Posener und Bromberger Deputationen. Die Remuneration von 600 ℳ, welche jedem einzelnen Mitgliede nebenamtlich ugebilligt sei, sei keine ausreichende Entschädigung für die chwere Geschäftslast.
Zu Kapitel 90 (Landrathsämter) bemerkte der Abg. Dr. Meyer (Breslau): Seine politischen Freunde hätten es nicht für angemessen erachtet, bei diesem Etat eine politische Debatte n Scene zu setzen, weil das, was draußen im Lande vorgehe, soviel Aufmerksamkeit erfordere, daß jedes Wort hier ungehört verhallen würde. Sie nähmen deshalb davon Abstand, die Schulzen⸗Examina, die Nichtbestätigung kommunaler Beamten, die Auflösung von Versammlungen u. s. w. zur Sprache zu bringen. Aber einen anderen Fall, bei welchem es sich nur um eine prinzipielle Frage handele, möchte er doch mittheilen. Ein Landrath habe durch eine amtliche Bekanntmachung eine Weberei empfohlen, welche sich die Beschäftigung armer und chwächlicher Weber zur Aufgabe gestellt. Im Interesse dieser armen Familien bitte der Landrath die Vereine, Wohlthäter und Freunde der Armen, der Firma, welche sein vollstes Ver⸗ rauen genieße, ihre Kundschaft zuzuwenden. Die Bekannt⸗ machung sei der Firma gedruckt in vielen Tausend Exem⸗ plaren zur Verfügung gestellt worden. Sie versende dieselben mit einigen Traktätchen, einer Broschüre über die soziale Auf⸗ gabe der Frau, einem Preiscourant und verschiedenen Mustern.
Nach einem Gutachten, welches ihm ein nationalliberaler
Sachverständiger gegeben habe, rühre aber die Mehrzahl der Fabrikate gar nicht aus dieser Fabrik selber her, sondern es seien thüringische, süddeutsche und elsässische Waaren, mit denen die Firma handele. Der Landrath wisse hoffentlich nichts von diesem Sachverhalt. Dieser zeige aber, wie bedenk⸗ ich ein solches Vorgehen sei. Er sei in diesem Falle ein Fürsprecher nationalliberaler Interessen und hoffe daher, daß hm das Kartell zu Gute kommen werde. Der Minister werde
hoffentlich die Sache untersuchen und Remedur veranlassen.
Der Minister des Innern, von Puttkamer, er⸗ widerte:
Meine Herren! Ich brauche wohl nicht vorauszuschicken, daß mir der von dem Hrn. Abg. Meyer (Breslau) vorgetragene Spezial⸗
fall gänzlich unbekannt ist und ich also auch nicht in der Lage bin, eine Angaben, sei es zu kontroliren oder zu widerlegen oder richtig zu tellen. Von dem allen sehe ich ab.
Ich möchte nur seinen Ausführungen gegenüber einen prinzipiellen Vorbehalt machen. Ich glaube nicht, daß er ohne weiteres berechtigt st, zu sagen: es ist niemals Aufgabe eines Landraths, gewissen wirth⸗ chaftlichen Nothständen gegenüber auf Abhülfe zu sinnen, und wenn r dabei, wie ich voraussetzen muß, findet, daß ein Gewerbetreibender sich in humaner Weise der nothleidenden Bevölkerung annimmt und adurch Mehrkosten für sein Geschäftsetablissement entstehen, so wird och nicht ohne weiteres gesagt werden können, daß der Landrath Un⸗ echt hat, wenn er auf diese Firma aufmerksam macht und die be⸗ reffenden Konsumenten ersucht, derselben ihr Vertrauen zuzuwenden.
Wie gesagt, ich will nur diesen einen vrinzipiellen Vorbehalt
Ob das auf diesen einzelnen Fall Anwendung findet, das kann ich nicht wissen. Aber von vornherein die landräthliche Thätig⸗ keit nach dieser Richtung hin absolut mit einer unübersteiglichen
ze, mit einem Hinderniß umziehen zu wollen, das möchte doch nicht für so ganz zweifelsfrei halten. Es sind ja
Fälle denkbar, wo ein so akuter Nothstand in einer
Bevölkerung eines Kreises sich zeigt und wo durch einen besonders human gesinnten Wohlthäter diesem Nothstande in dem weitesten Maße mit eigenen Opfern Abhülfe geschieht — da
ann es doch für die Verwaltungsbehörde angezeigt sein, etwas zur
Ausgleichung solchen Opfers dadurch beizutragen, daß sie eine Empfehlung n den ihr zugänglichen Kreisen für solche Firmen erläßt.
Ich weiß nicht, ob der Abg. Meyer von mir verlangt, daß ich diesem Spezialfall nachgehe; ich würde dazu von meinem Standpunkte aus keine Veranlassung finden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß es geschieht, und sollte sich ein Irrthum von Seiten des betreffenden Beamten ergeben, so würde ich das nur bedauern können. Aber ich
wiederhole, eine unter allen Umständen mit der seinigen gleichlautende prinzipielle Haltung gegenüber der Frage müßte ich ablehnen.
Der Abg. Dr. Meyer (Breslau) erwiderte, so scharf prinzipiell, wie der Minister es ihm in den Mund gelegt habe, abe er sich keineswegs ausgedrückt. Von einem Nothstande önne in diesem Fall keine Rede sein. .
Der Abg. Lückhoff bestätigte die von dem Abg. Dr. Meyer emachten Angaben.
Das Kapitel wurde hierauf genehmigt, ebenso die Kapitel: Polizeiverwaltung in Berlin, Polizeiverwaltung in den Pro⸗
inzen und die übrigen Kapitel des Etats.
Schluß 2 3 ¾ Uhr. Nächste Sitzung Mittwoch 11 Uhr.
— In der heutigen (16.) Sitzung des Hauses der Abgeordneten, welcher der Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten, Dr. Lucius, und der Justiz⸗Minister Dr. Friedberg nebst mehreren Kommissarien beiwohnten, erhielt or Eintritt in die Tagesordnung das Wort der Abg. Rintelen, um zur Widerlegung der gestern gegen ihn gemachten Angriffe ine Rede zu verlesen, welche er im Jahre 1861 gehalen, und 1eb die Grundsätze vertrete, zu denen er sich heute noch bekenne.
Das Haus trat hierauf in die Tagesordnung ein, deren
rster Gegenstand die erste Berathung des Antrags der lbgg. Dr. von Cuny und Genossen auf Annahme ines Gesetzentwurfs, betreffend die Ergänzung es Gesetzes vom 20. Mai 1885 über die Veräuße⸗ ung und hypothekarische Belastung von Grund— tücken im Geltungsbereich des Rheinischen Rechts, war.
Der Antrag wurde an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen.
Es folgte die Berathung des mündlichen Berichts er Kommission für Petitionen über die Petition es Apothekers Werner in Scherfede um Ertheilung der Er⸗ aubniß zur Mitbewerbung bei Verleihung neuer Apotheken⸗Conzessionen.
Der Berichterstatter, Abg. Dr. Graf (Elberfeld), bean⸗ ragte Namens der Petitions⸗Kommission: „Das Haus der
Abgeordneten wolle beschließen, die Petition der Königlichen Staatsregierung zur Erwägung zu überweisen.“
Das Haus trat diesem Beschlusse ohne Debatte bei.
Das Haus berieth sodann den mündlichen Bericht er Kommission für die Agrarverhältnisse über ie Petition des Metzgermeisters Fischer in Limburg, um Abänderung einiger näher bezeichneter Bestimmungen der
Senschen Viehhandels⸗Ordnung vom 24. Oktober 191. 8 Der Berichterstatter, Abg. Drawe, beantragte Namens der lgrarkommission: „Das Haus der Abgeordneten wolle be⸗ chließen, die Petition der Königlichen Staatsregierung als Material zur einschlägigen Gesetzgebung zu überweisen.“
Der Antrag der Kommission wurde angenommen.
„Es folgte der mündliche Bericht der Kommission ür das Unterrichtswesen über die Petition der
Besitzer Schmidt und Borczeskowski in Dreidorf um Er⸗ stattung von Exekutionskosten, welche ihnen durch Bei⸗ treibung einer von der Schulaufsichtsbehörde gegen sie fest⸗ gesetzten, später zurückgezahlten Strafe erwachsen sind.
Der Berichterstatter, Abg. Sack, beantragte Namens der Unterrichtskommission: das Haus der Abgeordneten wolle be⸗ schließen, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen.
Des Weiteren stand auf der Tagesordnung: der münd⸗ liche Bericht der Budgetkommission über die Pe⸗ titionen der Ee Kosetzki und Genossen in Dirschau, Steenkamp und Genossen in Dortmund um An⸗ stellung im Staatsdienst.
Der Berichterstatter, Abg. von Tiedemann (Bomst), be⸗ antragte Namens der Budgetkommission, das Haus der Ab⸗ geordneten wolle beschließen, über die Petitionen zur Tages⸗ ordnung überzugehen.
Die Anträge der Kommission wurden angenommen.
Das Haus setzte hierauf die zweite Berathung des Entwurfs des Staatshaushalts⸗Etats für 1887/88 fort, und zwar wurde berathen: der Etat der Ansiede⸗ lungs⸗Kommission für Westpreußen und Posen.
Namens der Budgetkommission beantragte der Abg. Frei⸗ herr von Minnigerode:
Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen:
a. Kap. 25 k der Einnahme unverändert zu genehmigen; 8
b. Kap. 54 a der dauernden Ausgaben unverändert zu bewilligen;
c. folgender Resolution die Zustimmung zu ertheilen:
Die Königliche Staatsregierung zu ersuchen, in der nächst⸗ jährigen Denkschrift über die Ausführung des Gesetzes vom 26. April 1886, betreffend die Beförderung deutscher Ansiedelungen in den Provinzen Westpreußen und Posen, bei der Uebersicht der angekauften Güter auch die Nationalität der Vorbesitzer ersichtlich zu machen;
d. im Uebrigen die vorliegende Denkschrift durch Kenntniß⸗ nahme für erledigt zu erklären.
Der Abg. von Czarlinski erklärte, daß das Ansiedelungs⸗ gesetz eine Verletzung der Verfassung sei. Man erkläre den eigenen Unterthanen den Krieg und verlange noch von ihnen, daß sie zu den Kriegskosten beisteuerten. Er sei der Ansicht, daß es das Beste wäre, wenn das Gesetz sobald wie möglich wieder abgeschafft würde.
Der Abg. von Tiedemann (Bomst) meinte, auf die Er⸗ klärungen des Vorredners nicht erst noch nöthig zu haben, einzugehen. Man habe im vorigen Jahre von den Polen die bestimmte Erklärung verlangt, daß sie sich niemals wieder von Preußen loszureißen beabsichtigten. Diese Erklärung sei nicht abgegeben worden. Die Denkschrift anlangend, wünsche er, daß die Ankäufe mehr in den Freisen erfolgen möchten, wo schwankende Majoritäten seien. Da seien die schnellten Erfolge zu erzielen. Gegen die Heranziehung der General⸗Kommission zur Vertheilung der Ländereien habe er in gewissen Fällen nichts einzuwenden. Der Hauptpunkt liege für ihn in der Bemerkung der Denkschrift, daß Güter in Aussicht genommen seien, die eine Anspannung von nicht mehr als zwei Pferden erforderten. Das scheine ihm zu den lokalen Verhältnissen Posens nicht zu passen.
Der Abg. von Meyer⸗Arnswalde meinte, daß es richtiger sein würde, nur größere Grundstücke zu verkaufen, denn in den ehemals polnischen Landestheilen könne nur eine extensive Wirthschaft getrieben werden. Der Kaufpreis betrage im Durchschnitt das 70fache des Grundsteuerreinertrages. Das sei zu hoch. Interessant wäre es zu erfahren, was vom Kauf⸗ preise den Verkäufern verblieben sei.
Bei Schluß des Blattes sprach der Abg. von Rauchhaupt.
— Hat ein Gewerbetreibender einen Unfall-Ver— sicherungsvertrag zu Gunsten seiner Arbeiter abgeschlossen und bei eingetretenem Unfall die von dem Versicherer empfangene Entschädigungssumme unter Vorspiegelung falscher Thatsachen dem Verunglückten resp. seinen Hinterbliebenen vorenthalten, so hat nach einem Urtheil des Reichsgerichts, I. Strafsenats, vom 16. Dezember v. Js., diese Handlung die Bestrafung des Versicherungsnehmers wegen Betruges zur Folge. „Das Reichsgericht hat in übereinstimmender Recht⸗ sprechung in Civil⸗ und Strafsachen wiederholt eingehend erörtert, daß nach herrschender Theorie und Praxis bei Versicherung Derjenige, zu dessen Gunsten sie genommen ist, aus dem Vertrage des Versicherers und des Versicherungsnehmers ein selbständiges Klagerecht erwirbt, soweit das nach dem Vertrage geschehen soll ... Der erste Richter hat daher, wie nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen, so insbesondere auf Grund der festgestellten Bedingungen des Ver⸗ sicherungsvertrages mit vollem Rechte angenommen, daß der Angeklagte, welcher für zwei in den Jahren 1880 und 1883 verunglückte Arbeiter mit der Versicherungsgesellschaft verein⸗ barte Entschädigungssummen von 1200 ℳ und 850 ℳ in Empfang genommen hatte, rechtlich verpflichtet war, diese Beträge — nach Abzug der ihm selbst zustehenden Ansprüche — an die Hinterbliebenen herauszuzahlen, und daß die Ab⸗ sicht, diese Zahlungen zu umgehen und die Beträge für sich zu behalten, als die der Verschaffung eines rechtswidrigen Ver⸗ mögensvortheils aufzufassen sei.“
— Der Kaiserliche Gesandte am Königlich rumänischen Hofe, Dr. Busch, hat einen ihm Allerhöchst bewilligten Urlaub nach Berlin angetreten. Für die Dauer der Abwesen⸗ heit desselben von Bukarest fungirt der Legations⸗Sekretär, Graf von Wallwitz als interimistischer Geschäftsträger.
— Der Chef der Admiralität, General⸗Lieutenant von 11“ hat sich zur Vornahme von Inspizirungen nach Kiel begeben.
— Der heutigen Nummer des „Reichs⸗ und Staats⸗ Anzeigers“ ist eine „Besondere Beilage“ (Nr. 1), enthaltend Entscheidungen des Reichsgerichts, beigefügt.
Limburg, 9. Februar. (W. T. B.) Das Amtsblatt des Bisthums Limburg veröffentlicht einen Erlaß des Bischofs, welcher dem Klerus untersagt, sich an der Wahl⸗ agitation gegen das Septennat zu betheiligen; den neu⸗ gewählten Mitgliedern des Centrums dürfe nicht erschwert werden, den in dem Schreiben des Kardinal⸗Staatssekretärs Jacobini ausgedrückten Wünschen Rechnung zu tragen.
Bayern. München, 9. Februar. (W. T. B.) Zum Nachfolger des in den Ruhestand getretenen Regierungs⸗ Präsidenten von Schwaben und Neuburg, von Hormann, ist der hiesige Polizei⸗Direktor Baron Pech⸗ mann, ernannt worden. An die Stelle des Letzteren tritt der Ober⸗Regierungs⸗Rath Dr. von Müller.
Sachsen. Dem „Dr. J.“ wird aus Großenhain unter dem 7. Februar gemeldet: „Seine Königliche Hoheit Prinz Friedrich August kam bei den heutigen dienstlichen
Uebungen des 1. Husaren⸗Regiments unter den Einwirkungen der zur Zeit bestehenden ungünstigen Bodenverhältnisse mit dem Pferde zum Stürzen, erlitt jedoch dabei nur so unerheb⸗ liche Kontusionen, daß er voraussichtlich in 8 —14 Tagen bereits wieder vollkommen dienstfähig sein wird. Die ge⸗ sammte Einwohnerschaft nimmt den lebhaftesten Antheil an diesem Unfall, ein Bedauern, welches man in ganz Sachsen theilen wird.“ “
Oesterreich⸗Ungarn. Wien, 7. Februar. (Wien. Abdp.) Im Abgeordnetenhause des Reichsraths tagten heute Vormittags der Wehr⸗Ausschuß, der Budget⸗ Ausschuß und der Eisenbahn⸗Ausschuß. Ferner werden heute Abend der Schul⸗Ausschuß, der Sanitäts⸗Ausschuß und das Subcomité für die Zuckersteuer Berathungen abhalten. Die Mitglieder des Legitimations⸗Ausschusses sind auf den 10. d. M zu einer Sitzung eingeladen.
Pest, 7. Februar. (Prg. Ztg.) Im Abgeordneten⸗ hause erklärte heute in Beantwortung der Interpellation Enyedis der Finanz⸗Minister Graf Szapary: die Ausgleichsverhandlungen seien eben im Zuge; es wäre vorzeitig, sich jetzt darüber zu äußern; er werde jedenfalls dem Hause das Resultat bekannt geben, könne sich aber vor Beendigung der Verhandlungen auch nicht äußern, ob der Ausgleich auf ein Jahr verlängert werden soll. Die von der Regierung ohnedies in Aussicht gestellte Er⸗ höhung sei ohne Errichtung der Verzehrungssteuerlinie nicht möglich. — Der von Hoitsy eingebrachte Beschluß⸗ antrag, daß die Grundsteuer in den nächsten fünf Jahren nicht erhöͤht werden könne, wurde, nachdem der Minister⸗ Präsident von Tisza die Zwecklosigkeit des Antrages nachgewiesen und denselben bekämpft hatte, in namentlicher Abstimmung mit 129 gegen 58 Stimmen abgelehnt.
Agram, 7. Februar. (Wien. Ztg.) Das „Amtsblatt“ publizirt eine Verordnung, mittelst welcher der Landtag auf den 15. Februar einberufen wird.
Belgien. Brüssel, 8. Februar. (W. T. B.) In der Deputirtenkammer brachte der Finanz⸗Minister Ber⸗ naerteinen Gesetzentwurfwegen Bewilligung eines außer⸗ ordentlrichen Kredits ein. In demselben werden die außer⸗ ordentlichen Ausgaben für das laufende Jahr auf rund 50 Millionen festgestellt, wovon 29 Millionen auf ver⸗ schiedene Ministerien und 20 Millionen auf das Kriegs⸗ Ministerium entfallen. Der Minister erklärte: die Re⸗ gierung halte es angesichts der neuesten Fortschritte für nothwendig, die Bewaffnung der Infanterie zu er⸗ neuern; auch die Befestigungen von Lüttich und Namur müßten umgebaut und erweitert werden. Für dieses Jahr werde die Regierung nur den dritten Theil dieses Kredits nachsuchen. Der Minister fügte hinzu: die Lage der Finanzen erlaube dem Staatsschatz, diese schweren Lasten auf sich zu nehmen, und die Regierung werde ohne Mühe die nöthigen Hülfsquellen finden. Die Darlegung der Motive werde dem⸗ nächst zur Vertheilung gelangen.
Großbritannien und Irland. London, 7. Februar. (A. C.) Der Prinz von Wales reiste gestern Abend nach Cannes ab, wo Se. Königliche Hoheit der Einweihung der zum Gedächtniß seines verstorbenen Bruders, des Herzogs von Albany, erbauten Kirche beizuwohnen ge⸗ denkt. Der Prinz wird bis zu Ende des Monats in Süd⸗ Frankreich verweilen und dann nach London zurückkehren.
— 8. Februar. (W. T. B.) Das Unterhaus setzte heute die Adreß-Debatte fort. Morley erklärte: er unterstütze das von Parnell eingebrachte Amendement, weil nur durch die darin angestrebte Verwaltung die irische Frage mit Erfolg gelöst werden könne.
Ein heute veröffentlichtes Blaubuch, welches über die Verschwörung gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien handelt, enthält Depeschen bis zum 17. De⸗ zember. In einer Depesche vom 11. November giebt der russische Minister des Aeußern, von Giers, dem russischen Botschafter in London die Anschauungen des Kaisers über die Sachlage bekannt und fügt hinzu: Rußland wünsche nicht die bulgarische Unabhängigkeit anzugreifen, habe aber das Recht und die Pflicht, die Bedrückung des bulgarischen Volkes durch eine Minorität von Agitatoren zu verhindern. Der Kaiser sei bestrebt, diese Ziele auf friedlichem Wege zu erreichen, ohne von den vertragsmäßigen Verpflich⸗ tungen abzuweichen, so lange andere Mächte dieselben ebenfalls respektirten. In Beantwortung dieser Depesche erklärte Lord Iddesleigh in einer Note vom 8. Dezember: die Eindrücke Rußlands in Betreff der Ereignisse in Bulgarien wichen zwar ab von denjenigen der britischen Regierung, welche glaube, daß sie hierin wesentlich mit denen der anderen Regierungen über⸗ einstimme. Die britische Regierung wünsche indessen, gleich der russischen die Aufrechterhaltung der Verträge, die Lösung der Fragen auf friedlichem Wege und die freie Ausübung der Autonomie Seitens Bulgariens. Die britische Regierung werde gern an Berathungen unter den Signatar⸗ mächten des Berliner Vertrages zur Erreichung dieser Ziele theilnehmen. Diese Berathungen sollten jedem Beschluß, be⸗ treffend die Wahl eines neuen Herrschers von Bulgarien, vorangehen. Die britische Regierung ziehe es vor, ihre Mei⸗ nung hierüber vorzubehalten, bis die Bedingungen für die bulgarische Union geprüft und geregelt seien.
— 9. Februar. (W. T. B.) Die Sozialisten hatten in Folge des Verbots der Polizei von dem für gestern beab⸗ sichtigten Fackelzuge zwar abgesehen, veranstalteten am Abend aber eine öffentliche Kundgebung auf Clerkenwell Green. Nach dem Schluß derselben wurden von einem Volkshaufen, der seinen Weg nach dem Osten der Stadt nahm, bei dem Durchziehen der Straßen mehrere Schaufenster ein⸗ geschlagen und mehrere Läden geplündert. Durch das Ein⸗ schreiten der Polizei, welche mehrere Verhaftungen vornahm, wurde dem Unfuge schließlich ein Ziel gesetzt.
Bombay, 8. Februar. (W. T. B.) Se. Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Leopold von Preußen hat sich von hier nach Ceylon begeben.
— (A. C.) Aus Birma wird gemeldet:
Kalkutta, 6. Februar. In Folge der Schwierigkeiten des Transports zu Wasser ist die Rückkehr der Truppen, welche Birma verlassen sollen, bis Ende April hinausgeschoben worden.
Rangun, 4. Februar. General Roberts und sein Stab kamen heute in Rangun an. Sie werden am 6. d. nach Calcutta ab⸗ reisen. Der buddhistische Erzbischof, welcher General Roberts begleitete, wurde bei seiner Ankunft in Prome von den Birmanen sehr gut empfangen. In Minbu ist General Low in eifriger Verfolgung Boshways begriffen, auch legt er im ganzen Distrik
Straßen an. In letzter Zeit hat sich Boshway in seinem Dschungel⸗
Dickicht versteckt gehalten, und jetzt hat er Unterhandlungen für seine Uebergabe eröffnet.
Frankreich. Parxis, 8. Februar. (W. T. B.) Der Ministerrath beschloß in seiner heutigen Sitzung, sich da⸗ gegen zu erklären, daß die Berathung des für Armee⸗ zwecke verlangten Kredits von 86 Millionen, welcher zum Extraordinarium des Budgets des Kriegs⸗ Ministeriums gehört, vertagt werde. Die Deputirtenkammer müsse nach der Berathung des Einnahme⸗Budgets voraussichtlich am Donnerstag diesen Kredit berathen, der zur Vervollkomm⸗ nung der Bewaffnung der französischen Armee bestimmt, von der Budget⸗Kommission schon lange Zeit angenommen und von keiner Partei angefochten sei. — Die Deputirten⸗ kammer ist infolgedessen, einer weiteren Meldung zufolge, schon heute nach Genehmigung des Einnahme⸗Budgets in die Berathung über das Extraordinarium des Budgets einge⸗ treten und hat die Kredite von 86 Millionen für das Kriegs⸗Ministerium und von 30 Millionen für das Marine⸗Ministerium ohne Debatte bewilligt.
Italien. Rom, 8. Februar. (W. T. B.) Der Minister⸗Präsident Depretis theilte in der Kammer heute mit, daß das Ministerium in Folge der parlamen⸗ tarischen Situation seine Entlassung gegeben hat. Der König habe sich seine Entschließungen vorbehalten.
— 9. Februar. (W. T. B.) Der König konferirte gestern mit den Präsidenten der Deputirtenkammer und des Senats. — In Deputirtenkreisen heißt es: die Kammer werde sich nach Genehmigung des Budgets vertagen. 1
— 9. Februar. (W. T. B.) Eine amtliche Depesche des Generals Genée an den Kriegs⸗Minister über die am 25. und 26. d. M. stattgehabten Kämpfe in Abyssinien sagt: „Das Verhalten der Truppen war ein glänzendes. Die Zahl der Todten beträgt 23 Offiziere und 407 Soldaten, die Zahl der Verwundeten 1 Offizier und 81 Soldaten. Alle Verwundeten befinden sich im Hospital von Massovah, der größere Theil derselben wird mit dem Postdampfer in die Heimath befördert.“ 8
Zeitungsstimmen.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ ent⸗ hält folgende Mittheilungen: In Fulda wurde in einer namentlich vom Lande sehr zahlreich besuchten Wählerversammlung, und zwar auf Antrag des früheren ultramontanen Reichstags⸗ und Landtagsabgeordneten Herrlein der Landrath zu Fulda, von Trott, als Kandidat der staatstreuen Katho⸗ liken aufgestellt.
— Mcehrere hundert bisber ultramontan gewesene Wähler nassauischen Wahlkreises Diez⸗Limburg veröffentlichen einen A in welchem sie betonen, daß sie nur einem solchen Centrums mann ik Stimme geben, der für das Septennat eintritt, und daß sie keinenfalls für einen Deutschfreisinnigen stimmen. 3
— Aus Altenburg wird berichtet, daß die dortige „deutsch⸗ freisinnige“ Partei beabsichtigt hatte, den Fabrikanten Brand in Gößnitz als Kandidaten aufzastellen. Nachdem derselbe jedoch erklärt hatte, obwohl er im Uebrigen ein treuer Anhänger der „deutschfreisinnigen“ Partei sei, würde er doch in der Heeresfrage unzweifelhaft fur das Septennat votiren, kam in Folge von Verhandlungen mit Berlin die Verlegenheitskandidatur des Kaufmanns und Großdestillateurs Mar Schulz zu Stande. Der Vorgang zeigt, wie auch in Altenburg die „Deutschfreisinnigen“ die Haltung der Partei in der Septennats⸗ frage nur deshalb billigen, weil es von Berlin durchaus verlangt wird.
— Im 2. anhaltischen Wahlkreise, Bernburg, haben die „Deutschfreisinnigen“ Wahlenthaltung beschlossen. .
— In Rosenheim sprach am Sonntag Prof. Dr. Sepp vor einer stark besuchten Wählerversammlung als ultramontaner Kandidat über Centrum und Kulturkampf. Der greise Redner führte u. A. Folgendes aus: Der Papst will den Frieden, aber der Centrums⸗ führer vereitelt alle Bestrebungen und will katholischer sein, als das Oberhaupt der Kirche. Das Septennat war nur ein zufälliger Anlaß zum neuen Ausbruch des Kampfes, worin Windthorst als der kleine David den gewaltigen Riesen niederzuwerfen meint, welcher mit einem Arme Frankreich, mit dem anderen Rußland von uns fern hält. Aber Bismarck ist kein Philister unter den Staatsmännern, sondern der größte Deutsche, den uns die Gnade der Vorsehung noch lange er⸗ halten wolle. Wer von unseren bavyerischen Reichstags⸗Abgeordneten es mit dem Centrum hält, ist kein Freund des Kaisers und Reichs
bensowenig unseres Prinz⸗Regenten.
— Der Wahlaufruf des Centrums für München enthält folgenden
„Wir halten an der Anschauung fest, daß das Sozialistengesetz zu mißbräuchlicher Anwendung gegen eine zahlreiche Klasse unserer Mitbürger geführt hat und den beabsichtigten Zweck keineswegs zu erreichen im Stande war. Wir verlangen abermals, daß dieß s Gesetz nach Ablauf seiner Geltungsdauer nicht wieder erneuert werde.“ b
Wie die „Donau⸗Zeitung“ berichtet, haben mit Rücksicht auf diesen Passus mehrere Mitglieder des katholischen Kasinos, so ins⸗ besondere Graf Emmerich Arco⸗Vallev, ihre Unterschrift für diesen Wahlaufruf verweigert; der katholische Adel ist überhaupt unter den Unterschriften nicht vertreten und die Geistlichkeit nur durch zwei Unterschriften! Es bröckelt eben weiter im Centrum, die konservativ gestimmten Elemente können die sozial⸗ und sonstig⸗demokratische
reundschaft nicht vertragen! 1 — Der badische Lehrerverein fordert in einem Aufrufe die ehrer auf, vollzählig an der Wahlurne zu erscheinen und nur solchen andidaten die Stimme zu geben, welche für das Septennat eintreten. „Lassen wir“— heißt es in dem Aufrufe — dabei alle anderen Rück⸗ sichten, politische Gesinnung, Parteistellung, Persönlichkeiten in den Hintergrund treten; verschließen wir überhaupt allen fremden Ein⸗ flüsterungen, welche uns von der Erfüllung unserer heiligen Pflicht bwendig machen wollen, unser Ohr! Suchen wir auch unsere Mit⸗ ürger für die gute Sache zu gewinnen! Belehren wir die Un⸗ issenden, rathen wir den Zweifelnden, ermuthigen wir die Zaghaften!“
— Fürst Isenburg-⸗Birstein veröffentlicht in der „Neuen
Preußischen Zeitung“ eine Erklärung gegen das Centrum, welche von der klerikalen „Kölnischen Volkszeitung“ urückgewiesen worden. Es heißt darin:
In der „Kölnischen Volkszeitung“ wird eine Erklärung darüber
mir verlangt, ob ich mich dazu hergeben wolle, dem Centrum
Wahlkreis Fulda⸗Gersfeld⸗Schlüchtern streitig zu machen.
rf aus dem Wahlkreise selbst schon vorher an mich ergangene An⸗ fragen erklärte ich, daß ich nur dann eine Kandidatur annehmen würde, wenn der bisherige Kandidat, Graf Droste⸗Vischering, uf sein Mandat verzichte. Freilich hätte mich die höchst eigen⸗ hümliche Haltung eines Theils der Centrumspresse wohl zu em Entschlusse bringen können, mich den Wählern zur Disposition u stellen, welche, was zur Erhaltung des inneren Friedens so noth⸗ endig ist, die religiösen und politischen Fragen zu trennen, als ihre flicht erkennen. Wenn ich dennoch darauf verzichte, so geschieht es
n der Hoffnung, daß auch bei der Leitung der Fraktion der Wunsch ach einer Verständigung mit der Regierung, der von so vielen Centrumswählern erhoben wird, sich geltend macht. In der Zeit der Blüthe des Kulturkampfes war meine Beziehung zur Centrumsfraktion ehr intim. Einige Anstände, die ich an dem politischen Programm derselben hatte, habe ich in meiner Schrift: „Die Parteien im deut⸗
schen Reichstag“ dargelegt, wor
es hieß: „Ich erkläre ganz aus⸗ volle Sympathie besitzt und daß ich in
drücklich, daß sie meine ch Rechte unserer heiligen
dem jetzt brennenden Kampfe für die Kirche mit ihr auf demselben Boden stehe. Hiermit ist aber auch ihre Aufgabe erschöpft. Ist einmal der Kultur⸗ kampf beendet, hat die katholische Kirche in einer oder der anderen Weise die ihr gebührende Selbständigkeit wieder erlangt, so muß die Centrumsfraktion sich reorganisiren und auch zu der Kardinalfrage des öffentlichen Lebens (Parlamentarismus) Stellung nehmen.“ Als später die Centrumsfraktion in immer nähere Be⸗ ziehung zu der Fortschrittspartei getreten, habe ich stets mein Bedauern ausgesprochen, meine Beziehungen jedoch in keiner Weise geändert. Erst seitdem ich mich überzeugt, daß, trotzdem die Beziehungen des Staats zur katholischen Kirche immer bessere wurden, das Verhältniß des Centrums zur Fortschrittspartei sich mehr und mehr auf rein politische Fragen ausdehnte, fing ich an, eine andere Stellung ein⸗ zunehmen. Wenn ich es jetzt nicht scheue, mich in der vorliegenden Frage in direkten Widerspruch mit der Centrumsfraktion zu stellen, so geschieht dies aus folgenden Gründen: 1) habe ich die Ueber⸗ zeugung, daß das Recht des Reichstages, bei der Feststellung der Präsenzstärke des Heeres mitzuwirken, in keiner Weise beeinträchtigt wird, wenn diese Feststellung auf sieben, statt auf drei Jahre geschieht; 2) sehe ich in der häufigen Wiederkehr von parlamentarischen Ver⸗ handlungen über derartige Fragen, welche in so enger Beziehung zu unserem Verhältniß zu unseren Nachbarstaaten stehen, einen Grund zu fortwährender politischer Beunruhigung; 3) wie schon früher erwähnt, hat das Zusammengehen des Centrums mit der Fortschrittspartei bei mir stets großes Bedenken hervorgerufen. Wenn zwei Parteien, die sowohl in religiöser als politischer und wirthschaftlicher Be⸗ ung so diametral verschiedenen Grundsätzen huldigen, wie hier der Fall ist, doch so lange zusammengehen, so sie einen Einigungspunkt haben, welcher so stark ist, er sie für den Augenblick auch den großen Gegensatz, der zwischen ihnen besteht, vergessen läßt. Trotz allen Suchens nach einem solchen kann ich keinen finden. Leider scheint es aber einem Theile der Centrumspresse zum Bedürfnisse geworden zu sein, Miß⸗ trauen gegen die Regierung zu säen und zur Opposition gegen dieselbe aufzufordern. Ein solches Gebahren dürfte aber für die Zukunft unseres Vaterlandes von traurigen Folgen begleitet sein. Schon ein großer Theil der katholischen Wähler hat sich daran gewöhnt, in dem Fortschritt die gesinnungsverwandteste Partei zu sehen, und in den letzten Monaten hatten die Katholiken Deutschlands Gelegenheit, die traurige Wahrnehmung zu machen, daß katholische Preßorgane durch die Gewohnheit, der weltlichen Autorität Opposition zu machen, auch kirchlichen Autoritäten gegenübertreten zu können glaubten. Gewiß ist die Einigkeit unter den Katholiken Deutschlands ein dringendes Be⸗ dürfniß, sie kann aber nur gewahrt werden, wenn sich dieselbe be⸗ schränkt auf die Vertheidigung der Rechte der Kirche und auf den Kampf gegen den Unglauben. In rein politischen Fragen muß Freiheit herrschen.
Aus Neisse wird der „Schlesischen Zeitung“ über eine Versammlung reichstreuer Wähler, welche den Ritt⸗ meister a. D. und Rittergutsbesitzer von Jerin zum Kandidaten aufstellte, geschrieben:
.. Aufgefordert, sich über seine Bereitwilligkeit zur Annahme der Kandidatur auszusprechen, erklärte Hr. von Jerin, daß er dieselbe anzunehmen bereit sei, indem er sich unter wiederholten Beifallsbezei⸗ gungen der Anwesenden in kurzen, kernigen Worten dahin äußerte, daß er ein guter Deutscher und Preuße und ein guter Katholik sei Als Katholik werde er die Interessen der Katholiken wahrnehmen und dazu mitwirken, den Frieden zwischen Kirche und Staat herzu⸗ stellen, wie derselbe im vorigen Jahre durch die Staatsregierung nach dem Willen Sr. Majestät des Kaisers eingeleitet und von dem Bischof Kopp unter Zustimmung Sr. Heiligkeit des Papstes gut⸗ geheisen worden sei. Als alter Soldat wolle er den Schutz und Schirm des Vaterlandes in den Stand gesetzt sehen, den unser Kai er als den unerläßlich nothwendigen bezeichne; er stimme deshalb für das Septennat. Er stehe in allen politischen Fragen zur deutschen Reichspartei und sei bereit, jede Maßregel zu unterstützen, die der Landwirthschaft, dem Gewerbe und der Industrie nützen könne. Bürgerliche und religiöse Gleichberechtigung erachte er für die wesent⸗ liche Grundlage eines gesunden Staatslebens. Her. von Jerin schloß mit den Worten: Wer ihm seine Stimme geben wolle, der werde ihn finden allezeit treu bereit für des Reiches Herrlichkeit. Die Ver⸗ sammlung nahm hierauf einstimmig die Kandidatur des Hrn. von Jerin an und gab ibrer Sympathie für ihn durch ein dreifaches Hoch auf ihn Ausdruck.
— Zur Wahlbewegung meldet die „ Magdeburgische Zeitung“ aus Sachsen: Wiederum hat sich ein angesehener Wortführer der ehemaligen Fortschrittspartei in Sachsen von Hrn. Eugen Richter und Genossen losgesagt: Rechtsanwalt Dr. Böhme in Annaberg, der eine Zeit lang den dortigen Wahlkreis im Reichstage, später auch im Landtage zu Dresden vertrat. Er ist jetzt, nebst anderen Deutschfreisinnigen dort, die feinem Beispiel gefolgt sind, rückhaltlos für die Wieder⸗ wahl des nationalliberalen Holtzmann eingetreten. Ebenso steht, nach einer glaubhaften Meldung, Ober⸗Bürgermeister Streit in Zwickau, nächst Schaffrath jedenfalls der nam⸗ hafteste Führer der sächsischen Fortschrittspartei, langjähriger Vize⸗Präsident der Zweiten Kammer, auf Seiten der Anhänger des Septennats. Was bleibt da von namhaften Wortführern der deutsch⸗ freifinnigen Partei in Sachsen auf der anderen Seite? Gleichwohl versucht die Dresdener Parteileitung noch immer, ihre Parteigenossen im Lande nach den von Berlin aus empfangenen Weisungen zu beein⸗ flussen glücklicherweise mit sehr schlechtem Erfolg. So wollte die⸗ selbe dem Wahlkreis Freudenberg⸗Mittweida, wo der dortige deutsch⸗ freisinnige Verein unter Leitung Starke's sich mit den anderen reichs⸗ treuen Elementen zur Aufstellung des Justiz⸗Raths Schneider (national⸗ liberal) als Kandidaten vereinigt hatte, einen Gegenkandidaten von der Farbe Richter aufdrängen; sie ist aber damit einfach ab⸗ gewiesen worden, wie es ihr schon einmal bei der vorigen Reichstagswahl in demselben Wahlkreise erging, wo Starke und dessen Gesinnungsgenossen auch einen Nationalliberalen, Penzig, durchbringen halfen. Im Wahlkreis Penig wollen die Deutschfreisinnigen unter Führung des Dr. Meischner für einen Vertreter des Septennats, den Deutschkonservativen Dr. Frege stimmen, wenn derselbe ihnen hinsicht⸗ lich seiner Stellung zu gewissen anderen Fragen beruhigende Erklä⸗ rungen gebe. Genug, die Wahlbewegung im Königreich Sachsen läßt sich nicht ungünstig an. Alles wird nur darauf ankommen, daß den Sozialdemokraten gegenüber die reichstreuen Wähler rüͤhrig und auf dem Platze sind, dann stehen so manche Wahlsiege auch in bisher den Gegnern gehörigen Kreisen zu hoffen.
— In einer Correspondenz der „Kölnischen Zeitung“ aus Paris lesen wir:
Das Blatt „Paris“ schreibt: “
„Man kann den Eifer nur anerkennen, mit dem unsere Sache in ganz besonderer Weise von der Freisinnigen Zeitung“, Organ des Hrn. Richter, von der „Germania“, Organ des Hrn Windthorst, vom „Berliner Tageblatt“ und der „Frankfurter Zeitung“, Organ des Hrn. Sonnemann, und vom „Beobachter“ in Stuttgart, Organ des Hrn. Karl Mavyer, Führers der Volkspartei in Württemberg, und „Volks⸗
zeitung“, katholisches Journal in Köln, unterstützt worden ist.“ Dieses offenherzige Bekenntniß, das alles sagt, kann man als eine kleine Er⸗
gänzung der Jacobini'schen Note insofern bezeichnen, als sie die regie⸗ rungsfeindlichen Parteien kennzeichnet.
Deutsches Handels⸗Archiv. Februarheft. — Inhalt: Erster Theil. Gesetzgebung und Statistik. Gesetzgebung. Deutsches Reich: Verordnung, betreffend die Regelung der Rechtsverhältnisse auf den zum Schutzgebiet der Neu⸗Guinea⸗Compagnie gehörigen
Salomonsinseln. — Verordnung, betreffend das Verbot der Ausfuhr
von Pferden. — Unterscheidungsmerkmale des Ricinusöls von anderen fetten Oelen und Oelgemischen. — Zollerleichterung bei der Ausfuhr von Oelfabrikaten. — Portugal: Aenderung des Zolltarifs für den Distrikt Kap Delgado (Mozambigue) — Grosbritannien und Ru⸗ mänien: Definitive Genehmigung des Abkommens, betreffend Abände⸗ rungen des zwischen beiden Ländern bestehenden Handelsvertrages. — Frankreich: Zollbehandlung von Papiermasse und Pappe. — Abgaben⸗ freier Bezug von Salz für industrielle Zwecke. Zollbehandlung von Jer⸗ seys und ähnlichen Strumpfwaaren mit Litzenbesatz. Frankreich und Ru⸗ mänien: Verlängerung der provisorischen Handelskonvention. —Griechen⸗ land und Frankreich: Provisorische Handelskonpention zwischen beiden Ländern. — Rußland: Finnischer Eingangszoll auf Chilesalpeter. — Finnischer Eingangszoll auf Mais und Maismehl. — Spanien: Ab⸗ fertigungsbefugnisse des Zollamts zu Altea. — Spanien und Ver⸗ einigte Staaten von Amerika: Verlängerung des Abkommens zwischen beiden Ländern, betreffend die Handelsbeziehungen zwischen den Ver⸗ einigten Staaten und den Inseln Cuba und Puerto Rico. — Nieder⸗ lande: Accise auf Spiritus. — Maßregeln zur Unterstützung der Zuckerindustrie auf Java. — Zollbehandlung von getrocknetem Speck. Belgien: Gesetz, betreffend Abänderung einiger Abgaben⸗ sätze der Branntwein⸗Accise. Annahmefähige Münzen. Belgien und Sansibar: Provisorische Niederlassungs⸗,
dels⸗ und Schiffahrts⸗Konvention zwischen beiden
dern. — Costa Rica: Vorübergehende Ermäßigung des Eingangs⸗ zolles für die nach San José bestimmten, über Limon eingeful
Waaren. — Venezuela: Einfuhrzoll auf Cedernholz, welches zur An⸗ fertigung von Cigarrenkisten vorgerichtet ist. Verlegung des Zoll amts von Maturin. — Italien: Zollbehandlung verschiedener Waaren — Zollzuschlag auf alkoholhaltige Essenzen. — Zollamtliche Behand⸗ lung von Velocipedentheilen. — Italien und Sansibar: Handels⸗ vertrag zwischen beiden Ländern. Schweiz: Bundesgesetz, betreffend infuhr von Schwefelkohlenstoff. — Tarif⸗Entscheidungen des eidgenössischen Zolldepartements im Monat Dezember 1886. — Redaktionsänderung in der Zolltarif⸗Ausgabe vom September 1884. Rumänien: Zollbehandlung von Geweben aus Hanf oder Leinen in Verbindung mit Baumwolle.
Rumänien und Rußland: Handelsvertrag zwischen beiden Län⸗ dern. — Statistik. Belgien: f die Schiffahrt Belgiens, sowie insbesondere de ind Luxem⸗ burg im Jahre 1885. rsi Handels mi Deutschland und Luxemburg im Jo⸗ auswärtige Handel und die Schiffahrt Columbiens (ohne de
von Panama) für die Jahre 1. September 1879
— Ugr 8 bis 1883/84. — Spanien: Außenhandel und die Schiffahrt im Jahre 1885. — Chile: Handel und Schiffahrt im Jahre 1885. — Frankreich: Hauptergebniß des auswärtigen Handels im Jahre 1886. — Argentinische Republik: Der Außenhandel und die Schiffahrt im Jahre 1885. — Literatur Spanischer Zolltarif. Amtliche Ausgabe 1886.— Zweiter Theil. Berichte über das Ausland. Europa. Antwerpen: Die deutsche Abtheilung der Antwerpener Weltausstellung Rußland: Die industrie Zoll⸗ und Steuerprojek und indirekten Steuern für das Jak Zuckermarktes in Transkaukasien, Nantes: Verkehr deutscher Schiffe im J g Uebersicht der Schiffahrt von St. Petersburg und Kronstadt und die
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Waarenausfuhr von St. Petersburg im Kron⸗ stadt: Verkehr Jahre Narva: Handel und Schiffahrt im Rotterdam: Verkehr deutscher Schiff⸗ im Jahre 1886. za Rochelle: Verkehr deutscher Schiffe im Jahre 1886. — Schweden: Der Aufschwung des schwedi⸗ schen Spritgeschäfts. — Asien. Japan: Der auswärtige Handel im böre 1885. — Shanghai: Herabsetzung der See⸗Versicherungs⸗ mien. — Afrika. Madagaskar: Vorsicht beim Abschluß von harter⸗Partien. — Amerika. Chile: Gangbare Importartikel. — enezuela: Die wirthschaftliche Lage. — Costa Rica: Kaffee⸗Ausfuhr. Uruguay: Die Lage des Zuckermarktes. — Coronel: Handels⸗ Bericht für das Jahr 1885. — Allgemeines: Besserung in der Welt⸗ virthschaft. 1 Post⸗Dampfschiffverbindungen nach außereuro⸗ päischen Ländern. Februar 1887. Veröffentlichungen des Kaiserlichen Gesundheits⸗ amts. Nr. 6. — Inhalt: Personalnachricht. — Gesundheitsstand. Witterung. — lkskrankheiten in der Berichtswoche. Volkskrank⸗ heiten und Sterblichkeit im Dezember 1886. — Sterbefälle in deutschen Städten von 40 000 und mehr Einwohnern. — Des⸗ gleichen in größeren Städten des Auslandes. — Erkrankungen in Berliner Krankenhäusern — Desgleichen in deutschen Stadt⸗ und Landbezirken. — Witterung. — Krankenberichte der Kgl. Armee ꝛc. 3. Quartal 1886. — Bevölkerungsvorgänge 1884. — Gesundheitsverhältnisse von Brüssel 1884. — Einfluß de Säuglingssterblichkeit auf die eheliche Fruchtbarkeit. — Geburts⸗ und Sterblichkeits⸗Verhältnisse in den Niederlanden 1885. — Zeitweilige Maßregeln gegen Volkskrankheiten. Veterinär⸗polizeiliche Maß⸗ regeln. (Bayern.) Maßregeln gegen Rinderpest. — Medizinalgesetz⸗ gebung ꝛc. (Preußen.) Epidemische Genickstarre. — (Hessen.) taxe. — (Anhalt.) Beseitigung von Ansteckungsstoffen — (Reuß⸗Plauen.) Vorschriften zur Ausfüh gesetzes. — Rechtsprechung. (Reichsgericht.) Verschweigung dorbenen Zustandes von verkauftem Fleisch. — Einrichtungen, Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege. (Berlin.) Simpson Katarrhpulver. — Warner's Safe Cure. — Fleischschau. b (München.) Desgleichen. — (Braunschweig.) Rheinischer Trauben⸗- Brust⸗Honig und Pain-Expeller. — Geschenkliste.
Statistische Nachrichten. Nach dem für den Monat Dezember 1886 ausgegebenen Heft de stik des Deutschen Reichs war die Ausfuhr von Fabri⸗ en der Terxtilindustrie im Jahre 1886 im Vergleich zum jahre folgende:
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ih 1886 1885 100 kg netto Dichte Baumwollenwaaren ““ 31 876 Indichte Baumwollenwaaren, baumwollene Spitzen, Stickereien auf baumwollenem Grundstoff vI111““ 10 934 Baumwollene Strumpf⸗ und Posamentier⸗ Jute⸗ und Manillahanfgewebe mit Ausnahme der Fußdecken. Leinwand, Zwillich, 2eeee Seiden⸗ und Halbseidenwaaren. Wollenwaaren 453 54 356 Kleider, Leibwäsche und Putzwaaren. 63 709 56 807 zusammen: 699 865 626 023 Die Ausfuhr von Fabrikaten der Textilindustrie hat demmach im Jahre 1886 im Vergleich zum Vorjahre um 73 842 Doppel⸗Centner zugenommen. Die Steigerung entfällt bei Baumwollenwaaren ins⸗ besondere auf dichte gefärbte oder bedruckte Zeugwaaren, auf Strumpf⸗ waaren, Spitzen und Stickereien, bei der Position „Seiden⸗ und Halbseidenwaaren“ auf halbseidene Zeugwaaren, bei Wollenwaaren auf unbedruckte wollene Tuchwaaren und wollene Strumpfwaaren. Dieser beträchtlichen Ausfuhr steht eine Einfuhr von Fabrikaten der Textilindustrie in einer Gesammtmenge von nur 62 624 Doppel⸗Ctr. gegenüber, wovon 11 352 Doppel⸗Ctr. auf Jutegewebe, 9518 Dopvpel⸗Ctr. auf rohe Leinwand, Zwillich oder Drillich und 13 015 Doppel⸗Ctr. auf unbedruckte wollene Tuch⸗ und Zeugwaaren treffen. Im Vergleich zum Vorjahr hat diese Einfuhr um 22 401 Doppel⸗Ctr. abgenommen. Der Ausfall beruht in der Hauptsache auf einer ge⸗
91 469 3 939
Drillich, leinener
29 388 7 254
254 356
ringeren Einfuhr von Jutegeweben und roher Leinwand.