8 “
Niach der Vorschrift in dem Zusatze zu §. 16 Ziffer 1 des Ge⸗ 2 vom 21. Juli 1852 (Gesetz⸗Samml. S. 465) findet die daselbst bestimmte Disziplinarstrafe der Entfernung aus dem Amt durch Ver⸗ setzung in ein anderes Amt mit Verminderung des Diensteinkommens und Verlust des Anspruches auf Umzugskosten oder mit einem von beiden Nachtheilen nur auf Beamte in unmittelbarem Staatsdienste Anwendung.
Es ist deshalb, da die Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen
Volksschulen nicht als unmittelbare, sondern nur als mittelbare
Staatsdiener gelten, die Strafversetzung derselben wegen Dienstver⸗
gehen nach damaliger Lage der Gesetzgebung für ee erachtet
orden. Erhält jetzt in denjenigen Gebietstheilen, aauf welche der Gesetz⸗ entwurf sich erstreckt, der staatliche Charakter des Volksschulamtes und die prinzipielle Gleichstellung der Volksschullehrer in ihrem Dienst⸗ verhältniß mit den unmittelbaren Staatsbeamten, dadurch einen be⸗ stimmten Ausdruck, daß gemäß §. 1 das Lehreranstellungsrecht für den Staat allein in Anspruch genommen wird, so erscheint es ange⸗ messen, gleichzeitig in diesen Gebietstheilen die Lehrer und Lehrerinnen an den Volksschulen auch in Ansehung der Anwendbarkeit der Straf⸗ versetzung den unmittelbaren Staatsbeamten gleichzustellen.
Ers liegt dies mmgleich im eigenen Interesse der Lehrer. Denn wo die Zulässigkeit der Strafversetzung fehlt, bleibt gegen einen Lehrer, welcher sich eines Dienstvergehens schuldig gemacht hat, das mit einer bloßen Ordnungsstrafe nicht gesühnt werden kann, sondern die Ent⸗ fernung aus dem Amt unerläßlich macht, gegenwärtig nichts übrig, als die Verhängung der Strafe der Dienstentlassung gemäß §. 16 Ziffer 2 des Gesetzes vom 21. Juli 1852.
Zu §. 3. Zu denjenigen landrechtlichen Vorschriften auf dem Gebiete des
Volksschulwesens, welche theils in ihrer rechtlichen Guüͤltigkeit bestritten sind oder als ungerecht und drückend empfunden werden, gehört vor⸗ zugsweise der §. 33 A. L.⸗R. II. 12, welcher bestimmt:
„Gutsherrschaften anf dem Lande sind verpflichtet, ihre Unter⸗ thanen, welche zur Aufbringung ihres schuldigen Beitrags ganz oder zum Theil auf eine Zeit lang unvermögend sind, dabei nach Noth⸗ durft zu unterstützen.“
Diese Vorschrift ist von Alters her eine Quelle der Unzufrieden⸗ heit und vielfachen Streites gewesen. Im Ministerialerlaß vom 8. Mai 1830 ist der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die gedachte Be⸗ stimmung mit der durch das Edikt vom 9. Oktober 1807 erfolgten Aufhebung der Erbunterthänigkeit weggefallen sei. Seit dem Jahre 1837 aber ist die entgegengesetzte Ansicht in der Verwaltung zur Herr⸗ schaft gelangt und bisher auch durch Urtheile von Verwaltungsgerichten, sowie von ordentlichen Gerichten aufrecht erhalten worden. Gleich⸗ wohl dauern die erheblichen Bedenken, sowohl in Betreff der recht⸗ lichen Begründung, als auch der praktischen Ausführung dieses Ver⸗ fahrens unvermindert fort und es erscheint deshalb die Beseitigung des §. 33 a. a. O. auch schon bei der sich jetzt darbietenden gesetz⸗ geberischen Gelegenheit geboten.
„Für diejenigen vom vorliegenden Entwurf betroffenen Landestheile, für welche der §. 33 a. a. O. sich noch in Geltung befindet, also für die Provinz Posen und den Regierungsbezirk Oppeln, soweit in dem⸗ selben nicht das katholische Schulreglement von 1801 gilt, kommt weiter in Betracht, daß die rücksichtlich der Unterhaltung der Volks⸗ schulen auf dem Lande der Gutsherrschaft des Schulortes durch die Vorschrift des §. 33 a. a. O. auferlegte subsidiarische Ver⸗ pflichtung gegenüber ihren damaligen Unterthanen sich vornehmlich als Korrelat des Lehrerberufungsrechts darstellt, welches durch die Vor⸗ schrift des §. 22 a. a. O. dem Gutsherrn des Schulortes zugestanden worden ist. Es wird deshalb für billig zu erachten sein, die Guts⸗ herrschaften des Schulortes bei Entziehung ihres bisherigen Lehrer⸗ berufungsrechts zugleich von der aus der Vorschrift des §. 33 her⸗ geleiteten Verpflichtung zu befreien. Die hierdurch entstehenden Lasten sind aber mit Ruücksicht auf den rechtlichen Ursprung der⸗ selben, wie auf die Höhe der Schullasten nicht den anderweitigen Schulunterhaltungspflichtigen aufzulegen, sondern auf die Staatskasse zu übernehmen.
Vom Standpunkte der Finanzverwaltung stehen Bedenken nicht entgegen, zumal das Objekt, um welches es sich hierbei handelt, ein verhältnißmäßig nicht bedeutendes ist. Die Summe, welche aus An⸗ laß des §. 3 des Entwurfs die Staatskasse zu übernehmen haben würde, beläuft sich für die vorgedachten Landestheile nach einer schätzungsweisen Berechnung auf Grund von Erhebungen, welche im ööö stattgefunden haben, auf etwa 52 000 ℳ bis höchstens
Statistische Nachrichten.
Gelegentlich eines Vortrages in der Manchester Statistical Society im Jahre 1884 über die Fortschritte auf sittlichem Gebiet in England gab Professor Leone Levi folgende Uebersicht über die Zahl der Selbstmorde und Verunglückungen in den wichtigsten Staaten Europas im Verhältniß zur Einwohnerzahl und zur Gesammtzahl der Sterbefälle. Es entfallen
auf 1 000 000 Einwohner auf 100 Sterbefälle
in Selbst⸗ Verun⸗ Selbst- Verun⸗
morde glückungen morde glückungen 187 18 0,73 “ “ 0,33 45 0,21 89 . 42
173 77 230 98
41
30 118
55
ngland und Wales. den Niederlanden. Belgien. Frankreich. der Schweiz Italien. Spanien. Oesterreich Ungarn Danemark 251 b “*“ 70 Sä6 91 445 0,90 2,47 Die für die Niederlande, Spanien, Ungarn und Dänemark gege⸗ benen Zahlen sind von uns auf Grund amtlicher Daten nachträglich berechnet, beschränken sich aber wegen Mangels an älteren Angaben nur auf wenige Jahre und sind deshalb nicht ganz vergleichungsfähig mit den anderen. Trotz alledem geben die vorstehenden Zahlen ein interessantes Bild von den Verschiedenheiten in wirthschaftlicher und sittlicher Beziehung in den einzelnen Staaten.
Kunst, Wissenschaft und Literatur.
Paris, 11. Februar. (W. T. B.) Léon Say, Edouard 8g und Le Conte Delisle sind zu Mitgliedern der kademie gewählt worden.
er Chronist. Kurzgefaßte Notizen zur Zeit⸗ geschichte, zugleich ein fortlaufendes Supplement zu jedem Konversations⸗Lexikon. Herausgegeben von Dr. Karl Siegen. 4. Heft. 1885. 4. Quartal. Leipzig, Verlag von C. Reißner. 1886. Mit diesem 4. Heft liegt nunmehr der 1. Jahrgang (1885) des „Chronisten“, 193 S. umfassend, vollständig vor und liefert einen Beweis dafür, was in einem einzigen Jahre alles Wissenswerthes zu verzeichnen ist. In zuverlässiger, klarer, knapper Weise giebt derselbe über alle wichtigen Ereignisse des verflossenen Jahres Auskunft. So ist der politischen Vorgänge in den verschiedenen Ländern und ihrer Geschichte (in Bulgarien, Serbien, Egypten, England, Frankreich, Spanien, Oesterreich, Braunschweig u. s. w.) gedacht, ein Resumé der Reichstagssitzungen gegeben, den Fortschritten der deutschen Kolonialpolitik Sorgfalt zugewandt, ebenso von den interessantesten Entdeckungsreisen, Erfindungen, von belangreichen Todes⸗ fällen u. s. w. Notiz genommen. Außerdem enthält der Jahrgang auch kurze Biographien lebender Tagesgrößen. Ebenso sind alle wichtigen Ereignisse aus dem Gebiete von Theater, Kunst, Literatur
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6
gangen sein, was hinsichtlich des öffentlichen Lebens des letzten Jahres irgend bemerkenswerth ist. Es kann daher der vorliegende I. Jahrgang des „Chronisten“ allen Gebildeten, zumal auch dem Gelehrten, als Nachschlagebuch empfohlen werden.
— Die für alle Volks⸗, Schul⸗ und Anstaltsbibliotheken geeigneten, zu den besten 2255— unserer christlichen Literatur gehörenden, bei Hugo Klein in Barmen erschienenen Emil LEe gesn Schriften: „Feldblumen; Treue Herzen; Die Gräfin; Henhöfers Leben; Das Gebet des Herrn in Predigten; Die zehn Geboke Gottes in Predigten“, sind fortan auch in 6 Bänden, dauerhaft gebunden, numerirt, zum Preise von 12,00 ℳ — wobei die Einbände nicht be⸗ rechnet sind — als kleine Bibliothek zu haben. I
Gewerbe und Handel. .
Vom Berliner Pfandbrief⸗Institut sind bis Ende Januar 1886 2 790 900 ℳ 3 ½ % ige, 19 945 500 ℳ 4 %iige, 44 446 200 ℳ 4 ½ % ige und 9 431 400 ℳ 5 %ige, zusammen 76 614 000 ℳ Pfandbriefe ausgegeben, wovon noch 2 790 900 ℳ 3 ½ %ige, 19 161,500 ℳ 4 %oige, 31 721 400 ℳ 4 ½ „% ige und 5 458 800 ℳ 5 %ige, zusammen 59 132 700 ℳ Pfandbriefe verzinslich sind. Es sind zugesichert, aber noch nicht abgehoben 439 500 ℳ, i Laufe des Monats Januar 1886 angemeldet 3 Grundstücke mit einem Feuerversicherungswerthe von 258 300 ℳ — Der Aufsichtsrath der Magdeburger Bergwerks⸗ Aktien⸗Gesell schaft hat beschlossen, der bevorstehenden General⸗ versammlung die Vertheilung einer Dividende von 15 % für 1885 vorzuschlagen; auch im Vorjahre wurden 15 % vertheilt.
— Der Aufsichtsrath der Lübecker Bank hat beschlossen, der bevorstehenden Löene wen die Vertheilung einer Dividende von 5 ¾ % vorzuschlagen. In den beiden vorangegangenen Jahren hat die Bank 5 ½ % Dividende vertheilt.
Antwerpen, 11. Februar. (W. T. B.) Wollauktion. Geschäft belebter, Preise unverändert. Angeboten 2059 Ballen La⸗ Plata⸗Wollen, davon verkauft 1785 Ballen.
London, 11. Februar. (W. T. B.) Die Abhaltung der Wollauktion wurde durch Nebel verhindert.
Bradford, 11. Februar. (W. T. B.) Wolle ruhig, Preise Prichend, arne ruhig, Stoffe besser in Folge inländischen
L166
Submissionen im Auslande.
“ I. Belgien. I. Verwaltung der Staats⸗Eisenbahnen. 1) Nächstens, Börse zu Brüssel. Holzlieferung. 8 LgLoos 1. 345 chm Rothtanne in Balken. 2. 48 ¼ Ulme in Bohlen und Stämmen. 6 „ Linde in Bohlen. 185 Bcs⸗ (ca 35 eißholz (Canada) in Bohlen. 10 Nußbaum 8 44 Mexikanisches Mahagoni (Tonala) 1 in Bohlen. 6. 20 Ulme in Bohlen. 8 1 7 tb „ Esche „ G Zu liefern Loose 1—5 nach Malines (Mecheln), Loos 6 nach Brüssel (Quartier Léopold). 2) Nächstens, Börse zu Brüssel. Lieferung von 1175 Kautschuk⸗ röhren ꝛc. in verschiedenen Dimensionen. Zu liefern nach Malines Lieferung beträchtlicher Quan⸗
(Mecheln).
3) Nächstens, Börse zu Brüssel. titäten Lokomotiven⸗ und Wagenbestandtheile, Werkzeuge ꝛc.
4) Nächstens, Börse zu Brüssel. Errichtung eines Gebäudes für
Beamtenpersonal in Station Louvain (Löwen). Voranschlag
15 559 Fr. Vorläufige Kaution 750 Fr. Auskunft beim Ingenieur
en chef, Direktor Goffin, rue Latérale Nr. 2 zu Brüssel und beim
Ingenieur en chef, Direktor De Taepe zu Station Brüssel (Nord). b8; II. Verschiedene.
8 10 Die “ Iegch g 88en. de fer vicinaux wird
n ihren Bureaus rue de la loi Nr. 9 zu Brüssel die i Submissionen eröffnen. . 2.eam 3. März, 11 Uhr Vormittags, die auf den Bau der Vicinalbahn von Andenne nach Eghezée bezüglichen;
b. am 10. März, 11 Uhr Vormittags, desgleichen von Melreux nach Laroche.
Pläne, Lastenhefte ꝛc. liegen im vorgenannten Bureau und beim rn. Ingenieur Bellefroid zu Jambes⸗lez⸗-Namur ad a. vom 15. Fe⸗ ruar ab, ad b. vom 22. Februar ab zur Einsicht offen.
2) 22. Februar, 11 Uhr Vormittags. Rathhaus zu Blankenberghe. Anlage eines Squares (Erdarbeiten, Mauerwerk, Lieferung von Ecaus⸗ sines⸗ oder Feluy⸗Blausteinen und von eisernen Ornamenten). (Vor⸗ anschlag 6998 Fr. Kaution 400 Fr. Die Offerten müssen spätestens am Tage vorher dem Herrn Bürgermeister von Blankenberghe zu⸗ gegangen sein. Pläne, Lastenhefte ꝛc. liegen auf dem Gemeinde⸗ Sekretariat zur Einsicht auf und sind dort auch käuflich.
3) 22. Februar, 10 Uhr Vormittags. Rathhaus zu Assenois (Provinz Luxemburg). Bau eines Pfarrhauses. Voranschlag 14 550 Fr. Submission durch eingeschriebenen Brief am 21. Februar,
vor 6 Uhr Abends.
4) 1. März, 2 Uhr Nachmittags. Rathhaus zu Borgerhout⸗lez⸗ Anvers. Bau eines neuen Rathhauses. Voranschlag 362 689 Fr. Pläne und Lastenheft liegen im Gemeindesekretariat zur Einsicht auf.
1. März, 2 Uhr Nachmittags. Rathhaus zu Braine⸗le⸗ Comte. Pflasterung, Anlage von Trottoirs und Abzugskanälen. Vorans Dlag für die eine Straße (rue de la station) mit Trottoir in alksteinen 24 394 Fr., für die andere (am Grand'place) mit Trottoir in Sandsteinen 26 883 Fr. Kaution je 500 Fr.
“ II. Niederlande.
1) Steenbergsche Landbouns⸗Vereinigung. Lieferung von 71 500 kg Superphosphat (14 %). Offerten bis spätestens 15. Februar d. J. an den Präsident der Vereinigung, Herrn C. Timmers in Heen,
Steenbergen. 1886. Gemeinde⸗Gasfabrik
2) 23. Februar Oost⸗Zeedyk. B “ von 180 Retorten⸗Mundstücken und 1200 Schrauben⸗
Näheres im Bureau voor de Plaatselyke We Ti 8 Fhsiecdam. Plaatselyke Werken, Timmerhuis 25. Februar 1886, Vormittags 11 Uhr. Kriegs⸗Ministerium im Haag (Reichs⸗Geschütz⸗Gießerei, Kanonenstraat Nr. 316); Lieferung von 40 000 kg Ruhr⸗Maschinenkohlen und 10 000 kg Ruhr⸗Schmiedekohlen. 11 Näheres an Ort und Stelle. 4) Städtische Gasfabrik zu Leiden. Lieferung von 12 000 t deutsche Gaskohlen. Offerten bis spätestens 2. März 1886, 2 Uhr Auskunft an Ort und Stelle.
Verkehrs⸗Anstalten.
Bremen, 11. Februar. (W. T. B.) Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „General Werder“ ist he früh in New⸗York eingetroffen.
1 Hamburg, 11. Februar. (W. T. B.), Der Postdampfer „Moravia der Hamburg⸗Amerikanischen Packetfahrt⸗ Aktiengesellschaft ist, von Hamburg kommend, heute Mittag in
New⸗York eingetroffen. Triest, 11. Februar. (W. T. B.) Der Lloyddampfer
„Daphne“ ist heute Nachmittag aus Konstantinopel hier eingetroffen. Sanitätswesen und Quarantänewesen.
Oesterreich⸗Ungarn. Das K. K. Handels⸗Ministerium hat die für alle italienischen
zu Rotterdam,
Nachmittags.
infektion der Schiffe sowie der Gebrauchsgegenstände der Mannschct und der Passagiere, und Mittheilung der Namen der — an di politischen Lokalbehörden — („R.⸗A.“ Nr. 34 vom 8. Februar 1886 nunmehr auf die ärztliche Untersuchung im Ankunftshafen und 82 8 e der Passagiere an die politischen Lokalbehörden be⸗ ränkt.
Für venezianische Provenienzen jedoch bleibt die angeord fünf
tägige Observationsreserve bis auf Weiteres in Kraft. nets stuf
“
Berlin, 12. Februar 1886.
Der Verein für deutsche Volkswirthschaft beschäfti sich gestern Abend in einer im Knorr'schen Restaurant vbecäf Sitzung mit der Frage der Heranziehung des Branntweins zu höherer Besteuerung. Das einleitende Referat hielt der Redacteur der Vereins⸗Zeitschrift, Dr. F. Horn. An der Debatte, die sich bis Mitter⸗ nacht ausdehnte, betheiligten sich Prof. Delbrück, der Rittergutsbesitzer Sombart, der Produktenmakler Emil Meyer, Hr. Hermann Guttmann der Veafer von „Der Weg zum Ziele“, und andere Interessenten, Der Vor itzende, Regierungs⸗RathSchück, konnte endlich die Verhandlungen wie folgt resumiren: Die Versammlung ist sich dahin einig, daß eine Erhöhung der Branntweinbesteuerung unabweislich sei. Es ist von vielen Seiten der Wunsch kund gegeben, daß die Reichsregierung dahin streben müsse, die bezüglich der Getränke bestehenden Reservat⸗ rechte der süddeutschen Bundesstaaten zu beseitigen, allerdings nicht mit so großen Aufwendungen, wie man es jetzt zu thun beabsichtü Gegen Erportprämien, nicht gegen Exportbonifikationen hat sich eine allgemeine Abneigung ausgesprochen. Es wird ein großes Gewicht auf die Stellung Hamburgs betreffs des Spiritus gelegt, der dort frei eingeführt und nach erfolgter Rektifikation mit Hülfe der Exportbonifikation zum Schaden des deutschen Spiritus ausgeführt wird. Die Versammlung ist sich ferner dahin einig, daß eine Rektifikation des Spiritus nothwendig sei. Keine direkte Einig⸗ keit ist erzielt über 185 e, ob man sich für Monopol oder Konsum⸗ steuer entscheiden solle. Im Allgemeinen bezeichnet aber die Versammlung die Monopol⸗Idee nicht als eine vollständig unnahbare, glaubt jedoch den Weg einer Handelskonsumsteuer vorziehen zu müssen, aber nur unter der Bedingung, daß neben dieser Handelskonsumstruer, die vom Groß⸗ händler zu tragen, noch eine bedeutende Schanksteuer erhoben wird Die Maischraumsteuer soll in verbesserter Form beibehalten bleiben.
Die 14. Geflügelausstellung der „Cypria“, die he im Wolfschen Kaufhause in der Oberwallstraße eröffnah wurde, ist 88 sammt von 173 Ausstellern beschickt. Die ungemein reichhaltige Schau vertheilt sich auf zwei Etagen: im ersten Stock sind Hühner, Gänse und Enten, im zweiten Tauben und Ziervögel untergebracht. Die Abtheilung der Hühner ist ebenso gut wie reich vertreten; man kann in der That behaupten, daß hier selten eine derartig vortreffliche Kollektion gezeigt worden ist. Ziemlich reich ist vor Allem gleich die erste Unterabtheilung, die der Bantams beschickt. Unter den Zwerghühnern entzücken den Kenner sehr seltene Japa⸗ nesen, die der berühmten Ortleygschen Zucht entstammen. In der Abtheilung der Hamburger sind besonders Silberlacks sehr schön, da⸗ gegen fehlen gänzlich die in England beliebten schwarzen. Die Ita⸗ liener, jetzt ihrer Eierproduktion wegen ungemein beliebt, waren sehr reich vertreten; unter den Spaniern wurden mit vollem Recht drei erste Preise vertheilt; mit den besten englischen Thieren konnte der von Pastor Berendt⸗Klein⸗Ottersleben ausgestellte Stamm Nr. 108 konkurriren. Auch Minorcas fanden den Beifall der Kenner. In der Abtheilung der Enten dominiren die neuerdings sehr beliebt gewordenen Pekings; Gänse sind nur in 4 Nummern ausgestellt. — Auch die Abtheilung der Tauben zeichnet sich durch Reichhaltigkeit aus. Feld⸗ und Farbentauben sind in 79 Nummern sehr gut ver⸗ treten, wie stets in Berlin. — In der Abtheilung „Gemästetes Ge⸗ flügel“ sind wieder wahre Kolosse ausgestellt. — Die Kanarien⸗ Abtheilung ist mit 75 Nummern besetzt; unter den Ziervögeln sind namentlich Papageien hervorragend, unter den Geräthen findet sich eeh. 88. E““
ie goldene Medaille Sr. Majestät des Kaisers erhielt Hr. R. Schön⸗ wetter in Berlin. Den Bodinus⸗Ehrenpreis erhielt 8 die laspene Vereinsmedaille Geheimsekretär Braun⸗Berlin für Gesammt⸗ eistung.
„In der Aegintha⸗Ausstellung sind noch folgende Haupt⸗ preise vertheilt worden: Die goldene Medaille für ausländische Vögel erhielt Frl. Hagenbeck, einen Ehrenpreis für Literatur Dr. Bolle, während mit ersten Preisen für ausländische Vögel die Herren Fockelmann, Schlegel und Blechschmidt ausgezeichnet wurden.
London, 11. Februar, Nachmittags. (W. T. B.) Bis jetzt herrscht in allen Theilen Londons vollständige Ruhe. Alle Läden sind offen, und die Geschäfte nehmen ihren gewöhnlichen Gang. Die von den Behörden getroffenen Vorsichtsmaßregeln bleiben bis auf Weiteres aufrechterhalten.
—. 12, Februar. (W. T. B.) Gestern fanden in verschiedenen Provinzialstädten Fündgebun gn beschäftigungsloser Arbeiter statt. In Leicester griff die Volksmenge mehrere Strumpfwaarenfabriken an, welche wegen Strikes ihrer Arbeiter feiern. Die seeüster wurden zertrümmert und die Maschinen zerstört. Die Polizei stellte schließlich die Ruhe wieder her.
„Im Concerthause hatte Hr. Musikdirektor Mannsfeldt am Mittwoch das VI. Extra⸗Concert mit Sologesängen und chorischen Aufführungen veranstaltet. Dasselbe nahm einen durchaus wohlgelungenen Verlauf. Im ersten Theil sang die ge⸗ schätzte, in musikliebenden Kreisen wohlbekannte Concertsängerin Frl. Therese Zerbst Lieder von ihrem Lehrer O. Eichberg, J. Brahma und F. Kauffmann, von denen namentlich der Vortrag der Eich⸗ bergsche Komposition der Heine'schen Ballade „Der Asra“ Anerken⸗ nung verdiente. Auf die von dem ausgezeichneten lötenvirtuosen der Hauskapelle, Hrn. Charles Mols, meisterhaft schön geblasenen Phantasie über die „Jüdin“ (von Demersseman), zu welcher sich der Vortragende selbst eine ungemein schwierige, trotzdem aber mit der größten Sicherheit ausgeführte Kadenz hinzukomponirt hat, — folgte so⸗ dann, unter der eigenen Direktion des Komponisten, des Musik⸗ direktors Hrn. Hermann Mohr, die Kantate für Sopransolo, Männerchor und Orchester: „Dem Genius der Töne“ (Text von J. W. Widmann). Das ernst und feierlich gehaltene Werk bietet dem Chor sowohl wie der Solistin dankbare Aufgaben, welche auch gut und beifallswürdig gelöst wurden. — Den Schluß des Abends bildete die früher viel aufgeführte, jetzt seltener gehörte Symphonie⸗Ode „Die Wüste“, von Fölicien David (Dichtung von M. A. Colin) mit Deklamation, Gesängen, Männerchor und Feger Das melodiöse, caraktervolle Werk, welchem echte arabische Weisen zu Grunde gelegt — wie sie der Komponist während seiner Verbannung in Afrika zu sammeln un aufzuzeichnen Gelegenheit fand, ist stellenweise von ergreifender Schön⸗ heit und erreicht in der Tonmalerei das Möglichste. Hr. Hauptstein sang das Tenorsolo und verdiente namentlich für seinen Vortrag des Nachtgesanges Beifall. Die begleitende Deklamation sprach Hr. A. George klar und würdig. Auch dem Orchester wie dem Chor gebührte alles Lob.
Redacteur: Riedel.
Verlag der Expedition (Scholz). Druck: W. Elsner. Fünf Beilagen
Berlin:
und Wissenschaft berücksichtigt; kurz, es dürfte so leicht nichts über⸗
B1si mit Ausnahme der venezianischen, vorgeschriebenen orsichtsmaßregeln — ärztliche Untersuchung im Ankunftshafen, Des⸗
Feziehung seiner Meinung
b 11e“ * 1
zum 38.
Berlin, Freitag, den 12. Februar
nzeiger und Königlich Preußischen Staa
1“
Nichtamtliches.
Berlin, 12. Februar. In der gestrigen
eußen. Preuf wurde die Debatte über
7- Sitzung des Reichstages iie Währungsfrage fortgesetzt. Hierzu ergriff der Staats⸗Minister Dr. von Scholz das Bore g⸗ Herren! Ich habe kürzlich Gelegenheit gehabt, an einem uderen Orte öffentlich auszusprechen, daß und warum ich so sehr un⸗ on in die Debatten über die Währungsfrage eintrete. Ich würde Fübalb auch nicht Veranlassung genommen haben, heute in eine slche Debatte hier miteinzutreten, wenn ich nicht in den Morgen⸗ sittern gesehen hätte, was gestern hier vorgegangen. Ich habe die Ferhandlungen mit der Ueberzeugung gelesen, daß der Charakter, den ih ihnen im Allgemeinen neulich im Abgeordnetenhause beimaß, sich nüch hier wieder vollauf bestätigt hak, daß die Gründe, weshalb ich nich nicht gern an diesen Debatten betheilige, sich auch hier lediglich viederholt haben; aber wenn ich mir denke, was die Folge sein nürde, wenn ich mich heute nicht hierher begeben hätte, mit welchem Fiegesjubel dann in das Land hinausgerufen werden würde, daß diese Ausführungen hier meine Person nicht blos, sondern auch die auffasstung, die ich neulich ausgesprochen habe, vollkommen ernichtet haben, wenn ich den Schaden bedenke, der davon über das and dann wieder gekommen wäre, da habe ich mich allerdings der plicht nicht entziehen können, — heute hier zu erscheinen und einige naten Ihre Aufmerksamkeit mir zu erbitten; aber daß ich den⸗ vch über die vorliegende Resolution nicht zu sprechen brauche, dar⸗ sber werden wohl auch hier im Hause kaum getheilte Meinungen nach dem, was Hr. v. Kardorff gestern am Schluß seiner ger — ich kann mich natürlich überall nur auf das beziehen, was ch in dem allgemein zugänglichen Auszuge bekommen habe, — gesagt hat, ist es ihm ja selbst ganz egal, ob die Resolution angenommen vir oder nicht. In dieser Beziehung bin ich mit ihm vollständig inverstanden; eine nichtssagendere, gleichgültigere, überflüssigere Kiolution hat das Haus hier wohl noch nicht beschäftigt. Es ist vilig gleichültig, ob dieselbe angenommen wird oder nicht. D
sein;
Dazu inend ein Wort zu sprechen, ist also nicht meine Absicht, sondern nur an zu verhüten, daß das Triumphgeschrei in der bimetallistischen. Pritation beginnt: Der Finanz⸗Minister hat zwar im Abgeordneten⸗ huse einige unbedachte Worte fallen lassen, als aber die Sache da, wo sie hingehört, zur Sprache gekommen, hat man nichts von üm gehört und gesehen, da hat er sich vollständig verkrochen. So virde die Sache ausgelegt werden. Ich habe zwar sehr dringende udere Geschäfte heute vorzunehmen gehabt; ich habe sie aber unter⸗ brochen, um diese paar Worte hier dagegen zu sagen. 1 Es ist also wesentlich der Vorwurf von dem Hrn. Abg. von Kardorff ausgeführt worden, — denn sachlich hat er, nach diesen Auszügen zu urtheilen, wenig gegen das anzuführen gewußt, was ich gsagt habe; es ist ja auch sehr wenig gewesen, was ich gesagt habe, Saber der Hauptvorwurf ist der gewesen: ein großer Theil der Rede d8 Finanz⸗Ministers war nichts weiter, wie eine Blumenlese aus fiberen Reden des Abg. Bamberger. Damit war der Haupttrumpf nsgespielt, die Sache seiner Meinung nach wohl abgemacht!¹ Diese sampfesweise, meine Herren, hat mich an sich nicht überrascht, sie ist nicht neu. Als ich noch die Ehre hatte, dem Reichs⸗Schatzamt vorzu⸗ sehen, da hat Hr. von Kardorff bereits dem Herrn Reichskanzler einmal brieflich vorgetragen, daß, obwohl die Camphausen und Delbrück abge⸗ fongen, in den Räumen des Reichs⸗Schatzamts noch der Geist Bambergers vehe, und darauf aufmerksam gemacht, daß eine Purifikation in dieser nach nothwendig sei. Es entspricht, uchdem dieses Privatissimum keinen Erfolg gehabt, durchaus der Undenz, jetzt das Publikum hier zu lesen in derselben Richtung, ind ich fürchte nur, daß es mit demselben Erfolg blos geschieht; denn das ist doch zweifellos, meine Herren, daß die Person des Hrn. Keichskanzlers thurmhoch über der Annahme steht, als ob Jemand ine Sache oder eine Person bei ihm nur in dieser Weise anzu⸗ meifen brauche, um den gewünschten Erfolg zu haben; als ob es dem Hrn. Reichskanzler genüge, sich ein neues Urtheil über Jemanden n bilden, wenn man sagt: sieh, der sieht ähnlich aus, wie Bamberger! das ist die ganze Tendenz. Ich wünschte wohl, — denn ich gehöre icht zu Denen, die mit besonderer Zähigkeit, wie das wohl hier und d angenommen wird, an dem Posten etwa hängen, auf dem sie stehen, — ich wünschte, es gelänge dem Herrn Abgeordneten, diesen Zweck zu erreichen. Die Freuden, die der preußische Finanz⸗Minister im Ganzen inzuernten hat, sind spärlich und es gehört nicht viel Zeit dazu iin die Meinung gewinnen zu lassen, es wird der Tag doch in recht hübscher sein, wo man die Bürde von sich ablegen kann. Fenigstens habe ich dieses Gefühl schon sehr oft gehabt, und ich glaube, nur Einer, der den Dingen sehr ferne steht und noch nie twas dem Finanz⸗Ministerium Aehnliches zu versehen gehabt hat, kann sch darüber täuschen. — Nun, meine Herren, wie ist es denn mit dem Vorwurf bestellt, unß ein Theil meiner Ausführungen im Abgeordnetenhause kein Driginalwerk, sondern eine Kopie von Herrn Bamberger sei? Denken Lie sich, daß ich das Mißgeschick habe, seit 8 Jahren neben meinen eigentlichen Antsgeschäften, neben meinen täglichen Verwal⸗ nungsgeschäften lesen zu müssen, was an Brochüren, an Zeitungs⸗ utikeln, an Reden im Deutschen Reiche zur Währungsfrage herbei⸗ keschafft worden ist. Das ist ein hartes Schicksal! .Ich habe, soweit ich es irgend vermochte und es sich um Neues hndelte, dies natürlich gethan: selbst solche Zeitungen lasse ich icht aus den Augen, wie eine hier in Berlin ist, die dabei offenbar nicht das Interesse ihres Abonnentenkreises zu wahren lat, sondern aus anderen Rücksichten täglich ihren Artikel ährungsfrage bringt; es ist mein regelmäßiges Schluß⸗ lbendvergnügen, wenn ich die übrigen Sachen abgemacht habe, daß ich, auch diesen Währungsartikel lese, daß ich dann aus anderen vütungen noch den entgegenstehenden Währungsartikel lese und dann ffiedigt, in der Regel aber nicht erleuchtet, zu Bette gehe. d8. un, meine Herren, wenn Jemand, so wie ich, mitten in diesen Dingen Jahre lang gestanden hat, es für seine Pflicht gehalten hat, von Allem Notiz zu nehmen, was da vorgegangen ist, dann wäre 8n doch merkwürdig, wenn der nicht in promptu haben sollte die Arzumente, die er für richtig hält, wenn er nicht in promptu haben 8 die Einwendungen, die er gegen die Auffassung des Gegners annrichtig hält, und wenn er gar noch darüber Auskunft geben vor te, welcher einzelne Mensch vielleicht dieses oder jenes Argument b ihm auch schon angewendet hat. 8 88 Fch habe nie den Ehrgeiz gehabt, zu behaupten, daß auf Seite der Regierung lediglich Originalgedanken von Scholz etwa existirten. dung nie behauptet oder gemeint, daß die Thätigkeit der Regie⸗ Cing - dahin gehen sollte oder damit erschöpft sein könnte, daß Original⸗ nas 16 und „Anschauungen eines einzelnen Regierungsmitgliedes fisac end würden. Ich wundere mich, wie bei solchen Auf⸗ Ulaubggrn die Hr. v. Kardorff doch vertreten hat, wenn er vzubte, daß seine gestrigen Nachweise seine Anschuldigung gegen mich die Resolution vorgeschlagen ist: die Regierung möchte die studiren. Was heißt das? Heißt das, sich hinsetzen und üe . n und nachdenken, lediglich mit eigenem Material sich über gn age zu erleuchten suchen, uͤber die Tausende schon das Beste, was ic dent fördern konnten, beigebracht haben, über dieses Material
hochmüthig hinwegsetzen und für sich allein philosophiren? Das
2
zur
—
heißt doch lesen und sehen, was alle Menschen darüber zu Tage ge⸗ fördert haben, und findet man darin etwas, was völlig bei der Kritik Stand zu halten scheint, so handelte man doch fast verbrecherisch, wenn man sich das nicht aneignen sollte von denen, gleichviel, von wem es gerade zuerst ausgesprochen worden. Die ganze Reihe der Bimetallisten, auf welches kleine Häuflein würde die zusammen⸗ schrumpfen, wenn man den Anspruch auf Originalgedanken erheben wollte, das ist ja gar nicht zu sagen. Und das soll ein Vor⸗ wurf sein?
Nun bitte ich den Hrn. Abg. Bamberger um Entschuldigung, wenn ich in der Richtung die Behauptungen des Hrn. Abg. von Kar⸗ dorff auch nicht einmal ohne Weiteres koncedire, wenn ich ihm nicht zugebe, daß meine Ausführungen eine Blumenlese aus Hrn. Bambergers Reden gewesen sind; bei dem ungeheuer großen Material, was ich noth⸗ wendig in dieser Frage immer zu lesen und zu studiren gehabt habe, ist es mir gewiß zu verzeihen, wenn ich die Ausführungen Der⸗ jenigen, die in der Sache auf ein ähnliches oder dasselbe Resultat wie ich hinauskommen, mit weniger Aufmerksamkeit gelesen, als die Ausführungen der Gegner. 88 habe nicht die Erinnerung, daß ein Theil von dem, was ich im Abgeordnetenhaus gesprochen habe, von Hrn. Bamberger genau so oder ähnlich früher schon gesprochen ist. Es mag aber sein. Ich kann nur behaupten, ich bin auch auf ganz selbständigem Wege zu diesen meinen Anschauungen gekommen, in Bezug auf einen Punkt ist es mir sogar ganz zweifellos, und der ist der wichtigste in meinen Ausführungen, er betrifft die Beurtheilung der Möglichkeit des Abschlusses eines internationalen bimetallistischen Vertrages. Das kann ich Ihnen ja auch, glaube ich, hinlänglich wahrscheinlich machen, obwohl es mir nicht möglich gewesen ist, von heute früh bis zu dieser Stunde besondere Aktenstudien zu machen. Ich war im Amt als Reichs⸗Schatzsekretär, als die französische Regierung damals zuerst den von Hrn. Cernuschi aufgestellten Vertrags⸗ entwurf vertraulich hierher mittheilte, und natürlich war ich die Stelle, an die diefer Vertrag zur Prüfung kam, und ich war verpflichtet, dem Hrn. Reichskanzler nicht blos Vortrag darüber zu halten, sondern war auch verpflichtet, in meiner damaligen Stellung zu sagen, ob und wie nach meinem bescheidenen Verstehen der Sache es wohl möglich wäre, wenn ich diesen Vertrag abfällig kritisirte, etwas Besseres an seine Stelle zu setzen, oder zu untersuchen, wie man etwa die Mängel in diesem Vertrage vermeiden könnte. Ich habe mir damals mit größter Mühe angelegen sein lassen, die Frage zu studiren und nicht allein zu studiren, sondern mit den Herren, die als sachverständige Räthe mir beigegeben waren für die Berathang dieser Angelegenheit, und ich bin nach eingehendem, pflichtgemäßen Studium damals schon zu der Ueberzeugung gekommen, die ich jetzt im Abgeordnetenhause aus⸗ gesprochen habe, daß es mir unmöglich erscheint, einen solchen Ver⸗ trag so zu formuliren, daß — ich habe es etwas stark bezeichnet, stehe aber gar nicht an, den Ausdruck zu wiederholen — es mir angängig erschiene, ohne die Gefahr des Verraths an meinem Vaterlande einen solchen Vertrag zu unterschreiben. Ob Hr. Bamberger diese Ansicht jemals ausgesprochen hat, früher oder später, 8 ich nicht, aber das kann ich bestätigen, meine Herren, was ich vorhin gesagt habe: ich bin damals schon in meiner amtlichen Prüfung und völlig unabhängig von einer Besprechung oder Berathung mit irgend einer hervorragenden Person aus der sogenannten Goldwährungspartei zu dieser meiner Ueberzeugung gekommen. Nun frage ich Hrn. von Kardorff: habe ich wohl das Recht, zu einer eigenen Ueberzeugung bei pflichtmäßigem amtlichen Studium einer Sache zu gelangen, oder habe ich dies Recht nicht? Und wenn ich das Recht habe, dann darf ich wohl erwarten, daß ein Abgeordneter, wie Hr. von Kardorff, am allerwenigsten Gelegenheit nimmt, in der Weise, wie es gestern im Reichstage geschehen ist, mich dafür nicht zur Verantwortung zu ziehen — denn das kann er nicht — sondern da⸗ für in der Weise anzugreifen, wie er es gethan hat. Wäre Hrn. von Kardorff in der Hitze des Kampfes für die verzweifelte Aufgabe, die er sich gestellt hat, nicht jedes Maß von Gerechtigkeit und Wohl⸗ wollen verloren gegangen, das er auch mir gegenüber die Pflicht hätte, festzuhalten, dann hätte er sich einer Unterredung erinnern müssen, die er mit mir gewünscht hat. Es wird dies wahrscheinlich im Frühjahre 1883 oder 84 gewesen sein, wo auch hier ein bimetallistischer Antrag zur Verhandlung kommen sollte, und wo er mit mir über denselben vorher Fühlung nehmen wollte; da haben wir hier im Ministerzimmer zunächst privatim über die ganze Frage uns unterhalten, und wenn Hr. von Kardorff die Spur von Gedächtniß hat, so wird er mir be⸗ stätigen müssen, daß ich ihm damals meine Bedenken genau mit den⸗ selben Ausführungen vorgetragen habe, die ich jetzt im Abgeordneten⸗ hause erwähnt habe. Und was war, meine Herren, die Haltung des Hrn. von Kardorff dem gegenüber? Nicht, daß er in der Lage ge⸗ wesen wäre oder es versucht hätte, meine Bedenken wegen der Möglich⸗ keit eines solchen Vertrages zu widerlegen, nein, er speiste mich damals mit dem Bemerken ab: ach Gott, das sind ja Alles überflüssige Sorgen für die Zukunft; ein solcher Vertrag kann nicht wieder zerrissen werden, ein solcher Vertrag kann gar nicht wieder entzwei gehen, dafür bürgt schon, daß England dabei ist. Seit der Zeit hat Hr. von Kardorff diese einzige Bürg⸗ schaft, die er mir damals vorgehalten hat, nämlich, daß England dabei wäre, schon von selbst fallen lassen, und die Sache ist, meiner Auffassung nach, heute nur noch viel unwahrscheinlicher, für mich viel unbegreiflicher, als sie damals von seinem Standpunkt aus war. Nach alledem, meine Herren, kann ich nur sagen, es thut mir sehr leid, daß bei dieser, wie der Hr. Staatssekretair von Burchard mit Recht gesagt hat, zu den schwierigsten und bestrittensten Fragen gehörenden Materie, die wirklich nur nach rein sachlichen, objektiven, in schwerer Prüfung zu gewinnenden Gest ichtspunkten entschieden werden muß, wiederum gestern eine Kampfesweise beliebt worden ist, die nicht nur nicht meinem Geschmacke entspricht, sondern die meines Erachtens völlig unerhört ist und ausgeschlossen sein sollte. Meiner Person — wenn es auf die überhaupt ankäme — das glaube ich dem Hrn. von Kardorff versichern zu können, schaden Sie durch diese Kampfes⸗ weise nicht, die gelingt es Ihnen nicht zu diskreditiren, aber der Sache, der Sie dienen, schaden Sie, die diskreditiren Sie am allerwirk⸗ samsten durch eine derartige Kampfesweise.
Nachdem der Abg. Lipke über die Petitionen zur Währungs⸗ frage Bericht erstattet, bit a der Abg. von Kardorff das Wort und erklärte, davon, daß er den Reichskanzler schriftlich ge⸗ beten haben solle, den Minister von Scholz den Hrn. Camp⸗ hausen und Delbrück nachfolgen zu lassen, sei nur Folgendes wahr: Er habe den Reichskanzler einmal schriftlich um eine Unterredung über die Währungsfrage gebeten; derselbe habe sie ihm abgeschlagen und ihn an den Minister von S olz gewiesen; und darauf habe er (Redner) mündlich in der Umgebung des Reichskanzlers gesagt, er könne mit dem Minister über die Sache nicht sprechen, da er ihn als festen Anhänger der Goldwährung kenne. Darauf reduzire sich das, was der Minister von Scholz hier heute vorgebracht habe. In der Sache selbst wolle er anerkennen, daß er gestern in der Hitze des Gefechts vielleicht nach Waffen gegriffen habe, wie sie sich ihm gerade dargeboten hätten und daß er sie vielleicht etwas vorsichtiger hätte wählen können. Aber auch der Minister von Scholz habe ihn im Abgeordnetenhause nicht fanft behandelt. Er habe dort versucht, die bimetallistische
Bewegung, die so weite Kreise des Volkes umfasse, und die Positionen der Bimetallisten lächerlich zu machen. Wenn er den Bimetallisten ferner vorwerfe, sie verlangten vom Minister einen Vertrag, dessen Unterzeichnung Landesverrath wäre, so be⸗: schuldige er sie damit implicite und indirekt des Landesverraths. Dagegen müsse er (Redner) sich wehren. Die bimetallistische Bewe⸗ 8 gung sei nicht willkürlich gemacht, sie gehe durch die ganze Welt, 6” alle Parlamente seien mit ihr beschäftigt, selbst das englische, und der Minister hätte sie nicht mit solchen Waffen bekämpfen sollen. Derselbe klage, daß seine Zeit durch das Lesen der Währungsbroschüren in Anspruch genommen werde; er (Redner) bedauere das, finde es aber selbstverständlich, daß sich ein Finanz⸗Minister über eine so wichtige weltbewegende Frage informire. Derselbe berufe sich ferner auf eine Unterredung mit ihm (dem Redner), in der letzterer seine Hoffnung auf den Beitritt Englands, der nun nicht erfolgen werde, zu einem Währungsvertrage gesetzt hätte. Wenn aber die Noth des Landes so groß sei, wie man sie wahrnehme, und wenn man überzeugt sei, daß diese Noth hervorgerufen werde durch die Goldwährung, dann müsse man auch mit einem Vertrage, dem England nicht beitrete, zufrieden sein, wenn nur andere große Kulturstaaten dadurch die Fixirung der Relation zwischen Gold und Silber erreichten. Einen solchen Vertrag zu unterzeichnen, das sei doch nimmermehr Landes⸗
D g 5 ; 8 verrath. Der Abg. Bamberger habe gestern gesagt, die An⸗ tragsteller erschütterten mit der bimetallistischen Agitation den Kredit des Reichs. Er (Redner) meine, dieser Kredit leide gerade umgekehrt durch das Festhalten an der Goldwährung. Worauf beruhe denn der Kredit? Doch auf dem Glauben, daß der, welchem man etwas leihe, es überhaupt wiedergeben werde. Womit er zahle, das sei erst das zweite Moment. Gerade Frankreich mit seiner Doppelwährung habe stets den besten Kredit Pah Wie schnell habe es nicht seine Kriegskosten bezahlen können? Es sei eben ein wohlhabendes altes Kulturland, welches an Gold und Silber eine breite metallische Basis habe. Auf dieser breiten metallischen Basis beruhe wesentlich der Kredit eines Landes; wo diese Basis durch die Beseitigung des Silbers zu schmal werde, da werd auch der Kredit gefährdet. Vorläufig sei Alles eingetroffen was seit 1875 die Bimetallisten prophezeit hätten: das Dar⸗ niederliegen der Industrie, das Zugrundegehen der Landwirthschaft. An den Liberalen liege jetzt die Be⸗ weislast, daß diese Dinge mit der Währungsfrage nichts zu thun hätten. Die Ueberproduktion selbst sei eben die Kalamität! Sie fürchteten von der Doppelwährung eine Ueberschwemmung des Landes mit Silber. Wenn aber alle Kulturstaaten die Doppelwährung hätten, werde das Silber kaum für den Bedarf der Nationen ausreichen. Der Abg. von Schalscha habe gestern mit Recht auf die als Folge der Gold⸗ währung eingetretene höchst bedenkliche Verschiebung aller Vermögensverhältnisse hingewiesen. Das Proletariat sei um 13 Proz. gestiegen; die Millionäre hätten sich um 54 Proz. vermehrt. Die Bimetallisten hätten das genau so vorausgesagt. Er (Redner) gebe seinerseits die Hoffnung nicht auf, daß das Vaterland von der Goldwährung noch loskommen werde, denn sie führe zu seinem Ruin.
Hierauf entgegnete der Staats⸗Minister Dr. von Scholz:
Ich wiederhole, daß ich nicht die Absicht habe, in die ohliche Diskussion weiter einzugreifen, sondern nur einige Bemerkungen zu machen zur Richtigstellung gegenüber persönlichen Angriffen.
Ich bleibe zunächst bei der Mittheilung, die ich in meiner ersten Ausführung dem hohen Hause zu machen Veranlassung gehabt habe. Hr. von Kardorff täuscht sich in seinem Gedächtniß, es handelt sich nicht um einen Brief, den er geschrieben haben mag, seitdem i Finanz⸗Minister bin und auf den der Herr Reichskanzler diese Er⸗ widerung ihm vielleicht gegeben hat, sondern um eine Zeit, wo ich noch Reichs⸗Schatzsekretär war, und um einen Brief, der zur geschäft⸗ lichen Behandlung damals mir zuging und das enthielt, was ich erwähnt habe.
Ich muß dann aber mich hauptsächlich vertheidigen gegen den in meiner Anwesenheit erneut gemachten Vorwurf, daß ich im preußi⸗ schen Abgeordnetenhause mit Waffen gekämpft hätte, welche die Herren, die die bimetallistische Richtung vertheidigen, hätten verletzen müssen. Hr. von Kardorff hat gesagt, ich hätte die Petition der ländlichen Bevölkerung lächerlich gemacht. Ich habe das schon vorhin durch einen Zwischenruf bestritten. Ich bin mir jederzeit bewußt, was die Aufgabe und Pflicht eines Mit⸗ gliedes der Regierung ist, und ich würde mich selbst heftig tadeln müssen, wenn es mir einfiele, die Petitionen eines so wichtigen Elements der Bevölkerung lächerlich zu machen. Es ist mir das keinen Augen⸗ blick eingefallen, und ich protestire dagegen, daß sich Jemand heraus⸗ nimmt, mir derartige Dinge zu imputiren — eine aus den von mir gesprochenen Worten nirgends nachweisbare, höchstens mit Unwahrheit auf vermeintliche Mienen zurückzuführende Nachrede. — Es ist mir nicht einen Augenblick lächerlich gewesen, was diese Petitionen be⸗ kundeten. Was der stenographische Bericht darüber sagt, ist, daß ich mit Wehmuth — ist das lächerlich machen? — gesehen habe, daß die ländlichen Kreise in diese Agitation hineingezogen sind. Ich be⸗ dauere das tief aufrichtig, mit der ganzen Aufrichtigkeit, deren ich fähig bin, und ich hätte gewünscht, es wäre diesen Kreisen das erspart gewesen, weil ich voraussehe, daß sie dadurch große Enttäuschungen erleben werden. Aber ich bin entfernt gewesen, diese Petitionen für lächerlich zu halten oder erklären zu wollen. Wer mir das nachsagt, sagt mir eine Unwahrheit nach. 1
Der Herr Abgeordnete hat das in derselben Weise gethan, wie an dem Tage, nachdem die Verhandlungen im Abgeordnetenhause statt⸗ gefunden hatten, zwei Berliner Zeitungscorrespondenzen das gethan, die angeblich aus Abgeordnetenkreisen stammen sollten — sicherlich waren sie daher nicht, denn ich glaube nicht, daß ein Mitglied des Abgeordnetenhauses so Unwahres berichtet haben würde — und be⸗ haupteten: mit Hohn hätte der inanz⸗Minister die bimetallistische Richtung im Abgeordnetenhause behandelt. Wie ich schon vorher gesagt habe daß ich das mit Protest zurückweise, daß ich diese Petition lächerli z gemacht haben solle, ebenso weise ich die Unter⸗ stellung zurück, daß ich eine solche Frage mit Hohn behandelt hätte.
Ein dritter Vorwurf ist: ich hätte die 8 des Landes⸗ verraths geziehen, aber es gehört wirklich eine starke Interpretation dazu, dies aus meinen Worten herauszulesen. Ich habe gesagt: ich habe mir die Mühe genommen, ich habe nicht nur den Czernuschki⸗ schen Vertrag studirt, der vorlag, sondern mir die Mühe genommen, ein verbessertes Vertragsformular zu entwerfen, um zu sehen, ob und wie es etwa zu machen ginge; und ich habe gesagt: ich bin subjektiv zu der Ueberzeugung gekommen, man möge den Vertrag entwerfen, wie man will, es koͤnnten immer Umstände eintreten, wo der Vertrag verhängnißvoll werden würde, und ich würde es deshalb für Landes⸗
verrath halten, wenn ich Jemandem riethe, den Vertrag zu unter⸗