bereit zu halten. Die Zubereitung dürfte am besten durch
Apotheker erfolgen. Die Materialien sind sehr billig und
selbst in kleinen Städten fast überall vorhanden oder doch
leicht zu beschaffen.
Der gebrannte Kalk wird als Kalkmilch oder als Pulver angewandt. Erstere wird in der Art hergestellt, wie die Maurer es zum Tünchen der Wände zu thun pflegen, jedoch ist diese Tünche etwas konzentrirter zu machen, als es zu letzterem Zweck nothwendig ist. Das Kalkpulver wird durch Zerkleinern von gebranntem Kalk bereitet. Zur Des⸗ infektion der Wände und des Fußbodens wird am besten die Karbolsäure⸗Mischung benutzt, ebenso zum Desinfiziren des in den Kellern nach dem Auspumpen und Ausschöpfen etwa übrig bleibenden Wassers. Im letzteren Fall wird auf 20 Theile des vorhandenen Wassers etwa 1 Theil der Karbol⸗ säure⸗Mischung zu nehmen sein.
Die Wände werden mit der Mischung reichlich (mittelst Pinseln, Lappen oder dergleichen) angefeuchtet, die Dielen mit derselben gescheuert.
Ist von den Wänden vorher der Abputz entfernt worden, so ist die Kalktünche zu benutzen, wodurch der Geruch der Karbolsäure (der übrigens bei der Mischung kein sonder⸗
lich starker ist) vermieden wird. Auch zur Desinfektion der Kellerwände ist die Karbolsäure⸗Mischung, wenn die Keller jedoch zur Aufbewahrung von Nahrungs⸗ mitteln, namentlich von Milch, benützt werden sollen, die Kalk⸗ tünche anzuwenden. Zur Desinfektion des in den Kellern nach Beseitigung des Wassers zurückbleibenden Schlammes ist das Kalkpulver besonders geeignet, welches zu einem Theil auf 20 Theile Schlamm auf letzteren zu streuen ist.
Die Austrocknung der Wände ist in der jetzigen Jahreszeit am Tage (wenn es nicht gerade regnet) durch energische Lüftung mittelst Offenhalten der Fenster und Thüren zu bewirken. Zur Beschleunigung derselben sind Nachts die heizbaren Räume stark zu heizen, wobei ein oberer Fensterflügel und die Thür offen zu halten ist. Letztere sind zu schließen, um eine stärkere Erwärmung des Raums zu erzielen, wenn derselbe mittelst einer im oberen Theil der entsprechenden Wand herzustellenden Oeffnung sich mit einem geheizten Schornstein in Verbindung setzen läßt, wodurch die erforderliche Ventilation bewirkt wird.
Sehr zu empfehlen ist statt der Heizung der Oefen auch die Anwendung großer eiserner Körbe, in denen Koks verbrannt werden, ein Verfahren, welches am Rhein seiner Zeit ganz allgemein und mit gutem Erfolg angewandt worden ist. Hierbei sind die Dielen des Fußbodens mehrere Centi⸗
eter hoch mit reinem Sand zu überdecken und der Kokskorb
die Wände entlang allmählich von einer Stelle zur anderen zu rücken. Der Sand, welcher die Dielen vor dem Anbrennen bewahrt, erwärmt sich stark und befördert zugleich das Austrocknen des Fußbodens. In niedrigen Räumen kann es nothwendig werden, die Decke durch ein über dem Kokskorbe anzubringendes Eisenblech vor zu starker Erhitzung u schützen. Die Anwendung der Kokskörbe wird in der
egel polizeilich überwacht werden müssen.
Zu bemerken ist noch, daß nicht nur der Raum, in welchem die Körbe in Anwendung stehen, sich mit Kohlendunst füllt, sondern der letztere auch unter Umständen durch die Decke in darüber gelegene Räume eindringen und hier, falls sich Menschen in denselben befinden würden, Kohlenoxyd⸗ Vergiftungen veranlassen könnte, wie dies am Rhein beobachtet worden ist.
Wenn das in Beziehung auf die sanitären Verhältnisse der Wohnungen Erforderliche in der unmittelbar nach der Ueberschwemmung herrschenden Nothlage nicht überall wird ausgeführt werden können, so kommt in Betracht, daß die Schädigung der Gesundheit in Folge der zu frühen Wieder⸗ benutzung der Häuser zum großen Theil allmählich, im Laufe von Wochen und Monaten erfolgt und sich zunächst mit der Dauer der Zeit steigern kann. Es ist daher nothwendig, nach einiger Zeit, wenn die erste Noth abgewandt ist und die Ver⸗ hältnisse sich im Ganzen wieder einigermaßen geordnet haben, unter Heranziehung der Sanitäts⸗Kommissionen sanitäts⸗ polizeiliche Repisionen der Wohnungen, welche überschwemmt gewesen sind und namentlich derjenigen, welche darauf vorzeitig in Gebrauch genommen werden mußten, aus⸗ führen zu lassen, damit dann noch nachträglich die sich als nothwendig ergebenden Maßnahmen zur Verbesserung der vorgefundenen Mißstände getroffen werden. Die etwa erfor⸗ derliche Räumung von Wohnungen wird alsdann voraus⸗ sichtlich leichter zu bewerkstelligen sein.
Was die Brunnen betrifft, so ist nach den bisherigen Erfahrungen anzunehmen, daß die sog. Abessynischen Brunnen unter dem Einfluß der Ueberschwemmung in der Regel nicht leiden und fortgesetzt zu benutzen sein werden. Die Wieder⸗ herstellung der Pumpbrunnen erfolgt durch möglichst voll— ständiges Auspumpen und Reinigen der Kessel, welche hierauf mit dem Kalkpulver zu desinfiziren sind. Die Schöpf⸗ brunnen werden thunlichst ausgeschöpft und alsdann wird in dieselben eine mäßige Portion Kalkpulver oder auch gebrannter Kalk in gröberen Stücken geschüttet. Zeigt sich nach wieder erfolgter Ansammlung des Wassers dasselbe (von Kalk) erheb⸗ licher getrübt, so ist das Auspumpen bezw. Ausschöpfen noch einmal zu wiederholen.
Auch nach erfolgter Verbesserung der Brunnen empfiehlt es sich, das Wasser derselben zum Trinken, Kochen und zum sonstigen häuslichen Gebrauch eine Zeit hindurch nur zu be⸗ nutzen, nachdem es vorher aufgekocht worden. Das Aufkochen ist unbedingt nothwendig, wenn zu den gedachten Zwecken das Wasser verunreinigter Brunnen in Folge obwaltender Noth⸗ lage vor erfolgter Reinigung derselben benutzt werden muß.
Dem Zustande der Abtrittsgruben ist, nachdem die⸗ selben entleert sind, die erforderliche Beachtung zu schenken, da sie in ihrem baulichen Zustande in Folge der Ueber⸗ schwemmung leicht Schaden gelitten haben können, welcher ausgebessert werden muß, um sich daraus für die Folge leicht ergebende sanitäre Mißstände zu verhüten und namentlich be⸗ nachbarte Brunnen vor Verunreinigung durch aussickernde Kothflüssigkeit zu schützen. Liegt ein Brunnen sehr nahe an einer Kothgrube, so ist letztere zu entleeren, bevor das etwa nothwendige Auspumpen oder Ausschöpfen des Brunnens vor⸗ genommen wird.
Oeffentliche Anstalten, wie Schulen, Waisenhäuser, Fehangalsfe, Lospüler, Krankenhäuser und ähnliche erhei⸗ schen, falls sie der Ueberschwemmung ausgesett gewesen waren, eine besonders sorgfältige Behandlung. Wenn sie wegen ihrer Ueberschwemmung außer Benutzung gesetzt, bezw. ge⸗ räumt werden mußten, müssen sie geschlossen bleiben, bis der Zustand derselben nach sachverständigem Gutachten keine Be⸗
Untersuchung derselben Art wie sie in Vorstehendem für die Wohnungen als zweckmäßig bezeichnet worden ist, ist für die überschwemmt gewesenen öffentlichen Anstalten unumgäng⸗ lich nothwendig, sofern an denselben nicht besondere Aerzte angestellt sind, denen es obliegt, die gesundheitlichen Verhält⸗ nisse zu überwachen.
Damit die Behörden für die auf die Ueberschwemmung folgende Zeit über den Gesundheitszustand der Bevölkerung in den überschwemmten Distrikten genügend unterrichtet er⸗ halten werden, um namentlich beim Auftreten ansteckender Krankheiten oder sonstiger Epidemien rechtzeitig eingreifen zu können, werden die wegen Anmeldung derartiger Krankheiten bestehenden Vorschriften erneut einzuschärfen und besonders streng zu handhaben sein. Von besonderer Wichtigkeit sind in dieser Beziehung der Typhus, die Ruhr und die Diphtheritis.
Indem ich Ew. Excellenz ganz ergebenst ersuche, sofort vorstehende Verfügung zur Kenntniß der betheiligten Behörden und Personen zu bringen, auch das sonst Erforderliche in der Sache gefälligst zu veranlassen, bemerke ich zugleich, daß von denjenigen Geldern, welche voraussichtlich zur Verfügung ge⸗ stellt werden, ein entsprechender Antheil wird verwendet werden können, um die Gemeinden der von der Ueber⸗ schwemmung heimgesuchten Distrikte bei der Ausführung der nothwendigen sanitären Maßnahmen, deren Umfang sich auf alle angeregten Punkte zu erstrecken hat, in angemessener Weise zu unterstützen.
Berlin, den 9. April 1888.
Der Minister der geistlichen, Unterrichts⸗ und Medizinal⸗Angelegenheiten. von Goßler. An die Königlichen Ober⸗Präsidenten der Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Posen,
88
Brandenburg, Schlesien, Hannover.
2 Nichtamtliches. 8 Deutsches Reich.
8 en. Berlin, 11. April.
Kaiser und König machten heute in der Mittagsstunde m Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin ein Sp
Preußen.
azierfahrt nach dem Grunewald
— Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz begab Sich gestern früh 7 ¾ Uhr, begleitet von dem persönlichen Adjutanten, zu Pferde nach dem Tempelhofer Felde, um dem Exerziren der Bataillone des 2. Garde⸗ Regiments z. F. beizuwohnen.
Nach erfolgter Rückkehr von dort nahm Höchstderselbe gegen 11 ½ Uhr zahlreiche militärische Meldungen entgegen.
Um 1 Uhr Mittags fuhr Se. Kaiserliche Hoheit nach Potsdam und wohnte daselbst den Besichtigungen der Escadrons des Garde⸗Husaren⸗Regiments bei.
Gegen 5 Uhr traf Höchstderselbe wieder in Berlin ein und empfing noch auf dem Potsdamer Bahnhof den Grafen Herbert Bismarck sowie demnächst im Schlosse den Chef des Civilkabinets, Wirklichen Geheimen Rath von Wilmowski, und später den Königlich sächsischen Gesandten, Grafen Hohenthal, und den Königlich sächsischen Militär⸗Bevoll⸗ mächtigten, Oberst⸗Lieutenant von Schlieben, welche Sr. Kaiser⸗ lichen Hoheit ein Handschreiben Sr. Majestät des Königs von Sachsen überreichten, in welchem Allerhöchstderselbe Sr. Kaiserlichen Hoheit die Ernennung zum Chef des 2. Grenadier⸗ Regiments Nr. 101, „Kaiser Wilhelm“, mittheilte.
Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit die Kronprinzessin begab Sich gestern Mittag um 12 Uhr mit Höchstihren Söhnen zu Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Augusta nach dem Kaiserlichen Palais.
Um 2 Uhr unternahm Ihre Kaiserliche Hoheit gemeinsam mit Ihrer Königlichen Hoheit der Kronprinzessin von Schweden eine Spazierfahrt nach dem Thiergarten und Schloß Bellevpue. Demnächst stattete Höchstdieselbe Ihrer Königlichen Hoheit der Erbprinzessin von Sachsen⸗Meiningen einen längeren Besuch ab und empfing um 4 %¼ Uhr die Gräfin Oriola.
Die vereinigten Ausschüsse des Bundesraths für Zoll⸗- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr, sowie der Ausschuß für Zoll⸗ und Steuerwesen hielten heute Sitzungen.
— In der heutigen (41.) Sitzung des Hauses der Abgeordneten, welcher der Vize⸗Präsident des Staats⸗ Ministeriums, Minister des Innern von Puttkamer, der Minister der öffentlichen Arbeiten von Maybach, der Minister für Landwirthschaft u. s. w. Dr. Lucius, der Finanz⸗Minister Dr. von Scholz und mehrere Kommissarien beiwohnen, führt der erste Vize⸗Präsident Abg. Freiherr von Heereman den Vorsitz. Derselbe theilt mit, daß Se. Majestät der Kaiser und König von der vom Hause am 20. v. M. beschlossenen Adresse unterrichtet, das lebhafte Bedauern zu erkennen ge⸗ geben habe, in Rücksicht auf Allerhöchstdero Gesundheitszustand darauf Verzicht leisten zu müssen, das Präsidium des Hauses zur Entgegennahme der Adresse persönlich zu empfangen. Dem Allerhöchsten Befehl entsprechend, sei daher die Adresse Sr. Majestät durch das Königliche Hosmarschallamt übermittelt worden. Se. Majestät haben Allergnädigst geruht, von dem Inhalt der Adresse mit großem Interesse Kenntniß zu nehmen und den ausdrücklichen Auftrag dahin zu ertheilen, Allerhöchst⸗ deren Dank für die darin kundgegebenen Gesinnungen der Treue und Liebe dem Hause auszusprechen.
Das Andenken des am 24. März verstorbenen Abg. von Jarochowski ehrt das Haus durch Erheben von den Sitzen. Darauf macht der Vorsitzende davon Mittheilung, daß seit der letzten Plenarsitzung der Gesetzentwurf, betreffend die Aus⸗ übung des dem Staat zustehenden Stimmrechts bei dem An⸗ trage wegen Aufnahme einer weiteren Prioritäts⸗Anleihe der Westholsteinischen Eisenbahngesellschaft, der Gesetzentwurf, betreffend die Errichtung eines Amtsgerichts in Gnadenfeld, der Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung von Amts⸗ gerichtsbezirken, und der Gesetzentwurf, betreffend die Heranziehung der Fabriken u. s. w. mit Präzipualleistungen für den Wege⸗ bau in der Provinz Westfalen, eingegangen seien.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die zweite Be⸗ rathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Re⸗ gulirung der Stromverhältnisse in der Weichsel
denken mehr bietet. Eine nachträgliche sanitätspolizeiliche
11“
Finanz⸗Minister Dr,. von Scholz erklärt, daß vor Kommission nicht habe zustimmen können. eignisse, die inzwischen eingetreten, ließen aber auch nach d Auffassung der Regicrung eine erneute Erwägung der N. gelegenheit angezeigt erscheinen, obwohl es sich dabei nig um eine Nothstandsvorlage handele, die in nicht allzu lans Zeit gesondert an das Haus kommen werde. Es werde. rechtfertigt sein, auch bei dieser Vorlage in etwas weitens⸗ Maße die Hülfe der Gesammtheit eintreten zu lassen, dh ohne jene Ereignisse gerechtfertigt gewesen sein würde. Unrd diesem Gesichtspunkte sei die Staatsregierung bereit, die 9* lage nach den Vorschlägen der Kommission zu acceptiren.
Vize⸗Präsident Abg. Freiherr von Heereman schlägt de den Gegenstand von der heutigen Tagesordnung abzusetzen.
Abg. Rickert ist damit einverstanden, daß die Vorlo⸗ heute nicht im Detail zur Berathung komme, hält gab⸗ eine generelle Diskussion der in Betracht 8 Fragen im Plenum vor der nochmaligen in der Kommission für angezeigt und beantragt: das Han der Abgeordneten wolle beschließen, mit Rücksicht auf 9 Ende März eingetretenen Ueberschwemmungen und die dadukt etwa gebotenen Veränderungen der Vorlage diese an de Kommission zurückzuverweisen. Die Regierung scheine duj nach den traurigen Ereignissen materiell in Bezug auf d Vorlage keine Veränderung für nöthig zu halten. Die 5 völkerung der betroffenen Gegenden sei aber anderer Meinumg namentlich sei man dort zweifelhaft, ob die Regierung Ret gethan habe, die Coupirung der Nogat bei Seite zu schieben. I
8 N. A
vom Unglück bekroffenen Gegenden jetzt im Stande seien, d nach den bisherigen Kommissionsbeschlüssen gestellten üng⸗ ziellen Forderungen zu erfüllen. Im Interesse eines Theit jener Gegenden sei auch eine Erklärung wünschenswem welche Schritte die Regierung in allernächster Zeit zu thu gedenke, um die Gegenden von dem Wasser, soweit als irgen möglich, schnellstens zu befreien.
Abg. Freiherr von Minnigerode erkennt mit Dank 8 Wohlwollen der Staatsregierung gegenüber dem Kommissior⸗ vorschlage an. Die eingetretenen ganz unerhörten Kalam. täten legten es aber nahe, das bisherige Projekt einer neuten Prüfung zu unterziehen. Es sei zu erwägen, ob d. Beitragsfähigkeit eines Theiles der Betheiligten m Anforderungen der Kommission zu genügen im Starg sei und ob nicht mit Rücksicht auf die elementar Ereignisse auch das Projekt bezüglich der Nogat einer Revifn bedürfe. Alle diese Verhältnisse hätten allerdings bis zn heutigen Sitzung nicht klargestellt werden können; gleichwtn schließe er sich dem Antrag Rickert nicht an; der Gegenstmn werde sich in wenigen Tagen auf die Tagesordnung stele lassen, nachdem vorher eine Verständigung erzielt sei.
Abg. von Grothe lenkt die Aufmerksamkeit auf die Eb⸗ überschwemmungen und bittet um Berücksichtigung der ir⸗ tigen Nothstände.
Abg. von Dziembowski hält es als Vorsitzender de Kommission für wünschenswerth, daß die Kommission durn eine generelle Besprechung im Plenum mit diesem in ein gewissen Fühlung bleibe. Erst nachdem die Abgg. aus We⸗ preußen hier eingetroffen seien und Auskunft über den Not⸗ stand im Hause gegeben und die Regierung Stellung . nommen haben würde, könne die Kommission in die . rathung des Gegenstandes eintreten.
Abg. Rickert zieht seinen Antrag zurück, da der Zus desselben erreicht sei, nämlich zu konstatiren, daß das Hau in Bezug auf die Vorlage anderer Meinung sei als die N gierung.
Abg. Dr. Freiherr von Schorlemer⸗Alst hält eine Plener berathung vor der nochmaligen Prüfung der Vorlage dur die Kommission für nothwendig, damit die Kommission eir gewisse Direktive erhalte. Eine Uebereilung der Sache nin nicht am Platz. Es empfehle sich auf die mit den Verbäl⸗ nissen vertrauten Männer, die noch nicht hier anwesend sein zu warten.
Die Vorlage wird von der Tagesordnung abgesetzt,
Es folgt die erste Berathung des Gesetzentwurfe betreffend die Erweiterung der Stadtgemeinme und des Stadtkreises Harburg. Auf Antrag des As Barth wird derselbe an die Gemeindekommission verwiesen.
Der Gesetzentwurf, betreffend die Verfassurz der Realgemeinden in der Provinz Hannover, o nach kurzer Diskussion an die um 7 Mitglieder zu verstärkene Agrarkommission. 1
Der Gesetzentwurf, betr. die Vereinigung der Landgemeinden Geestemünde und Geestendorf, und der Kommunalkommission überwiesen.
Schluß 12 ¼ Uhr.
— Dem Hause der Abgeordneten sind Seitens de Ministers der geistlichen ꝛc. Angelegenheiten, Dr. von Gofler in Ergänzung der dem Bericht der X. Kommission zur La⸗ berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Erleichterung w Volksschullasten ꝛc., vom 2. März d. J., als Anlagen 1 und⸗ beigefügten Zusammenstellungen, zwei neuere Zusammern stellungen über zur Zwangsvollstreckung ü ber⸗ wiesene Rückstände an Schulgeld bei öffentlichen Volksschulen zugegangen.
— Wegen Nöthigung (§. 240 Str.⸗G.⸗B.) ist ues
einem Urtheil des Reichsgerichts, II. Strafsenats, um 17. Januar d. J., auch Derjenige zu bestrafen, welcher eim
Anderen widerrechtlich durch eine gegen eine dritte Verson
namentlich gegen Angehörige des zu Nöthigenden, verle
Gewalt oder Bedrohung zu einer Handlung, Duldung ve
Unterlassung nöthigt.
— Eine Berufsgenossenschaft, der für einen bis zum 1. An. 1887 im Inlande geführten, alsdann aber hier eingestelne Betrieb ein Kautionsbetrag, sowie Genossenschastsbeiträg. geschuldet wurden, glaubte die zwangsweise Neurecbung dien gs Schuldbeträge im Verwaltungswege von der betreffenden ländischen (österreichischen) Verwaltungsbehörde des X. zeitigen Wohnortes der zahlungspflichtigen Unternehre⸗ des früheren inländischen Betriebes beanspruchen können. Hierzu kann indessen, wie dem Genossenschafs⸗ vorstande Seitens des Reichs⸗Versicherungsamt (Nr. 512) unter dem 4. Dezember v. J. eröffnet worden i⸗ die ausländische Verwaltungsbehörde, in Ermangelung em⸗ bezüglichen völkerrechtlichen Vereinbarung, nicht als verpflihn erachtet werden. Ein auf §. 74 des Unfallversicherungsgeses gestütztes Ersuchen an diejenige inländische Verwaltung⸗ behörde, in deren Bezirk der betreffende Betrieb seiner 88
5
1'2 „*
und Nogat.
geführt worden ist (vergleiche „Amtliche Nachrichten“ .
— 24 8 8 de. Vertagung des Hauses die Regierung den Abänderungen 2 Die traurigen 6.†
kommenda
Kommission würde auch nochmals prüfen müssen, wie weit A
L“ geite 122 Ziffer 316 Schlußsatz), würde nur dann zum Ziel 2 können, wenn geeignete Gegenstände der Zwangsvoll⸗ fuünung im Inlande vorhanden sind.
— Der Kaiserliche Botschafter in Paris, Graf zu Münster, at einen ihm Allerhöchst bewilligten Urlaub angetreten. Während der Abwesenheit desselben von seinem Posten fungirt * Legations⸗Rath Graf von Leyden als interimistischer Geschäftsträger. — Der hiesige japanische Gesandte, Marquis Saionzi, sich Behufs Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens Se. Majestät den König der Belgier nach Brüssel begeben. Während der Abwesenheit desselben von Berlin fungirt der egations⸗Sekretär Kikkawa als interimistischer Geschäfts⸗ träger. 8
— Die Bevollmächtigten zum Bundesrath, Großherzoglich hessischer Wirklicher Geheimer Rath, Präsident des Finanz⸗ Ministeriums, Weber, und Geheimer Rath von Werner sind in Berlin angekommen.
— Das Schulgeschwader, bestehend aus S. M. Schiffen „Stein“, „Gneisenau“ „Moltke“ und „Prinz Adalbert“, Geschwader⸗Chef Contre⸗Admiral von Kall, ist am 10. d. M. in Wilhelmshaven eingetroffen.
S. M. Kanonenboot „Wolf“, Kommandant Kapitän⸗ eieutenant Jaeschke, ist am 10. d. M. in Hongkong ange⸗ kommen, und beabsichtigt am 16. d. M. wieder in See zu
gehen. 8
Vacha, 11. April. Ihre Königliche Hoheit die Frau Landgräfin Marie von Hessen, geborene Herzogin von Württemberg, ist gestern Abend auf Schloß Philippsthal nach kurzem Krankenlager im eben vollendeten siebenzigsten Lebensjahre verschieden.
Baden. Karlsruhe, 9. . „Harlsruher Zeitung“ meldet: Die Großherzoglichen Herrschaften haben ihre Rückreise in die Residenz auf einige Tage ver⸗ schoben. Die Zeit der Rückkehr Hächstderselben wird später bekannt gemacht werden.
Anhalt. Dessau, 8. April. Der Hauptfinanz⸗Etat für das Herzogthum Anhalt auf die Zeit vom 1. Juli 1888 bis ebendahin 1889 ist jetzt in der „Gesetz⸗Sammlung für das Herzogthum Anhalt“ veröffentlicht worden und weist eine eigene Einnahme und Ausgabe von 9 959 000 ℳ auf. Da erst mit dem 1. Juli dieses Jahres das neue Gesetz über die Ein⸗ führung einer Einkommensteuer in Kraft tritt und die Steuerregister erst jetzt aufgestellt werden, so konnte für das kommende Etatsjahr die Zahl der Steuereinheiten nicht fest⸗ gestellt werden, und der Etat weist deshalb nur den noth⸗ wendigen Steuerbetrag auf. Die zur Erhebung gelangende Einkommensteuer ist mit 321 000 ℳ, 165 910 ℳ weniger als im Vorjahre, in den Etat eingestellt worden.
Reuß ä. L. Greiz, 8. April. (Köln. Ztg.) Der Landtag hat sich bis zum 14. d. M. vertagt, nachdem er das Gesetz über die Gewährung von Entschädigung für in⸗ folge von Milzbrand getödtete Rinder angenommen hatte. Der Gesetzentwurf, betreffend die Herstellung einer von der preußischen Regierung entworfenen Eisen⸗ bahnlinie von Triptis über Auma, Ziegenrück, Remptendorf, Friesau, Ebersdorf und Lobenstein nach Blankenstein, wurde in erster Lesung angenommen. Die zweite Lesung findet am 14. April statt. Die bezeichnete Eisenbahnlinie durchläuft das Fürstenthum auf einer Strecke von 7,9 km, erfordert ein Areal von 17,7 ha und einen Staatszuschuß von etwa 30 000 ℳ
Elsaß⸗Lothringen. Straßburg, 10. April. (W. T. B.) Der Gnaden⸗Erlaß Sr. Majestät des Kaisers für das Reichsland, vom 9. d., ist mit der dazu gehörigen Ver⸗ fügung des Ministeriums, vom 10. d., heute Abend veröffent⸗ licht worden. Derselbe lehnt sich völlig an den analogen Erlaß für Preußen an und erläßt außerdem die Strafen für Vergehen gegen die Bestimmungen der noch in Gültigkeit stehenden französischen Preßgesetze, also auch für aufrührerische Rufe und das Tragen aufrührerischer Abzeichen. Die „Landeszeitung für Elsaß⸗Lothringen“ veröffentlicht die Zusammensetzung des Landwirthschaftsraths; Prä⸗ sident desselben ist der frühere Reichstags⸗Abgeordnete Zorn von Bulach.
hat
April. Die
Oesterreich⸗Ungarn. Wien, 10. April. (W. T. B.) Im Abgeordnetenhause übermittelte der Minister⸗Präsi⸗ dent, Graf Taaffe, in einer Zuschrift den durch die deutsche Botschaft an den Minister des Auswärtigen gelangten Dank des Deutschen Reichstages an das Abgeordneten⸗
haus für die Beileidsbezeugung desselben beim Ableben
des Kaisers Wilhelm. 1 8 Erzherzog Karl Ludwig ist heute Nachmittag 5 Uhr vfes als Graf Rottenstein über Paris nach Spanien abgereist. 1
8 Pest, 10. April. (W. T. B.) In dem Unterhause gelangte eine Zuschrift zur Verlesung, in welcher der Da nk des Deutschen Reichstages für die Beileidskund⸗ gebung des ungarischen Parlaments anläßlich des Todes Sr. Majestät des Kaäisers Wilhelm zum Aus⸗ druck gebracht wird.
Großbritannien und Irland. London, 10. April. (W. T. B.) Dem Unterhause theilte heute der Sprecher mit: er habe durch Lord Salisbury eine Mittheilung von dem deutschen Botschafter, Grafen Hatzfeldt, erhalten, wonach der Deutsche Reichstag am 19. März einstimmig ausgesprochen habe, daß der Ausdruck der Ver⸗ ehrung des Hauses der Gemeinen anläßlich des Dahin⸗ scheidens des Kaisers Wilhelm und die Theilnahme an dem Schmerz des deutschen Volkes überall in Deutsch⸗ land Sympathie hervorgerufen und den Beweis für die zwischen beiden Völkern bestehenden freundlichen Beziehungen gegeben habe. 1 1 b
In der heutigen Sitzung der Zuckerkonferenz wurden Baron von Worms zum Präsidenten und Graf Kuefstein zum Vize⸗Präsidenten gewählt. Die Konferenz prüfte darauf die Mittheilungen der Regierungen bezüglich des Protokolls vom 19. Dezember v. J., wonach sämmtliche Regierungen im Prinzip die Abschaffung der Zuckerprämien annahmen. Die
onferenz wurde alsdann vertagt, um im Einzelnen Maß⸗ nahmen zu erwägen, die geeignet seien, die Beschlüsse in Wirk⸗ samkeit treten zu lassen. Bei Gelegenheit einer Reise in Nord⸗Wales hielt
Salisbury heute in Carnarvon eine Rede, in
Lord
v““ 8 “ v“
welcher er auf den großen Verlust hinwies, welchen die deutsche Nation durch das Ableben des Kaisers Wilhelm erlitten habe, die Herrschertugenden des verewigten Monarchen pries und denselben als einen treuen Freund Englands rühmte. Nicht geringere Theilnahme erwecke sein Nachfolger, welcher, ob⸗ schon von schwerer Krankheit heimgesucht, seit seiner Thron⸗ besteigung allen Hoffnungen und Erwartungen entsprochen habe. Man habe nur zu wünschen und zu bitten, daß sein Leben erhalten bleibe, da dasselbe ein Unterpfand sei für den Fortschritt der Menschheit und die Aufrechterhaltung des Friedens. Im Uebrigen gab Lord Salisbury der Ueber⸗ zeugung Ausdruck, daß alle Herrscher Europas bemüht seien, ein etwaiges Unglück zu verhindern, das aus Konflikten, in welche die Umstände der Zeit die Völker verwickeln könnten, entstehen dürfte. Gegenwärtig sei aller Grund vorhanden zu der Hoffnung, daß dies den Bemühungen der Herrscher ge⸗
lingen werde.
— Manchester, 10. April. (W. T. B.) In einer heute auf Veranlassung des Bürgermeisters stattgehabten Ver⸗ sammlung wurde eine Resolution angenommen, in welcher der Theilnahme der Einwohner an dem Verlust, welchen das deutsche Volk durch das Dahinscheiden des Kaisers Wilhelm erlitten, Ausdruck gegeben wird, sowie die innigsten Wünsche für Ihre Majestäten den Kaiser Friedrich und die Kaiserin Victoria aus⸗ gesprochen.
Frankreich. Paris, 10. April. (W. T. B.) Der deutsche Botschafter, Graf Münster, machte heute dem Minister des Auswärtigen, Goblet, einen Besuch.
Die Regierung hat auf die Klage des Grafen Dillon hin eine Untersuchung über die Verbreitung von Depeschen angeordnet, welche zwischen ihm und dem General Boulanger gegen Ende gewechselt worden waren und gestern im Matin“ veröffentlicht wurden. b 116 Fertlicht e T. B.) Die Wählerversamm⸗ lungen zu Roubaix und Avesne verliefen tumultuarisch; für Boulanger scheint eine große Majorität gesichert. Die sozialistische Versammlung in Lille nahm eine Resolution an, worin die Arbeiter aufgefordert werden, für den opportunistischen Kandidaten Foucart zu stimmen. v b
— (Köln. Ztg.) Gestern wurde die Session der Generalräthe eröffnet. Der Generalrath der Vaucluse beseitigte mit 19 gegen 6 Stimmen durch die Vorfrage den Antrag, zu verlangen, daß Boulanger wieder auf seinen Posten gestellt werde, da er das Vertrauen der Armee und der republikanischen radikalen Nation besitze, und es ein großer Akt des Patriotismus sein würde, ihn der Armee wieder einzuverleiben Angesichts der Lage, daß ein Zerwürfniß mit dem Auslande unerwartet eintreten könne. Der Generalrath der Seine und Oise erledigte durch Vorfrage den Antrag auf Revision der Verfassung und Wahl des Präsidenten vermittelst allgemeiner Abstimmung des Volkes. Der Generalrath der obern Loire verwarf mit 7 gegen 6 Stimmen und 8 nicht mitstimmenden Mitgliedern den Antrag auf Auflösung der Kammer.
Italien. Rom, 10. April. (W. T. B.) 3 Packetboote von Neapel nach Massovah abgegangen, um einen Theil der afrikanischen Truppen aufzunehmen.
In der Deputirtenkammer interpellirten heute Bonghi (Rechte) und Derenzis (Centrum) über die afrikanische Politik. Der Minister⸗Präsident Crispi erklärte: er würde am 24. cr. antworten.
Schweiz. Bern, 10. April. (W. T. B.) e Bundesrath hat beschlossen, gegen den Verfasser, den Heraus geber und die Verbreiter des Gedichts „Vive la Prances“, bei der Baseler Fastnacht die strafgerichtliche Unter⸗ suchung einzuleiten und den Fall an die Bundes⸗Assisen zu verweisen.
Griechenland. Athen, 3. April. (Wien. Ztg.) Die Opposition ließ heute das anläßlich der gestrigen Demon⸗ stration getödtete Individuum in feierlicher Weise beerdigen. Die Behörden trafen Maßnahmen zur Aufrechthaltung der Ordnung. — Der Strike der bei dem Kanal von Korinth beschäftigten Arbeiter ist beendet, die Arbeiten wurden heute wieder aufgenommen.
Bulgarien. Sofia, 9. April. (Wiener Ztg.) Der Austausch der ratifizirten serbisch⸗bulgarischen Eisen⸗ bahn⸗Convention hat heute stattgefunden.
Schweden und Norwegen. Stockholm, 7. April. Der Reichstag hat heute in gemeinschaftlicher Abstimmung beider Kammern die von der Regierung außerordentlich für das Jahr 1889 verlangte Summe von 150000 Kronen für die Fortsetzung der Befestigungsanlagen von Carls⸗ borg, sowie die Mittel zur Durchführung der Organisation eines Festungs⸗Artillerie⸗Baätaillons fuüͤr Var⸗ holm⸗Oscar Fredriks Burg bewilligt; dagegen wurde der Antrag auf außerordentliche Bewilligung von 400 000 Kronen zur Anschaffung von Feld⸗Artillerie⸗Material abgelehnt und zu diesem Zweck nur 200 000 Kronen bewilligt.
Die hiesige deutsche Kolonie, mit dem General⸗Konsul von Redlich an der Spitze, hat einen Aufruf zur Sammlung von freiwilligen Beiträgen für die Ueberschwemmten in Deutschland erlassen, der von der gesammten hiesigen Presse warm unterstützt wird. 8
Christiania, 7. April. Die Regierung hat bei dem Storthing beantragt zu genehmigen, daß mehrere bisher noch als militärische Vertheidigungswerke betrachtete Festungen, Forts und Küstenbefestigungen als solche niedergelegt und künftig nur noch als militärische Friedens⸗Etablissements betrachtet werden. Es sind dies 1) die Festung Akershus, 2) die Festung Fredriksten mit zugehörigen Werken, 3) die Festung Fredrikstad mit den Forts Cicignon und Isegran, 4) die Befestigungen bei Christianssand, 5) die Festung Bergenhus mit allen zugehörigen Außenwerken, 6) die Festung Drontheim mit zugehörigen Werken und 7) die Feste Munkholmen. Akershus, Fredriksten und Munkholmen will die Regierung jedoch als historische Denkmäler in ihrer jetzigen Gestalt erhalten wissen. Die Regierung meint, durch diese Maßnahme die betreffenden Städte gegen die Gefahren sichern zu können, welche die Nähe der als Festung betrachteten Militär⸗Etablissements während eines Seekrieges im nördlichen Europa herbeiführen könnte. Das Kriegsdepartement weist noch besonders darauf hin, daß alle militärischen Sach⸗ verständigen darüber einig seien, daß von einer effectiven Vertheidigung dieser Festungswerke während eines Krieges keine Rede sein könne und somit kein Grund für ihre fernere Unterhaltung vorhanden sei. b
D —
r
Heute sind
Die „Deutsche volkswirthschaftliche Correspon⸗ denz“ bringt folgende Warnung vor der Auswanderung nach Brasilien: 2 8 Veom vielen deutschen Reisenden und von vielen deutschen Gesell⸗ schaften, die eigens zu diesem Zweck gegründet wurden, wird Brasilien als das Zukunftsland der deutschen Auswanderung bezeichnet. Es werden die prächtigsten, verlockendsten Schilderungen des paradiesischen Zustandes des Landes verbreitet, und in allen solchen Fällen wird nicht unterlassen, zu betonen, wie gerade die zur Kolonisa⸗ tion ausersehenen Gegenden sich zur Ansiedelung für Deutsche eignen, wie diesen das Klima so vorzüglich bekomme. Es ist ja nun auch nicht zu bestreiten, daß einzelne deutsche Kolonien in Brasilien und Süd⸗Amerika bestehen, die gut presperiren, aber es sind deren wenige, und so günstige Verhältnisse finden sich vielleicht nicht ein zweites Mal. Die Klagen, die von anderer Seite laut werden, sind sicher nicht unwahr und ihnen ist eher zu glauben. Wie es mit der so viel gerühmten Verbreitung deutscher Sitte, deutscher Art und deutschen Ansehens steht, ergiebt sich z. B. daraus, daß, wie die „Deutsche Weltpost“ meldet, von einem Gewährsmann vergeblich versucht wurde, in St. Paulo, also einer großen Stadt, einige Zwanzigmarkstücke bei den Bankiers unterzubringen. Ferner wird immer auf die Unterstützung der Regierungen hin⸗ gewiesen, welche diese der Einwanderung angedeihen lassen, insbesondere auch die brasilianische Regierung. Wie es damit bestellt ist, geht aus einem Kontrakt he den die brasilianische Regierung abge⸗ schlossen hat. Wie die in Rio erscheinende deutsche „Rio Post“ meldet, veröffentlicht das in Rio de Janeiro erscheinende brasilianisch⸗ offiziöse „Journal do Commercio“ folgenden zwischen der brasilia⸗ nischen Regierung und einem deutschen Auswanderungsagenten abge⸗ schlossenen Kontrakt: “ 8 „Im Sekretariat des Ackerbau⸗Ministeriums wurde gestern zwischen der Regierung und R. O. Lobedanz, wohnhaft in Hamburg, ein Kontrakt über innerhalb eines Jahres zu leistende Einfuhr von 6000 deutschen, österreichischen oder anderen Einwanderern irgend eines Landes von Nord⸗Europa abgeschlossen. Die Einwanderer sollen gesund, kräftig und wohlgesittet sein, und ihr Alter darf 45 Jahre nicht über⸗ steigen, außer wenn es Familienhäupter sind; mindestens zwei Drittel der Einwanderer müssen Familien bilden. Sie sollen in Dampfern erster Klasse, welche passend eingerichtet sind, transportirt werden, und ist der Unternehmer verpflichtet, auf seine Kosten Diejenigen nach der Heimath zurückzuführen, welche den stipulirten Bedingungen nicht ent⸗ sprechen. Die Einwanderer sollen im Hafen von Rio oder in dem von Santos gelandet werden, von wo aus sie nach dem Or
por DDUl,
Orte weiter⸗ gehen können, den sie sich auswählen; die Regierung bewilligt ihnen alle Begünstigungen, welche zu Gunsten der Einwanderer im Allge⸗ meinen in Kraft stehen. Als Beihülfe zur Seereise wird der Staat 4 Pfd. Sterl. für jeden über 12 Jahre alten, 2 Pfd. Sterl. für 7— 12 Jahre alte, und 1 Pfd. Sterl. für 3—7 Jahr alte Ein⸗ wanderer zahlen.“
Hierzu bemerkt das genannte deutsche Blatt Folgendes: vorsichtig man auch die Worte im Kontrakt abgewogen hat, die Be⸗ dingung, daß L. die Einwanderer entweder in Rio oder in Santos zu landen habe, verräth die Absicht, wenn überhaupt Einwanderer kommen, dieselben womöglich für Lohnarbeit in Kaffeepflanzungen zu gewinnen.“ Es handelt sich also auch bei diesem Einwanderungs⸗ geschäft lediglich um den Import weißer Sklaven. Es kann daher nicht genug vor der Einwanderung nach Süd⸗Amerika und vor dem genannten Herrn und dessen Agenten gewarnt werden.
— „So
Der ẽ „Hamburgischen Börsen⸗Halle“ wird über den deutschen Industriemarkt aus Berlin geschrieben:
Die Feiertagsruhe hat diesmal das Geschäft nur auf ganz kurze Zeit unterbrochen; es hatten früher schon verschiedene Einflüsse auf dasselbe eingewirkt, welche die regelmäßige Entfaltung des Verkehrs beeinträchtigten, um so mehr sucht man Versäumtes jetzt nachzuholen. Es macht sich überall ein Schaffensdrang bemerkbar, der überhaupt unseren deutschen Industriellen eigen ist; derselbe kommt gerade jetzt zum Ausdruck, weil wir, wenigstens in der Großindustrie, vor einer Periode lebhaftester Thätigkeit stehen, die gewöhnlich unmittelbar nach Ostern eingeleitet wird. Es werden jetzt in einer großer Anzahl von Betrieben Abschlüsse gemacht, die bis Ende des Jahres denselben Beschäftigung geben müssen. Wir erwarten Käufer aus allen Län⸗ dern, die aus denselben Beweggründen nach Deutschland geführt wer⸗ den. Unser überseeisches Geschäft dürfte sich für die Folge recht günstig gestalten, wenn die hier eingegangenen Berichte sich bewahr⸗ heiten; als thatsächlich können wir anführen, in Folge uns direkt zu⸗ gegangener Informationen, daß die Vereinigten Staaten uns eine grö⸗ ßere Anzahl Käufer senden, als je. Schon jetzt ist es schwer, für die Monate Mai und Juni auf den großen Dampbferlinien erste Kajüten⸗ plätze zu erhalten, verschiedene Zwischendampfer sind eingelegt worden, um den Verkehr während dieser Zeit zu bewältigen. Wir empfangen aus einzelnen großen Handelsplatzen Süd⸗ und Central⸗Amerikas ähnliche Mittheilungen; die geschäftliche Disposition in Argentinien ist eine gute, wir haben Vertreter verschiedener dortiger großer In⸗ dustriehäuser an unseren Märkten zu erwarten, darunter einige, die deutsche Märkte noch nie besucht haben; sie sind bereits mit Ham⸗ burger Firmen in Verbindung getreten, mit welchen sie ihre Einkäufe besorgen. Wir werden verschiedene spanische, in Mexiko etablirte Häuser bei uns sehen, die ebenfalls zum ersten Male an deutschen Fabrikplätzen erscheinen. Wenn uns gleichzeitig mit diesen Berichten gemeldet wird, daß die Engländer große An⸗ strengungen machen, sich in den La⸗Plata⸗Staaten festzusetzen, daß amerikanischer Einfluß in Mexiko den deutschen zu schaädigen sucht, daß amerikanische Reisende Mexiko mit ihren Offerten fast über⸗ schwemmen, so scheint man sich trotzdem von der Leistungsfähigkeit
unserer Industrie aus persönlicher Anschauung überzeugen zu wollen. — In der „Vossischen Zeitung“ lesen wir: 8 Im letzten Jahrzehnt ist die Berliner Porzellanfabrikation auf eine der allgemei en Bedeutung der hiesigen Industrien entsprechende Höhe gebracht worden. Sie hat ihre frühere Abhängigkeit von aus⸗ ländischen und auswärtigen deutschen Fabriken theilweise aufgegeben, was um so bemerkenswerther ist, als die fremden Erzeugnisse sich im Geschmack wie in der Herstellungsart auch wesentlich gebessert haben und viele auswärtige Fabriken ständig Niederlagen und Musterläger hier unterhalten. Die Porzellanfabrikation in Berlin und Umgegend war seit vielen Jahren auf feinere Gegenstände gerichter, welche nicht nur die höchsten technischen Aufgaben lösen, sondern auch den Ansprüchen an künstlerische Ausführung und Ausstattung Genüge leisten. Wir erinnern nur an die Leistungen unserer Königlichen Porzellan⸗Manufaktur, die wir zur Zeit in einer Sonderausstellung im hiesigen Kunstgewerbe⸗Museum zu bewundern Gelegenheit hatten; die dort ausgestellten Proben gemalter Platten in hartem und weiche⸗ rem sogenannten Seger⸗Porzellan, die farbig glasirten Porzellane, die großen von der Königlichen Manufaktur hergestellten Porzellan⸗ Kandelaber, die neuen Modelle von Tafelaufsätzen, Leuchtern, Blumenkörben, Schreibausstattungen erhielten gerechte Anerkennung. Wenn vielleicht auswärtige Fabriken wegen ihrer natürlichen Lage billiger arbeiten können, so hat die hiesige Erzeugung einen Vorzug, er bei der Eigenart der hier hergestellten Gegenstände doppelt schwer wiegt. Während die Arbeiter anderswo ebenso geschickt sein mögen, leisten hier zahllose künstlerische Hülfskräfte, Zeichner, Maler, Modelleure so Vorzügliches wie kaum in einer andern deutschen Stadt. Unsere deutsche Porzellanfabrikation versieht uns im Allgemeinen mit preiswürdigen Gegenständen, nicht allein zum Bedarf, sondern auch zum Schmuck. Nicht Jedermann ist im Stande, sich die theuren echten Meißener Porzellane anzuschaffen, deren Verkauf wohl gerade in Folge der großen Fortschritte unserer Porzellanfabri⸗ kation durchaus keine Zunahme aufzuweisen hat. Die augenblicklich herrschende Vorliebe fur Porzellangegenstände gereicht der Fabrikation zum Vortheil. Sucht man auch in der Porzellan⸗Industrie eine An⸗ näherung an den modischen Barockgeschmack selbst in weniger werth⸗
vollen Gegenständen durchzuführen, so herrschen doch gerade in