1877 / 8 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Wed, 10 Jan 1877 18:00:01 GMT) scan diff

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Errungenschaft; man vergesse der hingebendsten und opfer⸗ vollsten Arbeit, deren unermüdeten Anstrengung es ge⸗ lungen, in einer kurzen Spanne Zeit ein wahres Riesen⸗ werk zu bewältigen, und so stehe eine hochbedeutsame und ruhmvollste Thatsache unseres nationalen Lebens in Gefahr, mit Schmähungen bedeckt statt reich an Ehrenzeichen in den Tempel der Geschichte einzutreten. Die folgende Erör⸗

terung weist nach, daß das deutsche Volk Ursache habe, sich

über das Geschehene zu freuen. Speziell in Betreff der Straf⸗ prozeßordnung heißt es: es erscheine kein Bedenken weniger

erechtfertigt, als dasjenige, es sei hier der individuellen Frei⸗ bes zu wenig Rechnung getragen. Viel eher wäre das

edenken gerechtfertigt, ob nicht der Staatsgewalt das Schwert der Gerechtigkeit zu stumpf geworden sei, um den Kampf mit der Verbrecherwelt erfolgreich durch⸗ zuführen. Ein Vergleich mit den Strafprozeßordnungen der meisten Staaten würde den Nachweis liefern, daß dieselben im Schutz der individuellen Freiheit hinter der deutschen Straf⸗ prozeßordnung, wie sie jetzt zum Gesetz geworden, zurückstehen. Mit Recht wird es als „nahezu peinlich“ erklärt, „am Abend eines langen, schweren Arbeitstages die Nation um dveera; bitten zu sollen, daß man so viel und so gut für sie gearbeitet habe, und zwar blos deshalb, weil die Frucht der Arbeit das Ergebniß des Entgegenkommens zwischen Regierung und Volksvertretung gewesen ist.“ Man wird aber auch die Schlußerwartung theilen

döürfen, daß, „wenn aus den schäumenden Wogen des Partei⸗

treibens der jett festgestellte Rechtsbau des neuen Deutschen R

Reeichs in aller?

ichtigkeit und Zweckmäßigkeit seiner Formen vor dem klargewordenen Auge des Volkes allmählich sich er⸗

heben wird, dasselbe mit dankbarer Erinnerung die Namen

derer festhalten wird, welche an seiner Vollendung beehg waren und nicht gewollt haben, daß dieser stolze Bau, so nahe am Ziel, in Trümmern dahinsinke“.

Sachsen⸗Meiningen⸗Hildburghausen. Meiningen, 7. Januar. (H. N.) In der gestrigen Sitzung des Landtags

bpeantwortete Staatsrath Heim eine auf den Nabau eines

Landtagsgebäudes bezügliche Interpellation Kälhin, daß die

Regierung die Nothwendigkeit eines solchen Baues vollständig

anerkenne, bis heute aber eine Vorlage dem Landtage nicht habe unterbreiten können, weil die bei dem Neubau des ab⸗ getrennten Stadttheils vollauf beschäftigten Herzoöglichen Bau⸗ beamten bis jetzt außer Stande gewesen, einen Bauplan für ein solches Standehaus auszuarbeiten, resp. ihn der Regierung vorzulegen.

Oesterreich⸗Ungarn. Wien, 8. Januar. Der „Presse“ zufolge wird im Laufe dieser Tage die endgültige

Bestimmung darüber erfolgen, wann die Wiederaufnahme

der Verhandlungen des Abgeordnetenhauses ein⸗ treten soll. Die Ferien des letzteren auf längere Zeit, als ur⸗ sprünglich in Aussicht genommen war, auszudehnen, ist von keiner Seite beabsichtigt. Ein an maßgebender Stelle gestellter Vorschlag geht dahin, die Sitzungen noch vor dem 20. d. zu eröffnen, doch dürften dieselben wahrscheinlich erst am 23. d. wieder beginnen.

Das ‚Fremdenbl.“ schreibt: Ueber den gestrigen un⸗ garischen Ministerrath, von welchem man in der Bank⸗ frage entscheidende Beschlüsse erwartete, erfährt man vorläufig nicht mehr, als daß er von Mittag an mit einstündiger Un⸗ terbrechung bis gegen 7 Uhr währte, somit volle sechs Stun⸗ den in Anspruch nahm, und daß im Verlaufe desselben unter

Anderem auch der umfangreiche Gesetzentwurf über öffentliche

Arbeiten durchberathen wurde. Dem gestrigen ungarischen Ministerrathe sollte heute ein zweiter folgen, angeb⸗ lich ausschließlich zu dem Zwecke, um dem Zustande der Stagnation, in der sich die Bankfrage gegenwärtig

befindet, ein Ende zu machen, und endlich die Mög⸗

lichkeit einer Verständigung anzubahnen. Mehrere un⸗

garische Organe begegnen sich in der Versicherung, daß in den

Falle, in

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maßgebenden Kreisen Ungarns an diese Möglichkeit geglaubt werde. Möglichkeit ist denn doch ein mattes Wort in einem welchem von unabweislicher Nothwendigkeit die Rede sein müßte.

Unmittelbar vor seiner Abreise nach Pest hat der Minister des Aeußern die bulgarischen Delegirten, D. Zankoff und Marco D. Balabanoff, empfangen und aus deren Händen das die Wünsche und Beschwerden der bulgarischen Bevölkerung enthaltende Memorandum entgegengenommen.

Prag, 8. Januar. Die Reichsrathswahlen in den czechischen Bezirken sind bereits ausgeschrieben. Am 9. Februar wählen die Landgemeinden, am 15. Februar die

Städte. Erledigt sind 33 Mandate.

Schweiz. Bern, 8. Januar. (N. Zürch. Ztg.) Der Regierung von Bern ist eine 17. Abschlagszahlung von 123,065 Fr. auf Rechnung des zu 4,340,000 Fr. festgestellten Bundesbeitrags für die auf dem Gebiete des Kan⸗ tons zur Ausführung gelangende Juragewässerkor⸗ rektion bewilligt, womit die bisherige Gesammtleistung des Bundes für dieses Unternehmen auf 3,160,364 Fr. ansteigt. Der Regierungsrath von St. Gallen hat an den Bundesrat das Ansuchen gestellt, er möchte auf den beförderlichen Abschluß eines internationalen Vertrages über die Fischerei im Untersee und im Oberrhein Bedacht nehmen. Ein höherer Offizier macht in den „Basl. Nachr.“ den Vorschlag, in der Skala der Offiziersbesoldungen eine Reduktion eintreten zu lassen. Man sei bei Erlaß der Militärorganisation in der Besoldungsskala etwas zu weit gegangen, namentlich was den Sold der jüngeren Offiziere anbelange. Dieses Thema sei jüngst in einem militärischen Kreise der Bundesstadt zur Sprache gebracht und dort bei⸗ fällig aufgenommen worden.

Großbritannien und Irland. London, 8. Januar. (A. A. C.) Die Königin wird, begleitet von der Prinzessin Beatrice und ihrem Hofstaate am Donnerstag Windsor ver⸗ lassen, um auf kurze Zeit nach Osborne auf der Insel Wight überzusiedeln. Wie die „Morning Post“ erfährt,

wird die Adresse in Erwiderung auf die Thronrede

anläßlich der Eröffnung des Parlaments im Oberhause von Lord Grey de Wilton beantragt und von dem Earl von Had⸗ dington unterstützt werden. Mr. Gerald Fitzgerald, der Vize⸗General⸗Controleur der indischen Regierung in Cal⸗

cutta, hat die Ernennung zum Vize⸗General⸗Controleur

der ägyptischen Staatseinkünfte angenommen. (E. C.) Der Herzog von Connaught wird als Nachfolger des Obersten Thesiger, Kommandanten der Besatzung

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in Sheredi Fheches Der „Thunderer“ hat auch seine zweite Probefahrt in befriedigender Weise bestanden.

Die „Times“ bringt einen Kückblick auf die bri⸗ tische Flotte im Jahre 1876. Danach sind im Jahre 1876 50 Schiffe im Bau angefangen, fortgesetzt oder vom Stapel gelassen worden. Von biesen jind 20 auf der See. Unter diesen sind 4 Panzerschiffe: „Inflexible“, „Téméraire“, „Nelson“ und „Northampton“. 2 Stahlschiffe „Iris“ und „Mercury“ nähern sich ihrer Vollendung, 6 andere sind be⸗ stellt. Das Torpedoschiff hat die bedeutendsten Fortschritte ge⸗ macht. Es ist Mr Whitehead geglückt, ein solches zu bauen, das unter dem Wasser mit einer Schnelligkeit von 20 engli⸗ schen Meilen per Stunde fahren wird und das zum Schutz der Kriegsschiffe übergespannte Drahtnetz durchbohren kann.

Aus Delhi wird unterm 6. ds. gemeldet:

„Gestern wurde hier eine große Revue abgehalten, bei welcher der Vize⸗König die Spitzen der Civil⸗ und Militärbehörden und eine Anzahl eingeborener Fürsten mit ihren Gefolgen zugegen waren. Sämmtliche in Delhi versammelten Truppen, 20,000 Mann an Zahl, betheiligten sich an der Repue, die ein glänzendes Schauspiel bildete und sehr erfolgreich verlief. Gegen Sonnenuntergang wurde eine Artilleriesalve abgefeuert. Damit endeten die Festlichkeiten. Um 10 Uhr reiste der Vize⸗König nach Putliala ab.“

Die „Times“ bringt ein drei Spalten langes Tele⸗ gramm aus Calcutta vom 7., welches viele über Standeserhöhungen und Gnadenertheilungen meldet:

10 % aller gerichtlich Bestraften sind amnestirt, vorausgesetzt, daß sie nicht gewohnheitsmäßige Verbrecher sind und daß sie sich im Gefängniß gut betragen haben. Alle Civilgefangene, deren Schulden nicht über 100 Rupien betragen, sind frei und der Staat bezahlt ihre Schulden. Mit Einschluß der Gefangenen auf den Andamanen kommen auf diese Weise fast 16,000 Gefangene frei. Auch die am 1859er Aufstand Betheiligten sind amnestirt, wenn sie heimkehren, sich den Behörden anzeigen und sich gut betragen. Mörder jedoch sind ausgeschlossen, auch Feroze Shah, der Sohn des vor⸗ maligen Königs von Delhi. Das Kollegium von Punjab ist zum Range einer Universität erhoben und zur Ertheilung von Graden berechtigt. Auf die Münzen wird „Victoria, Empress“, nicht mehr „Victoria, Queen“ geprägt werden. Gouverneur von Bengalen ist Mr. Eden geworden; Sir R. Temple wird nicht nach Calcutta zurückkehren.

Frankreich. Paris, 8. Januar. Der heutige Minister⸗ rath zeigte sich, der „Köln. Ztg.“ zufolge, der Vertagung der Kammern bis Ende Januar wenig günstig; das Budget für 1878 soll bereits am 15. Januar vorgelegt werden. Die „Republique Francaise“ erklärt heute Morgen, die konservative Partei sei im Irrthum, wenn sie von einer Spaltung unter den Republikanern spreche. Der Liberalismus sei einiger als je und man werde sehen, wie die drei Fraktionen der Linken fest zusammenhalten. Der „Köln. Ztg.“ schreibt man: „Die Schwierigkeiten in der nächsten Session werden für die Regierung Simons nicht gering werden, denn die Republikaner sind keineswegs mit seinem letzten Präfektenschub zufrieden und auch die Amnestiefrage soll wieder vorkommen. Der betreffende Antrag wird verworfen werden; da aber zu gleicher Zeit der Antrag auf ‚Einstellung der Verfolgungen gegen die Auf⸗ ständischen von 1871“ wieder vorgebracht werden wird, so steht ein Konflikt zwischen Jules Simon, der für diesen stimmte, und dem Senat, der ihn zur Zeit verwarf und so den Sturz Dufaure'’s herbeiführte, in nächster Aussicht.“

Der Unterrichts⸗Minister Waddington ver⸗ folgt, wie man der „Allg. Ztg.“ schreibt, mit ernstem Eifer das begonnene Werk der Fortbildung des öffentlichen Unter⸗ richts. Gleich nach dem Zusammentritt des französischen Par⸗ laments beabsichtigt der Unterrichts⸗Minister seinen großen Gesetzentwurf über die Universitäten vorzulegen. „Wahrscheinlich wird diesmal der Senat zuerst damit befaßt werden. „Schon einmal hat dieser ein Lieblingsprojekt Wad⸗ dingtons, das bekannte Gesetz über die Ertheilung akademischer Grade, welches als Korrektiv des Gesetzes über die Freiheit des höheren Unterrichts dienen sollte, verworfen. Um eine solche Ablehnung auch des neuen organischen Gesetzes über die Universitäten zu verhindern, soll dem Senat das letztere zuerst selbst auf die Gefahr einer weitgehenden Amendi⸗ rung hin vorgelegt werden. In der Kammer ist Hr. Wad⸗ dington der Mehrheit sicher; diese würde die Regierungs⸗ vorlage wiederherstellen, und dann der Senat, zu einem neuen Votum berufen, nicht mehr in der Lage sich befinden, ein Werk, an dem er zuerst mitgearbeitet hat, ohne Weiteres ab⸗ zulehnen.“

Der ,‚Siècle“ beschäftigt sich angelegentlich mit den Schwierigkeiten, die zwischen Frankreich und Deutschland bezüglich der titres d'acquit à caution entstehen können. „Die Haltung Deutschlands“, schreibt „Sieècle“, „muß be⸗ achtet werden, obgleich unsere Reglementirung der zeitweiligen Zulassungen weniger als früher der Entwicklung unseres Han⸗ delsverkehrs mit dem Auslande günstig ist, so sehen wir doch, daß sie trotz ihres wenig liberalen Charakters politische Schwie⸗ rigkeiten mit den Nachbarstaaten hervorrufen kann. Mit Recht wird eine Vereinfachung derselben angerathen, die für unsere

roduktion vortheilhafter wäre und die Ursachen des zwischen Frankreich und Deutschland drohenden Streites beseitigen würde. Es wäre dies die Aufhebung der Zollgebühren auf Eisen, wodurch die zeitweiligen Zulassungen für diesen Artikel von selbst fortfallen müßten. Das ist freilich nicht die Lö⸗ sung, die der obere Handelsrath wünscht, vielleicht aber wird die Kammer die Nothwendigkeit anerkennen, sie anzunehmen.“

Versailles, 9. Januar. (W. T. B.) Die Deputirten⸗ kammer, welche heute die neue Session eröffnete, hat zu⸗ nächst die Bildung ihres Bureaus vorgenommen. Zum Prä⸗ sidenten wurde Grévy mit 326 von 340 Stimmen wieder⸗ gewählt. Die früheren Vize⸗Präsidenten und Sekretäre wur⸗ den ebenfalls wiedergewählt. Im Senate wird die Kon⸗ stituirung des Bureaus morgen stattfinden.

Italien. Rom, 3. Januar. (Allg. Ztg.) Am 31. De⸗ zember hat im Quirinal der offizielle Neujahrsempfang des diplomatischen Corps mit dem Doyen Herrn v. Keudell an der Spitze stattgefunden. Am Neujahrsmorgen selbst über⸗ brachten die Ritter der Annunziata dann die Deputationen des Senats und der Abgeordnetenkammer, endlich die Minister und nach ihnen noch viele andere Deputationen dem König ihre Glückwünsche. Unter den von dem König zum Neujahrs⸗ feste verliehenen Ehrenbezeugungen wird die Ernennung des General⸗Adjutanten des Königs, Generals Medici, zum Marchese del Vascello vielfach besprochen. Im Jahre 1849 war Giacomo Medici Befehlshaber des „Vascello“ und vertheidigte mit wenigen Soldaten diesen Posten auf das hart⸗ näckigste gegen die belagernden Femsse. Es heißt gleich⸗ zeitig: das Municipium von Rom beabsichtige die Ruine des

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„Vascello“ anzukaufen und als Nationaldenkmal zu konserviren. Unter den Gesetzen, deren Berathung demnächst ange⸗ treten werden soll, befindet sich, wie man der „Köln. Ztg.“ schreibt, auch eine Vorlage des Justiz⸗Ministers mit außer⸗ ordentlichen Strafbestimmungen für Mißbrauch des geistlichen Amts. Uebrigens hat sich derselben Korre⸗ spondenz zufolge „der italienische Klerus im Ganzen kaum je duldsamer und liberaler gezeigt als jetzt, und die Kurie nie die Saiten minder straff gespannt. Ein interessantes Phänomen dieses von der letzteren Seite vielleicht nicht g. Berechnung aufrechterhaltenen Verhältnisses liegt in der großen Anzahl von Bischöfen, die sich um das Exequatur der Regierung beworben haben. Ihre Zahl beläuft sich bereits auf 18. Der Bischof von Brindisi ist sogar um die Bestäti⸗ gung bei seinem Königlichen Patronatsherrn eingekommen.“ Im Laufe der nächsten Tage werden im Vatikan mehrere amerikanische Bischöfe erwartet, und zwar unter Anderen Monsignor Roosevelt Bayley, der Erz⸗ bischof von Baltimore und Primas der katholischen Kirch in den Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika in Begleitung Monsignor Carrigans, des Bischofs von Newark, und Mon⸗ signor Mac⸗Closkey, des Bischofs von Louisville.

5. Januar. Der König ist nach San Rossore abgereist. Der Papst hat den Staats⸗Sekretär Simeoni zum Palastpräfekten und Verwalter der päpstlichen Besitzungen ernannt, welche Stellung er auch während der Vakanz des heiligen Stuhles beibehalten soll.

In Betreff der Arbeiten, mit welchen sich die Deputirtenkammer zunächst nach ihrem Wieder⸗ zusammentritte zu befassen haben wird, theilt „Il Diritto“ Folgendes mit: „Die Gesetze, welche nach der Wiedereröffnung der Session von der Kammer zu berathen sein werden, be⸗ treffen die wesentlichen Punkte des Programmes der liberalen Partei. Das Gesetz über die Reformen in der Ver⸗ waltung der Gemeinden und Provinzen wird diesen ein freieres und fruchtbareres Leben und eine sicherere und wirksamere Thätigkeit einflößen, und es wird uns in derselben Zeit den Weg zur Anwendung der Deen einer breiten Decentralisation ebnen, mit welcher der Staat sich der Attribute, für welche er nicht kompetent ist, entkleidend, das eigene Prestige und die eigene Autorität, anstatt zu ver⸗ mindern, wieder erheben wird; und das Gesetz über die Ver⸗ antwortlichkeit der öffentlicheen Beamten wird den öffent⸗ lichen Freiheiten neue Garantien sichern. Das Gesetz über die Mißbräuche der Kultusbeamten wird das Laienthum zur direkten Vertheidigung seiner religiösen Interessen berufend, das Terrain für die Durchführung der mit Art. 18 des Garantien⸗

esetzes versprochenen Reformen vorbereiten. Auch wird die b nicht zögern dürfen, sich mit den Steuerreformen zu befassen, welche so sehnsüchtig vom Lande verlangt werden, als Diejenigen, welche die Härte des Fiskus vermindern und viele Ungerechtigkeiten aufhören machen werden, ohne daß sich darum die Ordnung in den Finanzen verminderte, ja dieselben vielmehr zu einem wirklichen und sicheren Gleichgewichte führen. Neben diesen Reformen findet jene für die Unifikation der Strafgesetzgebung und für die Verbesserung der kommerziellen Gesetzgebung ihren Platz. Eine nicht mindere Sorgfalt wer⸗ den die ernsten ökonomischen Probleme, die Eisenbahnfrage, der maritime Postdienst und die Handelsverträge erheischen und so wird die Kammer würdig die Durchführung des Pro⸗ gramms von Stradella eingeleitet haben.“

Griechenland. Athen. Welchen Eindruck, schreibt das W. „Fremdenbl.“ vom 9. d. Mts., die neue tür⸗ kische Konstitution in Athen hervorgebracht hat, geht aus dem unmittelbar nach deren Bekanntwerden von der hellenischen Regierung gefaßten Beschlusse hervor, die Rüstungen von jetzt an um so energischer zu betreiben. Außer dem Gesetze, welches der Regterung gestattet, aus den etwa 200,000 Mann betragenden Altersklassen von 20 bis 30 Jahren Aushebungen bis zur Höhe von 120,000 Mann vorzunehmen, ist noch die Bewilligung des Kre⸗ dites von 10,000,000 Drachmen zu erwähnen, der be⸗ reits im Regierungsblatte veröffentlicht wurde. Darauf erhält die Regierung die Erlaubniß, ein Anlehen von 10,000,000 Frcs. zu kontrahiren, welches, nebenbei bemerkt, von den Banken so gut wie gedeckt ist. Zur Amortisirung und Sicherstellung dienen die Zolleinkünfte von Zante. Der Betrag dieser Anleihe soll zur Vervollständigung der Bewaff⸗ nung der Armee, zur Verstärkung der Flotte und Anschaffung von Torpedos verwendet werden. Gleichzeitig wird eine Tor⸗

pedoschule in Athen errichtet und werden Versuche im Pyräus

angestellt. Zur Verwaltung der zahlreichen Privatbeiträge zu patriotischen, militärischen Zwecken wurde eine Kommission aus angesehenen Bürgern eingesetzt, welche den Namen eines Comités der Nationalvertheidigung führt.

Türkei. Konstantinopel, 9. Januar. (W. T. B.) Telegramm der „Agence Havas“: Nachdem die Bevoll⸗ mächtigten der Mächte in der gestrigen Sitzung der Kon⸗ ferenz die Erklärung abgegeben hatten, daß sie auf ihren Vorschlägen bestehen müßten, da mehrere Punkte derselben bereits in dem Reformprojekte des Grafen Andrassy enthalten seien, hätten die Delegirten der Pforte zu verstehen ge⸗ eben, daß sie eine Diskussion auf der Basis des Projektes des Grafen Andrassy annehmen könnten.

(W. T. B.) Die rumänische Regierung hat der Pforte die Erklärung zugehen lassen, daß ihre Rechte durch den Artikel 7 der türkischen Verfassung verletzt seien und daß sie sich in Folge dessen von jeder Lehnspflicht der Pforte gegenüber für entbunden halte und der Letzteren die Verantwortung für die etwaigen Folgen überlassen müsse. Der „Phare du Bosphore“ führt aus, daß ein einziger Punkt des in der Präliminar⸗Konferenz aufgestellten Programmes genügen würde, um alle übrigen bisher aufgestellten Vor⸗ schläge zu ersetzen, denn diese liefen alle nur auf eine Grenz⸗ regultrung oder Schaffung einer privilegirten Provinz hinaus. Daher würde die Pforte, selbst wenn die Mächte einen Theil ihrer Vorschläge zurückziehen wollten, die anderen doch stets ablehnen.

10. Januar. (W. T. B.) Die nächste Sitzung der Konferenz ist auf Verlangen der türkischen Delegirten auf Donnerstag vertagt worden. Heute findet ein türkischer Ministerrath statt.

(W. T. B.)

(Telegramm der „Agence Havas“.) Wie verlautet, bereitet die Pforte für die Konferenz einen Entwurf auf Grund der Note des Grafen An⸗ drassy vor. 1 Wien, 9. Januar. (W. T. B.) Ueber die gestrige Konferenzsitzung enthält die „Politische Korrespon⸗ denz“ ein Telegramm vom heutigen Tage aus Konstans

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tinopel, welches, abweichend von anderen Mittheilungen, den Verlauf der Sitzung als „aller Voraussicht entgegen nicht un⸗ günstig“ bezeichnet und folgendes Nähere meldet: Der italie⸗ nische Bevollmächtigte, Corti, ging zunächst auf die in der vorletzten Sitzung der Konferenz vorgebrachten Argumente Savfets ein und hob hierbei das Unlogische in den türkischen Gegenvorschlägen hervor; auch erinnerte derselbe die türkischen Bevollmächtigten daran, daß sie die in dem Reformprojekt des Grafen Andrassy vorgeschlagene Kommission angenommen hätten, während sie die jetzt blos für ein Jahr projektirte internationale Kommission zurückwiesen. Der Marquis von Salisbury unterstützte nicht nur die Ausführungen des italienischen Bevollmächtigten, sondern wies auch nach, daß die Vorschläge der Konferenz die prinzipiellen Grundlagen des englischen Konferenzprogramms nicht überschritten. Dieser Uebergang auf ein beiden Theilen gemeinsames Gebiet, heißt es in dem Telegramm der „Politischen Korrespondenz“ weiter, veranlaßte eine konziliante Verhandlung, in welcher „mancher Punkt prinzipiell erledigt wurde“.

Die Spitzen der Armee Mouhktar Paschas sind, wie der „Pol. Korr.“ mitgetheilt wird, in Rustschuk eingetroffen, nach einem Marsche von 27 Tagen über Novibezar, Mitro⸗ vitza, Nisch, Sophia, Urhanié und Plewna. Eine Division des herzegowinischen Corps hält bereits Tirnova und seine rein bulgarischen Distrikte, also Grabova und Elena, besetzt. Der Rest soll in Tultscha und Umgegend aufgestellt werden, wo bereits andere starke Abtheilungen aus Nisch, Konstan⸗ tinopel und Asien angelangt sind. Die Stärke des dort kon⸗ zentrirten Operationsheeres soll auf 100,000 Mann gebracht und eine Reserve von 80,000 Mann in Schumla zusammen⸗ gezogen werden. Vor Juni dürfte man jedoch schwerlich die oben genannte Kombattantenzahl auch nur annähernd zu ver⸗ vollständigen in der Lage sein.

(W. Fremdenbl.) Unter dem Titel „Die Türkei und Europa“ veröffentlicht die „Turquie“ eine Art Apologie der bis jetzt von der Pforte der Konferenz gegenüber eingehaltenen Po⸗ litik. Das offiziöse Organ des jeweiligen Großveziers leitet aus den seitherigen Unterhandlungen vier Thatsachen ab. Einmal, daß die Konferenz in der offen ausgesprochenen Absicht zusammengetreten ist, das Loos der orientalischen Christen zu verbessern, ohne die Integrität und die Unabhängigkeit der Pforte zu beeinträch⸗ tigen. Dann, daß, allem diplomatischen Brauche zuwider, die Vertreter der Mächte in Konstantinopel sich ver⸗ sammelt haben, um, mit Außschluß der ottomanischen Vertreter selbst, über ein der Türkei aufzulegendes Programm zu verhandeln. Drit⸗ tens, daß die Pforte, nach reiflicher Prüfung der großmächtlichen Vorschläge, dieselben zum Theil unter gewissen Modifikationen an⸗ nehmbar, zum Theil, wenn sie, auf ihre nationale Würde und Un⸗ abhängigkeit nicht verzichten will, unannehmbar gefunden hat. Viertens, daß die Vertreter der Pforte, da sie nicht ermächtigt waren, das Maß der in das großmächtliche Programm einzuführenden Modifikationen zu bestimmen, die Sitzung aufgehoben haben, und daß die Konferenz auf Donnerstag, 4. d., vertagt wurde. Nun trete aber eine Kon⸗ ferenz unter zwei Umständen zusammen, entweder vor oder nach einem Kriege. Nehme man den ersten Fall an, so müsse man, um den Frieden zu erhalten, die Interessen der Gegner zu versöhnen und

eshalb die ottomanischen Vorschläge anzuhoͤren, zu diskutiren und mit den Vorschlägen Europas in Einklang zu bringen suchen. Im zweiten Falle handle es sich um die Bedingungen, welche dem Be⸗ 1e aufzulegen seien. Wo sei aber der Besiegte? Die Türkei abe den Aufstand bewältigt, der „von gewissen Nachbar⸗ mächten“ offen genährt worden, und sei in dem Kriege, den Serbien und Montenegro angefangen, auf der ganzen Linie Sieger geblieben. (Von einem Siege der Türken über Montenegro hat Europa bis jetzt noch keine Kunde gehabt, bemerkt das „Fremdenbl.“ hierzu.) Wie könne unter solchen Verhältnissen Europa dem ottomanischen Reiche demüthigende Bedingungen auferlegen wollen? Dies sei eine geradezu unbegreiflice und für die Erhaltung des europäischen Friedens höchst unpraktische Sache. Die Turquie“ schließt hierauf mit einigen, höchst selbstbewußten Worten, die mit der ganzen seitherigen moslemitischen Wirthschaft und den in der Bulgarei verübten Thaten in schreiendem Gegensatze stehen. Sie sagt nämlich: „Indem man die Geduld eines Volkes ermüdet, das, wie jedes andere Volk seine Empfindlichkeiten hat, indem man es durch Demüthigung aufreizt, die man ihm ohne Noth auferlegen will, geht Europa sicherlich einem jammervollen Blutvergießen entgegen. Das ottomanische Volk wird niemals mit eigener

and sein ihm vorgelegtes Todesurtheil unterschreiben. Es will eben; es fordert Niemanden heraus, es ist ungemein fried⸗ fertiger Natur, aber es wird niemals den Frieden um den Preis einer Abdikation erkaufen. Was wird Europa unter solchen Umständen thun? Wird es das ottomanische Reich seinem eigenen Schicksal überlassen, oder wird es ihm den Krieg erklären, um es zur Hinnahme seiner eigenen Zerstückelung zu zwingen? Eine nahe Zukunft wird uns sagen, welchen Beschluß die Mächte fassen werden.“ Wir sind nicht ohne Aussicht, daß entweder heute oder innerhalb der nächsten Tage die Mächte endlich eine Entscheidung treffen werden, welche der Pforte als Antwort auf ihre von der „Turquie“ formulirten Fragen dienen kann.

Aus Cettinje wird der „Pol. Korr.“ geschrieben:

Für den Fall eines russisch⸗türkischen Krieges wird Montenegro nicht unthätig bleiben. Dagegen dürfte Serbien kaum mehr eine Rolle zu spielen berufen sein. In militärischer Beziehung etwas zu leisten, ist es absolut unfähig, wie denn das ganze Land völlig er⸗ schöpft ist. Der aus Serbien hierher zurückgekehrte montenegrinische Senator Mascha Vrbitza entwirft eine sehr düstere Schilderung von der dortigen militärischen Situation. Das serbische Volk will auch von einem Kriege nichts mehr wissen. Die serbischen Milizen sind sich sowohl ihrer militärischen Unzulänglichkeit als auch der Ueberlegenheit der feindlichen Waffen bewußt. In Monte⸗

negro liegen die Dinge ganz anders. Sein Volksheer ist ungebrochen

und durch seine militärischen Erfolge sogar für neue Unternehmungen Feheüphtt. Fürst Nikolaus verfügt noch immer über ein Wehraufge⸗ bot von nahebei 18,000 Mann und ist bereit, bei sonstigem Vor⸗ handensein der nöthigen Mittel, den Kampf um so eher fort⸗ zusetzen, als er und seine Montenegriner ohne eine entsprechende Ent⸗ schädigung nicht geneigt sind, das Schwert in die Scheide zu stecken. Fürst Nikolaus fährt daher fort, trotz des Waffenstillstandes, zu rüsten. Fine Vergrößerung seiner Subsidien hat er auch erlangt, und so kann man daran gehen, neue Bataillone zu formiren. Sowohl in Montenegro als in der Herzegowina finden sich noch waffenfähige Elemente genug, die bis jetzt dem Kriegsschauplatze ferne geblieben sind. Auch sind noch über 1200 Montenegriner in Serbien, die demnächst nach Hause berufen werden sollen. Am 30. De⸗ zember feierte Cettinie den Namenstag des Thronfolgers Danilo. Bei dieser Gelegenheit wurde derselbe zum ersten Male mit „Fürstliche Hoheit“ angesprochen. Es ist dies eine Neuerung, welcher das montenegrinische Amtsblatt bereits die Weihe giebt, in⸗ dem es von „Seiner Hoheit dem Fürsten⸗Thronfolger“ spricht. Der russische General⸗Konsul Jonin hat es vermittelt, daß das St. Peters⸗ burger Slaven⸗Comits die Erhaltung der hier weilenden herzegowi⸗ nischen Flüchtlinge ganz übernehmen soll. Damit ist der Fürst⸗ lichen Regierung eine bedeutende Erleichterung verschafft. Die schweren türkischen Geschütze, welche in Medun den Montenegrinern in die Hände fielen, sind nach Ostrog gebracht worden, um eventuell gegen Niksic verwendet zu werden.

Schweden und Norwegen. Stoedsse 3. Januar. Der Generalstab ist, wie gemeldet, mit Ausarbeitung der „Uebergangsvorschläge“ zur neuen Heeresordnung

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zu Ende gekommen und zwar soll, gegen Abschreibung eines Zehntels der Grundsteuern, die Dienstzeit der Bewehrungs⸗

mannschaften von 30 Tagen auf 62 Tage verlängert werden.

Den „Hamb. Nachr.“ wird darüber weiter geschrieben:

Die Annahme, daß die Regierung in nächster Session mit der 1875 verworfenen Heeresordnungsvorlage nochmals ihr Heil ver⸗ suchen werde, gewinnt somit an Wahrscheinlichkeit, denn kaum werden wohl Vorschläge für ein Uebergangsstadium zur Diskussion gestellt werden können, wenn nicht zu gleicher Zeit ganz genau angegeben wird, wie man die Heeresorganisation definitiv zu gestalten gedenke. Es bedarf durchaus keiner prophetischen Be⸗ gabung, um schon heute das Schichsal dieser Vorlagen mit Bestimmt⸗ heit vorhersagen zu können, weder das Provisorium noch das Defini⸗ torium wird in den Augen unserer Bauernpartei Gnade finden und selbst im Schooße der Regierung werden in dieser Beziehung wohl kaum Zweifel obwalten. ie herrschende Partei huldigt eben zu ausgeprägt nihilistischen Tendenzen, als daß sie eine Landesvertheidi⸗ gung, in dem Umfange, wie sie von der Regierung angestrebt wird, je genehmigen sollte, mit Bewilligung einer 90tägigen Dienstzeit, selbst⸗ redend gegen Abschreibung der gesammten Grundsteuern, glaubt sie des Guten schon mehr denn zu viel gethan zu haben. Eine 62tägige Dienstzeit würde ohne Zweifel den Absichten dieser Partei entsprechen, keinesfalls aber wird sich dieselbe mit dem von der Regierung ge⸗ botenen Aequivalent, der Abschreibung von nur einem Zehntel der Grundsteuern, abspeisen lassen und Hat deshalb auch dieser Vor⸗ schlag keine Aussicht, den Beifall der Kammern zu finden. Dem Ministerium steht ein harter Kampf bevor, und die bevorstehende Session wird der interessanten Debatten mehr bieten, als je eine ihrer Vorgänger. Außer diesen brennenden Tagesfragen harren übrigens noch andere Vorlagen hervorragender Bedeutung ihrer Er⸗ ledigung. Auch soll der neue Zolltarif bis zur nächsten Session fertig ausgearbeitet sein und der Reichstag wird sich somit auch über Adopti⸗ rung des Freihandelssystems zu entschließen haben.

Dänemark. Kopenhagen, 6. Janugr. (H. N.) Der neue französische Gesandte am dänischen Hofe, Graf Napoleon Duchatel, welcher den Vicomte de Saint⸗Ferriol ablösen soll, ist hier angekommen. Der zur Aus⸗ arbeitung eines Gutachtens über den von der Regie⸗ rung vorgelegten Gesetzvorschlag, betreffend die Einfüh⸗ rung des metrischen Systems für Maß und Gewicht niedergesetzte Landsthingsausschuß hat jetzt sein Gut⸗ achten abgegeben. Die Mitglieder des Ausschusses, mit Aus⸗ nahme Andrä's, einigen sich darin, den Uebergang zum metri⸗ schen System für Maß und Gewicht zu befürworten. An der Spitze eines Artikels über die inneren Verhältnisse des Landes im Jahre 1876 heißt es im heutigen „Fädre⸗ landet“: „Die innere Geschichte des verflossenen Jahres ist sehr wenig inhaltsreich; sie läßt sich in wenigen Worten erzählen: ein ökonomischer Druck, verstärkt durch eine schlechte Ernte, und ein politischer Druck, verstärkt durch den Ausfall der am 25. April abgehaltenen Folkethingswahlen, haben auf alle Ver⸗ hältnisse schwer gelastet und während die Gesetzgebungsarbeit fast ganz stille stand, haben wir uns durch unsere öffentlichen Verhandlungen augenscheinlich einer Krise, welche noch unklar ist, aber welche auf jeden Fall gelöst werden muß, näher und näher herangearbeitet.“

9. Januar. (H. N.) Der Reichstag trat wieder zusammen. Krabbe, welcher selbst fungirte, wurde im Folke⸗ thing zum Präsidenten, J. A. Hansen und Högsbro zu Vize⸗ Präsidenten wiedergewählt.

Amerika. Dem „Bureau Reuter“ wird aus Washington

unterm 7. d. telegraphirt: Der Senat hat eine Reso⸗ lution votirt, in welcher die gehörige Autorität aufgefordert wird, die Citation bei Strafe in Anwendung zu bringen, um die Telegraphengesellschaft zu zwingen, die auf die Präsi dentenwahl Bezug habenden Depeschen dem Untersuchungs⸗ comité zu unterbreiten. New⸗Orleans, 9. Januar. (W. T. B.) Heute früh hat sich eine von dem demokratischen Gouverneur befehligte starke Abtheilung demokratischer Miliz des Justiz⸗ gebäudes bemächtigt, demokratische Richter eingesetzt und auch alle Polizeibüreaus in seine Gewalt gebracht. Der republikanische Gouverneur befindet sich nur noch im Besitze des Staatsgebäudes. Zu Blutvergießen ist es bei dem Vorgange nicht gekommen, die Lage ist aber eine sehr ge⸗ spannte und kritische.

Alsien. In der „Bombay Gazette“ vom 18. v. Mts. liest man:

Die Nachrichten von der Punjab⸗Grenze lauten nicht be⸗ ruhigend. Die Afridies bereiten große Verlegenheiten und erheischen eine beständige Ueberwachung Seitens unserer Truppen. Sie nahmen neulich eine Demonstration vor dem Fort Mackeson vor, feuerten aus großer Entfernung auf dasselbe, und sind stets bereit einen Ein⸗ fall zu machen und wegzuschleppen, was ihnen in die Hände kommt. Telegramme aus Lahore schildern die Lage der Angelegenheiten in Cabul (Afghanistan) und in Mittelasien als sehr unruhig. Es ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß daselbst Friede und Ordnung lange erhalten werden, und die Folgen davon dürften schließlich die indische Regierung zum Einschreiten zwingen.

Afrika. (A. A. C.) Aus der Transvaalschen Re⸗ publik liegen folgende Meldungen vor:

Ein Feldcornet, Namens Erasmus, mit einer Abtheilung Frei⸗ williger griff einen freundlichen Eingeborenenstamm an und tödtete etwa 40 Mitglieder desselben. Andere Freiwillige, die dieser Abthei⸗ lung nicht angehören, protestirten gegen dieses Verfahren. Sir Theophilus Shepstone, der britische Delegirte, befindet sich auf der Reise nach Transvaalien. Die Ernennung des Obersten Eustace zum diplomatischen Agenten bei Kreli hat bei den Eingeborenen⸗ Häuptlingen und Unterthanen Anklang gefunden, Kreli hat indeß die Erwägung der Grenzregulirungsfrage hinausgeschoben.

Aus dem Wolffschen Telegraphen⸗Bureau.

New⸗York, Mittwoch, 10. Januar. In Folge der Vor⸗ änge in New⸗Orleans hat gestern ein Ministerrath stattge⸗ unden, welcher dem Oberbefehlshaber der in New⸗Orleans stehenden Bundestruppen den Befehl zugehen ließ, die Ruhe und Ordnung in New⸗Orleans aufrecht zu erhalten, ohne einen der beiden Gouverneure anzuerkennen. Das Staatsgebäude, in welchem sich der republikanische Gouverneur und die Mit⸗ glieder der republikanischen Legislatur befinden, wird durch die Milizen der demokratischen Partei blockirt. Bis jetzt ist es noch nicht zu Blutvergießen gekommen.

Nr. 2 des „Amtsblatts der Deutschen Reichs⸗Post⸗ und Telegraphenverwaltung“ hat folgenden Inhalt: Ver⸗ fügungen: Vom 6. Januar 1877. Telegraphen⸗Uebereinkommen mit Dänemark. Vom 4. Januar 1877. Verschieben von in Drucksachen. Vom 3. Januar 1877. Abrechnung mit den Eisen⸗ bahn⸗Telegraphenstationen. Vom 5. Januar 1877. Beobachtung der längs Landstraßen angelegten Telegraphenlinien. Vom 6. Januar 1877. Weiterbeförderung von Telegrammen mittelst der Post als gewöhnliche, nicht eingeschriebene Briefe. Bescheidungent Vom 31. Dezember 1876. Ener des Portos für das über 10 Kilogramm hinausgehende Gewicht bei mehreren, zu einer Packet⸗ adresse gehörigen Dienstpacketen. 8

che statistische Amt veröffentlicht in dem jert berausgegebenen Heft IV. Abth. 1 der Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs für das Jahr 1876 u. A. eine Zusammen⸗ stellung des Werthes der Waarenausfuhr aus Deutsch⸗ land nach den Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren 1874/75 und 1875/76. Dieselbe ist den Aufstellungen der im Deutschen Reiche beglaubigten Konsulate der Vereinigten Staaten entnommen und da nach der Zollgesetzgebung der letzteren jeder Waarenversender den Werth der Sendung zu deklariren und die Richtigkeit des angegebenen Preises eidesstattlich zu versichern hat, auch die Werthsdeklaration mit dem Attest des nächst gelegenen amerikanischen Konfulats versehen sein muß, weil sonst die Waare bei ihrer Ankunft im amerikanischen Eingangshafen in der Regel nicht zollamtlich behandelt wird, so ist anzunehmen, daß die von den betreffenden Konsulaten aufgestellten Werthsangaben durchaus zuver⸗ lässig und vollständig sind. Danach betrug der deklarirte Werth der in der Jahresperiode 30. September 1875/76 aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten von Amerika erportirten Waaren (1 Dollar = 4,20 angenommen) 103,441,871 ℳ, wogegen in derselben Pe⸗ riode des Vorjahrs der Werth dieser Ausfuhr sich auf 126,734,450 belaufen hatte. Derselbe hat somit von 1874/75 auf 1875/76 um 23,292,579 oder 18,4 % abgenommen. In den einzelnen Konsu⸗ latsbezirken ergaben sich folgende Zahlen: 1875/76. 1874 75. 1) Barmen 23,806,335 27,025,610 2⸗ 2) Berlin. 9,921,093 14,461,482 3 Bremen. 2,746,115 3,417,175 4) Braunschweig 2,372,215 2,853,602 5) Chemnitz. 14,658,576 16,223,361 6) Dresden 3,174,259 4,362,666 7) Hamburg 8 9,832,259 11,681,628 8) Leipzig. 6,599,191 10,838,868 9) Stettin .. 1,633,846 1,614,770 10) Frankfurt a. M. 7,517,143 9,570,536 11) Mannheim 5,249,147 4,994,149 12) München. 2,061,272 2,033,527 13) Nürnberg. 6,328,720 7,852,622 14) Sonneberg 3,733,766 5,158,364 1,424,598 15) Stuttgart. 3,807,934 4,646,090 838,156 Zusammen. 103,441,871 126,734,450 23,292,579

Paris, 8. Januar. (Fr. Corr.) Die Bevölkerung der Stadt Marseille ist nach der so eben vollendeten Zählung seit dem Jahre 1872 nur um 5878, nämlich von 312,864 auf 318,742 Einwohner gestiegen.

Ueber die Eisenbahnen der Türkei entnimmt die „Magd. Ztg.“ einem Bericht, welcher kürzlich dem Verein der Pariser Civil⸗ Ingenieure abgestattet wurde, folgende Angaben: In der europäischen Türkei befinden sich gegenwärtig folgende Bahnlinien im Betriebe:

1) Konstantinopel⸗Adrianopel⸗Belowa . . . 670 Kilometer A 38383 1ö215231315311

4) Czernowoda⸗Kustendje .. .. 5) Hermanly (Tirnova)⸗Jamboli . 1ö1 6) Bourgas (Adrianopel)⸗Dedeagutsch⸗Kuleli . 7) Banjaluka⸗Novi⸗Robertin .

1875/76 Poder 3,219,275 4,540,389 671,060 481,387 1,564,785 1,188,407 1,849,369 4,239,677 19,076 2,053,393 254,998 27,745 1,523,902

A N

2 8 82 * 82 2 2 u 2 8 8 8

bb111“1““

Zusammen: 1533 Kilometer.

Unter normalen Verhältnissen erbringen die Linien zu 1, 3 und 6 eine Einnahme von ca. 7000 Fr. pro Kilometer und Jahr, dagegen die Linien zu 2 und 4 nur 4000 Fr., endlich die Linie zu 7 nur 500 Fr.

Kunst, Wissenschaft und Literatur.

Freiherr v. Richthofen, der bekannte Geolog, hat den ersten Band seines Werkes über China, zu dessen Fertigstellung

ihm die Königliche Akademie der Wissenschaften eine namhafte 1

Unterstützung gewährte, erscheinen lassen.

Der Archidiakonus Oskar Schwebel in Cüstrin, dessen Name durch geschichtliche Beiträge in hiesigen Zeitungen bekannt, hat vor Kurzem im Verlage von Alfr. Weile hierselbst „Kultur⸗ historische Bilder aus der alten Mark Brandenburg“ (373 S.) herausgegeben. Diese „Kulturhistorischen Bilder“ für einen weiteren Leserkreis bestimmt halten sich, obwohl streng na den Quellen bearbeitet, doch von kritischer und gelehrter Art fern und geben in anmuthiger und lebendiger Darstellung in 20, meis⸗ von einander unabhängigen Aufsätzen Skizzen aus der älteren Ge schichte der Mark Brandenburg, von den Wenden, den alten Be wohnern der Mark, und den Kämpfen der in dies Land eindringende Deutschen an bis auf das Reitergefecht, mit dem die Schlacht b. Fehrbellin am 18. Juni 1675 begonnen. Die meisten Schilderungen aus dem Leben der märkischen Vorzeit sind an weniger bekannte Ereig⸗ nisse angeschlossen und wie sie selbst die Liehe des Verfassers zu seiner Heimath allenthalben deutlich zeigen, wohl geeignet, auch in den Herzen Anderer die Anhänglichkeit an die Mark Brandenburg zu erwecken. Auch die äußere Ausstattung des Buches läßt nichts zu wünschen übrig.

London, 6. Januar. (E. C.) Am 9. Januar begiebt sich Lieutenant Kitchener mit vier Ingenieuren nach Palästina zur Schlußvermessung des westlichen Theiles, Nivellirung des Sees von Galilea und Revision der Landkarten. (Dagegen verbleibt Lieutenant Conder hier zur Ausarbeitung seiner Notizen.) Selbst der Jakobs⸗ brunnen soll, wo möglich, ausgegraben und wiederhergestellt werden Eine Summe von 50 ₰£ ist von einem Gelehrten, eine andere von 100 £ von einer Dame zu dem Zwecke geschenkt worden.

Paris, 7. Januar. Zum Unter⸗Direktor der schönen Künste ist Hr. de Beauplan, Chef des Theaterbureaus, ernannt worden. Durch Verfügung des Präsidenten ist an der Schule für die lebenden orientalischen Sprachen ein Lehrstuhl für die 1“ Sprache errichtet worden.

Gewerbe und Handel.

Leipzig, 6. Januar. (D. Allg. Z.) Das Hauptgeschäft in diese Messe hat sich um Mustersachen gedreht; Spremberg, Kottbus, Pei Forst, Crimmitschau und Werdau machten gut, aber immer nur zu sehr gedrückten Preisen; die billigsten Sachen wurden vor der Messe zu Hause, wo überhaupt das Absatzgeschäft seit Ostern ununterbroche gut gegangen ist, verkauft, indeß gleichfalls nur zu gedrückten Preisen. Glatte Tuche, schwarz mit Glanz und matt, waren ziemlich vie am Platze und wurden in großen Quantitäten zu ge⸗ drückten Preisen verkauft. Hauptkäufer waren Niederländer, viele Süddeutsche und Hamburger. Die diesmalige Messe wurde vorzugsweise von kleinern und mittelgroßen Tuchfabrikanten besucht, größere Etablissements waren nicht vertreten. Der Hauptabsatz be⸗ stand zu drei Theilen in Burkins und zu einem Theile in glattem schwarzem Tuch mit Glanz und matt. Matte schwarze Tuche führen sich auf allen Märkten immer besser und mehr ein und verdrängen die schwarzen Tuche mit Glanz, letztere besonders in billiger Waare von 16— 25 Gr. per Berliner Elle. Von 25—40 Gr. per Berliner Elle wurden in großen Quantitäten matte Tuche umgesetzt, unter diesen Preisen wurden Waaren nicht gehandelt. Die Zufuhren in Tuch und Burkins waren diesmal beträchtlicher, namentlich in Tuch, als in anderen Neujahrsmessen.

Nach den soeben veröffentlichten Ausweisen des Briti schen Handelsamtes für den Monat Dezember belief sich der Gesammtwerth der Ausfuhr auf 15,269,520 Pfd. Sterl. gegen 17,297,543 Pfd. Sterl. im Dezember 1875, d. i. eine Verminderung von ca. 12 %, während gegen Dezember 1874 eine Abnahme von 14 ½¼ % zu verzeichnen ist. Von den hauptsächlichsten Erportartikeln figurirt Baumwollengarn mit einer Zunahme von 13 ½ % in der Quantität, aber der Werth der Ausfuhr hat sich um 1 % verringert. Leinen⸗ und Jutegarn nahmen 21 % in der Quantität zu und 32 % im Werthe ab. Leinwand nahm 20 ½ % in der Quantität und 24 ½ % im Werthe ab. Wollen⸗ und Kammgarn, Wollen⸗ und Kammgarn⸗