Falls dies aus dem Bruttoeinkommen nach Abzug der Resti⸗ tution nicht resultirt, wird es in Form eines Steuerzuschlages aauf die Fabriken ausgeworfen werden. Es wird auf die Zuckerfabriken ein Minimum von 6 Millionen ausgeworfen werden. Die Steuer wird jährlich um 500,000 Fl. erhöht, bis sie den Betrag von 10 ⅜ Millionen erreicht. — Morgen wird die Enquete fortgesetzt. 8 Agram, 3. September. Der Landtag wurde heute durch den Präsidenten Krestic in üblicher Weise eröffnet. Die Abgeordneten sind zahlreich erschienen. Nach Anmeldung der Einläufe legte der Justiz⸗Chef Derencsin Gesetzentwürfe, den Wucher, die Eisenbahnhaftyflicht und die Hauskommunion betreffend, vor. Die nächste Sitzung ist unbestimmt.
8 Schweiz. Bern, 3. September. (N. Hürch Ztg.) In Folge
nächtlicher Ruhestörungen und Angriffe auf die Polizeigewalt in Lugano hat, wie gemeldet, die Regierung von Tessin für nöthig erachtet, die Stadt durch drei Compagnien besetzen zu lassen. Der Gemeinderath verwahrte sich gegen eine solche Ausnahme⸗ Maßnahme und erklärt sich Willens und in der Lage, für die Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung einzustehen. Zugleich erhob er Beschwerde beim Bundesrath. Nachdem seit dem Vorfalle, welcher das Truppenaufgebot veranlaßt hatte, weitere Unordnungen wirklich nicht vorgekommen sind, so hat der Bundesrath, ohne für einmal über die Angelegen⸗ heit ein definitives Urtheil zu äußern, der Regierung die Er⸗ wartung ausgesprochen, daß sie auf die Rückberufung der Besetzungstruppen mit thunlichster Beförderung Bedacht neh⸗ men möge.
Frankreich. Parts, 3. September. (Fr. C.) Die “ sfreundlichen Blätter veröffentlichen folgende Note: Ein Blatt (die „Assemblée nationale“) hat behauptet, daß der Marschall, einem Beschluß zufolge, welchem der Einfluß der Generale Chanzy und Berthaut nicht fremd gewesen sein soll, geneigt wäre, eine Politik zu befolgen, die ihn dem linken Centrum näher bringen würde. Dieses Blatt fügte hinzu, daß der Ministerrath sich mit dieser Frage angelegentlich beschäftigt und der Minister des Innern dann den Auftrag er⸗ halten hätte, ein Rundschreiben an die Präfekten aufzusetzen. Alle diese Angaben sind in ihren Einzelheiten sowohl, als was den Grund der Sache betrifft, ganz unbegründet.“ — Durch eine gestern erfolgte Wahl haben die Republikaner im Generalrath der Vogesen einen Sitz gewonnen. An Stelle des verstor⸗ benen Hrn. Thomas Labourot (konservativ) wurde der Groß⸗ industrielle Kiener mit 1079 gegen 530 Stimmen gewählt, welche auf den Militär⸗Intendanten Baret entfielen. — Der Marschall Mac Mahon verläßt heute Abend Schloß La⸗ foret, um sich nach dem Loire⸗Departement zu begeben. Er wird morgen in Boën den Manövern des 13. Corps bei⸗ wohnen und die Behörden und Notabilitäten des Departements empfangen.
— Wie der Telegraph meldete, ist der Nestor der fran⸗ zösischen Staatsmänner, Louis Adolphe Thiers, am 3. September in St. Germain en Laye, wohin er sich zu seiner Erholung auf einige Zeit zurückgezogen hatte, verstorben. Hr. Thiers hat seit einem halben Jahrhundert einen hervorragenden Antheil an allen bedeutenden Ereignissen seines Vaterlandes gehabt und in den Pausen seiner eigentlichen politischen Thätig⸗ keit durch sein schriftstellerisches Wirken nicht minderen Einfluß aauf die Nation geübt. Thiers ist am 16. April 1797 in Marseille geboren. Er kam, nachdem er in Aix Jurisprudenz studirt, 1820 nach Paris. Als Redacteur des „Con titutionnel“, später des „National“, begann er seine politische Laufbahn. Er unterzeichnete als einer der Ersten den Protest gegen die Königlichen Ordonnanzen vom 30. Juli 1830. Nach der Wahl Ludwig Philipps zum Könige wurde er im November 1830 Unter⸗Staatssekretär im Ministerium Laffitte. Nach Perriers Tode erhielt er 1832 das Ministerium des Innern, ging noch im selben Jahre in das des Handels über und trat 1833 mit dem ganzen Kabinet zurück. Nach wenigen Wochen war Thiers indeß schon wieder Minister des Innern, und zwar unter Mortier und später Broglie. 1836 trat er als Minister des Auswärtigen an die Spitze des Ministeriums, mußte aber nach einem halben Jahre dem Kabinet Molé weichen, dessen Sturz er im Jahre 1839 herbeiführte. Im nächsten Jahre leitete Thiers wieder die Regierung, bis
er am 24. Oktober 1842 in Folge der durch die orientalischen Angelegenheiten hervorgerufenen Koalition gegen Frankreich zum Rücktritt veranlaßt wurde. Da⸗
mit hört seine ministerielle Thätigkeit, von der kurzen Episode beim Ausbruche der Februarrevolution abgesehen, auf. Die nächsten Jahre widmete er seinem zweiten großen histori⸗ schen Werke — die Geschichte der französischen Revolution war 1823—25 erschienen — der Geschichte des Konsulats und des Kaiserreichs, die in 20 Bänden von 1845—62 heraus⸗ kam. Von 1848 bis zum ‚Staatsstreich“ war er in den gesetz⸗ gebenden Versammlungen ein leitendes Mitglied, seit 1850 Führer der Rechten. Nach dem Staatsstreich wurde er aus Frankreich verbannt, kehrte 1852 nach Paris zurück und lebte bis 1863 seinen literarischen Arbeiten. In diesem Jahre rief ihn ein Mandat der Stadt Paris wieder in die Kammer, in welcher er dem Kaiserthume bis zum Sturze desselben als Gegner gegenüber⸗ stand. 1870 sprach und stimmte Thiers gegen den Krieg mit Deutschland. Auf die Höhe seiner politischen Wirksamkeit gelangte er nach der Bewältigung Frankreichs durch die deutschen Waffen. Am 12. September 1870 übernahm er eine politische Mission an die Höfe der europäischen Mächte, um deren Inter⸗ vention zu veranlassen, von der er am 18. Oktober ohne Erfolg zu⸗ rückkehrte, um gleich darauf die ersten vergeblichen Friedensunter⸗ handlungen in Versailles zu führen. Bei den allgemeinen Wahlen zur Nationalversammlung wurde er mehr als zwanzig Mal gewählt. Am 17. Februar wurde er einstimmig zum Chef der exekutiven Gewalt erwählt. Er führte alsdann in Bhesa ners die Unterhandlungen üb
narien. Am 31. August wurden die Gewa
über die Friedensprälimi⸗ sten des Herrn Thiers verlängert und derselbe zum Präsidenten der Republik erwählt. Am 24. Mai 1873 nahm Fiers seine Entlassung. — 4. September. (W. T. B. Der Marschall⸗ Präsident hat an die Gemahlin des Herrn Thiers ein Beileids⸗Telegramm gesandt. Derselbe wohnte heute den militärischen Uebungen im Departement Loire bei und wird morgen früh hier zurückerwartet. Dem „Moniteur zufolge dürfte die Reise des Marschalls nach den südöstlichen Departements durch die Leichenfeierlichkeiten um einige Tage ver⸗ schoben werden. Die letzteren sollen auf Kosten des Staates stattfinden. Sämmtliche Zeitungen geben ihrem lebhaften Bedauern über das Ableben Thiers Ausdruck. b — 5. September. (W. T. B.) Gestern Nachmittag hat
Senatoren und vormaligen Deputirten unter dem Vorsitze Gambetta's stattgefunden, wobei beschlossen wurde, den Präsidenten der aufgelösten Deputirtenkammer, Grévy, nach Paris zu berufen und demselben die Führerschaft der republikanischen Partei anzutragen. In den republikanischen Kreisen verhehlt man sich nicht, daß der Tod Thiers von wesentlichem Einfluß auf den Ausfall der Wahlen sein könne.
Türkei. Konstantinopel, 4. September. (W. T. B.) Die Gouverneure der Provinzen sind durch ein Rund⸗ schreiben der Regierung aufgefordert worden, die Neu⸗ wahlen der Depurirten vorzunehmen. Die Eröffnung der Kammer soll am 1. November stattfinden, die Provinzen wählen 60 muselmännische und 47 christliche Abgeordnete.
— (W. T. B.) Der „Cölnischen Zeitung“ wird aus Konstantinopel folgende Analyse des Telegramms gemeldet, welches der türkische Botschafter in Wien, Aleko Pascha, vor seiner Abreise von Wien an den ersten Sekretär des Sultans gerichtet hat: Der Weisung der hohen Pforte gemäß verlasse ich am 30. August Wien. Jedoch habe ich nach den zahlreichen Demüthigungen, die mir durch den Groß⸗ vezier, Edhem Pascha, seitdem er zu dieser Machtstellung gelangt ist, angethan sind, um mich zu meiner Ent⸗ lassung zu zwingen, und nach den traurigen Erfahrungen der letzten Tage weder die Lust, noch den Muth, nach Kon⸗ stantinopel zurückzukehren. Die Leidenschaft, mit welcher man mich verfolgt hat, muß mich warnen und mir jedes Vertrauen rauben. Freilich, wenn ich die Gewißheit hätte, daß ich mich ehrlicher Weise mit Edhem Pascha auseinandersetzen könnte und daß die Richter, welche zwischen ihm und mir entschei⸗ den sollen, unparteiisch und muthig genug sein würden, um ihre Meinung offen zu sagen, ohne wegen der Folgen einer solchen Offenheit besorgt zu sein, so würde ich un⸗ verzüglich dorthin kommen. Leider aber fehlt hierfür jede Bürgschaft, und da der Großvezier das Unrecht, das er einem treuen Diener des Sultans anthut, gleich einem durch Osman Pascha oder Suleiman Pascha erfochtenen Siege an⸗ sieht, so zwingt man mich, auf eine Auseinandersetzung Ver⸗ zicht zu leisten und die türkische Nation zu beklagen, welche augenblicklich für die Ungerechtigkeit derjenigen Minister büßt, die früher ihr Geschick geleitet, indem sie ihr kostbares Blut auf den Schlachtfeldern vergießt und sich zu dem traurigen Loose verdammt sieht, daß sie nicht nur die Frucht ihrer furchtbaren Opfer nicht ernten kann, sondern auch in Zukunft ähnliches Elend befürchten muß. Das osmanische Reich wird sich nicht befestigen und eine glückliche Zukunft nicht schaffen können, selbst nicht nach dem Abschlusse eines glück⸗ lichen Friedens, so lange die türkischen Minister auf den alten Wegen weitergehen und dem unversöhnlichen Feinde stets von Neuem einen Vorwand zu seiner Angriffspolitik geben und die letztere durch Willkürakte rechtfertigen. Wie dem auch sei, ich werde gleich wie mein verstorbener Vater, welcher von vier Sultanen mit Wohlthaten überhäuft wurde, nicht aufhören, für das Wohl unseres erhabenen Herrschers zu beten und von der Vorsehung die Unterstützung zu erflehen für die Be⸗ mühungen Sr. Majestät, die Gerechtigkeit, die einzige Grund⸗ lage einer jeden Macht, zu begründen und zu befestigen.
Der russisch⸗türkische Krieeg.
St. Petersburg, 4. September. (W. T. B.) Die von auswärtigen Beitungen gebrachte Nachricht, daß der Kaiser von Rußland sich demnächst nach Frateschti
begeben werde, entbehrt, gutem Vernehmen nach, jeder Begründung. -
8 Wien, 3. September. Das „Fremdenbl.“ schreibt: „Nach den in hiesigen diplomatischen Kreisen eingetroffenen
kachrichten aus Belgrad unterliegt es keinem Zweifel mehr,
daß die serbische Regierung unter dem Eindrucke der neuesten türkischen Erfolge und in der richtigen Erkenntniß, daß Serbien im Falle einer Niederlage von keiner Seite eine Hülfe gegen die Türkei erwarten kann, den Eintritt in die Aktion verschoben hat. Wenn in verschiede⸗ nen Blättern gemeldet wird, das hiesige Kabinet habe neuer⸗ dings nach Belgrad ernste Mahnungen gerichtet, so glauben wir behaupten zu können, daß diese Mittheilung nicht richtig ist. Oesterreich⸗Ungarn hat im Verlauf der gegenwärtigen orientalischen Verwicklung wiederholt den beiden kämpfenden Mächten gegenüber seinen Standpunkt präzisirt, dürfte es je⸗ doch seiner Machtstellung nicht entsprechend gefunden haben, die neuesten militärischen Anstrengungen Serbiens zum Gegen⸗ stande einer direkten Vorstellung zu machen.“
ein 8 Europäischer Kriegsschauplatz. St. Petersburg, 4. September. (W. T. B.) Offi⸗ zielles Telegramm aus Gornji Studen vom 4. Sep⸗ tember, Morgens 7 Uhr 35 Minuten: Gestern haben die Ge⸗ nerale Imeretinsky und Ne cr Lowtscha erstürmt. Nähere Nachrichten liegen noch nicht vor. hers Rac 9 September. (W. T. B.) Telegramm der „Presse“ aus Sistowa von gestern: Gestern wurde bei Gornji Dabnik ein aus 80 Wagen bestehender türkischer Proviant⸗ transport von russischer Kavallerie genommen; letztere ge⸗ hörte zur Avantgarde der Truppen, die bei Corabia die Donau überschreiten. — Die rumänischen Truppen bilden den äußersten rechten Flügel der russischen Aufstellung und sind bestimmt, die Verbindung mit Plewna nach dem Westen und Südwesten hin abzuschneiden. — General⸗Major Depp vom Ingenieur⸗Corps) hat die befestigten Stellungen der Russen von Tirnowa bis zum Schipkapaß inspizirt und gemeldet, daß alle Punkte mit Proviant und Munition reich⸗ ich versehen und daß Tirnowa und der Schipkapaß vor einem direkten Angriffe der Türken gesichert seien.
Wien, 4. September. (W. T. B.) Nach einem Tele⸗ gramm der „Pol. Korr.“ aus Bukarest vom heutigen Tage ist der Beginn der Offensiv⸗Operationen der russischen Armee unter dem Großfürsten Nikolaus unmittelbar bevorstehend. Das Corps des Großfürsten⸗Thronfolgers bleibt gegen⸗ über Mehemed Ali Pascha in der Defensive am Lom. Die russische Armee erhält fortgesetzt große Verstärkungen. In Rumänien werden Vorbereitungen getroffen für das neue 20,000 Mann starke russische Corps, welches demnächst daselbst einrücken dl. Die rumänische Armee steht jetzt vollständig auf türkischem Gebiete. Das Kommando derselben übernimmt General Cernat unter dem Fürsten Karl von Rumänien.
— Aus Sistowa, 2 September, wird der W. „Presse“ gemeldet: Das Gros Suleiman Paschas hat sich aus dem
besetzt. Im Schipkapasse wurde eine Feld⸗Telegraphen⸗ station etablirt, welche mit Gornji Studen in Verbindung steht. 8
— Zur Situation auf dem bulgarischen Kriegs⸗ schauplatze erhält die „Polit. Korr.“ folgenden Bericht aus Galatz, 31. August: 1— .
„Der Kampf um den Schipkapaß ist noch nicht zu Ende. Die Unterbrechung scheint nur wegen physischer Erschöpfung beider Theile eingetreten zu sein. Bis jetzt haben die Russen ihre Stellungen be⸗ hauptet. Einzelheiten über die Kämpfe am 26 und 27. sind nur spärlich eingelaufen, aber das Wenige, was man erfährt, genügt, um ein anschauliches Bild des Angriffes zu geben. Nachdem die Türken nämlich eingesehen hatten, daß sie trotz aller Bravour und Zähigkeit über St. Nikolas und Marko⸗Kralski⸗Bair (d. h. vom Süden her) die Passage unmöglich forciren können, warfen dieselben starke Abthei⸗ I ngen in die Thäler oder vielmehr Schluchten der Koserica und machten sogar eine weitläufige Umgehungsbewegung, um über Panicarka und längs des Panicarka⸗Flüßchens vorzudringen und das Jantra⸗Thal hinter der russischen Aufstellung zu erreichen. Es gelang ihnen auch nach fürchterlichem Kampfe und mit schweren Verlusten bis zur Flanke der russischen Stellungen vorzudringen und sich auf einem stark bewaldeten Höhenzuge festzusetzen, von welchem sie die Russen bedrohten und beinahe umzingelten, so daß die letzteren gezwungen waren, Verstärkungen an sich zu ziehen. Letztere trafen noch recht⸗ zeitig ein. Es entspann sich ein mörderisches Waldgefecht, in welchem Kolben und Bajonnet die Hauptrolle spielten. Endlich gelang es den neu ankommenden russischen Schützen⸗Bataillonen, die Türken aus ihren Stellungen zu delogiren und aus Selendersvo über den Ozandag zurückzuwerfen. —
Während 28 linke türkische Flügel in diesem blutigen Kampfe unterlag, unterhielt das Centrum auf dem Hauptwege und den be⸗ waldeten Abhängen des Passes ein lebhaftes Tirailleurfeuer in stetem, aber langsamem Vorrücken gegen die von den Russen errichteten Schanzen. Die erste Schanze wurde sogar von den Türken mit Sturm genommen. Beim Angriffe gepen die zweite soll ein türkisches Bataillon, welches in Sturmkolonne anrückte, durch eine Minen⸗ explosion beinahe vernichtet worden sein. Nach diesem Zwischenfalle, welcher in vielen Berichten stark übertrieben wurde, schritten die Russen zum Angriffe vor; sie verließen ihre Verschanzungen und stürmten mit dem Bajonnete unter Deckung eines von ihren Batterien lebhaft unter⸗ haltenen Artilleriefeuers auf die decimirten türkischen Abtheilungen und warfen dieselben trotz ihrer aus dem Dorfe Schipka erhaltenen Ver⸗ stärkungen mehrere kausend Schritte zurück. Nach diesen Kämpfen scheint Suleiman Pascha den Frontangriff vorläufig sistirt zu haben. Nach den neuesten Meldungen gewinnt es aber das Aus⸗ sehen, daß er mit seinem rechten Flügel eine Umgehung der russischen Stellung über Prohacka und Stozevci vorzunehmen dachte, da starke Truppenbewegungen in dieser Richtung bemerkt wurden. Wenn es den Türken gelingen sollte, über den Trewna⸗Balkan ansehnliche Kräfte auf die nördlichen Abhänge des Balkans zu werfen, während sie den Angriff auf Schipka auf ihrem linken Flügel und im Cen⸗ trum wiederholen, ist es sehr möglich, daß die Russen den Paß aufzugeben gezwungen werden. 8 1 8
Es ist aber zu bezweifeln, daß die erwähnte Umgehungsoperation elingt, denn die russische Kriegsleitung hat starke Massen bis zum Balkan vorgeschoben und die unganagbarsten Pässe sind befestigt und stark besetzt worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Forcirung des Balkans bei Schipka für die Türken fortan beinahe unmöglich geworden. In den ersten Tagen hätten sie die schwachen russischen Abtheilungen überwältigen können, jetzt haben die Russen so viel Ver⸗ stärkungen von Gabrowa und Tirnowa erhalten, daß eine Wiederholung des Angriffs von Seite Suleiman Paschas ein tollkühnes Unternehmen wäre, welches nur zu unnützem Blutvergießen führen würde. Die Türken würden sogar durch eine gelungene Forcirung des Schipkapasses nichts erreichen, weil die Debouchirung ihrer Streitkräfte aus dem Passe unmöglich geworden ist; sie würden bei ihrem Vorrücken auf Ga⸗ rowa auf überlegene Streitkräfte stoßen, von welchen sie vereinzelt geschlagen werden könnten, ohne daß sie Zeit hätten, sich zu formiten. Die bloße Besetzung des Passes aber ist ein Vortheil, welcher in keinem Verhältnisse zu den großen Opfern an tüchtigen, kriegs⸗ erprobten und darum nicht zu ersetzenden Truppen stehht. In Nord⸗Bulgarien haben sich die Stellungen beider Theile in den letzten Tagen nicht wesentlich verändert. Die Armee des Eroßfürsten⸗Thronfolgers hat nach dem Treffen bei Aiaslar die vorgeschobene erste Division näher an sich gezogen und eine feste Stellung zwischen Popkiöi und Mechmedkiöi eingenommen. Diese Armee ist jedenfalls zu schwach, um zugleich die türkische Stellung vor Eski⸗Ojuma anzugreifen, die Rasgrader Armee zu beobachten und die Garnison Rustschucks in Schach zu halten. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, daß dieselbe sich streng auf die Defensive beschränken
(wird, bis der Angriff auf Plewna stattgefunden hat, um so mehr, da
Mehemed Ali Paschas Armee sogar nach einer Niederlage eine
so sichere Rückzugslinie auf Schumla bes itzt, daß ein russischer Angriff auf seine Stellung gar keinen Zweck haben könnte. Der wahre Schlüsselpunkt der wichtigsten
Kriegsoperationen bleibt immer Plewna. Dort steht die zur Offen⸗ sive fähigste Armee der Türkei und diese Armee müssen die Russen angreifen oder umgehen, um sich nach Westen Luft zu machen und ihre Operationslinie vor der bedrohenden Stellung Osman Paschas zu sichern. Gleichzeitig ist es aber die Armee Osman Paschas, die am ehesten angegriffen werden kann. Ihre Stellung stützt sich auf keine Festung (Widdin ist zu weit), auf kein Gebirge; dieselbe ist taktisch stark, aber strategisch sehr gefährdet sobald die russische Kriegsleitung genug Kräfte konzentrirt haben wird, um sie zu um⸗ gehen, ohne ihre Front zu schwächen. Dieser Moment ist nahe gerückt. Der augenscheinlichste Beweis, daß eine baldige Aktion auf diesem Theile des Kriegsschauplatzes bevor⸗ steht, ist die Bewegung der rumänischen Armee. Die Wechsel⸗ fälle des Krieges haben es dazu gebracht, daß in diesem Ausenbiche das vom Fürsten Carl befehligte rumänische Corps, welches bei Co⸗ rabia über die Donau gegangen ist, ein Faktor in den nächsten Kriegs⸗ ereignissen werden kann. Nach dem Uebergange bei Corabia haben sich 2 Divisionen der rumänischen Armee einerseits von Magura aus durch eine morastige Ebene über Gigen⸗Mahala und von dort auf dem Plateau zwischen Isker und Wid bewegt und ihre Vortruppen bis Trstenik (12 Kilometer von Plewna) vorgeschoben. Andererseits hat der linke Flügel Giulenci besetzt und rückt den Wid⸗Fluß ent⸗ lang bis Murtkevica, wo derselbe mit der 4. Division, welche von Nikopolis aus auf Mecka und Riben gerückt ist, Fühlung gewin⸗ nen wird. Die letztere Dioision hat ihre Vortruppen bis Ka⸗ cemunica vorgeschoben. Die Aufgabe des rumänissichen Corps wird vor der Hand sein, den Höhenzug, der nordwestlich von Plewna sich zwischen Isker und Wid zieht, zu besetzen und zu befestigen. Der wirkliche Angriff auf die türkische Stellung wird von Südosten ge⸗ macht werden. Man wird bei Lascar die türkische Linie Plewna⸗ Lowtscha zu durchbrechen versuchen und auf Telis und Gornji⸗Dabnik vorrücken. Erst wenn dieses gelingt, kann die rumänische Armee nach Südwesten vorrücken und den Ring um Plewna versollftändegen. Zu dieser Operation gehören aber noch mehr Kräfte als die, über welche die russische Kriegsleistung um Plewna vorläufig verfügen kann. Darum glaubt man, daß noch einige Tage verstreichen wer⸗ den, binnen welcher Zeit ein 35,000 Mann starkes Corps sich zwi⸗ schen Sistowo und Karadak aufstellt, um eine Vorrückung Osman Paschas auf die kußsische Kommunikationslinie vereiteln zu “ Auf der Eisenbahn dauern die Truppendurchzüge ohne Unter⸗ Garde⸗Kavallerie und Ergänzungstruppen der Fe fanterie sind vorgestern und gestern passirt. Man schã zt die sei dem 1. August angekommenen Verstärkungen auf 90,000 Mann. In Jassy und Paschkani stehen starke Abtheilungen, welche auf Transpor mittel warten.“ — 88 1 — Der „Times“⸗Korrespondent im russischen Feld⸗ lager schreibt unterm 26. August aus Poredim: 6 „Der Gesundheitszustand der Truppen ist gut und für die Pferde
brechung fort.
eine Berathung der hier anwesenden republikanischen
Schipkapasse in die Tundscha⸗Ebene zurückgezogen. Die türkischen Positionen sind jetzt zumeist nur von Irregulären
9- Obers
ist Fourage im Ueberfluß vorhanden. D t eines jeden Regi⸗
ments kauft das Schlachtvieh für seine Leute und die Fourage für die Pferde. Es ist kein Profoß und keine Feldpolizei da, ja nicht einmal Schildwachen in den Ortschaften, um welche das Lager auf⸗ geschlagen ist, und doch laufen Hühner und anderes Ge⸗ flügel unberührt umher. Großfürst Nikolaus hat einen Generalbefehl herausgegeben, der jede Plünderung verbietet und anordnet, daß Uebertreter desselben vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen werden sollen. So streng wird diese Weisung befolgt, daß sich selbst General Zatoff durch 31 Tage ohne Hühner für seine Tafel be⸗ helfen mußte, da sich die Bulgaren von Poredim weigerten, ihm für seine Privatküche Geflügel zu verkaufen. Diese Christen lassen keinen der Vortheile, welche ihnen ihre Stellung bietet, unbenützt und for⸗ dern hier im Herzen von Bulgarien mehr für Gerste und Heu, als die Händler in Bukarest, bekanntlich der theuersten Stadt der Welt. Die Russen erdulden diese schändlichen Uebervortheilungen mit einer Geduld, welche geradezu wunderbar genannt werden muß.“
Belgrad, 4. September. (W. T. B.) Der „Polit. Korr.“ wird von hier gemeldet: Unter dem Vorsitz des Fürsten wird über den künftigen Feldzugsplan fort⸗ während Kriegsrath gehalten. Horvatovics soll gegen Widdin, Leschjanin gegen Risch und Nicolic gegen Sjenica Aufstellung nehmen, während das Drina⸗Corps eine Defensiv⸗ stellung einnehmen soll. Pionier⸗Abtheilungen sind bereits nach der Grenze abmarschirt. Sämmtliche Offiziere müssen bis zum 13. d. bei ihren Truppen⸗Abtheilungen eingerückt sein. In der Kriegsfrage ist das Ministerium solidarisch einig.
8 Asiatischer Kriegsschauplatz. St. Petersburg, 4. September. (W. T. B.) Offiziell. Aus Karail wird unter dem 1. d. vom Kaukasus gemeldet: Am 28. v. M. besetzte die Avantgarde des Generals Alcha⸗ soff die Position bei den Quellen des Flusses Woltscha, etwa 800 Faden von den türkischen Befestigungen vor Suchum Kaleh entfernt. Die Türken eröffneten gegen unsere Kolonne ein Geschützfeuer von ihren Batterien und den Monitors aus. Der Verlust auf unserer Seite betrug 4 Verwundete. — Im Terekgebiete wurden am 30. v. M. die Aule Ersenoi und Sandok durch die Truppen des Generals Smekaloff und des Obersten Batianoff zerstört und zwei Abtheilungen Aufstän⸗ discher zerstreut.
St. Petersburg, 4. September. (W. T. B.) Die russischen Truppen haben am 1. d. M. Suchum Kaleh ge⸗ nommen; die Türken haben sich auf die Schiffe zurückgezogen; die abchasische Küste ist frei von türkischen Truppen, der abchasische Aufstand ist durch General Alchasoff bewältigt.
— Aus Tiflis, 2. September, meldet die W. „Presse“: Die Russen haben ihr Lager von Kürükdarja nach Karajol, eine Meile weiter gegen die feindlichen Linien, verlegt. Die russische Kavallerie steht in Barjaktar. Das Gebirge Uetsch Tepe ist von den Russen besetzt und stark befestigt.
— Der von dem russischen Dampfer „Konstantin“ vor kurzer Zeit bei Suchum⸗Kaleh in die Luft gesprengte „Aseoari⸗ Chefket“ war, wie die W. „Presse“ berichtet, eine Panzerkorvette von 2000 Tonnen, erbaut auf den Werkstätten der Messageries Maritimes zu Seyne bei Toulon. Der Panzer dieser Korvette war sechs Zoll dick. Die Ausrüstung bestand aus vier siebenzölligen und einer neun⸗ zölligen Kanone, die Besatzung aus 200 Mann. Dieselbe hatte wenig Gelegenheit, sich zu retten. Das Meer ist vor Suchum⸗Kaleh etwa 25 Klafter tief und ein anderes türkisches Schiff, welches hätte zur Hülfe herbeieilen können, befand sich nicht in der bs⸗ Der Dampfer „Konstantin“ hat nicht den geringsten Verlust zu beklagen. Der Stoß, den im Augenblicke des Angriffs der eine Torpedokutter erlitt, war so heftig, daß der Lieutenant Pissarewsky ins Meer ge⸗ schleudert wurde, glücklicherweise aber wieder aufgefischt werden konnte.
Dtatistische Nachrichten.
Nach der von der deee fagrenden Direktion des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen jetzt herausgegebenen Eisenbahn⸗ statistik für das Betriebsjahr 1875 betrug die Gesammtlänge der Eisenbahnen im Reich 26,840,77 Kilometer, und entfallen hiervon 12,253,9s8 Kilometer auf Stäaatsbahnen, 2910,90 Kilometer auf Privat⸗ bahnen unter Staatsverwaltung und 11,675,89 Kilometer auf Privat⸗ bahnen unter Privatverwaltung. Der Gesammtbetrag des füͤr die⸗ selben verwendeten Anlagekapitals ist 6861,5 Millionen Mark oder durchschnittlich 257,676 ℳ pro Kilometer Bahnlänge, und zwar: bei den Staatsbahnen 3208,6 Millionen Mark (261,237 ℳ pro Kilometer), bei den unter Staatsverwaltung stehenden Privat⸗ bahnen 889,4 Millionen Mark (308,947 ℳ pro Kilometer) und bei den üͤbrigen Privatbahnen 2763,5 Millionen Mark (240,872 ℳ pro Kilometer). Von dem Anlagekapital sind 844,7 Millionen Mark vom Staate garantirt. Außer dem obigen Anlagekapital n. bis Ende 1875 zur Erweiterung und Verbesserung der Bahnanlagen ꝛc. aus den Betriebsüberschüssen etwas über 140 Millionen Mark ver⸗ wendet worden. Der Bestand an Transportmitteln betrug 9936 L komotiven, 8857 Tender, 17,392 Personenwagen mit 766,679 Plätzen, 329 Postwagen, 3908 Gepäckwagen und 196,314 Güterwagen (inkl. Equipage⸗ und Viehwagen) mit einer Gesammtladungsfähig⸗ keit von 1,859,857,: Tonnen. Die Anschaffungskosten sämmtlicher Transportmittel haben 1278,7 Millionen Mark betragen.
Was die Leistungen der Transportmittel betrifft, so haben die Lokomotiven im Jahre 1875 im Ganzen 282,641,738 Kilo⸗ meter zurückgelegt. An Personen wurden befördert 202,041,583, an Reisegepäck 444,068,9 Tonnen, an Eilgütern 886,431,3 Tonnen, an Postgütern 62,464,, Tonnen, an Frachtgütern der Normalklasse 6,451,809,I Tonnen, an Frachtgütern der ermäßigten Klasse inkl. Kohlen und Koks 116,565,120,⸗6 Tonnen, überhaupt an Gütern 123,965,825,9 Tonnen; außerdem 28,798 Equipagen und sonstige Fahrzeuge, 37,694 Eisenbahnfahrzeuge, 449,043 Pferde, 18,044,887 Stück Rindvieh, Schweine und sonstige Thiere. Die Summe aller Einnahmen belief sich auf 836,2 Millionen Mark, von welchen 229,7 Millionen Mark auf die Personen⸗ und Gepäckbeförderung und M559,2 Millionen Mark auf den Güterverkehr entfallen, während die übrigen 49 Millionen Mark verschiedene Einnahmen, z. B. Pacht, Wagenmiethe, Erlös für verkaufte Materialien ꝛc. entspringen. Die Gesammtausgaben haben 492,3 Millionen Mark oder 58,8 % der Bruttoeinnahme betragen, und zwar: für die Bahnverwaltung 151,8 Millionen Mark, für die Transportverwaltung 300,8 Millionen Mark, für die allgemeine Verwaltung 31,3 Millionen Mark, denen noch 84 Millionen Mark Zins für gepachtete Bahn⸗ strecken hinzutreten. Der Ueberschuß einschl. des Bestandes aus dem Vorjahre beträgt 347,8 Millionen Mark oder 5,10 % des ge⸗ sammten Anlagekapitals; von demselben wurden verwendet: 73,4 Millionen Mark zur Verzinsung und 8,0 Millionen Mark zur Amortisation der Anlei en, 6,2 Millionen Mark zur Verzinsung ꝛc. der Prioritäts⸗Stammaktien, 4,7 Millionen Mark zur Zahlung der Eisenbahnsteuer, 70,6 Millionen Mark zu Zinsen und Dividenden für die Stammaktien, 5,2 Millionen Mark zur Einlage in den Reserve⸗ fonds, 32,s Millionen Mark zur Einlage in den Erneuerungsfonds, der Rest zu sonstigen Zwecken.
Was die beim Betriebe auf den deutschen Bahnen im Jahre 1875 vorgekommenen Unfälle betrifft, so betrug die Zael derselben, bei denen Personen beschädigt oder getödtet wurden, bei fahrenden Zügen 10D7, von denen 21 durch Fesammnencot 30 durch Entgleisung, 13 durch unrichtige Weichenstellung, 2 durch zu schnelles Einfahren in die Bahn⸗ höfe, 5 durch Achsbrüche und 36 durch e Ursachen veranlaßt worden sind. Hierbei wurden unverschuldet 208 Personen (darunter 173
(davon 183 Bahnbeamte und Arbeiter) beschädigt und 394 (davon 142 Bahnbeamte und Arbeiter) getödtet. Durch Betreten der Geleise in selbstmörderischer Absicht sind 7 Personen beschädigt und 113 ge⸗ tödtet worden. In 169 bei fahrenden Zügen vorgekommenen Unfällen wurden Personen nicht verletzt, dagegen aber 90 Lokomotiven, 11 Tender, 58 Personenwagen, 412 Lastwagen und 11 sonstige Fahrzeuge zerstört oder stark beschädigt. Auf den Bahnhöfen, auf der Bahn und bei nicht im Gange befindlichen Zügen kamen 98 Unfälle mit Verletzung ꝛc. von Personen vor und wurden dabei unverschuldet 83 Personen (davon 77 Bahnbeamte, und Arbeiter) beschädigt und 29 (davon 28 Bahnbeamte zc.) getödtet, durch eigene Schuld aber 935 Pers. (davon 888 Bahnbeamte ꝛc.) beschädigt und 293 (davon 234 Bahnbeamte ꝛc) getödtet. Bei wei⸗ teren 139 Unfällen sind Personen nicht verletzt, wohl aber 61 Loko⸗ motiven, 9 Tender, 13 Personenwagen und 229 Lastwagen zerstört oder stark beschädigt worden. Die Zahl der im Jahre 1875 vor⸗ gekommenen Achsbrüche war 143 (20 bei Lokomotiven, 17 bei Ten⸗ dern, 15 bei Personenwagen und 91 bei Lastwagen), die der Schienen⸗ brüche 1472. Verkehrsstörungen fanden im Jahre 1875 in 18 Fällen statt, von denen 4 durch Dammrutschung, 6 durch Schneefall, 4 — Wasserstuthen und 4 durch sonstige Ereignisse veranlaßt wor⸗ en sind.
— Nach einer amtlichen Zusammenstellung der Steuerdeputation haben, wie die „Nat. Ztg.“ mittheilt, am 1. April 1876 in Berlin 2269 Miethserhöhungen und 10185 Herabsetzungen statt⸗ gefunden, am 1. Oktober v. J. 1198 Erhöhungen und 19,894 Herab⸗ setzungen, am 1. April d. J. 1196 Erhöhungen und 22,322 Herab⸗ setzungen. Früher, d. h. vor drei, vier Jahren war das Verhältniß fast das umgekehrte. Leer standen am 1. April v. J. 10,185 Woh⸗ nungen, am 1. Oktober v. J. 14,746 Wohnungen, am 1. April d. J. 17,190 Wohnungen.
— Mortalitätsstatistik des medizinisch⸗statistischen Inhresberichts über die Stadt Stuttgart vom Jahre 1876 ent⸗ nehmen wir folgende Notizen: Im Jahre 1876 sind gestorben 1377 männliche und 1131 weibliche, zus. 2508 Personen; todtgeborene sind zu verzeichnen 89 männl. und 73 weibl.; im Ganzen also 2670 Todte. (Davon starben im ersten Lebensjahre 616 männl. und 482 weibl.). Eine Vergleichung der Gesammtsterblichkeit im Jahre 1876 mit der von 1875 ergiebt, daß dieselbe gegen 1875 in jeder Art gestiegen ist. Sie steht mit einziger Ausnahme der Pocken⸗ und Kriegsjahre 1870 — 71, höher, als je in den 24 vorhergegangenen Jahren. Das Ver⸗ hältniß der Gestorbenen zur Bevölkerung stellte sich nämlich 1876 auf 25,5 %% — 1:39 ¼, im Jahre 1875 auf 24,0 %0; desgleichen mit Einschluß der Todtgeborenen 1876: 27,2 %% = 1:36,8; 1875: 26,2 %0 Verhältniß der Gestorbenen zu den Geborenen (beiderseits die Todt⸗ geborenen eingerechnet) 1876: 60,5 %. 1875: 58,8 %. Die Sterblich⸗ keit der einzelnen Altersstufen hat sich sehr verschieden er⸗ wiesen. Ihr Maximum ist 396,5 %, ihr Minimum 2,60%0. Sie sinkt vom ersten Jahr an stetig bis zum 16.— 20., um von da an stetig wieder zuzunehmen.
Kunst, Wissenschaft und Literatur.
Christiania, 27. August. Professor Mohn, der Leiter der norwegischen Expedition nach dem Arktischen Meere, veröffentlicht im „Morgenblad“ einen Bericht über seinen Zuag nach Jan Mayen, in welchem es heißt: Am 26. Juli nahm Professor Mohn die erste Lothung, etwa auf der Mitte des Weges zwischen Norwegen und Jan Mayen, vor. Das eiskalte Wasser begann dort erst in einer Tiefe von 500 Faden. Am nächsten Tage Abends, nachdem die Er⸗ pedition westwärts gesteuert war, zeigte sich am Meeresboden in einer Tiefe von 829 Faden eine Temperatur von — 1 ½ Grad, bei 20 Faden Tiefe aber schon Null Grad. Die Erpedition befand sich nämlich schon, 18 Meilen östlich von Jan Maven, im. Polarstrom, welcher von der Nordspitze Spitzbergens einen Lauf südwestlich längs der Ostküste Grönlands der Nordküste Islands zu und durch die Dänemarksstraße nach der Südspitze Grön⸗ lands nimmt. Da die Expedition 30 Meilen östlich von Jan Mayen noch 0 Grad in einer Tiefe von 500 e hatte, so erhebt sich die Grenze zwischen dem warmen nördlichen Arm des Golfstromes und dem Polarstrom schroff gegen Westen. Der Golfstrom führt Wasser mit Wärmegraden, wogegen der Polarstrom das eiskalte Wasser der Polargegenden nach Südwesten führt. Das wärmere Wasser in den oberen 20 Faden ruͤhrt lediglich von der Wirkung des Sommers 8 838 Oberfläche her. Während des Winters ist diese mit Eis
edeckt.
— In der Kortkampfschen Ausgabe preußischer Gesetze mit Erläute⸗ rungen ist „Die Kirchengemeinde⸗ und Synodal⸗Ordnung für die evangelische Landeskirche Preußens“, von dem Pre⸗ diger Richter für den Gebrauch erläutert, soeben in 5. Auflage erschienen. Zwar sind der neuen Auflage dieses Buches schon 4 Auflagen unter dem Titel: „Evangelische Kirchengemeinde⸗ und Synodal⸗Ordnung“ vorangegangen; aber die früheren Auflagen enthalten nur die Kirchengemeinde⸗Ordnung. Die 5. Auflage zerfällt in zwei Theile: „Die Kirchengemeinde⸗Ordnung“ und „Die Synodal⸗Ord⸗ nung“, die an den betr. Stellen erläutert sind. Dieselbe legt, außer den zu der Kirchenordnung gehörigen Gesetze, und Verordnungen, dem Text auch die wichtigsten Abänderungen in der Gemeinde⸗, Kreis⸗ und Provinzial⸗Ordnung der beiden Westprovinzen Westfalen und Rheinland bei; macht bei jedem Paragraphen diejenigen Abänderungen namhaft, welche später theils durch die General⸗Synodal Ordnung, theils in dieser wiederum durch die nachfolgende Staatsgesetzgebung getroffen worden; gi bt die staatlichen Aufsichtsbehörden nicht blos generell, sondern in einzelnen Fällen sogar die Aufsichtsinstanzen an, und theilt endlich sowohl aus den Verhandlungen der Generalsynode, als auch des Landtags diejenigen Erläuterungen und Anträge mit, welche über Sinn und Tragweite der gefaßten Beschlüsse Aufschluß geben. — Der im 41. Jahrgang vorliegende Volksbote (Oldenbur⸗ burgischer), gemeinnütziger Volkskalender auf das Jahr 1878 (Oldenburg, Schulze'sche Hof⸗Buchhandlung, C. Berndt u. A. Schwarz) zeichnet sich durch seinen reichen, mit vielen sauberen Illustrationen geschmückten Inhalt aus. Nächst den gewöhnlichen Bestandtheilen aller Kalender bringt der Oldenburgische den Etat aller im Großherzogthum bestehenden Behörden, den oldenburgischen Residenzkalender, Eisenbahnfahrpläne ꝛc. Der belletristische Theil enthält zahlreiche patriotische, humoristische, kulturgeschichtliche Auf⸗ läße. Erzählungen und Landschaftsbilder, aus welchen letzteren wir besonders „In Westfalens Bergen“ von A. Schwartz und „Aus dem „Düwelsmoor“ von H. Schriefer als charakteristisch hervorheben.
Land⸗ und Forstwirthschaft. Aus der Provinz Sachsen, 2. September. Auftreten des Koloradokäfers wird der „Post“ geschrieben: Am 27. August wurden auf einem sehr bedeu⸗ teid befallenen Grundstücke in der Feldmark Langenreichenbach Nachgrabungen nach Puppen gehalten und diese — die ersten auf dem ganzen befallenen Terrain — auch aufgefunden; auch fanden sich in der Erde junge, eben zum Auskriechen bereite Käfer vor, am 28. August wurde eine dreizehnte Fraßstelle des Koloradokäfers in der Feldmark Probsthain, unfern von der zehnten und elften Fraß⸗ stelle an der Grenze der Feldmark Langenreichenbach aufgefunden; am 30. August fand man, südöstlich von der am 28. aufgefundenen Fraßstele das vierzehnte befallene Kartoffelstück vor, ebenfalls an der C renze der Feldmark Langenreichenbach. An demselben Tage wurde gleich⸗ zeitig in der Schildauer städtischen Feldflur eine Fraßstelle, nord⸗ östlich von der ersten zur Anzeige gekommenen Fraßstelle und am 31. August ein unfern dieser Stelle liegendes Kartoffelgrundstück als vom Koloradokäfer infizirt und befallen festgestellt. Die Zahl der bis jetzt vorhandenen Fraßstellen hat sich auf sechszehn vermehrt. — Mit den Vertilgungsmaßregeln ist man in der vergangenen Woche mit der nothwendigen Energie weiter vorgegangen; man hat die Des⸗ infektion der befallenen Grundstücke fortgesetzt, so weit die vorhan⸗ denen brauchbaren Arbeitskräfte es gestatten. Das Kartoffelkraut ist abgeschnitten in die bereiteten bis 1,50 Meter tiefen Gruben ge⸗ bracht; in den Gruben mit Benzol übergossen und durchtränkt;
Ueber das aus Sitzenrode
Bahnbeamte) beschädigt und 26 (darunter 19 Bahnbeamte) getödtet. Außerd den durch eigene Schuld der Betroffenen 277 Personen
Centimeter hoch mit Erde bedeckt, welche während des Einbringens festgetreten wird. Das Grundstück wird gepflügt, hierauf mit dem Erstirpator durchgeackert, um den Boden für das Eindringen des locker zu machen. Nach dem Uebergießen mit Benzol, aus Gieß⸗ Eindringen des aufgegossenen Aetzm ttels zu fördern.
Labiau, 1. September. (Kön. Hart. Ztg.) Die Erträge der
dem Halme annehmen konnte. Der Weizen hat hier fast allent⸗ halben versagt. Man hat beim Schneiden gefunden, daß viel Gras und Kraut aber wenig Aehren und Körner vorhanden sind. Auch ist die ungünstige Erntewitterung nicht ohne Einfluß auf den Werth geblieben. Ebenso hat der Regen den Werth der Gerste, des Hafers und besonders des Rundgetreides vielfach beeinträchtigt. Der Kartoffelertrag bleibt auch hinter den gehegten Erwartungen zurück, indem die Krankheit sich allenthalben eingestellt hat, die auf den hochgelegenen Feldern weniger, dafür aber auf den niedriggelegenen desto größeren Schaden angerichtet hat. Der Grummet, meistens bereits geschnitten, wird wenig Futterwerth haben.
Warschau, 30. August. (Pos. Ztg.) Es liegen amtliche Be⸗ richte über die Ernteresultate in den Gouvernements Warschau und Radom vor, aus denen hervorgeht, daß die Ernte in beiden eine sehr gute gewesen ist. Speziell ist hervorzuheben, daß die Roggen⸗ ernte in der zweiten Hälfte des Monats Juli begonnen hat und, trotz des ungünstigen Wetters, glücklich beendigt worden ist. Die
gesehen werden kann, übersteigt bedeutend eine gute Mittelernte. Die Kartoffeln und Zuckerrüben, welche letzteren hier einen be⸗ deutenden Posten im Einnahme⸗Etat der größeren und kleineren Landwirthe bilden, befriedigen bis jetzt und berechtigen zu der Hoffnung, eine gute Ernte zu machen. Ebenso berechtigen die verschiedenen Gemüsegattungen zu großen Hoffnungen; nur mit dem Kraute, das in allen unseren Wirthschaften eine große Rolle spielt, sieht es ziemlich traurig aus, da es die Raupen in verschiedenen Gegenden sehr stark heimgesucht haben. Die Wiesen wurden unter dem Ein⸗ flusse der günstigen Witterung rasch gemäht und das Heu eingefahren. Es übertrifft sowohl an Qualität wie an Quantität das Vorjahr
um ein Bedeutendes. 1
Gewerbe und Handel.
Vom Berliner Pfandbrief⸗Institut sind bis Ende August 1877 33,633,600 ℳ 4 ½ prozentige und 7,911,300 ℳ 5 prozentige, zusammen 41,544,900 ℳ Pfandbriefe ausgegeben worden, wo⸗ von noch 33,051,900 ℳ 4 prozentige und 7,361,400 ℳ 5pro⸗ zentige, zusammen 40,413,300 ℳ Pfandbriefe verzinslich sind. Es sind zugesichert aber noch nicht abgehoben 3,964,200 ℳ; in der Feststellung begriffen 4 Darlehnsgesuche auf Grundstücke zum Feuer⸗ versicherungswerthe von 392,675 ℳ; im Laufe des Monats August 1877 sind 3 Grundstücke mit einem Feuerversicherungswerthe von 345,975 ℳ angemeldet worden. 8
— Die Werwaltung der Renaissance⸗Aktiengesellschaft beruft eine außerordentliche Generalversammlung, in welcher über die Liquidation des Unternehmens Beschluß gefaßt werden soll.
— In der Schrift des jetzigen Garnison⸗Pfarrers Schall in Potsdam über das Arbeiter⸗Quartier in Mülhausen i. E., die in der Kortkampfschen Verlagsbuchhandlung zu Berlin soeben in einer 2. Auflage erschienen, erzählt der Verfasser namentlich, wie diese Arbeiterstadt in Mülhausen entstanden und sich bis auf die Gegenwart nach und nach vergrößert, beschreibt sodann diese Arbeits⸗ häuser nach ihren verschiedenen Systemen und die sonstigen in und für das Arbeiterquartier getroffenen nützlichen Einrichtungen und schildert schließlich die wohlthätigen Folgen, welche die Gründung dieser Arbeiterstadt für die arbeitende Klasse in Mülhausen gehabt hat. Es ist hierdurch — sagt der Verfasser nicht nur einer bedenklichen Wohnungsnoth in Müchausen und auch die Privatkonkurrenz zur Herstellung hilligerer und besserer Wohnungen nach dem Vorbild jener aufgerufen und damit zunächst für das materielle Wohlbefinden von Tausen⸗ den gesorgt, sondern zugleich auch das geistig⸗sittliche Wohl derselben in unberechenbarer Weise gehoben worden. An Stelle eines bei der raschen Zunahme der Bevölkerung der Stadt drohenden, ab⸗ und zuschweifenden Arbeiter⸗Proletariats ist eine im Ganzen wohlsituirte und zufriedene, intelligente und seßhafte Arbeiterbevölkerung getreten, welche sich eines menschenwürdi⸗ gen Daseins erfreut und die als ein wesentlicher Bestandtheil der Einwohnerschaft Mülhausens, fast ein Drittheil desselben, dieser zur Ehre und zur Zierde gereicht. Ordnungssinn und Reinlich⸗ keit, haushälterischer Sinn und Sparsamkeit und vor Allem die aus dem Eigenthumsgefühl gebornen edlen sittlichen Gem ingüter der Liebe zur cholle und zum häus⸗ lichen Heerde und zur Heimath; der solide Sinn, sowie die Pflege edler häuslicher Sitten und Tugenden. Das sind nur einige der großen moralis hen Erfolge, welche jene finanziellen noch weit übertreffen und die das hiermit gegebene Vor⸗ bild der allgemeinsten wetteifernden Nachahmung werth machen. Hieraus allein wird es auch erklärlich, daß die namentlich seit 1870 so rührige sozialistische Agitation an einem so eminent in⸗ dustriellen Brennpunkt wie Mülhausen niemals einen rechten Ein⸗ gang und empfänglichen Boden gefunden hat. Und so stellt sich denn, von noch höherem Standpunkte aus betrachtet, die Cité oder die Arbeiterstadt damit als eine Wohlthat nicht blos für die zunächst betheiligten arbeitenden Klassen, son ern für das größere Gemein⸗ wohl, für das Wohl der menschligen Gesellschaft und als ein wesentlicher praktischer Beitrag zur Lösung der unsere Zeit so ernst und tiefbewegenden sozialen Frage dar.
Verkehrs⸗Anstalten. Das
Das Coursbuch der Deutschen Reichs⸗Postverwal⸗ tung, September⸗Oktober, ist soeben in R. von Deckers Kommissions⸗Verlag Marquardt u. Schenck (Preis 2 ℳ) er⸗ schienen. Dasselbe enthält, nach Landestheilen geordnet, die Eisen⸗ bahn⸗Fahrpläne Deutschlands und der angrenzenden Länder, die wich⸗ tigsten Personenposten, sowie die Dampfschiffsverbindungen der Fläͤsse und Binnenmeere, ferner die überseeischen Dampfschiffslinien, ge⸗ ordnet nach den Reisezielen — die Rundreise⸗ und Retourbillets⸗ Einrichtungen —, die Reiseverbindungen der größeren Städte, sowie der Bade⸗ und Kurorte, u. A. Zusammenstellung der verschiedenen Wege nach den Nordseebädern Norderney, Borkum, Wyk, Sylt, nach der Schweiz, nach Rußland — den Gebührentarif für Tele⸗ gramme, Briefportotarif u. s. w. — Das reichhaltige Verzeichniß der Reisewege zwischen den wichtigsten Städten enthält auch ver⸗ gleichende Vermerke über die Reisedauer und über die Fahrpreise auf den verschiedenen zu gleichem Fiee führenden Routen. Dem Cours⸗ buche ist eine Eisenbahn⸗Uebersichtskarte beigefügt, welche durch An⸗ wendung von Schwarz⸗ und Blaudruck, durch Hervorhebung der Haupt⸗Verkehrslinien, sowie durch Eindruckung der Fahrplan⸗Num⸗ mern besondere Klarheit und Uebersichtlichkeit erhalten hat und auf deren Rückseite sich Skizzen über Lage und gegenseitige Entfernung der Bahnhöfe in den bedeutendsten Städten befinden In Be⸗ treff der ersichtlichen Fahrplan⸗Aende⸗ rungen ꝛc. machen wir aufmerksam auf Nr. 11, Neuer Fahrplan der Berliner Nordbahn, Nr. 13 Aenderuagen der Personenzüge zwischen Berlin, Schneidemühl und Königs⸗ berg i./Pr., Nr. 194 und 197, wonach die Nacht⸗Courierzüge zwischen Basel und Mainz auch 3. Klasse führen. Nr. 282 Einlegung eines Courierzuges der Oesterreichischen Staatsbahn zwischen Brünn, Gruß⸗ bach und Wien im Anschlusse an die Züge von und nach Dresden und Berlin. Fahrpläne neu eröffneter Eisenbahnstrecken sind ent⸗ halten in Nr. 8a. Neumünster — Tönning, 77 und 77a. Bautzen — Wilthen— Neustadt-—- Schandau und Wilthen —Sohland, 150 Werden — Essen, 252a. Oberkotzau — Wunsiedel, 383 (Nancy) — Pagny s. M. — Conflans — Jarni, 528a. Herstellung einer direkten Eisenbahnverbin⸗
aus dem Conrsbuche
sodann werden die durch das Benzol verbrühten Krautreste circa 70
dung Delsberg — Pruntrut — Belfort. Die nächste Ausgabe erscheint Mitte Oktober. 8
“
Benzols, mit welchem derselbe übergossen wird, recht geeignet und
kannen, wird der Boden nochmals mit der Egge bearbeitet, um das
Ernte zeigen sich nicht so günstig, als man nach dem Stande auf
Getreideernte, welche im Allgemeinen als vollständig b⸗endigt an-
abgeholfen