, 3 Aerzte und 1 Redakteur. Nur wenige Europäer kandidirten oder be⸗ theiligten sich an der Abstimmung.
1 2 8 Depesche aus Viktoria vom 10. d. M. meldet: Dem Generalgouverneur von Canada, Lord Dufferin, ist eine Adresse der Bürger des Festlandes von british Columbia über⸗ reicht worden, welche Befriedigung über das Scheitern des von dem Kolonialamte befürworteten Abkommens zwischen der cana⸗ dischen Regierung und british Columbia ausdrückt.
Frankreich. Paris, 12. September. Das „Journ. off.“ meldet über die Reise des Marschall⸗Präsidenten, daß er heut früh von Po igny abgereist und in Champagnole angekommen sei, um den Manövern beizuwohnen. Abends ist er nach Be⸗ sangon gereist, wo der Maire, Senator Oudet, eine Ansprache hielt, auf welche der Marschall einige herzliche Worte erwiderte.
— Der Minister des Innern hat an die Präfekten ein Cirkular betreffs der zukünftigen Wahlen der Maires und Ad⸗ junkten in allen Kommunen, die nicht Hauptorte der Depar⸗ tements, Arrondissements und Kantons sind, erlassen, in welchem er die Gesetze vom 12. August und die Instruktionen vom 29. August d. J. näher erläutert.
— In Saintes hielt letzten Sonntag bei dem dortigen land⸗ wirthschaftlichen Fest Dufaure eine Rede zu Gunsten des neuen Militärgesetzes, welches bekanntlich von den Bonapartisten, die sich populär machen wollen, angegriffen wurde. Der Miniter⸗ Präsident äußerte nach der „Köln. Ztg.“: 1 8
„Ich habe gebört, daß man sich auf dem Lande über die Einbe⸗ rufung der Reservisten beklagt hat; ich hoffe, daß nach meiner Erklä⸗ rung Jedermann meiner Ansicht sein wird. Das Militärgesetz wurde angenommen und man bemühte sich, es so wirksam zu machen, wie nur irgend möglich, indem man sich zugleich bemühte, es so einzu⸗ richten, daß die landwirthschaftlichen Interessen nicht zu sehr leiden. Dieses Gesetz ist trefflich und den republikanischen Einrichtungen vollständig entsprechend; es ist gleich für Alle; es trifft den Armen wie den Reichen. Die Klagen rühren, es ist wahr, eher von den Familien als von den Reservisten selbst her Uebrigens kann die Einberufung der Reservisten weder als unnütz noch als gefährlich betrachtet werden. Niemand wird darüber beunruhigt sein, daß man hinter unserer tapferen Armee eine gute Reserve haben will. Es ist keine unnütze Maßregel, denn anstatt 400,000 Soldaten werden wir eine Million haben, und der Feind wird nicht mehr von cinem Einfall in unser Land träumen. Es ist ein unserer Jugend auferlegtes Opfer, aber die Nationen sind nur unter der Bedingung frei, daß sie Opfer bringen. Deshalb muß man dieselben ertragen, besonders wenn sie von den Staatsgewalten, welche das Volk selbst erwählt hat, für noth⸗ wendig erklärt worden sind.“
Italien. Rom, 12. September. (Ital. Korr.) Der Fürst von Montenegro hat dem Präsidenten der im Apollo⸗ theater abgehaltenen Versammlung geantwortet, daß er für die in der Versammlung ausgedrückten Sympathieversicherungen herzlich danke und daß er die in Aussicht gestellten Unterstützun⸗ gen mit Dank annehmen werde.
Türkei. Konstantinopel, 8. September. Mit der gestern in der Moschee Ejub vollzogenen Investitur oder Schwert⸗ umgürtung des Sultans sind die durch den Regierungswechsel veranlaßten Festlichkeiten abgeschlossen.
Der Direktor des Preßdepartements Blacque Bey und Yo⸗ vantscho Effendi haben sich der Mission, mit welcher sie in Bul⸗ garien betraut waren, entledigt und ihren Bericht in die Hände des Großveziers niedergelegt. Blacque Bey gesteht selbst zu, daß die Gräuel, deren Opfer diese unglückliche Provinz gewesen ist, unbeschreiblich sind und daß Alles, was darüber verlautete, hinter der Wirklichkeit zurückbleibt.
Die Mutter des Ex Sultans Murad hat die Ermächtigung verlangt, ihren Sohn nach Europa zu führen und einer Irren⸗ heilanstalt zur Behandlung übergeben zu lassen. Der Minister⸗ rath hat sich über diese Frage noch nicht geäußert.
— Das „Wien. Fremdenbl.“ schreibt unter dem 12.: Bis gestern Abends war die türkische Antwort auf die Ver⸗ mittlungspropositionen der Mächte noch immer nicht eingelaufen. Man darf in dieser Verspätung eher ein günstiges Symptom erblicken, als das Gegentheil. Die Antwort der Pforte wird übrigens, und das ist das Wesentliche in der Situation, ein über die Prinzipien geeinigtes Europa finden, und die Pforte kann sich darauf gefaßt machen, daß unannehmbare Bedingungen, die sie etwa auf⸗ stelltx, einmüthig abgelehnt werden, es ist daher auch ziemlich müßig, wenn die Journale die Projekte, die man bis jetzt der Pforte zugeschrieben hat, ein⸗ gehend diskutiren. Wenn die Pforte ihre Bedingungen formu⸗ lirt haben wird, wird an die Großmächte die Pflicht heran⸗ treten, sich der neu geschaffenen Situation gegenüber zu einigen. Ob diese Einigung vorläufig eine blos negative oder auch eine nach der positiven Seite hin sein wird, mit anderen Worten, ob man die Vorschläge der Pforte einfach ablehnen oder mit selbst⸗ formulirten Gegenvorschlägen hervortreten wird, das läßt sich allerdings heute noch nicht bestimmt sagen.
— Anknüpfend an den Reform⸗Hat des Sultans Abdul Hamid äußert sich die „Wiener Abendpost“ wie folgt: Und die Pforte wird sich bezüglich der letzteren Versuche eben so sehr vor Ueberstürzungen zu hüten haben, als es für sie im eigenen Interesse räthlich sein wird, in Bezug auf den äußeren Frieden die Vermittlungsvorschläge der Mächte möglichst entgegenkom⸗ mend aufzunehmen und möglichst rasch ihrer praktischen Verwirklichung zuzuführen. Die im Ganzen maßvolle Art und Weise, in welcher der Hat des Sul⸗ tans der Insurgenten in Bosnien und der Herzego⸗ wina, sowie der Haltung Serbiens gedenkt, berechtigt zu der Hoffnung, daß sich die Pforte in dieser Beziezung keinen Täu⸗ schungen hingiebt. Von einem Theile der hiesigen Presse wird hervorgehoben, daß Montenegros in dem Aktenstücke keine Er⸗ wähnung geschieht. Vielleicht liegt darin eine Andeutung, daß die Pforte auch in der Friedensfrage zwischen Serbien und Montenegro zu unterscheiden und die Kontroverse über die staatsrechtliche Stellung des Letzteren wenigstens thatsächlich fallen zu lassen gesonnen ist. 3
— Der „Pol. Korr.“ wird von hier geschrieben: „Der Sultan hat vom ersten Tage an eingesehen, daß die conditio sine qua non der Verbesserung der Finanzen die Wiederherstel⸗ lung des Friedens sei. Er will diesen so wünschenswerthen Frieden mit Festigkeit, aber er will ihn dauerhaft und ehrenhaft. Es ist unbekannt, bis zu welchem Punkte der Ministerrath in die Ansichten des Padischah eingegangen ist, als er die bereits
bekannten harten Friedensvorschläge formulirte. Wenn man
die jetzt in Bulgarien
wäre, zu glauben, daß die Hohe Pforte bei Auf⸗ stellung dieser strengen Bedingungen nach dem Grund⸗ satze vorgegangen sei, daß man viel verlangen müsse, um wenig zu erhalten, so müßte man annehmen, daß sie entweder zur Führung eines Krieges bis aufs Aeußerste — ohne Rücksicht auf die Zahl ihrer Feinde — entschlossen sei, oder daß sie auf eine mächtige auswärtige Stütze zählen zu dürfen glaubt. Glücklicherweise ist nichts von Allem, was bisher hierüber verlautete, unwiderruflich. Es ist zu hoffen, daß eigene Ueberlegung und freundschaftliche Rathschläge die Hohe Pforte bewegen werden, noch in letzter Stunde aus ihren Friedensbe⸗ dingungen alles das zu entfernen, was nicht für die Sicherheit der Türkei unentbehrlich ist. Uebrigens hat der Sultan noch nicht sein letztes Wort gesprochen, und es ist wahrscheinlich, daß er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen werde, seine Regie⸗ rung mit einem Akte der Großmuth zu inauguriren, welcher ge⸗ eignet ist, ihm die Sympathien Europas zuzuwenden.“
— Den heut eingetroffenen Nummern der „Turquie“ vom 6. bis 8. September entnehmen wir folgende Mittheilungen:
Das von der Pforte genehmigte Reglement für Errichtung einer Nationalgarde lautet im Auszuge:
Art. 1. Mit Ausnahme der Personen, welche das 18. Jahr noch nicht erreicht oder das 60. überschritten haben, sowie der Invaliden und Derer, die unfähig sind, die Waffen zu tragen, können alle Ein⸗ wohner, ohne Unterschied der Nationalität in die Nationalgarde ein⸗ geschrieben werden. Art. 2. Alle Nationalgardisten haben ihren Pflichten streng nachzukommen; in Verhinderur gsfällen haben sie ihrem Compagnie Offizier davon Anzeige zu machen; ebenso, wenn sie ganz austreten wollen, wobei sie die Gründe anzugeben haben. Der Offi⸗ zier übermittelt das Gesuch seinem Vorgesetzten, der den Bataillons⸗ Rath darüber anzugehen hat. Dieser ertheilt den Abschied mit Angabe der Gründe. Art. 3. Alle Nationalgardisten haben ihren Pflichten treu nach⸗ zukommen. Diese sind: Art. 4. Alle 14 Tage treten die Offiziere zum Bataillonsrath zusammen zur Berathung über die Bataillons⸗ angelegenheiten, die Abschiedsbewilligungen und zur Empfangnahme der Rapporte über Verbrechen oder Disziplinarvergehungen der Gar⸗ disten. Art. 5. Die Nationalgarde wird nach dem Muster des stehenden Heeres organisirt.
— Der Sultan hat Mahmud Djelal⸗Eddin, den Titular⸗ Minister des Handels, und Hamdi⸗Pascha, den Minister des Kaiserlichen Hauses, beauftragt, die Ausgaben des Palastes zu ordnen und ihm das von ihnen ausgearbeitete Budget zu über⸗ geben. Der Sultan will, wie die „Turquie“ erfährt, die Palast⸗ ausgaben bedeutend reduziren und wesentliche Ersparungen
einführen. (W. T. B.) Sicherem Vernehmen nach
nicht berechti
— 13. September. ist die Notifikation der Friedensbedingungen Seitens der Pforte angeblich auf Befehl des Sultans abermals vertagt. In diplomatischen Kreisen wird dies dahin gedeutet, daß die Pforte zur Nachgiebigkeit geneigt sei.
— (W. T. B.) Die in dem Berichte des Spezialabgesandten der Pforte, Blaque Bey, erwähnten Individuen, welche an der Spitze der Milizen Grausamkeiten in Bulgarien begangen haben, sind zur Aburtheilung und Bestrafung hier gefänglich eingeliefert worden. — Der englische Admiral Drummond hat sich nach der Besika⸗Bai zurückbegeben.
Rustschuck, 13. September. (W. T. B.) Bei Tuturkai ist das österreichische Postschiff, auf welchem sich 150 russische Passagiere befanden, von türkischen Baschibozuks beschossen wor⸗ den. Verletzt ist Niemand.
Wien, 13. September. (W. T. B.) Die „Politische Kor⸗ respondenz“ sagt in einer Redaktionsbemerkung zu einem Peters⸗ burger Briefe, daß nach ihren eigenen Informationen die Pforte ihre ursprünglichen Friedensbedingungen in einem kürzlich ab⸗ gehaltenen Ministerrathe in einigen Punkten nicht unwesentlich
mmodifizirt habe und die Mittheilung der modifizirten Friedens⸗ bedingungen an die Vertreter der Großmächte in Konstantinopel
für gestern, (den 12. d.) in Aussicht gestellt hätte. — Die Nachrichten, welche der „Pol. Korr.“ über die Zu⸗ stände in Bulgarien zugehen, lauten immer noch sehr traurig.
So heißt es in einem aus Rustschuk, 7. September, datirten
Schreiben dieser Korrespondenz:
„Der Krieg hat die Staatskassen derartig geleert, daß die Re⸗ gierung nicht in der Lage ist, den Bedürfnissen des Heeres gerecht zu werden. Die freiwilligen Gaben fielen so spärlich aus, daß sie wie ein Tropfen im Meer des großen Geldbedarfes verschwunden sind. Die Regierung hat nun zu einer Maßregel ihre Zuflucht genommen, doppelt hart empfunden wird. Der wurde angewiesen, eine Kriegssteuer zwangsweise einzu⸗ Assim Pascha entsendete zu diesem Zwecke den Mutessarif
Vali
treiben.
von Silistria, Ali Pascha, in die Provinz, um Geld zu machen. Der
genannte Kriegssteuer⸗Kommissär verfährt dabei nicht in der rücksichts⸗ vollsten Weise. Gegenüber den Betheuerungen der Bulgaren, daß sie zahlungsunfähig sind, wird das Beweisverfahren mit der Bastonnade so lange in Anwendung gebracht, bis das letzte Siück Pieh aus dem Stalle herbeigebracht ist. Im Dorfe Aflatare wurden 12 Bulgaren in dieser Weise zur Erfüllung ihrer patriotischen Pflichten verhalten. In den Dörfern Kara⸗Jamur, Babock, Brtschwa, Kalnoja und Kaj⸗ nardscha wurden 170 Bulgaren in gleicher Weise zur Herausgabe ihres letzten Besitzes gepreßt. Wohl hat Ali Pascha
auf diese Art innerhalb 14 Tagen 200,000 Piaster aufgetrieben; es
fragt sich aber, ob das die Art sei, die der Provinz so noththuende Pazifikation durchzuführen. Bei so bewandten Umständen kann es nicht befremden, daß die bulgarischen Einwohner in ihrer Verzweif⸗ lung ganz ernstlich daran denken, das Land zu verlassen, um theils nach Oeßerreich⸗Ungarn, theils nach Rußland auszuwandern. Es wird nachgerade nur zu evident, daß die besten Inteutionen der Pforte illusorisch bleiben müssen, insolange als die Verwaltung nur in rein türkischen Händen liegt.
Aus Tultscha wird gemeldet, daß die Starovjerzen in der Dobrudscha sich vom Geiste der Renitenz beseelt zeigen. Diese theils im vorigen, theils im Anfange dieses Jahrhunderts in die Türkei eingewanderten Raskolniks, hatten sich früher weitgehender Privilegien erfreut. Seit der Ernführung des Vilajetsystems wurden ihnen, die etwa 35,000 Seelen ausmachen, die Autonomie, die eigene Gerichtsbarkeit und andere Privilegien genommen. Es entstand unter ihnen eine allgemeine Mißstimmung. In der letzten Zeit litten diese Russen, die oft als Kosaken der Pforte Dienste leisteten, viel unter dem Drucke der Pehörden, wie unter den Ausschreitungen der Baschibozuks und Tscherkessen. In,Folge der dadurch unter ihnen entstandenen Gährung hat Assim Pascha zwei Tabors Redifs, die nach Zajecar bestimmt waren, nach der Dobrudscha entsendet.
Die Eisenbahn Varna⸗Rustschuk ist jetzt mit Transportirung großer Geschütze beschäftigt. Schumla, Varna, Silistria und Widdin werden mit schweren Geschützen armirt. Auch große Quantitäten von Munition werden nach den genannten Festungen verführt.“
— Reuf Pascha, der Generalgouverneur der Insel Kreta, hat an die Kaiserlich türkische Botschaft in Wien folgendes Telegramm gerichtet:
„Canea, 12. September. Ein Brief, datirt aus Canea, 14. August (alten Styles), und adreffirt an die „politische Correspondenz“ in Wien, verbreitet beunruhigende Gerüchte über die Lage der Ge⸗ müther zu Rethymo und entwirft ein rührendes Bild von dem Zu⸗ stande auf dieser Insel. Alle diese Gerüchte beruhen auf Erfindung. Auf der Insel herrscht die vollständigste Ruhe. Die Bewohner der⸗ selben sind mit der gegenwärtigen Regierung vollkommen zufrieden. Kein Vorfall, der geeignet wäre, nur die geringste Unruhe zu veran⸗ lassen, ist auf der Insel vorgefallen.“
Dagegen liegt heute wieder ein Bericht der „Pol. Korr.“ aus Canea, 3. September, vor, derselbe lautet:
„In Rethymo bat es blutige Scenen gegeben, in Argyropolis hat eine veritable Schlacht zwischen Christen und Mahomedanern stattgefunden, die Aufregang unter den Christen der Insel hat den höchsten Grad erreicht und doch kann in diesem Augen⸗ blicke noch immer von keinem revolutionären Zustande die Rede sein. Es ist dies wohl nur der griechischen Regierung zu danken, welche durch ihre Konsuln und Agenten auf Kreta, sowie durch die Rathschläge und Mahnungen, welche sie den in Athen weilenden kretensischen Notabeln ertheilt, Alles aufbietet, um die christliche Be⸗ völkerung Kretas vyn einem voreiligen, unter den jetzigen Verhält⸗ nissen gänzlich unräthlichen Schritte abzuhalten. Trotz aller von Athen kommenden Abmahnungen scheinen sie entschlossen, auch ohne Hülfe der übrigen Mitglieder des hellenischen Elementes, insbeson⸗ dere auch ohne den Beistand Griechenlands, welches den Zeitpunkt der Aktion für noch nicht gekommen erachtet, allein den Kampf um die Freiheit aufzunehmen.
Die Konfurrenz der Kalamitäten, gegen welche die Türkei gegen⸗ wärtig anzukäͤmpfen hat, hätte an und für sich die Kretenser zu die⸗ sem Entschlusse nicht gebracht, wenn nicht die Türkei durch die Ver⸗ weigerung der auf parlamentarischem Wege und mit aller erdenk⸗ lichen Mäßigung vorgebrachten Wünsche der Nationalversammlung ihren Ehrgeiz tödtlich beleidigt hätte. Diese Verweigerung hat eigentlich den casus belli schon gegeben, und nur durch die Versiche⸗ rung aus Athen, daß die Note, welche das Athener Kabinet durch seinen Gesandten Kunduriotis in Konstantinopel an die Pforte ge⸗ richtet hat, jedenfalls einen günstigen Erfolg haben werde, wurde der kretensischen Aktionspartei wieder auf einige Zeit Halt geboten.
Das Benehmen des außerordentlichen Kommissärs, welchen die
Pforte in der Person Kadri Beys hierher sendete, um die aufge⸗ regten Gemüther zu beschwichtigen, war auch nicht von der Art, um zur Geduld zu stimmen und der Pforte Sympathien zu erwerben. Derselbe ließ die hiesigen Notabeln antichambriren, stundenlang auf sich warten und sogar einmal in einem seiner Vorzimmer einsperren. Schließlich speiste er sie mit dürren Worten kurzweg ab. Welchen Eindruck sein Benehmen hier machte, geht aus der Demonstration hervor, welche ihm von den hiesigen Christen zugedacht war. Kadri Bey entging einem vorbereiteten Charivari nur durch seine flucht⸗ artige Abreise. Seit dieser Zeit gehen die Türken nur bewaffnet aus nund die ganze Insel sieht aus, als ob sie sich im Kriegszustande be⸗ ände. „Reuf Pascha zögert, strenge Maßregeln zu ergreifen, in der Be⸗ sorgniß, den Ausbruch der Revolution dadurch zu beschleunigen. Sein in der verflossenen Woche gegebenes Versprechen, eine außerordentliche General⸗Versammlung einzuberufen, läßt er trotzdem unerfüllt, weil er die unausbleiblichen neuen Proteste der Deputirten befürchtet. Hobart Pascha rührt sich mit seinen Schiffen von der kretensischen Küste nicht weg, unterhält sich mit Schießübungen und überwacht die Ausschiffung von Truppen, von welchen soeben vier Bataillone ein⸗ langten und noch andere aus Egygten erwartet werden.
— Vom türkisch⸗serbischen Kriegsschauplatze schreibt das „W. Fremdenbl.“ vom 13.: 3
Entscheidendes hat sich in den letzten Tagen in dem Mo⸗ rawathale nicht zugetragen. Die türkischen Truppen sind in stetem, aber langsamem Vorrücken auf dem linken Morawa⸗Ufer begriffen, doch sind sie bis jetzt weder zur Eröffnung des An⸗ griffs auf Deligrad bereit, noch haben sie Krusewatz erreicht; Djunis, wo nach Belgrader Berichten gestern gekämpft worden wäre, liegt an dem Punkte, wo die von Kru⸗ sewatz aus in östlicher Richtung führende Straße sich scharf gegen Norden auf Deligrad zu abbiegt. Wie bereits schon zu wieder⸗ holtenmalen angedeutet worden ist, werden die Operationen der Türken bei ihrem weiteren Vordringen ein stets langsameres Tempo annehmen müssen, und es scheint, daß man in der Ver⸗ zögerung der türkischen Aktion nunmehr auf serbischer Seite das letzte und wirksamste Vertheidigungsmittel erblickt. Tschernajeff soll, wie aus Belgrad berichtet wird, eine ungemeine Thätigkeit zur Verstärkung der serbischen Defensipkraft entfalten. Die Armee sei jetzt wieder reorganisirt und in den vortheilhaftesten Positionen. Auch seien seine Truppen besser mit der Kampfweise ihrer Gegner vertraut geworden und befänden sich in den vortheilhaftesten Positionen.
— Ueber die beiderseitigen bisherigen Erfolge auf dem türkisch⸗serbischen Kriegsschauplatze enthält die „W. N. Fr. Pr.“ unterm 12. folgenden Artikel: G
Mehr als zehn Wochen sind vergangen, seitdem an der Morawa⸗ Grenze bei Supovac mit dem ersten serbischen Kanonenschuß gegen das dortige türkische Wachthaus der Krieg eröffnet wurde. Ein Rückblick auf diesen ziemlich langen Zeitraum lehrt, daß während desselben sehr viel Blut vergossen und noch mehr Pulver verschossen wurde, daß aber beide kriegführende Theile wenig Ursache haben, mit ihren Leistungen und Erfolgen zufrieden zu sein. Die serbische Heeresleitung ist von der kühn geträumten Offensive zurück⸗ gekommen und gezwungen, einen nüchternen und aufreiben⸗ den Pesitionskrieg zur Vertheidigung der heimathlichen Scholle zu füͤhren. Die türkische Kriegsleitung hat dagegen den Be⸗ weis geliefert, daß sie genialer Ideen fähig, dagegen trotz des vor⸗ züglichen Menschenmaterials wegen des gänzlichen Mangels einer ent⸗ sprechenden Detailführung nicht im Stande ist, diese Ideen darchzu⸗ führen und aus einem nur darch die Tapferkeit und die Todes⸗ verachtung ihrer Soldaten erfochtenen taktischen Siege die strategischen Konsequenzen zu ziehen. Das, was sich bei Knjazewatz zugetragen hat, wiederholt sich nun vor Alexinatz. Die Türken haben auf beiden Schlachtfeldern, trotz der mangelhaften Führung, ihre serbischen Gegner geschlagen und deroutirt, sie waren jedoch unfähig, ihre Siege auszunützen und bauten im Gegentheile dem Feinde goldene Brücken. Dieses einst vielbeliebte Kriegsprinzip wurde von der modernen Strategie über Bord geworfen, zu deren Axiomen die rückhaltlose Verfolgung des geschlagenen Feindes gehört, um denselben wo möglich noch früͤher zu vernichten, bevor er im Stande ist, einen guͤnstigen Vertheidigungsabschnitt zu erreichen. Moderne Strategie scheint indeß für die Türken eine terra incognita zu sein. Die türkischen Generale werden durch das ewige Gerilliren mit den wilden Nomadenbanden Arabiens militärisch degenerirt. Die Schule Omer Paschas ist ausgestorben, die Wissenschaft wurde als Ballast und die Routine as allein maßgebend betrachtet. Die Türkei kann sich Glück wünschen, daß Tschernajeff eben nur Tscherna⸗ jeff ist und die serbischen Milizen keine deutschen Soldaten sind.
Wenn man die Resultate des zweimonatlichen Feldzuges gegen Serbien überblickt, so muß man mit Bedauern konstatiren, daß die⸗ selben sich in zwei Siegen der Türken zusammenfassen lassen, welche wohl einigen moralischen Effekt, aber nur wenig thatsächlichen Er⸗ folg gehabt haben. Zweimal wurde die serbische Macht gebrochen, und zweimal hat die türkische Heeresleitung sich die günstige Gelegenheit entgehen lassen, den Gegner vollständig zu vernichten. Immer wieder hat man den Serben Zeit gelassen, sich zu sammeln und zu reorganisiren. Heute steht die serbische Armee wieder schlag⸗ fertig da, und die Türken haben nach zehn Wochen außer der Stadt Saitschar höchstens wei Quadratmeilen serbischen Gebietes erobert. Die türkische Heeresleitung hat indeß keine Zeit zu verlieren, denn wenn der Kriez noch weitere zehn Wochen dauert, so ist der Winter im Lande, und die meist aus südlichen Gegenden rekrutirten Truppen werden kaum in der Lage sein, den Feldzug unter den besonders un⸗ günstigen klimatischen Verhältnissen, welche auf dem nördlichen “ der Balkan⸗Halbinsel herrschen, ohne große Verluste fort⸗ usetzen.
“ welche die Theorie des Krieges der Routine als Richtschnur vorziehen, haben dagegen keine Ursache, mit den bisherigen Resultaten des Krieges unzufrieden zu sein. Die Ereignisse haben in
erster Reihe beide Gegner gezwungen, ihre auf der endlosen Grenz⸗
linie verzettelten Streitkräfte in der entscheideaden Richtung, im Morawathal⸗, zurückzuziehen. Das halbe Dutzend „Armeen“, mit welchen die Serben ihr kriegerisches Dehüt inscenirten, ist allmälig verschwunden. Statt ihrer stehen auf den betreffenden Punkten nur noch kleinere Abtheilungen. Die Hauptmacht lagert im Morawathale. Weiters sind Befestigungen wieder zu Ehren gekom⸗ men, ohne deren Schutz die serbischen Milizen wohl kaum Stand ge⸗ halten hätten. Endlich hat sich auch in diesem Kriege die entschei⸗ dende Rolle, welche die Artillerie in den neueren Kriegen zu spielen berufen ist, manifestirt. Was schließlich die Führung anbelangt, so hat der bisherige Verlauf des Feldzuges bewiesen, daß die besten Ireen nutzlos sind, wenn man nicht die Macht und die Energie be⸗ sitzt, dieselben ganz durchzuführen. Sowohl die Umgehung nach Knja⸗ zewatz, als auch die Schlacht bei Alexinatz am 1. September waren halbe Maßregeln, daher ohne bleibenden Erfolg.
Belgrad, 10. September. (Pol. Corr.) Deligrad ist mit Allem für eine längere Belagerung ausgerüstet worden und nun werden Paratschin und Tschuprija mit neuen Schanzwerken versehen. Tschernajeff ist überzeugt, daß es Abdul Kerim Pascha nicht gelingen werde, im Morawa⸗Thale vorzudringen, wiewohl letzterer täglich beträchtliche Verstärkungen erhält. Seit der letzten Schlacht bei Alexinatz hat Abdul Kerim Verstärkungen von min⸗ destens 22,000 Mann über Adrianopel⸗Sofia erhalten.
„An der Drina scheint sich etwas Ernsteres vorzubereiten. Einerseits hat Ali Pascha in Beljina solche Verstärkungen er⸗ halten, daß er die Offensive ergreifen kann. Auch haben seine Streitkräfte, die man auf 16,000 Mann veranschlagt, sich der Drina gegenüber von Losnitza genähert.
Andererseits steht Alimpitz im Begriffe, Beljina zu um⸗ gehen und auf Tusla zu marschiren. Auch seine Armee ist durch 6 Bataillone Infanterie, 3 Escadronen und 3 Batterien verstärkt worden.
Die über den Tod des Mascha Vrbitza verbreiteten Ge⸗ rüchte sind unbegründet. Vrbitza ist in Deligrad mit der Bil⸗ dung seines Freiwilligens⸗Corps beschäftigt.
15,000 Chassepotgewehre sind gestern eingetroffen. Dem Mangel an guten Hinterladern wird bald vollständig abge⸗ holfen sein.
— Die Nachrichten vom türkisch⸗montenegrinischen Kriegsschauplatze lauten:
Ragusa, 11. September. (Aus türkischer Quelle.) Diesen Morgen wollten die Montenegriner einen Lebensmittel⸗Transport aufheben, den die Korianici nach Gragowatz schickten. Sie wurden jedoch von den Kaiserlichen Truppen zurückgeworfen, worauf sie sich nach Baniani flüchteten. Eine Kolonne Baschi⸗ bozuks und eine Compagnie Soldaten machten sich sogleich auf den Weg, um den Flüchtigen den Weg abzuschneiden.
— 12. September. Die „Pol. Corr.“ meldet: Das Gebiet von Popovopolje ist von den unter Führung des Mussich und Malentia operirenden Insurgentenschaaren wieder vollständig besetzt. Die Lage Moukhtar Paschas bei Zaslap soll in strate⸗ gischer Beziehung keine ganz unbedenkliche sein. Stärkere mon⸗ tenegrinische Abtheilungen sollen, wie man wissen will, die wich⸗ tigsten Positionen seiner Vormarsch⸗ und Rückzugslinie besetzt halten. Desgleichen wird aus Trebinje die Wegnahme eines für Moukhtar Pascha bestimmten, bedeutenden Munitionstransportes zwischen Gorica und der Arslanbrücke durch Peko Pavlovies gemeldet. Ueber letzteren Vorfall wird jedoch von authentischer Seite berichtet, daß die Insurgenten in der That gestern Vormittags eine türkische Proviantkolonne bei Korjenic überfielen, nach zweistündigem Gefechte jedoch zurück⸗ geschlagen wurden. Die Insurgenten steckten das von christ⸗ lichen Insurgenten bewohnte Dorf Ratkovich in Brand und nahmen die Einwohner und das Vieh nach Montenegro mit. Die Türken hatten in dieser Affaire einen Verlust von 7 Todten und Verwundeten. Derwisch Pascha trifft Vorbereitungen zu einem erneuten Offensivstoße gegen Montenegro mit einer Macht von 35,000 Mann.
Cettinje, 13. September. (W. T. B) Vorgestern hat Derwisch Pascha die Gebirgshöhe von Veljebrdo überschritten und sein Lager zwischen Spuz und Veljebrdo aufgeschlagen. In Folge des Anmarsches starker montenegrinischer Heeresabthei⸗ lungen, welcher von zwei Seiten her erfolgte, verließ die türkische Armee gestern vor Tagesanbruch die innegehabten Stellungen und zog sich auf Podgorizza und Spuz zurück. Derwisch Pascha steht jetzt mit der Hauptarmee bei Spuz, Reste bei Podgorizza. Seit gestern Abend regnet es unaufhör⸗ lich, in Folge dessen die Moraca stark angeschwollen ist.
Dänemark. Kopenhagen, 11. September. Der König wohnte mit seiner Gemahlin und dem griechischen Königspaare der Einweihung der Domkirche zu Viborg bei. Abends begaben sich die Allerhöchsten Herrschaften nach Grenaa (Ugelhusen), wo sie die Nacht an Bord der Schiffe „Schleswig“ und „Gylfe“ zubringen wollten.
— Wie die „Hamb. N.“ mittheilen, gedenkt das Ministerium in der bevorsteheaden Reichstagssession dem Reichstage nur das Finanzgesetz und einige kleinere Gesetze vorzulegen und andere Reformen, namentlich die Vertheidigungsfrage, auf gün⸗ stigere Zeiten hinauszuschieben.
Amerika Der „Times“ wird aus Philadelphia unterm 9. ds. telegraphirt: Telegramme von General Crook an General Sheridan, datirt Dienstag, melden, daß ersterer, nach⸗ dem er die Spur der Sioux⸗Indianer auf 200 Meilen südlich vom Vellarstonefluß verfolgt, dieselben in kleine Banden aufge⸗ löst fand. Da seine Mundvorräthe knapp wurden, war General Crook zum Aufgeben der Verfolgung gezwungen, und er bezog das Lager in Custer City. Da 12 Sioux nach Cheyenne kamen, um sich nach den Uebergabebedingungen zu erkundigen, glaubt General Sheridan, es werden zahlreiche Uebergaben folgen.
— Die Emma⸗Mme in Salt Lake City, bekannt durch den mit ihr in Verbindung stehenden Prozeß gegen den früheren amerikanischen Gesandten in London, General Schenck, ist am 8. d. verkauft worden, um die Ansprüche der Gläubiger zu be⸗ friedigen. Die erzielte Summe betrug 144,194 Pfd. Sterl. Käufer war Sir Trevor W. Park.
New⸗Yorker Kabeldepeschen vom 11. ds. melden ferner: Präsident Grant hat verkündet, daß der Vertrag zwischen den Ver. Staaten und den Sandwichsinseln nunmehr in Kraft ge⸗ treten ist. Infolge der jüngsten politischen Unruhen in Charle⸗ ston hat der Gouverneur von Süd⸗Carolina eine Proklamation erlassen, welche die Bewahrung des Friedens dringend befür⸗ wortet und die Ergreifung kräftiger Maßregeln zur Aufrecht⸗ erhaltung der Ordnung anbefiehlt.
Gewerbe und Handel. Wien, 13. September. (W. T. B.) Die „Politische Kor⸗ respondenz“ wendet sich gegen die Darstellungen einiger deutscher Zeitungen über die Finanzoperation der österreichischen Regierung mit der Gruppe Rothschild⸗Kreditanstalt, betreffend die kom⸗ missionsweise Begebung der Goldrenten⸗Anleihe und den der
Finanzverwaltung gewährten Vorschuß von 20 Millionen Fl. und er⸗
Djemil Pascha mit dem