bis jetzt steuerfreien Stärkezucker
11“ 8
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Es folgte sofort die
wurde. —
Daran reihte sich die erste Berathung des Entwurfs lanes die Besteuerung des Zuckers be⸗ treffend. 1¹“
Staatssekretäur des Reichs⸗Schatzamts Freiherr von Maltzahn leitete die Berathung mit einem kurzen Rückblick auf die bisherige Zuckersteuergesetzgebung ein, die der deutschen re einen hervorragenden Platz auf dem
eltmarkt errungen habe und nicht nur den Industriellen sondern auch der Landwirthschaft und den betreffenden Landestheilen den größten Vortheil gebracht habe. Es sprächen aber jetzt überwiegende Gründe für eine Aenderung der Gesetzgebung. Es handle sich darum, den that⸗ sächlich bereits eingetretenen Zuständen entgegenzutreten, die dahin gingen, daß für den exportirten Zucker den Interessenten ein direkter Zuschuß aus den Mitteln des Reichs ge⸗ währt werde. Dieser sei zeitweise mit einigem Recht gewährt worden, als man noch die Industrie durch den Besteuerungsmodus habe heben, die Rübe zuckerhaltiger machen, die Entzuckerung des Rohmaterials weiter treiben können. Heute sei dies nicht mehr möglich. Dazu habe die Zuckerindustrie sich dem inländischen Markt vollständig ge⸗ sichert und auf den ausländischen Märkt sich eine bedeutende Stelle erobert. Der Zucker, der exportirt werden solle, würde auch in Zukunft mit keiner Mark Zoll belegt werden. Das bisherige System habe die Fabriken möglichst groß zu machen das Bestreben gehabt, sodaß man oft die Landwirthschaft als ein Nebengewerbe der Zuckerindustrie habe betrachten können. Zu den bestehenden 400 Fabriken seien in der letzten Zeit noch ungefähr 15 neue gekommen, die die Fabrikation um 450 000 Doppel⸗Centner vermehren würden. Dieser neue Zucker könne natürlich nur für den Export verwendet werden. ie deutschen Techniker und Industriellen im Auslande machten aber bereits erhebliche Konkurrenz, und Amerika sei im Begriff, sich ganz abzuschließen, sodaß mit einer weiteren Begünstigung der Industrie direkt eine Gefahr ver⸗ bunden sei. Der gegenwärtige Moment sei deshalb für eine Reform, für ein Verlassen der Materialsteuer, sehr geeianet. Bisher habe man noch immer hoffen können, im Wege einer internationalen Konvention etwas zur Beseitigung der Exportprämien zu erlangen. Durch das vorge⸗ schlagene System behalte man dem Auslande gegenüber freie Hand. Eine Reform in späterer Zeit, vielleicht nach drei Jahren, wo etwa 25 bis 30 junge Fabriken entstanden sein würden, würde der Industrie Nachtheile bereiten können, denn u einer Reform der Steuer hätte schon das Bedürfniß der eichskasse später doch geführt. Würde der vorliegende Entwurf Gesetz, so müsse man später auch daran denken, die fabriken und das Saccharin
heranzuziehen, was sich allerdings erst nach der definitiven Gestaltung der Zuckersteuer im Jahre 1895 empfehlen werde. Der vorliegende Entwurf sei also im Interesse der Reichs⸗
finanzen wie der e Kreise nur zu empfehlen.
W Haparanda. still heiter
Jle d'Aix.. 760 O
Der Abg. Dr. Witte begrüßte das Verlassen der Ma⸗ terialsteuer mit großer Freude. Ein Zusammenhang der Landwirthschaft mit der heutigen Zuckerindustrie bestehe nicht
Preciosa.
Morgens 8 Uhr. 8 von Weber.
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1 9 2 ¹ 9
in 0 Celsiu
Temperatur v=5 0.
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red. in Millim
burg. Wagner.
4 Regen 2 bedeckt 2 wolkig 1 bedeckt 2 Nebel
Mullaghmore Aberdeen .. Christiansund Kopenhagen. Stockholm
Tell. Anfang 7 Uhr.
St. Petersb. 1swolkenlos Moskau.. 1 Schnee
Cork, QOueens⸗ town .. Cherbourg. 763 elher . .. 768 “ 770 amburg .. 770 711 770 N 770 764 768 766 767 764 770 “ 770 8 767 Breslau... 769
wolkig bedeckt wolkenlos bedeckt wolkig!) bedeckt bedeckt bedeckt
bedeckt wolkenlos wolkenlos wolkenl. ³) wolkenlos wolkenl.³) wolkig bedeckt bedeckt
Dunst wolkig wolkenlos
Iüimga. 759 NO 6(67688889
¹¹1) Dunst. ²) Reif. ²) Rauhfrost, Nebel.
Uebersicht der Witterung.
Die Wetterlage hat sich seit gestern wenig ver⸗ ändert. Das Minimum, welches gestern nordwestlich von Schottland lag, ist nordostwärts nach dem Eis⸗ meere verschwunden, wobei über den britischen Inseln der Luftdruck weiter Fsitcen ist. Bei schwacher nördlicher bis östlicher Luftbewegung ist das Wetter in Deutschland meist kalt, im Norden trübe, im Süden vorwiegend heiter, ohne nennenswerthe Nieder⸗ schläge. In Mitteldeutschland liegt die Temperatur 1 bis 7, in Süddeutschland 5 bis 12 Grad unter dem Gefrierpunkt; an der deutschen Küste herrscht stellenweise Thauwetter.
Deutsche Seewarte.
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von Schönthan.
Raben.
Anfang 7 ½ Uhr.
Kostümen student. Genée. Binder. Hierauf: 36. Male:
zum
Theater⸗Anzeigen.
Königliche Schauspiele. Sonnabend: Opern⸗ haus. 255. Der Troubadour. Obeh ischan F erdi. Für nach dem
e . „ 4 0 meister Kahl. Anfang mihrn C“
V weite Lesung des Vertrages, der in seinen einzelnen Theilen ohne debatte angenommen Sbeu 5 bbhrten
mehr. Die von der Regierung vorgelegten Berechnungen der „Ausbeuteverhältnisse stimmten mit den von ihm immer überein, und er könne nur bedauern, daß die zu Grunde liegenden Thatsachen nicht früher von der Regierung anerkannt worden seien. Ungeheure Summen habe die Zuckerindustrie bisher auf Kosten des Reichs bekommen. Nur in einem Punkte könne er der Begründung der Vorlage nicht zustimmen: es sei das Bedürfniß der Reichs⸗ kasse für die Nothwendigkeit einer Reform angeführt. Das gebe den Interessenten ein gewisses Recht des Widerstandes, solange sie das Bedürfniß des Reichs für erhöhte Einnahmen bestreiten könnten. Die Nothwendigkeit einer anderen Be⸗ steuerungsart ergebe sich aber aus der Sachlage selbst. Schon daß das Gesetz vom 1. August 1888, das doch schon eine kleine Ab⸗ änderung des früheren Systems bedeute, der Zuckerindustrie nicht geschadet, sondern weit eher Vortheil gebracht habe, zeige, daß die Industrie stark genug sei, auch eine gerechte Ver⸗ brauchssteuer zu tragen. Die Zuckerpreise seien seit der Zeit noch gestiegen, und im Auslande sei ein Preisdruck zu ver⸗ spüren gewesen in Folge der Prämien, die das Reich den deutschen Fabrikanten gezahlt habe. Auch nach Weg⸗ fall der Prämien werde die deutsche Zuckerindustrie auf dem Weltmarkt vollständig konkurxrenzfähig bleiben, ja sie würde gerade dann erst recht gesunden, da der Preis auf dem Weltmarkte steigen werde. Die französische Konkurrenz sei allein durch das hartnäckige Fest⸗ halten der deutschen Industriellen an dem Prämien⸗ und Materialsteuersystem entstanden, indem man die Franzosen auf diese Art gezwungen habe, ihre Fabrikatssteuer aufzugeben. Heute könne man es nur bedauern, daß das Prämiensystem noch bis zum Jahre 1895 bestehen bleiben solle. Redner beantragte schließlich die Verweisung der Vorlage an eine Kommission von 28 Mitgliedern.
Der Abg. Udo Graf zu Stolberg⸗Wernigerode be⸗ tonte, daß das Interesse der Landwirthschaft an der Zucker⸗ industrie vorzugsweise im Rübenbau liege. Bessere Rüben entzögen dem Boden niemals so viel Kraft wie die schlechteren Sorten. Deshalb habe die bisherige Materialsteuer, die die zuckerreicheren Rüben begünstigt habe, der Landwirthschaft viel genützt. Es sei nun vielleicht bedenklich, mit einer Abschaffung der Materialsteuer voranzugehen, nachdem Frankreich diese Steuer eingeführt habe und gerade jetzt der deutschen Industrie erhebliche Konkurrenz mache. In Frankreich könne auch noch der Rübenbau erheblich erweitert werden, während das beit uns nicht mehr der Fall sei. Für den allmählichen Fortfall der Prämien könne man auch vielleicht einen längeren Zeitraum in Aussicht nehmen. Der Sprung in der Konsumsteuer von 12 auf 22 ℳ sei bedenklich, 1 wenn schon aus anderen Umständen der Weltmarktspreis und somit auch der Inlands⸗ preis steigen könne, so werde diese Erhöhung ganz gewiß die inländischen Konsumenten treffen, die von dem bisherigen System neben der Industrie Vortheile gehabt hätten. Im Ganzen aber ständen er und seine Freunde der Vorlage nicht feindlich gegenüber. Nur werde man in der Kommission noch Einiges klar stellen müssen.
Bei Schluß des Blattes erhielt der Abg. Oechelhäuser das Wort
Schauspielhaus. 265. Vorstellung. Neu einstudirt: Schauspiel mit Gesang und Tanz in 4 Aufzügen von P. A. Wolff. Ballet von P. Taglioni. gesetzt vom Direktor Dr. Otto Devrient. kalische Direktion: Hr. Steinmann
Sonntag: Opernhaus. 256. Vorstellung. Tann⸗ häuser und der Säugerkrieg auf der Wart⸗ Romantische Oper in 3 Akten von Richard —
Ballet von E. Graeb. Anfang 7 Uhr. Schauspielbaus. Schauspiel in 5 Aufzügen von Schiller.
Beutsches Theater. Sonnabend: Das ver⸗ lorene Paradies.
Sonntag: Die Kinder der Excellenz.
Montag: Das Wintermärchen.
Verliner Theater. Sonntag: Nachm. 2 ½ Uhr: Die Jourualisten. Abends 7 ½ Uhr: Kean. Montag: Goldfische.
Tessing-Theater. Sonnabend: Heimgefunden. Volksstück in 3 Akten von Ludwig Anzengruber. Musik von Ad. Müller jun.
Sonntag: Heimgefunden.
Wallner-Theater. Sonnabend: Gastspiel von Felix Schweighofer. Schöller. osse dee von Carl Laufs. 20. Male: In Hemdsärmeln. Schwank in 1 Auf⸗ zug von A. Günther.
Sonntag: Dieselbe Vorstellung.
In Vorbereitung: von Vanlos und Leterier.
Hictoria-Theater. Sonnabend: Zum 14. Male:
Mit vollständig neuer Ausstattung. Romantisches Zaubermärchen in 5 Akten von Emil Pohl. compositionen des 3. Aktes von C. A. Ballets unter Leitung des Balletmeisters C. Severini. In Scene gesetzt vom Ober⸗Regisseur W. Hock.
Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater. Direktion: Julius Fritzsche. Sonnabend: Mit neuen
Operette in 3 Akten von F. Zell und R. Musik von Carl Millböcker. Dirigent: Hr. Kapellmeister Federmann. Mit durchaus neuer Ausstattung: Zum
Sonne und Erde. Ballet in 4 Bildern von F. Gaul und J. Haßreiter. Musik von J. Bavyver. Balletmeister J. Gundlach.
Musik von C. M. In Scene Musi⸗ Anfang 7 Uhr.
Jagd. “ den 20. Dezember. stattung.
leske Operette in 2 Akten von
Arthur Sullivan.
266. Vorstellung. Wilhelm
Eugen Zabel. Anfang 7 ½ Uhr. Sonntag: Dieselbe Vorstellung.
in 4 ritz 2 d. S wnabend: Ghchetscert.. . bei bedeutend ermäßigten Preisen. Zaubermärchen mit Musik von Anfang 3 Uhr.
9 Sonntag: Abend⸗Vorstellung. Einfall. Posse in Anfang 7 ½ Uhr.
Anfang 7 Uhr.
98. Male: in 4 Akten von
Ferron. Anfang 7 ½ Uhr.
Zum 67. Male: Pension in 3 Akten nach einer W. Vorher: Zum
Der Soldatenfreund. Sonntag und folgende Tage: freund.
Posse in 3 Akten
a. 89 Deutsch von Franz
Statistik und Volkswirthschaft.
8111““ Brausebäder für Schüler 1 1 sind u. A. in Hildesheim, Göttingen, Bonn, Sachsenhausen und Jena
eingerichtet worden und bewähren sich trefflich. Die Kinder kehren
daraus erfrischt zur Schulbank zurück und die überwachenden Lehrer empfinden die Sache nicht, wie Anfangs befürchtet, als eine Störung. In Steglitz bei Berlin ist nun auch auf Anregung der Kaiserin
Friedrich eine umfängliche Brauseanlage ausgeführt worden. Je sauberer der Nachwuchs wird, um so mehr muß das auf das erwachsene
Geschlecht zurückwirken, soweit es dessen bedarf. v“ Ss⸗ Wasserbauten.
“ 8
“ 6 8 8 Die Bauten zur Verbesserung der Schiffbarmachung der Ober⸗
weser und Aller sind in letzter Zeit auf das Kräftigste gefördert worden. Am Hafen von Geestemünde sind am Hauptkanale drei Schuppen zur Holzlagerung mit einem Kostenaufwande von 50 000 ℳ erbaut. Es ist dadurch dem stetig wachsenden blühenden Holzgeschäft in Geestemünde, welches eine Menge von Leuten beschäftigt, eine wesentliche Erleichterung gewährt. as Hauptbauwerk der Geeste⸗ Melioration in den Kreisen Lehe und Geestemünde, die Sgroße Stauschleuse im Geeste⸗Durchstich 3, welche anschlags⸗ mäßig einen Kostenaufwand von 217 000 ℳ erfordert,
bis auf geringe noch rückständige Erdhinterfüllungen der Mauern vollendet. Nachdem die Statuten des Engelschoffer und Neulander
Deich⸗ und Schleusenverbandes die Allerhöchste Bestätigung erhalten
haben, ist das Projekt zur Erbauung eines Dampfschöpfwerkes zur besseren Entwässerung der niedrigen Verbandsländereien aus⸗
gearbeitet, geprüft und genehmigt worden. Es sind nunmehr die Sub⸗ Anlage
missionsverhandlungen für den maschinellen Theil der zu Ende geführt, und wird baldigst mit der Ausführung begonnen werden. Die Vorarbeiten zur Regulirung der unteren Wümme bezw.
für die Abschleusung der Lesum, sowie für die Dampfschöpfwerke des
Hollerner Binnenschleusenverbandes, des Königreich⸗Westmoorender Schleusenverbandes und des Horneburg⸗Dollerner verbandes sind fortgesetzt und zum Theil vollendet, sodaß die Aus⸗ arbeitung der verschiedenen Projekte im Laufe des Winters er⸗
Nach Schluß der Redattion eingegangene Depeschen.
Wien, 12. Dezember. (W. T. B.) Abgeordneten⸗ haus. In Beantwortung der Interpellation des Klubs der Altezechen erklärte der Landesvertheidigungs⸗Minister Graf Welsersheimb, daß von den Einjährig⸗Freiwilligen in der Armee 80 Proz., in der Landwehr 90 Proz. die Prüfung erfolgreich bestanden hätten. Speziell in Lemberg und Pilsen zählten die 11. der Prüfung unter die besten. Das allergünstigste Resultat mit 100 Proz. sei in Dalmatien erzielt worden, woraus sich ergebe, daß keinerlei systematische Benachtheiligung im Sinne der Besorgnisse der Interpellanten vorwalte. er Minister betonte die Noth⸗ wendigkeit der Kenntniß der gemeinsamen Dienstsprache in dem für den Dienst unerläßlichen Maße.
(Fortsetzung des Nichtamtlichen in der Ersien und Zweiten
Sonntag: Nachmittags⸗Vorstellung bei bedeutend ermäßigten Preisen. Die Puppenfee. Hierauf: Die
Mit neuer Aus⸗ Zum 1. Male: Die Gondoliere. W. S. Gilbert. Deutsch von F. Zell und R. Genéöe.
Residenz-Theater. Direktion: Sigmund Lauten⸗
burg. Sonnabend: Zum 22. Male: Der Kampf ums Dasein. (La lutte pour la vie.) Sittenbild in 5 Akten von Alphonse Daudet.
Belle-Alliance-Theater. Sonnabend: Ensemble⸗ 1 Gasftspiel von Mitgliedern des Wallner⸗Theaters. Zum letzten Male: Familie Knickmeyer. Schwank Anfang 7 ½ Uhr.
Sonnabend und Sonntag: Nachmittags⸗Vorstellung
C. A.
4 Akten von Carl Laufs.
Adolph Ernst-Theater. Sonnabend: Zum mit
Unsere Don Inans. Leon Treptow. Gustav Görß. Musik von Franz Roth und Adolph
Sonntag: Dieselbe Vorstellung.
Alte Jakobstraße Direktion: E. Thomas. Sonnabend:
Der Soldaten⸗
Circus Renz. (Carlstraße.) Sonnabend, Abends 7 Uhr: Gala Vorstellung: Die lustigen Heidel⸗ berger oder: Ein Studenten⸗Ausflug mit Hinder⸗ nissen. Große Original⸗Pantomime, neu arrang. und in Scene gesetzt vom Direktor E. Renz. Die vier⸗ fache Fahrschule, ger. von 4 Herren mit 8 Schul⸗ pferden. Colmar, ger. von Frl. Clotilde here
Bur⸗
Musik von
Großes Hurdle⸗Rennen, ger. von Damen und Herren der Gesellschaft mit 24 Vollblut⸗Springpferden. Agat, Feuerpferd dress. und vorgef. von Herrn Franz Renz. Miß Zelia Zampa, amerikanische Luft⸗ gymnastikerin. Auftreten des becühmten Salto⸗ mortales⸗Reiters Mr. Alex. Briatore. Phantasti⸗ sches Charivari von 4 musikalischen Clowns. Auf⸗ treten der Reitkünstlerinnen Frls. Lillie Meers, Adèle, des Reitkünstlers Mr. Burnell Fillis, sowie sämmtlicher Clowns.
Sonntag: 2 Vorstellungen. Um 4 Uhr Nachm. (1 Kind frei): Aschenbrödel. Um 7 ½ Uhr: Heidel⸗ berger.
Familien⸗Nachrichten. Verlobt: Frl. Agnes Hoffmann mit Hrn. Prem⸗ Lieut. a. D. Adolf von Gündell (Hannover). — Frl. Margarethe von Pöllnitz mit Hrn. Prem.⸗ Lieut. von Hoff (Oberlödla b. Altenburg — Berlin), — Frl. Agathe Köhler mit Hrn. Ingenieur Wilh. Breer (Hamburg). — Frl. Margarethe Teubner Hrn. Gutsverwalter Max O'Gilvie (Königs⸗ berg). — Frl. Anna Ballauf mit Hrn. Wilh. Klein (Schwelm). — Frl. Anna Lehmann mit Hrn. Gust. Heidrich (Neu⸗Jaschwitz —Dlonie). Geboren: Ein Sohn: Hrn. A. von Kobbe (Wandsbeck). — Hrn. Dr. Ueberschär (Adelsdorf). — Hrn. Grafen Balny d'Avricourt (Hamburg). 8 — Hrn. Rechtsanwalt Groeger II. (Schweidnitz). 30. — Hrn. H. Blume (Bornum). — Eine Tochter: Hrn. Landgerichts⸗Rath Otto Irmer (Chemnitz) — Hrn. W. Maceltzer (Schlabitz bei Militsch). — Hrn. Dr. Josef Kemmling (Glehn). — Hrn. E. Riege (Hameln). Gestorben: Hr. Stabsarzt a. D. Dr. med. Burk⸗
Deutsch von
Aschenbrödel. Gorner.
Ein toller
Gesangsposse Couplets von
1.“
Zum 22. Male:
Die sieben Concert-Haus.
Concert. „Frau Meisterin“, Suppé.
Sonnabend:
Musik von G. Lehnhardt. Ballet⸗ Raida.
Nicolajewna. Arie a. d. Op. „O gesungen von Frl. Nicolajewna.
Singakademie.
408. Male: Der Bettel⸗
Orchester. Regie: Hr.
Cponcert⸗Anzeigen.
Ouv. „Der fliegende Holländer“, Wagner. Arioso a. „Der Prophet“, von Meyerbeer, gesungen von Frl. rpheus“ v. Gluck, „The lost chord“ f. Piston von Sullivan, vorgetr. v. Hrn. Richter.
mann (Strehlen). — Hr. Fabrikant Gustav Schreiber (Asuncion, Paraguavy). — Hr. Guts⸗ besitzer Oswald Menzel (Krampitz). — Hr. Kgl. Rechn.⸗Rath Herm. Krepper (Berlin). — Frau Kgl. Reg.⸗Baumeister Klara Knothe, geb. Kaßner Eh — Hr. Schuldirektor a. D. Adolf Beyssel (Berlin). — Hr. Major Herm. von Loefen (Hannover). — Hr. Lehrer Joh. Krüger (Brom⸗ berg). — Hr. Kammerger.⸗Ass. a. D. Karl Fenn⸗ hahn (Berlin). — Frau Margarethe Schwieker, geb. Scheffer (Berlin). — Hr. Kaufmann Paul Hartwig (Bromberg).
Carl Meyder⸗ d. Oper
Sonnabend, Abends 7 ½ Uhr: — Concert von J. J. Paderewski mit dem Philharm.
Redacteur: Dr. H. Klee. 6 Berlin: — 8
Pantomimisches Geöffnet von 12—11 Uhr. wissenschaftlichen Theater. zettel.
Ballet⸗Arrangement vom
Anfang 7 Uhr.
1.
Arania, Anstalt für volksthümliche Naturkunde. Am Landes ⸗Ausstellungs⸗Park (Lehrter Bahnhof) Täglich Vorstellung im Näheres die Anschlag⸗ 8
Verlag der Expedition (Scholz).
Druck der Norddeutschen Buchdruckerei und Verlags⸗ Anstalt, Berlin SW., Wilhelmstraße Nr. 32.
Sechs Beilagen (einschließlich Börsen⸗Beilage).
18
Moorschleusen.
eiger und Königlich Preu
Berlin, Freitag, den 12. Dezember
schen Stänts⸗
4
1p.““ ssss.
Deutscher Reichstag. 39. Sitzung vom 11. Dezember, 1 BJbb““
Um Tische des Bundesraths: Der Reichskanzler von ’ und die Staatssekrekäre Dr. von Boetticher, Freiherr von Maltzahn, Freiherr von Marschall
Hollmann. Hol ai⸗ erste Etatsberathung wird fortgesetzt.
Abg. Bebel: Die erregte Art und Weise, in der die Abgg. Dr Windthorst und Dr. von Frege gestern seine Angriffe auf das b stehende Steuer⸗ und Zollsystem beantwortet hätten, habe den Eindruck 1 acht, als wenn die Herren selbst fühlten, daß sie ihrer Sache nicht ge6 cher seien und sie für gefährdet hielten. An die An⸗ des von Sozialdemokraten und den Freisinnigen ge⸗ stellten Antrags auf Beseitigung, bezw. Ermäßigung der Zölle sei danach nicht mehr zu denken. Er sei aber überzeugt, daß wenn diese rage heute wie vor † Jahren der Wählerschaft vorgelegt würde, das Resultat der Wahl noch ein ganz anderes sein würde, als am 20. Februar d J. Die ungeheure Mebhrheit der Bevölkerung wolle von der bisherigen Steuer⸗ und Zollpolitik nichts wissen. Man habe hehauptet, daß die Agrarzölle nothwendig seien, weil sie dem kleinen Bauern und ländlichen Arbeiter von Vortheil seien. Dem wider⸗ spreche die Thatsache, daß die ländlichen Arbeiter in großen Schaaren nach den Städten hin drängten, und daß die Agrarier selbst in ihren Versammlungen und Kongressen fortgesetzt die Mittel und Wege besprächen, diesem Drängen Einhalt zu thun. Die sogenannte Sachsengängerei sei ein Beweis, daß die ländlichen Arbeiter sich zu Hause nicht wohl fühlten. Dieser Zug sei so charakteristisch, daß er in der Volkszählung zum klarsten Ausdruck gekommen sei. Von 1875 — 85 habe die städtische Bevölkerung in Preußen um 20 %, die ländliche nur 4,8 % zugenommen. In Pommern, also einer agrarischen Provinz, habe die Bevölkerung 0,7 % abgenommen. Aber selbst in denjenigen deutschen Landestheilen, in denen der kleine Grundbesitz beinabe ausschließlich dominire, z. B. in Hessen⸗Nassau, habe die Bevölkerungszunahme nur 2,9 % betragen. Die letzte Volkszählung werde wahrscheinlich noch ungünstigere Resultate aufweisen. In der fruchtbaren Ost, und Westprignitz habe die ländliche Bevölkerung 1865 100 000 Seelen, 1885 nur noch 85 000 Seelen betragen. Gestern habe er aus dem Leobschützer Kreise einen Brief erhalten, worin er gebeten worden sei, im Reichstage mitzutheilen, in welcher geradezu un⸗ glaublichen Lage sich die dortige Arbeiterbevölkerung in diesem meist dem Großgrundbesitz verfallenen Kreise befinde. Seit dem 1. Oktober erhielten die Arbeiter täglich ausschließlich der Kost 40 ₰, im Sommer 60 ₰, allerdings seien einige Fetzen Land dabei und Wohnungen, aber welche Wohnungen! 1872 auf der Konferenz der ländlichen Arbeitgeber in Berlin habe Hr. von Göben erklärt, zahlreiche Groß⸗ grundbesitzer machten für ihre Schweineställe größere Aufwendungen, als für die Arbeiter. Im Wahlkreise des Hrn. von Kardorff er⸗ hielten die Arbeiter täglich 50 ₰ im Winter und 75 ₰ im Sommer. Die Wohnungen im Leobschützer Kreise seien so niedrig, daß es ein Wunder sei, daß Amtsvorsteher und Polizei derartige Wohnungen überhaupt zuließen. Im Osten sei es nicht anders. Nach dem Bericht eines Medizinalbeamten in Gumbinnen sei die Entstehung von Infektionskrankheiten auf den desolaten Zustand der ländlichen Wohnungen zurückzuführen. Diese Zustände erweckten die Unzufriedenheit der Arbeiter und erzeugten eine förmliche Völkerwanderung. Der Osten ziehe nach dem Westen und nach den Industriebezirken. Der Abg. Dr. von Frege habe mit einer Art von Hohn gesagt, die Sozialdemo⸗ kraten hätten zwar die Agitation unter den ländlichen Arbeitern an⸗ gekündigt, aber sie schienen doch dabei einen Stein des Anstoßes zu finden, wie gewisse Aeußerungen des „Berliner Volksblatts“ dar⸗ thäten. Hätten solche Aeußerungen in jenem Blatt gestanden, so würde das nur beweisen, daß die Sozialdemokraten sich allerdings der Schwierigkeiten, welche die ländliche Agitation für die Sozial⸗ demokratie biete, voll bewußt seien; aber zu glauben, daß sie des⸗ wegen von dieser ländlichen Agitation abstehen würden, wäre sehr verfehlt, und er (der Redner) könne im Vertrauen sagen, daß, wenn sie erst das nöthige Material aus allen Ecken und Enden Deutschlands für diese Agitation zusammengetragen haben würden, sie eine kräftige Agitation auf dem Lande in Scene setzen würden, die nach seiner Ueberzeugung Thatsachen ans Tageslicht bringen würde, wie man sie am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland nicht für möglich ge⸗ halten hätte. In Sachsen seien die Stimmen der Sozialdemokraten von 151 000 auf 230 000 gestiegen, in dem Agrarlande par excellence, Mecklenburg, seien sie in vier Wahlkreisen in die engere Wahl ge⸗ kommen, und einer der ersten Agrarier Deutschlands, Hr. von Dietze⸗Barby, sei sogar in Aschersleben einem Sozialdemokraten unterlegen! Es fange eben überall schon auf dem Lande an zu däm⸗ mern. Der Abg. Dr. von Frege habe gesagt, die Sozialdemo⸗ kraten zerstörten die Religion und Sittlichkeit. Für einen Mann des Agrarierthums sei Religion und Sittlichkeit natuͤrlich gleichbedeutend. Er (der Redner) glaube, man könne sehr sittlich sein und brauche gar keine Religion zu haben (Unruhe rechts), und er glaube es mit dem Hrn. Abg. Dr. von Frege in der Sittlichkeit in jeder Beziehung aufnehmen zu können. Wäre er (Redner) Großgrundbesitzer, so würde er es mit seiner Sittlichkeit nicht vereinigen können, für die Agrarzölle, Vieh⸗ zölle und für die Zuckerprämien zu stimmen. (Lebhafte Zustimmung links, Unrube rechts.) Die eigenen Partei⸗ und Glaubensgenossen des Hrn. Abg Dr. von Frege hätten die Sozialdemokraten darüber auf⸗ geklärt, wie es mit der Sittlichkeit auf dem Lande aussehe. Er erinnere ihn an einen Vortrag seines Freundes und Glaubensgenossen Dr. von Wächter in einer Diözesanversammlung in Grimma über die senicke Verhältnisse der arbeitenden Bevölkerung auf dem aande. Darin sei von der Sozialdemokratie gar keine Rede gewesen, wohl aber seien als hochbedenklich für den weiblichen Theil auf dem Lande die Herren Großgrundbesitzer, ihre Herren Beamten und zur Zeit der Manöver die Herren Offiziere bezeichnet worden. (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten) Er (der Redner) werde diesen Passus der nächsten Auflage seiner Schrift „Die Frau und der Sozialismus“ einverleiben. Die Heuchelei sei auf keinem Gebiet so groß, wie auf dem Gebiet der Moral und Religion. Er habe sich nicht gerühmt, Atheist zu sein; er habe nur ausgesprochen, was er sei. Er sage, was er denke, während es im Reichstage, insbesondere auch in der Partei des Hrn. Abg. Dr. von Frege, Atheisten und Materialisten genug gäbe, die nicht den Muth hätten, zu sagen, was ie seien. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Atheismus ei keine sozialistische Spezialität. Ihm habe im vorigen Jahr⸗ hundert vor Allem die Arlsickratie in Frankreich gehuldigt. Robespierre habe den Atheismus gerade als eine aristokratische Erfindung bezeichnet, als er die Wiedereinsetzung des höchsten Wesens beantragt habe. Man könnte mit solchen Beschuldigungen bei den unwissenden Arbeitern auf dem Lande Glück haben, bei den aufgeklärten Arbeitern nicht. Die Statistik über den Grundbesitz im Königreich Bayern zeige, daß den Hauptantheil an den Ganten die Besitzer unter 10 Hektaren lieferten. Das wäre nicht möglich, wenn die kleinen Bauern wirklich so günstig ständen, wie werde. Der kleine Bauer, der das ganze Jahr über beim Fleischer, Krämer, Schneider, Schuster u. s. w. borge, habe nichts Eiligeres zu fhun, als seine Ernte sofort zu verkaufen, und er könne nicht die L abwarten, wie der Großgrund⸗ besitzer. Oft müsse er sogar die Ernte an seine Hypothekengläubiger verkaufen, und sei also doppelt geschädigt. Gbensowenig wie die In⸗ nungspolitik den Bankerott des kleinen Handwerks aufhalten könne,
ebensowenig könnten die Agrarzölle den Ruin des kleinen Besitzers auf⸗ halten. Nach der Statistik von 1882 bebaue der Großgrundbesitz über zweieinhalb Mal mehr als die ganzen 98 % der übrigen Grundbesitzer. (Hört, hört! links.) Die siebzehn größten Grund⸗ herren hätten insgesammt ein Neuntel der gesammten anbaufähigen Fläche im Deutschen Reich in ihrem Besitz. Diesen Thatsachen gegenüber behaupten zu wollen, daß es nicht der Großgrundbesitz sei, der von der Agrarpolitik Vortheile ziehe, sei etwas dreist. Die großartigen Gewinne verwende der Großgrundbesitz nun zum Theil dazu, um kleinere und mittlere Grundbesitzer auszukaufen und das Latifundiensystem zu erweitern. Jeder, der in einer Gegend auf⸗ gewachsen sei, wo der Großgrundbesitz eine Rolle spiele, wisse, daß ein kleines Gütchen, ein Bäuerlein nach dem anderen verschluckt werde. Ueberall, wo ein Bauer Geld brauche, werde er veranlaßt, sein Gut zu verkaufen, und er erhalte in diesem Fall sogar einen anständigen Preis, denn die Arrondirung des Besitzes komme den Großgrundbesitzern auch wieder in anderer Weise zu gute. Hätten nun diese von der Richtung der Wirthschaftspolitik Vortheil, so müßte die ganze übrige Bevölkerung Nachtheil und Schaden haben. Nach der Steuerstatistik gebe es nur etwa 6 % der Bevölkerung, die ein Einkommen von über 1500 ℳ besäßen. Also 94 % der Bevölkerung habe weniger Einkommen und trage die Lasten des Staats bei dem indirekten Steuersystem. In den ländlichen Bezirken Sachsens sei die Noth so groß, daß die Kinder über die österreichische Grenze nach Troppau und Jägerndorf geschickt würden, um von dort das zollfreie QOuantum Mehl für ihre Eltern einzukaufen. Die Kinder würden sogar unter unrichtigem Namen über die Grenze geschickt, da die Zollbehörde nur für jede Familie einzeln das Recht auf den Bezug eines gewissen Quantums Mehl gelten lassen wolle, dessen Preis in Oesterreich auf 6 Pfund schon um 20 ₰ billiger sei, als auf deutschem Gebiet. In welchem Maße die deutsche Wirthschafts⸗ politik eine Klassenpolitik sei, zeige der Ertrag der Getreidezölle, der im vorigen Jahre 100 Millionen Mark ausgemacht habe, und der Umstand, daß solche indirekten Abgaben die zahlreicheren Familien desto härter träfen, also geradezu wie eine Kopfsteuer wirkten. Die Einnahmen des Reichs aus den Kaffeezöllen hätten im letzten Jahre 45 ¼ Millionen betragen, die aus den Tabackszöllen 14 ½ Millionen, die inländische Tabackssteuer 10 ½ Milllionen, die Salzsteuer 41 Mil⸗ lionen, die Branntweinsteuer 129 Millionen, die Biersteuer 23 Millionen, die Viehzölle 5 ½ Million, der Reiszoll 3 ½ Million. Alle diese Einnahmen träfen gleichfalls vorzugsweise die ärmeren Klassen. Ein Regierungssystem, das auf eine solche Zollpolitik ge⸗ gründet sei, könne von den arbeitenden Klassen nicht mit Freude be⸗ grüßt werden. Auch die Sozialdemokraten erkennten an, daß der Staat Steuern brauche. Der Abg. Dr.Windthorst habe darauf hin⸗ gewiesen, daß auch die Sozialdemokraten Abgaben erhöben, und daß auch sie ein abgestuftes Klassensystem darin hätten. Er bezweifle, ob diese Aeußerungen ernst gemeint gewesen seien. (Abg. Dr. Windt⸗ horst: Sehr ernst!) Seine (des Redners) Partei wolle nur, daß alle Deutschen Steuern zahlen sollten, auch alle arbeiten sollten, daß auch zu den Ausgaben des Staats alle nach ihren materiellen Kräften beitragen sollten. Die materiellen Kräfte seien in dem Vermögen, in dem Besitz gelegen, und da das Reich vorzugsweise eine Schutz⸗ anstalt für dieses sei, so müßten die Reichen, um deren Gut es sich hier doch vorzugsweise handle, auch am meisten beisteuern. Man habe nun aber nicht allein die Finanzen des Reiches auf ein indirektes Steuersystem gegründet, sondern dieses sogar zu einer Quelle für die Einzelstaaten gemacht. Vor zehn Jahren hätte man diese Thatsache kaum für möglich gehalten. Als am 23. November 1876 Fürst Bismarck sein Steuerprogramm im Reichstage entwickelt habe, seien mit ihm auch die Abga. Lasker und Löwe einig gewesen, daß die Steuern, die aus dem Reiche aufgebracht werden würden, auch allein zur Deckung des Reichsbedürfnisses verwendet werden sollten. Daß die Einzelstaaten jetzt wie kleine Kinder vom Reich mit 70 Millionen gespeist würden, sei eine Ungerechtigkeit, die die Majorität des Reichstages sich nicht hätte zu Schulden kommen lassen sollen. Das sei es, was die armen Klassen empöre, eine Kenntniß solcher Zustände würden die Sozialdemokraten sich auch bemühen in ländliche Bevölkerungskreise zu tragen. Der Abg. Dr. Windt⸗ horst sage, wer viele Leute beschäftige und ernähre, bezahle damit auch das Soundsovielfache an indirekten Steuern und Zöllen, wie der Arbeiter. Das sei richtig, aber der Abg. Dr. Windthorst übersebe, daß der Arbeiter mit seinen Händen wieder für den Reichen sehr viel größeren Nutzen schaffe. Man habe ja eine kleine Lücke jetzt mit der neuen Einkommensteuervorlage auszufüllen versucht, aber das werde auch bald wieder aufgewogen werden von neuen drohenden Mehrbelastungen, die die breiten Massen träfen, z. B. einer Erhöhung der Brausteuer. Er bleibe dabei, wenn es in der Welt etwas Ungerechtes gebe, im höchsten Sinne, so sei es die jetzige Steuerpolitik in Staat und Reich. Der Abg. Dr. Windthorst habe auch von dem inneren Zwiespalt der sozialdemokratischen Partei gesprochen; nun, er (der Redner) könne ihm sagen, daß die „Jungen“ der Partei wenig Kopfschmerzen machten. Der Abg. Dr. Windthorst habe dann auch betont, daß unter Umständen zur Bekämpfung der soztaldemokra⸗ tischen Bestrebungen, zu ihrer Niederhaltung es selbst einer Verstärkung der Armee bedürfen könne. Nun, was die Armee unter Umständen in der Niederwerfung des „inneren Feindes“ geleistet habe, habe man 1848 gesehen, und zwar nicht in Deutschland allein. Und in eben dem Maße, wie die Sozialdemokratie immer breitere Schichten des Volkes ergreife, dringe sie doch auch gleichzeitig in die Armee ein. Ueberhaupt sei in diesem Theile seiner Polemik gegen ihn (den Redner) der Abg. Dr. Windthorst von ganz falschen Voraussetzungen aus⸗ gegangen, als ob er (der Redner) gewaltsamen Umsturz gepredigt hätte. Mehr als ein Mal habe er (der Redner) ausdrücklich gesagt, daß nach seiner Meinung die Zeiten vorüber seien, in denen eine gewalt⸗ same Zertrümmerung eines herrschenden Staats⸗ und Gesellschafts⸗ systems noch möglich gewesen sei; die Sozialdemokraten bedienten sich vielmehr der Mittel, die die 8u selbst gäben. In der Gesetzgebung, in der ganzen Oeffentlichkeit, in der eigenen Gesellschaftsorganisation, im Staats⸗ und politischen Leben liefere man den Sozialdemokraten hundertfache Waffen; und in eben dem Maße, wie diese Waffen geliefert würden, würden sie damit neues Terrain erobern, bis sie eines Tages einfach dekretiren könnten, die Gesellschaftsordnung werde in der und der Weise refor⸗ mirt. Die ihrer Natur nach sich vollziehende Entwicke⸗ lung der modernen Gesellschaftsordnung lasse eine solche Empörung in immer weiteren Kreisen erwa sen, daß die Ueberzeugung von einer Nothwendigkeit der Umgestaltung mit oder ohne Gewalt sich Bahn brechen müsse, und diese Um⸗ gestaltung werde eines Tages geschehen, wahrscheinlich ohne Gewalt. Er könne sich irren; aber, wie einmal die Dinge liefen, halte er diese Wandlung ohne Gewalt für sehr wahrscheinlich. In dieser Beziehung seien die Sozialdemokraten vollendete Manchesterleute, sie ließen die Dinge gehen, wie sie gehen wollten. Der Abg. Dr. Windthorst sage, das Altersversorgungsgesetz sei mal Gesetz ge⸗ worden, also müsse es in Kraft treten; gleichzeitig aber sage er (der Abg. Dr. Windthorst): hüten wir uns, mehr derartige Ge etze zu machen, denn wir betreten damit den Weg des Sozialismus! Das sei doch ein vollkommener Widerspruch. Hoffe man wirklich, mit solchen Gesetzen der Sozialdemokratie den Boden abzugraben, so man doch nach dieser Richtung auf dem betretenen Wege moͤglichf 885 vorangehen. Aehnlich widerspruchsvoll sei, auch die Haltung des Abs. Dr. Windthorst gestern zur Kolonialpskik gewesen. Noch im Früh⸗
jahr habe er gesagt: es handele sich um die Beseitigung des fluch⸗ würdigen Sklavenhandels, und diese große Kulturaufgabe könne nur auf dem eingeschlagenen Wege gelöst werden, man möge also weiter gehen. Gestern sei von dieser Kulturaufgabe mit keinem Worte die Rede gewesen. Der Abg. Dr. Windthorst habe vielmehr sein Ja zur Fortsetzung der Kolonialpolitik damit zu motiviren gesucht, daß möglicherweise doch noch eine Prop.rität v'n Ost⸗Afrika erhofft werden könne, wenn erst eine Eisenbahn gebaut sei. Nun, die Deutsch Ostafrikanische Gesell⸗ schaft werde ihm eine solche Eisenbahn nicht bauen; diese Gesellschaft, die jetzt schon über so geringe Mittel verfüge: werde vielmehr, nach⸗ dem sie einmal Reichssubvention erhalten habe, daran Geschmack finden und öfters kommen, sie werde sich hüten, ihrerseits weitere große Opfer zu bringen. Und daß viele Europamüde üöber das Wasser gehen und in Öst⸗Afrika deutsche Kultur pflegen würden, sei auch nicht anzunehmen nach Allem, was man bis jetzt wisse. Ihm see Redner) scheine, daß die Bereitwilligkeit des Abg. Dr. Windt⸗ orst, neue Opfer wieder für die afrikanische Kolonialpolitik zu bringen, schlecht stimme zu seiner sonst beherzigenswerthen Mahnung, die er an das Haus gerichtet habe, die äußerste Sparsamkeit zu üben. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) 81 8 Abg. Dr. Windthorst: Was der Reichstag für die Kolonial⸗ politik bewilligt habe, diene hauptsächlich der Bekämpfung der Sklavenjagden und des Sklavenhandels. Wenn man aber eine Ver⸗ bindung mit den afrikanischen Seen herstellen könne, werde man ein Land eröffnen, in dem segensreiche Ansiedlungen möglich seien. Erst gestern habe ihm ein aus Afrika gekommener Reisender gesagt, sobald nur erst die nothwendige Sicherheit und Ruhe vorhanden sei, würden die Ansiedler schon in Massen kommen. Er (der Redner) hoffe, daß nach den Erklärungen des Reichskommissars von Wissmann man auf dem betretenen Wege fortschreiten und auch erhebliche Handelsbeziehungen erreichen könne, die nützlich sein würden. Gestern habe er (der Redner) übrigens noch keine Bewilligung ausgesprochen, sondern sogar empfohlen, die Kolonialfrage in einer besonderen Kommission zu berathen. Wenn der Abg. Bebel ihm darin folgen wolle, den Missionen freie Bahn zu schaffen, so werde er humane Zwecke fördern helfen. Wenn er (der Redner) das Alters⸗ und Invaliditätsgesetz gestern als nützlich für die Arbeiter hin⸗ gestellt habe, so sei sein Gedankengang einfach der gewesen, daß es allerdings für die Arbeiter nützlich sein müsse, wenn sie für den Fall der Javalidität oder des Alters eine Versorgung bekämen. Davon verschieden sei aber der Standpunkt, den er bei der Berathung des Gesetzes eingenommen habe und noch einnehme, daß Alles, was den Staatszuschuß betreffe, die Ausführung eines sozialdemokratischen Ge⸗ dankens sei. Diese Bahn hätte man nicht betreten sollen. Er begreife, daß der scharf denkende Abg. Bebel an dem Punkt einsetze und sage: „Der Weg geht nach unserer Richtung, und insofern begrüßen wir das Gesetz, wenn es uns sonst auch nicht Genügendes leistet.“ Weil er den anderen Parteien dies mit solcher Klarheit sage und das Centrum den Fehler einsehe, wolle es den Fehler nicht weiter machen, sondern sich mit dem Gesetz, wie es sei, be⸗ gnügen. Hebe man das Gesetz nicht auf, so müsse man dahin wirken, daß es in möglichst guter Weise eingeführt werde. Der Abg. Bebel erkläre die heutige Gesellschaftsordnung für unhaltbar und habe auch mit großem Geschick manche ernste Mängel nachgewiesen, aber diese Mängel lägen nicht in der Gesellschaftsordnung selbst, sondern nur darin, daß die an sich richtige Gesellschaftsordnung von Vielen nicht richtig erkannt und gebraucht werde, sodaß Alle Ursache hätten, sich an die Brust zu schlagen und zu sagen: mea culpa. Hoch und niedrig habe aufzupassen, ob man nicht durch die Art und Weise, wie man die Güter, die man bekommen habe, gebrauche, Aergerniß errege und dazu beitrage, daß die weniger gut Gestellten fänden, es wäre Wandel zu schaffen. Die Darlegungen Bebel's, die zwar zu grelle Farben hätten, enthielten doch so viele Wahrheiten, daß er (der Redner) wünsche, diese Mahnung würde allenthalben abgedruckt, damit diese nützliche Predigt für Alle gelte. Hätte dieselbe Rede nicht auch den Frattionsgenossen des Abg. Bebel gehalten werden können? (beiterkeit.) Wenn die Sozialdemokraten eine andere Gesellschaftsordnung wollten, müßten sie zunächst sagen, wie sie beschaffen sein solle. (Sehr wahr! rechts.) Ein Mensch, der nicht mehr an Gott und die Ewigkeit glaube, sinke zum Thier herab. (Sehr richtig! im Centrum. Zwischenruf links: Friedrich der Große!) Der komme nicht in Betracht; wenn er noch lebte, würden die Sozialdemokraten im Reichstage nicht so ruhig disputiren können (Heiterkeit). Der Krückstock würde ihnen das schon besorgen. (Heiterkeit.) Die Sozialdemokraten gingen aber hin und wiegelten die Leute auf, ohne in der Lage zu sein, ihnen eine bessere Gesellschaftsordnung zu geben. Wenn sie ihre Kräfte und Talente zur Verbesserung des Looses der Arbeiter auf Grund der bestehenden Gefellschaftsordnung und des geltenden Staatsrechts verwenden wollten, würden sie großen Erfolg haben. Statt dessen hätten sie nichts weiter gethan, als verneint und bekrittelt. Alle hätten sich zu bessern, und er (der Redner) hoffe, der Abg. Bebel werde Macht genug über seine Genossen haben, auch diese zur Besserung anzuhalten. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Bebel greife das bestehende Zoll⸗ und Steuersystem an, habe er aber nur den Schatten eines Versuches gemacht, ein anderes Zoll⸗ und Steuer⸗ system dafür zu geben? (Rufe links: Gewiß, Abschaffung!) Die Sozialdemokraten erkennten ja selbst an, daß der Staat Mittel haben müsse, und nun wollten sie sie abschaffen. Das sei eine kindliche Auffassung von der Welt. Wegrasiren könnten ssie, schaffen nicht. Man müsse beide Arten der Steuern, indirekte und direkte, richtig kombiniren und die direkten Steuern richtig vertheilen. Zu den indirekten trügen sowohl Arme wie Reiche gleichmäßig bei. Solle der Reiche die indirekten Steuern tragen, so sei deren Zahl ja viel zu gering, um die vorhandenen Bedürfnisse zu decken. Die Sozial⸗ demokraten wollten nichts von der Religion wissen. Möchten sie das nur dem Landvolk klar machen, sie würden sehen, wie weit sie damit kämen. In diesem Punkte erinnere er auch die Regierungen, daß sie bei aller Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht versäumen mögen überall die Religion recht gründlich zu pflegen und in Vordergrund zu stellen, und keine Schulgesetzentwürfe (aha! links). in machen, durch welche die Religion vernichtet würde. (Heiterkeit.) Die Religion sei das wichtigste Mittel gegen die Sozialdemokratie, man solle sie aber nicht allein lehren, sondern auch ihre Gebote befolgen. Der Staat allein sei nicht im Stande, die Herzen der Menschen zu wandeln, er könne ründlich dabei helfen, aber allein könne er nichts. Der Abg. Bebel habe heute wieder vermieden, zu erklären, daß unter allen Umständen Gewalt ausgeschlossen sei, und zwar aus Gründen der Moral, nicht weil man zu schwach sei. So lange die Gewalt in den Köpfen der Sozialdemokraten spuke, werde man die Armee stärken. So sei die Sozialdemokratie wesentlich ein Grund für die schwere Militärlast, die das Reich drücke. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Erklärten die Sozialdemokraten, sie hielten die Gewalt unter allen Umständen für unerlaubt, so könnte man in Ruhe mit ihnen über Reformen berathen. Der Abg. Bebel habe als besonders drückend die Lebensmittelzölle in den Vordergrund gestellt. Er (der Redner) sei weit entfernt, ein Lobredner der Lebens⸗ mittelzölle zu sein. Er behaupte auch nicht, wie Viele es thäten, daß sie bis zu einem gewissen Grade die Lebensmittel nicht ver⸗ theuerten. Aber er behaupte, sie seien nicht zu entbehren, so lange man keine anderen, die Staatsbürger weniger drückenden Mittel be⸗ sitze. Jedenfalls hätten diese Zölle dahin gewirkt, daß die Lohn⸗ verhältnisse sich gebessert hätten (Zustimmung im Centrum und rechts), daß die Industrie sich gehoben habe, daß der Ackerbau wieder im