1884 / 150 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger, Sat, 28 Jun 1884 18:00:01 GMT) scan diff

41,06 für das weibliche Geschlecht erböhen, wenn das erste Lebensjahr außer Betracht bleiben dürfte. Die Zahl der Selbstmorde belief sich im Jahre 1883 auf 56. Die Höchstzahl der Selbstmorde fiel 1883 in die Altersklasse 31/40 und die beiden folgenden, während sie in beiden Vor⸗ jahren in der Gruppe 21,25 lag Ein Vergleich der Selbstmorde ir München, wo auf je zehntausend Einwohner 2,33 % entfallen, ergiebt, daß in Breslau auf je zehntausend 4,45, in Hamburg 4,31, in Frankfurt 3,63, in Rürnberg 3,52, in Berlin 3,31, in Wien 2 93, in Elber⸗ feld 2,41, in Darmstadt 2,13, in Augeburg 2,05. in Stuttgart 1,92 entfallen. München nimmt mithin in dieser Selbstmorrstatistik erst die achte Stelle ein. Der Antheil des Selbstmordes an der Ge⸗ sammtsterblichkeit ist am größten, wie im Vorjahr, in Frankfurt a. M. mit 1,86, am geringsten gleichfalls, wie im Vorjahr, mit 0,70 in Augsburg.

Den Mittheilungen des Herzoglich anhaltischen statisischen Bureaus entnehmen wir in Bezug auf Geburten, Ebeschließungen und Sterbefälle im Herzogthum Anhalt während der Jahre 1879 bis einschließlich 1882 Folgendes: In diesen 4 Jahren sind im gesan mten Herzogthum 7893, oder im Jahresdurchschnitt 1973 Ehe⸗ schließungen vorgekommen; es hat also ein Zuwachs der Bevölkerung durch den Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle um 13 896 Personen oder im Jahresdurchschnitt um 3474 Personen statt⸗ gefunden. In den rier vorhergehenden Jahren betrug dieser Ueber⸗ schuß 13 534 Personen, oder im Hahresdurchschnitt 3384 Personen; die ersteren vier Jahre weisen sonach etwas günstigere Verhältnisse nach. Die Zahl der weiblichen Geburten verhielt sich zu den männ⸗ lichen im Durchschnitt der 4 Jahre wie 1 zu 1,07, und es kam auf 26,58 Geburten eine Todtgeburt und auf 10,80 Geburten eine uneheliche. In früheren Jahren war von 22 Geburten eine Todtgeburt und von 9 Geburten eine unehelich, die obigen 4 Jahre weisen also in dieser Beziehung etwas günstigere Verhältrisse vach. Im Verhͤltniß zur Gesammtzahl der Geburten kom auf dem Laonde mehr uneheliche und Todtgeburten, als in den Städten vor. Im Durchschnitt der 4 Jahre war von 9,02 ehe⸗ schließenden Mäͤnnern ein Wittwer, während erst von 15,97 ebe⸗ schließenden Frauen eine Wittwe war; dagegen ben sich mehr geschiedene Frauen als geschiedere Männer wieder verheirathet. In den froglichen 4 Jahren kamen 230 oder unter 100 durchschnittlich 2,91 Eheschließungen zwischen Personen verschiedenen Religions⸗ bekenntnisses vor. Im vierjährigen Durchschnitt verhielt sich die Zahl der weiblichen Sterbefälle zu den männlichen wie 1 zu 1,13. Wenn verhältnißmäßig mehr männliche als weibliche Personen geboren werden, so ist wieder die Sterb⸗ lichkeit unter dem männlichen Geschlechte nicht nur größer als unter dem weiblichen, sondern es übersteigt auch der Prozentsatz der männlichen Sterbefälle denjenigen der männlichen Geburten. Nament⸗ lich in den ersten Lebensjahren ist die Sterblichkeit unter dem mann⸗ lichen Geschlecht größer als unter dem weiblichen. Im Jahre 1875 kamen auf 1000 Cinwohner 39,94 Geburten und 24,29 Sterbefälle, was den Erscheinungen des Jahres 1880 ziemlich gleichkommt. Im ganzen Deutschen Reiche entfielen im Jahre 1880 auf 1000 Einmwohner 39,1 Geburten und 27,5 Sterbefälle; dem gegenüber dürften die Verhält⸗ nisse in Anhalt als ganz normale bezeichnet werden. In Bezug auf Selbst⸗ morde und Todesfälle durch Verunglückung in Anhalt während der vier Jahre sei mitgetheilt, daß von den 325 zur amtlichen Kenntniß ge⸗ langten 325 Selkstmorden 81 im Jahre 1879, je 84 in den Jahren 1880 und 1881, und 76 im Jahre 1882 vorgekommen; es hat also in diesem Zeitraume eine jährliche Zunahme der Selbstmorde nicht stattgefunden. Von sämmtlichen in den 4 Jahren stattgehabten Selbstmorden kommen auf den Kreis Zerbst 14,46 %, auf den Kreis Bernburg 23,39 % und auf den Kreis Ballenstedt 22,15 %. Wenn hier⸗ nach auch im Kreise Bernburgdie relativ größte Anzahl von Selbstmorden vorgekommen ist, so nimmt doch im Verhältniß zur Gesammtzahl der Sterbefälle (mit Ausschluß der Todtgeburten) in Bezug auf die Selbstmorde der Kreis Ballenstedt die erste Stelle ein, denn es kam hier auf 37,21 Sterbefälle 1 Selbstmord, während im Kreise Dessau erst auf 64,35, im Kreise Köthen auf 68,37, im Kreise Zerbst auf 74,60 und im Kreise Bernburg auf 74,24 Sterbefälle ein Selbst⸗ mord entfiel. Wenig größer als die Zahl der Selbstmorde ist die der Todesfälle durch Verunglückung. Von denselben sind 84 im Jahre 1879, 94 im Jahre 1880, 98 im Jahre 1881 und 78 im Jahre 1882, und zwar 18,64 % im Kreise Dessau, 20,90 % im Kreise Köthen, 12,71 % im Kreise Zerbst, 31,92 % im Kreise Bernburg und 15,82 % im Kreise Ballenstedt vorgekommen. Die meisten tödtlichen Verunglückungen haben sonach im Kreise Ballenstedt stattgefunden. In demselben entfiel auf 47,84 Sterbe⸗ fälle eine tödtliche Verunglückung, während eine solche im Kreise Bernburg auf 49,93, im Kreise Köthen auf 51,74, im Kreise Dessau auf 72,18 und im Kreise Zerbst auf 77,91 Sterbefälle kam. Im ganzen Lande kam auf 57,68 Sterbefälle und im Jahresdurchschnitt auf 2628 Einwohner 1 Todesfall durch Verunglückung. Ueber 6 Mal so viel männliche als weibliche Personen haben ihren Tod durch Ver⸗ unglückungen gefunden und über 27 % aller Verunglückungen waren Kinder unter 15 Jahren, welche vorherrschend durch Ertrinken ums

gekommen sind.

Kunst, Wissenschaft und Literatur

Geschichte der Kunst im Alterthum (Egypten, Assyrien, Persien, Kleinasien, Griechenland, Etrurien, Rom), von Georges Perrot und Charles Chipiez. Autorisirte deutsche Ausgabe. Egypten. Mit urgefähr 600 Abbildungen im T 5 farbigen und 9 schwarzen Tafeln. Bearbeitet von 1I1X“ Pietschmann. Leipzig, F. A. Breockhaus, 18 diesem kunsthistorischen Werk sind neuerdings wi rungen, 22 bis 24, ausgegeben worden. Die erste Abtheilung „Egypten“ war, wie gemeldet, wit dem 10. Kopitel, in welchem eine Charakte⸗ ristik der ezyptischen Kunst im Allgemeinen und der Stellung dieses alten Kulturlandes in der Kunstgeschichte gegeben wurde, also dem 21. Heft, in der Hauptsache bereits abgeschlossen. Die vorliegenden 3 Lieferungen bringen noch außer der Einleitung von Perrot einen umfangreichen Anhang, welcher fortlaufende Anmerkungen und Be⸗ richtigungen zu den einzelnen Kapiteln, Zusätze auf Grund neuer For⸗ schungen und Funde sowie Erklärungen zu den zahlreichen Abbildungen des Werks enthält. Die 24. Lieferung trägt den Titel und die Inhaltsübersicht nach und bietet ein Verzeichniß der Abbildungen sowie ein sorgfältiges alphabetisches Namen⸗ und Sachregister. In letzterem Heft finden wir auch noch eine schöne Farbendrucktafel,

eine aus der Kavalierperspektive aufgenom mene Reproduktion einiger ornamentalen Malereien von der Westwand des Grabes des Ptlahhotep darstellt. Der erste Theil dieser erschöpfenden, ebenso interessant geschriebenen wie reich ausgestatteter Kunstgeschichte ist nunmehr (24 Lieferungen zum Preise von je 1,50 ℳ) in den Händen der Abonnenten. Das Werk will die Erfirndung und Ueberlieferung der technischen Maßregeln, welche die Ausübung der Kunst voraussetzt, die Ent⸗ stehungsgeschichte und das Verwandtschaftsverhältniß der Formen, die leiseren oder tiefer gehenden, schrofferen oder allmählicheren Umwand⸗ lungen, welche diese beim Uebergange von einem Volk zum anderen durchgemacht haben, um schließlich bei den Griechen die gluͤcklichste und rollkommenste künstlerische Wirkung zu erreichen, schlicht und ohne gelehrte ästhetische Abhandlungen, ohne Mißbrauch mit Kunstausdrücken zu treiben, schildern und darlegen und davon zugleich durch eine Auswahl von Illustrationen dem Kunstfreunde und Künstler ein lebendiges Bild geben, sodaß er, wenn er nicht geduldig den Be⸗ schreibungen und Untersuchungen folgen will, nur die Seiten durch⸗ zublättern und mit dem Blick die zahlreichen, sorgfältigen und ge⸗ treuen Abbildungen zu seiner Belehrung zu befragen braucht. Dieses Ziel, welches die Verfasser vor Augen hatten, haben sie in dem nun abgeschlossenen ersten Abschnitt „Egypten“ vollkommen erreicht, sodaß man den weiter folgenden Theilen mit großer Erwartung entgegen⸗

sehen darf. 8

Pandekten von Heinrich Dernburg, ord. Professor d. R. in Berlin. (Verlag von H. W. Müller hierselbst.) Das bedeut⸗ same Unternehmen des berühmten Rechtslehrers schreitet rüstig vor⸗ wärts, denn bereits jetzt, wenige Wochen nach Erscheinen des ersten

8 93 03 n

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Heftes, liegt die zweite, die §§. 50 99 des allgemeinen Theils umfassende Lieferung vor. Die Klarheit und Durchsichtigkeit der Darstellung, die Schärfe des juristischen Urtheils und die Vereinigung von Theorie und Praxis werden den Besitz des Werkes jedem Juristen erwünscht machen.

Die Entwicklung der Landrechtsglosse des Sachsenspiegels. Von Dr. Emil Steffenhagen. IV. Die Tzerstedische Glosse. Wien, 1884. In Kommission bei C. Gerolds Sohn. In 2 Hahdschriften der 3. Ordnung der Glossen⸗ klasse, zu Lüneburg und Wolfenbüttel, ist uns zum Landrecht des Sachsenspiegels eine Glosse aufbewahrt, welche der Lüneburger Raths⸗ herr und Patrizier Brand III. von Tzerstede († 1451) im Jahre 1442 besorgt hat. Für den Tert des Sachsenspiegels ging derselbe darauf aus, „Theilung und Beginn der Artikel nach den alten und gemeinsten Zahlweisen“ wieder berzustellen; die Glosse aber anlangend, richtete sich seine Absicht auf Vervollständigung der Buchschen Glosse, also für diejenigen Artikel, welche der Glossirung bisher noch ent⸗ behrten, die nöthige Glosse zusammenzubringen. Bis jetzt waren von dieser Tzerstedischen Glosse nur die von Bruns und Spangenberg mitgetheilte Glosse zur Vorrede „von der Herren Geburt“ und 2 kurze (vermeintlich Tzerstedische) Glossenstücke bekannt. Der Verfasser der vorstehenden Abhandlung beschreibt nun zunächst die beiden Handschriften (die Lüneburger und die Wolfen⸗ bütteler), welche die Tzerstedische Giosse enthalten, erwähnt, daß die Wolfenbütteler auf der Lüneburger beruhe, verbreitet sich über den Inhalt der beiden Handschriften und weist sodann im Einzelnen den Ursprung und die Quelle der einzelnen Glossen Tzerstede’'s nach, be⸗ merkt aber in Betreff seiner Glosse zu den Schlußartikeln, daß es nicht zu ermitteln sei, aus welcher Quelle Tzerstede diese letztere her⸗ geholt und wer sie abgefaßt habe. T'erstede sei urtheilt Steffen⸗ hagen im Allgemeinen über denselben bei seiner Arbeit mehr sammelnd und sichtend, als selbständig glossirend zu Werke gegangen; er reproduzire die Buchsche Glosse in ihrer reicheren Gestalt und mit der üblichen Zusatz⸗ glosse, und entlehne die Glosse zu den Schlußartikeln (III, 88 bis 91) anderweitig; seine eigenen Zuthaten reichten über die Glossirung der Vorrede „von der Herren Geburt“ nicht hinaus. Was ihm sonst beigelegt werde oder beigelegt werden könnte, stamme entweder anderswoher oder gehöre bereits der Buchschen Glosse an. Ein Anhang zu der Abhandlung, welche aus dem Jahrgang 1884 der Sitzungsberichte der phil.⸗hist. Klasse der Kaiserlichen Aka⸗ demie der Wissenschaften zu Wien (106. Bd., 1. Heft, S. 197 ff.) besonders abgedruckt ist, enthält: 1) die Glosse Brands von Tzer⸗ stede zur Vorrede „von der Herren Geburt“ (abgedruckt aus der vor⸗ züglichen, der Lüneburger Handschrift, mit Angabe der Abweichungen der Wolfenbütteler Handschrift in den Noten) und 2) die Glossirung der Schlußartikel III, 88 bis 91 nach Brand von Tzerstede.

Von Hackländers Soldatengeschichten, illustrirt von Emil Rumpf (in 20 Lieferungen à 40 bei Carl Krabbe in Stutt⸗ gart) liegt nunmehr Licferung 9—11 vor. Diese drei Lieferungen enthalten nicht weniger als 90 Bilder, welche Hackländers heitere Schöpfungen in mustergültiger Weise mit dem Stifte wiedergeben. In dem 11. Heft schließen die Wachtstubenabenteuer und beginnt das Soldatenleben im Frieden. Für den vollendeten Band kann eine geschmackvolle Einbanddecke zu 75 von der Verlagsbuchhandlung bezogen werden.

Gewerbe und Handel.

New⸗York, 27. Juni. (W. T. B.) Baumwollen⸗ Wochenbericht. Zufuhren in allen Unionshäfen 6000 B., Aus⸗ fuhr nach Großbritannien 16 000 B., Ausfuhr nach dem Kontinent 3000, Vorrath 346 000 B.

Veterinärwesen.

In Rumänien ist in den Gemeinden Darabani und Hu⸗ dessimare (Kreis Doroho) die orientalische Rinderpest ausgebrochen. Cüemene 1

Verkehrs⸗Anstalten.

Hamburg, 27. Juni. (W. T. B.) Der Postdampfer „Hammonia“ der Hamburg⸗Amerikanischen Packetfahrt⸗ Aktiengesellschaft ist, von Hamburg kommend, beute früh 2 Uhr in New⸗York eingetroffen.

Sanitätswesen und Quarantänewesen.

Die italienische Regierurg hat aus Anlaß des Ausbruchs einer choleraähnlichen Krankheit zu Toulon unterm 24. Juni d. J. eine Beobachtungs⸗Quarantäne von 10 bez. 15 Tagen gegen Provenienzen Toulons, sowie von 5 bez. 7 Tagen gegen Provenienzen der uͤbrigen französischen Mittelmeerhäfen, welche eine gesunde Ueberfahrt gehabt haben, dagegen eine strenge Quarantäne (di rigor-) von 20tägiger Dauer gegen alle Provenienzen der französischen Mittel⸗ meerküste, welche während der Ueberfahrt verdächtige Krankheitsfälle an Bord gehabt haben, angeordnet.

Die griechische Regierung hat für Provenienzen von Toulon eine 11tägige, für solche von Marseille eine 5tägige Quarantäne vor⸗ geschrieben.

Berlin, 28. Juni 1884.

Wilhelmstiftung „Beamtendank“.

In Gemäßheit des laut Allerhöchster Kabinets⸗Ordre vom 28. Januar 1882 bestätigten Statuts hat das Kuratorium alljährlich om 11. Juni, zur Erinnerung an das im Jahre 1879 gefeierte Ehe⸗ jubiläum Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin, Kassenbericht zu erstatten.

Am 11. Juni 1883 war ein Bestand vorhanden: in Effekten zum Nominalwerthe von. . .. 34 000 und an Baarmitteln, deponirt bei der Kur⸗ und

Neumärkischen Ritterschaftlichen Darlehnskasse

Summa 34 748 85

Aus den statutenmäßig zu Unterstützungen zu verwendenden zwei Dritteln an Kapitalzinsen waren disponibel 712 10 ₰. Hiervon sind an Beamte, Beamtenwittwen und Hinterbliebene ehemaliger Beamten gezahlt: an 17 Personen in Beträgen von 50 ℳ, 40 30 und 20 ℳ, zusammen 690 An Portokosten sind 5 80 und an sonstigen Unkosten 11 11 verausgabt, so daß noch ein Betrag von 5 19 im Bestande verbleibt.

Ein Drittel der aufkommenden Zinsen ist dem Kapitalstock so lange zuzuführen, bis derselbe die Höhe von 200 000 erreäicht hat.

Der Gesammtbestand der Stiftung beträgt heute in Effekten

hierzu deponirt, wie oben, und zwar Grundkapital⸗Conto 965 61 Unterstützungsfonds . . . 65 19 970 80

8 1 9

34 970 8

Summa Berlin, den 11. Juni 1884. Im Auftrage des Vorsitzenden des Kuratoriums: v. Baerensprung. Z“

DTDie 1. Sommerobst⸗Ausstellung, die der Verein zur Be⸗ förderung des Gartenbaues in den preußischen Staaten heute im Wintergarten des Centralhotels eröffnet hat, hat die Erwartungen der Fachleute bei Weitem übertroffen. Trotz der Ungunst der Witterung, die den Obstbau besonders schwer geschädigt hat, ist die Ausstellung reich beschickt. Noch weit mehr aber als die Quantität überzeugt die Qualität des Ausgestellten von dem ernsten und erfolgreichen Streben, den Obstbau auch in den Gegenden, wo er bisher mehr aus bloßer Lieb⸗ haberei getrieben wurde, zu einem rentablen Erwerbszweig zu machen. Der Sortenwahl, die man bisher namentlich auf dem platten Lande ohne Verständniß traf, ist erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet, und auch in Bezug auf die Treiberei läßt sich ein merklicher Fortschritt gegen

früher konstatiren. Der äußere Eindruck, den die Ausstellung gewährt, das Gesammtbild derselben, ist ein überaus ansprechendes. Der präch⸗ tige Wintergarten mit seinem reichen Palmenschmuck dient ihr als eine ebenso wirkungsvolle wie würdige Folie. Auch die einzelnen Aus⸗ steller haben sich bemüͤht, möglichst geschmackvolle Arrangements zu treffen, und dieses Bemühen ist meist von bestem Erfolg begleitet worden. Gleich beim Eintritt in den Wintergarten fällt das Auge des Be⸗ suchers auf zwei reizende Arrangements, zu denen E. Thiele⸗Plötzensee die Produkte seiner weltbekannten Erdbeerzucht vereinigt hat. Aus Cuivre poli⸗Schalen erheben sich beerenreiche Erdbeerstauden, die saftigen Früchte der Ascot Tine apples, die sich vor Allem als Ein⸗ machebeeren bewähren, sind zu Sträußen gebunden, andere Früchte heben sich mit ihrem tiefen Roth von dem Grün der sie umgebenden Blätter ab. An zwei langen Tafeln haben die Werderschen Obstzüchter ihre Produkte ausgestellt. Allerdings sind von den 550 Obstbauern des Werders nur etwa 20 erschienen; was sie aber ausgestellt haben, giebt in der That einen Ueberblick über die hohe Leistungsfähigkeit der märkischen Obstkammer, deren Produkte sich den Weltmarkt erobert haben. Mit einer recht reichen Kollektion ist auch Guben erschienen, dessen Obstbauverein u. A. 22 neue aus Kernen gezogene Sorten ausgestellt hat. Neben Kirschen sind hier auch konservirte Aepfel und Birnen sowie Beerenobst aller Art zu erwähnen. Von den spätreifen Sorten, auf die Guben eigentlich den Schwerpunkt seiner Zucht legt, sind Zweige mit unreifen Früchten zur Schau gestellt, die ob ihrer Fülle in der That Aufsehen erregen. Den nächsten Tisch hat Glindow, der neue Konkur⸗ rent Werders, occupirt Vor Allem ist Glindow in Erdbeeren stark ver⸗ treten, deren Zucht der dortige lebensfrische Verein ganz besondere Aufmerksamkeit schenkt. Ein kleiner Theil derselben Tafel ist der Königlichen Gärtnerlehranstalt eingeräumt, die ein großes Sortiment Erdbeeren und Kirschen an Zweigen ausgestellt hat. Auf der Tafel zunächst der Orchesterwand führt der Frankfurter Gartenverein Früchte aus seinen Versuchsstationen, darunter namentlich schöne Erdbeeren und Stachelbeeren, vor. Ihm schließen sich die Erdbeerkollektion des bekannten Züchters Göschke⸗Cöthen sowie die von den Königlichen Gärten in Potsdam und Sanssouci veranstaltete Ausstellung an. Neben getriebenen Früchten sind hier namentlich Tafelerdbeeren zu nennen. Mit ihnen konkurriren die Gräflich Schaffgotschschen Gärten, die vor dem Orchester Pfirsiche. Weintrauben u. dgl. ausgestellt haben. Lorberg⸗ Berlin hat sich mit Erd⸗ und Stachelbeeren, as städtische Rieselgut Blankenburg mit Himbeeren bei der Schau betheiligt. An der gegenüberliegenden Wand haben Mosisch⸗ Treptow und Buntzel⸗Nieder⸗Schönweide reiche Sortimente Stachel⸗ beeren ausgelegt. Zwischen beiden Kollektionen hat Buchhändler Radetzki⸗Tempelhof ars seinem Privatgarten 24 Erdbeersträucher in Töpfen und Lubasch⸗Zossen Erdbeeren und Aepfel ausgestellt. Vor der Palmengruppe in Mitten des Wintergartens hat A. Schaeffer Sohn in Berlin einen mit frischen Früchten gefüllten Riesenfruchtkorb placirt, der den Umfang von 4 m aufzuweisen hat, und vor der Estrade endlich hat Oekonomie⸗Rath Späth für die Vermehrung ge⸗ zogene Erdbeeren zur Schau gestellt. In der Abtheilung der Obst⸗ e finden wir u. A. auch schon diesjährigen Himbeersaft aus der Werderschen Fruchtsaftpresserei von W. Hühne, während der Gubener Obstbauverein Apfelwein zeigt, bei dessen Fabrikation besonders darauf Gewicht gelegt wird, daß nicht die einzelnen Sorten ver⸗ mischt gekeltert werden.

n. N. Zuni (. e eichsel bei Altau vom Hochwasser durch⸗ worden. Heute früh reichte das Wasser bis Schmolln. Niederung auf der linken Flußseite steht vollständig unter Wasser; Schaden ist sehr erheblich. Die Gefahr für den Damm bei zarnowo gilt durch die Hülfe des Militärs für beseitigt. Hier bar der Wasserstand der Weichsel gestern 6,40, heute ist derselbe 5,70 und fällt weiter. 1— Bad Kreuznach, 24. Juni. Die Saison verspricht in diesem Jahre eine glänzende zu werden. Alle Nationalitäten sind unter bis heute hier eingetroffenen Kurgästen, deren Zahl sich um einig Hundert höher stellt als um dieselbe Zeit des Vorjahres, vertreter Franzosen, Engländer, Holländer, Italiener, Russen, Dänen, Schwe den, Norweger u. s. w. Vorgestern trafen von Hobe⸗Pascha, Kaiserl. ottomanischer General der Kavallerie, Ober⸗Stallmeister und General⸗ Adjutant Sr. Majestät des Sultans, aus Konstantinopel, und Ge⸗ neral Hawkins aus New⸗Nork zum Kurgebrauch hier ein. Im Ganzen sind bis heute 1966 Kurgäste hier eingetroffen.

Deutschen Theater? „Der Hüttenbesitzer“ un

S

ie beiden letzten Vorstellungen des ieser Saison sind: morgen, Sonntag: Montag: „Don Carlos“. Fr. Rosa Papier setzte gestern im Krollschen Theater ihr

astspiel mit der Titelrolle der „Jüdin“ von Halsvy fort und be⸗ wahrte auch darin ihre in gesanglicher und darstellerischer Hinsicht gleich hohe Künstlerschaft. Der phänomenale Umfang ihrer herrlichen Stimme ermöglicht der Sängerin, die uns als „Orpheus“ und als „Fides durch ihren sonoren Alt entzückte, auch die Bewältigung dieser zum Theil ziem⸗ lich hochliegenden Mezzosopranpartie in bewunderungswürdiger Weise. Quellende Schönheit und Reinheit des Tons paarte sich auch hier mit seelischer Innerlichkeit des Ausdrucks und einem allen Regungen des⸗ selben sofort eine edele plastische und mimische Gestalt ge⸗ benden Spiel zu einem so vollendeten Ganzen, wie es leider auf der modernen Bühne zu den Seltenheiten gehört. Musterhaft deutlich und klar ist ihre Aussprache, das edle vor⸗ nehme Maß, welches die Künstlerin in ihrer Darstellung walten läßt, und die Strenge, mit der sie alle die Mittelchen meidet, mit denen andere, weit weniger Begabte die Menge zu ködern wissen; sie ist stets mit Leib und Seele bei der Sache und geht ganz in der Rolle auf. Und so war denn auch ein viel größerer Beweis ihrer eminenten Künstlerschaft die athemlose Stille, welche während der bewunderungs⸗ würdig gespielten und gesungenen, dramatisch bewegten Romanze im zweiten Akt: „Er kommt zurück“, über dem dicht gefüllten, großen Saale lagerte, als der stürmische Beifall, welcher dieser Meisterleistung folgte und der Sängerin auch den ganzen Abend über treu blieb. Nicht minder ergreifend und erschütternd war aber auch ihr Spiel und Gesang in dem Duo zwischen Eleazar und Recha im letzten Aft, nach welchem die Hervorrufe kein Ende nehmen wollten. Den Eleazar gab Hr. Grupy recht wacker; nur liegt dem Sänger Partie manchmal etwas zu hoch. Für die Ausführung der gro Arie im vierten Akt jedoch gebührte ihm uneingeschränktes Lob. 2 Biberti brachte seinen mächtigen, schönen und ausdrucksfähigen Baß in der Rolle des Kardinals Brogni, besonders in dem großen Dsoett mit Eleazar im vierten Akt gut zur Geltung. Fr. Baumann als Endora und Hr.-Schreiber als Prinz Leopold vervollständigten das gefällige Ensemble. Hr. Kapellmeister Götze hatte die für eine kleine Bühne so viele Schwierigkeiten bietende Oper sorgfältig einstudirt. In der stimmungsvollen Ensemblescene des Osterfestes hielt sich auch der Chor recht brav. Der große Saal des Krollschen Etablissements war wieder vollständig ausverkauft. Zum Benefiz für den Chor findet übrigens am Montag eine Wiederholung der „Jüdin⸗ mit Fr. Rosa Papier als Recha statt. Am Mittwoch singt die Künstlerin den „Orpheus“ noch einmal. Am Dienstag, den 1. Juli, beginnt die frühere Operettensängerin Frl. Regina Klein ihr Eastspiel als „Margarethe.“

Redacteur: Riedel. Verlag der Expedition (Scholz). Druck: W. Elsner.⸗ Fünf Beilagen (einschließlich Börsen⸗Beilage)

Berlin:

B.) Gestern Abend ist der Damm sse

150.

Erste Beilage

Berlin, Sonnabend, den 28. Juni

zum Deutschen Reichs⸗Anzeiger und Königlich Preußischen

Nichtamtliches.

Preußen. Berlin, 28. Juni. Im weiteren Ver⸗ laufe der gestrigen (43.) Sitzung des Reichstages

begann das Haus die dritte Berathung des Entwurfs eines Gesetzes über die Unfallversicherung der Arbeiter.

In der Generaldiskussion erklärte der Abg. Rickert, er

wolle die Streitfragen nicht alle noch einmal eingehend hier erörtern, sondern nur die wesentlichsten Punkte summarisch zusammenfassen. Nach der ersten Lesung sei keine Partei mit der Vorlage zufrieden gewesen, jede habe in Kardinalpunkten

iefgehende Aenderungen gewünscht. Nun habe man lange Zeit in der Kommission gearbeitet, und das Resultat sei die iemlich unveränderte Annahme der Regierungsvorlage! Er

verstehe es ja, wenn die Herren sagten, man müsse sich, um

etwas zu

Stande zu bringen, den Verhältnissen fügen, ber er wisse nicht, woher man die Berechtigung nehme, gegen Andere, welche die alten Grundsätze, die ein Theil der Majo⸗

rität jahrelang bekannt habe, nicht verlassen wollten, nun

die sehr billige Anklage zu erheben, als ob die Liberalen nichts weiter könnten, wie negativ sein und unfruchtbare Opposition treiben. So habe in der bekannten Versammlung

in Neustadt der Reichstagsabgeordnete Buhl erklärt, die frei⸗ sinnige Partei habe bisher ja auch denselben Standpunkt, wie die Nationalliberalen vertreten, aber nach seinen Erfahrungen

in der Kommission glaube er, daß sie doch genug theoretische

L Gründe finden würden, um schließlich gegen das Gesetz zu

stimmen. Wenn Jemand mit einer so vorgefaßten Meinung über frühere Freunde an die Sache herangehe, so sei es kein

Wunder, wemm derselde im Brustton der Ueberzeugung den⸗

selben Standpunkt, den er früher mit seiner (des Redners) Partei vertreten habe, nun als arbeiterfeindlich oder vollstän⸗ ig negativ hinzustellen suche. Er (Redner) meine, daß die

neuen sozialpolitischen Ideen, auf Grund deren der Reichs⸗

kanzler seine Politik aufbauen wolle, nirgends wo anders, als 0 7

vom Liberalismus herstammten, und die Rechte habe am aller⸗

wenigsten Veranlassung, gerade seiner Partei den Vorwurf zu

machen, als ob sie für die Interessen der Arbeiter kein Herz

hätte.

liberale

verschaffen wolle.

Aus der liberalen Partei heraus sei im Jahre 1868 dem Haftpflichtgeset gekommen, und Abgeordnete hätten zuerst Mängel des Haft⸗ pflichtgesetzes hier betont und Abhülfe gefordert. Wäre das Haus seiner Partei gefolgt, so wären die Arbeiter bereits in dem Besitz der Wohlthaten, die die Rechte ihnen jetzt

Schon 1881 hätten die Fabrikanten 548 000

die Initiative zu

Arbeiter für alle Unfälle versichert, also mehr als den vierten

Theil; hätte man diese Entwickelung nur weiter gehen lassen und außerdem das Haftpflichtgesetz verbessert, so hätte man längst eine Versicherung gegen alle Unfälle auf dem Gebiete

der freiwilligen Thätigkeit, die viel mehr leisten würde, als

was jetzt nach langem Mühen dies Gesetz leisten werde.

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die Formen würden gewechselt und zerbrochen.

Gebiet der Finanzen und

Der Abg. von Bennigsen, dessen Rücktritt vom politischen Leben wohl Niemand mehr bedauere als er, er bedauere ihn um so mehr, als er aus seiner Berliner Rede und den über die thatsächlichen Verhältnisse gegebenen Ausführungen ersehe, daß derselbe den Dingen nicht mehr nahe genug stehe; er halte es überhaupt nicht für richtig, daß ein Führer einer Partei, der nach außen die Führung wieder übernehme, nicht zugleich an der verantwortlichen Stelle im Parlament mitwirke. Hr. von Bennigsen habe in der Berliner Versammlung die durchaus nicht zutreffende Meinung übe die freisinnige Partei gegußert, daß sie es ablehne, den Staat mit seinem Rechtszwange Hülfe schaffen zu lassen. Es wäre doch sehr leicht, nachzuweisen, daß seine Partei auf anderen Gebieten und auf diesem den Zwang nicht ablehne. Habe seine Partei den Antrag Buhl nicht gemeinschaftlich mit den Nationalliberalen eingebracht, nicht das frühere Hülfskassen⸗ gesetz beschlossen? Man sollte sich ein treueres Gedächtniß bewahren. Seine Partei habe kein Interesse gehabt an einem Kampfe mit den Nationalliberalen. Seine Partei habe es bei der Fusion ausdrücklich als Bedingung gestellt, daß dieselbe nicht einen solchen Kampf bedeuten solle. Kaum aber sei die freisinnige Partei ins Leben gerufen, da sei die Hetze gegen seine Partei losgegangen und die Tonart, in der man in der Presse über seine Partei spreche, sei ein Beweis, daß man ein aufrichtiges Zusammengehen mit derselben nicht mehr wolle. Dann möge man sich nicht wundern, wenn seine Partei die Konsequenzen ziehen müsse. Das Verhalten der Nationalliberalen in der Unfallfrage bleibe immer noch unaufge⸗ klärt. Wer die Politik des Reichskanzlers genauer verfolge, der wisse, daß derselbe an seinen Zielen mit eiserner Konsequenz festhalte, So auf dem des Budgetrechts; die Beseitigung des Einnahmebewilligungsrechts und die Vermehrung der in⸗ direkten Steuern im Zusammenhang damit. Auf dem Gebiet der Sozialpolitik sei das Ziel, den Staat als entscheidenden Regulator in die Erwerbsthätigkeit des Volkes einzuführen und die erwerbende Gesellschaft unter der Leitung des Staats⸗ gewaltamtes zu organisiren. Alle Unfallvorlagen hielten an der Beseitigung der Privatgesellschaften und an der Staats⸗

einmischung und dem Staatszuschusse in irgend einer Form

fest. Seine Partei habe bisher mit den Nationalliberalen ge⸗ meinsam diesen Bestrebungen widerstanden; es scheine, daß seine Partei einen Theil ihrer früheren Kampfgenossen auf diesem Gebiet verlieren werde. Ohne daß es fuͤr die Inter⸗ essen der Acbeiter, denen auch seine Partei dienen wolle, nöthig gewesen sei, werde eine wohlthätige Privatversicherung zerstört, uUm eine unerprobte schwerfällige neue Genossenschaftsorganisation zu schaffen. Und um was handele es sich dabei? Von 10 Millionen Arbeitern sollten nur circa zwei Millionen versichert werden. Für die Hälfte derselben sei bereits Vorsorge getroffen. Um diese verhältnißmäßig kleine Aufgabe zu lösen, mache man, wie auch die Freunde der Vorlage anerkennten, einen Gang ins Dunkle, schaffe eine weitläufige Organisation, welche, wie auch der Minister anerkannt habe, nicht ausgedehnt könne, für die große Mehrzahl derjenigen Arbeiter, welche un⸗ versichert bleiben müßten. Man mache es also geradezu un⸗ möglich, das zu erfüllen, was das sozialpolitische Programm an die Spitze stelle. Wie lange sollten die Arbeiter noch warten? Sie würden bald erkennen, daß ihnen auf dem Wege

werden durch einige philosophische Systeme.

der Liberalen schneller und besser geholsen worden wäre. Aber die Privatgesellschaften müßten beseitigt werden, und dieser Tendenz habe sich das Andere anbequemt. Es handele sich hier um den Anfang, um die erste Etappe auf dem Wege, um so mehr sollte man sich hüten, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Noch bei der ersten Lesung habe der Abg. Buhl „ein entscheidendes Hauptgewicht“ auf die Erhaltung der Gegenseitigkeits⸗Gesellschaften gelegt. Derselbe habe ge⸗ sagt: „Das wäare doch ein außerordentlich bedenkliches Moment, wenn man, um dem einen zu einer, wie er glaube, nicht besseren Versicherung zu verhelfen, dadurch vielen anderen die Versicherung unmöglich machen würde.“ Ein schärferes Votum gegen das Gesetz, für das die Nationalliberalen jetzt stimmen wollten, könne es doch nicht geben. Dem Arbeiter wäre besser zu helfen ge⸗ wesen. Jetzt solle die Entschädigung auf 66 8 Proz. herab⸗ gesetzt und trotz anerkannten Bedürfnisses die Versicherung auf den größten Theil der Arbeiter nicht ausgedehnt werden. 95 Proz. der Unfälle wälze man auf die Krankenkasse, über⸗ trage den Arbeitern die Last der Verwaltung und Abwickelung und außerdem 3 Millionen Mark, welche sie von Rechtswegen zu bezahlen hätten. Das Ungerechteste sei aber, daß die⸗ jenigen zu diesen 3 Millionen beizutragen hätten, welche von den Wohlthaten des Versicherungsgesetzes ausgeschlossen seien. Das heutige Amendement beseitige diese Ungerechtigkeit nicht. Um in 4-⸗ bis 5000 Unfällen im Jahre die Entschädigungs⸗ frage zu regeln, mache man für das Reich einen so kolossalen und schwerfälligen Apparat von Genessenschaften, die in allen Hauptsachen keine Selbstverwaltung hätten, sondern sich den Bestimmungen des Reichs⸗Versicherungsamtes unterwerfen müßten. Als Dekoration werde ein Arbeiterausschuß beige⸗ geben, der, wie das anerkannt sei, nicht mitzureden und nichts mitzuthun habe. Man habe diese Gesetzgebung als rste Lösung der sozialen Frage ausgerufen, aber wie duͤrftig sei in Wahrheit diese angebliche Lösung. Habe dem Hause doch der Abg. Kayser nachgewiefen, daß die Industrie, welche früher 12 Millionen aufgebrach: habe, nunmehr 16 Millionen aufbringen müsse. Also um dieser 4 Millionen werde ein derartiger Weg in ein unbekanntes Land beschritten! Dies Beseitigung der Konkurrenz der freien Versicherungen Etappe zur Verstaatlichung aller Industrien, und wer erkennen vermöge, der müsse sich auch zum Widerstand gegen eine Maßregel aufraffen, deren Quintessenz doch nur sei, daß der Staat, nachdem derselbe selbst versichere, nun alle Anderen verhindern wolle, selbst zu versichern. Redner bestritt, daß die Reichsgarantie nur ein „Ornament“ sei; diese Garantie werde sich zweifellos praktisch äußern müssen; ferner widerstrebe es allen bisher in der Arbeiterwelt geltend gewesenen Grund⸗ sätzen, daß die Arbeiter von den über ihre Angelegenheiten be⸗ rathenden Ausschüssen ausgeschlossen bleiben sollten. Worin bestehe denn nun der Nutzen des Gesetzes? Dazu sei ein großer Theil der Unfälle auf die Krankenkassen abgewälzt worden! Noch nie habe er gesehen, daß ein Theil der Volks⸗ vertretung gegenüber der Thatsache, daß der Reichskanzler seine Hand auf einen Zweig der Privatthätigkeit gelegt habe, also einem so wichtigen Schritt in ein unbekanntes Land gegenüber, so leicht wie hier, ihr Recht aus der Hand gegeben Man habe mit diesem Gesetz das Fundament zu einem sozialdemokratischen Staate gelegt, man habe den Anfang ge⸗ macht mit einer staatlichen Zwangsorganisation eines hervor⸗ ragenden Betriebes unter staatlicher Leitung; man habe die Unfallversicherung in einem Sinne geleitet, daß man den Arbeitern 3 Millionen mehr aufgelegt habe, als nothwendig gewesen sei, und das Letzte, aber nicht das Leichteste: man habe den Anfang mit der Vernichtung einer großen Privat⸗ Erwerbsthätigkeit gemacht. Diesen Anfang wolle seine Partei nicht mitmachen und deshalb bitte er im Interesse einer ge⸗ sunden sozialen Entwickelung des deutschen Volkes die Vor⸗ lage abzulehnen.

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Der Abg. Frhr. von Wendt erklärte, der größte Theil seiner politischen Freunde werde für die Beschlüsse zweiter Lesung stimmen. Er glaube, daß durch dieselben dem sozialen Elend und der Atomisirung der Arbeiterwelt entgegengewirkt werden könne. Freilich umfasse der Entwurf nur zwei Mil⸗ lionen Arbeiter. Seine Partei sei aber davon ausgegangen, daß zunächst nur diejenigen Arbeiter zu treffen seien, welche vorzugsweise unter der modernen Entwickelung der Industrie zu leiden hätten. Der Gesetzentwurf unterscheide sich vortheil⸗ haft von dem Haftpflichtgesetz. In den allerseltensten Fällen sei der Haftpflichtige dazu zu bewegen, ohne Mitwirkung der Gerichte dem Verletzten eine Entschädigung zu gewähren. Die jetzige Organisation werde auch sehr viel vortheilhafter sein, als die Aktiengesellschaften. Durch die organische Gliederung bei den Berufsgenossenschaften werde eine Milderung der Gegensätze zwischen Arbeiter und Arbeitgeber herbeigeführt werden können. Der Arbeiter solle nicht wie ein todtes Werk⸗ zeug, wie eine zerbrochene Schraube weggeworfen werden. Es solle sich zwischen Arbeiter und Arbeitgeber ein Verhältniß der Nächstenliebe, gegründet auf die Anerkennung des moralischen Werthes und der Dankbarkeit, herausbilden. Mit großer Freude habe das Centrum den Satz der Allerhöchsten Botschaft be⸗ grüßt, daß der Staat allein der Fürsorge für den Schutz der Arbeiter nicht gewachsen sei, sondern daß es hierzu der Heran⸗ ziehung aller realen Kräfte des Volkslebens bedürfe. Wenn nun auch dieser Zweck in der Vorlage nicht in vollem Um⸗ fange erreicht sei, so sei doch wenigstens der Anfang gemacht, mit dem unheilvollen System der Staatsomnipotenz zu brechen. Man habe nicht ohne Weiteres staatliche Institute geschaffen, sondern eine organische Gliederung, wie sie das Handwerk zum Theil besitze. Alle diese Bestrebungen würden aber nichts nutzen, wenn sie nicht durch die Religion unterstützt würden. Der Abg. Bebel befinde sich in einem sehr großen Irrthum, wenn derselbe meine, daß man mit der Kirche leicht fertig werden könne, nachdem der Kapitalismus und die Bourgeosie besiegt sei. Die christliche Kirche sei nicht begründet auf die Geldsäcke der Bourgeoisie. Sie könne auch nicht überwunden Christenthum und Wissenschaft seien auch keineswegs unverträglich, er meine aber die wahre Wissenschast. Um die soziale Reform durch⸗ zuführen, sei es durchaus nothwendig, den realen Kräften des

olkslebens das Centrum die Freiheit der Kirche. Die Kirche predige freiwillige Entsagung, Selbstlosigkeit, Nächstenliebe. Dadurch allein könne der allgemeinen Schrankenlosigkeit auf allen Gebieten ein Damm entgegengesetzt werden. Daß diese Ziele nur langsam und vorsichtig erreicht werden könnten, liege auf der Hand. Er empfehle dem Hause nochmals die Annahme der Vorlage und warne dasselbe vor einer übereilten Annahme derjenigen Anträge, welche in der Kommission nicht gründlich geprüft seien.

Der Abg. Blos betonte, die segensreichen Wirkungen, die man sich von diesem Gesetz verspreche, würden ausbleiben. Wenn der Vorredner die Wissenschaft für sich in Anspruch nehme, so frage er denselben, welche Wissenschaft derselbe eigentlich im Sinne habe? Etwa die Theologie? Es heiße immer, die katholische Kirche könne alle sozialen häden ausgleichen und beseitigen. Dann sei die katholische aber schon sehr lange bei dieser Arbeit und die Schäden seien dabei gewachsen, statt sich zu verminde Vorredner habe die Entsagung als das Prinzip seiner Anschauungen hingestellt. in den katholischen Gesellenvereinen seien indifferent, weil sie künstlich von der ferngehalten würden; aber deshalb solle nicht etwa meinen, daß man heutzutage noch ei liche Gesetzgebung auf das Prinzip der Entf könne. Uebrigens ließen die hauptsächlichsten tholischen Bewegung es an ihrem Aeußeren nicht erkennen, daß sie am Prinzip der Entsagung hingen. ferner auch die Regierung behaupte, dies Gesetz sei erst der Anfang einer größeren Reformentwickelung, so lasse sich damit keines⸗ wegs der in diesem Gesetze bestehende Zwiespalt rechtferti daß man einen Theil der Arbeiter versicherungspflichtig den andern nicht. Daß man aber die Arbeiterausschü seitigt habe, was hauptsächlich des Abg. Windthorsts mühungen zu danken sei, das erkläre er als den schwersten dieser Sache begangenen Fehler. Man habe die Arbeiter v ständig von jeder Mitwirkung bei der Unfallversicherung aus⸗ geschlossen, was weithin im Lande die größte Unzufriedenheit erregen werde. Mit den Berufsgenossenschaften andererseits habe man den Unternehmern eine großartige Waffe in die Hand gegeben, deren Wirkungen sich erst später zeigen würden. Das ganze Gesetz sei nichts als ein weiterer Versuch zur Be⸗ vormundung der Arbeiter. Eine recht merkwürdige Bestim⸗ mung in der Vorlage sei die den Einzelstaaten eingeräumte Möglichkeit, auch für sich Versicherungsämter zu errichten. Wolle man damit etwa den Partikularismus degünstigen! Man werde nur neue Störungen in den an sich schon schwer fälligen Apparat hineinbringen, den man durch dieses Gese konstituiren wolle. Solle denn auch z. B. der in seinem Wah kreise, dem Fürstenthum Reuß älterer Linie, regierende Staatsmann, der bereits alle Ministerposten in seiner Pers vereinige, sich nun auch noch mit der Unfallversicherung be⸗ schäftigen? Man habe überhaupt die Sozialreform von der verkehrten Seite angefangen. Die Versicherungsfrage treffe überhaupt nicht den Kern der heutigen sozialen Bewegung. Für die Sozialdemokraten handele es sich um die ganzen Verhältnisse der arbeitenden Klassen. Wolle man die Sozial⸗ reform r beginnen, dann führe man zunächst Normalarbei ein! Das vom Reichskanzler proklar Recht auf A der Luft schweben blei Im Volke f ls der ungerechten Vorrechte der Sinne möge die Regierun der Vorlage der Fall sei, erweitern.

Der Abg. Dr. Buh was der Abg. Rickert . deutsch⸗freisinnigen Fusi Nationalliberalen gewesen ie H eine gemeinschastliche Reise die dortigen nationalliberalen Wahlkreis zu erscht die Organisationsfrage betreffe, so habe di eine monopolisirte Reichsanstalt vorgeschle Monopol ebenso wie gegen das noch sch staaten seine Partei jeder Zeit entschieden habe. In der gegenwärtigen Vorlage aber die Thätigkeit des Staates darauf, lediglich der Regelung dieser ganzen Sache zu geben, 1 erade wolle seine (des Redners) Partei. Man käme dann vom staatlichen Monopol zu dem von freisinniger Seite angeregten Versicherungszwang. Beim Erscheinen der jetzigen Vorlage hätten aber freisinnige Blätter, wie di kszeitung“ und die „Ostseezeitung“ geschrieben, daß der rsicherungszwang mit der privaten Vereinsthätigkeit auf diesem Gebiet unver⸗ einbar sei. Diese Blätter von der linken Partei hätten sofort die ganze Tragweite des Versicherungszwanges adoptirt. Für seine Partei sei die Zulassung der Privatgesellschaften, die sie

fakultativ habe gewähren wollen, keine fundamentale Frage, denn den Arbeitern könne es gleich sein, ob sie ihre bestimn regulirten Entschädigungen von den Privatgesellschaften

von den Genossenschaften erhielten. Besonders wichtig sei seiner Partei aber jetzt, daß die verbündeten Regierungen nunmehr, wo die Privatgesellschaften beseitigt seien, sich mög⸗ lichste Mühe geben würden, um denen, die um ihren ehrlichen Broderwerb bei dieser Gelegenheit gebracht würden, eine Ent⸗ schädigung zu gewähren. Was die Frage des Reservefonds und des Umlageverfahrens betreffe, so erkläre die „Frank⸗ furter Zeitung“, das Blatt des Abg. Sonnemann, noch am 24. Ma;, daß ein Reservefonds von 40 Millionen eine halb⸗ wegs solide Grundlage sei. Nun aber komme man zu einem Reservefonds von 48 Millionen im Minimum. Außerdem würden durch die Bestimmung, wie der Reservefonds geregelt sei, in den ersten 5 Jahren mit Zinsen etwa schon 40 Mil⸗ lionen aufzubringen sein. In einer derartigen Regelung des Reservefonds liege wirklich ein vermittelnder Standpunkt zwischen dem, was er in der ersten Lesung befür⸗ wortet habe, und dem, was jetzt erreicht sei. Die ganzen Ausführungen des Abg. Sonnemann über die geringe Belastung der Industrie in den ersten Jahren seien bei dem

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