Oktober, Abends. (W. T. B.) Der russische Konsul Nekljudoff hat gegen das an die hiesigen Ver⸗ treter der Mächte gerichtete Rundschreiben der bulga⸗ rischen Regierung, betreffend die Verhinderung der Einmischung fremder Staatsangehöriger in die Sobranjewahlen, protestirt und erklärt, daß bis zum Eingang von Instruktionen des Generals von Kaulbars jeder Austausch von Schriftstücken zwischen der russischen diplomatischen Agentur und der bulgarischen Re⸗ eingestellt sei. Die bulgarische Regierung hat G iese Note des Konsuls Nekljudoff den hiesigen Vertretern der Mächte mitgetheilt. — General von Kaulbars begiebt
sich heute von Rustschuk nach Varna.
Der „Politischen Correspondenz“ wird aus Rustschuk gemeldet: Nachdem General von Kaulbars eine Depu⸗ tation von zwölf Anhängern der Partei Zankoff's
empfangen hatte, erschien bei demselben eine Deputation von 250 Notabeln; dieselbe überreichte eine vier Punkte enthaltende schriftliche Erklärung des Inhalts, daß sie nichts Gemeinsames mit den auf den Ruin Bulgariens hin⸗ arbeitenden Anhängern Zankoff's hätten. General Kaulbars sei nicht gerecht gegen die Regierung, welche patriotisch gesinnt sei und die besten Absichten hege. Sie billigten voll⸗ ständig die von der Regierung getroffenen Maßnahmen, sowohl betreffs der Vornahme der Wahlen wie bezüglich der Bestrafung der Verbrecher, da diese Maßnahmen verfassungs⸗ mäßig und gesetzlich seien. Die Erklärung bringt ferner die Gefühle der Achtung und Dankbarkeit gegen Rußland zum Ausdruck, gleichzeitig wird aber auch bemerkt, daß das Volk Vertrauen zu der Regentschaft und dem Ministerium hege. Als General Kaulbars darauf das Wort nahm und bei seinen gegen die Regierung gerichteten Ausführungen auf den Wider⸗ spruch der Deputation stieß, entließ er dieselbe ohne weitere Erörterungen.
— 10. Oktober, Nachmittags. (W. T. B.) Heute früh begaben sich etwa 150 Landleute nach dem russischen Konsulat, um Erkundig ungen einzuziehen, wie sie sich bei den Wahlen zu verhalten hätten. Der russische Konsul Nekljudoff erschien darauf am Fenster, von der Menge mit den Rufen: „Es lebe Rußland!“ begrüßt, und hielt eine Ansprache, in welcher er auf die Mission des Generals von Kaulbars hinwies und hinzufügte: Rußland habe bereits erklärt, daß es die Wahlen als nichtig ansehen würde. Die Landleute gingen hierauf nach dem Wahlbureau und erklärten: sie kämen, um den Wahlen Einhalt zu thun, da dieselben von Rußland gemißbilligt würden. Die im Wahlbureau Anwesenden trieben die Land⸗ leute jedoch zurück, wobei mehrere der Letzteren auf der Treppe stürzten und von den Nachdrängenden getreten wurden. Die Wähler verfolgten die Bauern mit Steinwürfen und schlugen auf sie ein; fünf oder sechs Verwundete wurden auf das russische Konsulat gebracht, wo ihnen von dem Personal des⸗ selben Hülfe geleistet wurde.
— 10. Oktober. (W. T. B.) Man spricht von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Regent⸗ schaft, indem Karaweloff gegenüber seinen Kollegen den russischen Forderungen zuneigen soll. Der Zuzu von Bauern aus der Umgegend vermehrt sich; eine ib reiche Menge derselben steht vor dem russischen Kon⸗ sulat. Die Regierung läßt Patrouillen durch die Straßen ziehen. — .
Zeitungsstimmen.
Aus einer von Hrn. Joh. Richter in Tetschen ge⸗ lieferten Uebersetzung des Berichts von M. Vachon an den französischen Unter⸗Staatssekretär Edm. Turquet über seine Informationsreisen durch Deutschland, Oesterreich⸗Ungarn, Italien und Rußland entnimmt „Fr. G. Wieck's Deutsche illustrirte Gewerbe⸗Zeitung“ nach der „Zeitschrift für gewerblichen Unterricht“ nachstehende Angaben und Ansichten: „ Als Einleitung zu dieser Schrift bemerkt Vachon: In Deutsch⸗ land und Oesterreich hat die nationale Bewegung für die Wieder⸗ eburt der Kunstindustrie, von welcher ich schon im Jahre 1881 nam⸗ afte Resultate ankündigte, weitere Fortschritte aufzuweisen. Die Ausfuhr beider Länder wächst, während der französische Export ab⸗ nimmt. Das Berliner Museum erwirbt täglich zu den höchsten Preisen neue schätzbare Sammlungen und wird in Folge dessen durch den künstlerischen Werth seiner Gegenstände ein hervorragendes In⸗ stitut. Zudem hat sich vor Kurzem ein weiterer wichtiger Schritt vollzogen: die Gesellschaft, welche Besitzerin und Verwalterin des Museums war, hat sich aufgelöst und dem Staat ihre Stellung ein⸗ geräumt. Das Museum ist ein Kaiserliches Institut geworden, was wichtige Veränderungen in der Verwaltung zum Gefolge hat. Die längst angeregten Wünsche, die Thätigkeit des Museums über die ganze Monarchie auszudehnen, gehen ihrer Verwirklichung entgegen. Seine werthvollen Sammlung en werden nicht mehr in dem prächtigen Palast der Fn gorüterfts ige unbeweglich verbleiben, sondern der Staat hat vielmehr beschlossen, sie auf Wunsch auch den Museen und Kunstgewerbeschulen zur Verfügung zu stellen; dem Ansinnen solcher Städtevertretungen, welche den Erfolg und die Nützlichkeit von Zeitaus⸗ stellungen für ihre besonders zahlreich vertretene Industriezweige gewähr⸗ leisten, soll Folge gegeben werden. Dementsprechend wurde in dem Augen⸗ blicke, als ich das Museum in Berlin auf meiner letzten Reise wieder besuchte, eine Ausstellung von Stoffmustern für die Krefelder Ge⸗ werbeschule zusammengestellt, deren Dauer auf drei Monate in Aus⸗ sicht genommen war. Anderseits hat die Museums⸗Verwaltung auch die großen Nachtheile erkannt, welche in der beträchtlichen Entfernung des Gebäudes von dem eigentlichen Industriebezirk liegen: sie zu be⸗ seitigen, erwägt man jetzt die Mittel und versucht Filialen in der Nähe der Werkstätten zu errichten.
Die Stadtbehörde von Berlin hat den kunstgewerblichen Unter⸗ richt in ihren Fortbildungs⸗ und Handwerkerschulen neuerdings reorganisirt und sie, wie ich in einer besonderen Anlage noch eingehen⸗ der nachweisen werde, nach dem bewährten Muster der Hamburger Gewerbeschule umgestaltet. Ein Vorgang, der auch von anderen Be⸗ hörden mehrerer deutschen Städte nachgeahmt wird.
... In Oesterreich wie in Deutschland vermehren sich die Kunstgewerbeschulen immer mehr und mehr, Spezial⸗Museen in den industriellen Kreisen werden errichtet, und die lokalen und provinziellen Ausstellungen wiederholen sich so häufig, daß sie einen beständigen Wetteifer unter den konkurrirenden Fabriken und Gewerbetreibenden wach halten. Mit einem Worte, die geplante Wiedergeburt des Kunstgewerbes bethätigt sich, wenn auch ohne Lärmtrommel, so doch sicher, sie greift tief in alle Bevölkerungsschichten des Landes ein, zum Wohle der Staaten, zum Nachtheil Frankreichs, welches durch solche Thatsachen einer furchtbaren Konkurrenz im ganzen östlichen Europa und in Asien gegenübersteht.
.. . Daß die Franzosen das Ausland nicht so besuchen, wie die Engländer und Deutschen, wirkt sehr nachtheilig auf den französischen Handel. Es sollten sich französische Gesellschaften gründen, welche in Ungarn mit Unterstützung des Staats Muster⸗ und Waarennieder⸗ lagen errichteten und namentlich solche Artikel auf den dortigen Markt bringen, welche durch ihre Originalität die billigen Preise der deut⸗
EE““ u““ “
In Rußland behauptete Frankreich seit dem ersten Kaiserreiche bis zum Jahre 1870 den ersten Plat unter allen Nationen, welche ihre gewerblichen Erzeugnisse dorthin versandten. Seidenstoffe, Möbel und Pariser Luxusgegenstände waren ihrer Eleganz und ihres feinen Geschmacks halber sehr gesucht; die russische Mode richtete sich aus⸗ schließlich nach Pariser Modellen. Seit zwanzig Jahren aber dringt das Deutschthum in die russische Gesellschaft ein und sucht die Herr⸗ schaft in der Industrie an sich zu reißen. ö“ 1
.. An mittelmäßigen Schmuckwaaren zu sehr niedrigen Preisen überschwemmt Deutschland heute noch den russischen Markt; in der Möbel⸗Industrie dagegen wetteifern die russischen Fabrikanten mit Erfolg gegen die deutschen und stellen die nämlichen billigen Preise wie jene.
w. . Die meisten Erfolge hat Deutschland noch mit seinen billigen keramischen Waaren 5 für welche es bislang noch keine nationale Industrie giebt; auch Bronze⸗Artikel finden guten
Absatz. 8
8 In seinem weiteren Bericht zieht Vachon die 8 und Nutzanwendungen seiner Beobachtungen für Frankreich; er bemerkt etwa Jolgendes: In allen Ländern Europas besteht eine tiefgehende Bewegung zur Förderung der Kunst und der kunstgewerblichen Industrie. Man gründet Schulen und Museen, man entwickelt den Zeichenunterricht und den Geschmack für Kunstwerke; die Verkehrs⸗ erleichterungen führen zu den ungeheuerlichsten Anstrengungen der Nationen, durch künstlerischen Werth und Originalität ihrer Produkte die Herrschaft zu gewinnen. Jede Nation sucht ihre Kräfte neu zu beleben und auf die Vergangenheit zu⸗ rückzugreifen. Die Gelehrten graben nach versteckten Schätzen, heben plastische Schönheiten und erforschen ihre Abstammung; man geht bis auf die entferntesten Urquellen zurück, um die Elemente zu einer neuen Befruchtung zu sammeln. Und am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, an dem nach Prophezeiungen der Idealisten und Volkswirthe eine allgemeine Verbrüderung eintreten sollte, blüht der unumschränkteste Partikularismus. Die Völker fühlen instinktmäßig, daß sie sich nur dann mit Erfolg der Unter⸗ jochung auf dem Gebiet des Handels und der Industrie durch ihre Nachbarn erwehren können, wenn sie selbst nationale Kunst und Interessen fördern. Es ist für sie eine unbedingte Nothwendigkeit, National⸗Museen in allen Provinzen zu gründen und durch Unterricht in der heimischen Kunstgeschichte sowie im Zeichnen den Sinn für nationale Kunst zu wecken. Diese nationale Wiedergeburt besteht nicht etwa in der Phantasie der Kunst⸗ gelehrten und Geschichtsschreiber, sondern macht sich allerwärts be⸗ merkbar. In Berlin legen ganze Straßen hiervon Zeugniß ab, in Rußland hat die russische Architektur die Oberhand gewonnen, in Ungarn nehmen die keramischen Fabrikate so zu, daß man bereits mit ihrem Import nach Frankreich beginnt. Da ist es auch an der Zeit, daß Frankreich sich rühre und vorerst die große Re⸗ form im Zeichenunterrichte, die es vor einigen Jahren begonnen, fortsetze. Im Auslande trachten die Direktoren der Gewerbe⸗ und Kunstgewerbeschulen mit großem Fleiß danach, nicht wieder in den alten Fehler zu verfallen, aus ihren Instituten Vorbereitungsanstalten höherer Kunstgewerbeschulen zu gestalten; vielmehr bemühen sie sich, ihre Schüler so weit technisch und künstlerisch auszubilden, daß sie über dem Bildungsgrad gewöhnlicher Handwerker stehen. Vorzugs⸗ weise in Deutschland erstrebt man, nicht wie bei uns, Berufszeichner und Lehramtskandidaten, sondern vielmehr ausgezerhnete Handwerker und Arbeiter heranzuziehen, was sich besonders in der großen Be⸗ wegung der gewerblichen Zeichenlehranstalten durch Herrn O. Jessen angeregt, geltend macht.
Ich habe schon früher — so führt Vachon im Wortlaut an — die offizielle Proklamation bekannt gegeben, welche der Kronprinz von Deutschland bei der Einweihung des Museums von Berlin aus⸗ sprach: „Wir haben Frankreich im Jahre 1870 auf den Schlacht⸗ feldern besiegt, wir wollen Frankreich heute auf den Feldern des Handels und der Industrie besiegen.“ Deutschland hat den an⸗ gedeuteten Krieg mit derselben wissenschaftlichen Präzision wieder eröffnet, wie es den Krieg von 1870 organisirt hatte. Hr. Bismarck hat sich selbst zum Handels⸗Minister erhoben. Der gewalti Handels⸗Minister hat mit seiner ganzen Macht sich beeilt, auf Sraatskosten neue Industrien zu gründen und Privatunternehmungen zu unterstützen, die Eisenbahnen in Staats⸗ dienste zu nehmen und dem Handel und der Industrie Deutschlands niedrige Transporttarife zu gewähren. Andererseits bildeten sich mächtige Genossenschaften unter den Industriellen und Kaufleuten, welche eine erdrückende Konkurrenz gegen Frankreich organisirten und selbst zeitweise Opfer brachten, nur um ihre Produkte im Auslande billig liefern zu können und so ihre Gegner zu ruiniren.
Gleichzeitig mit den Kunstgewerbeschulen errichtete man aber auch überall Handelsschulen. Deutschland besaß schon hundert Handels⸗ schulen, während Frankreich kaum vier zählen konnte. Daher kommt es, daß die ganze Welt mit deutschen Commis⸗Voyageurs über⸗ schwemmt wird. Die französischen Kaufleute und Industriellen halten noch an ihren alten Gewohnheiten fest, wie sie wohl vor vierzig Jahren bestehen konnten, als unsere Produkte noch von den Kaufleuten aller Länder bezogen wurden; sie reisen nicht, sie setzen sich nicht mit ihren ausländischen Abnehmern in Verbindung und lernen in Folge dessen auch nicht ihre Wünsche und Bedürfnisse kennen.
Kurz gesagt, alle großen Nationen der Welt haben seit 20 Jahren mächtige nationale Industrien geschaffen; Nord⸗Amerika verschließt seine Grenzen, Deutschland verschließt sich halb und Rußland droht sich zu vermauern. Wir müssen unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Vorgänge in Oesterreich⸗Ungarn, Rußland und insbesondere in Deutsch⸗ land lenken und nie vergessen, daß Herr von Bismarck Handels⸗ Minister des Deutschen Reiches ist. Frankreich muß daher ungesäumt: 1) ein National⸗Museum für Kunst und Industrie und allerwärts Zeichen⸗ und Gewerbeschulen in Verbindung mit Lehrwerkstätten grün⸗ den, 2) eine Gesellschaft zur Anknüpfung von Handelsbeziehungen schaffen, 3) ein orientalisches Museum errichten und 4) in allen Kunst⸗ industrieschulen gewerblichen Fachunterricht einführen
8 5
Amtsblatt des Reichs⸗Postamts. Verfügungen: vom 4. Oktober 1886. mit Antwort, Sendungen mit Zeitungen. 8 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteo⸗ rologie. Organ des Hydrographischen Amts und der Deutschen Seewarte. Herausgegeben von dem Hydrographischen Amt der Admiralität. Vierzehnter Jahrgang. 1886. Heft IX. Inhalt: Die Winde und Strömungen in den Ostafrikanischen Küstengewässern. Bearbeitet von der Deutschen Seewarte. (Hierzu Tafeln 11 bis 4.) — Reise des Kreuzergeschwaders von Zanzibar nach Sydney. — Reise S. M. Kr. „Möwe“ von Zanzibar nach Aden, topographische und hydrographische Beobachtungen auf derselben. Nach den Berichten des Kommandanten, Kapts. z. See Hoffmann. — Tieflothungen im Süd⸗ lichen Stillen Ozean. — Tieflothungen im Atlantischen Ozean. — Aus dem Reiseberichte des Kapts. C. v. d. Heyden, Führers der deut⸗ schen Brigg „Albert Reimann“. (D. S.) — Bericht des Ober⸗ Steuermanns L. Fellmer von der englischen Bark „Chateaubriand“ über Sommerreisen von Japan nach dem südlichen Theile von China. (D. S.) — Deviationsbestimmung auf Dampfschiffen, unabhängig von Peilungen. (Hierzu Tafel 10.) — Kleine Notizen: 1) Hydrographische und meteorologische Beobachtungen im Nordatlantischen Ozean zwischen Norfolk und Queenstown von S. M. Br. „Musquito“. — 2) Ueber die Ankerplätze in der Msasani⸗Bucht, Ostküste Afrikas. Nach dem Berichte S. M. Kr. „Möwe“, Kommandant Kapt. z. See Hoffmann. — 3) Eis im südwestlichen Theile des Südatlantischen Ozeans. (D. S.) — 4) Flaschenposten. (D. S.) a. Bark „Caroline Behn“. b. Bark „Dione“. c. Bark „Hermes“. d. Vollschiff „Henry“. e. Bark „Bern⸗ hard Carl“. f. Bark „Caroline Behn“. g. Bark „Dorothea“. — Tabellen. — Kartenbeilagen.
Nr. 50. — Inhalt: 186. Ermittelungen über Postkarten Rückschein ꝛc., über Eilsendungen und
schen und englischen Waaren vergessen lassen.
Statistische Nachrichten.
Ueber den Tabackbau und die Tabackernte im deutsche
Zoligebiet bringt das Augustheft zur Statistik den
eutschen Reichs eine Uebersicht, in welcher für das Erntejah 1885/86 die Zahl der Tabackpflanzer, unterschieden nach dem Umfahr der von ihnen bepflanzten Grundstücke, ferner Zahl und Flächeninhalt dieser Grundstücke sowie Menge und Werth des Ernteertrages nach⸗ gewiesen sind. Die Uebersicht, welche nach Direktiv⸗ und Hauptamtz⸗ bezirken aufgestellt ist, ergiebt für den ganzen Umfang des Zoll. gebiets 242 280 Grundstücke, die im Jahre 1885 mit Taback bepflanzt worden sind, mit einem Flächeninhalt von 1 952 865 a (1884 263 328 mit 2 109 063 a Gesammtfläche). Die Zahl der Tabackpflanzer betrug 175 215, von denen 92 917 eine Fläche von weniger als 1 a 28 873 über 1 a bis 10 a, 51 425 zwischen 10 und 100 a und 2000 über 1 ha bepflanzt hatten (1884 zusammen 187 582, von denen jedoch nur 1977 über 1 ha angebaut hatten). Geerntet wurden 1885 zu⸗ sammen 38 537 947 kg Taback in getrocknetem, dachreifem Zustande oder 1973 kg durchschnittlich auf 1 ha (1884 47 192 885 kg oder 2238 kg auf 1 ha). Der mittlere Preis von 100 kg dachreifem Taback ist für das Erntejahr 1885/86 ermittelt zu 75,61 ℳ (ein⸗ schließlich der Steuer) oder 3,11 ℳ mehr als im Vorjahr, und der Gesammtwerth der Tabackernte zu 29,1 Millionen Mark gegen 34,2 Millionen Mark im Vorjahre.
— Die Sparkassen des Königreichs Sachsen i Jahre 1885. — Im Königreich Sachsen bestanden am Schlusse 8 Jahres 1885 im Ganzen 196 Sparkassen gegen 191 im Vorjahre, bei denen 1 241 276 Einzahlungen im Betrage von 101 837 740,88 ℳ und 685 582 Rückzahlungen im Betrage von 89 674 939,29 ℳ statt⸗ fanden. Ueber die Entwickelung des saͤchsischen Sparkassenwesens ent⸗ nehmen wir den ausführlichen Zusammenstellungen im „Statistischen Jahrbuch“ für das Königreich (Jahrgang 1887) nachstehende Ueber⸗ sicht. Es betrug: 1848
die Zahl der e. Kasen.... 3 106 der Betrag der ℳ ℳ Einzahlungen 3 366 852/15 864 027 der Betrag der Rückzahlun-⸗ gen 3 898 920 ,12 444 210 26425191 das Gesammt⸗ vermögen der V Kassen .10 631 144 46 257 155 102846789 319797448 402968860 das Guthaben
der Einleger 10 086 792 44 223 598 98738814 305793359 380389277 der Durch⸗ V
1858 1878 168 ℳ 75732151
1883
188 ℳ 88921994
1868
134 33210033
74474989 83184399
schnittswerth eines Spar⸗ kassenbuches. 179,49 230,61 372,26 339,94 das Durch⸗ V schnitts⸗Gut⸗ haben p. Kopf der Bevölke⸗ rung die Durch⸗ schnittszahl der auf 100 Sparkassen⸗ bücher ent⸗ fallenden Köpfe der Bevölkerung 2555 569 354 277 Im Jahre 1884, in welchem das Guthaben der Einleger auf 407 621 000 ℳ angewachsen war, entfiel 1 Sparkasse auf 78 qkm oder auf 15 483 Bewohner, auf 100 Bewohner kamen 40 Einleger (in der Stadt Chemnitz 63, in der Amtshauptmannschaft Borna bei 31 61, in Dresden 60) und auf 1 Einleger ein Guthaben von 340
20,84
862
Kunst, Wissenschaft und Literatur.
„Illusionen und Ideale.“ Ein Vortrag von Karl Gerok. 5. Auflage. Verlag von Carl Krabbe in Stuttgart. — Kein Ideal ohne Glauben, kein glücklicherer Idealist als der gläu bige Christ, das ist die Grundanschauung, von welcher Gerok hier über Ideale und deren Gegensatz, Illusionen, spricht, von welchen aus er die Ideale des Glaubens, der Kunst, der Gesellschaft, des Staates hinstellt. „Die Illusion ist der schöne Schein, der eine unerfreuliche Wahrheit uns trügerisch verhüllt; das Ideal ist die beseligende Wahrheit hinter dem trüben Schattenspiel der Erscheinungen; die Ideale sind die Sterne, die in wandellosem Glanz auf die Geschlechter herniederleuchten und als Zeugen einer höheren Welt unsere Erdennächte erhellen,“ das ist EE “ in welchen der geistvolle und erhebende Vortrag ausklingt.
— Die „Deutsche Militär⸗Musiker⸗Zeitung“ in Berlin stellt sich
die verdienstvolle Aufgabe, von Zeit zu Zeit einen Militär⸗ musiker⸗Almanach für das Deutsche Reich, redigirt und heraus⸗ gegeben von Emil Prager (Verlag der Expedition der genannten Zeitung, Preis 3 ℳ), erscheinen zu lassen, welcher ein Adressen⸗ verzeichniß und eine Rang⸗ und Quartierliste der deutschen Militär⸗ musiker darstellt und nicht nur für diese ein wichtiges, sondern auch für alle sich für Militärmusik Interessirenden ein interessantes Werk ist. Die letzte uns vorliegende Ausgabe bildet mit ihren Beigaben (worunter auch Illustrationen aus genannter Zeitung und ein Bild Sr. Majestät des Kaisers), einen stattlichen Band, welcher die Genealogie der europäischen Regentenhäuser, das Verzeichniß der regierenden Fürsten, dann, armeecorpsweise geordnet, die Namen und Wohnungen sämmtlicher deutschen Militärmusiker mit Angabe der betr. Instrumente, das Verzeichniß der Regimentsmusiker nach den fortlaufenden Zahlen der Regimenter, der Dirigenten der Hornisten⸗ Corps und Musiker der 2. und 3. Bataillone und der Stadt⸗Musik⸗ direktoren enthält. Ein Theil des Verkaufspreises des mit großer Mühe zusammengestellten Almanachs ist für den Unterstützungsfonds der Militärmusiker bestimmt. — Erzählungen eines alten Tambours. Von Edmund Hoefer. Mit 115 Illustrationen von Emil Rumpf. Preis 3 ℳ Verlag von Carl Krabbe in Stuttgart. — Die „Geschichten eines Tambours“ sind in ihrer geschlossenen Eigenart vielleicht die besten Erzählungen aus der Feder Edmund Hoefer's. Klar und plastisch treten die Gestalten vor uns hin, so daß es an ein Bild von Meisson⸗ nier gemahnt; warme Menschenliebe durchglüht jedes Wort des prächtigen alten Tambours, und zu einer gewaltigen, herzergreifenden Tragik erheben sich die so schlicht und einfach erzählten Geschichten. Selten war bei einem Buch die Illustrirung so wünschenswerth. Was so treu aus der Zeit heraus erzählt und gedacht ist, tritt uns unmittelbar nah, wenn wir es im Kostüm derselben vor Augen sehen, und Emil Rumpf, dessen treffliche militärische Typen aus den Hack⸗ länder'schen „Soldatengeschichten“ bekannt sind, führt uns solche hier in Ernst und Scherz in streng historischen Uniformen von gar mannig⸗ fachem Schnitt lebensvoll und prächtig vor.
Land⸗ und Forstwirthschaft.
Grünberg, 8. Oktober. (Schles. Ztg.) Die Weinlese, deren Beßten von der Behörde auf den heutigen Tag angesetzt war, wurde früh 6 Uhr mit allen Glocken feierlich eingeläutet. Bald rollten die Wagen mit den leeren Fässern hinaus nach den Gärten, wo sich viele fleißige Hände regten, um die diesjährige Ernte einzuheimsen. Letztere wird zwar in der Quantität nicht reichlich ausfallen, jedoch dürfte die Qualität des heurigen Weines die der letzten Jahrgänge bedeutend übertreffen.
Washington, 10. Oktober. (W. T. B.) Nach dem Bericht des Landwirthschaftlichen Bureaus, betreffend den Stand
d lle rnte, war das Wetter zu veränderlich
um eine bessere Entwickelung der Ernte zu gestatten. Der Durchschnittsstand beträgt in Virginia 72, in Nord⸗Karolina 75, in Süd⸗Karolina 74, in Georgia 81, in Florida 85, in Alabama 80, in Mississippi 79, in Louisiana 79, in Texas 74, in Arkansas 86, in 8 Der Durchschnitt in 10 Staaten beträgt 793³/⁄10. Der
e 96. b Lammcse Ertrag beziffert sich auf 38/100 Ballen per Aecre.
Gewerbe und Handel.
Wie dem „Deutschen Handelsarchiv“ (Dktoberheft) aus Pokohama berichtet wird, soll sich im vergangenen Jahre der Absatz von Salicylsäure und Salicylpräparaten in Japan wiederum gesteigert haben; auch scheinen diese Artikel für Japan noch von größerer Bedeutung werden zu wollen, da dem Vernehmen nach die Reisbranntweinbrenner sich derselben zur Konservirung ihres Fabrikats bedienen. Während die hauptsächlichsten pharmazeutischen Präparate jeßt fast ausschließlich aus Deutschland bezogen werden, soll indessen von deutscher Seite noch kein Versuch gemacht worden sein, Weinsteinsäure, wovon der Konsum nicht unbedeutend ist, nach Japan zu liefern. In Bezug auf Farbwaaren soll namentlich das Geschäft mit Scharlach daselbst noch einer großen Ausdehnung fähig sein, sofern dieser Artikel unverfälscht und echtfarbig geliefert wird. Dagegen hat die Nachfrage nach Ultramarin in Japan dem Ver⸗ nehmen nach so gut wie aufgehört. Für die deutsche Tuchindustrie, welche an der Einfuhr nach Japan stark betheiligt ist, dürfte es von Interesse sein, daß schwarze und blaue glatte Tuche, worin die Japaner in früheren Jahren den dünnen Sorten den Vorzug gaben, jetzt in möglichst schweren Qualitäten verlangt werden. — Aus Feorgetown (Britisch Guayana) erfährt die genannte Zeitschrift, aß daselbst die Anpflanzungen von Kakao sich mehr und mehr ent⸗ wickeln, so daß diese Kolonie in einigen Jahren für die Ausfuhr des genannten Produkts wird in Betracht gezogen werden können. In Bezug auf das deutsche Einfuhrgeschäft daselbst verlautet, daß dasselbe vielleicht bessere Resultate ergeben würde, wenn die deutschen Exporteure sich dazu entschließen könnten, in Georgetown oder auf den nahen Inseln einen besoldeten Agenten zu unterhalten. Doch wären hierbei die gegenwärtige ungünstige Lage der zuckerbauenden Kolonien, sowie der Umstand in Betracht zu ziehen, daß die Geschäfts⸗ und Kreditverhältnisse in Britisch Guayana augenblicklich sehr un⸗ günstig sein sollen. — In Mesopotamien soll es an jedweder lokalen Industrie mangeln, so daß die einheimische Bevölkerung, an⸗ geblich sich gezwungen sieht, ausländische Artikel aller Art zu über⸗ mäßig hohen Preisen zu kaufen. So sollen daselbst für eine Näh⸗ maschine alten Systems 225 Franken, eine ordinäre Petroleumlampe 12,50 bis 15 Franken, eine Flasche Bier 2,50 bis 3,25 Franken, ein Paar kalblederne Stiefel 62 Franken, ein Pik (0,685 m) halbwollenes ordinäres Tuch 10. bC61“ und für alle übrigen Artikel ent⸗
frechend hohe Preise bezahlt werden.
Gerüset bgsasc der Harpener Bergbau⸗Aktien⸗ Gesellschaft pro 1885/86 entnehmen wir Folgendes: Die Kohlen⸗ förderung betrug 11 719 460 Ctr. gegen 11 284 240 Ctr. im Vorjahre. Die Koksproduktion betrug 2 219 600 Ctr. Der Gesammterlös für Kohlen und Koks ergab 3 061 789 ℳ oder bei dem Versandt von 103 710 Wagenladungen 29,52 ℳ pro 100 Ctr. gegen 29,41 ℳ im Vorjahre. Die Gewinnungskosten ver Kohlen konnten etwas ermäßigt werden; die Gesammtausgabe für Kohlengewinnung und Koksfabri⸗ kation betrug 2 511 495 ℳ; nach Abzug des Selbstverbrauchs stellten sich die Kosten pro 100 Ctr. Kohlen Muzüglich der Generalkosten auf 23,77 ℳ gegen 25 ℳ. im Vorjahre. Die Bilanz zeigt einen Brutto⸗Ueberschuß von 588 611 ℳ, wovon 271 992 ℳ zu Generalkosten, 7896 ℳ zu Grund⸗ und Haftpflicht⸗ Entschädigungen, 19 000 ℳ zu Statut⸗Minimal⸗Tantièmen, 3000 ℳ. zum Uebertrag auf Delcredere⸗Conto und restliche 286 722 ℳ zu Abschreibungen verwendet worden sind. Der Aufsichtsrath hat be⸗ schlossen, der Ghents alcerse i dtng die Anlage von Briquettesfabriken zur Genehmigung zu empfehlen. .
ö ü 4 6 elober (W. T. B.) Zur Besichtigung der Anlagen und Erzeugnisse des Osnabrücker Stahlwerks und der Georg⸗Marien⸗Hütte sind Vertreter preußischer Bahn⸗ direktionen, Techniker deutscher Bahnverwaltungen sowie Delegirte niederländischer, dänischer und schweizerischer Bahnen hier eingetroffen.
Leipzig, 9. Oktober. Die „Lpz. Ztg.“ berichtet über die Messe in Baumwoll⸗ und Leinengeweben: Obgleich sich die Preise für Rohnessel etwas niedriger stellten, als dieses zur Ostermesse der
Fall war, ist das Geschäft hierin dennoch ein weit lebhafteres zu nennen gewesen und fanden sowohl Baumwollgarne als auch Roh⸗ Kattune lebhaften Absatz, so daß Spinner und Weber ihre Produktion auf Monate hinaus verkauften. In veredelter Waare verlief die Messe normal und hielten sich die Preise fest. Auch in der Leinenbranche war, unterstützt von einem festen Garnmarkt, für Gewebe im Allge⸗ meinen ziemlich Begehr zu esth L 1e stans stellten sich infolge der Steigerung auf Jute entsprechend höher.—
sich Gigs Stioßer⸗ (W. T. B.) Die Vorräthe von Roheisen in den Stores belaufen sich auf 825 209 Tons gegen 627 350 Tons im vorigen Jahre. Hahl der im Betrieb befindlichen Hochöfen 69 gegen 90 im vorigen Jahre. 8 1g 9. Oktober. (W. T. B.) Der Werth der in der vergangenen Woche eingeführten Waaren betrug 7 089 234 Doll., davon 2 174 631 Doll. für Stoffe. Der Werth der Ein⸗ fuhr in der Vorwoche betrug 9 149 912 Doll., davon 2 179 420 Doll. für Stoffe.
Submissionen im Auslande. Spanien. 18. Oktober. Madrid. Landesstempelfabrik.
arabicum. Voranschlag 5 Pesetas für 1 kg. Näheres an Ort und Stelle.
4000 kg Gummi
Verkehrs⸗Anstalten.
Hamburg, 26. Oktober. (W. T. B.) Der Postdampfer . Tharingig-- der Hamburg⸗Amerikanischen Packetfahrt⸗ Aktiengesellschaft hat, von West⸗Indien kommend, i Lizard passirt, und die Postdampfer „Bavaria“ und Ham⸗ monia“ derselben Gesellschaft sind, ersterer von Hamburg ke segeh. gestern in St. Thomas, letzterer von New⸗York kommend, heute früh auf der Elbe eingetroffen.
Sanitätswesen und Quarantänewesen.
Griechenland. 8
Auf Avnordnung des Griechischen Gesundheitsraths 8
Provenienzen aus Sardinien vom 25. September d. 1“
einer effektiven elftägigen, in den Lazarethen von Corfu un elos
abzuhaltenden Quarantäne belegt worden. T is
Tunis. G 4 ““
Durch Ministerialbeschluß vom 29. September 1886 ist 58 Provenienzen aus Sardinien in sämmtlichen⸗Häfen der Regen
schaft Tunis eine fünftägige Quarantäne vorgeschrieben worden.
Berlin, 11. Oktober 1886. as Astrophysikalische Observatoriun bei Potsdam. Bericht über das Jahr 1885.
im Anschluß an unsere Berichte über die auf dem Astro⸗ vhyfädansn Observatorium zu Potsdam in den Vorjahren
““
Die Sonne, der hervorragendste Gegenstand der astro⸗ physikalischen Forschungen, hat auch im verflossenen Jahre in verschiedener Hinsicht als Beobachtungsobjekt gedient. Die schon im Vorjahre vollendeten Messungen zur Neubestimmung der Wellenlängen von 300 Fraunhofer'’schen Linien sind in diesem Jahre vollständig von den Dr. Dr. Müller und Kempf bearbeitet und die Resultate im fünften Band der Annalen des Observatoriums niedergelegt worden. Die bei den Messungen erreichte Genauigkeit dürfte sich wohl kaum mit den der Wissenschaft bis jetzt zu Gebote stehenden Hülfsmitteln übertreffen lassen, so daß die Arbeit für weitere Untersuchungen über die Natur des Sonnenspektrums als grundlegend zu betrachten ist. 8 “““ Nunmehr soll auch auf dieser sicheren Basis eine Fort⸗ setzung der detaillirten Darstellung des Sonnenspektrums, wie sie von Prof. Vogel vor mehreren Jahren für einen großen Theil des Spektrums bereits gegeben wurde, in Angriff ge⸗ nommen werden. Darauf bezügliche Voruntersuchungen haben schon im verflossenen Jahre begonnen. 1 2 Während diese Beobachtungen etwas — wenigstens für unsere Zeitmaße sich Gleichbleibendes, das Sonnen⸗ spektrum, zum Gegenstand haben, erstrecken sich andere spektro⸗ skopische Untersuchungen auf mehr oder weniger schnell Vergängliches, auf die Protuberanzen und Sonnenflecken. Dr. Wilsing hat an 61 Tagen ungefähr 300 Protuberanzen beobachten können, unter denen jedoch nur wenige be⸗ sonderes Interesse boten und ebenfalls nur wenige durch ein metallisches Spektrum ausgezeichnet waren. Das Spektrum der Protuberanzen besteht bekanntlich zumeist nur aus den wenigen Linien des Wasserstoffs und des noch unbekannten Stoffes, welcher eine helle Linie in der Nähe der Natriumlinien erzeugt. Bei sehr heftigen Wasser⸗ stoffausbrüchen aus dem Sonneninnern werden jedoch glühende Metalldämpfe, aus denen die Chromosphäre der Sonne be⸗ steht, mit emporgerissen, und das Spektrum gestaltet sich dann sehr linienreich. Von Wichtigkeit ist nun die Untersuchung, welchen Metallen die Linien angehören, und bis zu welcher Höhe die glühenden Metalldämpfe emporgeschleudert werden können.
Nehr Interesse gewährten im verflossenen Jahre die spektroskopischen Beobachtungen an Sonnenflecken, in deren Spektrum häufig eigenthümliche dunkle Bänder und Linien, vorzüglich im Grün, beobachtet werden konnten. Dieselben sind entweder entstanden durch abnorme Verbreiterungen von Liniensystemen, welche sonst im Sonnenspektrum schmal und schwach erscheinen und, durch die Verbreiterung enger zusammen⸗ getreten, nun den Eindruck eines Absorptionsbandes hervor⸗ bringen; oder es sind wirklich neue Linien, die im Spektrum des Fleckes sich zeiigen und ihren Ursprung in der kräftigeren Absorption haben, welche die über dem Fleck lagernde Sonnenatmosphäre in Folge ihrer geringeren Temperatur ausübt.
Das verflossene Jahr brachte eine Erscheinung, welche die astronomische Welt in gewisse Aufregung versetzte. In der Nähe des Centrums des bekannten Andromedanebels erschien nämlich plötzlich ein neuer Stern. Wenn nun auch das Aufleuchten eines schwachen Sternes oder das plötzliche Auf⸗ treten eines Sternes an einer Stelle, wo vordem kein Stern sichtbar war, nicht zu den Seltenheiten gehört, so war doch der vorliegende Fall dadurch ausgezeichnet, daß der Stern gerade in dem Nebel erschien. War die Erscheinung nur eine Folge großartiger Veränderungen in dem Nebel selbst, oder war es nur ein seltener Zufall, daß ein Stern, der vielleicht viele Biklionen Meilen vor oder hinter dem Nebel gelegen war und plötzlich seine Intensität änderte, gerade so genau in der Gesichtslinie von der Erde nach dem Nebel stand, daß er in der Nähe der Mitte des Nebels gesehen wurde: das waren die Fragen, welche die Astronomen beschäftigten. Diese interessante Erscheinung ist nun auch auf dem Potsdamer Observatorium Gegenstand häufiger Beobachtungen geworden. Professor Vogel untersuchte das Spektrum des Sternes wieder⸗ holt und fand es in Uebereinstimmung mit dem des Nebels, und Dr. Müller hat eine größere Reihe von Helligkeitsbestimmungen an dem bald wieder an Intensität abnehmenden Himmelskörper vorgenommen. Die Resultate der Beobachtungen sind der Annahme nicht entgegen gewesen, daß starke plötzliche Ver⸗ änderungen in dem Nebel selbst vor sich gegangen sind. Aus der spektral⸗analytischen Beobachtung des Nebels läßt sich folgern, daß der Nebel höchstwahrscheinlich kein eigent⸗ licher, aus glühenden, leuchtenden Gasen bestehender Nebel ist, sondern ein Sternhaufen, dessen Komponenten in Folge der großen Entfernung des Objekts nicht ge⸗ trennt gesehen werden können. Möglicherweise ist also die Erscheinung hervorgebracht worden durch einen Zusammenstoß zweier oder mehrerer Sterne in diesem Sternhaufen. — Auch im Sternbild des Orion ist ein neuer veränderlicher Stern entdeckt worden, der mehrfach Gelegenheit zu Beobachtungen in spektroskopischer und photometrischer Beziehung gab.
Von den Kometen des Jahres 1885 sind der von Barnard entdeckte und der Fabry'sche von Prof. Vogel mit dem Spektroskop untersucht worden. Ihre Spektra zeigten jedoch keine Abweichung von dem gewöhnlichen Kometen⸗ spektrum.
Nächst der Sonne bieten die großen Planeten ein inter⸗ essantes Beobachtungsfeld, besonders in Bezug auf die Ge⸗ staltung ihrer uns sichtbaren Oberfläche. Daß auf jenen Ge⸗ schwistern der Erde zum Theil ganz andere Zustände herrschen müssen als auf dieser, zeigt besonders Jupiter. Den oft er⸗ wähnten rothen Fleck auf der südlichen Hemispäre fand Dr. Lohse bereits im Jahre 1878 auf; er ist immer noch, wenngleich schwach, sichtbar und hat sich demnach mit geringen Veränderungen 7 Jahre hindurch erhalten, was für eine atmosphärische Bildung gewiß auffallend erscheinen muß. Dr. Lohse beobachtete den Planeten an 20 Tagen und erhielt 18 Zeichnungen von demselben. Von Saturn fertiate der genannte Beobachter eine Zeichnung am 27. Februar 1885 an.
Von größter Wichtigkeit für unsere Kenntniß der Planeten sind genaue Helligkeitsbestimmungen derselben. Durch sie erhält man zuverlässige Anhaltspunkte über das Reflexions⸗ vermögen (Albedo) dieser Himmelskörper und hierdurch auch sicherere Werthe für ihre Durchmesser. Die meisten Planeten sind bekanntlich so klein, daß selbst mit den mächtigsten Instru⸗ menten eine direkte Größenbestimmung durch Messung nicht möglich ist. Dr. Müller hat auch im Jahre 1885 seine auf Helligkeit bezüglichen Messungen an Planeten fortgesetzt und ist zu einigen recht interessanten Resultaten gelangt. Er beobachtete an 54 Tagen die großen Planeten mit Ausnahme des Mars und von den kleinen Planeten Ceres, Pallas, Vesta. Die Reduktion der Beobachtungen ergab nun bei sämmtlichen
u1 vAX“X“;
den, beträchtliche Helligkeitsveränderungen, die einen 8 hang mit den Phasenänderungen deutlich erkennen assen. Die Helligkeitsänderungen zeigen bei vier der kleinen Planeten eine so vollkommene Uebereinstimmung mit den an Mars beob⸗ achteten, daß man bei denselben ähnliche physische Oberflächen⸗ beschaffenheit wie bei Mars voraussetzen kann. Bei drei anderen Asteroiden zeigte sich eine Aehnlichkeit mit den von Dr. Müller für Merkur gefundenen Helligkeitsänderungen. Außer den schon oben erwähnten photometrischen Messungen an Fixsternen sind im verflossenen Jahre Beo achtungen an mehreren veränderlichen Sternen von Dr. Wilsing ausgeführt worden. Die Methode war die der Stufenschätzung zwischen dem betreffenden Objekt und benach⸗ barten Sternen. Da es hierbei sehr wichtig ist, das Helligkeits⸗ verhältniß der als Vergleichssterne benutzten Sterne zu kennen, hat Dr. Wilsing sich vielfach damit beschäftigt, die Intensitäten dieser Vergleichsterne festzulegen. Die Photographie macht sich für gewisse Arbeitsgebiete der Astrophysik immer unentbehrlicher, besonders aber für die Statistik der Sonne. Von den Sonnenphotographien in der gewöhnlichen Größe von 10 cm Durchmesser hat Dr. Lohse im verflossenen Jahre 146 angefertigt, so daß die Sammlung des Observatoriums am Ende des Jahres 1885 schon 957 solcher Sonnenbilder umfaßte. Auch wurden unter besonders günstigen Verhältnissen 6 Photographien der Sonne von 30 cm Durchmesser angefertigt. Die Bearbeitung des sämmtlichen aus den Photographien gewonnenen Materials führte Prof. Spörer fort und ergänzte dasselbe durch Beobachtungen am Grubb schen Re⸗ fraktor. Ferner hat Prof. Spörer Untersuchungen über die Flecken⸗ entwickelung auf der Nord⸗ und Südhalbkugel der Sonne an⸗ gestellt und aus dem Beobachtungsmaterial aus den Jahren 1883 bis 1885 gefunden, daß die südliche Hemisphäre in Bezug auf Flecken ein bedeutendes Uebergewicht gehabt hat. Auch die bis einschließlich 1884 fortgesetzte Untersuchung über die Breitenänderung der Flecke lieferte einen Beitrag für die Ver⸗ schiedenheit beider Halbkugeln. Weitere Untersuchungen ergaben eine Bestätigung der abgeleiteten Gesetze für die Rotations⸗ winkel des Sonnenkörpers. Von besonderer Bedeutung verspricht die Photographie für die Topographie des Himmels zu werden. Wie viele Beobachtungsnächte würden schon dazu gehören, um die Kom⸗ ponenten eines nur einigermaßen sternreichen Sternhaufens mikrometrisch mit der Genauigkeit zu bestimmen, welche durch zwei photographische Aufnahmen, von denen jede etwa eine Stunde Zeit erfordert, erhalten werden kann. Vergleichungen der von Sternhaufen auf photographischem Wege durch Dr. Lohse erhaltenen Bilder, welche Professor Vogel mit den Objekten selbst vornahm, zeigten eine überraschende Uebereinstimmung des Bildes mit der Wirklichkeit. Doch hat man dafür Sorge zu tragen, daß durch geeignete Präparation der Platten die Verschiedenheit zwischen der chemischen Wirksamkeit der Licht⸗ strahlen von bläulichen und röthlichen Sternen ausgeglichen werde, da sonst letztere auf dem Bilde relativ schwächer er⸗ scheinen, als sie sich dem Auge darstellen. — Dr. Lohse hat außer zahlreichen Sternaufnahmen auch im Februar 1885 noch mehrere photographische Aufnahmen von Jupiter gemacht.
Die übrigen auf dem Observatorium ausgeführten Arbeiten und Beobachtungen seien, als von weniger allgemeinem Interesse, nur kurz erwähnt, so die regelmäßigen meteorologischen Ablesungen, die Zeitbestimmungen und eine Breitenbestimmung. Ueber Beobachtungen, welche Dr. Wilsing seit Dezember mit einem sinnreichen Pendelapparat zur Bestimmung der Dichtig⸗ keit der Erde ausgeführt hat, werden wir im kommenden Jahre genauere Angaben machen, da sich dann erst die Resul⸗ tate übersehen lassen werden.
Die Instrumentensammlung ist durch mehrere neue Appa⸗ rate bereichert worden. Darunter sind außer dem erwähnten Pendelapparat zu nennen ein Apparat für die photographische Aufnahme von Sternspektren, eine Camera zur photographi⸗ schen Aufnahme von Doppelsternen, Sterngruppen und Nebel⸗ flecken, ein größerer Heliostat von Fueß in Berlin.
Von den Publikationen des Observatoriums ist der erste Theil des vierten Bandes und der fünfte Band zum Abschluß gebracht worden. Der erste Theil des vierten Bandes ist 216 Seiten stark und ist aus 3 Nummern zusammengesetzt:
Nr. 14. H. C. Vogel, Einige Beobachtungen mit dem großen Refraktor der Wiener Sternwarte.
Nr. 15. P. Kempf, Meteorologische Beobachtungen in den Jahren 1881 — 83. g
Nr. 16. G. Müller, Ueber den Einfluß der Temperatur auf die Brechung des Lichtes in einigen Glassorten, im Kalk⸗ spath und Bergkrystall. v
Der fünfte Band, 281 Seiten stark, ist nur aus einer Nummer gebildet: G“ 1
Nr. 20. G. Müller und P. Kempf, Bestimmung der Wellen⸗ längen von 300 Linien im Sonnenspektrum. 8 8
Der Personalstand des Observatoriums ist im Jahre 1885 unverändert geblieben. A. B.
Der gestrige dritte Tag des Herbst⸗Meetings des Unionklubs auf der Rennbahn zu Hoppegarten begann mit:
I. Memorial⸗Rennen. Staatspreis 3000 ℳ Für zwei⸗ jährige. Sieger im deutschen Gestütspreis zu Berlin trägt Maximal⸗ gewicht, das zweite Pferd in diesem Rennen 1 ½ kg extra. Distanz 1000 m. Dem zweiten Pferde die Hälfte der Einsätze und Reugelder. Zu diesem Rennen waren 10 Pferde angemeldet, von denen für 6 Pferde Reugeld gezahlt wurde. Von den 4 startenden Pferden siegte des Königl. Hauptgestüts Graditz br. H. „Pumpernickel v. Chamant a. d. Pulcherrima ganz leicht mit 3 Längen gegen des Hrn. O. Oehlschläger dbr. H. „Räuberhauptmann“, des Frhrn. E. v. Falkenhausen F.⸗H. „Morgenstern“ wurde zwei Längen. dahinter Dritter und Hrn. G. Beit's schwbr. H. „Heinzelmännchen“ Letzter. — Werth des Rennens 3600 ℳ dem Sieger, 600 ℳ dem Zweiten. — Am Totalisator wurden auf 20 ℳ 41 ℳ gezahlt. — Um 1 ½ Uhr fo diesem Rennen: 2 Staatspreis 6000 ℳ für 1883 geborne inländische und österreichisch⸗ungarische Hengste und Stuten. Distanz 3000 m. Das dritte Pferd rettet seinen Einsatz, der Rest der Einsätze und Reugelder zwischen dem ersten und zweiten Pferde getheilt. Das zu diesem Rennen gehörige Silbergeschirr im Werthe von 1500 ℳ wird nach dreimaligem Sieg ohne Reihenfolge Eigen⸗ thum. — Das Rennen hatte 67 Unterschriften erhalten, von denen für 34 Pferde das Reugeld von 75 ℳ und für 33 das Reugeld von 150 ℳ gezahlt wurde. 4 Pferde starteten. Es siegte nach einem schönen Rennen und nach scharfem Schlußgefecht in den letzten Sprüngen des Grafen H. Henckel sen. br. „Abenadar v. YP. Buccanneer a. 8. dFlorce 86 rg gcodoh⸗ gegen ge
önigl. uptgestüts Gradi „St. „Gehe 1 Künig gcae 1— Hrn. K. v. Eichel br. St. „Little Lovelock⸗ wurde 4 Längen dahinter Dritte und Mr. G. Johnson’s F.⸗H. C-dur“ Letzter. Werth des Rennens: der Ehrenpreis und 9737 ¼ ℳ dem Sieger, 3737 ½ ℳ dem Zweiten und 200 ℳ der Dritten. — Am Totalisator wurden auf 20 ℳ 26 ℳ gezahlt.
ausgeführten Arbeiten geben wir im Folgenden einen Bericht
über das Jahr 1885.. 5
Asteroiden,
die über einen längeren Zeitraum verfolgt wur⸗
Diesem Rennen folgte um 2 Uhr: